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XI
Wir leben in der unheilvollen Zeit, den ganzen Winter über hat es geregnet, nicht ein einziges Mal fiel das Thermometer unter Null, nicht einen Tag schien die Sonne. Seit jeher ist Paris die graue
Stadt, wochenlang eingeschlagen in die „grisaille“, doch in diesem Jahr entluden sich die Wolken auch. Im Fernsehen stellte man uns neu-erfundene Leuchthelme vor, die dem Gehirn das Sonnenlicht
virtuell vorspiegeln sollen, um uns Menschen übergroßen Trübsinn auszutreiben – vielleicht gibt es diese Helme demnächst auf Kassenschein, als Zusatz zu Fluktin.
Durch die Erdrotation ist Europa mit mildem Wetter gesegnet, doch die Waage des Wechsels zwischen Hoch und Tief hat sich, scheint es, zum Tief hin gesenkt, weite Teile Frankreichs, Felder und
Ortschaften, sind in diesem Winter und Frühjahr wochenlang überschwemmt, Resultat nicht nur von unüberlegten Flußregulierungen, sondern einfach weil zu viel runterkam. Vielleicht ist der Vorwurf
der Provinz wahr und die Stadt Paris hat seit der großen Überschwemmung von 1910, als die halbe Stadt wochenlang unter Wasser stand, wirklich Maßnahmen ergriffen, um zu große Wassermengen, die die
Seine runterkommen, abzuleiten.
Ich denke mit Schrecken an die Katakomben unter uns.
Unterirdische Tunnel und Schächte zu ziehen, diese wenn es sein mußte für aufmüpfige politische Aktionen zu nutzen, war auch in der Provinz gang und gäbe, jetzt, im Zeitalter der Meinungsfreiheit
sind diese vergessen und in den überschwemmten Gebieten fangen die Häuser an einzustürzen, die über ihnen stehen, das steinerne Gerippe, das sie trägt wird von den Wassermassen ausgespült,
bröckelt ab.
Wenn ein Tourist Paris besucht, ist das erste, was ihm auffällt, die Harmonie der Straßenzüge, der geometrische Sinn der Bauanlagen, die Weite der Perspektive, die Art und Weise, in der eine
dynastische Herrlichkeit sich zu einer anderen positioniert, auch darin waren und sind die Franzosen die Herrscher des Scheins. Das alte Paris, vor Haussmann, war ja diese verwirrende,
übelriechende Anhäufung von Straßenzügen, die Paläste der Reichen staken oft mitten drin, wie noch im Marais zu sehen, und wer einen Pfennig übrig hatte, wissen wir von Balzac, nahm eine Droschke,
um sich nicht zu beschmutzen, denn Abwässer aller Art flossen in der Mitte der Straßen, Abfall wurde ohne Skrupel aus den Fenstern geschüttet. Haussmann war ein dritte-Generation Franzose, sein
Großvater war aus dem Rheinland eingewandert, als Kind mußte er jeden Tag kilometerweit vom rechten Seineufer bis zu seiner Schule im Quartier Latin zu Fuß gehen, durch ein Meer von Häßlichkeit,
Armut und Schmutz. Wie ich erwähnte, rasierte er vierzig Jahre später das meiste rücksichtslos weg, er zog die Linien mit der Vision eines Cäsar – räumliche Großmannsucht, die das Individuum
schrumpfte, Platz für Truppenbewegungen machte, auch Luft verschaffte und die Gesundheit förderte. Die ausgewiesenen Armen verzogen sich in die Vorstädte, das Geld kaufte sich in riesige
Stadtwohnungen ein, man baute diese, wie die Paläste, in „pierre de taille“, Quadersteine steht im Lexikon, diese gewann man im ganzen Pariser Vorraum, gleich jenseits der Stadtgrenzen, wo
zwischen den Gärten und Klöstern kleine Häuser standen, im Boden gibt es hier viele Arten Kalkstein, man bohrte Löcher in die Erde, tiefer und tiefer, schlug große Blöcke aus dem Gestein, knotete
diese in ein starkes Tau, oben fingen zwei Leute an, ein großes Holzrad zu bewegen, sie traten in außen angebrachte Pedale, als würden sie eine Leiter ersteigen, blieben jedoch immer auf gleicher
Höhe, nur das Rad drehte sich, in der Radnabe steckte eine Welle, auf die sich das Tau wickelte und so den Block nach oben schaffte. Schweiß, Mühe, vergossenes Blut vieler – es gab immer wieder
Unfälle, weswegen Pfarrer Cochin von der Kirche Saint-Jacques du Haut Pas, von alters her eine Station für die nach Saint-Jacques de Compostelle im Nordwesten Spaniens strebenden Pilger, das nach
ihm benannte Hospital gründete, welches, jetzt angewachsen, unter unserer Wohnung liegt – waren seit Menschengedenken der Preis für die Herrlichkeiten der Großen, in unserer Zeit nur mehr Museen
vergangener Macht, in denen wir was lernen sollen?
Wie immer fasziniert mich die Unterseite des Lebens, das, was man nicht sieht. Die Pariser Infrastruktur, die sich unter der Erde befindet, ist weitaus komplizierter als die, die wir im täglichen
Leben wahrnehmen, umso mehr als mit der Zeit, auch unterirdisch, neue Strukturen hinzukommen. Benutzt man das Pariser Klischee und sagt, die Erde ist unter der Stadt wie ein Schweizer Käse, dann
redet man von den vielen Tunneln, Schächten, Gruben, die in einigen Gegenden in jeder Richtung, in jeder Höhe die Erde durchziehen, unüberschaubare Strecken, über die es keinen Stadtplan gibt,
über deren Zugänge die Polizei wacht, natürlich kennt diese nicht alle geheimen Schlupflöcher, es gibt immer Unerschrockene die sich hineinwagen, die Höhlenkunde ist eine französische
Leidenschaft. Einen kleinen Teil hat man für den Tourismus erschlossen, trotz meiner Platzangst war ich vor vier Jahren unten, um einer Gruppe Deutscher, die mich um etwas Besonderes gebeten
hatte, die Pariser Unterwelt zu zeigen, nachdem sie im Bus die Oberwelt, die Stadt der Oberschicht, gesehen hatten, seht, sagte ich, was da oben steht, das kommt von hier unten, und die, die das
da oben bauten, die liegen jetzt hier, die vielen kleinen Leute, und wir stiegen eine Unmenge Stufen hinunter in die Erde, trampelten endlose, dumpfe, rund in den Stein gehauene Stollen entlang,
die sich nach links, nach rechts drehten, nach unten, nach oben, Wasser tropfte auf uns, wir liefen stur und schweigend, uns schien Kilometer weit. Tatsächlich befanden wir uns genau unter meinem
Viertel, unter den Straßen und Häusern und Gärten, die ich so gut kenne – noch so viele Klostergärten existieren, weil es unmöglich ist, an diesen Stellen Bauten zu errichten, auch gibt es in
meinem Viertel keine Métro, die die Erde durchfurcht, die nächsten Stationen sind Hochbahnen – nach einer Ewigkeit kamen wir in neue Räume, der Friedhof von Paris fing an.
In unserem Zeitalter des Informationsüberflusses wissen wir – doch eigentlich schon seit Hamlet – wenn wir nach zwanzig Jahren ein Grab neu ausheben, in dem schon ein anderer Ruhe fand, bleibt von
diesem in der Erde nur ein Schädelteil und einige der dicken Knochen übrig, sogar das Holz des Sarges um ihn herum ist verwest. In Paris führte man die individuelle Bestattung, die nur hohen
Herren vorbehalten war, erst im 19. Jahrhundert ein, vorher unterhielt jede Kirchengemeinde mit Brettern bedeckte Massengräber, in die die Toten mit einem Leichentuch bekleidet, gesenkt wurden.
Man wartete, bis ein Loch voll war, grub ein neues, wartete auf völlige Verwesung der Kadaver, durch Kalkbeigabe beschleunigt, dann leerte man das erste Loch, stapelte die übrig gebliebenen
Gebeine in überdachte, rings um den Friedhof laufende Beinhäuser, deren Wände oft Gemälde des Totentanzes belebten.
Als noch vor der Revolution in meinem Viertel wegen starker Aushöhlung des Bodens Häuser wegsackten, man deswegen anfing, innen die Tunnel und alten Steinbrüche abzustützen und zu befestigen, als
man zu gleicher Zeit dahinterkam, daß die traditionellen Verwesungsstätten unhygienisch waren, das Wasser, die Luft, den Boden vergifteten, beschloß man diese aufzulösen, und alle dort gelagerten
Gebeine in die alten Steinbrüche zu schaffen.
Das war eine weitreichende Operation, die auch die Revolution nicht unterbrach, sie zog sich über hundert Jahre hin bis alle Friedhöfe geleert waren. Man lud die Knochen auf Pferdewagen, nachts
zogen diese mit Fackeln durch die leeren, dunklen Straßen der Stadt, begleitet von Priestern und Meßdienern, bis hierhin, außerhalb der alten Grenzen von Paris, man gruppierte sich um einen der
über siebzig Steinbruchschachte, durch den unter Gebeten und viel Weihwasserbesprengungen die Gebeine in einem Schub hinunterbefördert wurden.
Vor uns öffnete sich also eine breite, tiefe Galerie, die links und rechts sich spaltete, die Wände aus fein säuberlich geschichteten Gebeinen errichtet, die runden Schädel mit den riesigen Augen-
und Nasenlöchern dekorativ abgehoben, ab und zu mit Steinpfeilern gestützt, und in der Mitte ein Pfeiler mit der Inschrift:
Momento Homo,
Quia pulvis es
et in pulverem
reverteris
dann schritten wir durch unendliche Gebeingänge, trafen ab und zu auf einen Lichtschacht, eine neue Inschrift, eine neue Biegung, die in weitere Tiefen führte, sechs bis zehn Millionen Pariser,
sagt man, sollen hier auf das jüngste Gericht warten.
Daneben gibt es die „wirklichen“ Katakomben, verwirrend, unübersichtlich, zu denen wegen ihrer Ausmaße niemand Zugang hat. Dort liegen in den unterirdischen Höhlen die Gebeine genau so, wie sie
vor über einem Jahrhundert hineingefallen sind, nach oben sich zuspitzende Knochenhaufen, ab und zu soll ein verzweifelter oder romantischer junger Mann sich von oben kopfüber hineinstürzen, um so
sein Leben auszuhauchen, inmitten seiner mittelalterlichen Vorfahren.
Im Jahr, als ich Paris verlasse, um nach Kalifornien zu ziehen, gibt es eine Hitzewelle in Frankreich, wochenlang bleibt das Thermometer bei 40 Grad stecken, Wasserbenutzung wird eingeschränkt,
die Wiesen sind braun gebrannt, das schreiben mir meine Freunde, warum bist du bloß nach Kalifornien gegangen, es ist hier viel heißer.
Meine Abnabelung vom alten Leben ist mühsam und langwierig. Jack und André sagen mir, was ich tun muß, man setzt nicht so ohne weiteres den Fuß in die Vereinigten Staaten, und dann geht doch alles
daneben. Als ich vor dem Konsul der Vereinigten Staaten sitze, ihm erzähle, ich will meinen Freund André in Sherman Oaks besuchen, sagt dieser, das glaube ich Ihnen nicht, sie wollen ihn heiraten
um in den Staaten zu bleiben: kein Visum. Ich habe schon alles anlaufen lassen, meine Jugendstilmöbel und Lampen sind an Hans verkauft, ich brauche Geld, da hilft mir niemand, einen Käufer für den
404 gefunden, mit Jacks Zustimmung meine Wohnung Hans versprochen, es bleibt ja alles da, die ganze Wäsche, Geschirr und Geräte in der Küche, meine Bücher und großen Möbelstücke und ein großer
Teil meiner Kleidungsstücke, man weiß nie, ob ich nicht bald wiederkomme, mein Flugticket ist besorgt, New York hin und zurück, ein billiger Charterflug, der von Brüssel aus startet, ja, wird mir
versichert, Hunde sind kein Problem, die kommen in den Gepäckraum. Doch ich habe kein Visum. Meine Wohnung ist schon halb von Hans ausgeräumt, Koffer stehen gepackt, meine Hündin hat ihre
Spritzen. Ich vereinbare mit dem Reisebüro einen späteren Flugtermin, nehme meinen Sack und Pack, plus Hündin und Container, verlasse die Wohnung.
