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XII
Für die wunderschöne alte Frau in meinem ersten Kapitel hat die Zeit aufgehört. Sie ist, sehr krank, mit dem Bewußtsein dessen was ihr passierte eingeschlafen, ihre zwei Söhne an ihrer Seite,
seitdem lebe ich diesen Moment in mir immer wieder, wenn wir langsam dem Zeitenraum entschwinden, die kurze Sekunde des Lebens hinter uns lassen und die Erde nur mehr ein unbedeutender Fleck in
unserem Auge ist, bis dieses bricht. Ich traf die wunderschöne alte Frau vor zehn Jahren, auf einem Fest, das meine Mutter zu ihrem achtzigsten Geburtstag in einem alten Wirtshaus im Wald hinter
ihrem Haus gab, wir verstanden uns sofort, waren sofort, wie man in alten Zeiten sagte, herzlich einander zugetan, ihre Würde, ihre Grazie, ihr weißes, bis zu den Hüften reichendes Haar silbrig um
den Kopf gesponnen wie eine Krone, ihre ruhige Sicherheit, die jederzeit in helles, kindliches Lachen münden konnte, – was sie an mir fand? Vielleicht die weibliche Verkörperung meines Vaters, die
sie unbedenklich lieben konnte. Ich möchte ihr das Wort geben, vor drei Jahren schrieb sie mir einen langen Brief:
„Nun laß Dir ein bißchen erzählen von einer einfachen Frau aus dem Volk, aus der tiefsten Provinz, in die wir beide ohne unser Zutun hineingeboren wurden. Unsere Heimat kenne ich zur Genüge, und
ich wäre der Eintönigkeit des Dorflebens, der Engstirnigkeit der Dorfbewohner auch oft gerne entkommen, wie Du, doch ich hatte keine Gelegenheit dazu. Ich mußte mich zwangsläufig mit der
Alltäglichkeit abfinden – doch ,abfinden’ ist nicht gleichzusetzen mit resignieren.
Als mein Fernweh sich nach und nach legte, meine Träume sich in Nichts auflösten, meine Kinder heranwuchsen, konnte ich meinen Horizont erweitern durch Studienfahrten innerhalb Deutschlands, zu
vielen Städten und Ländern. Danach freute ich mich wieder auf mein kleines Dorf, das sich mit der Zeit auch nicht jeder Zivilisation entsagte. Ich war zufrieden mit meinem Leben.
Ich war sechzehn Jahre jung, als Dein Vater seine erste Stelle als Junglehrer in der Bauernschaft antrat, die an Düpe grenzt, wo ich zu Hause war. Er wohnte bei unserem Nachbarn, einem Großbauern.
Nach dem Schuldienst überwachte er die Schularbeiten der drei Kinder und gab ihnen Nachhilfeunterricht, so hatte er Kost und Wohnung frei. Er kam oft zu uns, er unterhielt sich gern mit meinen
Eltern.
Ein Lehrer zu Besuch in unserer einfachen Familie, das war mir etwas ganz Besonderes, etwas Unbegreifliches. Ich war schüchtern ihm gegenüber, linkisch, wurde rot, wenn er mich ansah und war
furchtbar eifersüchtig auf meine älteste Schwester, die sich mit ihm unterhielt, lachte und scherzte. Dein Vater war meine erste große Liebe und hat es wohl gar nicht einmal gemerkt. Er brachte
mir Bücher zum Lesen und nannte mich ,Kind’. Das erste Buch war Frau Sorge von Sudermann.
Ich wußte genau die Zeit, wann Dein Vater vom Dienst kam, mit dem Fahrrad über den schmalen Sandweg durch die Felder fuhr, ganz nahe an unserem Haus vorbei. Ich stand mit Herzklopfen hinter der
Gardine. Wagte ich es, einen Schritt vor die Tür zu tun, lachte er mich freundlich an, rief: „Na Maike, wo ist mit di,“ oder „Kind, wo geiht di dat,“ und radelte davon. Ich hatte ihn gesehen, er
hatte mich angesehen, ich war glücklich.
Einmal bin ich mit Deinem Vater von unserem Dorfschützenfest nach Hause gegangen, Hand in Hand. Ich mußte um 12 Uhr zu Hause sein. Eine Stunde dauerte der Heimweg zu Fuß. Es war ein Juniabend,
taghell, der Mond war rund, Vollmond. An beiden Seiten des Heidewegs leuchteten unzählige Glühwümchen. Die Welt schien verzaubert. Wir haben nicht viel gesprochen. In unserem Garten blühten die
Fliederbüsche und die weißen Madonnenlilien. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich heute noch den süßen, betörenden Duft. Zwei Nachtigallen sangen – abwechselnd. Alles war so unwirklich,
märchenhaft. Dein Vater ging mit mir bis vor die Haustür. Wir standen uns gegenüber, und er schaute mich lange an, als sähe er mich zum ersten Mal – ich glaubte ohnmächtig zu werden. Dann strich
er leicht über mein Haar, das mir in dichten, blonden Wellen über die Schultern fiel, zog mich fest mit beiden Armen an sich...... dann sagte er leise, „Schlaop gaut, lüttke Maria“, drehte sich um
und ging davon, am Garten entlang. Mehr war nicht, und mehr ist nicht gewesen. Ich stand noch lange da im hellen Mondlicht, regungslos, und meine Lippen brannten. Zum ersten Mal hatte mich ein
Mann geküßt. Es war Dein Vater. Die Nachtigallen sangen immer noch.
Kurze Zeit danach wurde Dein Vater versetzt an eine entfernte Schule, und ich wäre am liebsten gestorben.
Doch wenn man jung ist, verkraftet man vieles. Dabei hilft die Zeit. Bilder verblassen, das Herz tut nicht mehr so weh. Dein Vater war viele Jahre fort aus meinem Leben.
Ich besuchte eine Haushaltsschule, die von Schwestern geleitet wurde. Mein älterer Bruder war im Paterkasten, kam nur zu den Ferien nach Hause, er trug eine weiße Studentenmütze. Er nahm mich mit
zu seinen Freunden, sonntags machten wir alle miteinander lange Spaziergänge, sangen Studentenlieder, Rheinlieder, Lieder die von Herz und Schmerz erzählen. Plötzlich war Dein junger Vater wieder
da und in mir eine große Traurigkeit, und ich konnte lange nicht mitsingen.
Ich war 21 Jahre alt, als ich morgens eine Anzeige in der Zeitung las: Für Arzthaushalt mit vier Kindern freundliches, junges Mädchen als Haustochter gesucht. Kindermädchen vorhanden. Vorstellung
erwünscht. Am folgenden Tag radelte ich los. Ich trug ein blaues Leinenkleid mit weißem Kragen und weißen Ärmelaufschlägen. Es hatten sich 23 junge Mädchen beworben. Die Liste mit Namen und
Anschrift lag auf einem kleinen Tisch im Flur.
Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch mit der Frau Doktor (sie war bis zur Heirat Studienoberlehrerin), gehörte ich ab 1. August zur Familie, fast fünf Jahre lang, schöne Jahre. Bis elf
vormittags half ich in der Arztpraxis, führte die Patientenliste, nahm Telefonate an, machte Besuchszeiten aus, usw. Danach fuhr der Arzt zur Visite ins Krankenhaus, und ich war im Haushalt tätig.
Nachmittags beaufsichtigte ich die Schularbeiten der beiden ältesten Kinder. Ein Kind war mongoloid, das jüngste drei Jahre alt. Ich wurde von ihnen innig geliebt. Als das fünfte Kind geboren
wurde, durfte ich es ganz allein versorgen, baden, wickeln, füttern. Es wurde auf meinen Namen getauft. Ich hatte ,Familienanschluß’, wie man es damals nannte. Der Bücherschrank stand mir zu jeder
Zeit offen, und der Arzt stellte mich vor als: „Unsere intelligente Maria“....
Es kam die Zeit, in der die Hakenkreuzfahnen an den Straßen flatterten, die SA-Männer durch die Stadt marchierten, die Menschen wie im Rausch ,Heil Hitler’ schrien. Meine Familie, auch die des
Arztes und viele andere beobachteten diese Entwicklung in Glanz und Glorie mit Skepsis. Für uns junge Mädchen war vieles faszinierend. Ich entsprach damals dem Bild, das man sich von einer
deutschen Maid machte, schlank, blond, blauäugig, ich verlobte mich mit einem schönen jungen Mann, mit dem Reichsarbeitsdienstführer Wilhelm-August.
Ich nahm schweren Herzens Abschied von meiner Arztfamilie und war wieder zu Hause, als glückliche Braut. Nach kurzer Zeit wurden meine ältere Schwester und ich dienstverpflichtet zur
Munitionsfabrik. Hier wurde Kriegsmaterial für Flugzeuge in Kisten verpackt, gestapelt, gelagert, verschickt usw. – alles Vernichtungsmaterial. Wir Frauen und Mädchen bündelten Brandbomben,
prüften Zünder, zählten Granaten und sangen mit den Soldaten:
„Wir werden weiter marschieren,
wenn alles in Scherben fällt,
denn heute gehört uns Deutschland
und morgen die ganze Welt.“
Und:
„ Bei uns wird nicht lange gefackelt.
Wir haben den Tommy versohlt.
Die stolze Maschine, sie wackelt,
den Feind hat der Teufel geholt.“
War man standesamtlich getraut, hatte man Anspruch auf eine Wohnung, nachdem ich im September 1940 in dem kleinen, mit zwei Personen besetzten Büro des Gemeindeverwaltung mit meinem neuen Namen
unterzeichnet hatte, kam ich nach Hause, meine Mutter schaute mich durchdringend an und sagte, „Vergiß nicht, eine standesamtliche Trauung hat vor dem Herrgott nichts zu bedeuten – gar nichts!“
Ich kannte genau so gut wie Du den Satz: das tut man nicht! und weil wir beide, mein Mann und ich streng katholisch erzogen waren (ich mehr als er) hielten wir uns daran. Du kannst mir glauben
oder nicht, vor der kirchlichen Trauung hatte ich noch mit keinem Mann geschlafen. Und mein Mann hat es mir zuliebe akzeptiert.
Wir hatten im Dorf eine kleine hübsche Oberwohnung gefunden und meine Geschwister halfen uns, sie gemütlich einzurichten. Im April 1941 war Kriegstrauung, und es begannen die schönsten Jahre
meines Lebens.
