|
I
Mein Herz zerreißt sich zwischen Gut und Böse. Ich möchte am liebsten meine Katze umbringen, ich denke, wann stirbt mein Mann endlich und, wie lange dauert das noch mit ihr. Meiner Mutter.
Denn was ist das für ein Leben?
Natürlich wurde ich heute morgen wieder von den lauten Schreien der Katze geweckt. Als erstes gebe ich ihr etwas zu fressen, damit sie aufhört damit. Es stand eine angefangene Dose Thunfisch im
Kühlschrank. Meistens steckt sie nur ihre Nase ins Fressen, das einen Tag, eine Stunde alt ist, dreht sich geringschätzig um und geht laut schreiend ins Wohnzimmer zurück, wo ihr Kisssen neben der
Heizung liegt. Heute aber fraß sie. Gut, dachte ich, wenn sie gleich ihre Medizin bekommt, darf sie nicht nüchtern sein, das hat der Tierarzt ausdrücklich gesagt. Dann ging ich meinen alltäglichen
Beschäftigungen nach, wie Teewasser anstellen, duschen, Brot in den Toaster stecken. Nach dem Frühstück zog ich mich warm an.
Wir sind heute nur mehr wenige Wochen vor dieser Zeitenwende, die der Jahresanfang 2000 für die Menschheit sein soll. Einige Leute erleiden einen Rückfall in den Aberglauben, als würde am 31.
Dezember um Mitternacht einer der Urknalle des Weltalls stattfinden und von da an sei alles anders. 21 questions au XXIe siècle, hieß eine Sonderausgabe von „Le Monde“. Was kann passieren, außer
daß eventuell eine Reihe Computer Unheil anrichten, wie uns die Medien seit Jahr und Tag warnen. Wer weiß wo genau in der Unendlichkeit von Zeit und Raum wir herumschwimmen. Zeit, wie wir sie auf
dieser Erde kennen, von Cäsaren, Päpsten, Religionsstiftern und Revolutionären in verschiedene Kalender gezwängt, ist doch eine Konstruktion unseres Verstandes hinsichtlich des Himmelsraums über
uns und des Sterns, der uns das Licht gibt. Unsere Zivisilation läßt sie bei der ungewissen Geburt eines jüdischen Mannes beginnen, der vorgab von da oben zu kommen, jedoch hat sich der Himmel
inzwischen geleert, was gibt’s da schon noch außer Sternhaufen und Satelliten. Das ist also heute. Einige Wochen bevor wir uns alle daran gewöhnen müssen, mit der zwei als erster Ziffer der
Jahreszahl zu hantieren.
Und es ist früh kalt geworden. Vorhin auf dem Markt fühlte es sich an als strahlte die Sonne Kälte statt Wärme aus, obwohl Platanen, Kastanien und Ahornbäume über uns und im Garten hinter uns noch
in voller gelber und braunroter Blätterpracht stehen. Seit über zehn Jahren beobachte ich, daß die Winterkälte verfrüht eintrifft und es in der eigentlichen Tiefe des Winters schon dem Frühling
zugeht, nicht mit Sonnenschein, aber mit mildem, bedecktem Nichtwetter, ja, so kann man das bezeichnen, nicht Unwetter, das Wort ist schon besetzt, sondern Nichtwetter, denn es kann auch im Juli
oder August auftreten, vielleicht als Folge des Wetterdurcheinanders, das weltweite Erderwärmung genannt wird.
Dann machte ich mich dran, der Katze ihre Medizin zu geben. Ich sog eine kleine Menge des flüssigen Medikaments in eine Art Pipette, um zumindest einen Teil davon in das Schnäuzchen meiner Katze
fließen zu lassen. Jeder der Katzen kennt, weiß wie schwer es ist, ihnen Medizin zu verabreichen. Ich möchte hier klarstellen, daß meine Katze ein Weibchen ist und ich sie mit Recht mit dem Wort
Katze bezeichne. Im Deutschen hebt man die geschlechtliche Zuordnung nur in spezifischen Fällen hervor, da Katze ein Gattungsbegriff ist. Im Französischen wird dem Haustier sein eigenes Geschlecht
zuerkannt. Le nom de ma chatte est Agathe. Das reimt sich. Da sagte doch mein Apotheker, von dem ich mir vorhin nochmal dieselbe Medizin in Tablettenform holte, weil sie leichter zu verabreichen
ist: die Pille einfach in ein wenig Butter zerquetschen und um den Katzenbart schmieren, er sagte, Katzen wären weiblichen Charakters, Kater natürlich auch, denn wir redeten von Katzen im
allgemeinen, on parlait des chats, weil der Gattungsname hier männlichen Geschlechts ist. Ich widersprach, weil ich am Verhalten von Agathe nichts, wie man sagt, typisch Weibliches erkennen kann
und sowieso, um nicht einem Vorurteil, einem Klischee, das unserere patriarchale Kultur seit Jahrtausenden unachtsam in sich herumträgt, das Wort zu reden.
Ich hob nun meine Katze hoch, zwischen die Knie, nicht ohne mir eine lange Schürze umgebunden und alte Lederhandschuhe übergestreift zu haben und stocherte mit der gefüllten Pipette zwischen ihren
Zähnen herum, während sie mit dem Kopf heftig hin und her fuhr und mit ihren Krallen nach meinem ungeschützten Handgelenk ausholte. Eine Katze ist ein wildes Tier, das erträgt nicht Zwang und
Nötigung und kann sehr wohl in freier Natur überleben. Daß sie bei uns ist, tut sie uns zu Gefallen. Sie läßt sich dazu herab, unserem Entzücken zu dienen, dafür schnurrt sie und wir sind
zufrieden, weil wir denken, wir tun ihr etwas Gutes und sie mag uns. Ein wenig Medizin konnte meiner Katze schließlich in den Schlund laufen, sowieso war dann die Pipette leer. Ich stand auf, um
sie zu reinigen und mir die Hände zu waschen. Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, stand die Katze vor dem sonnigen Fenster, es war ja ein schöner Tag und unten lag der Nonnengarten in dem bunten
Herbstlaub, ihr Mäulchen schäumte weiß, als wäre sie kurz vor einer Attacke. Ich holte Papiertücher aus der Küche, wischte sie sauber, wobei sie mit ihrer heilen Pfote nach mir ausholte und mich
diesmal erwischte. Ich wusch mir wieder die Hände und drückte einige Tropfen Blut aus dem Finger. Als ich aus dem Badezimmer kam, lief sie Speichel tropfend zwischen Wohnzimmer und Flur hin und
her. Ich holte den Schrubber aus dem Schrank, stellte ihn ins Bidet im Badezimmer, ließ Wasser einlaufen. Vorsichtig trocknete ich wieder das Katzenmaul. Dann wischte ich das Parkett, schrubbte
den Teppich an einigen Stellen mit einem Spezialmittel ab und saugte ihn, weil überall Knäuel von Katzenhaaren herumlagen und ich jedes einzelne in der schönen Herbstsonne sehen konnte. Dann wusch
ich mir die Hände. Die Katze fing wieder an, sehr laut zu schreien. Sie stand im Flur und sah mich an. Einige Tropfen hingen ihr noch am Kinn. Ich schaute in die Toilette. Dunkle Flecken auf dem
Katzenstreu, auf dem Linoleum. Katze hatte Durchfall gehabt. Der Schrubber stand noch im Bidet, ich goß Bleichmittel ins Wasser. Dann wischte ich gründlich den Boden im Klo. Die Katze ging
weiterhin auf und ab. Mein Mann öffnete seine Schlafzimmertür. Das leere Glas in der Hand, schlurfte er durch den Flur, stellte das Glas in der Küche ab, schlurfte zum Klo, schaute hinein. „Dschieses“,
zischte er, was sein üblicher Fluch ist, fast nur aus Zischlauten bestehend, und je mehr und je anhaltender es dabei zischt, desto mehr ist es der Ausdruck des zutiefst Unmöglichen. What’s that?
Can you put that down? sagte er. Auf dem Deckel des Menschenklos standen das Katzenklo und der Beutel mit Katzenstreu, der Boden war naß. Ich stellte alles an seinen Platz, dann schlurfte er auf
seinen Socken rein und pinkelte. Ich ging ins Badezimmer, spülte den Schrubber aus und wusch mir die Hände. Jetzt konnte ich auf den Markt gehen. Auf dem Flur stand die Katze und schrie. Ich holte
den Einkaufswagen aus dem Schrank, er war wieder voll von Flaschen, die ich im dafür vorgesehenen Container am Straßenrand entsorge. Als ich an der Klotür vorbeiging, sah ich, der Durchfall der
Katze hielt an. Ich warf alles wieder ins Klo, spülte, nahm den Rest Bleichmittel und schrubbte das Becken frühlingssauber. Es ist ein altes Klo, fast fünfzig Jahre alt. So ein Klo ist aus Keramik
hergestellt und mit einer glatten Schicht Porzellan überzogen. Unser hartes Pariser Wasser hat mit der Zeit die feine Porzellanschicht weggeätzt und in der groben Porosität der Keramik bleiben die
Farben der Stoffe, die da hineingehen haften, wie Fett, Kalzium- und Eisenphosphate, Bilirubin, Indol, Skatol, Schwefelwasserstoff, Merkaptan und vor allem das schwarze Blut meines Mannes, der an
einer Leberzirrhose leidet, und all dem kann man nur mit Bleichmittel beikommen. Dann wusch ich mir wieder die Hände, zog den Mantel an und ging hinaus.
Ich dachte, was für ein Leben! Mon Dieu, quelle putain de vie!
Es war schon gut, daß ich nicht mehr alles so ernst nahm.
Ich habe schon lange nicht mit meinem Mann gesprochen. Wenn er nicht schläft, sitzt er auf dem Sofa und sieht fern. Er geht zivilisierten Beschäftigungen wie sich waschen, Zähne putzen, rasieren,
sich saubere Sachen anziehen nicht mehr nach. Er trinkt Rotwein, schläft, steht auf, schüttet sein Glas wieder voll, nimmt Pillen zum Weiterschlafen, schläft wieder, schlürft ins Klo, holt sich
ein anderes volles Glas, schläft wieder, liest ein wenig Zeitung, holt ein neues Glas Rotwein, schläft wieder, steht gegen fünf nachmittags auf, setzt sich auf die Couch, sieht fern, trinkt
Rotwein. Er bewegt sich tagaus, tagein nur im engen Triangel von Bett, Sofa und Toilette und riecht mit der Zeit so stark, daß ich am liebsten mit dem Taschentuch vor der Nase ins Wohnzimmer ginge.
V. Yankilevsky, Jeder Tag..., Kupferstich in Tuschmanier, 1978
Ich weiß nicht mehr genau, wann es mit allem angefangen hat und zuerst habe ich geschrien, doch er brüllte zurück,
und das ist viel lauter als ich schreien kann und so habe ich jeden Verkehr mit ihm eingestellt. Meiner Meinung nach schließt er sich selbst aus der menschlichen Gemeinschaft aus.
Noch vor einigen Monaten war ich nicht weiter beunruhigt, denn er hatte fürs Waschen nie viel übrig gehabt. Eines Abends, er war gerade aufgestanden, sagte ich zu ihm, gleich ginge ich aus, um
Fleisch für ihn einzukaufen (er hatte sich Spaghetti zum Abendessen gewünscht), und ob er nicht ein Bad nehmen möchte, dann würde ich sein Bett frisch überziehen. Das Wetter war mild, und ich
konnte das Fenster aufmachen ohne Gefahr zu laufen, ihn aufheulen zu hören, ob ich ihn umbringen wollte, denn er haßt offene Fenster. Okay, sagte er, und ich zog das Bett ab, steckte das Bettzeug
in die Waschmaschine, kaufte ein, kam kurz nach sieben wieder. Mein Mann saß vor dem Fernseher. Ich hatte das Badewasser einlaufen lassen, sagte zu ihm: Your bath is ready. Thanks, sagte er,
bewegte sich aber nicht.
I have to see this movie, sagte er.
Ich sagte fest, I want you to take a bath and put on a clean nightgown.
Can’t you talk about anything else, sagte er.
Ich befahl, sagte, you please go into the tub now.
Da barst Zorn aus ihm wie plötzliches Maschinengewehrfeuer. Er brüllte, stand auf, stampfte um den Tisch herum, sein Gesicht wutverzerrt warf er seine zitternden Fäuste in die Höhe, kam auf mich
zu, die ich auf der Couch saß, ich überlegte blitzschnell, was tue ich nun, seine bebenden Hände kamen wie Greifer geöffnet auf mich zu, wollten mich erdrosseln, doch seine Beine, die steif sind,
erlaubten ihm nicht sich vorzubeugen, so spuckte er mir ins Gesicht und brüllte ich weiß nicht was. Ich blieb ganz ruhig, nahm ein Kissen, wischte mir die Spucke weg. Er stakste zitternd in sein
Zimmer, setzte sich auf sein frisch bezogenes Bett.
Go away, weinte er. Get out of here. Leave me alone.
Endlich stieg er in die Wanne. Unterdessen sah ich „From here to Eternity“ auf einem unserer Kanäle, weinte sogar ein bißchen, weil das ja ein ernster Film ist und man dabei gut über das Elend der
Welt weinen kann. Ich hatte Spaghetti ins Wasser gesteckt und die dazugehörige Soße zubereitet, alles kochte so langsam vor sich hin, aber als der Film zuende war und er aus dem Badezimmer kam,
wollte er nicht mehr essen und bekam im Flur einen hysterischen Anfall als er mich sah. Ich habe nichts gesagt. Und das Essen ins Klo geschüttet.
Noch einmal hat er sich auf mein Drängen hin, nicht ohne wütende Proteste zu brüllen und die Badezimmertür zu knallen, eine Viertelstunde in die Badewanne gesetzt. Dann ist er wieder rausgestiegen,
ohne auch nur ein Gramm Seife verschwendet zu haben, und am nächsten Tag roch er genau so schlecht wie vorher. Er trägt immer dieselbe Unterwäsche, wechselt jedoch manchmal sein Nachthemd oder
zieht eine frische Pyjamahose an. Meist trägt er über einer dunkelrot-blau gestreiften Pyjamahose eines der weißen und sofort beschmutzten Opa-Nachthemden, die ich ihm vor Jahren in einem
Secondhandladen kaufte, als sie nur nachts benutzt wurden, darüber einen schwarzgrau gestreiften, kurzen Morgenrock. Durch Kabelfernsehen haben wir sehr viele Kanäle, er schaltet stundenlang von
einem Programm zum anderen. Nach über vierzig Jahren Journalismus ist das Minutiöse der journalistischen Berichterstattung bei ihm wie eine nicht zu beschwichtigende Manie geblieben. Auf CNN oder
BBC hört er von Stunde zu Stunde dieselben Nachrichten, oder auf LCI, dem französischen Äquivalent. Zu bestimmten Zeiten schaltet er auf Nachrichten der französischen Staatssender. Sonst surft er
über alle Kanäle, bleibt mal hier, mal da hängen, doch sieht er sich mit Leidenschaft Dokumentarfilme über die zwei Weltkriege an und über die Geschichte des alten Jahrhunderts im allgemeinen. In
Filmen, „bang bangs“ wie er sagt, muß mit Vorliebe viel geschossen werden. Ich versorge ihn weiterhin. Wenn ich den Fernseher laufen höre, bringe ich ihm Frühstück, Tee oder Kaffee mit Toast,
Butter und Marmelade. Gegen acht koche ich sein Abendessen, bringe es ihm ohne ein Wort zu sagen, ohne ihn anzusehen auf einem Tablett, das ich auf seine Knie plaziere, hole später das Tablett
wieder ab. Wenn er zu mir spricht, antworte ich nicht, verlasse den Raum. So brauche ich auch nicht seine ewigen Nörgeleien anzuhören. Es ist nicht genug durchgebraten. Du tust immer zu viel
Pfeffer drauf. Warum kochst du immer dasselbe. Es ist fade. Es ist zu salzig, ich darf kein Salz essen. Wo ist das Ketchup. Das ist zu heiß, ich kann es nicht essen.
Gestern, weil ich zu allem zu müde war, die Katze hatte mich fast die ganze Nacht mit ihrem Schreien wachgehalten, und morgens dachte ich, so kann das nicht weitergehen, she is definitely on her
last leg, wie mein Mann so oft sagte, ohne zu bedenken, daß Katzen sieben Leben haben, und genau genommen hat er selber mindestens ebenso viele, nahm ich ein Taxi und fuhr mit ihr zum Tierarzt, in
der Absicht sie einschläfern zu lassen. Es kam dann anders, denn Tierärzte entledigen sich nicht gern ihrer Patienten, die ihr täglich Brot sind. Er diagnostizierte wehe Rückenwirbel und jagte
entzündungshemmende Spritzen in das Rückgrat der armen Katze, die wild um sich biß und fauchte und dann gingen wir beide wieder nach Hause, Katze und ich. So hatte ich das Biest immer noch.
Ich habe diese Katze, der ich den Namen Agathe gab, auf den sie nach kurzer Zeit hörte, vor über neun Jahren in unserem Innenhof mit einem gebrochenen, schlecht verheilten Pfötchen aufgelesen. Das
habe ich in einer meiner Kurzgeschichten beschrieben. Ich war in einer Art Tief und die Katze gab mir ein Stück Süße des Lebens wieder. Wie der Frau in meiner Geschichte. Natürlich ist die
Geschichte nicht total biographisch, denn einen Sohn hatte ich nie, nur in der Grundstimmung ist sie richtig. Das war das Jahr, als ich fünfzig wurde, der Moment, als mein natürliches Frausein
aufhörte, was bekanntlich Depressionen verursachen kann, und ich anfing, mir Östrogen in Pillenform zuzuführen. Es ging mir nach einer Weile sehr viel besser, was ich zuerst den Yogaübungen
zuschrieb, in denen mich ein indischer Arzt unterwies, nur hinterher verstand ich, daß es doch wohl eher die Chemie war. Um auf meine Katze zurückzukommen, erstens weiß ich natürlich nicht, wie
alt sie ist, zweitens ist es möglich, daß ihr Rückenleiden von dem Unfall herrührt, bei dem sie sich die rechte Vorderpfote gebrochen hat, denn ich erinnere mich, daß ich all die Jahre den unteren
Teil ihres Rückens nicht berühren durfte, sie mich sogar einmal in den Arm biß, wonach ich mit einer Angstattacke zu Edith, der Verrückten, lief, die mich beruhigte, sie hatte 13 Katzen, sie wurde
dauernd gebissen und hatte nie die Tollwut, was ich allerdings mit ironischem Vorbehalt vermerkte.