Als ich mich überall verabschiede, schluchst Mamina, Jacquelines Schwiegermutter, Madame Manetti weint laut auf, noch als ich endlich ihre Wohnungstür zuziehe, die Treppe hinuntergehe, höre ich
sie, werde sie immer hören. Ich fahre für einen Monat zu meinen Eltern, die in der kleinen Stadt meiner Mutter ihr eigenes Haus gebaut haben, mein Vater ist pensioniert.
Meinem Vater gefällt alles nicht. Vor allem nicht, daß ich mich in seiner Stadt anmelde, um einen neuen Paß zu bekommen, denn eine Bewohnerin mehr im Haus heißt mehr Abgaben, und überhaupt, was
will ich in Amerika.
Mit meinem neuen Paß fahre ich, wieder mit Koffern und Hundekram beladen nach Hamburg, wohne einige Tage bei Hans und seiner Familie, sie haben vor kurzem einen kleinen Jungen bekommen, ich
beantrage ein Visum im Hamburger Konsulat, erhalte es.
Am Tag meines Abflugs treffe ich von Hamburg aus mittags in Brüssel ein. Die Bus- und Straßenbahnangestellten streiken gerade, ich nehme ein Taxi zum Flughafen, stehe stundenlang mit jungen
Studenten inmitten ihrer vielen Rucksäcke am Schalter des Charterflugs Schlange, als ich endlich an die Reihe komme, sagt man mir, en aucun cas, auf keinen Fall nehmen wir Hunde mit. Ich lasse den
Hundecontainer bei der Gepäckaufbewahrung, fahre mit dem Taxi zurück in die Stadt, zum Büro der Chartergesellschaft, da sitzt ein Amerikaner, zuckt mit den Schultern, there’s nothing I can do,
nehmen Sie den nächsten Flug in zehn Tagen, und geben Sie die Hündin bei einer anderen Fluggesellschaft auf. Ich fahre zurück nach Paris, hole mir die Schlüssel meiner Wohnung, gehe sofort zu
meinem schlauen Angestellten des Reisebüros, der mich belogen hatte, ach, das hatte er nicht gewußt, früher und so weiter, ja, mein Flug ist jetzt leider verfallen, was man tun kann, ja, er kann
meinen Rückflug als zweiten Hinflug verbuchen, dann kann ich aber nicht zurück. Mir wird sehr mulmig, aber ich akzeptiere, André wartet auf mich.
In Paris verhalte ich mich bis zum Abflugtermin ganz still, nicht noch ein anderes Abschiedsdrama provozieren, morgens früh nehme ich den Schnellzug nach Brüssel, finde mich zeitig am Flughafen
ein, hole den Hundecontainer aus der Gepäckaufbewahrung, schleppe ihn mit der Hündin an der Leine zum Frachtschuppen von Sabena, der belgischen Luftgesellschaft, um die Hündin um drei nachmittags,
zur gleichen Zeit wie mich, abfliegen zu lassen. Die Sabenaleute gucken sich meinen Hundecontainer an und verfügen, er ist zu klein für meine Hündin, sie hat ihn aber schon benutzt, sage ich,
nein, sagen sie, das geht nicht, unsere Bestimmungen undsoweiter. Ich bin ratlos, ja, sagen sie, die Luftgesellschaft kann mir einen anderen Container verkaufen, das ist eine Idee, sage ich und
gucke sie mir an, es gibt nur zwei Modelle, einen ganz kleinen, wie für eine Maus, und einen ganz großen, wie für ein Pony. Tja, tut uns leid, sagen sie, im Moment und so. Dann muß ich wohl den
großen nehmen, sage ich, wieviel kostet er denn? Die Sache ist, mein am Anfang für die damalige Zeit, wie ich dachte, nicht unerhebliches Kapital ist mehr und mehr geschrumpft, die vielen Reisen
hin und her, für die Hündin jedesmal halber Preis, und dann mußten wir bis zum Abflug überleben, mein Geld war bis auf ein paar tausend Francs weg und jetzt sagen mir die Leute, ja, wissen Sie,
Frachtpreise richten sich nach Volumen, fünfhundert Dollar für Ihre Hündin bis New York. Ich ziehe mein fast letztes Geld aus der Tasche, und als ich meine Hündin in ihrer Riesenbaracke
verschwinden sehe, fange ich an zu weinen.
Ich schluchze noch, als ich wieder in der Schlange stehe, um mein Gepäck am Schalter der Chartergesellschaft aufzugeben. Ich bin in einem unerbittlichen Räderwerk, das weitermahlt, mich zermahlt,
ich muß durch, komme was wolle. Der Amerikaner, der mich vor zehn Tagen in seinem Brüsseler Büro empfing kommt vorbei, erkennt mich und fragt was los ist. Ich erzähle ihm alles, sage, ich muß von
New York weiter nach Los Angeles, wo ein Job auf mich wartet, jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll, was für eine Arbeit das ist, fragt er, ich sage, wir machen eine Luxusboutique am Robertson
Boulevard auf, ach, sagt er, kenne ich, das ist in der Nähe von Beverly Hills, mein Vater hatte in der Straße früher sein Büro, ich zeige ihm Andrés Visitenkarte mit Adresse und Telefonnummer der
Boutique, wissen Sie was, sagt er, ich schieße Ihnen das Geld für den Flug bis Los Angeles vor, ich habe einen Geschäftspartner in New York, wenn Sie ankommen, rufen Sie ihn an, er hat dann einen
Flug für Sie gebucht, Sie brauchen nicht extra reinzufahren, Sie gehen gleich zum Schalter und holen sich Ihr Ticket. In zwei Monaten bin ich in Los Angeles, ich komme vorbei und besuche Sie, und
sie geben mir das Geld zurück.
Als ich in New York lande, liegt die Sonne auf dem Rand des Horizonts, ich finde eine Telefonzelle und rufe das Reisebüro an. Es ist sieben Uhr abends. Mir antwortet ein Antwortbeantworter, ich
kann nicht verstehen, was er sagt, dieses Amerikanisch, das sich aneinander, ineinander rollt, ich hänge ab. Hat nicht geklappt. Die sind schon nach Hause gegangen. Ich habe eine Bekannte in New
York, Danièle, eine schöne, sehr elegante, marokkanische Jüdin, eine von Jean-Claudes Geliebten, der ich einmal meine Wohnung lieh, ich rufe Danièle an, ja, sagt sie, komm vorbei, nimm ein Taxi.
Zuerst suche ich meine Hündin, sie muß schon lange da sein, wir irren über den enormen John F. Kennedy Flughafen, suchen nach den Sabena-Frachtgebäuden, von weitem sehe ich meine Hündin, sie hebt
sich weiß vom Grün des Rasens ab, ist an ein zehn-Meter langes Tau gebunden, das sich aus dem Büro schlängelt. Ich danke den freundlichen Angestellten, ja, sie behalten den Riesencontainer bis
morgen.
Dann fahren wir nach New York rein. Mein erstes Mal. Ich recke meinen Hals links und rechts aus dem Fenster, die Steinwände hoch, ich bin wie auf tiefem Grund, Sirenen, kurzes Gehupe hallt,
wiederhallt wie aus Höhlen, es ist stickig heiß. Danièle empfängt uns, speist uns, wir reden bis spät in die Nacht, doch natürlich bin ich morgens um vier wach, die Hündin auch, ich nehme leise
eine Dusche, ziehe mich an, wir gehen beide raus, ich bin sehr hungrig, es wird schon hell. Ich finde einen offenen coffee shop, ach ja, wir sind in Amerika, meine Hündin darf nicht rein, ich
binde sie draußen an einem Parkometer fest, dann esse ich tüchtig, bringe der Hündin eine halbe Wurst und ein Stück Brot mit. Dann laufen wir durch die Straßen, in den Central Park hinein, ruhen
uns aus, laufen wieder, langsam wacht die Stadt auf, es wird heiß. Um neun Uhr bin ich auf der Avenue of the Americas und gehe zum Reisebüro, das ja ein Flugticket für mich hat. Ich frage nach
Bert, er ist noch nicht da, wir warten, als er kommt, kriegt er den Mund nicht wieder zu, was? ruft er, da sind Sie ja, bis elf habe ich gestern auf Sie gewartet. Oh, stottere ich, but you weren’t
in the office when I called. Well, sagt er, I went out to have a pee and get a coffee, so I switched the answering machine on for five minutes, that must have been the moment, you called, why
didn’t you leave a message? I didn’t understand what it was saying, sage ich. Shit, sage ich. Das kriegen wir schon wieder hin, sagt Bert, Sie können heute nachmittag weiterfliegen, nur kostetet
das vierzig Dollar mehr als der Nachtflug, den ich für Sie gebucht habe. Und so schmilzt mein Geld. Ich nehme wieder ein teures Taxi, bei Sabena stellen wir den Riesencontainer auf sein Dach, ich
stecke der Hündin ein Stück Fleisch mit einer Beruhigungspille in den Mund, glücklicherweise kostet ihr Flug nur ein paar Dollar, sie entschwindet auf dem Lastenfließband und ich steige in mein
Flugzeug, fliege wieder gegen die Zeit an, komme mitten am Nachmittag am LAX an, André ist nicht da. Ich kratze meinen letzten „quarter“ aus der Tasche und rufe ihn an, ja, wird mir gesagt, he’s
on his way. André kommt mit einem tiefen dunkelblauen Lotus vorgefahren, wie ein Playboy, meine Koffer passen kaum rein, ich lasse den riesigen Hundecontainer einfach stehen, und dann fahren wir
über die langen Autobahnen in blassem Sonnenschein an kahlen Bergen vorbei, in sie hinein, eine breite Geschäftsstraße entlang, dann wieder bergeinwärts, ein schöner Vorort, Villen überall, hier
ist Andrés flaches Haus, versteckt im Grünen, wir steigen endlich aus, meine Hündin hockt sich hin, pinkelt ihre ersten kalifornischen Tropfen.
Das Haus ist eine breit gelagerte Villa, auf mehreren Niveaus an den Hügel gebaut, seinen Kaprizen folgend. Ich werde in einem seltsamen, engen Glaskäfig einquartiert, in den nie ein Sonnenstrahl
fällt, die Rückwand rauh gehauener Felsen, neben meinem Bett neigt es sich gläsern nach unten zum Innenhof, in den eine Treppe sich windet. Ich lerne Bruce kennen, Andrés Mitbewohner und einer der
Teilhaber der neuen Firma, er ist Ingenieur, seine Zimmer sind links vom großen Wohnraum, André hat eine Suite unten neben dem Pool, sein Schlafzimmer ist eingeglast und rund, rund auch ist sein
Bett, daneben ist ein walk-in closet, wo seine vielen Anzüge hängen, überall superhohe Auslegeware, in der die Füße versinken. In der vollautomatischen, auch runden Küche arbeitet eine schwere,
spanisch-sprechende Frau aus Kolumbien, die illegal im Land ist.
Hier bleibe ich einen Monat, zwei. Das Geschäft ist nicht fertig geworden, die Handwerker sind unzuverlässig wie überall, es gibt Probleme, der „building contractor“, Ed, der einzige, der etwas
von Klempnerei versteht, kommt nicht mit den europäischen Maßen zurecht, alle Anschlüsse passen nicht. Zuerst erhole ich mich, liege am Pool, werde braun, ich bin allein, kann mich nackt hinlegen,
nackt schwimmen. Ich schreibe nach Europa: Gut angekommen. Hannes antwortet mir: Vor einem Jahrhundert kam der Brief, der sagte, daß Du mit dem gefleckten Mistvieh gut angekommen bist. Was tut
sich bei Dir? Du kannst nicht immer am swimming pool Fußnägel lackieren, auch wenn die Häuser zwischen Hügeln liegen und so weiter --- es gibt noch andere Realitäten im Leben, liebes Kind juchhe!
