Analyse eines Lebens - fast ein Roman

XIII



Als ich über meine Jahre in Los Angeles schrieb, fand eine Entkörperung aus meinem jetzigen Selbst statt, etwas in mir schob sich zwischen mich und mich, die ich über die Oberfläche des Jetzt schwimme, ich war verwirrt, die vielen kleinen Zeitstücke schoben sich hin und her, ich wollte nach diesem greifen und jenem, alles gab es schon lange nicht mehr, lebte nur mehr in meiner unsynchronisierten Erinnerung, ich wollte eine Straße entlang gehen, durch die flüssige Luft, in den Hügeln die Bläue des Nichts fassen, ich wollte die Liebe dieses jungen Mannes, wollte, daß die letzte Umarmung ewig sei, was ich beschrieb lebte vor meinen Augen, die nicht mehr nach außen sahen, dort verstummte alles, alte Bilder tauchten auf, wurden präziser, obwohl ich ihre Bedeutung nicht verstand, andere blieben fern oder verschwanden im Nebel des Vergessens, doch alle bebten in mir. Das Pariser Wetter half, es wurde sehr heiß, nachts saß ich im Nachthemd auf meiner roten Bank, die Blüten der riesigen Jasmindolde über mir vergingen schnell, ihr bittersüßer Duft jedoch war um mich, ich war in ihn gehüllt, ich brauchte nur die Augen zu schließen, da war ich wieder auf der Sierra Bonita, ich war allein, gestrandet in einem sehr fremden Land, das mich von überall her anfeindete, doch ich ließ mich verführen von den Duftfäden der exotischen Stauden, lief ihnen nach, ich habe eine Nase, die alles von weit her aufnimmt, meine Sinne haben mich immer gelenkt, geleitet, manchmal verleitet; führen sie uns nicht oft irre, geben uns Anleitungen, steuern sie nicht unsere Vorlieben, prägen unsere Vorurteile? Und richten sie nicht die Kulissen um uns auf, zwischen denen sich alles abspielt, das Leben als Farce, das Leben als Drama, das Leben als Lustspiel, das Leben als Romanze, das Leben als Schmierenstück, das Leben als Tragikomödie, deuten unsere Sinne nicht die Welt, in der alles Bedeutung, Image, Bild, ist, deren Wirklichkeit wir nie verstehen werden, wo wir nur einen Fuß vor den anderen setzen können?

Und ist unsere Zeit ohne Hollywood, das uns das surrogate Leben in Kurzform schenkte, noch denkbar; steht diese unsinnige Stadt, die nicht nur am Rand der Welt sich in den Ozean rollt, aus dem Boden des Unmöglichen gewachsen ist, aus dem puren Willen der Menschen heraus, den Traum möglich zu machen, steht sie nicht am Anfang einer langen Entwicklung bis zu uns hin, die wir die Suprematie einer fixen Wirklichkeit immer mehr zugunsten des willentlichen Trugs hinter uns lassen? Gibt es noch eine Ecke in uns, die unverformt ist von sich bewegenden Bildern, die etwas erzählen, uns etwas zeigen, uns anrühren, uns verführen, von uns Besitz nehmen wollen? In der die konventionelle Bildersprache nicht ein tiefes Empfinden in uns anspricht, das wir für die Wahrheit halten, eine Scheinwelt, der wir uns ohne Mißtrauen hingeben, um die Komplexitäten des Lebens hinter uns zu lassen? Und die Empfindungen, sind es nicht unsere Sinne, die ihnen Sinn und Reichtum und Richtung geben, Wegweiser in die uns umgebende Welt, die Verkehrsschilder, deren Zeichen wir folgen oder nicht, denn wir wissen weder, wer sie aufgestellt hat, noch wohin sie uns führen, Namen sind nicht mehr als Namen, und nur bei einigen klingt in uns ein fernes Echo, dem wir blind folgen.

Von hier habe ich Mühe, in meine Wirklichkeit zurückzufinden. Ich stehe in der Küche, zuckere meinen Kräuternachttee, unter mir schreit Edith, die Verrückte, auf jemanden ein, vor einer Woche starb ihre letzte Katze, sie läßt sie vom Tierarzt in einer Kältekammer aufbewahren, um ihr eine letzte Ruhestätte zu suchen, ich dachte immer, sie schreit auf ihre Katze ein, nun ist diese nicht mehr da, sie ficht mit ihren Phantomen, genau wie ich, nur schreie ich nicht, ich stehe nur sprach- und schreielos vor den Schrecken meines Lebens, meine Freundin Maria liegt im Grab, ich kann ihr Jungmädchenlachen nicht mehr am Telefon hören, ihr Bild bewegt sich in mir, wir können nur durch unsere Sinne den Tod denken, nie können wir ihn verstehen, mein Mann ruft im Flur, ich wollte wissen, wo du bist, warum denn, sage ich, ich stehe im Badezimmer, schieße zurück: um zu sehen, daß das Licht hier nicht unnütz brennt? Aber die Heizkörper sage ich, die stellst du an, volle Pulle, ohne Rücksicht auf Verluste, es ist doch eiskalt, sagt er, es ist Sommer, sage ich, noch nicht, sagt er, was ist schon Sommer hier, wir ziehen bald in den Sommer, sage ich, irgend etwas ging bei ihm verquer, wenn ich nicht mehr da bin, sagt er, bekommst du fünf tausend Mark weniger, damit kannst du rechnen. Wovon redest du, sage ich, dann bekomme ich sechzig Prozent deiner Pension, nonono, ruft er, kommt gar nicht in Frage, nicht von meinem hart verdienten Geld, im Fernsehen liefen wieder die Nachrichten, ach, sagt er, wie fein es doch wäre, wenn alle Welt McVeigh sterben sehen könnte, da in der Todeskammer, good night, sage ich, schließe die Badezimmertür.