Obschon mein Mann sehr oft den Standort wechseln mußte, war er doch nie sehr weit entfernt (Osnabrück, Münster, Bremen) und wir führten eine unbeschreiblich glückliche Wochenendehe. Im Januar 1942
wurde unser erster Sohn geboren, im Mai 1943 der zweite.
Alles im Leben verlangt seinen Tribut. Auch für das Glück muß man bezahlen.–
Als der schon verlorene Krieg nur noch Wahnsinn war, wurde mein Mann Ende 1944 zur kämpfenden Armee in die Mark Brandenburg versetzt. Von einem von ihm geführten Spähtrupp ist er nicht
zurückgekehrt. Die letzte Nachricht, eine Karte mit lieben Grüßen, erhielt ich im Mai 1945, als der Krieg zuende war. Danach nichts mehr.
Ich besaß es doch einmal,
Was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt! (Goethe ?)
Als mein Mann nicht zurückkam, war ich viele Jahre lebendig tot. In mir war alles leer. Zur Fröhlichkeit mußte ich mich zwingen, der Kinder wegen. Ich habe zehn Jahre gewartet, geweint, lautlos
geschrien, mit dem Schicksal gehadert, bis ich mich ohnmächtig ergeben habe.
Dann habe ich angefangen, kleine Geschichten und Gedichte zu schreiben für Zeitungsbeilagen, Kalender, Jahrbücher usw. Ich wußte inzwischen, daß Dein Vater ganz in der Nähe wohnte, und eines Tages
stand er bei uns vor der Tür. Er war nicht mehr der junge Mann von damals und ich war nicht mehr das junge Mädchen, und mein Herz blieb ganz still.
Ich habe einige Tage mit dem Schreiben ausgesetzt, ich war zu den obligatorischen ,Schrieverkringwarkeldaoge’, zu denen Dein Vater mich vor 27 Jahren zum erstenmal mitnahm. Elisabeth R. war auch
dabei, die ungekrönte Königin der Gegend, wie man sie nannte. Ich hatte unheimlichen Respekt vor ihr und wagte nicht, in ihrer Gegenwart den Mund aufzutun, bis sie auf einmal sagte, als ich mit
Herzklopfen meine Geschichte vorgelesen hatte: „Donnerwetter, dat Wicht kann ja jüst so gaut spinnen as ick“.
Wir sind gute Freunde geworden, Dein Vater und ich. Als ich das erste Mal in sein Haus trat und Deine Mutter kennenlernte, war ich überrascht. Ich hatte mir seine Frau ganz anders vorgestellt –
diese beiden, irgendwie fand ich keinen Reim darauf. Ich spürte, daß Dein Vater nicht glücklich war, einmal hat er es mir gesagt, doch hat er sich nie beklagt, vielleicht aus Stolz. Nie hat er
über seine Ehe gesprochen, auch nicht über seine Kinder. Glücklich und fröhlich war er, wenn ich neben ihm im Auto saß und wir zur Schriewerkring-Tagung fuhren.
Ich habe Deinem Vater viel zu verdanken, durch die Schreiberei, zu der er mich immer wieder anhielt und mir mit Rat und Tat beistand, habe ich ein erfülltes Leben gefunden. Auch wenn es
überwiegend aus dem eintönigen Einerlei besteht. Ich habe mich mit zunehmendem Alter „bescheiden“ gelernt. Wolkenschlösser kann ich mir in meiner Fantasie immer noch bauen und Zwiesprache mit dem
Vollmond halten, der mir heute Nacht stundenlang so frech direkt ins Gesicht schien, ist auch ein schöner Zeitvertreib.“
Ich weiß nicht, ob ich Craig liebte, ich dachte immer, er besteht aus so vielen Teilen, er ist Amerika, er ist seine französische Großmutter, er ist Kalifornien, er ist der Film, er ist die Sonne,
er ist die Musik, er ist seine Freunde, er ist das ganze bunte Leben um ihn herum, die Großmannssucht, der Exzess, er ist das kleine Leben, das sich liebt und stinkige Füße hat.
Er gehört nicht zu den empfindsamen Männern, die sich um alles viel Gedanken machen, eher der verwöhnte Valleyboy, der sich keines der Vergnügen vorenthält, in die er hineingeboren ist, sich Mühe
gibt, Gefallen auf sich zu ziehen, zwischen beiden Polen bewegt er sich: wie weit darf er in seiner Suche nach Befriedigung gehen, ohne sich Zuneigung zu verscherzen. An jedem stößt er manchmal
auf Extreme, je nach Lust und Gelegenheit, doch ist er meist in einer Mittellage, von wo er tastende Versuche in jede Richtung macht. Sein Wesen strebt nach Anerkennung, doch darf sie nicht zu
viel kosten, nach Verantwortung, doch darf sie ihm nicht auf den Schultern lasten. Er ist ein Träumer, seine Liebe zu seinem begabten Vater hat ihm den Stoff dazu gegeben, doch dessen Alkoholismus
richtet sich vor ihm auf wie ein unbesiegbarer Feind, der die Ausführung von Träumen nicht zuläßt, er bleibt stecken im Menschlich-Allzumenschlichen: er will eine Familie, will Kinder haben.
Er äußert diesen Wunsch sehr früh, ich bin sechsunddreißig und sage nein. Warten wir noch. Unsere Situation, unser Lebensstil scheinen mir nicht zum Kinderaufziehen ideal, ich hänge zwischen
Ländern, zwischen Kulturen, habe noch nicht einmal Papiere, zweiundhalb Jahre warte ich bis sich herausstellt, meine Akte ist der Immigrationsbehörde verlorengegangen, der Augenblick ist zu
verwirrend, als daß ich mich in einer Zukunft festlegen möchte. Und natürlich spielt eine Rolle, daß ich seine nicht anerkannte Ehefrau bin, I’m his lady friend, es ist eine Art Trotz in mir: ich
will mich nicht der Natur, nicht der Konvention, nicht dem Willen anderer beugen.
Craig versucht an mir eine amerikanische Erziehung. Er bestellt sofort diverse Magazine, um mir zu zeigen, das hier, zu deinen Füßen, ist nicht Amerika. Von nun an lese ich regelmäßig den New
Yorker, die New York Review of Books, die New York Times Book Review, jeden Tag werden uns der Christian Science Monitor und die Los Angeles Times ins Haus geliefert, außerdem bestellt er diverse
feministische Magazine, er will mich zur Feministin machen, ich soll lernen, was meine Rechte sind und für sie aufzustehen. Vielleicht meint er etwas ganz Bestimmtes damit, dem ich jedoch nicht
nachgeben will, es liegt in der Luft, wie die Rechte der Homos, der Schwarzen, aller Minderheit, jeder darf sich als Individuum verwirklichen, die Frau darf unabhängig von der „Männerideologie“,
wie auch Eva sich vor Jahren, ausdrückte, leben, arbeiten, Kinder kriegen. Wir streiten uns viele Monate, ich nehme die Herausforderung nicht an, ein Kind braucht Wärme, Stabilität, Geld, einen
Vater, eine Ausrichtung, das ist nichts Angelerntes, aus dem Geist der Zeit Gegriffenes, das ist, was ich mich nicht fähig fühle zu geben, es ist schon schwer ganz alleine durchzukommen.
Obwohl ich seine wesentlichen Propositionen bejahe, habe ich nichts für den streitbaren Feminismus übrig – seine dickköpfige Spitzfindigkeit ging in Amerika bis zur Umbenennung von Funktionen und
Berufen, sogar das Einsteigloch in der Straße, das „manhole“ heißt, sollte ein „personhole“ werden – ich sehe zu viele Frauen, denen der Machtwille im Leibe brennt, ihn rein für Eigenzwecke
nutzen, was natürlich ihr Recht ist, darin liegt ohne Zweifel die große Errungenschaft des Feminismus, daß Frauen alle Optionen offen sind, aber mir liegen Männer mehr, es gibt unter ihnen so viel
mehr Vortrefflichkeit, so viel mehr großes Denken, großes Fühlen, großes Handeln, tausende von Jahren sind damit gefüllt, wenn wir zu unserer abendländischen Geschichte stehen, in vielem sind wir
Frauen ihnen unterlegen, in vielem anderen sind sie uns unterlegen, wir sollten unsere weiblichen Eigenarten nicht verleugnen, die schon lange unsere Welt zusammenhalten, denn nicht alles was
Männer angestellt haben ist heilvoll gewesen, die Symbole von Macht und Ohnmacht sind in unserer Kultur dicht gestreut, und wir hatten ein Recht, uns ihnen zu widersetzen, aber das Leben ist bunt
gefleckt von Vermögen und Unvermögen, von Taten und Untaten, Großem und Kleinem, und wer will entscheiden was richtig, was falsch ist. Niemand zweifelt, daß die Frau Unterdrückung erfuhr, aber wie
brillierte sie, wenn sie groß war, will Größe sich nicht am Widerstand entzünden, ist sie nicht wie eine Kletterpflanze: wenn sie sich nicht hochschwingen kann, verkümmert sie, und die Geschichte
ist voll auch von großen Frauen, wer wissen will, der lese.
Une des choses qui nous rend plus malheureuses, c’est que nous comptons trop sur les hommes; c’est aussi la source de nos injustices: nous leur faisons des querelles, non sur ce qu’ils nous
doivent, ni sur ce qu’ils nous ont promis, mais sur ce que nous avons espéré d’eux; nous nous faisons un droit de nos espérances, qui nous fournissent bien des mécomptes. Dies ist ein Wort von
Madame de Lambert, die sich im frühen 18. Jahrhundert über das alte Thema, wo es hapert zwischen Mann und Frau, aussprach, das, glaube ich, noch immer Gültigkeit hat: Eine der Sachen, die uns
unglücklicher macht, ist, daß wir zu viel von den Männern verlangen; dies ist auch der Ursprung unserer Ungerechtigkeiten: wir streiten mit ihnen, nicht darüber, was sie uns schulden, noch was sie
uns versprochen haben, sondern was wir uns von ihnen erhoffen; aus unseren Erwartungen machen wir ein Recht, was uns nicht wenig Enttäuschungen einbringt.