Es ist alles von teuflischer Logik. Mein Mann legt ein asoziales Verhalten an den Tag, ich gehe infolgedessen nicht mehr mit ihm um. Da ich somit auf mir liebe Gewohnheiten und Zerstreuungen, wie
das Abendfernsehen, verzichte und in meinem Zimmer bleibe, ist unser Familienrhythmus gestört. Die Katze schreit Tag und Nacht, sie, die Sensible, die genau weiß, wann ein Film anfängt und sie auf
meinen Schoß springen kann. Meistens liegt sie auf ihrem Kissen bei der Heizung und schläft. Ein Geräusch, eine Vibration wecken sie. Sie sieht mich nicht, hat eine Angstattacke und schreit laut.
Wo bist du, komm mal her, ich such dich überall, kümmere dich doch mal um mich. Das schreit sie, lauter und lauter und ihre Stimme hat viele verschiedene Modulationen, unter den Vokalen ist vor
allem ein scharfes „e“ das in ein langanhaltendes, tiefes „a“ abgleitet, beide handhabt sie nach Belieben, wie mit extra dafür ausgebildeten Stimmbändern.
Alles wäre einfacher, wenn ich meine Katze nicht mehr hätte. Ich will gar nicht reden vom lauten Schreien, das ich nicht zu hören bräuchte; vom vielen Geld, das ich sparte; oder vom lästigen
Toilettenreinigen und Bodenwischen. Letzteres sind Selbstverständlichkeiten, über die man an sich kein Wort verliert. Das Schreien ist natürlich mörderisch, nicht nur weil es einen nachts wachhält
und einem tagsüber auf die Nerven geht. Sondern weil da so ein kleines Tier ist, dem es anscheinend nicht gut geht, und man kann nichts tun. Vor allem weil man nicht weiß, ob dieses süße kleine
Tier uns nicht einfach manipuliert und ganz schön auf den Arm nimmt. Ich denke an Aldous Huxley, der in seinem Roman „After many a summer dies a swan“ behauptet, der frühe Tod von Hunden (und ich
schließe Katzen ein) sei dem Menschen recht passend, da das Tier mit zunehmendem Alter zu intelligent würde. Tatsache ist, wenn meine Katze nicht mehr da wäre, hätte ich ein Stück Freiheit mehr,
könnte ab und zu verreisen, denn mein Mann ist unfähig, sich in meiner Abwesenheit um sie zu kümmern. Wer hat in unser Herz gelegt, daß wir die Viecher bis zum bitteren Ende behalten und pflegen.
Auch um den Preis von viel Arbeit und großer Bitterkeiten, denn ihr Sterben und die Trauer darüber fangen lange vorher an, von uns Besitz zu ergreifen, nämlich in dem Moment, wo die Präsenz des
anderen Wesens uns fast unerträgliche Lasten und Schmerzen auferlegt und wir sein Ende nicht nur vorhersehen sondern auch erwünschen. Da haben wir uns Photos auf unseren Schreibtisch, vor unsere
Bücher gestellt, auf denen das Tier in glücklicheren Momenten dargestellt ist, damit unser Gedächtnis unserem Gefühl für dieses jetzt arme Wesen nachhilft.
Mein Mann ist noch recht am Leben, obwohl er sich zu einem Invaliden werden ließ: eine alkoholbedingte Polyneuritis hat seine Beinmuskeln geschrumpft und ihn zur Unbeweglichkeit gezwungen. Früher
ging ich tagsüber mehrmals zu ihm ins Wohnzimmer, erzählte ihm die letzten Neuigkeiten aus der Nachbarschaft, wir redeten über Politik oder sahen einen Moment fern. Meistens fing er an
dauerzureden. Wenn er gerade beim Pferderennen war, hielt er mir einen Vortrag über Aspekte der Pferdezucht, denn er kennt Zuchtpferde von Adam und Eva an, besitzt die jährlichen Zuchtbücher und
verfolgt die Karriere nicht nur der Pferde sondern auch ihrer Besitzer und Jockeys. Wenn er CNN anschaute, gab er mir seine Version der gerade laufenden Geschichte, zum Beispiel, daß „gun control“
in Amerika wegen des zweiten Zusatzartikels zur amerikanischen Konstitution unmöglich ist, oder er ließ sich aus über den ganz und gar abscheulichen Clinton. Er dröhnte fort und fort in mein
linkes Ohr, während mein rechtes die fortlaufenden Fernsehnachrichten empfing. Das wurde mir mehr und mehr zur Qual. Nicht nur weiß ich schon was mein Mann über diverse Themen vorzutragen hat, vor
allem aber machte mich das unbarmherzige Stereopotpourri regelrecht fertig, und meistens ging ich schnell wieder weg. Doch abends, wenn mein Tag zuende war, servierte ich um Punkt acht vor dem
Fernseher unser Abendessen. Dann fingen die französischen Nachrichten an. Could you please shut up, sagte ich zu ihm, wenn er anfing über französische Politik auszuholen, woraufhin er antwortete,
okay, then I don’t say anything anymore. Finished. I don’t talk to you ever again. Und ich hatte ein wenig Ruhe. Meine Katze kam sofort angelaufen, setzte sich vor mich hin und sah mir beim Essen
zu. Wenn ich beim Sport alles wieder wegräumte, fing sie schon an zu miauen. Laut, wie immer. Dann wollte sie auf meine Knie. Das war unsere Form von Familienleben. Mann und Frau auf dem Sofa
gucken fern, und die Katze sitzt bei der Frau auf dem Schoß. Wie eine Karikatur. Aber so war das. Und ich kann nicht sagen, das war mir unangenehm. Auch ich mag kreatürliche Wärme, und ich liebte
sie ja, damals. Wir sahen viele gute Filme zusammen; wenn es sich ergab, sahen wir einen nach dem anderen bis spät in die Nacht. Wir haben erst seit einigen Jahren einen Fernseher. Als mein Mann
arbeitete, folgte er abends in seiner Redaktion den diversen Nachrichtensendern. Als er krankheitshalber zu Hause blieb und ich, um ihn zu zerstreuen, einen Fernseher anschaffte, das Kabel legen
ließ und die Überzahl der angebotenen Filme mich verwirrte, schwor ich mir, nur Filme im Original anzusehen. Das habe ich auch eingehalten. Ich liebe Filme, vor allem die alten. Als ich vor
zwanzig Jahren in Hollywood wohnte, konnte ich ein wenig hinter die Kulissen schauen. Meine Filmkultur ist nicht unerheblich, jedoch ist sie unbedeutend neben der meines Mannes, und es macht mir
großen Spaß mit ihm einen Film anzusehen.
Wo ich nun nicht mehr mit meinem Mann rede, habe ich mich trotzig auch von fast allen anderen Menschen losgemacht. Ich will niemandes heuchlerische Anteilnahme, will mich nicht über mein Unglück
ausbreiten. Ich will allein sein. In meinen Tiefen leben, ohne Verblendung, ohne Zerreden, ohne Entschuldigung. Mit der leeren Zeit, in der sich nur mein Schmerz bewegt. Er soll mich erdrücken,
zersplittern, aufschnüren, meine Bezüge, Verbindungen auftrennen, mein Inneres nach außen kehren.
Wenn nichts mehr geht, lese ich Balzac. Es liegen nur Stapel von Büchern herum, die ich nicht lesen kann, weil sie entweder zu schlecht geschrieben oder zu schwer zu lesen sind, so habe ich eine
neue Geschichte aus der Balzac Pléiade angefangen. Sie wurde 1842 geschrieben. Gerade hatte Madame Hanska per Brief aus Polen zu Balzac gesagt: „Vous êtes libre,“ weil ihr zugetragen worden war,
in seinem Leben seien noch andere Frauen, was er mit typisch männlicher Überheblichkeit „...ces petites choses...“ abtat, und hatte er sich nicht seit Jahren das Hirn zermartert, wie er nun an das
dicke Geld kommt, um ihr, der großen Dame zu genügen und jetzt käut er unentwegt sein Unglück wieder, fühlt sich „dans le plus complet isolement, et dans la plus profonde solitude“ und woanders
sagt er „il y a une ... vie dans ma vie, et je n’ai pas d’autre confident que ce papier“ und dann schreibt er diesen kleinen Roman, wo er eigentlich nur von sich selbst redet wie das Vorwort
erläutert, und man sieht, wie seine Geschichten sich fein in sein Leben einschmiegen.
Wenn ich abends, so gegen sieben, rausgehe, ist ein Landstreicher dabei, unsere vielen Mülltonnen zu durchstöbern. Er hat seine gelbe Hündin bei sich, die auch ab und zu ihren Happen abkriegt. Bei
uns in Paris gibt es noch keinen getrennten Müll, Leute werfen ihre vollen, zugebundenen Plastiksäcke in die Mülltonnen. Der Landstreicher reißt einen nach dem anderen auf, fährt mit seinen Händen
im Abfall herum, und wenn er fertig ist, denn er hat Methode, wirft er den Beutel in eine andere Tonne und beschäftigt sich mit dem nächsten. Er lebt ein wenig weiter weg in seinem Auto. Das ist
ein alter, hinten ausgebauter Renault, dessen Fenster mit Papier zugeklebt sind. Platz genug hat er, sich nachts darin, mit seiner Hündin zum Warmhalten, auszustrecken. Vielleicht nicht nur zum
Warmhalten. Vor einiger Zeit sah ich die beiden zusammen auf die öffentliche Toilette gehen, die an der Straße steht. Er warf sogar ein Geldstück ein, die Tür glitt auf und und er und seine Hündin
gingen beide rein. Es ist ja warm dort und „musak“ spielt, wie im Supermarkt, und wenn sie nicht kaputt ist, gibt es viel Wasser. Vielleicht war die Hündin durstig. Vielleicht gingen sie dort aus
einem anderen Grund rein. Vielleicht wusch er sich da. Im Klo. Ja, macht nichts, es wird nach Gebrauch sterilisiert. Chirac, nennt man die Dinger. Das ist natürlich ein Wortspiel, chier heißt
scheißen in der Umgangssprache, und Chirac war der Bürgermeister von Paris, der sie aufstellen ließ und dann weiß man auch gleich, was der normale Pariser Bürger von ihm hält. Ich war einmal drin
in einem, deswegen weiß ich die Einzelheiten.
Unter dem Auto des Landstreichers, SDF, ist der Ausdruck hier, Sans Domicile Fixe, liegen seine Gebrauchsgegenstände, Kochtöpfe und Schüsseln, alte Lappen, Konservendosen. Er ist eine Art
Berühmtheit unter seinesgleichen, oft steht eine Horde um sein Auto herum, wo er Hof hält, sie trinken sich einen. Im letzten Frühjahr, es war einer der ersten schönen Frühlingstage, ein Samstag,
denn gegenüber fand der Samtagsmarkt statt, damals hatte er noch diesen Proletenhaarschnitt, oben auf dem Kopf kurz, unten lang, jetzt ist er geschoren, vielleicht hatte er Läuse, also, stellt
euch einen schönen, regen Samstagsmarkt vor, da stehen er und ein anderer Typ vor seiner offenen Autotür und knutschen sich ab. Ich ging gerade vorbei, weil ich dort wieder die leeren Weinflaschen
meines Mannes entsorgte.
Früher, wenn ich an einem Bettler oder Heimlosen oder SDF oder Landstreicher vorbeilief, dachte ich, Bruder, Schwester, nicht viel trennt uns. Und der Schrecken füllte mir den Magen wie ein
sperriger Felsbrocken. Als ich die Fünfzig erreicht hatte, fing ich an, mir mein Alter vorzustellen. Ich war eine der älteren Frauen, die in den Fluren der Metro mit einer Blechbüchse und einem
handbeschrifteten Pappschild auf der Erde sitzen, um ihre sehr magere Rente aufzubessern. Oder ich hatte mir einen Platz auf einem der Wochenmärkte erobert, wie der Ex-DDR Soldat, der seit über
zehn Jahren jeden Samstag auf der selben Stelle zwischen zwei Ständen meines Marktes hockt und jedem unterwürfig zunickt. Viele Jahre stellte ich mir das vor, während ich älter und älter wurde und
alles sich mehr und mehr verwirrte. Mein Leben verlief nicht in geraden Bahnen. Wer hören will, der höre meinem Leben zu, das die Begegnung zwischen der Welt und meinem Ich ist. Wer sagte das:
Chaque biographie est une histoire universelle?
Ist nicht unser Leben eine Legende, die wir uns zusammenschreiben, ein Buch, in dem wir unserer inneren Stimme lauschen? Warum sind wir, und wo sind wir? Keine neue Fragen, aber jeder will sich im
Spiegel, den er sich vorhält, wiedererkennen: ich war nicht umsonst da. Meine Geschichte fängt an bei meinem Vater, ein kleiner Samen hergeweht aus einer Zeit, in der das individuelle Leben so
natürlich entstand und verging wie die Frucht der Erde, auf der es wuchs.
Gleich nach der Jahrhundertwende geboren, war mein Vater der letzte Sohn von neun Kindern eines Heuermanns, wie man damals sagte, um einen Landwirt zu bezeichnen, der kein eigenes Land besaß. Die
Familie lebte in einem kleinen, alten Bauernhaus inmitten der Norddeutschen Tiefebene, ein bißchen links, Holland zu. Ich bin einmal, vor vielen Jahren, an diesem Haus vorbeigefahren. Es lag an
einem breiten Bach, über den eine einfache Holzbrücke ohne Geländer führte. Man erzählt, auf seinem Marsch nach Rußland sei Napoleon mit seinen Truppen über diese Brücke gezogen. Mein Großvater
erhob für die Gemeinde das Brückengeld. Der Hof bestand aus dem eigentlichen Bauernhaus und einigen Stallungen auf fast immer verschlammtem Sandboden, in der Mitte vegetierte ein einsamer,
schiefer Baum. Ein paar verkrüppelte Weiden standen am Bach, rundherum von verwitterten Zäunen eingesäumte Wiesen, das Dorf war weit entfernt. Ab und zu verschwand mein Großvater nach Holland und
fuhr zur See. Das war ein notwendiger Nebenverdienst in den langen Herbst- und Wintermonaten, in denen die Kälte das Land brachlegte. Kinder waren eine Gottesgabe, waren Arbeitskräfte und Münder
zu füttern. Ich stelle mir vor, wie sie allein über den im dunklen Winter verschlammten oder verschneiten Feldweg drei, vier Kilometer weit in die Dorfschule gehen. Auch das Innere des Hauses
stelle ich mir vor. Scheune und Wohnhaus sind unter einem Dach. Die Küche mit ihrem gestampften Lehmfußboden ist weit und niedrig, hat kleine, tief liegende Fenster, durch die im klirrenden Winter
nur einige schräge, farblose Sonnenstrahlen sich unter dem Strohdach her stehlen, an dem die Eiszapfen tropfen. Hier ist der gemeinsame Wohnraum, sparsam und nützlich eingerichtet. Der Kamin
steckt in der Mitte der Wand, hinter der die Schlafräume liegen, deren Seitenwände nachts mit der verlöschenden Glut des Kaminfeuers abkühlen, das als erstes morgens wieder angezündet wird. Der
Kochherd steht an der rechten Wand, denn es gibt schon die riesigen eisernen Herde mit den verschiedenen Kochstellen, deren ineinander passende Ringe je nach Durchmesser des Kochtopfes abgenommen
oder eingesetzt werden, die Oberfläche immer blitzblank gescheuert, der Stolz der Hausfrau. Habt ihr mal gesehen, wie ein verirrter Wassertropfen auf der glühenden Herdplatte hin und her tanzt,
bevor ihn die Hitze verzehrt? Ein kleiner Moment des Glücks, in dem wir ganz aus uns verschwinden. Vor dem Kamin steht der lange, dunkelgefaserte Eichentisch, dessen Platte die Mutter jede Woche
mit Scheuersand abreibt bevor sie darauf ihren Stuten knetet, und auf den sich Hände und Ellbogen stützen zum Essen, Lernen, Spielen, Nähen, Schnapstrinken. Zur Diele und den Ställen führt eine
leichte, ewig klappernde Tür, aus dem Stall dringt das Grunzen und Blöken der Tiere, der Geruch von trockenem Heu und Stroh und warmem Mist. Ich kann das Vaterhaus meines Vaters nur im Winter
sehen, wenn die Kontraste des Lebens am stärksten sind, wenn abends das Dunkel sich dicht hinter dem runden Schein der Petroleumlampe zusammenzieht. Das Haus ist dann umringt von eisiger Wüste,
eine einsame Zelle der Wärme, in der Tiere und Menschen symbiotisch zusammenleben. Aber der zugefrorene Bach nebenan gibt den aufwachsenden Kindern tagsüber sicher Bewegung und Lebenslust wie sie
auf holländischen Gemälden dargestellt sind.
Ich kenne ein einziges Foto der Familie meines Vaters. Mein Großvater, der Heuer- und Seemann, mit weißem flockigen Vollbart, ein wenig Victor Hugo, eingequetscht in seinen vom Tragen glänzenden,
schwarzen Sonntagsrock sitzt neben seiner mageren, streng aussehenden Frau, deren Kleid zur Erde reicht, stehend umringen sie ihre schon erwachsenen Söhne und Töchter. Mein Vater steht da, hat
dieselbe breite Stirn, den selben vollen, trotzigen Mund, den ich an ihm kannte.