Als ich diesen Brief las, war längst alles anders.
Vor mir liegen Stapel von Briefen, die ich in Los Angeles erhalte. Nie ist der Verkehr mit meiner Familie so intensiv, nie hat man mir mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Da sind Stapel von Briefen
meiner Mutter, „...so vergehen unsere kurzen Tage. Es ist Herbst geworden. Die letzten Blätter sind von den Bäumen runter. Meinen Namenstag haben wir mit Felix und Guste gefeiert“, schreibt sie im
November 1976; meiner mittleren Schwester, die in einer schweren Depression steckt, sich von ihrem Mann trennt, „Unser Vater fällt mehr und mehr in meiner Achtung, schreibt sie, diese
Geringschätzung der Frau, die man aus jeder seiner Äußerungen hört, macht mich rasend. Fast jeder dumme Hanswurst ist gelungener als wir, seine Töchter, wenn dieser nur seiner Meinung ist. Und
unsere Mutter ist so verständnislos, vielmehr, sie versteht gar nicht, was man ihr sagt, daß sie mir nur unheimlich leid tut.“ Auch ein Stapel von Madame Manetti. „Ma petite fille, schreibt sie,
rien de nouveau au cent quatre, toujours la même vie aussi bête!! Vous avez bien fait de partir, sauf, bien sûr, pour moi, c’est triste, vous me manquez beaucoup, je suis si seule!!!“ Ich
versuche, die Briefe über das Geschriebene hinaus zu verstehen, was ich in ihnen lese ist die Einsamkeit, das Bedürfnis, sich mitzuteilen, sich gegen das Leben zu wehren, es zerreißt mich, weil
alles so dicht an meinem verlief und ich nichts tun konnte, denn läßt einen nicht jeder allein, in diesen monotonen Ergüssen enthüllt sich alles das, wie Hannes sich ausdrückte, was man nicht
sagt, die Schalheit und Winzigkeit des Lebenablaufs, die minutiöse Eintönigkeit und Leere, mit der jeder fertig zu werden versucht, der übermenschliche Kraftaufwand des Überlebens, die Suche im
anderen Verstehen zu wecken, sich bei ihm einzuhaken, sein doch so fernes Herz für sich zu bewegen.
Nach einer Weile denkt André, er muß mich beschäftigen, ich wohne schließlich umsonst bei ihm, esse an seinem Tisch, er nimmt mich in seinem tiefen Lotus über den Mulholland Drive mit auf die
andere Seite der Berge, nach Los Angeles hinein, wir besichtigen die Baustelle, fahren nach Beverly Hills in seine alte Firma, die am Empfang, flüstert er mir zu, das ist eine Tochter von Dean
Martin, seine zwei Partner üben weiterhin ihren Beruf aus, er jedoch will sich ganz dem neuen Geschäft widmen, was er mit übelgelaunter Intensität tut, meistens fahren wir den Mulholland in
rasendem Tempo zurück, er legt sich wütend in alle Kurven wie ein Verrückter, schimpft vor sich hin und ich mache mich ganz klein auf meinem Sitz. Dann abends nach der Mahlzeit setzt er sich
manchmal hin und träumt davon, wie reich er werden wird, er sitzt in seiner Vorstellung schon auf dem Rücksitz seines Rolls Royce und raucht eine dicke Zigarre.
Ich besorge mir eine amerikanische Schreibmaschine und übe mich im Tippen, wieder muß ich etliche Buchstabenpositionen neu lernen. Dann arbeite ich eine Preisliste der Ware aus, tippe sie
ordentlich, lasse sie vervielfältigen. Ich erfahre, daß André einen jungen Mann aus Jean-Claudes Radius eingestellt hat, der demnächst eintreffen wird, Vincent, ein junger, impertinenter
Homosexueller, der aus dem Orient wiederkommt, wo er unter anderem von Liebesdiensten lebte, doch gerade verabschiedet wurde, bei früherer Kenntnis hätte ich den Schritt über den Ozean nicht
getan, er ist einer jener weiblichen Homos, die mit Koketterie und Erniedrigung arbeiten, vor Jahren war er bei Jean-Claude angestellt, behandelte mich schon damals mit Herablassung, als er
eintrifft, ist es nicht anders.
Als das Geschäft endlich öffnet, André hat einen Riesenempfang mit Fernsehen inszeniert, wo jedoch kaum jemand erscheint, wirft er mich aus seinem Haus, von nun an verdiene ich Geld, ich soll
sehen, wo ich bleibe.
Eine junge Frau, Ellice, nimmt mich für einige Tage auf, sie wohnt nicht weit vom Pico Boulevard, wo 20th Century Fox ist. Sie ist Jüdin mit einer berichtigten Nase und einer berichtigten
Religion: eine fanatische „Jew for Jesus“. Wo sie geht und steht, läßt sie sich von ihren religiösen Botschaften berieseln, morgens beim Zähneputzen, beim Autofahren, im Bett. Am ersten Abend in
ihrer kleinen Wohnung höre ich ein vertrautes Schumann-Lied am Radio, „Es war als hätt’ der Himmel“, ich breche in Tränen aus, ich bin verlassen und verraten, am Ende der Welt, wo die Zivilisation
aufhört.
Ein paar Tage später finde ich in Hollywood ein Zimmer. Ich glaube, es ist sogar Vincent, der mir dazu verhilft, dieser Weltgewandte, der sich sofort überall Kontakte schafft. In der Sierra Bonita
sucht ein anderer André einen Mitbewohner, ich beziehe ein Zimmer in einem kleinen Holzhaus. Die Sierra Bonita ist eine kleine, gerade Straße, mitten unter vielen anderen kleinen, geraden Straßen
mit meist niedlichen Puppenhäuschen rechts und links in jedem denkbaren Stil auf offenen Rasenflächen, umgeben von Vegetation. Mein Zimmer liegt nach hinten, dort ist ein Rasen, ein kleiner
versteckter Garten mit einer Palme. Etwas nördlich läuft der Sunset, wo ich jeden Tag meinen Bus nehme, um zur Arbeit zu fahren. Es ist Juni, es ist warm, ich gewöhne mich ein, wenn ich am Beverly
Boulevard, neben dem großen Krankenhaus Ceders Sinaï, aus dem Bus steige, gehe ich zuerst in einen coffee shop im fünften Stock eines Gebäudes, wo eine alte Frau die Tische abwischt, meine Mutter,
sagt der Chef, sie spricht nur Jiddisch, am Fernsehen hinter dem Tresen ist eine Show, wo Red Foxx, ein schwarzer Schauspieler, zu lautem Publikumsgeklatsche Witze reißt, meine Hündin springt
derweil zu Hause über den hohen Zaun und erkundet die Nachbarschaft. Abends, wenn es still wird, gehen wir auf unseren Spaziergang, ich halte die Nase in die Luft, der Duft unbekannter Blüten
liegt schwer über dem Viertel.
Tags sitzen André, Vincent und ich im Geschäft und spielen Backgammon. Wochenlang passiert nichts, dann schleppt Vincent den ersten Kunden an, einen jungen Mann aus Newport Beach, der sich ein
wenig widerwillig, und mit vielen Schwierigkeiten wie sich herausstellt, das erste Luxusbad einbauen läßt. André schüttet seine schlechte Laune über mir aus, wo ist Jack, warum greift er nicht
ein, warum klappt nichts? Dieser etwas dümmliche, lispelnde Friseur will doch reich werden, sein ganzes Geld steckt im Geschäft. Ich nehme alles wie es kommt, ertrage seine Wut, seinen Hohn wenn
ich beim Backgammon verliere, suche mir einen Anwalt, um Arbeitspapiere zu bekommen, denn ich kann nicht einfach nach Europa zurückfliegen, ich habe kein Rückticket mehr, im Haus staube ich ab,
putze das Bad, mein Mitbewohner raucht Marihuana, lebt im totalen Chaos, eines Tages ziehen noch mehr Leute ein, ein französisches Paar, das jeden Abend kocht, nun machen wir lange Abendessen, wo
jeder beisteuert. Ich treffe eine breithüftige, junge Frau, eine Freundin Andrés, meines Mitbewohners, sie ist Musikerin, spielt ein Blasinstrument im Los Angeles Philharmonic Orchestra, ich kenne
einen jungen Mann, sagt sie, er würde sich freuen, dich zu treffen, unser erster Kontakt ist per Telefon, wir vereinbaren ein „blind date“ an einem Samstag, treffen uns in einem Café in Westwood,
gehen ins Kino, draußen regnet es, wir sind beide sehr schüchtern, er ist sehr jung, hat gerade sein Studium beendet, ja, Film hat er studiert, in Northridge, gerade arbeitet er als Assistent für
den Cutter von Cassavetes, ja, den kenne ich, mag ich sehr, ich habe mehrere seiner Filme in Paris gesehen, und sonst interessiert ihn nur klassische Musik, wir reden über Werke und Interpreten,
er kennt alles. Nach dem Kino fahren wir zu meinem Haus, er bleibt zum Abendessen, wir gehen mit der Hündin in den Straßen spazieren und reden. Meine Hündin adoptiert ihn sofort, er spricht
Französisch mit ihr, viens ici, sagt er und sie lächelt ihn an.
Das ist Craig. Er ist fünfundzwanzig. Er ist eifrig und lebhaft, intelligent und interessiert. Sehr groß, blond, blauäugig mit schönen Wimpern, seine Stimme ist tief, ein schöner Junge mit
lockigen Haaren, die ihm bis zu den Schultern reichen, engen Jeans mit weitem Fuß und Turnschuhen. In der Sierra Bonita hat er auch mal gewohnt, er hatte sogar einen Garten, dort, wo früher die
Tram quer durch lief, in einem Dreieck das brach lag, er zeigt es mir, jetzt ist es ein schräges Stück wuchende Wiese.
Das Geschäft geht nicht, ein berühmter Schauspieler läßt sich ein Bad einrichten, die Schwierigkeiten häufen sich, bald werden es geldliche, André kann uns kein Gehalt mehr zahlen. Vincent denkt
sich etwas aus, er läßt sich von seinem Freund, unserem ersten Kunden, die letzte Zahlung überreichen und zahlt uns beide aus, dann verlassen wir André. André ist pleite.
Ich habe genug Geld, mehrere Gehälter, daß ich mir eine eigene Wohnung suchen kann, das kleine Haus an der Sierra Bonita hat noch mehr Bewohner bekommen, wird ungemütlich, es ist wieder Vincent,
der Bescheid weiß, denn er wohnt noch in Jacks Haus, Jack hat sich ein Haus in den Hügeln gekauft, eines dieser Pfeilerhäuser, und eine Nachbarin, Madeline, sucht einen Mieter.
Jack ist und bleibt natürlich ein leichtsinniger Schuft, der sich wie er kann durch’s Leben mogelt, indem er andere zahlen läßt. Jetzt tritt er auf, findet einen Käufer für das Geschäft, einen
homosexuellen Kanadier, er läßt alle anderen fallen, auch mich, André verläßt die Stadt mit leeren Händen, der Kanadier wiederum betrügt alle Leute, auch mich, denn er stellt mich einen Monat lang
ein, bis ich eines Tages genug habe, das Geschäft definitiv verlasse, und die französischen Fabrikanten, sogar Jack. Am Tag nachdem ich den Kanadier verlassen habe, ruft mein Rechtsanwalt an und
sagt, mein Antrag auf die „green card“ ist abgelehnt.
Das ist im Januar. Als André zumacht, ist es Ende Oktober, die Immigrationsbehörde hat Cassavetes Cutter, einen Engländer ohne Papiere, nach Hause geschickt und Craig hat seinen Job verloren, er
zieht bei mir ein, wir fahren jeden Tag den Sunset nach Westen bis an den Strand, östliche trockene Wüstenwinde rösten die Stadt, wir baden im Meer und spielen Frisby mit der Hündin. Der Abend
fällt ganz schnell und überraschend ein, wenn wir um fünf und dann um vier unseren Hügel hochfahren, ist die spärlich bewachsene Felswand über uns braunrot von der Sonne, die gegenüber ins Meer
sinkt, hier oben weht es heiß und föhnartig, wir legen Mozart auf und schauen in den glühenden Himmel.