Bevor Craig und ich umziehen, streichen wir tagelang mit seinem Bruder das neue Haus innen an. Es ist erstaunlich, wie viele halbvergammelte Häuser aus den Dreißigern mit veralteten Sanitäranlagen
es in Hollywood gibt, wenn ich Hollywood sage, ist das, abgesehen davon daß es ein Symbol, ein Phantom, ein Begriff ist, ein unbestimmtes Stadtgebiet, das sich zwischen La Cienega und Rossmore
Avenue westlich und östlich, und zwischen Sunset und Wilshire im Norden und Süden erstreckt, in diesem Gebiet gibt es nur eines der großen Studios, die Paramount, ansonsten ist es eine unendliche
Folge kurzer, ruhiger Straßen, rechts und links ab und zu von geschäftigen Boulevards durchschnitten, sie nehmen nur schwer eine Eigenart an, an einer Ecke ist ein interessantes Haus, hier steht
ein riesiger Jacaranda und dahinten haben die Bewohner eine Baumallee angelegt. Es laufen breite Bürgersteige, meistens sind sie so hoch, seltsamerweise, daß ein tiefes amerikanisches Auto seine
breite Tür nicht ohne weiteres aufschwingen kann und, es ist wahr, niemand geht auf ihnen, außer in heißen Nächten krabbelt gräßliches Ungeziefer in Hollywood-Größe auf ihnen herum.
Unser Haus ist nicht übel, zumindest hat es eine moderne Küche und ein nettes Bad mit Wanne und einen kleinen Garten hinter dem Haus. Zwei sehr breite Fenster nehmen an jeder Seite der Haustür, zu
der fünf kobaltblaue Stufen führen, die Vorderseite des Hauses ein, eine alte kalifornische Eiche beschattet uns, streckt auch im Winter zwei starke, bebuschte Arme nach links und rechts aus, ihr
Schatten erlaubt keinen Graswuchs, doch ich kann Kästen von Fleißigen Lieschen, die immerfort blühen, draußen auf die Fensterbänke stellen. Wenn man aus den breiten Fenstern schaut, ist gegenüber
ein asphaltierter Schulhof, morgens stehen dort die gelben Schulbusse mit laufendem Motor. Links von uns wohnt ein homosexuelles Paar, rechts ist ein Eckhaus, das jedes Jahr mit
Marktpreisaufschwung den Besitzer wechselt, an der anderen Straßenseite wird ein eingezäunter Häuserblock von einer Sekte eingenommen, ich habe nie jemanden von ihnen kennengelernt, zwischen ihren
Häusern ist ein Sportplatz, wo sie abends Basketball spielen. Es ist nicht weit zu unserem Supermarkt, Ralph’s, der auch nachts geöffnet ist, wenn wir einkaufen, rattern wir mit dem Einkaufswagen
nach Hause, am nächsten Morgen kommt ein Laster, sammelt alle Caddies im Viertel wieder ein. Im Süden läuft ein unglamouröser Teil des Sunset, im jüdischen coffee shop aß ich schon damals, als ich
in der Sierra Bonita wohnte, manchmal ein Käsebutterbrot, rundherum sind viele kleine Geschäfte und hier hält der Bus, der die Fairfax Avenue hinunterfährt, mich zur Arbeit mitnimmt, viele Monate
lang stehe ich dort mit Barbara Tuchmans Wälzer „A Distant Mirror“ in der Hand, lese im Büro weiter, weil es in der Regel nicht viel zu tun gibt, neben der Bushaltestelle ist ein altes Kino mit
„double bills“, für ein paar Dollar sieht man zwei Filme hintereinander, den Sunset nach Osten zu trifft man auf La Brea, dort an der Ecke ist ein großer „ice cream parlor“, mit einem Namen, der
sich genüßlich über die Zunge rollt, „Clancy Muldoon’s“ und über dreißig Eissorten unbestimmbarer Zusammensetzungen wie Divinity Fudge, und Apple Strudel, und Grasshopper und Rocky Road und
Spumoni, einmal gewinne ich ein zweites Eis, danach wird mir kotzübel.
Wie in den meisten einfachen Häusern tritt man bei uns von der Haustür direkt ins Wohnzimmer, das sich nach rechts und links hinzieht, Wände in kalifornischem „cottage cheese“-Anstrich, Boden
Holzparkett, links mache ich die Wohnecke mit unserer roten Couch, den Stereoanlagen, Platten und Büchern, dem alten, roten Sessel, dessen Kissen ich nicht mehr die Zeit finden werde, wieder
festzunähen, einer alte Truhe aus Familienbestand; den weißen Wollteppich, auf dem ich abends meine Gymnastik mache, kaufe ich ein wenig später, im Ausverkauf, rechts ist das Speisezimmer, der
schöne Tisch und vier Breuerstühle mit einer strahlenförmig plissierten Ziehlampe darüber. Offen daneben ist die Küche, und dann ist man schon an der Hintertür, durch die man in den Garten tritt,
die Gärten der Nachbarn liegen um ihn herum, hinter hohen, gewellten Plastikzäunen, das ist nicht sehr schön, aber die Stauden, die davor gepflanzt sind, die „bottlebrush“ heißen, – wenn die roten
Blütenfäden ihre kleinen Fäuste nach allen Seiten strahlenförmig geöffnet haben, sieht das ganze aus wie eine Flaschenbürste – bedecken sie fast ganz, darüber türmen sich die Bäume der Nachbarn,
riesige Yucca und Zypressen, einige Laubbäume werfen gnädig ihre Zweige zu uns hinüber und in der Ecke steht ein Zitronenbaum, der immer Früchte trägt. Ich fange sofort an, einen richtigen Rasen
zu sähen, es wächst alles so schnell hier, auf dem dann die Hündin ihre Sonnenbäder nimmt.
Von der Mitte des Wohnzimmers ab führt ein kleiner Flur geradeaus ins Badezimmer, links sind Wandschränke und die Tür zu unserem Schlafzimmer, das klein ist, wir kaufen ein neues Bett, das alte
passt nicht durch die Tür und ist ausgelegen, hauptsächlich von anderen, zum Garten hin zeigt ein „french window“ einen riesigen Busch Paradiesvögelblumen, in dem sich blaue Winden ranken.
Dahinter ist eine Terrasse, auf dunklen Holzbalken liegt grüne Wellplastik, bald stehen und hängen Pflanzen überall, haben wir einen alten Tisch mit einer bunten Teppichdecke, stehen unsere
director’s chairs rundherum, dort sitzen, lesen, essen, trinken wir oft, empfangen Freunde, Dennis kommt öfter, er kann uns jetzt zu Fuß erreichen, oder mit dem Bus der auf dem Sunset fährt, er
ist fett, überquellend fett, er ißt zu viel, zu oft, zu fett, einmal unterzieht er sich einer Protein-Diät, verliert fünfzig Pfund, doch nicht lange, am anderen Ende des Sunset Strip, ein paar
Schritte hoch, in einer kleinen Nebenstraße, früher hatte Humphrey Bogart ein Haus ganz in der Nähe, teilt er mit Wayne, beide sind homosexuell doch kein Paar, eine schöne, doppelstöckige Wohnung
mit riesigem Balkon, wo sie die seltsamsten Pflanzen und Kakteen züchten, manchmal essen wir dort mit Kerzenlicht zu Abend, Wayne ist schön, spöttisch, spricht den schleppenden Südstaatenakzent,
schreibt Filmdrehbücher und ißt gern, sie haben einen gepflegten Haushalt und verschiedene Interessensphären, denn Dennis liebt außer Film nur klassische Musik, einmal hören und sehen wir im
Fernsehen bei ihm, weil er die besseren Lautsprecher hat, von morgens früh bis in den Abend hinein die Tristan und Isolde-Aufführung aus Bayreuth.
Damals haben wir eine Katze. Als Madeline krank wurde, versorgte ich auch ihre drei Katzen, eine verschwand, sie war wild, die kleine mußte ich ihrem Tierarzt „schenken“, die dritte, eine
halbwilde, kam zu uns zum Essen, legte mir oft Schwanz und Innereien eines Mäuschens auf die Matte, lag friedlich mit der Hündin, aber nicht zu dicht, in der Sonne. Nach dem Umzug, ich habe eine
neue Arbeit, in einem anderen hohen Gebäude am Wilshire, stehe ich eines Morgens im Badezimmer, ich bürste mir die Zähne, schaue wie gewöhnlich aus dem Fenster, oben auf dem hohen Wellblechzaun
hockt links unsere Katze, rechts zwei Meter entfernt eine unbekannte Nachbarkatze, ganz langsam nähern sie sich einander, krallen sich Zentimeter um Zentimeter vorwärts, warten wieder, bis sie
sich fast gegenübersitzen, plötzlich springen sie unter furchtbarem Kreischen aufeinander zu, das Katzenknäuel fällt auf die Erde, trennt sich. Kurz danach verschwindet unsere Katze, sie lief zu
ihrem Hügel zurück, oder starb, angefeindet von den umliegenden Katzen.
Craig hat angefangen am „Loveboat“ zu arbeiten, einer wöchentlichen Fernsehserie, er ist nie fähig, sich selbst einen Job zu suchen, aber seine Familie hat im Film noch Beziehungen, die Tochter
von Marys bester Freundin ist eine bekannte Schauspielerin, seinen Onkel hatte ich aus einem „Columbo“ wiedererkannt, und sowieso, immer wieder, wenn wir fernsehen, sagt er so etwas wie, den kenne
ich, das ist ein früherer Nachbar, er war Alkoholiker, sein ältester Bruder versuchte sich als Schauspieler, er ist begabt, doch richtet er sich mit exzessivem Alkohol- und Drogengebrauch
zugrunde, jetzt ist er Hausmaler.
Mein neuer Arbeitsplatz ist nicht weit weg vom alten, das Gebäude ist älter und nicht so hoch, ich bin in der vierten Etage, unten ist eine geschäftige Getreidebörse, darüber sind Psychiater,
Analytiker, Therapeuten, ich suche einen von ihnen auf, der mit „bio-feedback“ arbeitet, im Süden und Norden ziehen sich die ruhigen Straßen mit den von Rasen umgebenen Puppenhäusern hin, wo ich
mich in der hellen Mittagsbläue ergehe. Ich arbeite wieder allein, dies ist ein Vertretungsbüro für eine kleine Hotelkette, in deren einem Hotel in San Francisco meine Eltern im Jahr zuvor gewohnt
hatten, wir arbeiten für den Los Angeles-Raum, Elaine und ich, Elaine ist meine Chefin, als sie mich einstellt, ruft sie mich am selben Abend zu Hause an, ich stehe in der Küche, dort hängt ein
Telefon an der Wand, sie ist betrunken, redet und redet, ich denke, um Himmels willen, noch eine. Ich habe auch hier nicht viel zu tun, manchmal kommt Elaine ins Büro, sie ist aufgedonnert, mit
hochtoupierten schwarzen Haaren, wie eine „beauty queen“ aus den Fünfziger, ihre ungraziösen Beine enthüllen enge, kurze Röcke, ihre fetten Brüste springen aus der knappen Korsage, sie reist
herum, sagt sie, wirbt Kunden, doch oft ruft sie mich vormittags an, fragt, brauchen Sie mich, ich sage nein, ich bin da und da, sagt sie, in Pasadena oder Glendale, ich höre die Eisstücke in
ihrem Whiskyglas klicken, doch manchmal habe ich zu tun, ich beantworte das Telefon und buche Gruppen in die San Diego und San Francisco Hotels ein, werde selbständig, irgendwann „verhebt“ Elaine
sich, bleibt ganz zu Hause, manchmal ruft sie mich zu sich, ich fahre nach Culver City, wo sie wohnt, hinter den Metropolitan Goldwyn Mayer Studios.