Auf dem Foto scheint mein Vater schon dem bäuerlichen Milieu nicht mehr ganz zugehörig. Er steht am Rand der Familiengruppe auf dem grünen Gras vor einem Wacholderbusch, der Jüngste, von dem der
Pastor sagte, er wäre begabt, den sollten sie auf eine Schule schicken. Jetzt steckt er wahrscheinlich im Anzug eines seiner älteren Brüder, er hat Ferien, er träumt, läuft übers Land. Den Rest
des Jahres lebt er in strenger Disziplin in den kalten Räumen eines Klosters, lernt von fünf morgens bis neun Uhr abends. Er ist ein Musterschüler. Das Kloster ist in Holland, wo es Bismarck
hingetrieben hat. Wo sonst kann eine arme Bauernfamilie ihren begabten Sohn unterbringen, als bei Patres, die versuchen, aus ihm einen der Ihren zu machen.
Wenn eine Katze so anhaltend schreit, muß sie einen Grund haben. Ich lasse die Möglichkeiten Revue passieren.
Sie will mich dazu zu bringen, ihr rohes Rindfleisch zu servieren. Sie ist geradezu wild darauf. Nur gerade das ist ihr verboten, weil sie zu viel Harnstoff im Blut hat. Da sind wir beim Thema.
Sie ist eine Rotes-Fleisch-holikerin. Ihr Napf ist immer voll mit Dosengemisch oder Hühnerfleisch oder Fisch. Sie frißt alles nur an und nach einer Weile riecht das Zeug und ich muß es wegwerfen.
Ein anderer Grund wäre das Nichtverdauen ihrer eigenen Haare. Alle paar Tage hat meine Katze eine Magenverstimmung. Dann frißt sie einige Zeit überhaupt nichts, erbricht schließlich lauter schön
gedrehte Haarwürste, vermischt mit ein wenig Galle.
Oder, ihr Krebs hat überhand genommen. Letzten Sommer wurden ihr die Brustwarzen wegoperiert. Sie hatten dick und geschwollen unter ihrem Bauch gehangen, doch wie immer hatte ich nicht aufgepaßt,
hatte gedacht, das sei der hängende Bauch eines alten Weibchens. Eines Morgens brachen die Verdickungen blutig auf. Das war kurz bevor ich sie mit in den Süden nehmen wollte. Ich nahm sie trotzdem
mit, und sie erholte sich nach kurzer Zeit, jagte die anderen Katzen wie eh und je.
Oder, ich gebe ihr nicht genug Zuwendung. Ich lud sie gestern in mein Zimmer ein, um sie für die nicht mehr stattfindenden Fernsehabende zu entschädigen, nahm sie auf meinen Schoß während ich las,
nicht ohne mir ein Tuch auf die Knie gelegt zu haben. So eine Katze hat unendlich viele Haare, die andauernd ausgehen und anscheinend nachwachsen. Wenn man sie anfaßt, stauben die kleinen Haare
ihrer Unterseite und die längeren ihrer Haupthaare um sie herum wie ein Heiligenschein. Sofort hat man seine Hand voll davon.
Wie kann ich wissen, warum sie schreit?
Mein Vater verläßt mit sechzehn, siebzehn seine Klosterschule, noch einige Monate und er hätte den Weg ins heilige Priesteramt einschlagen müssen. Natürlich kann man den wieder verlassen, aber
mein Vater hat auch später nie den Forderungen von Konventionen standgehalten. Er ist da lieber sofort raus. Sein Abitur hat er einige Wochen später am Gymnasium der Kreisstadt gemacht, worauf er
sich recht etwas einbildete. Er war fließend in Latein und Griechisch, Englisch und Französisch. Das war sein Kapital, das er vorzeigen konnte. Sonst besaß er nichts, in unserem Haus stammte alles
aus der Aussteuer meiner Mutter. Aber soweit sind wir noch nicht. Zuerst geht mein Vater ein, zwei Jahre auf die Universität in Münster. Er ist ein gut aussehender junger Mann, mit trotziger Lippe
und schwärmerischem Herzen. Er schreibt Gedichte. Lebt über seine Verhältnisse. Sein Vater, der Heuermann, kann wohl nicht viel zum Lebensstandard eines romantischen Literaturstudenten beitragen.
Es ergibt sich, daß er einen Unfall erleidet und stirbt. Die Umstände sind nicht genau bekannt. Das sind die Skelette, die eine Familie lieber im Keller läßt. Der älteste Bruder meines Vaters
nimmt ein Gewehr von der Wand, es löst sich ein Schuß und tötet meinen Großvater. Mein Vater wirft auch die Flinte ins Korn, wenn ich das so sagen darf, er läßt seine hochfliegenden Pläne fallen,
besucht schön bescheiden den Pädagogischen Lehrgang seiner Kreisstadt, hochverschuldet. Er wird einfacher Volksschullehrer, hat verschiedene Posten in kleinen Gemeinden inne, wo er alle Jahrgänge
in einem einzigen Klassenzimmer unterrichtet.
Ich habe zwei Tötungsversuche auf dem Gewissen. Oh, ganz kleine nur. Ich dachte, ich könnte dem Schicksal ein wenig unter die Arme greifen. Aber es hat nicht geklappt. Es ist sicher gut so. Sonst
wäre ich eine Mörderin. Wir haben einen alten Bekannten, dem wir meistens auf der Straße oder in Cafés begegnen. Er ist New Yorker, wie mein Mann. Das erste, was er sagt, wenn wir ihn treffen, ist,
have you heard this one, und er erzählt uns den letzten jüdischen Witz. Dann zanken er und mein Mann sich über irgend etwas Amerika betreffend. Er arbeitet als Biologe in der Forschung. Einmal
besuchte er uns, weil er für seinen neuen Computer etwas von mir brauchte, daraufhin teilte er mir am Telefon mit, mein Mann leidet an einer Zirrhose, er hatte es an seinem Atem riechen können.
Dann erzählte er mir, wie die Krankheit verlaufen würde, Ödeme, zu hoher Blutdruck, Wasserstau im Bauchraum, innere Blutungen. Am Ende könnte ein winziges Stück harter Brotrinde ihm eine der Adern
im Bauchraum aufschlitzen und er würde verbluten. Mein Mann möchte am liebsten jeden Tag ein amerikanisches Frühstück serviert bekommen, bacon and eggs, Speck mit Eiern, das ich ihm als tägliche
Nahrung wegen zu hohen Cholesterols verweigere. Nur manchmal, einmal in der Woche, oft sonntags, brate ich ihm bacon and eggs in der Pfanne, das macht ihn ganz glücklich. Auch jetzt, wo ich nicht
mit ihm rede. Als ich dabei war, meine frischen Landeier vom Markt mit dem Messer aufzuhacken, fielen einige kleine Stücke Eierschale in die Pfanne. Die würden es eventuell auch tun, dachte ich.
Mal sehen. Und ich ließ sie da. Mein Mann aß sie wahrscheinlich mit, aber nichts passierte. Ich saß in meinem Zimmer, gewiegt zwischen Horror, Abscheu und Erwartung. Ja Erwartung. Ich sage immer
zu mir: Ich möchte nicht, daß er stirbt, aber ich wollte, er wäre tot.
Hätte ich ihn doch um Himmels willen nicht geheiratet. Er ist schrecklich, sagte ich zu ihr, er trinkt und behandelt mich schlecht. Heirate ihn man, sagte meine Mutter, dann bist du versorgt. Für
sie gehörte es dazu, bei einem Mann auch die schlechten Seiten mitzunehmen. Sie hatte ja recht. Als sich diese Frage stellte war ich 47, ich hatte keine eigene Existenz, kein eigenes Zuhause. Auf
jeden Fall, sie und das Leben hatten mich gut auf ihn vorbereitet. Als ich jung, im richtigen Alter fürs Heiraten war, hatte niemand mich haben wollen. Die Geschichte von Nachbars Tante Anna aus
meiner Jugend folgte mir wie der Schatten einer dunklen Wolke. In ihren Mädchenjahren hatte sie sich eine stattliche Aussteuer zusammengelegt, Porzellan und Hausrat, Schränke und Truhen voller
Wäsche. „Und dann was da kiner“, sagte sie in ihrem Plattdeutsch.
Meine Mutter rief an. Ich wollte dir schönen Advent wünschen, sagte sie mit diesem hohlen Gebißmund. Hast du den Zeitungsausschnitt gekriegt, fragte sie. Sie kamen vormittags, die Leute, wollten
sich bei mir bedanken, jemand hat dies Foto gemacht. Heute morgen war eine Adventfeier im Heim, mit Kranz. Ja, sagte ich. Geht es euch auch gut? fragte sie, nein, sagte ich, mir geht es gut, sagte
sie. Es ist kalt, sagte sie, aber die Sonne scheint. Ja, sagte ich.
Auf dem Foto aus der Zeitung sieht meine Mutter aus, wie ich sie zum letzten Mal gesehen habe. Ihre Züge haben an Eigenart verloren, gehören nicht mehr ihr. Das merkte ich sofort, als ich sie
diesen Herbst besuchte. Etwas hatte bei ihr überhand genommen, ich dachte, das ist die Anziehungskraft des Jenseits, sie hat ein Jenseitsgesicht. Ohne zu lächeln stiert sie auf dem Foto mit
kleinen Pupillen ins Nichts und man denkt, sie schaut das Kommende, dabei ist es nur das Nichts ihres Lebens, multipliziert mit ihren vielen Lebensjahren, das sich in ihren Augen konzentriert. Ich
fühle Mitleid mit ihr, deren Leben zu Ende geht, von dem ich ein Teil bin, ob ich es will oder nicht.
Den zweiten Tötungsversuch verübte ich gegen die Katze. Nicht, daß sie von ein wenig gehacktem Rindfleisch, das auf dem Teller meines Mannes übrig blieb, gleich tot umgefallen wäre. Aber der
Gedanke war da. Spitzbübisch, wie harmlos: wenn ich ihr nun rotes Fleisch fütterte? Aber einige Momente später fiel mir ein, wie elend ihr Ende wäre, sie würde praktisch verdursten. Die letzten
Nächte wurden wieder mehrmals durch ihr Schreien unterbrochen. Könnt ihr euch vorstellen wie das ist, eine Katze, die minutenlang, fünf Minuten lang, eine halbe Stunde lang, stundenlang schreit?
Erst wache ich schmerzhaft auf, mache Licht, erst drei, kaum geschlafen, ich stehe auf, die Katze ist im Flur. Mit fliegenden Armen mache ich weit ausholende drohende Gesten, scheuche sie zurück
ins Wohnzimmer. Ich kann natürlich nicht schreien, weil mein Mann schläft, aber auch sonst nützt es nicht viel. Die Katze ist taub. Vielleicht schreit sie so viel, weil sie sich nicht hört. Ich
gehe zurück ins Bett, nehme eine halbe Valium und lese ein, zwei Stunden, höre ihrem Schreien zu, das irgendwann wegstirbt, und warte auf neuen Schlaf. Drei Stunden später, rebelote, sagt man hier,
es fängt wieder an, es ist acht, sie steht vor meiner Tür und schreit. Langsam fühle ich mich sehr auf den Hund gekommen. Verzeihung Katze.
Vielleicht langweilen euch meine Probleme mit der Katze, doch ihr seid frei, den Abschnitt der euch nicht gefällt, zum nächsten hin zu überspringen. Ich rede eigentlich hier von Grundproblemen der
Ethik. Wie weit müssen Aufopferung und Ertragen gehen? Wann darf ich anfangen, an mich selbst zu denken? Das war die Frage, die ich mir mein Leben lang stellte.
Ich versuche auch manchmal, mich so wie mein Mann zu betrinken. Ich will irgend etwas zum Schweigen bringen, was laut schreit, wie meine Katze, doch es wird eher noch schlimmer, es erreicht eine
sentimentale Erhöhung durch den Alkohol. Was ich möchte ist Schlafen, einfach Wegklappen, das geht nur bei totaler Trunkenheit, aber so weit kommt es bei mir nie, weil mir vorher schlecht wird.
Und wenn dann so eine Katze schreit, ist Schlafen ganz unmöglich, weil der Geist von der halbherzigen Alkoholzufuhr nicht hinreichend ausgeschaltet ist. Oft liege ich nach nur zwei Stunden Schlaf
wach, drehe und wende mich unter meinen Bettlaken wie eine Besessene. Schlaf kommt wie von ungefähr, genauso wie das Leben uns das Glück gibt, so nebenbei, und wir wissen erst hinterher, das
war’s. Steuern wir direkt drauf zu, läuft uns der Schlaf, läuft uns das Glück davon.
Einmal habe ich zwei Monate nicht geschlafen. Wirklich keine Nacht, keine Minute. Das ist über zehn Jahre her. Je mehr ich mir sagte, ich muß jetzt schlafen, desto weniger konnte ich in Schlaf
fallen. Ich lag nur zu den gewöhnlichen Schlafenszeiten neben meinem Mann im Bett und versank in ein wesenhaftes Nichts. Doch, sowas gibt es. Das ist die große weiße Leere. Natürlich liegt man im
Dunkeln, es ist dunkel hinter den Lidern, aber das Bewußtsein scheint in den Geist und macht ihn hell. Das Gehirn hat keine Sekunde zum Abkühlen und läuft auf Hochtouren wie ein Rennwagenmotor.
Tags geht man durch die Welt und kein noch so kleines Detail entgeht einem, man fühlt den Flügelschlag einer Taube, riecht das Zwischen-den-Beinen der Nachbarin in der Schnellbahn, jede
Konstruktion welcher Art auch immer ist einem glasklar, natürlich liegt das Geheimnis des Lebens wie ein offenes Buch da. Man ist wie ein Genie oder als hätte man gleichzeitig Überdosen von
Amphetaminen und Kokain genommen. Es ist schrecklich. Ich konnte dann nicht anders als auf meinem Job Superarbeit leisten, menschliche Dimensionen existierten nicht mehr, einige Direktoren fühlten
sich auf den Schwanz getreten und ich wurde gegangen.
Das war, als mein Mann eine Geliebte hatte. Eigentlich in der Endphase seiner Beziehung zu Priscilla, als es fast vorbei war. Ich wollte Ordnung in mein Leben bringen, doch alles wurde nur noch
schlimmer.
Es gab immer verschiedene Zeiten der Hoffnung im Leben meines Mannes. Das war, wenn er sich in eine Klinik einlieferte, wo er das Trinken verlernen wollte. Er ging in Klausur, verschwand aus
meinem Blick und Leben. Ich wurde dann sehr wehmütig, sehnte mich nach ihm. Jeden Abend nach der Arbeit fuhr ich mit der Schnellbahn weit raus, ging zu Fuß zwei Kilometer bis zur Anstalt. Er saß
brav und demütig in seinem armseligen Krankenzimmer, aß sein Abendessen, ein wenig Brot mit Käse, ein wenig Apfelmus. Dann gingen wir durch den Park seiner Anstalt, setzten uns auf Besucherstühle
auf dem Rasen. Er war von dem Tropf aus Zucker und Valium sehr aufgedunsen, sein Geist war langsam und düster. Bald mußte ich wieder gehen.
Dort traf ich bei einem Al-Anon Treffen Priscilla. Sie war Insassin der Anstalt. Eine lebhafte Amerikanerin, verheiratet mit einem kleinen drahtigen Franzosen, der sie mit seinen mechanischen
ehelichen Forderungen, mehrmals am Tag, belästigte. Sie lebten in einem der teuren Vororte auf einem riesigen Familiengrundstück, um sie herum wohnte der Rest des Familienclans, Schwiegermutter
inbegriffen. Sie hatte sich selbst und ihre zwei Töchter umbringen wollen. Das alles wußte ich damals nicht. Ich stellte sie einander auf dem Rasen des Parks, der die Anstalt umgab, vor. Dann
könnt ihr auf Englisch miteinander reden, sagte ich, denn beide waren hilflos dem Griff starker Drogen ausgeliefert, sprachen schlechtes Französisch, vor allem mein Mann, vegetierten in der
Einsamkeit ihrer Zimmer. Das hat sie in der Tat sehr verbunden, zu einem Grad, den ich nicht vorhersah.
Mein Mann schenkte ihr die Poesie der Liebe. Und sie war für ihn der neue Spiegel, in dem er sich darstellen konnte, positiv, vielleicht mit Hoffnung, sie waren einander Spielzeuge, die unter zu
großem Druck der Wirklichkeit nicht so schnell zerbrachen, denn außer der Liebe wollten sie nichts voneinander.
Zuerst hatte ich nichts gemerkt. Es muß kurz nachdem beide aus der Anstalt entlassen worden waren, angefangen haben, sie waren ganz verrückt aufeinander, sahen sich jeden Tag, aßen zusammen zu
Mittag, spazierten durch Paris, gingen einmal in ein Luxushotel, dessen Rechnung mein Mann achtlos in der Jackentasche ließ. Ich erinnere mich des schrecklichen Tages. Mein Mann und ich waren
eines Samstags nachmittags im Bett, das Telefon klingelte, es war Priscilla. An der Art, wie mein Mann mit ihr sprach, erriet ich alles. Ich ging ins Badezimmer um zu duschen, fiel weinend, mich
vor Schmerz windend, in die Badewanne. Dann fing ich an zu schreien. Mein Mann gestand alles.
Zu der Zeit suchte ich eine neue Wohnung, die Besitzerin unserer Wohnung hatte uns gekündigt, mit Hilfe eines Rechtsanwalts hatten wir noch drei Jahre hinzugewinnen können, doch nun war es soweit,
von der Arbeit aus, in den Mittagspausen, sah ich mir leere Wohnungen an. Eines Mittags war ich in unserem Viertel, wollte schnell etwas zu Hause essen. Als ich die Wohnungstür öffnete, standen
Flaschen und Gläser auf dem Tisch, lauter Jazz spielte auf dem HiFi, den ich gerade von meinem verdienten Geld gekauft hatte, mein Mann stand davor, gekleidet in den schönen blauen
Damast-Morgenrock, den er sonst nie trug, im Bett lag die nackte Priscilla, die aufsprang und sich in ihren Pelzmantel stürzte. Ich fing an zu schreien und sie zu schlagen. Daran denke ich noch
mit Lust zurück. Mit jeder Hand, auf jede ihrer Wangen, zweimal. Dann hielt mein Mann meine Hände fest. Priscilla kann diese ganz verletzliche Stimme haben, die stark vibriert, weil sie so
sensibel ist. Mit dieser Stimme redete sie zu mir.