Wenn seine Dunkelheit zunimmt, ruft er mich oft, dort bin ich das einzige lebende Wesen, ich höre mit Schmerzen seine Schreie, sie sind wie die, die er mir in München nachschickte, immer wieder, über den ganzen Rathausplatz hinweg, die spitzen ,i’s meines Namens schnitten durch den Lärm der Stadt, denn ich ließ ihn einfach stehen, ich konnte ihn nicht mehr ertragen, seine inkohärente Wut und Bosheit; das war einige Wochen, bevor seine Affaire mit Priscilla anfing, gerade war er aus der Privatklinik entlassen, er hatte München wiedersehen wollen, wo er Anfang der Fünfziger einige Jahre als Besatzungssoldat in den amerikanischen Baracken der Infanteriestraße lebte und jeden Tag zu seiner Arbeit als Nazijäger und Geheimagent in sein Büro in einer heilen Villa am Englischen Garten fuhr, München war noch in Ruinen, doch Fasching wurde gefeiert, er ging in Nachtclubs, betrank sich, er kaufte sich einen Volkswagen, einen MG, die beide jedoch die Berge nicht schafften, hatte etliche deutsche Freundinnen, ein richtiger Ami war er. Auch diesmal, sobald er den Fuß aufs Münchner Pflaster gesetzt hatte, konnte er sich des Biers nicht enthalten, nach einigen Schlucken war er betrunken, die starken Medikamente rannen noch in seinem Blut, er zog mich an der Hand bis zur Erschöpfung durch immer die gleichen Schwabinger Straßen, als suchte er sein früheres Selbst, aus dem ich ausgeschlossen war, manchmal erkannte er mich nicht, er schnappte über, sein Geist war verwirrt, lief Amok, ich ertrank in seinem Redefluß, Haßtiraden wechselten sich ab mit Erinnerungen, er war ein Getriebener, wenn er müde war, setzte er sich auf die Erde, die Schleusen seiner Unsinnigkeiten weit offen, es waren Momente, wo ich fürchtete, ich werde selbst verrückt, auf dem Rathausplatz ließ ich ihn dann stehen. Wir wohnten im Blauen Bock am Viktualienmarkt, als er bis zum späten Abend nicht im Hotel erschien, lief ich zu einer Polizeistation, ob irgendwo ein Amerikaner betrunken aufgefunden wäre, um eins kam er, angeheitert, er hatte einen Australier auf der Straße getroffen, der hatte ihn eingeladen, denn er war ohne einen Pfennig Geld in der Tasche. Am nächsten Morgen mußte ich einen Notarzt rufen, er war einem Delirium Tremens nahe, fühlte weder Arme noch Beine, die verengten Arterien pumpten nicht mehr, erklärte mir der Arzt, suchte vergeblich nach einer Einspritzstelle, danach war der Spuk zuende, er blieb im Bett, trank nicht, als er aufstand, wurde er zum kläglichen, älteren Mann mit eingefallener Brust und schlechter Laune, zu seiner Nüchternheitsperson. Und wir aßen stumm ein Eis im Café Mövenpick.

Vor drei Tagen kam ich aus Südfrankreich zurück, wo ich zehn Tage bei Jacqueline verbrachte, umgeben von Krüppeln und Greisen, sie selbst war gefallen, hatte sich die Kniescheibe verletzt und lief auf Krücken, ihr Mann hatte das Weite gesucht, und ich war die einzige die gehen, tragen und arbeiten konnte. Etwas Seltsames geschah: ich fand mein Haus. Ich könnte auch sagen, ich fand nach Hause. Das ist jedoch ein Geschenk, das einem nicht so einfach in den Schoß fällt, in den Märchen gerät man vorher auf viele Irrwege, überall lauern Gefahren, doch wer tapfer ist und an sein Glück glaubt, wird schließlich belohnt.
Als ich das Haus sah, wußte ich, das war es. Alle Zeichen, die mich zu ihm führten waren richtig, würde ich sagen, wenn ich abergläubisch wäre, aber wenn Zeichen sinngebende Merkmale sind, dann war es genau so. Das Haus hatte auf mich gewartet, es war seit drei Monaten auf dem Markt, niemand wollte es, „qu’est-ce qui cloche“, fragte ich den Immobilienhändler, das Wohnzimmer war nach Osten gerichtet, es war zu dunkel, sagte er. Von Jacquelines Dorf fuhren wir unter der Autobahnbrücke her, unter der TGV-Brücke her, ließen den Steinbruch und die Schnapsfabrik hinter uns, nachdem wir eine „route nationale“ überquert hatten, schlängelte sich eine schmale Straße durch ein anderes Land, knubbelige Eichenwälder bedeckten die Hänge, rechts vor der blauen Linie des Tals lagen fein geometrisch Weinberge, irgendwann drehten wir nach links, zweimal, ich zeigte auf ein Haus, ist es das, fragte ich den Immobilienhändler, ja, sagte er, ich hatte es erkannt. Wir fuhren eine steile Straße auf ein Haus zu, das zwischen Pinien und Kiefern lag und vor Sträuchern und Büschen kaum zu sehen war. Als wir das Tor öffneten und die sich windende Steintreppe auf das Haus zustiegen, klang mir aus einem der Fenster die Appassionata entgegen. Wir gingen langsam um das Haus, über uns rauschten gläsern die Pinien, ein braunäugiges junges Mädchen kam auf uns zu, ja, sie war die Pianistin. So fing es an.

Als ich von Los Angeles am Frankfurter Flughafen lande, ist mir nichts mehr ein Zuhause, aus strahlendem Sonnenschein, dem Land von Oz, falle ich vom Himmel in einen diesigen schwarz-weißen Novembertag. Meine Schwester, ihr Ex-Mann, ihre Kinder umringen mich und meine acht oder neun Gepäckstücke, meine Hündin setzt sich inmitten des Durcheinanders auf den Boden der Halle und verbreitet einen riesigen See um sich. Draußen riecht die Luft nach Regen und nassem Gras, meine Augen schweifen weit über das grüne Land mit seinen kahlen Bäumen, so neu, so alt. Wir fahren nach Trier, in einem Stadthaus steigen wir eine Etage hoch, treten in die Zahnarztpraxis, in der meine Schwester arbeitet, dort führt eine Tür in ein klitzekleines Apartment mit einer Dusche, wo ich wohnen kann. Trotz Müdigkeit bewundere ich alles genügend und bedanke mich bei Peter, dem Zahnarzt und seiner Frau, die oben im Haus wohnen. Ich begleite meine Schwester zu ihrer Wohnung, die sie sich mit den Kindern eingerichtet hat, sie will diesen keine Veränderung ihrer Lebensumstände zumuten, nur um mich zu beherbergen. Sie wohnt in einer kleinen Straße mit alten Häuserfassaden, alles ist schnuckelig und gemütlich und sauber, als ich am Bäckerladen vorbeigehe, duftet es aus dem Keller nach frisch gebackenem Brot, diesen Duft hatte ich vergessen, es steigt in mir hoch wie eine Träne der Erinnerung.