Dies ist ein anderes langweiliges Arbeitsjahr, irgendwann streiken die Busfahrer und ich kaufe mir ein Fahrrad, dann fahre ich meistens mit dem Rad zur Arbeit, gerade runter nach Süden, ab und zu
überquere ich eine der großen Straßen, Santa Monica, Melrose, Beverly, Third Street, dann bin ich im Büro, im Winter ziehe ich mich warm an, Wollschal, Baskenmütze, Leute, die mich sehen, gucken
zweimal hin: eine Europäerin. Morgens rolle ich runter, abends pedale ich hart, oft mache ich auf halber Strecke am Fairfax Halt, dort wo die Läden sind, gibt es eine jüdische Bäckerei, ich kaufe
richtige norddeutsche Laibe Graubrot, die schlanke blonde Frau, die mir das Brot reicht, trägt am Arm eine KZ-Nummer. Weiter unten am Fairfax ist der „Farmer’s Market“, ein richtiger offener
Markt, dort kaufe ich meinen hellgebrannten Kaffee und mein Fleisch, mein Fleischer ist ein Deutscher.
Zeitweise weiß ich damals schon, daß ich Kaffee nicht vertrage, daß er beträchtlich zu meinem Unwohlsein beiträgt, versuche nur mehr koffeinfreien zu trinken, doch das ist nicht dasselbe, und alle
diese Brunchs, am Wochenende bei Schwab’s, wo wir zu Fuß hingehen, oder bei Craigs Eltern, bei Freunden, ohne Kaffee, das geht nicht. Ohne Kaffee läuft die Maschine nicht an, er gibt den nötigen
Stoß in den neuen Tag, bringt das Herz zum Laufen, doch mir haut er in den Magen, meine Beschwerden hören nicht auf, ich suche viele Ärzte in Beverly Hills auf, einmal hüpft mein Herz tagelang,
man knüpft mir eine Herzmeßmaschine an den Leib, nichts ist festzustellen. Wie alles vorher, werfe ich die Aufzeichnungen aus dieser Zeit in den Papierkorb, dort rede ich nur davon wie schlecht es
mir geht, wie geschwollen mein Magen innen ist, wie zugeschnürt meine Kehle, wie sehr ich Elaine hasse, wie Craig mir auf die Nerven geht, wie das Leben auf mir lastet. Mein Gedächtnis hat gnädig
all dies verschluckt, diese zeitweisen Irritationen, die uns plötzlich überkommen, von wer weiß woher, vielleicht aus unverheilten Tiefen, es läuft nicht mehr so gut zwischen Craig und mir, doch
ich sehe mich glücklich, auf der Terrasse, im Haus, in der Nachbarschaft, wo wir jeden Abend die einzigen Spaziergänger sind, doch oft läßt Craig mich jetzt allein, ich gehe mit der Hündin, eine
Plastiktüte für ihr Häufchen in der Hand, eine Hügelstraße hoch, wo rechts ein leerstehender, schloßähnlicher Besitz liegt, davor beugt sich ein weites Rasenstück in großen Wellen herab, sonntags
spielen wir hier manchmal Frisby, die Hündin läuft hin und her, versucht ihn zu schnappen, im Haus gegenüber findet einmal eine Samstagsparty statt, Leute mit Sektkelchen in der Hand gehen aus und
ein, auf dem Rasen liegt angebunden ein Löwe, wenn ich weitergehe, komme ich an der schwarzbunten Kuh in Lebensgröße vorbei, die hinter der großen Glasscheibe eines Wohnzimmers neben dem Flügel
steht. An dieser Straße, erinnere ich mich, wohnt Elsa Lanchester, Witwe des homosexuellen Charles Laughton, dieser hatte mit Brecht dessen „Leben des Galilei“ in Hollywood inszeniert, eng und
hoch gebaute Häuser kletten sich rechts an den Hügel, links liegen Häuser in gezäunten Gärten, vielleicht weil der wilde, chaparral-bedeckte Hügel nicht weit ist, in den ich mich nie wage, weil er
voll von Klapperschlangen ist, so hat ein Anwohner mir erzählt, und natürlich von Schakalen und Coyoten.
Wir führen wie immer ein aktives Leben, gehen zu Konzerten, ich mache endlich den kalifornischen Führerschein, oft bin ich abends im Gymnastikclub gegenüber dem Graumann Chinese Theater, ich
schreibe mich im Los Angeles City College für Spanischstunden ein, zweimal die Woche, habe neue Freunde, wir empfangen viel Besuch, Murray kommt mit dem Fahrrad vorbei, er wohnt jetzt nicht weit
weg, ich habe Craigs Nichten und seinen Neffen eine Weile im Haus, fast wäre etwas Schreckliches passiert, alle drei sitzen hinten im Auto, wir fahren auf einer Autobahn, neben uns macht ein Mann
uns Zeichen, einer unserer Autoreifen ist fast platt, Craig schenkt dem keine Beachtung, da explodiert der Reifen, den er schon längst hätte ersetzen müssen, wir fangen an zu schlingern,
glücklicherweise ist die Autobahn nicht voll, er kann an die Seite fahren, da ist eine runterführende Rampe. Unsere Empfindlichkeit reibt sich wund an unseren Charakterschwächen, mit fast 30 ist
und bleibt Craig ein unverantwortliches Kind, und ich kann meine Kritik nicht zurückhalten. Seine Familie hat jedoch festgestellt, wie erwachsen er geworden ist, wie gut er aussieht, wie gut er
sich anzieht wenn wir mit ihnen ausgehen, sogar richtige Schuhe trägt. Es hat eine Weile gedauert, bis er seine Haare abschnitt und die Hosen mit Elephantenbeinen ablegte, es hat viele Kämpfe
gekostet, ihm normale Kleidung zu kaufen, ich muß ihm unausstehlich gewesen sein, und sobald ich nicht mehr da war, schrieb mir eine Freundin, fiel er zurück in die Muster seiner kalifornischen
Kindlichkeit, einmal ruft Mary mich an, bedankt sich fast bei mir, ich fühle, sie hat getrunken, im Kino war sie auf der klassischen Bananenschale ausgerutscht, hatte sich am Rücken verletzt, sie
bleibt lange im Bett, kassiert ein, quittiert den Dienst, sie erzählt mir in ihrem Lehrerton, es sei an uns Frauen, die Männer zu sozialen Wesen zu erziehen, wie Wally, denke ich, so wohlgekämmt
und adrett ist er, so folgsam, und seine Mutter trinkt auch und sein Vater hat vom vielen Rauchen einen Kehlkopfkrebs und kann nicht mehr reden, sie hatte Wally noch früher zwischen den Fingern
als ich Craig, aber ich will Craig nicht erziehen, ich will ihn lieben, er soll ein Mann sein, sonst mag ich ihn sehr, einmal betrüge ich ihn aus Überdruß und Einsamkeit, da flammt die Liebe für
ihn in mir auf, doch er ist beschämt und betroffen, er will nicht sein ganzes Leben mit mir verbringen, eines Tages will er eine Familie und Kinder haben, ich soll mir keine Hoffnungen machen.
Noch in diesem Sommer, er ist sehr heiß, wird zum ersten Mal bei uns eingebrochen. Oben in den Hügeln hat sich schon mal Madelines Alarmsystem nachts von allein angestellt, sonst ist nichts
passiert, hier in der Ebene sind wir ungeschützt, die Drogensüchtigen, die Banden von Downtown, können sich hier bewegen ohne Verdacht zu erwecken, jemand geht einfach in unsere Garageneinfahrt,
hinter das Haus, zerbricht die Scheibe der Küchentür und klinkt sie auf. Beim ersten Mal nahm man nicht viel mit, es war Tag, kleine Sachen, die man in die Hosentaschen stecken kann, meine Uhr zum
Beispiel, die ich neben dem Waschbecken vergessen hatte, doch hatte der Dieb in unserer Wäsche gekramt, sie aus den Schubladen gezerrt, die Matratze des Betts geprüft, als wir nach Hause kommen,
haben wir das scheußliche Gefühl, jemand hat uns Gewalt angetan.
Einige Monate später bricht man tags noch einmal ein, diesmal nimmt man Bügeleisen, Toaster und einen kleinen Fernseher mit und der Hausbesitzer baut endlich einen hohen Holzzaun zwischen Haus und
Garage. Versichern können wir das Haus nicht, keine Versicherung übernimmt ein Haus ohne Gegenüber, ohne Alarmsystem, mit über zwanzig Fenstern rundherum, viele Fenster bestehen aus kleinen
parallelen Längsscheiben, die sich auf Hebeldruck alle auf einmal waagerecht stellen, für das Fenster vor dem Tisch habe ich einen langen Rolladen anfertigen lassen, doch durch das andere Fenster
kann man in den Raum sehen. Wir wohnen einigen Versammlungen der „neighborhood watch“ bei, wütende Hausbesitzer, sonst nette Eltern, anständige Kaufleute und Handwerker speien gewalttätige
Sprüche, jeder Einbrecher, den sie in ihrem Haus antreffen wird ohne viel Aufheben erschossen, das erlaubt das amerikanische Gesetz, was in unseren Städten herumläuft, schreien sie, ist unsäglich,
is the pits, dieses Gesindel, ist nicht schade drum, sie machen uns ehrlichen Bürgern das Leben schwer, wollen uns wegnehmen, was wir uns selbst erarbeitet haben.