I’m sorry about all this, but we are in love with each other. Why can’t you and I both have him? I don’t take anything away from you. I see him during the week, and you have him on week-ends. You
know how unhappy I am.
Welch ein Kuhhandel. Wahrscheinlich war ich stumm vor Empörung, oder ich stammelte, but he’s my husband, he’s my husband, sie war meine Freundin, ich war Gast in ihrem Haus gewesen, sowas
passierte nur in Romanen und im Boulevardtheater. Mein Mann sagte, what’s the matter with you. I had always several women. You won’t have me change my ways. I can do what I want. Leave me alone.
So fing es an, und so kam es. Die weitere Entwicklung wurde mir von meinen Nachbarn, der Concierge, meinem Mann selbst zugetragen. Ich ging jeden Morgen zur Arbeit, Priscilla schloß die
Wohnungstür auf und legte sich in mein Bett. Er besuchte sie, wenn ihr Mann an Wochenenden auf Geschäftsreisen war, ging mit ihr und ihren Kindern in die Kirche.
In meiner Firma konnte ich kaum meine Arbeit tun. Den Umzug schaffte ich allein, unsere Firmen hatten uns gesetzmäßig freie Tage gegeben und mein Mann verschwand in seinen Bars, kam spät abends
zurück in die leergeräumte Wohnung, legte sich auf den Boden und weinte. Seine erste Frau war hier vor vielen Jahren gestorben. Dann gingen wir zusammen in die neue Wohnung, in der alles
kunterbunt herumstand wie die Arbeiter es hingestellt hatten, er setzte sich in seinen Schaukelstuhl, streckte mir seine Füße entgegen und sagte, could you please open my shoes. Das tat ich sogar.
So war er. So war ich.
Während ich die neue Wohnung abends nach der Arbeit einrichtete, abmaß, bohrte, aufhängte, zusammenschraubte, aufstellte, Bücher in unsere neue Bücherwand räumte, alphabetisch, lief das Leben
meines Mannes parallel zu meinem mit Priscilla weiter. Sofort hatte sie den neuen Wohnungsschlüssel. Ich wußte immer, wann sie dagewesen war, nämlich, wenn die Kloschüssel blütenweiß gescheuert
war. Sowas tat er nur für sie. In jener Zeit magerte ich zu einem Gerippe ab. Mein Bauchnabel war nicht nach innen gebuchtet wie sonst, sondern stand vor, wie an einem Hungerkadaver. Meine Brüste
hingen vorn wie getrocknete Feigen, an meinen Oberarmen schlotterte die leere Haut. Ich konnte nichts mehr runterkriegen, ging auch noch morgens dauerlaufen. Ich wartete und litt. Warum verließ
ich ihn nicht? Ich hatte ihn geheiratet „pour le meilleur et le pire“ im Bürgermeisteramt des sechsten Arrondissements. Das Unglück kam mir vor wie etwas selbstverständlich zu mir Gehöriges.
Ich lese Christiane Olivier, Jokastes Kinder. L’infériorité de la femme, ce n’est pas Freud qui l’a inaugurée... Ich notiere: Dominer, pour ne pas être dominé: en amour, l’homme se veut dominateur,
en ménage il se veut le maître, partout il veille à ce qu’‚elle’ n’empiète pas sur sa liberté à lui...
Und ich notiere: Aimer, c’est chercher consciemment ce qui nous a manqué, et retrouver le plus souvent inconsciemment ce que nous avons déjà connu.
Ich kenne eine wunderschöne alte Frau, die zu der Zeit, als mein Vater junger Lehrer war, eine kleine Schwärmerei für ihn hatte. Mein Vater war vielleicht 23 Jahre alt und sie 16. Stellt euch
diese Szene vor: Ein alter Bauernhof in Lehm-Fachwerk mit tiefem Strohdach und großem Scheunentor in der einsamen Stille der Felder. Ein verspäteter Vogel, das Schnauben oder Hufeschaben eines
Pferdes sind zu hören. Vielleicht schlägt eine Nachtigall. Ein weit ausschwingender, alter Baum, eine Eiche oder eine Linde vor dem Haus mit einer Bank darunter, gegen den Stamm gelehnt, für die
Abende, wo das zögernde Sommerlicht zum Verweilen einlädt. Für gewöhnlich ging man damals mit den Hühnern zu Bett. Jetzt wollte ich schreiben: denn in vielen Häusern gab es noch keine Elektrizität.
Da ist mir eingefallen, ich will die schöne alte Frau anrufen und sie fragen. Sie war nicht zu Hause, ihre Schwester hat mir Auskunft gegeben. Ja, das ist wahr, sagte sie, in meinem Elternhaus,
das jenseits des Bahndamms lag, gab es lange keine Elektrizität, weil die Gemeinde nicht für ein einziges Haus eine Leitung über den Bahndamm hinüber legen wollte. Ich hatte das erste elektrische
Licht 1950, als ich heiratete; ich zog mit meinem Mann in ein neues Haus, da gab es Elektrizität. Aber, sagte sie, es gab diese schönen Petroleumlampen, die taten’s auch. Aber ihr konntet nicht im
Bett lesen, sagte ich, oh doch, sagte sie, wir konnten wunderbar mit Kerzenlicht lesen, wir hatte ja junge Augen, viel besser als heute mit elektrischem Licht und alten Augen. Wir haben immer mit
Kerzenlicht im Bett gelesen.
Mein Vater sitzt also vor langer Zeit im späten Sommerlicht mit der 16-jährigen, schönen alten Dame und einer ihrer Schwestern, nicht der, mit der ich gerade sprach, denn sie ist noch ein Kind,
auf der Bank unter der Linde, sie reden und lachen und mein Vater spielt sich ein wenig auf, wie Männer das tun, wenn sie jungen Mädchen gefallen wollen, es wird langsam dunkel, vielleicht schiebt
schon der Mond sein dickes Clownsgesicht durch die Zweige, schließlich sitzen beide junge Mädchen jedes auf einem Knie meines Vaters, und er hat sicher je einen Arm um jede der jungen Taillen
gelegt. Da schaut die Mutter aus der Tür, ruft, „ihr zwei Wichter, ihr kommt wohl besser ins Haus.“ Wicht ist das plattdeutsche Wort für Mädchen.
Ich schloß die Wohnungstür auf, trat in den Flur, sah den Rücken meines Mannes, wie er aus der Küche kommend dem Wohnzimmer zustrebte, eine offene Weinflasche und sein Glas, das auch nie gewaschen
wird, in den Händen. Ich hatte ihm „Le Monde“ gekauft, legte die Zeitung auf ein Schränkchen. Sein gebeugter Rücken, seine lange Haare, seine schmutzigen Nachtkleider waren so unwirklich und
widersinnig, Mitleid stieg in mir hoch wie Sodbrennen. Ich sagte: How about if you washed, and I talk. Um unsere Fronten mal zu klären. Er rief zurück, I don’t want to hear you talk about
anything. Alright, fine, rief ich, but you could wash anyhow.
Ich kam zurück von Inno, einem Supermarkt, wo ich zweimal im Monat, manchmal öfter, Spirituosen einkaufe. Ich nehme einen riesigen Einkaufswagen, gehe durch alle Abteilungen, nehme immer denselben
Weg, zuerst die Milchprodukte, meine Sojaburger, dann den Wein. Die Kellermeister kennen mich, wissen, ich kaufe enorme Mengen Wein ein und brauche Kartons. Die Weine habe ich vorher probiert, es
sind milde Bordeaux mit einem passablen Gleichgewicht zwischen Portemonnaie, Verträglichkeit und Geschmack. Wenn ich fertig bin, manchmal brauche ich einen zweiten Wagen, rolle ich alles zur
Lieferungsabteilung. Wir haben kein Auto. Mein Mann schafft drei, vier Flaschen pro 24 Stunden, vorhin habe ich 42 Flaschen gekauft, das reicht knapp für 10 Tage, da ich abends auch mein Gläschen
trinke. Ihr denkt vielleicht, warum tut sie das? Warum besorgt sie ihrem Mann das Zeug?
Der Mann braucht die Frau, damit sie seine Bedürfnisse der niederen Wesensart befriedigt. Dazu gehört vor allem der Sex. Seit Augustin von Hippo ist Sex sündhaft. Sex war den Männern schon immer
eine animalische Sache: hinterher. Gemäß einiger Psychologen will der Mann nicht an seine Herkunft erinnert werden. Er muß sich unbedingt als das Maß der Dinge hinstellen, und daß er als kleines
glitschiges Ding aus dem Bauch einer Frau geschlüpft ist, aus dieser Höhle des Unsagbaren, wohin ihn sein Penis lustvoll drängt, ist undenkbar, ist ihm zutiefst unangenehm. Doch seine Tiefen
liegen versteckt unter Schichten von Rationalisierungen, Konventionen, Gemeinplätzen, Verneinungen, Abstraktionen. Andere niedere Seiten schüttet der Mann über seine Frau aus. Er ist voll
negativer Gefühle. Sein soziales Wesen baut er sich auf der Zurückhaltung dieser Gefühle auf. Er ist ein Meister des Scheins. Kurz, er lügt. Er weiß, er hat die zwei Wesen in seiner Brust, doch
ist er das Gerüst der Welt, er darf nicht kneifen. Der Frau enthält er nichts vor. Sie kennt ihn entschleiert, quasi entmannt. Seine ganze Körperlichkeit muß sie ertragen, sein Altern, sein Furzen,
seine Übelkeiten, seine Krankheiten, seine Schwäche. Sie fühlt seinen schlechten Atem auf sich, sieht jeden Morgen seine Verwandlung in den, den er darstellt, steckt dann seine dreckige
Unterwäsche in die Waschmaschine. Am Ende muß sie ihn bis zum Tode pflegen. Eine Frau, die ihren kranken Mann verläßt, ist selbstsüchtig, grausam, unmoralisch.
Ich stückele wieder bekannte Fakten verschiedener Herkunft aneinander. Als mein Vater in seiner Kreisstadt studiert, trifft er auf einem Ball meine Mutter, sie sehen sich sicher mehrere Male, denn
sie nimmt ihn mit in ihr Elternhaus. Ihr Vater ist ein höherer Beamter des Landkreises. Die Familie besitzt ein Haus in einer Villengegend der kleinen Stadt. Mein Vater hatte später bittere Worte
für meine Großmutter, sie habe es ihrem Mann auch nicht leicht gemacht, das läge in der Familie. Mein Großvater ist Jäger, er hat einen schönen Weimaraner. Es gibt eine Geschichte über diesen Hund.
Als die Familie einmal verreisen will, läßt sie ihn in der Obhut der Schwester meiner Großmutter in einer nördlichen Stadt. Ich kann mir vorstellen, daß ein Hund sich dort nicht wohlfühlte, eine
Katze vielleicht eher, als Kind verbrachte ich einige Tage mit meiner Großmutter im eng gebauten Stadthaus ihrer Schwester und nachts hörte ich das Kratzen der Mäusefüße, wie sie über den Fußboden
unseres Dachzimmers huschten. Der Hund jedenfalls läuft weg, findet den Weg, 150 bis 200 Kilometer, zurück zu seinem Wohnort.
Es gibt in den Alben meiner Mutter viele Photos aus der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen. Lange Autos, wie offene Omnibusse voller lachender Menschen, die sich auf Vergnügungsfahrten begeben,
Frauen in kurzen Röcken und mit Bubihaarschnitt, Männer mit hoch gestutztem Haar in knappen Anzügen. Die Wege meiner jungen Eltern trennen sich wieder. Mein Großvater wird zu einem höheren Posten
in eine größere Stadt befördert. Die Machtübernahme der Nazis kostet ihn seine Stellung, er weigert sich, in die Partei einzutreten. Man enthebt ihn seines Amtes, er wird in eine kleine Stadt auf
einen niedrigen Posten geschickt. Dort läuft eines Tages mein Vater, der in diese Stadt versetzt worden war, meinen Großeltern über den Weg. Vielleicht wollte mein Großvater seine Tochter in
diesen unruhigen Zeiten versorgt wissen. Er lädt meinen Vater zu sich nach Hause ein, und von da an nimmt alles seinen Lauf. Da mein Vater sich weigert, die Hitlerjugend dieser Stadt zu übernehmen,
wird er wieder zu einer einklässigen Landschule in ein verlorenes Nest geschickt. Meine Eltern werden 1935 getraut.
Wenn ich jemanden verletzt habe, ihm etwas verweigert, ihn erschreckt habe, werde ich unendlich traurig. Die Katze kam ins Zimmer, obwohl ich sie kurz vorher mit dem Besen verscheucht hatte. Das
ist eine Idee von meinem Mann. Er hatte einen Besen neben sich an der Couch stehen und als ich anfing, mich darüber zu wundern, sah ich, wie er die Katze mit dem langen Arm des Besens verjagte.
Einmal habe ich nachts versucht, die Katze damit durch die Zimmer zu verfolgen, und danach schwieg sie. Doch jetzt kam sie wieder, sie verläßt sich noch immer auf ihre Verführungskunst, sie setzte
sich in meinen Türrahmen, sah mich mit diesen großen Augen an, klappte ihr Mäulchen fast lautlos auf und zu. Da warf ich einen Kugelschreiber nach ihr, traf sie in die Seite. Jetzt ist sie
verschwunden.
Im Jahre 1937 bringt meine Mutter ihre erste Tochter zur Welt. Sie wird Rosemarie getauft. In dem Album, das meine Mutter anlegt, ist ihr kurzes Leben mit Fotos und Text belegt. Die Familie lebt
in diesem winzigen Ort mit nur einer Schulklasse, mein Vater ist der S.A. beigetreten, er hat eine junge Familie zu ernähren. Seine Schulden wurden, so viel ich weiß, von seinem Schwiegervater
gelöscht. Hatte er sich an meine Mutter verkauft?
Diese war eine verwöhnte Tochter. Es gab noch einen Bruder, der später aus Rußland nicht wiederkam. Sie hatte Kindheit und Jugend in dieser von der Weite der Landschaft erdrückten kleinen Stadt
verbracht, die damals meist aus zusammengepferchten, engen, zur Straße gekehrten Giebelhäusern bestand, viele noch aus dem 17. Jahrhundert, als die Stadt nach dem 30-jährigen Krieg neuen
Aufschwung nahm, nachdem der Kreis dem Bistum Münster zugesprochen wurde und zum Katholizismus zurückkehrte, der seitdem mit großer Vehemenz ausgeübt wird. Ihre Eltern waren Zugezogene, gehörten
nicht zu den alteingesessenen Familien der Stadt. So eine kleine Stadt damals war eine rigide Klassengesellschaft, jeder kannte jeden, und jeder wußte welches sein Platz war. Meine Mutter hatte
eine beste Freundin. Sie hieß Mieze und stammte aus einem der guten Häuser der Stadt. Ihre Familie betrieb ein Stoffgeschäft an der Hauptstraße, in bester Straßenlage.
Einmal, vor vielen Jahren, ging ich mit meiner Mutter durch den Wald hinter ihrem Haus, denn meine Eltern bauten sich für ihr Altenteil ein Haus weit außerhalb dieser Stadt, und auf dem
Nachhauseweg statteten meine Mutter und ich einem Nachbarehepaar einen Besuch ab. Zu uns stieß ein alter Zahnarzt, eine Jugendbekanntschaft meiner Mutter. Ganz überraschend verwandelte diese sich
in den Backfisch, der sie einmal, vor langer Zeit, in den Augen dieses Mannes gewesen war, sie kicherte, warf ihm Scherzworte zu, sperrte den Mund weit zum Lachen auf, äugelte ihn an, während er
in seiner sachlichen Art verharrte und gar nicht auf sie einging, was ich wie eine Demütigung empfand, die sie jedoch nicht wahrnahm. Fast schämte ich mich ihres anachronistischen Gebarens. Als
wir alle aufstanden, um uns zu verabschieden, fragte ich diesen Mann, indem ich ihn ein wenig zur Seite zog, sagen Sie mal, wie war sie früher als junges Mädchen, meine Mutter? Och, rief er, die
war doch total von der Mieze beherrscht.
Ich sehe, wie meine Mutter in dieser kleinen Stadt aufwächst. Sie will dazugehören. Sie läuft hinter der zungenfertigen, selbstsicheren Mieze her, flirtet mit ihren Brüdern, lernt Klavierspielen,
geht auf die Schule für höhere Töchter, zur Tanzstunde, trägt letzte Mode, schöne Kleider, deren Stoff aus dem Geschäft von Miezes Eltern stammen, und die sie sich vielleicht selber näht. Sie ist
nicht hübsch. Die Zähne stehen ihr schräg zwischen den fleischigen Lippen. Sie hat eine schmale, nicht sehr hohe Stirn. Doch sie hat schöne Beine und die zeigt sie her. Sie ist schüchtern, hat
vielleicht Angst, von den andern nicht angenommen zu werden, tut des Guten zu viel, des Kicherns, des Anbiederns. Nachdem beide Mädchen ihre Schule beendet haben, wird Mieze von ihrer Familie auf
eine teure, vornehme, höhere Anstalt für Wirtschaftswesen nach Bad Honnef geschickt. Meine Mutter muß natürlich mit. Sie lernen Haushalt, sollen sie doch gut heiraten. Beide haben dann Lehrer
gekriegt. Mieze auch. Ihr Mann wurde einer der Super-Nazis des Kreises, einer der ersten. Das wußte ich erst sehr viel später. Als ich Kind war, hielt meine Mutter an ihrer freundschaftlichen
Beziehung zu Mieze, die für uns Tante Mieze war, fest.
So lebt die kleine Familie meines Vater „happy ever after“ zwischen Wiesen und Feldern in dem kleinen Haus, das zur einklässigen Schule gehört, wenn nur nicht die Nazis gewesen wären. Ich habe
einmal meine Mutter gefragt, ob mein Vater ein überzeugter Nationalsozialist gewesen wäre, nee, sagte sie, er hätte ja in die Partei eintreten müssen, mit Akzent auf „müssen“, und wenn man ihm
Traktate zum Verteilen an die Bevölkerung gab, hätten sie sie als Klopapier verbraucht. Mein Vater ist bestimmt leise aufgetreten, denn nicht weit weg war sein Kollege, der Supernazi, Miezes Mann.