An den ersten Abenden weine ich viel, dann kaufe ich Garn und stricke mir einen Pullover, nächtelang, weil ich nicht schlafen kann, er hat vorn ein Muster und immer wieder muß ich ihn aufribbeln, weil ich mich versehen habe, er ist der unendliche Pullover. Meine Schwester hat mich schnell leid, ich bin nicht die einzige, sie hat es auch schwer, allein mit zwei Kindern, ihr Ex-Mann kommt immer wieder mit seinen Zahlungen für die Kinder nicht zurecht, sie hat aufgehört zu rauchen, ist schlechter Laune, sie sagt, ich lasse mich gehen, soll mich zusammenreißen und bitte, wenn ich sie besuche, nicht die Hündin mitbringen. Ich sitze auf dem Bett meines Zimmers, schaue auf die Gärten und Hinterhöfe, dort ist eine alte moosbewachsene, ziegelrote Ziegelsteinmauer, des grauen Zements müde, der grauen Stadt, meiner grauen Zukunft, gibt sie mir Freude. Bald erforsche ich die Stadt mit der Hündin, lerne die versteckten kleinen Winkel kennen, gehe die raschfließende Mosel entlang bis zur Ermüdung. Ab und zu kippe ich abends in einer lauten, verrauchten Kneipe ein Bier, es ist, als existierte ich nicht.
Meine Hündin wird sofort krank. Sie zieht ihren Bauch ein, macht einen runden Rücken, ihre Rute hängt zwischen den Hinterbeinen, sie übergibt sich, hat Durchfall, hat Würmer, ist inkontinent, leidet unter Hormonstörungen, ich bezahle die vielen Spritzen beim Tierarzt und esse Tütensuppe, meine Schwester läßt mich nicht mehr in ihr Haus, ich sehe sie nur tags in der Küche der Zahnarztpraxis, meine Hündin trägt meine Misere aus und schaut mich sprachlos an.
Ich suche nach Arbeit, fahre nach Frankfurt, wohne eine Nacht in einer muffigen Pension, stelle mich vor, werde über zwei Stunden von zwei jungen Männer befragt, über Berufliches, über Privates, dann doch nicht für vertrauenswürdig, stabil und verläßlich erachtet. Ich fahre nach Köln, nehme die Hündin mit, meine Schwester will sie nicht versorgen, wohne bei Hannes und Gundel, die Hündin erkennt das Haus und die Haustür wieder, als sie über den weiten, brauen Linoleumboden läuft, läßt sie Urintröpfchen hinter sich, ich wische, ich habe eine schwere Bronchitis, hohes Fieber, niemand ist für mich da, Gundel weigert sich, für mich zur Apotheke zu gehen, sie hat ihre eigenen Sorgen, ich erfahre, die Arbeitsstelle in Bonn, für die ich gekommen bin, ist vergeben, mein Unglück fiebert in mir, ich bin unruhig und nervös, ich rufe eine alte Bekannte an, die mich abholt, mich einen Abend lang bemuttert, doch ich habe Hannes und Gundel tief beleidigt.
Ich kratze mein Geld vom Sozialamt zusammen und fahre zu meinen Eltern nach Norddeutschland. Schnee ist gefallen, die Züge haben Verspätung, ich trage mein einziges warmes Kleidungsstück, den hüftlangen Silberfuchs, meine Hündin neben mir bebt vor Kälte, endlich fahren wir durch das endlose weiße Nichts der norddeutschen Tiefebene, meine Eltern empfangen mich kühl und reserviert, mein Vater versteht nicht, warum ich hier bin, was ist mit meinem Ehemann? Er hat keine Arbeit, sage ich, er schickt mich zurück nach Europa. Mein Vater hat einen heftigen Ausbruch, der geduldige Mann, der pünktlich um halb zwölf und um sieben in die Küche zu den Mahlzeiten schlurft, der nur selten seine Stimme erhebt und nie gegen seine Frau, er spuckt mir seine Klage ins Gesicht, welch ein Unglück ist es, mich zur Tochter zu haben, vierzig Jahre alt, ohne Geld, ohne Mann, ohne Beruf, ohne Arbeit, ohne Haus, eine Bettlerin – ich hatte meine Mutter um Geld für Zigaretten und Hundefutter gebeten – tanze aber bei ihm an im Pelz und will die große Dame spielen, ja er weiß wohl, damals in Münster, du warst drogensüchtig, sagt er und in Paris, mein Gott, mehr als eine Prostituierte warst du nicht, von Anfang an hast du versagt, ich schäme mich deiner, ich weiß nicht, was ich den Leuten erzählen soll, du bist ein Unsegen, ein Unglück, eine Katastrophe, ich stottere, nein, nein, das stimmt alles nicht, aber er schreit, schweig, jetzt rede ich, und als alles vorbei ist, die Nacht kommt, liege ich schlaflos im ausgelegenen Bett und habe eine der schlimmsten Angstattacken meines Lebens, morgens stehe ich auf, sage ihm, ich fahre nach Trier zurück, mein Vater entschuldigt sich, bitte bleib, sagt er, nein, sage ich, ich sehe ihn hart an, er ist ein alter Mann, ich habe Mitleid mit ihm, er versteht nichts mehr, verzeiht nichts mehr, ich lasse ihn auf dem Bahnsteig in der blassen Wintersonne stehen, der Zug fährt ab, es ist mir sehr schwer.
Ich fahre nach Paris, wo ich bei Jacqueline wohne, ein deutscher Wirtschaftsanwalt hat mich hinbeordert, er testet mich zwei Tage lang, gibt mir einen juristischen Text zu übersetzen, den ich unfähig bin auch nur zu verstehen, er tut alles, um mir zu beweisen, daß ich für diese Arbeit ungeeignet bin, er erklärt mir, ich bin zu alt für eine hochkarätige Arbeitsstelle, ich soll beim Arbeitsamt um eine Weiterbildung anhalten. Ich laufe durch die laute, schmutzige Pariser Luft, Madame Manetti ist tot, ich gehe in meine alte blumenberankte Wohnung, die leer steht, meine Bücher liegen in einer Ecke, ich packe sie in Bananenkartons vom Markt und schicke sie nach Trier, manchmal öffnet sich mir die Wärme eines freundlichen Heims, wo Freunde mich mit Champagner erwarten, ich schaue in ihre Gesichter, in denen sich die Zeichen der Zeit vertieft haben, in den alten Cafés kippen dieselben Trinker und Landstreicher an der Theke ihren kleinen Weißen, Paris ist mir wie eine gealterte Kurtisane, hektisch, kalt und schmutzig.