Manchmal überfallen mich Haßanfälle, auf Amerika, die kommende Politik der supply-side Kapitalisten, die als Stoßkeil einen drittrangigen, kurzsichtigen Schauspieler vorschicken, auf diese
gleißende, unbarmherzige Stadt, wo die Luft dick wie braunes Gift in den Straßen steht und man nicht wagt zu atmen – einer der Witze von Bob Hope geht so, wie weiß man, daß man in Los Angeles ist?
man sieht die Luft –, auf das brutale Wirtschaftssystem, das so viele Leute auf dem Trockenen läßt, die vielen alten Autos, die auf schlechtem Öl laufen, dabei den puren Dreck auspuffen, auf die
unsichtbaren Fahrer der Mercedes, Cadillacs, Rolls Royce, die einen Scheiß geben, weil sie Klimaanlage haben und in eingezäunten Villen leben, ich hasse den uneingeschränkten Materialismus, die
Raffgier, die hier unverblümter als anderswo herrscht, ich hasse die anständigen Bürger, die ohne weiteres jemand anderes erschießen möchten, die vielen fetten Ärsche, die sich nie Fragen stellen,
die aufgetakelten Alten, die jeden Tag ihr Geld auf der Bank besuchen, weil es sonst nichts zu tun gibt, das schlechte Essen, das das amerikanische Volk vergiftet, in eine aufgeblasene
Uniformität, ich fühle mich gefangen in dieser Stadt die endlos ist, wo eine Straße wie die andere aussieht, gefüllt mit Elenden, dem Strandgut des Kontinents, eine Vorhölle wo jeder glaubt, er
hat ein Stück Sonne ergattert, doch die Sonne hat ihre Farben verloren, die Stadt ist auf Illusion gebaut, eine Absurdität, mitten in der Wüste, es gibt nur Kampf, nur Gier, wenn Gier schwitzen
machte, würden ihnen auch klimatisierte Autos und Häuser nichts nutzen, ich streite mich mit Craig, weil er seiner Mutter nach dem Mund redet und mit seinen Freunden den Liberalen spielt, Wally
hat während der Irankrise eine amerikanische Flagge gehisst, er proklamiert, er wird Reagan wählen.
Und dann sitzen wir bei Dennis und Wayne neben der Küche am Eßtisch, nach dem Essen spielen wir Karten, wir trinken kalifornischen Wein, ich ziehe an einer Marihuana-Zigarette, dann hat sich meine
Welt wieder eingerenkt, wir fahren nach Hause, ich räkle mich in der Zeit, wie wohl sie uns tut, wenn sie langsam und ohne Aggression abläuft.
In diesem Winter treffen wir Joyce, sie wird später Craigs Frau, sie ist nur sechs Jahre älter als er, schleppt ihn zur Therapie, sie haben Kinder, doch lassen sich nach zwölf Jahren Ehe scheiden.
Joyce schreibt Bücher, ziemlich trockene Abhandlungen, jetzt will sie das Thema junger Mann mit älterer Frau ausschöpfen, wir gehören in diese Kategorie, eines Abends sitzen wir in einem coffee
shop am Sunset Strip, beantworten ihre Fragen. Als ihr Buch nach einigen Monaten erscheint, sind Mary und Wally mit fünfzehn Jahren Altersunterschied das Star-Ehepaar, die Presse spricht von
ihnen, sie werden zu Fernsehshows eingeladen, ja, sagt Wally, als er Mary heiratete, er war etwas über 20, hatte er „instant children“, er brauchte keine mehr zu machen, dieses Witzwort
wiederholte er immer wieder.
Im Dezember bemerke ich, daß ich schwanger bin, es stellt sich heraus, ich habe schwangerschaftsbedingte Fibrome an den Eierstöcken, ich sage zu Dr. Stern, ich will doch mit 40 nicht noch ein Kind
kriegen, und sowieso, diese Fibrome, okay, sagt er, Sie haben recht, wir operieren. Anfang Januar gehe ich früh morgens ins Cedars Sinai Hospital, gleich nebenan von meiner alten Badeboutique,
nachmittags holt Craig mich ab, ich werde laut Gesetz im Rollstuhl bis ans Auto gefahren, nach der vollen Anästhesie bin ich beduselt, das Wetter ist schön, wir gehen spazieren, Craig stützt mich,
sollen wir das Kind kriegen? hatte er mich ziemlich lahm nur am Tag vorher gefragt, vielleicht renkt es sich zwischen uns wieder ein?
Das Leben läuft weiter. Im Februar brennt eines Nachts die Wohnung von Dennis und Wayne aus, Wayne ist nicht da, Dennis ist unten vor dem Fernseher eingeschlafen, das Feuer entsteht oben in seinem
Schlafzimmer, eine schadhafte Stromleitung. Dennis zieht bei uns ein. Links vom Wohnraum ist ein kleines Zimmer, wo Craigs Klavier steht, er will ernsthaft üben, kommt nie dazu, wir stellen ein
Bett an die andere Wand, Dennis baut seine Stereoanlage gegenüber auf, dort haust er ziemlich unabhängig, er arbeitet bei Tower Records, nachts hört er Musik auf seinen Kopfhörern, er ißt an
unserem Tisch. Er bleibt über ein halbes Jahr, seine Anwesenheit verschlechtert noch unser Verhältnis, nach einer Weile ertrage ich Dennis Anwesenheit nicht mehr, dieser immobile Fettkloß, der
sich nicht wäscht – wenn er eine Dusche nimmt, ist das Badezimmer von seinen kräuseligen Körperhaaren bedeckt – zu nichts beiträgt, den Craig hofiert, denn er hält ihn für eine absolute Kapazität,
dabei ist er wie die Schlange, plötzlich stößt er zu, sein Biß tut weh, manchmal leben wir in Frieden, manchmal wünsche ich ihn auf den Mond, doch alle seine seltsamen Kakteen und Pflanzen stehen
jetzt auf unserer Terrasse.
Ich fahre ein langes Wochenende nach San Francisco, meine Firma möchte mich kennenlernen, auf meine Telefonstimme ein Gesicht setzen, ich nehme den Zug, der die Küste entlang fährt, es ist eine
lange Fahrt, ich speise und trinke ein paar Glas Wein, dann setze ich mich in die obere Sightseeing Etage des Zugs, wir Fahrgäste haben viel Spaß miteinander, eine schwarze, pensionierte Lehrerin
feuert uns an, eine Nacht bleibe ich in Monterey, in einem der Hotels, die die Kette besitzt, abends laufe ich herum, ein heftiger Regen setzt ein, ich fliehe in den nächsten Hauseingang, betrete
einen dunklen Raum, vor einer Kinoleinwand liegen Menschen auf der Erde, sie murmeln, im Bus hatte ein junger Mann mir davon erzählt, dies ist die Rocky Horror Picture Show, die Fans sich
hundertmal ansehen, für die sie sich verkleiden, deren Zeilen sie mitbeten, später lief der Film an Wochenenden um Mitternacht in München, ob dort die Leute auch auf der Erde lagen, weiß ich
nicht, ich habe ihn nie gesehen, ein verrückter Wissenschaftler will den perfekten Menschen herstellen, ein alter Filmstoff, der indirekt das menschliche Dilemma in guter Hollywood Manier und mit
viel Talent berührt, lese ich. In San Francisco treffe ich Craig, der hergeflogen ist, wir leihen ein Auto, treiben uns auf den Straßen von San Francisco herum, abends nimmt eine Kollegin uns mit
in ein Western Tingeltangel, wir trinken ein Glas zuviel, am Sonntag morgen holt sie uns zum Brunch im Palace Hotel ab, wir sitzen im Wintergarten unter der wunderschönen Glaskuppel von 1875,
erlesenste Speisen türmen sich in der Mitte auf, doch ich kann nicht essen, mein Magen ist zugeschnürt, ich zittere, fühle mich sehr krank.
Ich treffe Mary im coffee shop im oberen Stock der May Co. wo ich manchmal mittags einen Salat esse, an der Ecke vor dem Geschäft warte ich abends auf meinen Bus, der den Fairfax hoch fährt und
manchmal gehe ich noch rein, viele meiner schönen Kleider, sogar ein Kostüm habe ich dort gekauft, und den wollweißen Teppich im Ausverkauf und Tücher und Kosmetik, Mary ist Anwältin, sie arbeitet
in einem großen Büro um die Ecke, wir freunden uns an.
Es wachsen immer neue Generationen von Profitierern und Grundstückmaklern heran, die Tendenz ist Wachstum, Erforschung neuer Grenzen, Transzendieren des Alten, Los Angeles wächst ohne Unterlaß in
die Wüste hinaus, Gelder fließen in unbestimmte Taschen, eine neue Siedlung entsteht, Lebensleitungen sind das erste, Wasser, Strom, Abwässer, Telefon, Straßen, dann baut man die Häuser darüber,
flacht hier einen Hügel ab, zieht dort einen Bogen um ihn, hinzu kommen Schulen und Feuerwehrhäuser und Golfplätze, wenn die Häuser im Rohbau sind, sind sie fast alle verkauft, die zukünftigen
Bewohner können Extrawünsche äußern und realisieren lassen. In einer solchen Siedlung wohnt Mary mit Norm, ihrem Mann und ihrer Teenage-Tochter, in einem bequemen Haus auf einem Geröllhaufen, für
den Garten haben sie noch kein Geld, dazu muß viel Erde herangeschafft werden, so ein Gartenarchitekt ist teuer, aber sie sind die Wüste gewohnt, hinter dem Haus ist schon der Pool, man kann in
ihm schwimmen, und ein Jacuzzi, wo wir manchmal in einer schönen Winternacht unter dem Sternenhimmel uns im heißen Wasser brutzeln lassen.