Im Februar heiraten Craig und ich. Eines Morgens sitzen wir auf einer Bank im Bürgermeisteramt in Downtown, wir sind das Paar Nr. 17, unsere Zeugen sind Angestellte. Abends halte ich ein kleines
Mahl, nur Dennis, Craigs bester Freund, und Madeline sind geladen. Madeline schenkt uns einen geräumigen, chinesischen Zinn- und Porzellan-Aschenbecher, der mich bis heute begleitet hat, sonst
erfährt niemand davon, es ist eine Notheirat, jetzt kann ich Papiere beantragen und bleiben.
Nun träume ich ein kurzes Leben, eine Frau, sie gehört endlich zur Welt, sie hat einen Mann, in einer Stadt, die nicht aufhört sie zu entzücken, schwebt zwischen Nähe und Weite, Realität und
Vorstellung, enthoben der Lastigkeit des Lebens, ist sie wirklich oder ein Phantom? Ich werde von der Weite und Bläue in der ich wohne, gleichsam geschluckt, versinke darin wie in einen tiefen
Ozean, diese schmeichelnde Luft, die manchmal sengt, die nie indifferent ist, die die Europäerin erstaunt, die durch viele graue Tage lebte, alles hat ungewöhnliche Formen, unerhörte Dimensionen,
härteste Farben, eine befremdende Gestik, eine verwirrende Vielfalt. Meine Aufmerksamkeit ist auf Maximum gefordert, um zu sehen, zu erkennen, zu verstehen, zu integrieren, meine Sinne sind nach
außen gedrängt, mein Ich öffnet sich, fließt nach außen, jede Minute ist auf Hautniveau, alte Starre schmilzt, Kindlichkeit erfaßt mich: Erstaunen und Neugier.
Wir wohnen auch in einem Stelzenhaus. Wenn man den Sunset Strip von Westen kommt, geht links eine steile Straße ab, die Kings Road, ich bin sie oft genug zu Fuß gegangen, ich weiß, wie steil sie
ist, sie windet sich höher und höher in eine Bergschlucht bis zu einer Stelle, wo man scharf nach rechts drehen muß, da fängt die Hillside Avenue an, wo wir wohnen, drei Häuser nach der Kurve,
rechts. An der anderen Straßenseite steigt der Fels hoch, dort heulen nachts die Schakale.
Angekommen, geht man auf einen in wildwachsendes Grün gebauten, flachen Betonbau zu, nicht zur Haustür, sondern in den freistehenden Garagenraum neben dem Haus, zur Hintertür, macht zuerst die
Fliegentür auf, dann die Holztür, betritt Madelines Küche. Madeline ist eine etwa vierzigjährige blonde, untersetzte Frau, die ununterbrochen raucht und schon morgens anfängt zu trinken, abends
sitzt sie oft auf dem Balkon vor der Küche mit einem Fernglas und schaut in die Küchen und Wohnstuben ihrer Nachbarn, ihr Whiskyglas neben sich.
Craig und ich wohnen unter ihr. Sie hat die Stelzen unter sich mit einem großen Raum gefüllt, wenn man ihn betritt, rechts, hinter zwei schrägen Pfeilerstreben ist eine kleine Küche, abgegrenzt
von einer schwarzen Theke auf der links und rechts Weinreben in gewaltigen Töpfen sich um den Küchenspitzbogen ranken, dies sind Madelines heiligen Kühe, ich pflege sie sorgfältig. Links von der
Küche führt ein Gang mit Wandschränken zum Badezimmer, hinter einer Tür im Gang ist der bröckelige Hügel, dort stelle ich Eimer und Putzsachen auf langen, wippenden Holzplanken ab.
Zum Tal hin öffnen sich Fensterwände, durch eine breite Schiebetür treten wir auf unseren Balkon aus schwarzgepechtem Zedernholz, der um die Hausecke weiterläuft und in die Treppe mündet, die
außen um das Haus herum zur Straße steigt, neben den Stufen wachsen dickfleischige Fetthennen aus dem Fels, oben steht ein riesiger Oleanderbusch, sowieso stehen hier lauter Pflanzen herum, die
meine Mutter in klein auf ihrer Fensterbank hat, hohe Agaven, um deren Blütenkolben im Winter die Paradiesvögel zittern, Kakteen, verschiedene Arten von Wolfsmilchgewächsen. Es ist ruhig hier
oben, Eidechsen huschen über die Wände, Bienen summen, links unten rauscht fern der Verkehr, der über den Sunset läuft.
Unser Blick geht ins Innere des Canyons, wo Häuser hängen, von Efeu und Bougainvillea bewachsene Villen hocken, jedes Frühjahr leuchten von dort die lila Jacaranda, im Süden läuft bis zum Horizont
die Stadt, im Gittermuster, mit der dicken Arterie von La Cienega, im Westen sehen wir bis ans Meer, auf dem im Winter die Sonne sich im richtigen Winkel zu uns widerspiegelt. Über allem liegt
diese unglaubliche Bläue, vor der das Auge ungläubig blinzelt, die sich in der Ferne feucht verdichtet, der Horizont jedoch trägt das braune Band des Smog.
Die erste Zeit arbeite ich nicht, ich mache mein neues Nest zurecht. Schon als ich noch am Robertson Boulevard in der Badeboutique arbeite, mache ich meine erste Anschaffung, einen Tisch, eines
Tages ist draußen am Ende der Straße ein kleiner Antiquitätenmarkt, ich sehe das wunderschöne Stück, ein naturheller Tisch, ein selbstgemachtes Handwerkerstück, Beine gedrechselt, das Holz sanft
von Gebrauch. Nach und nach kommt mehr hinzu, ein paar director’s chairs, später werden es blonde Breuer-Stühle. Ein Kingsize Bett, das wir von Ed und John erben, einem homosexuellen Paar, das auf
der anderen Seite des Canyon wohnt, wir treffen sie, als ihr Hund unsere Hündin besteigt, obwohl ersterer vor einer Woche kastriert wurde, von Johns Vater, der Tierarzt ist, Armenier, Josephine,
seine Mutter, ist eine stämmige blonde Frau aus dem Münsterland, ich lasse den beiden Hunden ihren Spaß, zwischendurch werden wir andern dicke Freunde. Jack kauft für sein Haus neue Auslegeware,
wollt ihr meine alte haben? fragt er, natürlich wollen wir, so legen wir seinen dicken weißen Wollpelz über unser Linoleum, eine Stelle vor der Glasschiebetür ist ein wenig abgenutzt, aber was tut
das, jetzt können Craig und Hündin in der Nachmittagssonne auf der Erde sitzen, bzw. liegen, davon gibt es noch ein Photo, Craig ist gegen das Fenster gelehnt, er liest, zu seinen Füßen liegt die
Hündin. Dann zimmern Dennis und Craig wochenlang ein breites, tiefes Gestell, lackieren es dunkelbraun, in das die vielen Schallplatten, das Hifi-Gerät, Bücher und der Fernseher passen sollen,
letzterer ist Richtung Bett gedreht, wo ich morgens lange bleibe, Craig schenkt mir ein Hollywood Tablett, zwei hohe Füße an jedem Ende, damit ich bequem frühstücken kann, dabei gucke ich „I love
Lucy“, meine erste Einführung in die amerikanische Film- und Fernsehgeschichte, denn ich lese die Entstehungsgeschichte der Show, die die erste dieser Art war. An die andere Seite dieses Gestells
kommt bald ein tiefes altes Sofa in rotem Samt, somit ist der große Raum in zwei geteilt, die Lautsprecher des Hifi stehen der Couch gegenüber, wo Dennis und Craig ihre klassischen Platten hören.
Und am Ende stattet Madeleine unsere Fensterwände mit weißen Jalousien aus, und Craig hat aus Familienbesitz einige alte amerikanische Möbelstücke, einen dunkelroten Schreibtisch mit passendem
Stuhl und eine helle Vitrine mit ungewöhnlicher Öffnungsanlage, man schiebt die Glastüren nach oben, in die Vitrine hinein; wir füllen sie mit Büchern.
In der ersten Zeit schlägt uns das Leben noch nicht, Craig hat eine Anstellung im Red Foxx Gebäude gefunden, La Brea Avenue, wo er einen kleinen Projektionsraum verwaltet, wer immer will kann dort
den ersten Schnitt seines Films ansehen, Produzenten und Mitarbeiter einladen, einmal trifft er Truffaut im Fahrstuhl, erzählt ihm, wie sehr er ihn bewundert, er hat meine Hündin bei sich, und
übrigens diese spricht nur französisch, „viens Ulane“, sagt er, als er den Fahrstuhl verläßt, Truffaut lacht. Abends projiziert Craig oft Filme privat bei Streisand oder Bogdanovich, wir leiden
keine Not, ich erstehe ein weißes englisches Kaffeeservice bei einem „garage sale“, es findet im Garten eines geheimnisvollen Hauses statt, an dem wir abends mit der Hündin vorbeigehen, wir folgen
der Straße um den Canyon herum nach Westen, den Ausbuchtungen der Felsen nach, an einer Stelle biegen wir um das eingezäunte Plateau eines kleinen Eukalyptuswaldes, in der Mitte steht ein fast
hüttenmäßiges Haus, als seien wir plötzlich in einem Charlotte Brontë Roman, wenn man natürlich die Eukalyptusbäume durch Eichen ersetzt, weiter als in den Garten komme ich nicht, dort steht ein
Tisch voller Ramsch, darunter mein Service mit achteckigen Tassen und Tellern, nicht ganz komplett, es ist wahr, dafür nicht teuer.
Der Abendspaziergang mit Craig führt uns immer nach Westen, wir drehen in immer neue Canyons bis dahin, wo die Häuser dicht an dicht sich gegenüber stehen, in der Dunkelheit wie ein heimeliges,
italienisches Dorf und es nicht weitergeht, wir umkehren, einige Male verschwindet die Hündin in die Hügel, will einem Schakal nach, Stunden später findet sie allein nach Hause, zerzaust und mit
hängender Zunge. Tagsüber gehe ich mit ihr einen anderen Weg, ein Stück die Hillside Avenue hoch, an Jacks Haus vorbei, ganz oben wohnt eine Österreicherin, sie hat sogar einen richtigen deutschen
Garten hinter dem Haus, mit Erdbeeren im Frühling, doch meine Hündin und ich nehmen eine runterlaufende Straße, mein weiter Blick geht nach Osten, dieser diesig verschwimmende Haufen Hochhäuser,
der dort hinten aus dem flachen Häusermeer ragt, das ist Downtown, wir laufen unten in eine scharfe Kurve, neben der links auf einem grasigen Vorsprung ein Haus mit Garten ist, so ganz normal, als
sei das irgendwo in Wanne-Eickel und nicht wie vorgeschoben ins Nichts hoch über Los Angeles, ich habe keine Ahnung wer dort wohnt, aber auf dem Gras liegt eine mächtige Schäferhündin, vor der wir
zittern. Einmal kommt sie auf uns zu, ich erstarre, meine Hündin hat einen epileptischen Anfall, sie rollt sich auf dem Boden, verdreht die Augen, Schaum vor dem Mund. Die riesige Hündin guckt
verduzt, dreht sich um, geht zurück zu ihrem Rasenplatz, wir können an ihr vorbei die Kurve kratzen, was wir regelrecht tun, von dort geht es wieder steil aufwärts, es ist ein weiter Weg, immer
begleitet von einem neuen Blick auf die Stadt, die Weite, den Himmel.