Zurück in Trier gehe ich zum Arbeitsamt. Kann man mir dort helfen? Nein, hier möchte ich nicht bleiben, ja, eventuell käme für mich eine Umschulung oder Qualifikationsmaßnahme in Frage, das ist aber ungewiß, ein Antrag muß gestellt werden, Papiere ausgefüllt, als deutsche Staatsbürgerin habe ich ein Recht darauf, auch wenn ich lange im Ausland war, die Entscheidung wird oben getroffen; ich gehe immer wieder den langen peniblen Weg, die Bahngleise entlang, zum Arbeitsamt, rede mit dem selben jungen blonden Mann, ich habe kein Geld mehr, mein Vater ist zu meinem Unterhalt verpflichtet sagt er mir, nein, mein Vater lehnt ab, ich weine, es liegt immer noch Schnee, als ich kurz vor fünf das Büro verlasse, wird es schon dunkel, diesmal nehme ich einen anderen Weg, laufe um eine Mauer herum, eine kahle Allee entlang, ich schaue über die Mauer, dort liegt der unberührte Schnee auf den Gräbern, aus der Mitte der Weiße wächst wie eine Erscheinung eine kleine, gelbe Barockkirche, so unwirklich, daß ich allem anderen enthoben bin, ich stehe lange dort.
Als ich das nächste Mal zum Arbeitsamt gehe, ist alles bewilligt, mehrere Städte kommen in Frage, ich wähle Heidelberg, dort war ich noch nie, eine alte, romantische Studentenstadt.
Eine Wohnung muß ich mir selber besorgen, es ist Februar, Anfang März fängt die Schule an, ich plane eine kurze Reise nach Heidelberg, meine Schwester will wohl meine Hündin füttern und ausführen, doch am Wochenende muß ich zurück sein, dann hat sie etwas vor.
In Heidelberg suche ich Zimmervermittlungen der Universität auf, einige Makler, viel Aussicht ist da nicht, mitten im Semester, sagt man mir. Ich erinnere mich an Eva, die mir irgendwann eine Karte aus Heidelberg schrieb, vielleicht ist sie noch da, ich gehe zum Einwohnermeldeamt, ja, sagt man mir, sie wohnt Ladenburgerstraße, ich habe sie über zehn Jahre nicht gesehen. Es ist Freitag, morgen muß ich zurückfahren, ich habe nichts gefunden, es wird alles ins Wasser fallen, ich suche Evas Adresse auf, das ist jenseits des Neckar, finde schließlich in einem Innenhof im Erdgeschoß eine Tür mit ihrem Namen, niemand ist zu Hause. Ich warte. Ich gehe auf und ab. Es ist sehr kalt, Schnee liegt überall. Gegenüber ist eine Schule. Ich stelle mich eine Stunde lang in den Eingang der Schule und schaue auf Evas Haus. Dann setze ich mich an der großen Straße in ein italienisches Restaurant, esse eine Pizza und trinke ein paar Glas Wein, zurück, ist sie immer noch nicht da. Ich gehe auf und ab. Um Mitternacht gebe ich auf. Ich schreibe einen kurzen Zettel, Eva, ich habe lange auf Dich gewartet, bitte melde Dich, ich bin bis morgen in der Pension Soundso.
Am nächsten Morgen packe ich meine Reisetasche im großen Eckzimmer eines Hauses der Jahrhundertwende, die Wirtin schreit von unten, hier ist jemand für Sie, heißen Sie? und sie ruft meinen Namen, ja, rufe ich zurück, ein Mann kommt die Treppe hoch, ich bin der Freund von der Eva, sagt er schwäbelnd, die Eva wußte nicht genau, wer Sie sind, sie kennt mehrere mit Ihrem Namen, sie schickt mich, weil sie arbeiten muß.
Dann war alles gelaufen. Er nahm mich mit zu einem Freund, der kannte jemanden, der wußte, wo es in Heidelberg Apartments gibt, weit draußen in Handschuhsheim, in der Fritz-Frey-Straße, er fährt mich hin, ja, es ist etwas frei, 25 Quadratmeter, erster Stock, möbliert, wunderbar, sage ich, wieviel? Eine Kaution, eine Mietvorauszahlung. Gut, sage ich, ich frage das Sozialamt.
Ich habe meine Wohnung. Mein Studienjahr kann beginnen.

Es ist schwierig, wieder in Deutschland zu leben, wo jede Stadt Provinz ist, wo das Leben streng ist, die Läden früh schließen, wo der scharfe Ton einer jungen Mutter in der Straßenbahn, die in meiner Muttersprache spricht, mich zusammenzucken läßt. Doch dort draußen, an der Grenze der Stadt, obwohl ich in einem häßlichen Betonklotz, erste Etage wohne, ist für mich gut leben. Gleich dahinter fangen Gemüsefelder an, ich sehe über die Ebene bis fast nach Mannheim hin, rechts ist ein großer Gärtnerbetrieb, daneben Schrebergärten, mitten drin eine Weinkneipe. Ich lege mein Leben zurecht. Ich fange an, morgens um sechs zu joggen, zuerst hundert Meter, dann mehr, nach zwei Wochen kann ich eine ganze Runde drehen, ohne anzuhalten, das Frühjahr fängt früh an, als es um sechs dämmert, stehen ganze Obstgärten in Blüte, sie schweben an mir vorbei wie ein Blütennebel, am Vormittag bin ich in der Schule, wo ich im ersten Halbjahr Wirtschaftssprache Englisch, im zweiten Französisch lerne, ich fahre mit der Straßenbahn bis zum Bismarckplatz, drehe von dort in die Friedrich-Ebert-Anlage, zu Mittag esse ich in der Mensa der Uni, nach dem Mittagsschlaf gehen die Hündin und ich auf einen langen Spaziergang. Wenn man die geschäftige Dossenheimer Landstraße überquert hat, fangen die Hügel an, hinter den Schrebergärten betritt man einen hohen Wald, es steigt stetig an, läuft nach links und rechts, es geht auch ganz hoch, wo eine Hütte steht, alle diese Wege klettern wir, meine Hündin ist wieder glücklich.