Schon im Juli 1939 wird mein Vater eingezogen. Da er 33 Jahre alt ist, studiert hat, wird er zum Offizier, zum Zahlmeister, ausgebildet. Wenig später zeugt er ein zweites Kind – mich.
1940 wird ein schlechtes Jahr. Im Januar stirbt fünfzigjährig der Vater meiner Mutter, man sagt aus Kummer. Die Mutter meiner Großmutter, eine grantige Alte von fünfundachtzig zieht in das kleine
Haus, erwartet von meiner Mutter verpflegt zu werden. Diese ist natürlich schwanger und sicher schlecht gelaunt und bitter, denn alle Last liegt auf ihren Schultern. Im April stirbt die kleine
Rosemarie. Der Grund ihrer kurzen Krankheit ist nicht bekannt. Vielleicht gab es schon nicht mehr genug Ärzte in der Gegend. Ihr Album hört auf mit dem Foto eines kleinen Sarges, der auf einem
großen, weiß bezogenen Erwachsenenbett steht, in dem ein blasses, kleines Mädchen mit gefalteten Händen in einem langen weißen Kleid ruht.
Wird da nicht schon der achtmonatige, voll ausgewachsene Fötus, der ich bin, im Innenraum des Bauches meiner schluchzenden Mutter vom Leben hin und her geworfen? Fließen nicht die Tränen meiner
Mutter in mein Blut, vergiften es mit ihrem Schmerz? Schreie ich nicht, obwohl ich noch keinen Atem gezogen habe? Kann ich noch auf die Welt kommen und mich nicht schuldig fühlen dafür, daß ich
lebe?
Im Mai, am dreizehnten, sieben Stunden in den Pfingstmontag hinein, werde ich geboren. Ich wiege 2 Kilo, 200 Gramm.
Meine Geburt habe ich auch immer für eine Katastrophe gehalten. Denn, seht ihr, ich habe meine Mutter nie geliebt. Wer weiß, ob der neue Wurm, der ihr an die Brust gelegt wurde und der schon
pränatal von Schmerz und Schuld gezeichnet war, in ihr die Liebe und Aufmerksamkeit wecken konnte, die er rechtens von ihr erwartete. Vor vielen Jahren begleitete ich meine Eltern zum Grab meiner
Schwester, es war Herbst, und meine Mutter pflanzte Stiefmütterchen für den Winter da, wo sie vor über vierzig Jahren ihre zweieinhalbjährige Tochter begraben hatte.
Für jeden, der dies liest, sind es unvorstellbare Worte.
Ihr werdet mir sagen, jedes Kind liebt seine Mutter, schon aus Notwendigkeit. Da ist eine Verbindung, sagt der Psychoanalytiker, die über die Liebe hinausgeht, eine symbiotische, unlösbare, da wo
Fleisch aus Fleisch gewachsen ist, bevor noch Gefühl bestand. Ich habe mein Leben lang darüber nachgedacht, in welchem Moment das Gefühl für meine Mutter sich von ihr abspaltete und zu etwas
anderem wurde.
Nicht, daß ich meine Kindheit als unglücklich bezeichnen könnte. Doch ist da nur ein einziger Moment des Glücks, des puren Wohlempfindens, der mit meiner Mutter zu tun hat. Wie immer weckt sie
mich aus meinem Mittagsschlaf, nimmt mich mit in den Garten, setzt mich auf eine sonnenwarme Holzbank, ich wache langsam auf, strecke und recke mich und sehe ihr zu, wie sie mit dicken Holzschuhen
an den Füßen im Garten arbeitet, die warme Erde mit dem Spaten umdreht. Da ist eine süße Traumhaftigkeit, eine seltene Harmonie. Mehr nicht. Vielleicht war sie an dem Tag nicht so unglücklich wie
sonst, vielleicht hatte ich einen guten Traum gehabt, vielleicht hat sie mich liebevoll angefaßt, zu mir liebevoll gesprochen. Der mir gebliebene Eindruck meiner ersten Lebensjahre ist der von
Schmerz und Bedrücktheit. In meinem Album steht, ich war oft krank, habe viel geschrien, oft geweint.
Vor einigen Jahren nahm ich an einem Schreibkurs teil und eines der Themen, über die wir schreiben mußten, hieß: Das Haus meiner Kindheit. Hier ist, was ich schrieb.
La maison de mon enfance
Quand je pense à la maison de mon enfance, je feuillette dans ma tête un vieil album de famille rempli de petites photos carrées noir et blanc, leur bord blanc découpé en dentelé.
Je vois la petite route qui entoure doucement comme un bras amical cette maison pour continuer vers de larges fermes couchées sous des chènes centenaires et plus loin coupe à travers une haute et
noire forêt de pins sylvestre qui me fait peur. Tout autour de la maison s’étendent de grasses prairies dont les fils barbelés dressés ça et là le long des fossés remplis d’eau n’empêchent pas la
petite fille de passer et de courir à travers champs. De la maison l’oeil va sans encombre jusqu’à l’horizon où l’arrête un bois ou un bord de route boisé.
Une haie de hêtres haute et profonde court le long du jardin et en son étreinte la petite fille se sent protégée. Devant l’entrée de la maison ma mère a planté un jardin à l’époque très à la mode:
des plantes rampantes et de courtes arbustes se jetent de manière regulière à travers les grosses pierres qu’elle a ramassées je ne sais où. La petite fille aime s’accroupir sur ces grosses
pierres, elle cligne des yeux aux soleil quand sa mère la prend en photo. Parfois elle sautille de pierre en pierre afin de ne pas écraser les plantes, juqu’à la maisonette qui se trouve dans le
coin que fait la haie à cet endroit en suivant le cours de la petite route. C’est une vraie petite maison pour elle, toute couverte de lierre grimpant qu’elle est, avec à l’intérieur des bancs en
un bois délavé pour s’asseoir.
La face de la maison elle aussi est couverte de ce lierre comme une grosse barbe avec des fenêtres qui brillent comme des yeux. A côté du jardin de rocailles il y a une pelouse que domine un vieux
noyer, dont l’ombre est le lieu de beaucoup de photos montrant la petite fille-déesse au milieu de cousins, d’enfants du voisinage.
Plus loin vers la ferme voisine s’étend l’immense potager de ma mère qu’elle travaille sans cesse et qui nous nourrit, nous donne fleurs et fruits. A la tombée de la nuit la petite fille, à la
main le bidon à lait cabossé, traverse les hautes rangées de légumes et de fleurs vers le fond du jardin, où elle entre dans la ferme voisine par une porte légère en lattes de bois qui claque
derrière elle, tellement elle court vite car elle a peur des monstres qui se cachent derrière les gros troncs des chênes.
L’arrière de la maison a l’air familier des pièces où la vie se joue véritablement. J’y ai ma sablière à côté d’un bout d’herbes où courent les poules. Tourné vers le soleil couchant, il y a un
banc. Un énorme saule pleureur se penche sur le côté et jette ses longues guirlandes autour d’un espace vide où la petite fille se cache, s’accroupit et regarde dehors.
La maison est comme une ferme. Y est attaché une petite grange froide et vide à part un cochon ou un mouton occasionnels. L’été les hirondelles viennent coller leur nids aux poutres.
Mon petit album de famille ne contient que des photos de l’extérieur de la maison. Là, il y a le soleil, les fleurs, les arbres pour se réfugier, les animaux, les autres enfants, les bonnes
odeurs, les prairies, la liberté.
A l’intérieur est le devoir. L’interdit. La punition. La douleur. Le froid.
Les différentes pièces changent de fonction selon les besoins. Mon arrière-grand-mère et ma grand-mère vivent avec nous. Ma mère héberge d’autres membres de la famille, des étrangers en fuite.
A l’intérieur de la maison, les femmes tremblent car il y a la guerre.
Là, je nous vois un dimanche sur le gazon au soleil. Mon arrière-grand-mère est assise dans un fauteuil en osier, autour d’elle sont groupées sa fille, sa petite-fille, son arrière petite fille.
C’est moi.
Ein paar Meter von meinem Fenster, im selben Stock, wird die Tür zu einem kleinen Balkon, deren weiße Farbe langsam abblättert, mehrmals am Tag von einer unsichtbaren Hand schnell und anhaltend
auf und zu geschwungen, vielleicht um die Luft an diesem Ort zu erneuern. Am Fenster daneben erscheinen ab und zu ein alter Mann oder seine Frau, beide von erschreckender Häßlichkeit; sie begegnen
mir auf der Straße, die Frau hängt am Arm des Mannes, sein Rumpf biegt sich von der Schwere seiner Last von ihr weg, beider Beine gehen einen langsamen, gleichen Takt, ihre versteinerten, grauen
Gesichter neigen sich vornüber, ihre Körper beschreiben einen Bogen, als strebten sie der Erde zu, wo ihr schwieriger Gang sein Ende nehmen würde. Nie wurde zwischen uns ein Gruß gewechselt, nie
hoben sie den Blick, nie habe ich einen anderen Ausdruck auf ihren Gesichtern gesehen als den, den die Natur, das Alter ihnen aufdrückte.
Wir wohnen in einer kleinen Privatstraße, die sich tief in den Häuserblock schiebt, ein wenig abseits der großen Zentren von Paris, inmitten von Klöstern, Krankenhäusern, Kasernen und Klapsmühlen.
Es wird gesagt, diese Privatstraße, kurz der Square genannt, war die erste Eigentumswohnanlage von Paris. Das war in den dreißiger Jahren. Wenn man den Square betritt, sieht man links und rechts
achtstöckige Art Deco-artige Wohnhäuser, die Fassade in weißlichem Putz mit regelmäßig verteilten, schwarzvergitterten Balkonen. In dieser Einheitlichkeit kann man auf jeder Seite etwa acht
Einzelwohnhäuser, verschieden numeriert, ausmachen, die jedes noch ein rechtwinklig angebautes Hinterhaus haben, so daß man von einer Anlage „en dents de scie“ reden kann, die also gezähnt ist wie
eine Säge. In einem dieser Hinterhäuser liegt unsere Wohnung. Neben dem Square ist ein altes Nonnenkloster mit einem großen Garten und einer Kapelle. Natürlich hören wir die kleine Vesperglocke
läuten und können beim Schlagen der Klosteruhr die Stunden zählen. Wenn wir aus unseren ostgerichteten Fenstern sehen, liegt der Klostergarten unter uns.
Der Square hat seine Eigentümlichkeiten. Trotz der architektonischen Ebenmäßigkeit ist keine Wohnung wie die andere, sogar von Etage zu Etage. Als die Außenmauern errichtet waren, scheint ein
verrückter Architekt die Innenwände gezogen haben, rund, gerade, schräg, in spitzen oder stumpfen Winkeln, um große Räume, um kleine, mit vielen Türen, wie immer es ihm paßte, oder wie es die
ersten Inhaber wollten.
Der Square ist bewohnt von vielen alten jüdischen Immigranten, von Journalisten, Senatoren, Lehrern und Professoren, Malern, Musikern, Alkoholikern, Verrückten und alten Fräulein, die, fast
hundertjährig, nach und nach verschwinden.
Wenn ich auf das Nachbarhinterhaus sehe, unten, im zweiten Stock, da wohnt ein alter Deutscher. Ich treffe ihn manchmal auf der Straße. Er ist groß und hager, hat den Schritt eines jungen Mannes.
Seine Herkunft hat vielleicht seinen Lebensweg bestimmt: in der Nähe des Bodensees geboren, wo seine Mutter als Dienstmädchen arbeitete – Vater unbekannt –, fühlte er sich der ausgebeuteten Klasse
zugehörig, er wurde militanter Kommunist, arbeitete für die Partei, zeitweise in Frankreich.
Letzten Sommer traf ich ihn auf der Straße, er hatte nur einen Zahn oben links im Mund. Einen schönen Zahn haben Sie, sagte ich, denn nichtsdestotrotz lachte er mich an. Ach, sagte er, meine Zähne
haben sie mir schon 1933 ‘rausgehaun, die Nazis. Ich kriege gerade neue, sagte er, mein Zahnarzt ist noch im Urlaub. Während des Naziregimes war er Insasse verschiedener Lager und Gefängnisse
gewesen, riß aus, wurde wieder eingefangen. Das letzte Mal war kurz vor Kriegsschluß. Seine Gruppe Gefangener wurde von der Gestapo in einen Wald geführt, um dort erschossen und verscharrt zu
werden. Die Leichen seiner Kameraden hat man vor einigen Jahren gefunden und ihnen ein Denkmal gesetzt. Er jedoch konnte sich im Dunkel der Nacht davon machen, französische Kriegsgefangene
versteckten ihn. Nach Kriegsende ging er nach Paris, heiratete eine Französin, sie hatten fünf Söhne, eine Tochter.
Vor einigen Jahren, als wir zusammen abends auf den Square zugingen, sagte er, er sei heute sehr traurig, es sei der Jahrestag des Todes seines Ältesten. Er hatte ihn bei sich zu Hause tot
aufgefunden. Drogen-Überdosis. Ich war stumm vor Entsetzen und blieb mit ihm vor meinem Hauseingang stehen, hörte seiner Geschichte zu. Ja, sein zweiter Sohn war auch an einer Überdosis gestorben.
Sein dritter hatte sich im Gefängnis erhängt. Er hatte ein Gedicht darüber geschrieben, das würde er mir gelegentlich in den Briefkasten werfen. Sein vierter war bei einem Autounfall ums Leben
gekommen. Seine Tochter wollte ihn nie mehr wiedersehen. Ja, sagte er, das sei belegt, Kinder von Naziopfern waren psychisch labil.
Dann sprach ich mit der Besitzerin einer deutschen Buchhandlung, einer Frau meines Alters, deren Eltern damals mit diesem Mann befreundet gewesen waren, und die noch jetzt seine Gedichte und
kommunistischen Aufrufe mit der Post erhält. Er ist jemand, sagte sie, der für alles anderen die Schuld gibt, der Gesellschaft, den Nazis, undsoweiter, jedoch hatte er früh ein Doppelleben
geführt, Frau und Kinder vernachlässigt, mit seiner Freundin gelebt, diese, auch eine Buchhändlerin, hatte ihn als Bouquinisten an den Quais der Seine etabliert. Als seine Frau starb, schrieb er
ein Gedicht auf sie und heiratete seine Freundin. Das Gedicht fand ich eines Tages im Briefkasten.
Ich treffe meinen Mann im Flur, wie er aus der Küche kommt. Er sieht mich mit seinem großen, bärtigen Gesicht an, brummt, what are you doing here? als sei ich eine Fremde. Ich hatte ihm gerade
Medikamente aus der Apotheke mitgebracht, sie auf das Schränkchen im Flur gelegt, wo ich die leeren Schachteln dieser Medikamente gefunden hatte. Er ist meiner Fürsorge sicher, auch wenn ich nicht
mit ihm spreche. Er wird bekommen, worum er wortlos bittet.
Nun bin ich das süße, kleine Mädchen, so süß wie alle kleinen Mädchen, das mitten im Krieg, auf seinem Fleck Erde, wo nichts an Krieg erinnert, außer daß da kein Vater ist, aber das weiß es nicht,
im Garten herumhüpft, auf Blumenrabatten tritt, das Schaf am Ohr zieht, vor den Gänsen wegläuft, die ihm schnickschnack in die süßen Hinterhälften beißen wollen, auf Nachbars Ackergaul sitzt,
dessen Rücken so breit wie ein Feldweg ist. Das zeigen die Photos des Albums, das meine Mutter damals angelegt hat. Für meine zwei nachfolgenden Schwestern hat sie kein Album mehr geführt. Sie
gehören beide schon der Nachkriegsära an, der Zeit, wo das Leben meiner Mutter sich unwiderbringlich wandte zum Problematischen, Schweren, Ausweglosen. Bei meiner Geburt war sie 29. Wie lange
dauern die Traumjahre einer Frau? Vielleicht nur so lange wie sie sich nicht dem Trauma gegenübersieht, einen Mann zu haben, der sie nicht mehr liebt. Jetzt lebt sie nur mit der Sehnsucht. Und
manchmal tritt diese unversehens durch die Tür. Mein Vater dient in der Armee als Oberzahlmeister in Rußland, alle elf Monate gibt es Urlaub. Plötzlich ist er da. Dann laufe ich auf den Onkel zu,
der mir entgegen kommt, umfange sein Bein, er stemmt mich hoch, ich lache laut quieschend, ziehe an seinem Ohr. Wie alle kleinen Mädchen.
Einige erschauern, wenn sie Blut sehen, so geht es mir, wenn ich an meine Mutter denke, ich fühle Abscheu. Eine Abscheu, die tief innen weh tut. Wenn man sie definiert als das geistige Prinzip des
Lebenden, könnte ich sagen, es tut mir in der Seele weh. In meinen Eingeweiden reißt es, so daß ich mich winden muß. Etwas zieht sich zusammen, verkrampft sich, als müßte ich etwas Böses abwehren.
So wie ich mich früher verkrampfte, wenn sie ihre Hand nach mir ausstreckte, mich kurz mit ihren harten Fingern am Arm berührte, es war wie ein elektrischer Schlag, er forderte meine
Aufmerksamkeit, lähmte mich.
Sie hat mir ein gerade erschienenes Buch mit plattdeutschen Geschichten geschickt, das meinem Vater gewidmet ist. Ich habe es zerfetzt, in tausend Stücke zerrissen. Weil es von ihr kommt. Ich will
kein Teil von ihr sein. Will nicht von ihr vereinnahmt werden. Ich kann nur leben, wenn ich vergesse, daß sie existiert. Was sagt Freud dazu? Ich habe mich abreagiert. Ich habe meinen Trieben
nachgegeben. Und: Hysterie ist nur eine pathologische Übertreibung von an sich normalen Ausdrucksweisen. Ohnehin kann ich das Buch nicht lesen. Ich kann Plattdeutsch weder verstehen noch lesen.
Sie auch nicht. Sie spielt die Witwe.