Craigs Familie, obwohl sie nichts von unserer Heirat weiß, hat mich sofort integriert. Da ist Mary, Craigs Mutter. Sie lehrt an einer high school, sie ist eine Dame, ruhig und kontrolliert,
verheiratet mit Wally, ein oder zwei Jahre älter als ich, sie trafen sich auf der Universität, wo Mary, nachdem sie sich von Craigs Vater scheiden ließ, ihr Studium wieder aufnahm, sie mußte
arbeiten, der Vater ihrer vier kleinen Kinder war Alkoholiker, der musische Sohn eines Filmproduzenten, er kämpfte im Pazifik und konnte danach nicht mehr aufhören zu trinken. Mary und Wally
wohnen mit Craigs jüngstem Bruder, der sich für nichts als Baseball interessiert, Frauen eingeschlossen, in einem Ranchhaus auf der anderen Seite der Santa-Monica Berge, wir fahren oft zu ihnen,
über den Laurel Canyon, von dort gleich in die Hügelreihe, die sich über der nördlich hinziehenden Ebene erhebt, „the Valley“, das San Fernando Tal. Ein paar Schritte durch ihre kurze Straße,
dahinter fängt ein Stück Urwald an, ohne viel Pfade und Wege, durch den wir uns oft einen Weg bahnen, die Hündin immer ein Stück voraus, sie schaut sich um, wo sind diese langsamen Menschen, hüpft
über Stock und Stein, einmal gehen wir tief in die Berge, um einen Canyon herum, ersteigen eine Spitze und sehen Los Angeles auf der anderen Seite der Berge tief unter uns liegen.
Craigs Schwester wohnt im Ort nebenan, in diesem Sommer sind wir oft dort, wir müssen babysitten und „Haus-sitten“, die Eltern wollen in den Norden Kaliforniens ziehen, sind auf Wohnungssuche,
Craig und ich passen auf die Kinder und Hunde auf, warten auf Kunden, die das Haus besichtigen wollen, bis die Flöhe uns verjagen, meine Hündin ist allergisch gegen Valley-Flöhe, zu Anfang jedoch
bin ich ganze Tage in dem Haus, an meinem Geburtstag, den wir dort verbringen, schenkt Craig mir eine alte Rolleiflex, ich fange an zu studieren, wie man Photos schießt, sonst sitze ich am Pool
unter einem Sonnenschirm und schreibe meine Hausaufgaben in eine Kladde. Wenn Craig von der Arbeit zurück ist und ich das Auto zur Verfügung habe, besuche ich abends einen Schreibkursus an der
UCLA. Eines späten Nachmittags sitze ich zu Hause am roten Schreibpult, schaue auf die Stadt, das Radio meldet, Elvis Presley ist gestorben, ich tippe meine zweite Hausaufgabe, beschreibe den
Abend, wie er über der Stadt einfällt:
„... Where I am, the sun has disappeared behind a hill, the green is dark and motionless, it is getting cooler.
Far down lies the city. I can clearly see the large streets, the high buildings warmed by the setting sun into a rose color, so neat and clean like toys that you feel tempted to stretch out your
hand to pick them up. The dying comes little by little. Whole areas are suddenly wiped out, colorless, in the shadow of a far hill or a tall building. The rose color gets more intense on some
spots, hits a street here, reflects on a building there and finally fades away, very slowly. The town is stone and iron now, cold, hard, shadeless. It grows darker, the harshness softens, the
streets fill with darkness. And lights go on, one after the other, form lines along the streets, flicker through the distant air. A spotlight throws its enormous arms through the black air. It is
silent and cool on my hill. Sirens cry far down, some dogs bark and howl. I hear laughter from the house across the canyon. It must be full moon today, there she hangs big above a tree. And I hear
some criquets begin their night.“
Als meine Hündin eines Tages die Treppe hochfliegt, weil auf der Straße ein deutscher Schäferhund vorbeigeht, treffe ich Dr. George Bach, er wohnt gleich unter uns, am Hollywood Boulevard der hier
ausläuft, in einem Haus, das Lubitsch sich an den Hügel baute, vor langer Zeit, wir gehen jetzt manchmal zusammen spazieren, Herr Bach ist deutscher Balte, ein kleiner weißhaariger Mann mit
hastigen Gesten und schneller Rede. Er ist Psychologe, Therapeut, steht einer regelrechten Schule seiner Therapien vor, hält Wochenendseminare an der UCLA ab, wozu er mich einmal einlädt, ich
ertrage einen Abend, mehr nicht, wir laufen alle mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Händen in einem Raum herum, sollen unsere sensorischen Fähigkeiten entwickeln, Berührungsängste
überwinden, aber ich will mich von fremden Menschen nicht berühren lassen, auf einer der Soirées in seinem Haus treffe ich Herrn Diedrichs, seinen deutschen Verleger, wir nehmen ihn und seine
Begleiterin im alten Cadillac von Craigs Mutter mit zum Disneyland, als wir wiederkommen hören wir bei uns Cathleen Ferrier an, wie sie „Frauenliebe und –leben“ singt, eine ältere Platte, die wir
gerade erworben haben, ein paar Jahre später helfe ich Herrn Bach bei der Niederschrift eines seiner Manuskripte, sein Englisch ist sehr fehlerhaft, wohl weil alle seine Sinne auf seine Botschaft
gerichtet sind, in der Küche brät er mir Spiegeleier.
Manchmal veranstaltet Madeline Sunday Brunches am langen Tisch in ihrer sonnenwarmen Küche, da sind unsere Nachbarn Gary und Larry, ein homosexuelles Paar, Jack und wer immer ihn begleitet, Craig
und ich. Madeline hat eine scharfe Zunge, sie ist schon um elf stark betrunken, einmal knickt ihr Fuß ein, sie fällt hin, Jack lacht kurz auf, von da ist jeder von exquisiter Höflichkeit, um sie
nicht herauszufordern. Im Frühjahr bleibt sie ein paar Wochen zu Hause, sie hat sich im Büro verhoben, hat starke Rückenschmerzen, fährt zu ihrem armenischen Arzt, einmal kommt sie mir oben auf
dem Hollywood Boulevard entgegen, sie ist sehr betrunken, ich quetsche unser Auto gegen den Felsen, um ihr auszuweichen.
Madeline versucht es mit homöopatischen Mitteln, doch bald nimmt sie starke Tabletten, ihre Schmerzen nehmen zu, Ende des Sommers sind ihre Beine betroffen, die Schmerzen werden unerträglich, wir
leiden mit ihr, monatelang hören wir Tag und Nacht ihr Stöhnen über uns, zeitweise wird sie verrückt, telephoniert, beschuldigt Craig, ihr obszöne Anrufe zu machen, ich kümmere mich jedoch um sie,
mache Einkäufe, räume ab und zu ihre Wohnung auf, spüle ihr Geschirr, stelle jeden Abend ihre Sprinkleranlagen vor dem Haus und auf dem Hügel unter uns an, im Herbst kann sie sich nicht mehr
bewegen, ich habe angefangen zu arbeiten, abends kocht unser Nachbar Gary für sie mit, trägt das Abendessen auf einem Tablett zu ihr, wenn ich nach Hause komme, räume ich es ab und spüle, höre
Madeline zu, die zwischen Stöhnen, denn keine Tabletten können ihr den Schmerz ganz nehmen, mir aus ihrem Leben erzählt.
Sie war Hollywood High, ging inmitten der goldenen Filmkinder auf die Hollywood highschool, die weiter östlich am Sunset liegt, am Straßenrand standen ab und zu Stars in ihren Limos, um hübsche
Mädchen nach Schulschluß abzustauben. Madelines Mutter war eine Deutsche, die nach Kalifornien kam, weil ihr Bruder, ein Fleischer, sie hergerufen hatte, als sie da war, kümmerte er sich nicht
mehr um sie und sie ging putzen. Madelines Vater war ein betrunkener Ire, der schnell ihre Mutter heiratete, sie schwängerte und dann für immer verschwand, noch bevor sie geboren war. Ihre Mutter,
die nie lernte Englisch zu schreiben, blieb Dienstmädchen. Und sie, ihre Tochter, war Hollywood High, gehörte zu dieser Welt, die doch so fern war. Sie trieb sich herum wie die anderen, sammelte
Erfahrungen, träumte, wurde dann eine Sekretärin. Sie traf einen Ägypter, einen Filmmann, heiratete ihn und wohnte mit ihm einige Jahre in Kairo, ein schreckliches Land, diese Einsamkeit, diese
Fülle, an der sie nicht teilhatte, diese alten Plagen wie Hitze und Ungeziefer, die Ehe ging in die Brüche, ihr Mann ließ sich von ihr scheiden, er war schon älter gewesen, hatte zwei halbwüchsige
Töchter, Madeline kam zurück, fing an, ihr Haus zu bauen. Danach war nichts mehr. Sie lebte allein mit ihrem riesigen Schäferhund, der die Nachbarn erschreckte. In ihrer Nachtischschublade lag
eine Pistole. Sie rauchte und trank. Und beobachtete die Nachbarn. Sie kennt jeden, weiß von jedem Geschichten zu erzählen. Madeline glaubt an Engel, sie gehört den Rosenkreuzern an, erbaut sich
an ihren Zeitschriften, eines Tages steht Jesus in Person an ihrem Bett.
In dieser schwierigen Zeit, unter Madelines Stöhnen, ist unser Leben randvoll. Wir haben zahllose Freunde, laden ein, gehen aus, gehen ins Kino, es gibt das Los Angeles Film Festival, „Filmex“,
das jedes Frühjahr zehn Tage stattfindet, dem Craig viele freien Stunden schenkt, einmal zieht man mich zu Rat, aus Deutschland kommen Filmspulen von Fritz Langs Nibelungensage an, natürlich in
letzter Minute, sie müssen in der Nacht vor der Aufführung ins Englische übersetzt werden, Anneliese, die die Untertitel lesen soll, kommt nicht mit der Übersetzung klar. Das Festival ist wie ein
Rausch, alle sind filmdurchdrungen, Wirklichkeit hat sich in Film verwandelt, Filme werden die Wirklichkeit, Tag und Nacht, die Veranstalter sind ein homosexuelles Paar, Gary und Gary, die
Homosexuellen sind die zweite Garnitur der Industrie, nicht die Macher sondern ihr empfindliches, empfängliches Sprachrohr, es gibt Empfänge, Einladungen, wir haben freien Zutritt zu allem, auf
einer Nachmittagsparty im sehr verglasten aber dunklen Canyonhaus von Gary und Gary treffe ich Christopher Isherwood, wir stehen in einer Ecke der Küche, er erzählt mir von Brecht, plötzlich hält
er inne, sein Gesicht steinern, er sagt kein Wort mehr, vielleicht kam ihm eine alte Irritation hoch, und überhaupt, warum rede ich nicht über ihn selbst? Wir drei, Craig, Dennis und ich, gehen in
Konzerte, wir kaufen billige Karten, warten hinten, wenn der Dirigent oder der Künstler erscheint, in letzter Minute, setzen wir uns vorn auf die freien Plätze, ich muß immer am Rand sitzen wegen
meiner Platzangst, wir strahlen in den ganzen Los Angeles County aus, fahren nach Pasadena, nach Long Beach, dort, während Charles Rosen die Davidsbündlertänze spielt, geht ein kurzes Zucken durch
den Saal, mein erstes Erdbeben, niemand rührt sich, im Dorothy Chandler Pavillon in Downtown hören wir fast alle Orchesteraufführungen – wird Tschaikowsky gespielt, bleibe ich derweil draußen – im
Sommer sitzen wir abends im Hollywood Bowl, einen Sommer, wir sind sehr arm, gehe ich morgens zu den Proben der fünf Beethoven Klavierkonzerte mit Alfred Brendel, wir sind in einer Hitzewelle, das
Thermometer sinkt nicht unter vierzig, die riesige Arena ist natürlich sonnenüberflutet, eine kleine, treue Truppe, sitzen wir rechts im Morgenschatten, in den Pausen gehen wir hinter die Bühne
und trinken einen Kaffee mit dem Orchester am Movable Feast-Auto und schwatzen – die Treuen sind alles alte Immigranten aus Deutschland, einige können sich an Thomas Mann erinnern. In diesem
Sommer treffe ich auch das Suk Trio wieder, das im Gästehaus einer Villa in Beverly Hills logiert, ich sitze auf einem Louis XV-Stuhl in einem hohen Musikraum und höre bei den Proben zu, abends
speise ich in der Villa, danach holt der Besitzer der Villa seine Stradivarius aus dem Safe, er will mit seinen Gästen wenn auch zweite Geige spielen, andere Musiker treffen ein, Craig und Dennis,
und es gibt einen privaten Musikabend. In Craigs Familie finden viele Feste statt, Craig ist dort zu Hause, ich auch, ich liege nackt am Pool – Mary hat Hautkrebs gehabt, meidet die Sonne – die
Hündin geht hechelnd ins Haus. Wenn Mary eine Dinnerparty gibt, ist der Vater ihrer Kinder dabei, und dessen Mutter, Blanche, eine schöne sehr alte Dame, die auf einer der Inseln in der San
Francisco Bay aufwuchs, sie kann sich an das Erdbeben 1906 erinnern und das große Feuer hinterher, das rot über den Himmel leckte, enge Freunde sind da, Wallys Eltern, alle Kinder mit Anhang, Mary
kocht tagelang in ihrer hyper-ausgestatteten Küche, holt ihr schönstes Geschirr aus dem Schrank, und wenn alles gut angelaufen ist, liegt sie irgendwo auf einer Couch und ist vor Erschöpfung und
Whisky eingeschlafen. An vielen Wochenenden sind wir abends im Kino des County Museums am Wilshire Boulevard, das von einem Bekannten, Ron, geführt wird, und in das wir auch freien Zutritt haben,
es gibt eine „double feature“, zwei Filme hintereinander, gegen Mitternacht gehen wir zu Kanter’s, einem geräumigen Restaurant am Fairfax, das die ganze Nacht geöffnet ist, sitzen im fahlen
Neonlicht, lassen uns von einer der häßlichen Kellnerinnen bedienen, sie sind so monströs, als wären sie aus der Requisitenkammer eines Gruselfilms. Einen Sommer hindurch sehe ich alle Billy
Wilder Filme, auch seine Berliner Produktion, manchmal treffe ich dort auch Isherwood, am letzten Vorführungstag ist Herr Wilder selber da, er spricht zu seinen Fans, sein Englisch hat immer noch
den dicken deutschen Akzent, er fängt so an und schmunzelt dabei, im Deutschen, sagt er auf Englisch, gibt es ein bezeichnendes Wort, das man nicht übersetzen kann, „Sitzfleisch“, das haben Sie
alle jetzt bewiesen und ich möchte Ihnen für Ihre Treue und Aufmerksamkeit danken.