Ich freunde mich mit dem Bauern und seiner Frau an, die gleich hinter dem Haus ihre Felder bearbeiten, wenn ihnen jemand im Frühjahr beim Setzen fehlt, oder später beim Pflücken, rufen sie mich, dafür bekomme ich Gemüse umsonst, jeden Tag gehen wir bei ihnen vorbei, meine Hündin und ich, wir halten ein Schwätzchen, bevor ich mich zur Weinkneipe aufmache. Eva schenkt mir ihr altes, verrostetes Fahrrad, ich fahre damit überall hin. Obwohl ich immer gegen meine Beschwerden anleben muß, habe ich einen schönen Sommer lang meinen Anteil an Freude und Glück, ich lebe intensiv die Stadt, gehe wie alle Welt die Hauptstraße auf und ab, sitze in den einschlägigen Cafés, feiere die Feste des Jahres, höre Vivaldi oben im Schloß, ein amerikanischer Oberst mit PhD in Psychologie, der in meinem Haus wohnt, macht mir den Hof, doch ist nicht zu Tode beleidigt, als ich ihn als Liebhaber ablehne, ich treffe einen homosexuellen Schwarzen, der am amerikanischen Gymnasium unterrichtet, als ich im Sommer nach Paris fahre, mache ich in der Bibliotheque Nationale einige Recherchen für ihn, er will ein Buch schreiben über „schwarze“ Europäer, doch kommt er nie dazu, heute ist er HIV-positiv, ich treffe Ulla und ihre Familie, bei der ich jeden Samstag frühstücke, meine Hündin wird endlich mit homöopathischen Tropfen von ihrem Hormonleiden befreit, eines Abends zerfetzt eine riesige Schäferhündin ihren Rücken, in derselben Nacht fährt Ulla mich zu einer Tierärztin, die in ihrem Keller die große Wunde vernäht, doch mein Glück ist größer als mein Unglück, ich bin sorgenfrei, es kommt, was kommt, der Winter ist eiskalt und schneematschig, morgens um sechs laufen wir durch die weiße Wüste der Felder, meine Hündin neben mir macht ihre perfekten, weiten Bogensprünge, uns ist warm und wohl, ich lese viel, empfange meine üblichen amerikanischen Zeitschriften, Craig schreibt mir sehr oft, er sorgt sich um mich, doch von Murray weiß ich, daß in unserem Haus schon Joyce zugegen ist, bald ziehen sie in eine andere Gegend. Als sich meine Schulzeit dem Ende nähert, fängt ein junger Mann genau unter mir nachts um drei an, lauten Rock zu spielen, meine Betonwände zittern unter den Bässen der Lautsprecher, er kommt mit seinen Freunden von wer weiß woher zurück und feiert weiter bis zum Morgengrauen, dreimal rufe ich die Polizei an, als schließlich um sieben Polizisten erscheinen, ist es ruhig geworden, doch sie kennen den jungen Mann schon, danach bemühen sie sich nicht mehr, eines Morgens habe ich es satt, um fünf ziehe ich meine Laufklamotten an und gehe mit der Hündin ins Erdgeschoß, klopfe an seine Tür, als er aufmacht hole ich aus und knalle ihm eine mit voller Kraft, er guckt verblüfft, ich erzähle ihm, ich wohne direkt über ihm, bin dabei für eine Prüfung zu arbeiten, er bittet mich einzutreten, seine Freunde sitzen auf dem Bett mit Bierflaschen in der Hand, er stellt die Musik leiser, verspricht, ruhig zu sein, danach höre ich nichts mehr, ziehe bald aus.
Ich fahre nach Baden-Baden, wo wir ab Februar vor der Industrie- und Handelskammer mehrere Prüfungen ablegen. Ich setze mich erst in den letzten Tagen hin und lerne einige Handelsformeln auswendig, schneide sehr mittelmäßig ab, ein junger Franzose, der in der Prüfungskommission sitzt, verliebt sich in mich, er ruft mich an, wir treffen uns, ein netter Mann, doch ich liebe ihn nicht, ihm kommen vor Enttäuschung die Tränen, ich habe es nicht vergessen, ich habe ihm wehgetan. Ich überlege schon, wohin ich ziehen will, entscheide mich für München, kaufe die Süddeutsche Zeitung, beantworte Stellenangebote, ein Kinderbuchverlag in Puchheim ist interessiert, ich mache einen schnellen Trip nach München, stelle mich vor und es klappt, ab 1. März werde ich dort sein, vorerst werde ich in einem Wirtshaus in Eichenau wohnen, einem Dorf weit vor München, zwei Kilometer vom S-Bahnhof zu Fuß, ich bin glücklich, im Märzen der Bauer, also fängt schon langsam der Frühling an, Hoffnung kann wiederauferstehen.
Ich miete einen Kombiwagen, lade meine paar Sachen, Bücherpakete, Kleidung, die Büchergestelle von Ikea ein, Ulla fährt mich nach München, weil ich keinen deutschen Führerschein habe. Bei Einfall der Nacht fahren wir am Wirtshaus vor, alle Fenster sind hell erleuchtet. Ulla bleibt eine Nacht, zu Abend essen wir unten in der lärmenden, verrauchten Kneipe, wo es nach Fett und Bratkartoffeln riecht, Ulla ist in Franken aufgewachsen, sie versteht Bayerisch, doch ich bin wie in einem fremden Land.
Am nächsten Morgen fahren wir ins Industriegebiet von Puchheim, sprechen beim Verlag vor, meine Sachen müssen irgendwo untergebracht werden, im Keller findet sich ein Platz, ich lade aus und Ulla verabschiedet sich. Meine Zukunft fängt an. Zwei Wochen lang gehe ich jeden Morgen vom Wirtshaus mit der Hündin durch den Wald zum S-Bahnhof, fahre nach Puchheim, dort warten Berge von Manuskripten auf mich, die zurückzusenden sind. Ich bin die Sekretärin für drei oder vier Lektoren, eine, in meinem Alter, hat gerade ihren Doktor in Französisch gemacht, ab und zu diktiert sie mir abends lange Briefe aufs Band, sie macht die ärgsten Fehler, die ich verbessere, ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat. Ein Mann befindet sich unter den Frauen, René, der sich meiner freundschaftlich annimmt, mich hin und herfährt, mich eines Abends im Wirtshaus besucht, es ist so lange her, daß ich jemanden sorgend um mich fühlte, Verlangen erweckt Verlangen, ich lasse mich wecken von der Liebe, als er mich zum ersten Mal küßt, in seinem Auto, auf einem Landweg, laufen mir die Tränen. Es ist eine heiße Liebe, entstanden bei mir aus der tiefen Sehnsucht nach Geliebtwerden, nach emotionaler Sicherheit, doch natürlich ist alles ein Traum, im Verlag bebe ich, wenn ich sein Zimmer betrete, dort fährt meine Hand leise über die seine, René ist verheiratet, hat mehrere Kinder, erst später weiß ich, daß er Alkoholiker ist, damals überlasse ich mich ihm, er hat mir sehr geholfen, draußen und im Verlag, wo meine Chefinnen mich häßlich, nörgelnd, herablassend ihre Macht fühlen lassen.