Mary ist ein Genie; wie ihre Mutter, die bei ihnen wohnt, hat sie einen erwiesenen I.Q. von 171, mehr als Einstein, das äußert sich darin daß sie alles sofort verstehen, einordnen und behalten
kann, sie fühlt sich so überlegen, daß sie ziemlich alles so macht, wie sie will, und damit vielen Leuten wehtut, vor allem ihrer Familie, denn sie hat eine Affaire nach der anderen, kommt in die
unmöglichsten Situationen, manipuliert alle, ihre Tochter wächst zu einer unbändigen jungen Frau auf. Norm ist Atomphysiker, Marys Vater war Atomphysiker, sie wuchs in einer anderen Wüstenstadt
auf, wenn man das als Stadt bezeichnen kann, einer amerikanischen Militärbasis, nicht weit von Death Valley, dem Naval Air Warfare Center, Chinalake, die man für die Familien der dort Arbeitenden
aus dem Boden stampfte, so tot und trostlos, es war der ideale Platz, das Gestell auszuprobieren, in dem man 1979 den Mond anflog. Mary nimmt mich einmal mit, sie will eine kranke Freundin
besuchen, wir bleiben über Nacht, sie ist eine ungezügelte Autofahrerin, spottet aller Verkehrsregeln, jede Kurve kennt sie auswendig, sagt sie, als sie Norm heiratete, wohnten sie zehn Jahre in
Chinalake, ihre Tochter war klein, sobald diese heranwuchs, als Mary über dreißig war, entschied sie, sie war dies platte Leben satt, sie wollte jetzt Rechtswissenschaft studieren, versuchte es an
allen Unis in Los Angeles, schließlich nahm man sie in San Pedro, im Süden, dann fuhr sie jahrelang fast jeden Morgen, noch in der Nacht fuhr sie los, nach San Pedro, abends kam sie zurück, später
nahm sie sich ein Zimmer und kam nur mehr an Wochenenden nach Hause, bis Norm es satt hatte und sie ganz nach Los Angeles zogen. In Chinalake – vielleicht habe ich ein Buch mitgenommen – langweile
ich mich einen Tag lang, es gibt nichts zu sehen, nichts zu tun, nur schläfrige Hitze, dann fährt Mary mich zur Air Base, in der Ebene vor zackigen Felsenhügeln eine Ansammlung flacher Bauten, wie
Schuppen, wie die Schuppen auf den Studiogeländen, die weltbewegenden Dinge werden hier in Schuppen gemacht, dann – die Nacht fällt blitzschnell ein – fahren wir aus Chinalake hinaus durch die
Wüste, wir halten das Auto an, schalten alles ab und was bleibt ist der Weltraum, der sich uns in übergroßer Klarheit und Nähe darbietet, kein Hauch ist zu spüren, kein Laut zu hören, wir fühlen
das Nichts, es rückt uns zurecht.
Viel passiert links und rechts, John und Ed haben sich getrennt, jetzt besuchen wir jeden einzeln, John läßt sich erst seine armenische Nase verfeinern, dann seine Augen, dann züchtet sich diese
Ephebe zu einem Muskelprotz heran, als Homo arbeitet er manchmal an Wochenenden in Hugh Hefners riesigem Besitz als Kellner, er beschreibt uns, wie es dort aussieht, es ist der hochtechnisierte
Wahnsinn. Craigs Schwester verläßt ihren Mann, dieser hat seit langem jemand anderen, sie zieht wieder nach Los Angeles, ist enorm geworden, wie ein zu ersteigender Berg. Wayne muß für einige
Wochen ins Gefängnis, es ist eine Geldsache, jemand hat ihn um eine große Summe verklagt, die er nicht hat, danach zieht er auf eine kleine Karibikinsel, Santa Lucia, um dort zu schreiben. Im März
regnet es einen Monat lang heftigst. Wochenlang muß jeder sich einen anderen Lebensstil aneignen, das viele Wasser ist genau so gefährlich wie das Feuer, es steht an einigen Stellen kniehoch in
den Straßen, weil die Gullys über Kapazität gefüllt sind, einmal fahren wir den Sunset, der sich durch Beverly Hills schlängelt, nach Westen, wir wollen zur UCLA in ein Konzert, da, wo die Straße
einen tief schwenkenden Bogen nimmt, steckt ein Rolls Royce bis zum Dach im Wasser, wir müssen einen anderen Weg nehmen, in den Hügeln entspringen überall neue Quellen, fließen die Hügel hinunter,
es fließt über manche Terrassen und Treppen, teilweise ist die Strömung so stark, daß sie ganze Gärten mitnimmt. Meine Bio-Feedback Leute sind jetzt in Santa Monica, ich will ihnen nicht folgen,
das ist zu weit weg, ich suche mir eine Therapeutin, Vera, die in ihrem Haus in Beverly Hills empfängt, wenn ich zu ihr fahre, sehe ich unter mir das Haus von Mary Pickford inmitten großer
Rasenflächen.
Eines Tages nehme ich Craig mit zu Vera. Dort kommt er mit der Wahrheit heraus, er will sich von mir trennen. Eiseskälte läuft in mein Herz, ich springe auf, packe meine Jacke, weine laut auf und
laufe aus dem Haus, die Hügelstraße hinunter, dann weiter, weiter, es ist ein kühler, bedeckter Abend, ich bin zerstört, verstört, mein Leben hört auf, fast unten kommt Craig angefahren, steig
ein, ruft er, ich will nicht.
Seit Monaten habe ich überlegt, wie es weitergehen soll, jetzt erhole ich mich nur schwer davon, daß Craig mich von sich stößt, ich bin verlassen, fühle mich verneint, abgelehnt, allein gelassen,
der Liebe beraubt, doch leben wir weiter wie Mann und Frau inmitten unserer täglichen Beschäftigungen, als sei nichts passiert, ich helfe dir wie ich kann, hatte Craig gesagt, nur manchmal
überfällt uns eine seltsame Befangenheit, ein Unwohlsein, wir haben einander nichts mehr zu sagen, er arbeitet immer noch am „Loveboat“, auf dem Filmgelände der 20th Century Fox hinter Century
City in einer Art niedriger Baracke sind die Schneideräume der Serie untergebracht, zu sechst stehen sie vor Schneidegeräten, schneiden, kleben zusammen, kleben dazwischen, an den Wänden stehen
viele Rollen von Lautaufnahmen, Schritte auf Zement, Schritte im Sand, schlürfende Schritte, weibliche Schritte mit Absatz, um einen kleinen Garten herum liegen ältere Backsteingebäude, in denen
die Manager ihre Büros haben, einmal gucke ich bei einer Aufnahme zu, in einem dieser riesigen Schuppen, in dem irgendwo die Hälfte eines Zimmers aufgebaut ist, ich gucke genau hin, denn da steht
Lilian Gish, eine der alten Hollywood-Größen, seit Anfang dabei, eine sehr alte Dame.
Anfang Juli höre ich auf zu arbeiten, ich kann Elaine nicht mehr ertragen, die letzten Tage ist sie unfreundlich, sie weiß auch nicht, was aus ihr wird, das Büro soll geschlossen werden, am Tag
danach, als ich zu Hause bleibe, hat meine Hündin im Garten einen epileptischen Anfall, als wüßte sie, was die Dinge bedeuten, sie fällt hin, streckt steif ihre Beine in die Luft, verdreht ihre
Augen, hechelt, Schaum vor dem Mund. Ich renne zu Joan, unserer Nachbarin schräg gegenüber, schreie, Ulane stirbt. Als wir zurücklaufen, ist sie wieder normal, zittert nur, versucht ein Lächeln.
Einige Tage später fliege ich nach San Francisco, ein paar Adressen in der Tasche, ich will bei den dortigen Universitäten vorsprechen, ob ich studieren kann, um nicht ewig eine Sekretärin zu
bleiben, ich will nicht in Los Angeles bleiben, Craig über den Weg laufen, ihn in meinem Haus nicht weit weg mit einer anderen wissen, ich überlege hin und her, schreibe meiner mittleren Schwester
viele Briefe, in San Francisco geht alles über meine Kräfte.
Ich habe die schweren Dinge immer zweimal durchlebt, einmal mit dem Gefühl, einmal mit dem Körper, dieser ist vielleicht ein Art Blitzableiter, ein Reglerventil, das zu großen Schmerz über das
Nervensystem umbiegt zum Körper, auf seine schwächsten, anfälligsten Stellen, denn es ist ohne Zweifel so, als meine Flitterperiode mit Craig aufhört, mehren sich meine nervösen Attacken – das
Gefühl, daß ich ungeschützt und dem Tod ausgesetzt bin nimmt mich wieder in Besitz. In San Francisco geht alles schief. Ich komme nachmittags an, nehme Busse in die Stadt, dann fahre ich weiter
über die Brücke nach Oakland, wo ich bei einer Frau, einer Bekannten von Joan, schlafen werde, sie weiß von meinem Kommen, ich finde ihre Straße, ihr Haus, doch sie ist nicht da. Ich warte, dann
schelle ich beim Nachbarn. Die Leute wissen nicht, wo sie ist, kommen Sie rein, sagen sie, nehmen mich mit in ihre Küche, es ist Abend, durch das Küchenfenster kann ich die Auffahrt der Frau
sehen, kann sie kommen sehen, ich warte, man bietet mir nichts zu essen an, ich bin sehr hungrig, ich kann nicht einfach aufstehen und gehen, ich habe keine Ahnung wo ich bin, Busse wird es in
diesem Vorort nicht mehr geben, ich warte auf dem Küchenstuhl, schließlich bietet man mir ein Bier an, ich trinke es, obwohl ich weiß, Bier vertrage ich nicht, um Mitternacht kommt die Frau
endlich nach Hause, ich verabschiede mich mit einem großen Dankeschön, erleichtert. Die Frau, bei der ich schelle, ist eiskalt, sie entschuldigt sich nicht, erklärt nichts, läßt mich eintreten, es
nimmt mir den Atem, dies ist das absolut unordentlichste, schmutzigste Haus, das ich jemals gesehen habe, ich werfe einen Blick in die Küche, sie ist unaussprechlich, inmitten des Schmutzes finden
Bauarbeiten statt, sie führt mich eine Treppe hoch, unter dem Dach schlafe ich in einem kleinen Zimmer, in dem kein Licht ist, ich taste mich herum, meine Finger scheuern sich im Staub, ich lasse
mich aufs Bett fallen, kann nicht schlafen, fürchterliche Angstzustände, Atemnot, Herzklopfen, Darmbewegungen, ich schlafe eine kurze Stunde, um sieben schleiche ich die Treppe hinunter und
verschwinde.
Der Tag gibt Mut, ich gehe eine Weile die kleinen Straßen weiter, treffe auf eine größere, die nach Berkeley führt, kaufe eine Zeitung auf dem Weg, in Berkeley setze ich mich in einen coffee shop,
esse ein großes amerikanisches Frühstück, ich bin so hungrig, mit hotcakes und Eiern und Kartoffeln, begossen mit viel Kaffee. Dann mache ich mich auf den Weg zur Universität, ich finde das
Admissions Bureau, setze mich auf eine Bank und warte. Ich habe meine Zeugnisse dabei, die sind nicht gut, als ich empfangen werde, erkläre ich, daß mir die Nonnen eins auswischen wollten, weil
ich eine Außenseiterin war, ich zeige das Zeugnis vor dem letzten, mit Einsern und Zweiern, doch die Frau wiegt den Kopf, wie kann sie verstehen, wie das damals war in meinem katholischen Ländle,
wie kann ich verstehen, was sie meint, vielleicht denkt sie, ich möchte um ein Stipendium bitten, das nur auf sehr gute Zeugnisse hin gegeben wird, sie sagt, versuchen Sie es bei den anderen
Universitäten und ich verabschiede mich.