Zwischen Craig und mir ist schon die Desillusion am Werk, die sich bei zwei Menschen, die zusammenleben nach einer Weile einstellt, sich oft in einer von der Emotion erhöhten Dimension ausspielt.
Wir wollen nach Westwood ins Kino, wir haben eine erregte Diskussion um nichts, Craig schlägt voll Wut seine Hand gegen unsere Hinterwand, die Hand bricht in die Wand, sie ist aus Pappe. Danach
ruft Madeline an, Craig belästigt sie mit obzönen Anrufen, sie braucht keinen Sex mehr, wir fliehen aus dem Haus, in Westwood bleiben wir an einer Polizeisperre stecken, ein Haus wird umzingelt,
hinter jedem Auto steht ein Scharfschütze, wir rühren uns nicht.
Probleme türmen sich vor uns auf. Craig, der charmante, lebhafte, so gebildete junge Mann hat eine Unmenge Schulden, er ist nachlässig, leichtsinnig, immer wieder können wir Madeline die Miete
nicht zahlen, weil er das Geld für Marihuana ausgegeben hat, er erträgt nicht meine Vorhaltungen. Sein Auto ist ein 1969 VW Kombi, den er von seinem früheren Mitbewohner Philip übernahm, er
stottert ihn ab wenn er mal Geld hat, viel zu teuer, denn nichts funktionniert an dem Auto: es hat einen Einspritzmotor mit einer neun Meter langen Benzinleitung, immer wieder setzt die Elektronik
aus, das Auto bleibt einfach stehen, da wo wir gerade sind, manchmal springt es wieder an, manchmal nicht, dann müssen wir es abschleppen lassen und es muß wieder in die VW-Werkstatt in Beverly
Hills. Die Hupe geht nicht, ebenso nicht die Blinker und Scheibenwischer. Wir sind nicht versichert, ich habe keinen kalifornischen Führerschein, weil ich mit dem Auto nicht beim Department of
Motor Vehicles erscheinen kann, Führerscheine werden im eigenen Auto abgenommen. Im Juni haben wir unseren ersten Unfall. Wir sind auf der Autobahn nach San Diego, zu viert, mit Freunden, wir
fahren zum Haus ihrer Eltern, die in Rancho Santa Fe wohnen. Ein kleiner Laster fährt uns von hinten an, wir fühlen einen heftigen Stoß, werden nach vorn geworfen, Craig gelingt es, an den
Straßenrand zu fahren, wir steigen aus, hinten ist alles eingebeult.
Der zweite Unfall passiert mir einen Monat später. Mit Connie, einer knorpeligen, kleinen Lesbierin, die lange in Berlin wohnte und fließend Deutsch spricht, fahre ich zu ihrer Wohnung in Santa
Monica, wo ich die Nacht verbringe, kurz vor einer Kreuzung bleibt das Auto stehen, ich fahre an den Straßenrand, versuche ein paar Mal die Zündung, es springt wieder an, im Moment als ich, noch
bei Grün, über die Kreuzung fahre, biegt eine junge Frau von der anderen Straßenseite nach links ein und in mich rein, in meine linke Seite. Es ist eine junge Deutsche, die bei ihrer Schwester
wohnt, das Auto ist versichert. Dem Polizisten, der erscheint und das Protokoll aufnimmt, erklären wir, Connie ist gefahren, es hat noch eine dicke Beule mehr.
In den folgenden Wochen führen wir einen Versicherungsbetrug durch. Als wir Schadensersatz fordern, findet die Versicherung der jungen Frau Vorwände, uns nicht zu entschädigen, wir gehen zu unserm
Freund John im Canyonhaus gegenüber, er ist Assistent eines Ganovenanwalts, rät uns, der Versicherung einen Prozeß zu machen, er würde alles in die Wege leiten, ich sei beim Unfall am Rücken
verletzt worden und brauchte ärztliche Behandlung, man würde einen Vergleich suchen und eine bestimmte Summe zahlen, aber erst müsse ich proforma Untersuchung und Behandlung wegen Rückgratschadens
über mich ergehen lassen.
So geschieht es. Craig hat keine Arbeit mehr, das Auto ist immer kaputt, wir sind beide in zahnärztlicher Behandlung, mir wird ein Zahn gezogen, wir können das Geld gut gebrauchen. Mehrere Wochen
suche ich einen Arzt am Wilshire auf, der meinen Rücken mittels einer Hitzelampe behandelt, jedes Mal, wenn ich seine Praxis betrete, fängt mein Rücken wirklich an wehzutun, die Schuld, das
Bewußtsein der Schuld, die Absurdität der Situation lasten auf mir, jeder der Mitspieler weiß, daß alles Lüge ist.
Von Jacqueline und Madame Manetti erfahre ich, daß Jack meine Wohnung im „cent quatre“‘ wieder in Besitz genommen hat. Die Deutschen hätten in großer Unordnung darin gehaust, sagt er später, eines
Tages trägt er um den Hals eines meiner schönen Wolltücher, die ich in Paris gelassen hatte, da hat sich wohl jeder bedient, sage ich zu ihm, er nimmt es ab, gibt es mir, ohne Scham, zuerst
wohnten dort einige seiner Freundinnen, dann brach meine Bibliothek zusammen und meine Bücher wurden in eine Ecke gestapelt, nicht ohne daß jeder nahm, was ihm gefiel, dann zog Madame Martin mit
ihrer und Jacks Tochter dort ein und mit Jacks Hund, denn Jack hatte eine Zeitlang keine Wohnung in Paris, fast alle meine Sachen habe ich nie wiedergesehen, einige konnte Jacqueline mir
zuschicken, unter anderem meinen Silberfuchs, den ich dann manchmal im Hollywood Bowl trage, es kann abends recht kühl sein, von einer recht feuchten Kühle, die vom Meer kommt, meine Bücher bekam
ich teilweise wieder, die schönen französischen Ausgaben waren weg, etliche waren vom Hund angenagt und Madame Martin gab mir die Stiftzeichnung des jungen Mädchens mit Kreuzchen am Hals wieder,
bat mich, die anderen paar Sachen behalten zu dürfen, Geschirr und dergleichen.
Im Oktober finde ich Arbeit. Meine frühere Mitbewohnerin von der Sierra Bonita weiß, daß Theodore, ein Modegeschäft am Rodeo Drive, Verkäuferinnen sucht, ich werde eingestellt, man mag junge
Frauen die einen europäischen Akzent haben. Leslie, die Chefin ist klein und dynamisch, wir verkaufen vor allem schicke französische Sachen, liegen an einer teueren Straße, wo alle Welt
vorbeiläuft. Zuerst bin ich sehr schüchtern, habe Angst vor diesen reichen Frauen, die den Laden betreten, ein wenig verlebt, behängt mit Schmuck, manchmal in Begleitung ihrer jungen Hippytochter.
An einem der ersten Tage habe ich einen guten Treffer, eine Frau mit ihrer Begleitung kommt auf mich zu, ich muß ihr alle unsere Sachen zeigen, sie redet nicht, ihre Begleiterin macht alles, es
ist ein Nachmittag, ein wenig leer, die anderen Mädchen stehen um uns herum und gucken zu, was ist los, frage ich eine von ihnen, weißt du nicht, wer das ist, sagt sie, nein, antworte ich, als sie
mir den Namen nennt, ist sie mir noch immer unbekannt, aber sie macht einen enormen Einkauf, der mir zum ersten Zusatzgehalt verhilft.
Leslie ist sehr streng, wir sind alle in weiße Hosen und T-Shirts gekleidet, dürfen uns nicht setzen, nicht rauchen, dürfen nie gelangweilt aussehen. Unser Gehalt ist 100 Dollar die Woche auf der
Basis eines Minimalumsatzes von 500 Dollar pro Tag, Sozialabgaben und Steuern nicht eingerechnet. Verkäufe darüber hinaus werden am Ende des Monats abgerechnet. Nach der ersten prominenten Kundin
fällt meine Leistung stark ab und Leslie nimmt mich vor, wer das Minimum nicht erreicht, wird entlassen. Danach verzichte ich sogar oft auf das Mittagessen, um eventuelle Käuferinnen nicht zu
verpassen, einmal steht Steve McQueen vor mir, ich erkenne ihn kaum, sein Gesicht verschwindet in einem wildwachsenden Bart, ob er eine Tasse Kaffee haben könnte, natürlich, sage ich, bringe ihm
eine Plastiktasse, er kommt regelmäßig vorbei, sagen die anderen Mädchen.
Ich treffe oft meinem Freund Murray, er arbeitet in der Buchhandlung Hunter’s an der Ecke vom Rodeo. Eines Tages im November trete ich dort ein, spreche nach einigem Zögern einen kleinen bärtigen
Mann an, sage ihm, mich interessieren die deutschen Immigranten in Kalifornien, ob es darüber Literatur gibt, zwischen dem Kleiderladen und Madeline muß ich meinen Kopf beschäftigen, ich versuche
zu verstehen, was dieses seltsame, fremde Land für die Europäer darstellte, ich möchte darüber schreiben, will ihre Verflechtungen mit der Stadt aufdecken, die Kultur erforschen, die mit ihnen in
die Stadt kam, da war ich an der richtigen Adresse, Murray ist Jude, er kennt sie alle, die Leute die im Krieg hier Unterschlupf fanden, kennt ihr Leben, hat ihre Romane gelesen, weiß wo sie
wohnten, kann Geschichten über Geschichten erzählen, er war mehrmals in Europa, als er nach seinem Besuch in Dachau durch blühende Felder ging, hatte er gedacht, wenn die Natur vergeben kann, kann
ich es auch. Murray wird ein treuer Freund, ist es heute noch, damals jedoch kann er mir noch nicht gestehen, daß er homosexuell ist.