Am ersten Wochenende in Eichenau finde ich mich im Wirtshaus eingeschlossen, die Wirtsleute verlassen jeden Abend die Kneipe, gehen in ihr Wohnhaus, morgens sind sie normalerweise zur Stelle, doch an dem Sonntag kommt niemand, es ist neun, meine Hündin muß raus, schließlich öffne ich eins der kleinen, hohen Fenster der Wirtsstube, ich hebe meine Hündin hoch, sie springt auf die Erde. Als sie wieder reinwill, ist guter Rat teuer, sie springt das kleine Fenster, aus dem mein Kopf ragt, mehrmals an, sie ist fast zehn, fällt wieder zurück und verstaucht sich eine Vorderpfote, sie versucht es erneut, ich hänge meinen Oberkörper aus dem Fenster, fasse ihren Leib mit beiden Armen, hieve sie mühsam durch das Fenster in den Raum. Danach humpelt sie einige Wochen neben mir her, ich will ihr den langen Weg zur S-Bahn ersparen und quartiere mich im Wirtshaus in Puchheim ein, bei Göbels, das ist nicht weit von meiner Arbeitsstätte, dort wohne ich in einem klitzekleinen Zimmer mit Dusche, um es zu erreichen laufe ich durch endlose Gänge, durch eine Unendlichkeit des fetten Küchengeruchs, der alles imprägniert, doch im Zimmer mache ich das Fenster auf, davor reiben sich nachts gläsern die Fichtennadeln.
Mein Leben geht weiter, ich habe eine erste Freundin, die auf derselben Etage arbeitet, sie hat ein Auto, wir gehen aus, ich fühle mich recht wie eine Vorortlerin, suche jedoch ein Apartment in München, ich will nicht in einem Vorortkaff wohnen, wo es im Supermarkt samstags nur ein Exemplar der „Zeit“ gibt, meine Zeitschriften aus Amerika erreichen mich mit einiger Verspätung, so lange ich sie habe, bin ich nicht allein, eines Tages finde ich etwas in der Süddeutschen, eine junge Frau will aus ihrem Mietsvertrag aussteigen, ich besichtige ihr Einzimmerapartment, der kleine Raum ist mit billigen Statusmöbeln vollgepfropft, auf ihrem runden Tisch stehen goldene gedeckte Teller, ich sage zu. Mein Vater, er sieht wohl, daß ich mich bemühe, ist bereit, mir mit der Kaution zu helfen, unter dem Tisch muß ich dem Hausverwalter tausend Mark überreichen, René hilft mir umziehen, ich habe kein Bett, er leiht mir drei alte, flache Sofakissen, die ich tagsüber als Sessel benutze, ich stelle eins der Kissen gegen die Wand, nachts nebeneinanderlege, um darauf zu schlafen, er leiht mir Bettwäsche und schenkt mir einen Holz- und Leinwandsessel, dann nehme ich jeden Morgen die S-Bahn bis Puchheim, die Hündin bleibt zu Hause, wenn ich mich abends dem Haus nähere, pfeife ich auf meine ganz besondere Art, dann kommt sie durch die Balkontür, beugt sich übers Balkongitter und lächelt mich von weitem an, durchs Gitter hindurch sehe ich ihren Schwanz wedeln.
Ich wohne in Haidhausen, in der Franziskanerstraße, wieder in einem enormen Betonklotz, in dem es Hunderte derselben Wohnungen gibt, Bienenwabenstil, ich bin links im ersten Stock, das ist gut, gleich neben uns ist eine Feuertreppe, die Ausgangstür ist nur von innen zu öffnen, doch wenn ich nachts mit der Hündin rausrenne, klemme ich ein Stück Holz in die Tür, so können wir denselben Weg zurücknehmen, schnell und einfach, gleich neben unserem Betonklotz ist ein großes leeres Feld, von dem wir mit einem bis zur Straße laufenden Gitter getrennt sind, meine Hündin ist schlank, sie hat sofort raus, einen halben Meter hoch und durch die Gitterstäbe hindurch zu springen, oft folge ich ihr, wir treffen andere Hunde; wenn man das weite Feld zuende geht, ist man schon an den Isaranlagen, dort führen viele Wege nach links und rechts, nach unten zum schnellfließenden Auermühlbach, und darüber hinaus stößt man auf die Isar, dort sind die Isarwiesen, wo ich fast jeden Morgen mit der Hündin jogge.
Meine Probezeit von drei Monaten läuft aus, da kommt die Nachricht, der Verlag, dessen Hauptsitz in Norddeutschland ist, meldet Konkurs an, man entläßt mich sofort.
Zwei Tage später finde ich eine andere Arbeit in Haar, einem östlichen Vorort von München, eine Sprachenzeitschrift, „Anglo-American Spotlight“ braucht eine Mitarbeiterin. Mein neuer Chef, der Chefredakteur, ist ein Inder, es gibt noch eine Angestellte, Annemarie, die redaktionelle Arbeit wird von einer kleinen Herde freier Mitarbeiter getan, sofort habe ich zwei neue Freundinnen, Judith, die Australierin, die lange in Berlin lebte, zwei Kinder hat und nicht weit weg wohnt, später läßt sie sich scheiden, zieht zurück nach Australien, vor drei Jahren starb sie an Leberkrebs; und Marie, eine Amerikanerin, die östlich von Haar mit Mann und Kind lebt, sich auch scheiden läßt und jetzt an der Havard Business School in Boston unterrichtet.
An den ersten Tagen mache ich zuerst nur Post auf, doch langsam lerne ich das Metier des Zeitschriftenmachens, unsere kleine Equipe ist nur ein Teil eines größeren Verlages, der Dr. Müller gehört, mit uns im Haus sind mehrere seiner Verlags- und Vertriebsfirmen, oben im Haus kocht mittags jemand für uns in einer hellen Kantine, wir sind wie ein Familienbetrieb, Dr. Müller ist der Überpapa.