Mit einem Jahr kann ich laufen. Mit eineinhalb Jahren bin ich stubenrein. Das, was ich im Töpfchen lasse, nenne ich Apu, von Abputzen – welche Erleichterung, wenn es da fein säuberlich liegt, dann
schreit Mutter nicht. Mit eineinhalb Jahren kann ich ein Foto im Wohnzimmer identifizieren: Heil Hitler. Mit zwei Jahren rede ich fließend. Jeden Abend bete ich für Papa, der im Krieg ist. Meine
Mutter fährt im Februar mit mir im eigens für deutsche Mütter reservierten Zugabteil nach Schlesien, um meinen Onkel zu besuchen. Ihr erinnert euch an den Bruder meines Vaters, der den
unglücklichen Griff nach dem Gewehr tat. Er wurde nach Schlesien ausgesiedelt, und am Kriegsende kam er den ganzen Weg von dort mit seiner großen Familie zu Fuß zurück, wobei ihm seine Ohren
abfroren. An meinem dritten Geburtstag liege ich im Bett mit Gelenkrheumatismus. Einige Monate später werden mir die Mandeln rausgeschnitten, wobei der Arzt das halbe Zäpfchen hinten im Mund
miterwischt. Als dieses Jahr der Heilige Nikolaus ins Haus kommt, bringt mir der Knecht Ruprecht eine Rute, weil ich immer so viel weine. Mutter erzählt mir, ein Brüderchen kommt bald. Doch eine
Schwester wird geboren. Ich werde ein großes Mädchen, spiele viel mit den Schulkindern. Im April 1945 sind die Engländer und Amerikaner mit Panzerspähwagen in unserer Nähe. Züge fahren nicht mehr.
Das Licht ist weg. Es gibt keine Zeitung, keine Post mehr. Und keine Nachricht von unserem Vater. Das steht im Album.
Woran erinnere ich mich? Ich habe unerträgliche Ohrenschmerzen, liege in der Dunkelheit der kleinen Kammer hinter dem Schlafzimmer meiner Eltern und schreie, forme meine ersten Worte in einer
Sprache, die niemand versteht. Ich wage nicht anzunehmen, ich gebiete meinen Ohren zu schmerzen, weil nebenan im Schlafzimmer meiner Eltern, aus dem ich verbannt bin, weil der Onkel Soldat wieder
zu Besuch ist, Dinge vorgehen, die mir entzogen sind. Ich sehe das Elternschlafzimmer mit dem Fenster, aus dem man zum Gemüsegarten hinaus sieht, und wo meine Mutter morgens die Betten macht. Als
Nachbars Opa stirbt, zeige ich ihr wie er aussieht, lege mich auf den Bettvorleger, falte die Hände auf der Brust, mache die Augen zu. An diesem Fenster wird ein Jahr später meine Mutter von einem
jungen Mann, dessen Familie bei uns wohnt, angegriffen. Meine Mutter schreit, Leute kommen angelaufen, es gibt große Aufregung. Der junge Mann wird in eine Anstalt eingewiesen.
Ich sehe das Wohnzimmer, ich sehe die Weihnachtsbäume, die in der Ecke stehen, die Krippe darunter, das klitzekleine Jesuskind. Ich sehe meine Bilderbücher. Noch heute weiß ich, wie der Herr
Frühling aussieht, der schwer an der dicken Schneedecke zieht, und darunter blühen die ersten Krokusse, wie ein Wunder. Ich sehe mich im Winter in der Küche, am Tisch vor dem warmen Herd. Es ist
sehr kalt draußen. Ich male ein Bild, habe einen Becher Milch vor mir. Ich tunke meinen Pinsel in die Milch, diese schönen Farben! Meine Mutter schreit. Ich hole unsere Milch nicht nur vom
Nachbarn nebenan, manchmal auch von weiter her. Ich hüpfe umher, hocke mich an einen Bach, halte meine Hand ins klare Wasser. Die Milchkanne fällt um, die halbe Milch fließt raus. Ich fülle sie
wieder auf mit dem Wasser des Baches. Zuhause schreit meine Mutter. Sie nimmt mich mit in den hohen, strengen Fichtenwald. Sie sucht nach Blaubeeren. Aus Versehen setze ich mich in ein
Ameisennest. Ich weine, meine Mutter schreit. Ich spaziere zwischen den Hühnern herum, strecke meine Hand nach ihnen aus, will sie streicheln, sie protestieren, hüpfen davon. Ab und zu lassen sie
etwas fallen, das hebe ich auf und stecke es in den Mund. Meine Mutter schreit auf, bohrt mir mit dem Finger im Mund herum. Ich spiele mit den Nachbarkindern. Zwischen den Ställen spielen wir, wer
am weitesten pinkeln kann. Nur wir Mädchen, im Sitzen. Im flachen, scharfen Strahl fliegt Staub auf. Die großen Jungen in der Küche des Nachbarn lieben es, mich zu hänseln. Der Hof steht voll
mächtiger Eichen. Eines Abends in der Dämmerung ist der Buhmann hinter mir her, ich sehe ihn nicht, aber er schlägt mit einem Knüppel gegen einen Baum, springt umher, schreit dabei buuuh, buuuh,
seine Stimme schlägt schreckliche Arabesken. Ich laufe schnell nach Hause, meine Mutter sagt, das ist doch nichts, ich habe jahrelang Angst vor der Dunkelheit, vor dicken Bäumen, hinter denen
Schrecken und Gefahren lauern.
Wo die große Straße nach links dreht, liegt ein wenig zurückgesetzt, fast versteckt, ein flacher Bauernhof mit dem schönsten, größten Blumengarten. Es muß Frühling sein. Ich bin das kleine
Mädchen, das zwischen Reihen und Reihen hoher blühender Rhododendron in Extase sich verliert.
Die Straße zur anderen Seite hinunter, da ist ein kleiner Kolonialwarenladen. Dort hocke ich mich hin, sehe mir die bunten Blumen an, die dort blühen, pflücke köstliche Bonbons, die
wunderbarerweise auf ihnen wachsen, stecke sie in den Mund.
Die größeren Kinder der Schule spielen mit meinen langen blonden Locken. Ich rühre mich nicht. Diese Wonne, von jemandem zart berührt zu werden.
Irgendwo, mitten im Wald, ist eine Burg. Das ist ein großes Haus, ganz von grünen Wassergräben umgeben. Riesige alte Bäume überschatten einen Innenhof, wo eine kleine Kapelle steht, in der im Mai
jeden Abend eine Maiandacht abgehalten wird. Wenn ich unsere kleine Straße weitergehe, muß ich links in einen Feldweg einbiegen, um zur Burg zu gelangen. Ich gehe ihn oft allein, links und rechts
wächst viel Flieder, der duftet so himmlisch wie die kühle Kapelle, die damit geschmückt ist. Nach einer Weile trete ich in einen hohen Buchenwald, in dem süß Vogelgesang widerhallt.
Doch an der Wegbiegung ist ein kleines Haus. Auf dem Wiesenstück hinter dem Haus, inmitten von Obstbäumen, habe ich eine seltsame Begegnung. Der Sohn der Frau, die dort wohnt, ich weiß nicht wie,
hat mich auf die Wiese gelockt. Er spielt mit mir, kitzelt mich, packt meine Füße mit einer Hand, zieht sie in die Höhe, mit der anderen Hand spielt er mir zwischen den Beinen. Es fühlt sich
angenehm an, doch ich weiß, das darf er nicht tun. Guck mal, deine Mutter kommt, rufe ich ihm zu. Er dreht sich um, läßt mich los und ich laufe weg. Nie werde ich es meiner Mutter erzählen. Ich
weiß schon, das ist etwas, das nicht passieren darf. Meine Mutter kann mir dabei nicht helfen.
Schon früher habe ich mein erstes sexuelles Erlebnis. Wie mein Album meldet, ist den ganzen Krieg über unser Haus überflutet von Verwandten und anderen vor dem Krieg Flüchtenden. Jeden Sommer
nimmt meine Mutter ein Ferienkind auf. Unser Haus liegt verborgen hinter einer dicken Buchenhecke, auf der anderen Seite der kleinen Straße ist die einklassige Schule und ein kleines Klogebäude.
Dort sind zwei Klos ohne Türen, der Sitz, ein Brett mit einem Loch, Sitz und Wände sind mit Exkrementen beschmiert. Unser Ferienkind, ein Stadtkind meines Alters, drückt mich auf den von der Sonne
erwärmten Zement des Eingangs, dann steckt sie ein Stöckchen zwischen meine kleinen Schamlippen. Aber das ist nicht das erste Mal, daß ich Lust und Wunder des Lebens kennen lerne. Auf den Weiden
stehen Pferde, die lange schwarze Röhren aus dem Bauch hängen haben, und einem anderen Pferd auf den Rücken steigen wollen. Und einmal sehe ich beim Kolonialwarenhändler einen Mann, der seinen Arm
bis zur Schulter im Hinterteil einer Kuh stecken hat.
Wie in meinem kleinen französischen Aufsatz beschrieben, ist an unser Haus eine kurze Scheune gebaut. Nach Albumbericht und Fotos hat meine Mutter immer ein Schaf, Gänse, Enten und Hühner, was ihr
ermöglicht, Familie und Gäste zu ernähren. Auch ein Schwein. Das ist verboten. Wir haben Kriegswirtschaft, jeder kriegt seine kleine Ration auf Marken. Das heimliche Schwein frißt Kartoffelschalen
und trinkt unser Abwaschwasser. Einmal im Jahr ist Schlachttag, ein Bauer kommt ins Haus, mit seinem schwarzen Knüppel schlägt er das Schwein vor den Kopf, damit es nicht laut in Todesängsten
quietscht und sticht ihm mit einem langen Messer in den Hals, das dunkelrote Blut läuft raus wie aus dem Wasserhahn und meine Mutter fängt es mit dem Eimer auf. Dann sind alle unter ihrer
Anleitung tagelang tätig, es in eßbare Stücke zu zerlegen, einzumachen, zu Wurst zu verarbeiten. In einer Mondsommernacht hat meine Mutter kurz nach dem Schlachten ihre weiße Bettwäsche zum
Bleichen hinter dem Haus auf dem Gras ausgebreitet. Diebe brechen in den Keller ein, wo die auseinandergenommenen Teile des Schweins lagern, schlagen sie in die so günstig bereitgelegte Bettwäsche
und machen sich davon.
Unser Klo ist ein Plumpsklo und befindet sich am äußeren Ende der Diele. Wie üblich besteht es aus einem glatten Brett mit einem Loch. Wenn man in einer Winternacht in Nachthemd und Holzschuhen da
rauswandern muß, ist das nicht lustig. Während eines sehr strengen Winters gefriert das, was ins Klo plumpst, sofort. Am Ende sehe ich drinnen im Loch einen riesigen Kackehügel, der bis an meinen
kleinen Popo reicht. Eine andere Begegnung mit der „conditon humaine“: ich weine, ekele mich, während mein Körper sich erleichtert.
Ich habe nicht viel vom Krieg bemerkt. Es steht eines Tages ein Bunker vor der Schule, ein Erdhügel, in den wir bei Fliegeralarm schlüpfen. Ich sehe von der Straße aus einen riesigen Pilz in den
Himmel wachsen und wundere mich, daß auf der Wiese vor mir ein Mann glatt umfällt. Ein Zug beladen mit Munition, acht bis zehn Kilometer von uns entfernt, war von alliierten Flugzeugen beschossen
worden und in die Luft gegangen. Einige Monate später fallen die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki.
Es kommt mir so vor, als hätte meine Katze die ganze Nacht geschrien. Immer wieder schrie sie entweder laut oder wimmerte vor meiner Tür. Endlich stehe ich auf. In ihrem Klo liegt ein Häufchen.
Vielleicht will sie mir sagen, daß ich es wegräumen soll. Vielleicht hat sie Hunger. Ich gebe ihr ein wenig kaltes Hühnerfleisch. Vielleicht hat sie Schmerzen. Jetzt höre ich sie nicht mehr. Ich
bin ganz still. Fast kann ich es nicht glauben.
Die alte chatterbox Gore Vidal hat auch was zum 3. Jahrtausend zu bemerken. Er erzählt von Kaiser Otto III und seinem Papst Sylvester II, als diese ins 2. Jahrtausend traten, das sie
richtunggebend zu bestimmen dachten. Otto wurde Kaiser mit sechzehn, war sehr von sich eingenommen und nachdem er in Aachen gekrönt worden war, brach er das Grab Karls des Großen auf, um ihm einen
Kollegenbesuch abzustatten. Der tote Kaiser saß auf seinem Thron, sah noch ganz gut aus, nur ein bißchen Nase war ihm abgebrochen. Seine Fingernägel waren weitergewachsen, durch die Handschuhe
hindurch, so schnitt Otto sie ihm ehrfurchtvoll ab und brachte auch sonst Ordnung in seine kaiserliche Aufmachung. Mit 22 starb Otto an Pocken, so wurden seine Pläne zunichte. Dann spricht Gore
Vidal vom Neapolitaner Vico, dem Vorläufer moderner Philosophie, der die Geschichte der Menschheit in Zyklen verlaufen läßt, dessen letzte aus Chaos und Barbarei bestehen, und in denen wir uns,
nach ihm, gerade befinden. Die zweite Stufe der Barbarei, welches das Menschenalter abschließt, besteht aus einem Übermaß an theoretischen Überlegungen und der Vorherrschaft der Technik. Der
Mensch wird schwach und feige, er glaubt an nichts mehr, Verleumdung nimmt überhand, jeder versteckt seine inneren Absichten hinter Heuchelei und falscher Unterwürfigkeit. Angst herrscht. Familien
verstecken sich in Schutzburgen, die Wüsten der Seele sind. Für Schutz und Obdach sind sie zur ärgsten Versklavung bereit. Geld ist das einzige was zählt. Nach Zerstörung aller Werte fängt ein
neues Zeitalter an, eine neue Gottesherrschaft. Will the next god be a computer? fragt Gore Vidal.
Mein Mann hat gerufen. Er hat meinen Namen gerufen. Er hat mich mit Namen gerufen. In meiner Einsamkeit war es mir, als hörte ich ein altes Lied, das man in der Dämmerung singt, oder jemand steht
im hellen Türrahmen, ruft, komm’ nach Hause, und das ist wie der liebende Ruf des Lebens. Es klang mir seltsam. Ich wurde sehr traurig. Mein Mann rief mich zum Fernsehen.
Auf zwei Sendungen kann ich auch jetzt nicht verzichten. Die eine ist eine Mafia Komödie, die nicht in New York, sondern in New Jersey spielt. Dscheuissi, sagen die Leute dort mit diesem
spezifischen Akzent, wenn sie italienischer Herkunft sind. Stoßen vorn mit der Zunge gegen ihre Zähne. Ihr kennt diesen Akzent aus dem „Godfather“. Jeder machte ihn nach, auch Brando. Dscheussi
ist besser als New York, nicht so viel Konkurrenz. Eine kleine Familie. Aber der Boss hat plötzlich Panikattacken und wird ohnmächtig. Dad, sagt die Teenage-Tochter zu ihm, don’t lie. Everybody
knows what you do. Seine alte Mutter ist ein absolutes Scheusal, setzt ihm zu. Der Mann kriegt Zustände. Er geht heimlich zu einem weiblichen „shrink“. Ein shrink ist der Psychoanalyst, der einem
den Kopf zurechtstauchen, das Ego zusammenschrumpfen muß. Eine unmögliche Sache, das verstößt gegen das virile Gesetz der Mafiosi.
Die andere Serie ist „I love Lucy“, eine vierzigjährige, wöchentliche Slapstickkomödie in schwarzweiß, die ich von früher kenne und jetzt aufzeichne. Sie gehört zur Zeit, als ich jünger war und in
Hollywood lebte.
Mein Mann weiß das. Hinter unseren unordentlichen Gefühlen bleibt ein Rest seltsamer Beständigkeit, eine winzige Flamme, die jede zeitweilige Verstimmtheit überlebt. Ich war traurig, weil ich
nicht zu ihm ging, als er mich rief. Die Serie „The Sopranos“ war zuende. Als die letzte Folge ablief wußte ich es. Alles war voller Pathos, der mafiose Vater saß mit seiner Familie in einem
Restaurant, erhob sein Glas Wein, trank auf die guten Zeiten im Leben. Ganz gewöhnliche Leute.
Wenn ich abends koche und mein schweres Gemüsemesser benutze, das keine Spitze mehr hat, muß ich an jenen Tag denken, wo es beinahe schief gegangen wäre. Es ist vielleicht zwei Jahre her, die
Zeit, als mein Mann nur Champagner trank, dreißig Mark die Flasche, drei vier Flaschen am Tag. Ich ließ den Champagner kistenweise kommen, denn das war immer noch billiger, als wenn er ihn sich
unten beim Araber holte, der im Schnitt bis zu 50 Prozent teurer ist als der gewöhnliche Handel. Ich fühlte unsere diversen Konten auftrocknen wie Champagnerlachen in der Julisonne. Mich platen
die Sorgen, was tun, wenn das Geld zuende ist. An jenem Tag war ich dabei, meinem Mann „bacon and eggs“ zu braten, nachdem er sich zum Aufstehen bequemt hatte. Er kam in die Küche, machte den
Kühlschrank auf, um sein großes Wasserglas mit Champagner zu füllen. Vielleicht sagte ich sowas wie, muß das sein vor dem Frühstück, auf einmal wurde er sehr wütend. Sein Gesicht schwoll rot an,
er brüllte mit seiner gewaltigen Stimme, beschimpfte mich, ich sollte abhaun, ich sollte ihn in Ruhe lassen, er würde mich sonst umbringen. Da überkam mich der Jähzorn, ich griff dieses große
Küchenmesser, hielt es mit gestreckten Armen zwischen uns hoch wie der pathetische Mörder, der zustoßen will, ihr kennt das aus Filmen oder vom Theater, der Täter muß noch viel reden, sich
erklären, bevor er seinem Affekt nachgibt, ich schrie, dann tu´s doch, bring mich um, hielt es immer noch in die Höhe, sekundenlang, ich wollte es irgendwo hineinfahren, konnte mich nicht
entscheiden, in ihn, in mich, mein Kopf arbeitete schnell, ich war entschlossen, es ging nicht (this horrible mess afterwards), und stieß es schließlich mit aller Kraft in den Fußboden. Die Spitze
des Messers brach ab, da unter dem Linoleum Zementboden ist. Dann schrie ich wild, fuchtelte mit meinen geballten Fäusten vor seinen erschreckten Augen herum, und er stammelte, du bist krank, du
gehörst in eine Klapsmühle, du bist verrückt, während ich schrie, Schluß, stop it, fuck you, stop insulting me. Er ging mit seinem Glas ins Schlafzimmer und ich machte weiter mit dem Frühstück.