An Thanksgiving bin ich allein, weil ich arbeiten muß, Craig fährt mit seiner Familie in den Norden, um seine Schwester in ihrem neuen Heim zu besuchen, Madelines Nachbar in dem breit gelagerten
Mittelmeerhaus unter uns läßt von einem seiner Kinder eine Thanksgivingmahlzeit für zwei in silbernen Schüsseln auf einem silbernen Tablett hochtragen, ich decke den Tisch, wir haben ein
luxuriöses Mahl, Madeline und ich, am nächsten Tag trage ich alles zurück, ja, die Nachbarn, ein irischer Filmregisseur und seine Familie, finden Madeline sehr seltsam, sie wissen, daß sie von ihr
beobachtet wurden, immer wieder, durch die Jahre, sahen sie ihre Zigarette dort oben auf ihrem Balkon aufglühen, manchmal blitzten die Zwillingsgläser ihres Fernglases in einem Gegenlicht.
Weihnachten möchte Madeline gern baden, gut, sage ich, ich helfe dir, ich lasse die Badewanne vollaufen, ziehe Madeline aus, als ich sie nackt sehe, falle ich fast in Ohnmacht, ich muß an mich
halten, sie nicht fühlen lassen wie erschreckt ich bin, darüber, daß sie nur aus mehr Haut und Knochen besteht, muß mit ihr reden, aufmunternd, sie an die Hand nehmen, ihr helfen, die Wanne zu
besteigen, dann beziehe ich ihr Bett mit neuen Laken, und sie fällt erschöpft in die frische Wäsche. Gary serviert ihr ein Weihnachtsmahl.
Gary hat mir einen Monat vorher die Wahrheit erzählt, an einem Tag, an dem Madeline zur Untersuchung in einem Krankenhaus ist, das sie dann wieder nach Hause entläßt. Es ist ein schöner Abend, wie
immer, Larry ist noch nicht zu Hause, wir sitzen im geschmackvollen Wohnzimmer, überall Glas, stehen Glastierchen herum, hinter der Glaswand liegt unten die leuchtende Stadt, wir trinken Whisky
obwohl es noch nicht sieben ist, Gary trinkt nur nach sieben, denn ich höre nicht auf zu schluchzen. Gary ist Finanzchef der UCLA Uniklinik, er weiß Bescheid, alle führen Madeline irre, sagt er,
belügen sie, es gibt keine Hoffnung, sie hat Knochenkrebs, sie wird nicht mehr lange leben.
Zum Weihnachtsfest schenken Mary und Wally mir ein Goldkettchen, Craig überreicht es mir weil seine Eltern im Norden bei den Enkelkindern sind, als ich das Päckchen aufgemache, kommen mir die
Tränen, es ist das einzige Schmuckstück geblieben das ich trage, Tag und Nacht. Am Weihnachtsfest sitzen wir auf der Terrasse eines Cafés am Melrose, es ist warm, den Bürgersteig entlang gleiten
fesche junge Männer in straffen Shorts auf Rollschuhen, im Café spielt man Weihnachtslieder. Im Frühjahr suchen uns einige heftige Regenstürme heim, wir sind verloren wie auf einem vom Ozean und
dem Regen gepeitschten Schiff, jenseits des Regenvorhangs ist alles verschwunden, unsere steile Straße ist ein reißender Bach, wir kleben unsere Eingangstür rundherum mit Klebestreifen zu, der
heulende Wind bläst das Wasser durch die Ritzen, es läuft in schmutzigen Spuren die Tür hinunter.
Bei Theodore überfällt mich der Kleiderfimmel, ich kaufe einige sehr schöne Sachen zu Spezialpreis, von den letzten habe ich mich erst vor nicht langer Zeit getrennt, in der Parallelstraße zum
Rodeo kaufe ich zwei Paar sehr teuere Schuhe, die ich noch besitze, die weißen Schnürschuhe trage ich im Geschäft, es ist nicht leicht stundenlang zu stehen, „space shoes“ sagt Craig dazu, flach
mit dicker Profilsohle, viele Wanderungen habe ich später in ihnen gemacht. Es wird mir jedoch immer schwerer, diesen unbarmherzigen Kampf mit den anderen Mädchen um kaufkräftige Kundschaft
durchzuhalten, den Neid nicht zu fühlen, wenn sie verkaufen, jede von uns hat hinter der Kasse einen, von allen einzusehenden Zettel, auf dem sie ihre Verkäufe aufzeichnen muß, um Gier und somit
Aggression und somit unsere Verkaufswut zu stimulieren, es ist wahr, an sich ist es egal, die Leute, die reinkommen können bezahlen, einmal bediene ich Raquel Welch, ja, sage ich ihr, mein Mann
arbeitet gerade für ihren Ex-Ehemann Patrick, an der Sunset-Plaza, wo sie burleske Szenen aus alten Western zusammenschneiden und kompilieren, so, sagt sie, what’s your name, denn jede Kundin hat
ihre eigene Verkäuferin, doch dazu kommt es bei mir nicht mehr, als Ende Februar Ausverkauf ist, die Frauen den Laden stürmen, ich keine Verkäufe mache, weil ich Angst vor den Massen habe, kündige
ich und gehe, Leslie bedauert es, ich bin eine gute Verkäuferin.
Es ist wahr, Craig und ich geht es besser, wir verdienen beide und können das Auto ersetzen. Der VW hat auf einem Parkplatz noch eine Anrumpelung erlitten, ist noch ein paar Male stehen geblieben,
schließlich läuft Craig beim Runterfahren des Hügels einfach ein Rad weg. Er verkauft das Wrack für 50 Dollar an einen Angestellten der VW-Werkstätte, wir finden einen gebrauchten dunkelroten
Peugeot 504 mit Automatik und Klimaanlage. Meine Hündin hat sofort raus, daß Craig jetzt mit einem anderen Auto den Hügel hochkommt, sie fängt für gewöhnlich an ungeduldig zu piepsen, wenn sich
Craigs VW unter uns den Hügel hochquält, nach zwei Tagen schon horcht sie auf das andere Geräusch.
Mit diesem Auto fahren wir jeden Sonntag Madeline besuchen. Für ihre letzten Monate hat man sie in einem Krankenhaus in Santa Monica aufgenommen, als wir sie zum ersten Mal in dieser Umgebung
sehen, die Haare gehen ihr schon von der unnützen Chemotherapie aus, muß ich das Zimmer verlassen, ich habe einen Weinkrampf. Doch jeden Sonntag sind wir zur Stelle, sie schwindet immer mehr
dahin, meist ist sie nicht bei Bewußtsein, wir sitzen vor ihrem Bett, sehen sie an, sie ist kaum zu erkennen, ihre Perücke ist tief in die Stirn gezogen, ihr Arm, der auf der Bettdecke liegt ein
ledriger Knochen, ihre Hände sind skelettisch, sie bricht sich beim Umdrehen einen Hüftknochen, you watered the hillside? fragt sie vielleicht, wenn sie uns mit einem halben Auge sieht, ab und zu
nehmen wir eine Nachbarin mit, die alte Mrs. Neil, die im großen Eckhaus wohnt und mit der wir gut Freund sind, Mrs. Neil kam vor dem Krieg aus England, ihr Mann war Anstreicher, damals baute er
das Haus, ihr Sohn ist auch Anstreicher, sie arbeitet mit ihm, achtzigjährig steht sie auf Leitern und pinselt Wände an, ab und zu gehe ich sie besuchen, betrete ihre alte, kleine Küche, in der
sie lebt, auf dem Herd zischt immer ein Wasserkessel für Tee, sie erzählt mir ihr Leben in den Hügeln, von den Feuern, den Erdrutschen, den Erdbeben, zu Weihnachten backt sie uns einen richtigen
englischen Christmas fruitcake.
Ende April erhalte ich die Nachricht, Madeline ist gestorben. Noch zwei Tage vorher hatte ich mit ihr am Telefon gesprochen, wenn ich hier rauskomme, hatte sie gesagt, kümmere ich mich wieder um
das Haus, ich will verschiedenes ändern. Bei der Trauerfeier treffen wir einige ihrer Freunde, eine Mexikanerin, die eindringlich mit uns spricht, uns eines Abends besucht, es ist schon dunkel,
sie klopft an, tritt ein. Riecht gut hier, sagt sie, nur Brokkoli, ja bitte? sage ich. Ich möchte mit Ihnen reden, fängt sie an. Wir setzen uns.
Sie erzählt eine haarsträubende Geschichte. Einige Tage zuvor war jemand nachts in Madelines Wohnung, wir konnten hören wie man aufschloß, die Tür auf- und zumachte, an sich hätte ihr Alarm sich
anstellen müssen, wir hatten Angst, doch dann ging ich nach oben und sah nach. Ein rotblonder, älterer Mann war in Madelines Küche. Ja, er war ein Freund von Madeline, sagte er, er hatte gehört,
sie war sehr krank, er selber war krank gewesen, konnte sich nicht um sie kümmern, seit jeher hatte er den Schlüssel zu ihrer Wohnung. Peter heißt er, oder Pierre, er ist Belgier. Nun erzählt uns
die Mexikanerin, die an unserem Tisch sitzt, sie stellt sich als eine sehr alte Freundin Madelines vor, daß dieser Pierre ein Prinz des belgischen Königshauses ist, wegen Homosexualität von seiner
Familie geächtet, jedoch im Besitz von kostbarem Schmuck, den er, als er sehr krank war, Madeline anvertraute, jetzt ist er hinter diesem Schmuck her, doch niemand weiß wo er ist, Madeline hat ihn
ihr, Teresa, vermacht, da sie nicht wußte, ob Pierre noch lebte, das Testament ist in ihrem Besitz, ob wir etwas davon wissen?
Dann kommt Pierre vorbei und fragt uns ebenfalls nach dem Schmuck, diese Teresa ist eine Betrügerin, sagt er, Madeline kann ihr nicht Schmuck vererben, der ihr nicht gehört, und sowieso, eine
sterbende Frau zu einer Unterschrift zu veranlassen ist eine Niederträchtigkeit.
Gary, dem wir alles erzählen, kennt diese Geschichte nicht, auch Madelines Pistole hat er nicht gefunden, nie Schmuck gesehen, doch hat er ihr Testament eingesehen, im Falle ihres Ablebens habt
ihr drei Monate Frist, wenn euch ihre Erben kündigen, sagt er.
Craig schneidet fast zwei Jahre lang die frühen Abendnachrichten der Fernsehstation KNBC, die in Burbank ist, weit draußen hinter den Warner Studios, noch ein Stück weiter, da fangen die nackten
Berge an. Ich hole Craig oft ab, ich gucke zu, wie die Nachrichten gesprochen werden, bei Direktaufnahme muß absolute Stille herrschen, höllisch für jemanden der unter Klaustrophobie leidet. Eines
Winterabends machen wir uns auf, mitten in der Nacht in den Schnee zu fahren, in Ricks altem VW Bus, wir schlafen auf der Fahrt bis in die Berge auf einer Matraze, als es hell wird, hören wir
Beethovens Siebte im Radio, als die Sonne aufgeht, sind wir angelangt, wir steigen aus und empfangen die ersten Sonnenstrahlen mitten im Schnee, die Hündin weiß nicht woran sie ist, sie hüpft von
einer Pfote auf die andere. Als wir mittags wieder ins Tal fahren, enthäute ich mich, ziehe einen Pullover nach dem anderen aus, schließlich, es ist um Weihnachten, fahren wir zu einem Haus, in
dem eine Party stattfindet, wir treten ein, es ist heiß, ein Papagei schreit uns entgegen. Im Sommer wollen wir an einem Wochenende die Smoghaube, die auf Los Angeles liegt, verlassen, wir fahren
nach Santa Barbara, finden eine billige Bleibe, frühstücken im Biltmore, einem der wirklich schönen Hotels der Welt, gehen dann lange am Strand spazieren, ziehen die frische Seeluft in unsere
Lungen, weit draußen im diesigen Meer drohen am Horizont die Ölbohrtürme, am Nachmittag sind wir im botanischen Garten, es ist so heiß, meine Hündin stellt sich wieder von einer Pfote auf die
andere, dann findet sie einen Bach, führt uns hin, wir erfrischen uns.