So geht wieder das Leben weiter, morgens fahre ich fast eine Stunde mit S-Bahn und Bus, einmal lasse ich mich um halb acht von der Rolltreppe in die Station am Rosenheimerplatz tragen, ich komme vom Laufen wieder, fühle mich wohl und drahtig, unten am Bahnsteig steht eine Bahn still, jemand hatte sich zwischen ihre Räder geworfen, ich sehe sie von weitem als sie weggetragen wird, eine sehr junge Frau, ihr hellblondes, langes Haar hängt wie ein Leichentuch von der Bahre bis zum Boden, die Tränen springen mir aus den Augen, als ich mit Verspätung zur Arbeit erscheine, gehe ich zu einem der Unterchefs, der eine kleine Bar in seinem Büro hat, ich bräuchte einen Cognac, den er mir nicht verweigert.
Inzwischen habe ich mit Hilfe eines Zuschusses meiner Mutter eine Bettcouch gekauft, habe René, der bald verschwindet, die Kissen und Bettlaken zurückgegeben, bei Ikea hole ich mir einen Tisch, in der Stadt zwei durchsichtige, in Chrom gefaßte Stühle, Töpfe und Pfannen und Kissen und Bettzeug und Handtücher, ich bin komplett.
Der Frühling in München trifft später ein als ich dachte, doch mein erster Sommer ist schön wie ein Traum, es ist sehr heiß, ich trage noch immer die Sommerkleider, die ich vor sieben Jahren in Paris kaufte, im Büro laufe ich barfuß über die Fliesen, abends gehen die Hündin und ich die Isar entlang, am Müllerbad, an den Kieselinseln der Isar vorbei, wo nackte Leute ausliegen, nach Norden, bis in den Juli hinein trinke ich jeden Abend den Duft der vielen Linden in mich ein, die uns am Ufer begleiten, wenn wir im Dunkeln zurückgehen, säumen Glühwürmchen unseren Weg, ich fahre mit Evas Rad herum, das mir später gestohlen wird, höre ein Konzert im Innenhof der Residenz, gehe auf die Haidhausener Straßenfeste, auch abends läßt die Hitze nicht nach, sie tut mir gut, sie wischt etwas in mir aus, etwas in mir seit jeher Befangenes, sie öffnet meine Sinne, in dieser stillen Exstase bin ich nicht mehr allein.
Abends habe ich meine französische Stehkneipe gleich nebenan, in der Rablstraße, ein kleiner Raum, der meistens proppenvoll ist von Weinsüchtigen wie mir, alle stehen an der Theke oder um kleine runde Tische herum, manchmal schlängelt sich die Hündin zwischen ihre Beine hindurch in die Küche, das Glas Wein kostet sechs Mark, bald finde ich immer dieselben Cliquen vor, eines Tages sehe ich Bob, ich spreche ihn an, er ist so verdammt schön, ein langes, angenehm gefurchtes Gesicht, es macht ihn verlegen, von Beruf ist er Richter, in seiner Seele ein Dichter, ich verliebe mich heftig in ihn, sein bester Freund ist Rolf, er ist Tischler, restauriert Antiquitäten, beide überragen mich um einen Kopf und sie ,baiern’, sprechen mit diesem Münchner Akzent, ich muß in dem Lärm arg meine Ohren spitzen. Mit beiden habe ich nebeneinander eine warme Liebesfreundschaft so lange ich in München bin, Bob liebe ich schmerzhaft, er ist verheiratet.
An Wochenenden bin ich allein, zuerst gehe ich dauerlaufen, dann frühstücke ich verschwitzt und erschöpft in meinen Laufklamotten auf der Terrasse des italienischen Eiscafés, das zu unserem Betonkomplex gehört, neben mir sitzen alle die Heimatlosen, die rundherum wohnen, Jugoslawen, Italiener, Türken. Ich lese. München ist eine ausgestorbene Stadt, nur die Alten, die Ausländer, die Armen, ein paar Studenten sind in den Straßen, das Heer der dort Arbeitenden hockt in den leeren Vororten, pflegt den Garten, das Auto.
Als der Winter anfängt, bietet der italienische Schneider in der Rablstraße mir einen umgedrehten Schafspelz mit Kapuze an, den brauche ich dringend, manchmal fällt das Thermometer bis fünfzehn unter Null, ich stehe jeden Abend auf dem zugigen Bahnsteig in Haar und warte auf die sich verspätende S-Bahn, die Weihnachtsausgabe unserer Zeitschrift mache ich allein mit dem Layouter, da unser Chefredakteur nach Indien geflogen ist, inzwischen mische ich kräftig in der Firma mit, die Bildbeschaffung obliegt mir ganz, ich mache oft Überstunden, kriege dann abends kein Brot mehr, und wenn ich Samstags zu spät aufstehe auch nicht, die deutschen Brötchen vertrage ich nicht, nach ihrem Verzehr habe ich sofort eine Magenschleimhautentzündung, ich trinke während der Arbeit viel zu viel Kaffee, ich renne wieder zu Ärzten, die sind hochtechnisiert, doch finden nichts, wie immer, einer entdeckt, ich habe Magenrückfluß, doch gibt mir keine entsprechende Behandlung. Meine Raumangst steht wieder auf, jeden Tag in der S-Bahn, außer wenn ich auf meinem Sitz einschlafe, einmal überhöre ich morgens, daß ich am Ostbahnhof umsteigen muß, ich wache auf und befinde mich auf den Abstellgleisen, so weit das Auge reicht nur Züge, ich springe die hohe Stufe hinunter auf die Erde, laufe in eine Richtung bis ich einen Beamten treffe, der leitet mich zurück nach München.