Dann setzte er sich vor den Fernseher. Ich stellte ihm das Frühstückstablett auf die Knie. Er sagte: Please excuse me for my bad humour. Er fing an zu weinen. All I want is that you respect me.
Danach war er eine Zeitlang wie ausgewechselt. Als hätte mein Wutanfall ihn aus einem bösen Traum geweckt. Er stand früher auf, interessierte sich für Dinge, redete zivilisiert mit mir, saß nicht
mehr so erloschen vor der Glotze, er wusch sich, zog sich an, ging aus, nicht zu lange, betrank sich nicht zu arg. Unser Umgangston war normal, höflich und nett. Bis ihn wieder der Teufel packte.
Vielleicht ist ein wütender Ausbruch die ihm angemessene Behandlung. Nur müßte ich einen Weg finden, mich selber emotional draußen zu halten und alles nur wie ein Theaterstück in Szene zu setzen.
Ich halte einen Mittagschlaf. Es überkommt mich wegen all der vermißten Nachtstunden, wenn die Katze mich nicht schlafen läßt, und ich möchtte einen kleinen Moment süßes Nirwana. Ich lege mich
auf’s Bett, breite Plaids über meine Beine, über meinen Oberkörper. Ich lese. Im gegebenen Moment lasse ich das Buch sinken, schließe die Augen, hoffe, die Katze kommt nicht in den Flur. Mein
Zimmer befindet sich auf dem Verknüpfungspunkt von Vorder- und Hinterhaus. Mit dem Kopf liege ich nach Norden, zum Vorderhaus hin. Rechts von mir sind Flur und Aufzug. Die äußere und innere Tür
des Aufzugs sind aus Gußeisen und funktionieren selbstschließend mit Federn, so fallen sie für gewöhnlich mit heftigem Knall zu, der sich anhört wie zwei schnelle Pistolenschüsse. Hinter meinem
Kopf ist die Eingangstür meiner Nachbarn. Wenn sie die Tür auf- und zumachen, vibiert meine Wand, und es ist als schlügen sie mir die Tür vor den Kopf. Gleich daneben ist ihr Flur mit
Wandschränken, in den sie ihre Mäntel hängen. Idem. Links von mir, hinter einer 70 Grad Wand, ist das Klo meiner Nachbarn. Idem. Daneben ist ihre Küche. Wenn ich russisch spräche, könnte ich meine
Nachbarn verstehen. Ich liebe meine Nachbarn, sie sind meine Freunde. Ich sage ihnen nicht, wieviel ich höre. Sie sollen sich nicht in ihren Lebensäußerungen von mir behindert fühlen. Diese Wand
ist so dünn: als die Küche eingerichtet wurde, durchbohrten die polnischen Handwerker sie an zwei Stellen.
Die Etage über mir ist meine Folterkammer. Dort wohnt eine Familie mit zwei jetzt heranwachsenden Mädchen. Seit langem haben die Eltern alle Macht über ihre Töchter verloren. Der Vater ist
Universitätsprofessor, trägt Brille und einen ungestutzten Bart, durchquert Paris zur Arbeit auf einem sehr alten Motorrad. Er sieht mich mit aufgerissenen Augen durch seine dicken Gläser an und
sagt „mais je ne peux rien faire“, Betonung auf jedem Wort. Die Wohnung nimmt fast die gesamte Fläche der oberen Etage ein, läuft in alle Richtungen, man könnte sagen, jeder wohnt in seinem
eigenen Flügel. Um mich herum ist das gelegentliche, doch eindringliche Rauschen von gleich zwei Toiletten, wenn nicht drei. Die Leute leben sehr unkonventionell, alles steht und liegt irgendwie,
irgendwo herum, es gibt vor allem keine Teppiche. Der Rest interessiert mich nicht. Aber es liegt nirgends ein Teppich auf ihren Böden.
Der Square ist ein Billigbau. Die Außenwände bestehen aus einer Mischung von Beton und Kohlenstaub, verstärkt mit Eisenstäben. Der Kohlenstaub kommt aus den Minen und wurde in den dreißiger Jahren
dem Baumaterial, wahrscheinlich aus Kostengründen, beigemischt. Wenn man ein Loch bohrt, was ich oft getan habe, läuft schwarzer Staub heraus, und häufig trifft der Bohrer auf einen der
Eisenstäbe, und ich kann ihn nicht weitertreiben. Die Innenwände sind aus Gips. Leicht zu bohren, doch lärmdurchlässig und feuchtigkeitssaugend. Die Böden sind natürlich auch aus Beton, die
Parkettdielen liegen direkt darüber.
Von oben höre ich jeden Schritt, manchmal ist es, als stampfte dort eine kleine Menschenmenge herum, werden Möbelstücke über den Boden geschleift, finden Handgemenge statt, die Türen sind
Falltüren. Ich bin wie in einem Horrorfilm, kann nur nicht sehen, was passiert. Die zwei Mädchen können die Wohnung nur laufend oder hüpfend durchqueren. Hup di hup di hup, ihr wißt ja wie man das
macht. Und die Frau zieht sich um acht morgens schon hochhackige Schuhe an und hackt über meinem Kopf auf dem Parkett herum. Sie geht mir bis zu den Schultern, da hat sie guten Grund sich ein
wenig zu erhöhen, aber warum morgens, wenn sie niemand sieht? Und der Mann, dieser Sanfte, der nicht gegen seine Familie ankommt, auch er ist klein, hat den ausholenden, schweren Gang dessen, der
sich mehr Gewicht geben will.
So versuche ich meinen Mittagschlaf zu halten, mich zwischen den verschiedenen Lärmquellen kurz in den Schlaf zu quetschen.
Mein Vater ist nicht in russischer, sondern in britischer Kriegsgefangenschaft. Da er kein Frontsoldat ist, kann er rechtzeitig Rußland verlassen und hat vor der deutschen Kapitulation mit dem
Rest der Armee noch einige Wochen in Ostpreußen ausgeharrt, dann das letzte Schiff am Haff in Richtung Dänemark erwischt, wie eine meiner Schwestern wußte. Dort ist er von den Briten empfangen
worden, die ihn in ein Gefangenenlager für Offiziere in Neuengamme bei Hamburg steckten.
Mein Vater hat, wie die meisten Männer, nie die Kriegsjahre, die er in Rußland verbrachte erwähnt, sie gähnten wie ein großes Loch in seinem Leben; jedoch die Fotos, die er damals seiner Frau
schickte, und die noch jetzt in unseren Alben kleben, zeigen ihn in adretten, scharfen Uniformen vor seiner Ölmühle, im Schnee mit bis zum Boden reichenden Fellmantel, von der Jagd kommend einen
toten Hasen vorzeigend, auf Festen, beide Arme voller Frauen. Mein Vater sprach ganz gut russisch; ich erzähle meinen russischen Freunden, ich habe vielleicht irgendwo in Rußland eine
Halbschwester, einen Halbbruder, damals von meinem Vater gezeugt. Vor vielen Jahren zeigte meine Mutter mir das Tagebuch, das mein Vater in britischer Gefangenschaft geschrieben hatte, und da ich
die Sütterlinschrift nicht entziffern konnte, las sie mir einige Stellen daraus vor. Es hatte damit zu tun, wie schlecht die Briten die Kriegsgefangenen behandelten. Das ist bestimmt wahr, aber
ich frage mich, warum mein auf hohem moralischen Roß trabender Vater, der bestimmt Kenntnis der von den Nazis verübten Verbrechen hatte, wenn nicht gar mit ihnen in irgendeiner Form in Berührung
kam, von der Ungerechtigkeit der Anderen, der Feinde, Zeugnis ablegen wollte. Sagte er, ich bin nicht schuld am Gang der Geschichte? Oder sagte er, ihr habt auch Dreck am Stecken?
Es ist schwer das Bild von Eltern, die nie ein Innenleben zeigten, objektiv, ohne Vorurteile und dunkle Vergeltungsgedanken zu zeichnen, denn, genährt von der Religion, steckt das Idealbild der
perfekten Eltern archetypisch in unseren Neuronen und nicht nur können unsere Eltern keinem Vergleich standhalten, wir verurteilen sie eben deswegen, es sei denn, wir können uns ihnen in
kindlichem Vertrauen, später mit menschlicher Sympathe nähern.
Es gibt einen alten Brief, den mein Vater an meine Mutter vor ihrer Heirat schrieb, wo seine Seele, seine tiefe Essenz zum Vorschein kommen:
„Heute habe ich einen meiner elegischen Tage. Ich bin so allein, keiner ist um mich, keiner kümmert sich um mich, nur in der Ferne weilen die einzigen Menschen, die ich liebe, die mich lieben. Da
werde ich wieder zu einem schwärmerischen Jüngling, wie ich es früher einmal war. Es ist doch etwas Schönes um Freundschaft und Liebe. Ich mußte Dir einmal einen solchen Brief schreiben. In mir
gärt und kocht es noch. Ist es ein Zeichen von Unruhe, Unbeholfenheit, Unvermögen oder ein Zeichen mangelnden Selbstvertrauens?
Ich möchte so gern etwas Vernünftiges zu Wege bringen, aber die Ausführung ist noch nicht der Wunsch. Bald fängt man bei diesem an, bald bei jenem und man kann sich nicht entscheiden, was man
endgültig in Angriff nehmen will. Man fürchtet die Kritik der Welt, die unser Werk vielleicht abfällig beurteilen könnte. Man hat auch zu wenig Menschen, die einem mit Rat und Tat und auch mit
Ermunterung zur Seite treten könnten. Ich muß sagen, in vorigen Jahren war ich zielbewußter, gesammelter trotz der größeren Menge Arbeit. Manchmal glaube ich auch, zu zaudernd, zu ängstlich zu
sein. Man müßte mehr Draufgänger sein und mehr wagen. Vielleicht wird es besser, wenn ich Dich und Du mich haben werden. Du mußt mich immer wieder aufmuntern und antreiben, etwas zu schaffen. Das
ist Deine Aufgabe. Ich habe den einen Fehler. Ich kann keinen Mißerfolg ertragen, ohne mutlos zu werden. Liebling, hilf mir oft darüber hinweg. Wann ich zu Dir komme weiß ich noch nicht.“
Als ich diesen Brief las, war ich sehr verwirrt. Dieser empfindsame, junge Mann war der Vater, den ich nie kennengelernt hatte. Als er in mein Leben tritt, bin ich fast sieben, er ist gezeichnet
von Dingen, die er nie ausspricht. Ich kann nur raten, wann er sich aufgegeben hat. Vielleicht während des Krieges, den er jedoch relativ priviligiert erlebt hat, vielleicht in der Demütigung
seiner Gefangenschaft, vielleicht früher, als sein Leben als armer Schulmeister seine definitve Form mit Frau, Kindern, Verantwortung annahm, und er sein Selbst im Schreiben suchte, doch immer im
Mittelmaß steckenblieb. Wenn er seine Innerlichkeit verraten, seine Intelligenz und sein Image verkauft hatte wie jeder Hinz und Kunz, sich feige der Konvention auslieferte, sich enge Rahmen
gesetzt hatte, war das, um sich vor zu großen Enttäuschungen zu schützen. Natürlich hat er nie Ermutigung bei seiner Frau gefunden, er fühlte sich allein, hatte Angst vor der Welt, hat sie dann
quasi an den Grenzen seines kleines Landes, wo man seinen Glauben hatte, seine Sprache sprach, aufhören lassen, außerhalb war alles Teufelswerk.
Ich wachse inzwischen auf, werde sechs. Meine Mutter beschließt, mich noch nicht in die Schule zu schicken, ich sei zu zart. Ostern 1947 trete ich endlich mit der Schultertasche, in der die
Schiefertafel hüpft, in den Klassenraum, wo all die Jahre ein älterer Lehrer unterrichtet hat. Ich liebe die Schiefertafel, denn endlich bin ich groß. Ich kann darauf herummalen, kann alles wieder
wegwischen, ich spucke einfach tüchtig auf die Tafel und wische sie mit dem Schwamm ab. Noch heute kenne ich den Geruch, den Speichel mit Kreide vermischt abgibt, er ekelt mich, aber der grobe
rote Schwamm, der am Ende des Bindfadens an meiner Tafel baumelt, trocknet so schnell aus. Zu Hause zeigt meine Mutter mir das Alphabet. Ich male alles schön nach. Dann komme ich in die Klasse und
zeige voll Stolz, daß ich schon schreiben kann. Doch ich muß alles auslöschen, es gibt die Sütterlinschrift nicht mehr. Ich schäme mich. Mein Vater ist noch nicht da. Er hat eine Stelle an der
Schule eines entfernten Ortes, wo er bei einem Bauern wohnt, er kommt manchmal am Wochenende mit dem Fahrrad angefahren, wie ich in alten Briefen lese. Als die neuen Behörden seinen Fall
studieren, stoßen sie auf den Namen seines Schwiegervaters, das rettet ihn vor der Entwürdigung einer anderen kleinen Stelle. Ihm wird die Schulleiterstelle in einem mittelgroßen Dorf im
Nachbarkreis zugewiesen. Hier ist, was er selber voll Entsetzen, mit altmodischem Pathos und selbstgerecht und mehrdeutig, wo es um die Haltung der Lehrerschaft gegenüber dem Nationalsozialismus
geht, was ich dann mit der Zeit als allgemein gültig für den Großteil der Deutschen anzusehen gelernt habe, dazu schrieb (von mir leicht gestrafft):
„Über das deutsche Vaterland ist der Kriegssturm dahingebraust. Noch liegt alles in hoffnungsloser Ermattung und Lethargie. Welche Wunden der Krieg uns schlug, welche Schäden er uns verursachte,
läßt sich nur erahnen. Die Größe der Katastrophe wird vom Volke nicht einmal erkannt. Die Hoffnung, die Grundbedingung des Lebens, ist uns zerschlagen. Für eine unabsehbare Zeit haben wir nur
Aufbauarbeit zu leisten, und wer weiß ob wir je wieder an dem Punkte stehen können, an dem wir beim Ausbruch des Krieges standen...
Zugegeben, die Mehrzahl der Lehrer war nationalsozialistisch – Lehrer nehmen es mit der Gesinnung ja meistens todernst – doch haben sie nicht gewollt und angestrebt, was eine verbrecherische
Regierung ausführte. Sie haben in eifrigem Schulmeisterstreben die Ideale verfolgt, die man ihnen so wunderbar vorzugaukeln verstand. Sie hatten die politische Überzeugung des kleinen beschränkten
Bürgers, der nicht imstande ist, hinter die Kulissen zu sehen. Es war für sie eine anständige und ehrliche Überzeugung. Für die sollten sie nun in dieser unerhörten Weise bestraft werden.
Am 30. April 1947 erhielt ich in I., im Dämmerschein des Abends einen blauen Brief vom Staatsministerium. Versetzung nach L. Seit Weihnachten war ich wieder im Schuldienst. Ich hatte die Schule in
H. verwaltet. Es war die fünfte Versetzung in diesem Vierteljahr. Die Umstände waren derart, daß ein Losreißen vom Boden, in dem man verwurzelt war, nicht gerade verlockend erschien. Auch war mir
eine Versetzung nach L., das in den südlichen Teilen des Landes in nicht gerade gutem Ruf stand, unsympathisch. Am 2. Mai sollte ich schon in der Schule stehen. Ich fuhr am 2. Mai nach O., um die
Versetzung rückgängig zu machen. Der Herr Regierungsschulrat zeigte sich nicht von der gnädigsten Seite, und da ich keinen wesentlichen Grund anzugeben verstand, wurde ich aufgefordert, meinen
Dienst in L. sofort anzutreten.
Am 2. Mai 1947 nachmittags traf ich in L. ein. Das trübe Regenwetter, die verwüstete Schule und die Umgebung ließen gerade keine rosige Stimmung aufkommen. Es waren an der Schule fünf Lehrkräfte
tätig, und etwa 270 Kinder besuchten sie.
Der Krieg hatte auch in L. seine Spuren zurückgelassen. Das war besonders sichtbar an der Schule. Evakuierte, Flüchtlinge, deutsche Soldaten, englisches Militär, polnische Zwangsarbeiter,
polnische Soldaten in englischem Dienst, Ferienkinder u.a. hatten in der Schule oder in ihrer Nähe gehaust. Die Wände waren stehen geblieben, alles übrige war demoliert, zerschlagen, verbrannt
oder verschleppt. Und was etwa die Einquartierung übriggelassen hatte, hatte in jenen Wochen der Unvernunft und Sinnlosigkeit die Dorfjugend zertrümmert und verschleppt. Auf dem Schulhof waren die
Panzer und Kraftwagen umhergerast und hatten ihn verwüstet. An der Nordseite der Schule lagen zwei ungeschlachte Eisengerüste, mit einer Grube für die Reparatur von Panzern und Autos. Unter den
Eichen stand eine Wellblechbaracke in unordentlichem Zustand. Neben der Schule lagen Zementrohre und große Steine wild durcheinander. Der angrenzende Garten der Firma B. war in ähnlich trostlosem
Zustande. Der Zaun war zertrümmert und der Garten verwildert und verwüstet. Die Mauer um den Pfarrhof war ähnlich zugerichtet. Torfstall und Abort boten einen unbeschreiblichen Anblick. Lehrer L.
war es gelungen, drei Klassenzimmer in Betrieb zu nehmen. In diesen drei Räumen war die Mehrzahl der Fensterscheiben bereits wieder eingesetzt. Im vierten Raum sah es noch wüst aus. Die Scheiben
fehlten, überall lag Dreck und Moder. Es mußte ein gründlicher Aufbau gemacht werden, sollte die Schule betriebsfertig und menschenwürdig werden. In normalen Zeiten wäre das eine leichte Sache
gewesen. Bei der Wertlosigkeit des Geldes aber schien es unmöglich, die Reparaturen durchzuführen. Der Mangel an Material war in jeder Branche erdrückend...Und wie war erst das Innere der Schule!