Wir durchqueren längsweise die Mojave Wüste, um Craigs Schwester, die jetzt in Mammoth, im nördlichen Skigebiet lebt, zu besuchen, wenn wir die seltsamen Steinformationen, wo viele Filme gedreht
wurden, hinter uns lassen, ist da nichts mehr als das sich verschmälernde, schnurgrade Band der Straße, rechts und links ist spärlich bewachsenes Flachland, über das dicke Ballen von „tumbleweed“
rollen, weit vor uns liegen links die Spitzen der Sierra Nevada, denen wir uns nähern, hier befanden sich während des zweiten Weltkriegs die Konzentrationslager, in die die Amerikaner ihre
japanische Bevölkerung steckte, Philips Frau ist dort geboren, rechts am Horizont fängt Death Valley an, jedesmal wenn ich hier entlang fahre, habe ich eine Wüstenklaustrophobie, weit und breit
kein Haus, kein Baum, kein anderes Auto zu sehen, nur traurig hängende Telefonlinien begleiten uns; auch als wir mit Craigs Nichten und seinem Vater nach Bodie fahren, einer „ghost town“, man muß
um höllisch steinige Berge sieben Kilometer im Schritt über Geröll holpern, habe ich intensive Ängste, man kann hier immer noch am Wegrand krepieren, was Herrn Bodie passierte, der die Goldminen
entdeckte und die Stadt gründete, vor hundert Jahren wohnten hier zehntausend Leute, es gab ein Opernhaus und viele Kneipen, jeden Tag passierte Mord- und Totschlag, Alkohol floß in Strömen, alle
Häuser waren aus Holz gebaut, immer wieder brannten sie ab, es steht kein Baum, kein Strauch in dieser leblosen Talmulde, sie ist nur vier Monate im Jahr schneefrei, die letzten Einwohner hatten
den Ort ganz plötzlich verlassen, hinter den staubigen Fenstern sieht man Möbel und Geschirr, Tassen auf dem Tisch, Kalender an der Wand.
Mit Murray gehe ich auf andere Erkundungsfahrten, wir suchen die Adressen der Immigranten, das Apartment-Haus in Hollywood, in dem Döblin wohnte, die stattlichen Häuser von Thomas Mann und Lion
Feuchtwanger in der Nähe der Küste – bei Konzerten kreuze ich oft Marthe Feuchtwanger, eine geschrumpfte Alte mit weißem, streng nach hinten gekämmtem Haar, gekleidet in Schwarz, mit einem weiten
Umhang, der ihr bis zu den Füßen reicht – das neoklassische Haus von Schönberg mit Säulen am Eingang, die Apartment-Häuser, in denen Heinrich Mann und Adorno wohnten, ich treffe einen Schüler von
Ludwig Marcuse, Professor Jones, auf der Party eines UCLA-Instituts, mit meiner Bücherliste fahre ich oft in die wunderschöne alte Bibliothek in Downtown, die einen reichen Schatz deutscher Bücher
hat und wo ich Marcuses „Zwanzigstes Jahrhundert“ finde. Auf der anderen großen Universität, der USC, hören Murray und ich eine Vorlesung von Herbert Marcuse, auf dem Heimweg warten wir lange auf
den Bus, vor dem Brown Derby Restaurant, eines der Mythen des alten Hollywood, das bald danach demoliert wird, bald danach stirbt Marcuse, bald danach verliere ich den Mut, das kolossale Werk
einer Geschichte der Immigranten zu unternehmen, ich habe mit einer Frau Mierendorf am Telefon gesprochen, die mich bitter anfährt, ich bin ja nicht einmal Germanistin, wie ich es wagen könnte,
sie ist schon seit zehn Jahren dabei, Material zu diesem Thema zusammenzustellen.
Einige Tage nachdem ich Theodore verlassen habe, finde ich über eine Anzeige eine Stelle in einem Unternehmen, das eine französisch-sprechende Sekretärin sucht. Das Büro ist im 18. Stock eines der
Hochhäuser, die den Wilshire Boulevard südlich von Hollywood säumen, vom Nordfenster aus sehe ich mehrstöckig Hollywood an die Hügel geschrieben, noch defekt, einige Buchstaben fehlen, mein neuer
Chef ist ein in Frankreich naturalisierter Serbe, der seine Erfindung auf den Weltmarkt bringen will. Jetzt folgt ein Jahr der Langeweile, der Frustration, der Demütigungen, bis ich die Tür hinter
mir zuschlage. Mein Chef hat heißes Blut, er kann sich nur mit größter Lautstärke und Leidenschaft äußern, glücklicherweise ist er nicht immer da, er ist sogar nur selten da, ich fürchte und hasse
ihn, er hat merkwürdige Bekanntschaften, hängt sich an seltsame, zwielichtige Leute, macht zwielichtige Geschäfte, er ist ein Mann, der keinen Weg direkt gehen kann und ich habe nie alle seine
Machenschaften durchschaut, jedoch die kleinsten Selbstverständlichkeiten erkärt er mir mit großer Umständlichkeit und Heftigkeit, wobei er mir einen Speichelregen entgegenschickt.
Es ist das Jahr 1978, und während Steve Jobs nicht weit weg in seiner Garage am ersten „personal computer“ bastelt, hat mein Chef ein Audio-Video-Gerät erfunden, für das er Gelder sucht. Meine
Aufgabe besteht darin, die eintreffenden Briefe zu öffnen, die auf seine monatliche, ganzseitige Anzeige in einem großen internationalen Handelsmagazin antworten, sie zu zählen, je nach Land in
Hängeordnern abzulegen. In die Standard-Antwortschreiben muß ich jeweils die neue Ziffer der Gesamtzahl der Interessenten und Länder einsetzen, unterzeichnen muß ich mit dem Namen einer jungen
Frau, die es nicht gibt. Nebenbei muß ich für eine jugoslavische Familie Liebesdienste verrichten, einer jungen Frau helfen, muß mich um sein Motel in Palm Springs kümmern, das er verkaufen will,
wenn er hier ist, ist er an Wochenenden Gast des exilierten Prinzen Andrej von Jugoslavien, der in Palm Springs wohnt, in Japan wartet eine Fabrik auf das dicke Geld, um Montagebänder für sein
Produkt zu errichten, ich muß endlose Telexe von immer gleichem Wortlaut an den arabischen Finanzier und Waffenhändler Akram Ojjeh schicken, der schon eine halbe Million in das Geschäft gesteckt
hat, er braucht noch mehr und nie trifft eine Antwort ein, er explodiert, lärmt und schreit. Einige Tage muß ich in Palm Springs eventuelle Käufer des Motels empfangen, ich fahre mit dem Bus hin,
laufe durch die glühende Stadt, am Wochenende trifft Craig mit der Hündin ein, aus der Hitze steigen wir in die kühlen Bergspalten der alten Indianer, wo klares Bergwasser über Felsblöcke sich
hinabstürzt, die Ufer mit reicher Vegetation ausstattet.
Im Herbst besuchen uns meine Eltern, sie wollen ihren Schwiegersohn kennenlernen, mit Craigs Einwilligung habe ich ihnen von der Heirat erzählt. Als wir sie vom LAX abholen und mein Vater in
unserem Auto sitzt und eine seiner Fremdsprachen anwenden will, fällt er immer wieder ins Russische, Englisch hat er vergessen. Ich habe für zwei Wochen eine Wohnung in Santa Monica für sie
gemietet, nicht weit von den Strandfelsen, besuche sie jeden Tag, mein Vater stöhnt, alles ist viel zu weit, wie kann man hier wohnen, und es gibt keine ordentlichen Zigarren, meine Mutter kennt
alle Pflanzen unseres Hügels mit ihrem lateinischen Namen, wundert sich über nichts. Ich nehme sie auf eine Tour zu den Universal Studios mit, in der Studiotram fahren wir durch einen kleinen See
und der riesige Haifisch springt uns entgegen, ich fahre sie nach Ojai, einer kleinen Stadt in den Bergen, ganz im spanischen Stil erhalten, meine Eltern sehen entzückt Orangenhaine. Ich schicke
sie auf eine Bustour die Küste hoch, bis zum Yosemite Park, wo sie übernachten, danach treffen Craig und ich sie in San Francisco, die größten Erlebnisse meines Vaters sind der Schuhputzer und die
alte Tram, er kann sich von seinem Staunen nicht erholen, daß solch ein antikes Fuhrwerk im modernen Amerika seinen Dienst tut, sonst versteht er nicht, warum im ganzen Land die Hügel so kahl sein
müssen. Meine Mutter wundert nichts, entzückt nichts. Die letzten Tage wohnen sie in unserer Nähe, im Chateau Marmont, einem anderen Hollywood Mythos, das einem normannischen Schloß nachgebaut
wurde, Maximilian Schell steigt dort ab, wenn er in der Stadt ist, es herrscht eine horrrende Hitze, das Hotel hat keine Klimaanlage, meine Eltern sitzen den ganzen Tag unten bei Schwab’s im
coffee shop, wo es kühl ist, die schwere österreichische Kellnerin drückt ein Auge zu, schenkt ihnen immer wieder vom wässerigen amerikanischen Kaffee nach.
Sylvester 1978 kommt um drei nachmittags ein Anruf aus Deutschland, dort ist es Mitternacht, Hans kündigt mir an, er und seine Frau sind im März in Los Angeles. Sie wohnen in einem teuren Hotel in
Beverly Hills, wir führen sie links und rechts aus, an einer Straßenecke kauft Hans einer alten Frau ein Fabergé-Stück ab, er verkauft es so teuer, daß dies seinen ganzen Urlaub finanziert, sagt
er, eines Tages gehen wir an den Strand von Venice, jeder schnallt sich Rollschuhe unter, Hans ist plötzlich ganz groß, er amüsiert sich wie ein Kind, jeder läuft wunderbar, außer mir, dies ist
mein erstes Mal, doch ich falle nicht, mein Hündin läuft ängstlich neben mir her, schaut zu mir hoch, immer wieder laufe ich gegen eine Wand, um anzuhalten. Hinterher essen wir in einem Restaurant
an der Promenade, sitzen an einem Randtisch, jenseits der Holzbarriere ist meine Hündin angebunden, das gefällt ihr nicht, ganz plötzlich springt sie mitten auf unseren Tisch, verursacht großen
Tumult um uns herum, glücklicherweise sind unsere Teller noch nicht eingetroffen. Am Wochenende fahren wir alle nach Santa Barbara, Hans und seine Frau wohnen in einem der Bungalows des Biltmore
am Strand, wir sind mit der Hündin in einer billigen Absteige, doch tags profitieren wir vom Luxus des Hotels und seines langen Strandes.
Um Madelines Haus ranken sich undurchschaubare Intrigen. Laut Testament geht es an eine ihrer früheren Stieftöchter in Ägypten, diese verkauft es über Madelines armenischen lügnerischen Anwalt,
mit Craigs Eltern machen wir ihm ein Angebot, das er nicht aufgreift, wir wissen nicht, was vorgeht, denn wir erhalten nie eine klare Antwort, über ein Jahr nach Madeline Tod werden wir mit
Gerichtsvollzieher kurz aus dem Haus beordert, und da ist es wie immer, wenn’s kommt, kommt’s dicke, während wir nach einem anderen Haus suchen, bricht die Ölkrise von 1979 aus und wir müssen oft
und lange um Benzin anstehen, Craig ist arbeitslos, mir platzt weit weg, in Santa Monica, der Schlauch des Kühlwassers, spritzt mir plötzlich die Heckscheibe voll und ich muß anhalten, das Auto
abschleppen lassen, und nicht nur halten die neuen Besitzer des Hauses sich nicht an die von Madeline festgelegte dreimonatige Kündigungsfrist, sie machen uns sogar am Umzugstag die größten
Schwierigkeiten, wir kennen sie nicht, eine ganze Bande trifft ein, eine armenische Mafia, sie stellen die Straße auf und ab mit ihren Autos voll, so daß wir unseren geliehenen U-Haul-Laster weit
unten, neben Mrs. Neils Haus parken müssen, und während wir mit Dennis und Craigs Bruder unsere Sachen die Treppe hoch- und die Straße runterschleppen, stehen sie um uns herum, hämisch, rufen uns
Bemerkungen zu, es ist alles sehr seltsam, und ich frage mich jetzt, ob die Diamanten von Prinz Pierre nicht immer noch im Spiel waren.
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