In der Stadt rufe ich meine andere Adresse an, es ist ein junger Mann, der ein Antiquariat hat, „Serendipity“ nennt er es, dort finde ich ihn zwischen staubigen Bücherwänden, er lädt mich zum
Mittagessen ein, wir besprechen mein Anliegen, ich will jetzt nach San Francisco reinfahren und es bei der State University versuchen, die nehmen fast jeden an, ich verlasse ihn um ins BART System
zu steigen, einer Art U-Bahn, die unter der Bay herfährt, kaum im Zug, überfällt mich die schlimmste Platzangst, mein Herz hämmert, ich grabe meine Fingernägel in die Handballen, in die Arme, gehe
auf und ab, wie früher, wenn mich die Angst packte, ich kneife mich, atme tief, greife mir ans Herz, biege meinen Körper um mein Herz, die Leute gucken nur kurz, es gibt so viele Verrückte, die
Fahrt dauert eine Ewigkeit, als der Zug hält, stürze ich aus dem Waggon, da gibt mein Körper eine anderes Signal, ich suche nach einer Toilette, dort entlädt sich endlich mein Darm. Dann steige
ich an die Oberfläche, ich bin im Geschäftsviertel, wo die Wolkenkratzer dicht an dicht stehen, ein starker Wind weht, ich laufe durch die Straßen wie eine Blinde, mein Kopf schmerzt zum
Zerbersten, wenn ich hochschaue ziehen die Wolken am Himmel so schnell über die Spitzen der Wolkenkratzer her, daß ich denke, diese fallen auf mich, dies ist das Ende der Welt, alles fällt
zusammen. Endlich finde ich eine Apotheke, ich kaufe Aspirin, bitte um ein Glas Wasser. Ich lande am Union Square, wo die Hotels stehen, für die ich früher arbeitete, doch ich betrete ein Café,
gehe hinunter zur Toilette wo ich eine kleine Nervenkrise habe, ich weine und schluchze ungestört und lange, dann rufe ich von dort den jungen Mann mit den alten Büchern an, erzähle ihm, ich kann
nicht weiter machen, ich bin am Ende, er will mich in einer Stunde mit dem Auto abholen.
Der Nachmittag verläuft sich in den Abend, ich soll mit zu ihm nach Hause kommen, sagt der junge Mann, ich warte ein wenig, dann macht er sein Geschäft zu und wir fahren weit raus, über leere
Straßen ohne Bäume, schließlich fährt er neben einem Holzhaus in eine Einfahrt. Ein tiefes, breites Dach, man tritt sofort ins Wohnzimmer, es ist leer, es ist breit, so breit wie das Haus,
Holzfußboden, an eine Wand gelehnt steht nur ein Sofa, ganz allein. Hallo ruft er, Kinder kommen angelaufen, in allen Größen, mein schon roher Magen dreht sich um, es riecht stark nach
Verbrauchtem, nach verbrauchten Hautzellen, nach Urin, nach Schweiß, nach Abfall, nach Klo, nach schmutziger Wäsche, die Kinder sind grau mit runden, erdigen Köpfen, da steckt aus der Wand vor uns
eine Frau ihr Gesicht durch die Tür, hallo, ruft sie, ich erschrecke, lächle aber, good evening, sage ich höflich, sie sieht aus wie eine Hexe, traurige, hängende Züge, ihre lange Nase biegt sich
zum Kinn, ich kneife mich wieder, vielleicht habe ich einen schlechten Traum, doch alles läuft weiter, wie es laufen muß, man gibt sich die Hand, die Frau ist klein, ihre Schürze reicht ihr bis zu
den Füßen, ihre Kinder hängen sich an sie, Mom, dies, Mom das, sie schüttelt sie ab, geht zurück in die Küche, das ist ein kleiner eckiger Raum, rechts ist der Herd, an der Wand daneben das
Spülbecken, die dritte Wand entlang laufen Schränke, links ist ein Tisch mit Holzbänken, wo wir uns hinsetzen, überall, auf allen Borten und Schränken, auf dem Boden ist schmutziges Küchengerät,
schmutziges Geschirr zirkusartig aufeinander getürmt, neben dem Tisch richtet sich eine Borte mit sauberen Tellern und Tassen auf, und überall, auf dem schmutzigen Geschirr, auf dem sauberen, an
den Wänden, auf dem Tisch spazieren riesige Küchenschaben, als seien sie zu Hause, niemand stört sie. Die Frau ist am Kochen, steht vor dem Herd, was gibt’s fragt ihr Mann, oh, sagt sie, wir
fangen an mit was Mexikanischem, und dann gibt’s Chinesisches, die Kinder ziehen Fratzen, sie machen Faxen, turnen am Tisch herum, lachen und schreien, sie ist keine gute Köchin, sagt ihr Mann,
mir schnürt sich die Kehle zu, Schabenpüree, denke ich, wieviel Schaben hast du da verrührt, oh, sage ich, und das ist ja die Wahrheit, ich war heute krank, könnte ich vielleicht nur ein gekochtes
Ei haben, ich auch, ich auch, rufen die Kinder, ein Ei, ein Ei. Die Frau wirft Besteck auf den Tisch, jeder nimmt sich eine Gabel, dann häuft sie das Essen auf Teller und reicht sie herum, ich
zähle die Kinder, fünf sind es, der älteste vielleicht zehn, ein Glas Wein, ja ein Glas Wein, Allheilmittel, wenn die Wirklichkeit zu ungenießbar wird, ich esse mein Ei mit einem Stück Brot und
sehe zu, wie die anderen eine unbestimmbare braune Grütze wegschaufeln, ohne viel Manieren, die Kinder hören nicht auf zu schnattern, mit Gabeln zu schlagen, zu lachen, ich versinke in
Immobilität, wie komme ich hier wieder raus? Was kommt nun?
Wollen Sie nicht bei uns übernachten, fragt mich die Frau, nein danke, sage ich, ich möchte gern am Flughafen ein Hotelzimmer nehmen, weil mein Flugzeug ganz früh geht. Könnten Sie mir ein Taxi
rufen? Nein, nein, sagt der Mann, ich fahre Sie natürlich hin. Doch dann geschieht nichts. Die Kinder lärmen weiter, die Frau räumt den Tisch ab, schichtet das Geschirr ins Spülbecken, ich gehe
aufs Klo, im hinteren Teil des Hauses sind die Schlafräume, enge Löcher mit übereinander geschichteten, grob gezimmerten Bettgestellen, grauen durchwühlten Betten, ein durchdringender Geruch, ich
flüchte zurück ins Wohnzimmer, auf die Couch, sofort kommen die Kinder angelaufen, klettern auf mir herum, soll ich euch etwas vorlesen? frage ich, tatsächlich kramt der Älteste irgendwo ein Buch
her, alle setzen sich um mich, auf die Couch, auf die Erde, so lese ich eine Geschichte vor. Ich lese sehr lange, die Eltern kommen dazu und sind entzückt, wie brav ihre Brut ist, ich lese und
lese, im Wort ist das wirkliche Leben, denke ich, solange ich lese, kann ich mir den Alptraum vom Leib halten.
Endlich wird es mir zu viel, es ist fast elf. Ich sage, wie machen wir das, wollen Sie nicht doch lieber ein Taxi rufen, nein, sagt der Mann, hier draußen gibt’s auch keine, ich bringe Sie zum
Flughafen, endlich rafft er sich auf, sucht seine Autoschlüssel, die Kinder hängen sich an mich, wollen mich nicht weglassen, ich schüttle der Hexe die Hand, vielen Dank, sage ich, es war sehr
nett von Ihnen.
Als ich das schäbige Hotelzimmer betrete, auch hier riecht es nach Gewesenem, doch ich bin allein, ich kann duschen, in sauberer Wäsche schlafen, bin ich glücklich, ich bin dem Unsagbaren
entkommen.
Am nächsten Morgen wache ich auf, ich menstruiere, zu früh, weil ich eine Nervenkrise hatte, oder hat die sich nähernde Menstruation meine Nervenkrise ausgelöst?
Zuhause überlege ich wieder, was ich machen soll. San Francisco kommt nicht in Frage, ohnehin mag ich die Stadt nicht, so schnuckelig sie aussieht, doch hinter schmutzigen Fenstern hängen traurige
Gardinen, sie ist eine Kulissenstadt, ein Film-Set, eine Hollywood-Stadt mehr noch als Hollywood.
Craig wird endlich in die Filmcutter-Gewerkschaft aufgenommen, das ist eine paradoxale Prozedur, wie vieles in Amerika, man muß dazu etliche Jahre Arbeit vorweisen können, doch die Studios, die
eine große Gewerkschaftsbeteiligung haben, stellen nur Leute ein, die schon drin sind, jetzt kann er auch an Filmen arbeiten, er wird mehr Geld verdienen, profitiert von der Krankenkasse. Er
schlägt mir vor, ich soll mir die Vorderzähne neu machen lassen, ich brauche wirklich neue, so etwas kostet ein Heidengeld, und das wird sein Geschenk zum Abschied sein, bezahlt von seiner
Gewerkschaft. Ich gehe zum Gewerkschaftszahnarzt, Dr. Katz in Beverly Hills, wir starten die ganze Sache, füllen Papiere aus, schicken sie ein, bis dies abgeschlossen ist, müssen wir es
miteinander aushalten, aber wir sind nicht unglücklich, im Gegenteil, immer wieder denke ich, warum verläßt er mich, wir haben Spaß miteinander, Sex miteinander, empfangen weiterhin Freunde,
besuchen seine Familie, die allerdings eingeweiht ist, ich habe schöne Sommermonate, fahre mit der Hündin an den Strand, gehe zu Partys, kümmere mich weiterhin ums Haus, als sei ich hier noch zu
Hause. Der Schrecken sitzt mir jedoch im Magen, ich habe immer öfter Angstattacken, einmal passiert es während einer Filmprojektion auf dem Gelände der 20th Century Fox, zu der wir eingeladen
sind, ich weiß nicht mehr, ob es „Star Wars“ war, dieser Film wird hier zum ersten Mal gezeigt, als die ersten Raumschiffe über unsere Köpfe fliegen, duckt sich jeder, ich muß das Kino verlassen,
ich hocke im Toilettenraum und erzähle einer Krankenschwester, was mit mir los ist.