Ein Pult fehlte, eins war nur halb vorhanden. Die Wände waren zerkratzt, verschmiert, beschmutzt, die Lichtleitungen heruntergerissen, hingen halb an den Wänden nieder. Die Wandtafeln fehlten oder
waren nicht benutzbar. Stühle für die Pulte fehlten. Die Türen schlossen nicht, die Wände hatten Löcher. So wären noch viele Dinge aufzuzählen...
Das geistige Niveau der Kinder entsprach in vieler Hinsicht den äußeren Verhaltnissen... Die Kriegsjahre mit ihrer angstvollen, nervösen Unruhe, mit den ewigen Fliegeralarmen hatten eine
gedeihliche Entwicklung nicht aufkommen lassen. Das Wissen der Kinder wies große Lücken auf...Charakterlich ergab sich, daß die Jugend, ähnlich wie die Erwachsenen, in einem gewissen lethargischen
Zustand eben in den Tag hineinlebte, ohne sich mit besonderem Streben um die sittlichen Inhalte des Gehorsams, der Achtung des Eigentums, der Treue, der Wahrhaftigkeit usw. zu kümmern...
Da bei der Schule in L. keine Lehrerdienstwohnung vorhanden ist, war für meine Familie eine Privatwohnung bei der Firma B. bereitgestellt worden. Der zur Verfügung stehende Raum war zwar nicht
übermäßig groß, die Wohnung aber recht gemütlich und mit einem gewissen Komfort wie Heizung, Wasserleitung und Bad eingerichtet. Sie liegt sehr günstig gerade der Schule gegenüber. Ein großer
Nachteil war, daß kein Garten vorhanden war. Nach vielem Hin und Her erklärte sich der Pfarrer bereit, mir für das erste Jahr ein Stückchen Land von etwa 200 qm als Gartenland zu überlassen...
Am Tage vor Fronleichnam zog von Westen her ein furchtbares Unwetter heran. Das Getreide stand herrlich auf dem Halme, die Gärten waren in Pracht und Blüte. Da schlug das Unwetter zu. Hagel,
eigroße Schlossen knallten auf die Dächer, an die Fensterscheiben, hieben in die Gärten und Äcker. Hinter jeder Gardine lauterten bange Gesichter. Nur eine Viertelstunde tobte das Unwetter, aber
die Hoffnung eines Jahres war vernichtet, die Arbeit eines Jahres vergebens... Am Fronleichnamstag zog die Gemeinde traurig durch die gewalzten Äcker...
In der Schule galt meine erste Sorge der Instandsetzung des Schulgebäudes. Mit List und Überredung, mit häufigen Appellen an das bekannte gute Herz, mit immer wiederholten Mahnungen mußten die
Handwerker herangeholt und die Bevölkerung dafür gewonnen werden, für die eigene Schule etwas zu tun. Die Gänge, die ich in in den Angelegenheiten der Schule gemacht habe, lassen sich nicht
zählen....“
Ihr wißt jetzt, wohin wir zogen, habt zur Kenntnis genommen, daß wir fließendes Wasser haben, ein Klo mit Wasserspülung und eine Badewanne. Und einen Garten auf dem Friedhof. Von den Zerstörungen,
von denen mein Vater berichtet, sehe ich nichts. Am Umzugstag ist der Platz vor dem Geschäft der Firma B. voller Schaubuden und Karussels, die für die Kirmes aufgestellt werden, um mich herum lädt
man aus, stellt auf, Kinder laufen hin und her. Das Wetter ist sonnig. Da ist ein Mädchen mit ganz langen Zöpfen, sie heißt Brunhilde. Sie ist meine erste Freundin.
Bei der Familie B. wohnen wir über fünf Jahre. Alles ist ein wenig eng. Unsere Küchen stoßen aneinander wie auch unsere Wohnzimmer. Diese sind durch eine zugestellte Doppeltür getrennt. Zu
Weihnachten singen wir mit Klavierbegleitung meiner Mutter zuerst auf unserer Seite, packen unsere Geschenke aus, dann gehen wir durch den Laden der Familie B. in ihre Stube und singen noch einmal
dort alle zusammen. Der Vater der Familie B. fiel am letzten Kriegstag. Tante Tina, wie wir die Mutter nennen, hat eine wunderbare Mezzosopranstimme, die sich in der Kirche gewaltig über das
allgemeine Gesinge hebt. Neben unserer Küche ist das Elternschlafzimmer, in dem ich oft tagsüber im Bett liege, weil ich wieder einmal krank bin. Wir drei Mädchen schlafen mit unserer Großmutter,
wenn sie bei uns ist, in einer ganz kleinen Dachkammer, in der nur unsere vier Betten Platz haben. Das Bad teilen wir uns mit den B.s. Es gibt zwei Söhne, einige Jahre älter als ich, der jüngere
spielt Rhapsodie in Blue auf dem Klavier, er ist ein Naturtalent. Wir sind bei Tante Tina fast ebenso zu Hause wie in unserem eigenen Heim. Dort fängt der Unfriede an.
Meine Mutter zankt sich mit der Großmutter. Sie hat jetzt drei Kinder, es ist ihr alles zu viel. Sie, die sich so tapfer durch den Krieg gekämpft hat, mit all den vielen Menschen, die bei ihr
Zuflucht suchten, ist jetzt unzufrieden. Nichts paßt ihr. Sie wohnt bei fremden Leuten, der Garten ist weit weg, nichts ist angebaut, sie kennt niemanden. Eine unbekannte Dorfgemeinschaft steht
ihr gegenüber. Ihr Mann ist fast nie da. Er ist nicht mehr der junge Mann von vor dem Krieg. Sie sind beide älter geworden, aber nicht zusammen. Das Geld reicht nicht, es gibt nichts zu kaufen.
Die Kinder haben Läuse. Undsoweiter. Doch die Wohnung steht, wird in Ordnung gehalten, niemand leidet Entbehrungen. Tante Tinas im Krieg zerstörter Ziergarten vor dem Haus, in dem wir oft spielen,
bekommt einen neuen Zaun und wird im ersten Jahr ein Lupinenfeld. Von den Amerikanern gestiftete Schulspeisung wird ausgeteilt, wir Schulkinder laufen durch das Eichenwäldchen zum Nachbarhaus, wo
ein paar alte, wohltätige Fräulein wohnen. Im Hauseingang steht ein Kochtopf, riesig wie ein Faß, aus dem sich jeder eine Kelle voll zu essen holt, und manchmal gibt es eine Tafel Milchschokolade.
Wir Kinder laufen im Dorf herum, gewöhnen uns ein. Die Kleinste hängt meiner Mutter noch am Schürzenzipfel. Ich gehe in die Dorfschule, meine Lehrerin ist Fräulein A., eine alte Tante. Schon über
fünfzig. Sie hört schlecht. Sie war Haupt der NS-Frauenschaft, doch es herrscht Lehrermangel, sie wurde wieder eingestellt.
Mein Vater versucht meiner Mutter zu helfen. Er findet ein Hausmädchen, ein junges Ding aus einer der umliegenden Bauerschaften, sie soll meiner Mutter im Haushalt helfen. Das Mädchen hält es
nicht aus. Sie kann meiner Mutter nichts recht machen. Sie ist nur ein Bauerntrampel, meine Mutter ist eine Hochdeutsche, hat Haushalt in einer vornehmen Schule gelernt. Mein Vater findet ein
zweites, ein drittes. Das zweite Mädchen holt sich einen Sonnenstich im Garten auf dem Friedhof. Sagt es und geht. Das dritte verschwindet bei Nacht und Nebel. Mein Vater zuckt mit der Schulter.
So ist unsere Mutter eben. Jetzt ist sie allein. Und sie kocht und macht ein, putzt, schrubbt, näht unsere Kleider, läuft die Treppe auf und ab, wäscht die Wäsche am Montag, kocht sie im großen
Kessel, stampft sie, spült sie, hängt sie auf, jede Woche bei jedem Wetter. Sie geht nicht ins Dorf. Wenn sie Zucker oder Mehl braucht, schickt sie mich zum Kaufmann. Der Kaufmann ist Brunhildes
Vater. Butter stampft sie selber, Fleisch und Gemüse sind vom Eingemachten im Keller, Suppe kocht sie von Brennesseln und Kräutern, die wir für sie am Wegrand pflücken, Obst bekommt sie aus Tante
Tinas Obstgarten, für die Marmelade suchen wir Beeren im Wald, Brot bäckt sie im Ofen. Sie hat diesen eisernen Ofen mit den Kochlöchern und den Ringen, über den sie sich jeden Tag beugt, ihn in
weiten Strichen blitzblank scheuert. Sie liebt ihre Töchter. Eines Morgens sind auf unseren Frühstückstellern kleine süße Taschentücher, die sie für uns während der Nacht gestickt hat. Das erste
Mitleid für sie überschwemmt mich, ich starre stumm vor Rührung auf mein Tüchlein. Sie strengt sich so an, unsere Mutter. Aber ich kann ihr nichts recht machen. Ich bin oft krank. Ich habe es an
der Blase, jedes Jahr eine Gelbsucht. Ich habe Bauchschmerzen, Fieber, die Grippe, Flechten an den Beinen, Gürtelrose in der Taille. Mir fällt das Heranwachsen schwer. Meine neuen Zähne wachsen
wie die ihren, stehen vor. Ich kriege meinen Mund nicht mehr zu. Werde unbeholfen, schwierig, verträumt. Mit Erwachsenen kann ich nicht gut reden, kann mich nicht ausdrücken. Ich bin schüchtern.
Ich muß jeden Morgen in die Kirche gehen. Meine Mutter stößt mich aus dem warmen Haus. Ich höre die Haustür, wie sie unerbittlich hinter mir zuschlägt, die parallelen Zierglasscheiben in der Mitte
der Tür, die nicht mehr fest in ihren Fugen sitzen, vibrieren. Die Kirche ist so nahe, sie beugt sich fast über uns. Ein kurzes Stück im winterlichen Dunkel und ich bin in diesem dürftig
erleuchteten, hohen und eiskalten Raum. Ich laufe in den Mittelgang, an den paar alten Frauen vorbei, mache einen tiefen Knicks zum Altar hin und quetsche mich zu den anderen Schulkindern in eine
Bank. Wenn Fräulein A. in meiner Nähe kniet, muß ich mit Übelkeit kämpfen, das ältliche Fräulein stößt andauernd seltsame Dünste auf oder aus, sie rülpst sie hoch, läßt sie ihrem offenen Mund
entströmen, fast höre ich es zischen, bis zu mir hin. Fängt es da an, zwischen mir und dem schlechten Geruch? Wie ich das schreibe, habe ich die entweichenden Gase von Fräulein A., die Gärungen
ihrer unbekannten Sünden in meiner Nase, die sich genau erinnert.
Manchmal, wenn ich nicht schlafen kann, mache ich den Computer wieder an, lege meinen schwarzen gestrickten Wollumhang, den ich vor über dreißig Jahren auf dem Flohmarkt kaufte, um meine
Schultern, ich will ein Spiel, das Strategie heißt, spielen. Mehr und mehr fühle ich mich dabei wie mit dem Leben ringen. Da ist ein Feld auf dem Bildschirm mit neun mal neun kleinen Vierecken,
auf die sich nach jedem Zug drei Punkte in sechs verschiedenen Farben setzen, die man je nach Farbe zu mindestens Fünfern aneinanderreihen muß, damit sie verschwinden und einem eine Punktzahl von
zehn oder mehr geben. Jedesmal, wenn man einen Punkt auf dem Feld versetzt hat, erscheinen drei neue Punkte, deren Farben vorher vom Computer angezeigt werden. Ziel ist, eine hohe Punktzahl zu
erreichen, bis zu tausend Punkten sind anzustreben. Meistens halte ich mich nicht lange, denn natürlich stellen sich die bunten Punkte immer da hin, wo sie mir im Weg sind oder nichts nützen.
Jetzt soll ich Strategie beweisen, je nach den Farben, die mir angezeigt werden, soll ich den nächsten Punkt versetzen. Ich bin eine schlechte Strategin. Ich schaue nie nach den kommenden Punkten
aus, versetze schnell und nervös. Es passiert, daß ich noch nicht einmal zweihundert erreiche und das Feld ist durch die unentwegte Punktevermehrung schon voll.
Nun habe ich herausgefunden, daß, wenn ich strikt und mit einiger Dickköpfigkeit und Schwerfälligkeit meine Punktreihen zusammenstellen will, ich mich in der Regel schnell mit einem vollen Feld
wiederfinde. Ich komme viel weiter mit freier Taktik, guerillaartig, in beweglicher Schnelle, ich muß meine Chance da nutzen, wo sie sich mir bietet, in der unerbittlichen Geworfenheit muß ich
wendig, geschickt und flexibel sein, um wenigstens für eine Weile gegen eine unbekannte Übermacht mich behaupten zu können.
Aber wie ungeübt ich bin, wie langsam, wie unaufmerksam, wie wenig vorhersehend, wie wenig gerissen! Und wie schwer sind die mir ausgeteilten Schläge!
Vielleicht war meine Katze nur ein Gebrauchsgegenstand? Denn heute, was ist sie mehr als ein forderndes Maul, eine „haarstäubende“ Gegenwart, ein ohrenzerreißendes Stimmband. Sie erfüllt nicht
mehr die ihr übertragene Funktion unseres Haus-Wunders, der warmen, kleinen Gegenwart. Unseres zweckdienlichen Blitzableiters. Früher, ja, da war sie für uns beide der wunderbare zu erforschende
Kontinent Katze, über den wir viel sprachen, viel herumrätselten. Sie war oft das Band, das zwischen uns noch funktionierte. Als sie einige Wochen in unserer Wohnung war, wurde sie, weil sie nicht
mehr draußen im Staub der Stadt lebte, an ihren weißen Stellen blütenweiß, mit einer Brust wie das Hemd eines Fracks. Sie war eine ganz gewöhnliche Regenrinnenkatze, wie man hier sagt, „une chatte
de gouttières“, doch für mich war sie schön. Sie fing an mit mir zu reden. Wenn sie etwas wollte, sagte sie es mir, schaute mir dabei in die Augen. Ich gab ihr Kosenamen. Sie verstand mich, sie
hörte mich. Sie sah mich an, wägte mich ab in ihrem kleinen Katzenherzen. Wenn ich nach Hause kam, begrüßte sie mich an der Wohnungstür, sie sah mir traurig nach, wenn ich ausging. Sie saß still
vor mir in dieser typischen Katzenpose, das verletzte Pfötchen, das verkürzt ist, leicht angehoben, auf unseren weißen Wollteppichen, die sie später mit ihren Krallen zerstörte. Wenn ich in der
Wohnung zu tun hatte, drehte sie ihr Köpfchen, um mich nicht aus den Augen zu verlieren, von Seite zu Seite, vertikal und horizontal zugleich, als drehte sie ihren Kopf um ihre großen Augen herum.
Ich war entzückt. Probierte immer wieder diesen Blick aus, lief hin und her, um mich entzücken zu lassen.
Außer Haus bin ich glücklich. Ich gehe zu Brunhilde. Sie wohnt in einem großen Haus mit einer Diele, umgeben von Höfen und Gärten, in denen riesige, schön gestutzte Buxbaumtiere stehen. Sie hat
zwei Brüder und eine Tante, die Tante Anna, die der eigentliche Chef im Haus ist. Ihr Vater spricht dem Wermutwein zu, er war in Norwegen im Krieg, erzählt von den langen Sommertagen, den ewigen
Nächten des Winters. In der Diele ist ein großer deutscher Schäferhund, Hasso. Wir spielen. Verstecken, Hinkepinke, Knickern, Fangball, essen Bucheckern, suchen im Herbst Eicheln für die Schweine.
Wir bauen uns im Hof eine Hütte und ich bitte den lieben Gott insgeheim, daß er sie zu einem Palast mache. Ich glaube ganz fest daran. In der Hütte feiere ich eine seltsame Messe. Ich nehme meine
kleine Schwester, entblöße ihren Popo und besprühe ihn mit heiligem Wasser. Ich fühle mich wie eine große Sünderin. Ich laufe überall im Dorf herum, mache Besorgungen, um die Kirche schlängelt
sich eine holprige Hauptstraße, gehe auf Kundschaft in seltsame Außenbezirke, die Sandhauk oder Hahnenfeh heißen, die Bauernhäuser sind alt, mit tiefen, moosbewachsenen Dächern, Fachwerk,
schlammigen Höfen, Scheunen und Gärten, die Straßen sind katzenkopfgepflastert und eng, es gibt keine Bürgersteige, überall wächst das Unkraut. Ich liebe das eiserne Klappern der Pferdehufe auf
den Katzenköpfen, das rhythmische Klappern der Zeit, die sich langsam bewegt, in weitem Raum. Ich gehe durch die Wälder, die Felder, so hoch wie das Korn im Sommer bin ich, ich bin die Schwester
des Korns, das mir Kornblumen und roten Mohn schenkt. Die Hitze zittert über den Halmen wie die Glasur auf dem Kuchen meiner Mutter, oben im Himmel trillern die Lerchen, als spielten Engel auf
Flöten. Im Herbst gehe ich mitten durch große Kohlfelder, suche mir wunderschön gefärbte Blätter, in die ich mich kleide.
Eines Tages lerne ich Radfahren. Jemand gibt mir ein großes Fahrrad, sagt, versuch’s doch mal, es ist neben dem Schuster, bei den Schienen des kleinen Zuges, der Pingel Anton heißt, er fährt
einfach über die Straße und pingelt dabei, damit man ihm aus dem Weg geht. Ich steige in den weiten Rahmen des Fahrrads, meine Nase an der Lenkstange trete ich in die Pedale, schwanke hin und her,
fahre direkt in das riesige Brennesselfeld hinter dem Haus von Tante Tinas Bruder Heribert und falle hinein.
Tante Tinas Bruder Heribert ist Schreiner. An der rechten Hand hat er nur zwei Finger, zum Glück ist der eine davon der Daumen. Er schneidet Bretter aus dic |