Ich bewerbe mich in einer Firma, die eine französisch-sprechende Sekretärin sucht, fahre weit raus nach Burbank, wo die Flugzeugfabriken sind, dies ist eine Firma, die Hubschrauber herstellt, ich
unterwerfe mich einem Test, der positiv ausfällt, doch als ich höre, wie hoch mein Gehalt ist, brutto $800 im Monat, sage ich mir, das ist unmöglich. Ich fahre zurück, in Craigs Auto, ein Auto
würde ich mir von dem Gehalt nicht kaufen können, wieviel kostet eine Wohnung, wo finde ich ein Zimmer? Hier in der Nähe, wo die schattenlose Sonne auf kleine schäbige Häuser, auf verbrannte
Gärten scheint, wo am Ende der Straße die felsige Wüste anfängt, wo die Klapperschlangen sich sonnen, wo weit und breit kein Mensch zu sehen ist, wo meine Hündin ihre Pfoten nicht aufsetzen kann,
wo die Hoffnungslosigkeit zu Hause ist?
Eines Abends sind wir mit Mary und Norm auf einer Party in Berverly Hills, gegenüber von Century City, es geht auf den Herbst zu, die Santa Ana Winde blasen heiß, jeder ist kostümiert, bei Mary,
Craigs Mutter, haben wir uns verkleidet, sie trug mir schöne alte Stücke an, ich bin ganz in schwarz, trage ein Hütchen mit Schleier, wir sind in einem großen Haus, es wimmelt von Leuten, jemand
tritt ein, trägt eine 30 Zentimeter große Frau auf dem Arm, setzt sie oben auf die Lehne des Sofas, gegen die Wand, da ist sie auf gleicher Höhe mit den anderen, sie ist eine Studienkollegin, die
sie von der Universität kennt, erzählt Mary mir, arbeitet jetzt als Rechtsanwältin, sie beherrscht die Unterhaltung im Raum mit ihrer tiefen Stimme, jeder neigt sich ihr voll Sympathie zu, ich
bleibe die stumme Unbekannte, hinter meinem Netzschleier brauche ich meinen Mund nicht so oft aufzumachen, dahinter stecken häßliche Ersatzzähne, denn endlich hat der Zahnarzt sich an die Arbeit
gemacht, der Punkt Null nähert sich, und noch immer weiß ich nicht, was aus mir wird.
Die Entscheidung kommt von allein. Es fängt an mit einem Bekannten, der morgens, auf dem Weg zur Arbeit angeschossen wird, bevor man in seinem Auto wegfährt. Bei Ralph’s, unserem Supermarkt, gibt
es immer wieder Überfälle, auf dem kurzen Stück zwischen Ralph’s und uns wird eine Frau am hellichten Tag im Gebüsch vergewaltigt, und bei uns bricht man zum dritten Mal ein, diesmal ist es
wirklich schmerzhaft. Wir sind, wie jedes Jahr um dieselbe Zeit auf der Party, die Wallys Eltern in ihrem Haus geben, weit draußen in der Valley neben einem Golfplatz, die Las Vegas Party. Bei
Ankunft bekommt jeder Spielgeld ausgehändigt und tritt in ein Casino mit Spieltischen, Roulettes, Billard, Bingo, Kartenspielen aller Art, jedes Familienmitglied hat eine Aufgabe, vor einigen
Jahren hatten wir meine Eltern mit zu dieser Party genommen, es ist Schlaraffenland, man spielt und gewinnt und verliert und es tut nicht weh, man ißt und trinkt, alles ist im Überfluß, man trifft
alte Bekannte, neue, ich rede Spanisch mit Marys Hausmädchen, das in der Küche aushilft, Craigs Bruder macht einen Witz, da ich Spanisch gelernt habe, kann ich jetzt als Dienstmädchen arbeiten.
Als wir um fünf morgens nach Hause kommen, können wir nicht ins Haus, Craigs Schlüssel öffnet nicht, innen steckt ein anderer im Schloß. Wir schauen durch die linke Scheibe, es ist noch nicht ganz
hell, doch da sind lauter leere Stellen in unserer Hifi- und Plattenwand, ich klopfe an die Scheibe, die Hündin meldet sich nicht, ich drehe durch, laufe zum Nachbarn, wecke ihn aus dem Schlaf,
rufe die Polizei an, Craig steigt derweil auf das Dach des Autos und klettert in ein kleines Fenster, das in den Raum führt, wo noch vor kurzem Dennis wohnte, es ist seltsamerweise offen, als ich
zurückkomme, hat Craig die Haustür, in der innen mein Schlüssel steckte, aufgemacht, im Badezimmer eingesperrt finden wir die Hündin, sie springt an uns hoch und lacht verzweifelt und wild. Dann
machen wir Licht und sehen den Schaden, alles was mit Elektrizität betrieben wird, ist verschwunden, alles andere ist durchsucht, alle Wäsche aus Schränken und Schubladen gezerrt, Craigs neuer
Photoapparat, ein Weihnachtsgeschenk von Wally, der im Wandschrank unter unserer Kleidung lag, ist weg und genau dort wo er lag, finde ich eine Pistole, sie glänzt schwarz, zuerst rühre ich mich
nicht, rühre sie nicht an, ich stelle mir vor, diese Leute kamen in mein Schlafzimmer, richteten sie auf mich, aber ich war zufällig nicht da, ich nehme sie auf, sie ist aus Plastik.
Am späten Vormittag kommt ein Polizist vorbei, setzt sich an unseren Tisch und seufzt, ich gebe ihm eine Tasse Kaffee, tja, passiert leider andauernd, viel kann er nicht machen, an sich überhaupt
nichts. An der Fensterscheibe endeckt man Abdrücke kleiner Hände, um hineinzuschauen, denn das Fenster liegt hoch, muß man sich von der Treppe her vorbeugen, sich gegen die Scheibe lehnen und das
sind Kinderhände. Man muß ein Auto in der Einfahrt geparkt haben, von dort hat sich eins von ihnen durch das klitzekleine Fenster der Garderobe reingewunden, dann war es einfach, den Hund, der die
Zähne zeigte, sperrte er ins Bad, dann durchsuchte er das Haus und reichte, was auf dem Hehlermarkt absetzbar ist, zum Fenster hinaus, es wurde direkt im Auto verstaut.
Dies ist Anfang Oktober. Es tut mir leid um Craig, der nichts mehr hat, keinen Fernseher, kein Hifi, kein Radio, keinen Toaster, ich habe sowieso nichts mehr, denn ich beschließe nach Europa
zurückzugehen. Wie kann ich hier überleben, wie kann ich mit der Hündin eine billige, sichere Bleibe finden, auf den Rasen vor den Apartmenthäusern steht immer dasselbe Schild, das sagt: No pets,
adults only? Wie würde ich mich fühlen in dieser enormen Stadt, ganz allein? Eines Tages würde ich Craigs Kindern auf dem Bürgersteig begegnen, außer höflich guten Tag zu wünschen, würde keiner
seiner Freunde, niemand aus seiner Familie noch mit mir reden. Ich schreibe meiner Schwester, sie antwortet: „...freu Dich auf uns, vielleicht hilft das. Wir werden es dir schön machen und Dir
helfen, so gut es geht. Natürlich kannst du hier bleiben.“
Ich buche einen Flug nach Frankfurt für Mitte November.
Craig will mir noch Unvergeßliches schenken, einen ganzen Tag verbringen wir im J. Paul Getty Museum in Malibu, dies ist eine nachgebaute römische Villa, wie sie am Vesuv aus der Lava gegraben
wurde, wir besichtigen die römischen Statuen, die Gemäldegalerie, essen auf der Terrasse in der warmen, melancholischen Herbstsonne zu Mittag, laufen durch den römischen Kräutergarten, wir fahren
nach Pasadena, besuchen das reichbestückte Norton Simon Museum. Noch einmal sind wir bei Mary, weit draußen wo die Wüste anfängt, ich habe eine starke Migräne, folge ihrer Einladung in den Jacuzzi
nicht, es ist Abend, als ich aus der Tür trete, finde ich Craig und Mary ineinander verhakt, oh Entschuldigung, sage ich und ziehe mich zurück, ich bin zu Tode verletzt, nach einer Weile kommt
Craig ins Haus, er nimmt meine Hand, bitte entschuldige, sagt er, doch ich sage, du hast das Recht dazu, es ist zuende zwischen uns, mach nicht so ein Theater, laß mich in Ruhe, ich muß ja einmal
damit fertig werden, wir fahren schweigend nach Hause, Craig will im anderen Zimmer schlafen, mir das Bett lassen, ich liege da allein, der Schmerz pocht durch mich, ich drücke mein Gesicht ins
Kissen, ich bin allein, endgültig, dann stehe ich auf, gehe zu Craig, komm zu mir, sage ich, ich will nicht allein schlafen, ich ertrage es nicht, es ist zu schwer, und er kommt, ich verzeihe dir,
sage ich, es ist alles nichts, bitte liebe mich. So lieben wir uns bis zum Ende. Den letzten Sonntag verbringen wir im Huntington Park in San Marino, mit einer großen Freundesclique, von denen ich
viele nie wiedersehen werde, weil das erste Aids-Jahrzent viele hinwegrafft, wir besichtigen die Gainsboroughs, laufen im botanischen Garten herum, der Abend ist schon kühl, ein feuchter Dunst
umhüllt uns, wir schießen unserere letzten Fotos.
Ich habe meinen Abflug organisiert, acht Gepäckstücke gepackt, Craig will mir meine Bücher per Schiff nachschicken, am Vorabend, als meine Hündin zum letzten Mal in ihrer gewohnten Ecke neben dem
Haus kackt, als wir zu Craigs Eltern fahren, wo ich jeden umarme, dem Auto auf Wiedersehn sage, denn Craig nimmt, um meine Gepäckstücke transportieren zu können das Auto seiner Mutter, einen
neueren Cadillac, kann ich nicht aufhören zu weinen, der Schnitt in meinem Leben ist tiefer denn je, aus dem sonnigen Kalifornien transportiere ich mich in eine triste deutsche Kleinstadt, aus
einem kompletten Leben werde ich verstoßen in die Kälte, ich habe kein Zuhause mehr. Die letzte Nacht schlafen wir wie immer mit verschlungenen Armen und Beinen, Craig klammert sich an mich, der
Morgen ist tödlich, steinern nehme ich Abschied, am Flughafen kaufe ich einen neuen Hundecontainer, die Hündin verschwindet auf dem Fließband, jetzt ist endgültig das Band durchgeschnitten, ich
bin schon nicht mehr da, ich drehe mich um und lasse Craig stehen.
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