Als ich eines Tages vom Bildarchiv der Süddeutschen Zeitung zurück ins Büro komme, sagt mir Annemarie, sofort Ihre Mutter anrufen, Ihr Vater ist gestorben. Ich war gerade da oben gewesen, im Norden, hatte meinen Vater noch einmal gesehen, seit etwas über einem Jahr war er stark senil, es kam plötzlich, verschlimmerte sich zusehends, er wußte nicht mehr wer er war, hatte sein Leben vergessen, sein Haus schien ihm die Fremde, er lief davon, heim wollte er, immer wieder entwischte er meiner Mutter, sogar durch das kleine Klofenster schaffte es der schwere Mann, er konnte seine Körperfunktionen nicht kontrollieren, sie setzte ihn regelmäßig auf den Topf, er ließ sich auf die Erde fallen dann rief sie den Malteser Hilfsdienst an oder lief auf die Straße mit einem Schild: Hilfe, sie magerte sehr ab zu der Zeit, als ich meinen Vater zum letzten Mal sehe, will man ihn im Krankenhaus noch einmal durchchecken, ich betrete sein Zimmer, der vertraute Kopf auf dem Kissen richtet seine Augen auf mich, er sagt meinen Namen, in seiner Stimme ist Erstaunen, danach ergreift ihn die Leere wieder, meine Schwester geht mit ihm den Flur auf und ab, ich folge klopfenden Herzens, meine Mutter füttert ihm sein Abendessen, ich bemerke seine Hände, diese Hände, die ich auswendig kenne, sie liegen ruhig, gefaltet, auf der Bettdecke, als würde er beten, sie sind weich und sehr schön, mit breiten, starken Nägeln. Jetzt mache ich die lange Reise noch einmal, bei der Beerdigung hole ich mir eine Bronchitis, mit vierzig Grad Fieber fahre ich zurück nach München.
Im Frühjahr lädt Judiths Mann, Brad, der Musikwissenschaftler ist, seine Freunde zu einer Aufführung von Pergolesis „La Serva Padrone“ im Saal des Bezirkskrankenhauses Haar ein, dann schreibe ich darüber einen Artikel und bringe ihn bei der Süddeutschen Zeitung vorbei, man verspricht mir, ihn im Münchner Stadtanzeiger zu drucken. Ich sehe jeden Freitag nach, ob er erschienen ist. Schließlich gehe ich bei der Redaktion vorbei: ich hatte den Artikel übersehen, er erschien seltsamerweise am Freitag dem 13. Mai, an meinem Geburtstag. Brad ist entzückt, weil ich darin sage: „Es war ein gelungenes, ergötzliches kleines Oeuvre – eine Perle am Wegrand des großen Musikbetriebes."

In der Firma wird von Umzug gesprochen, ein neues Bürogebäude gesucht, damit Oberpapa Müller nicht so weit zu fahren hat, er wohnt in einer Villa am Ammersee, und im Sommer ziehen wir in den Westen Münchens, meine neue Anfahrtsstrecke läuft über S-Bahn, U-Bahn, Bus, jeden Morgen kämpfe ich um die richtigen Anschlüsse, wir bekommen einen neuen Chefredakteur, David, einen Ex-Fleet Street Journalisten, er macht das Blatt quasi allein, tippt den ganzen Tag in seinem verrauchten Büro, macht die Artikel zurecht, die wir dann vokabelmäßig bearbeiten, ich führe die Bildredaktion fort, laufe in Münchner Fotoarchive, helfe manchmal beim Layout, wir lassen jetzt bei Klett in Stuttgart drucken, manchmal nimmt David mich mit nach Stuttgart, wir werden gute Freunde, ich habe schon von ihm gesprochen, ich mag ihn sogar viel zu gern, er ist verheiratet. Einmal besucht er mich zu Hause, ich zeige ihm meine UCLA Klassenarbeiten, du mußt schreiben, sagt er, du hast das winzige bißchen, das Leute zu Schriftstellern macht, er gibt mir eine erste Aufgabe, ich muß eine Kurzgeschichte in Englisch schreiben, die in unserem Blatt veröffentlicht wird, ich druckse daran eine Woche herum, lasse Bilder vor meinen Augen sich formen, beobachte meine Umwelt, als ich mich endlich am Sonntag nachmittag hinsetze, weiß ich nicht, was ich schreiben werde, das kommt dann von allein, am Montag bringe ich David meine Blätter ins Büro, nach einer Weile kommt er raus, in seiner trocken-emphatischen Art küßt er seine Fingerspitzen, sagt in die Luft mit seinem australischen Akzent, very good.

Titel: Dog Nights by Melanie Delfft.
The dog demands that they go out and she complies. It is winter and she puts on an old fur jacket that in its time looked very stylish.
Outside, snow is sitting where people’s feet couldn’t trample it down to black mud. The Dog sprints along and is soon covered with big patches of mud.
She feels cold. It is the coldness of the last winter months when it really starts to get on your nerves. The streets are deserted. There are hardly any lighted windows to give a warm shine to a hard night. Where are the people, she thinks?
The dog stops in front of a door leading into one of the bars. His two front paws up one step, he turns his head halfway to meet his mistress’ eyes. They enter the bar.
The air ist stuffy and overheated. Her nose starts running. The low lamps cast a warm smoky circle around each table where people sit and drink. It is an ordinary bar, nothing fancy. Cloth-covered wooden tables, rough-hewn chairs, wrought iron lamps covered with the dust of decades.
She stands at the bar once or twice a week with the dog who throws wet, languishing looks. Tonight the owner of the bar is not here. He always gives something to her dog. The dog is confused. He looks everywhere, even whines a little.
An old dried-up hand stretches toward the dog. It is the old man she sometimes sees in the street as he leaves the store with a six-pack of beer pressed up into his armpit.
Hey, the old man says. Beautiful dog, he says. He says it each time he sees them. She nods. Why start a conversation with him that might never end.
I had a dog once, you know, the old man says. He is shrunken und small and appears to be covered all over with white hair. His eyes are not unlike her dog’s.
You have only contemps for me, don’t you? the old man says. He has raised his voice and a putrid rush of air hits her nose. You think I’m just an ass of an old man who pisses in his pants, he continues.
She lifts herself up on one of the barstools so she is above the stream of bad breath he releases in her direction. She looks around to see if anyone else hears him, to maybe exchange an understanding smile. She feels odd. Does she have to listen to this? Why doesn’t she leave?
I used to be a plumber, you must know, the old man says. And I had a family, three daughters, you know, all big and pretty, blonde, you know.
One of them married a butcher, real wealthy guy. Oh, she has furs and a car but she doesn’t want to see me.
I was in prison, you know, not for long, because they could never find anything. I had it stuck away real good, no one had any idea where it could be, not even me. He giggles.
I could never find out where the hell was this money. There was lots of it. He is now hissing into her ear.
You don’t believe me, do you, huh? I robbed a bank. I can say it loud, he continues. Everybody around here knows it. But, say, do I look like someone who robs a bank? You don’t believe me, he insists, but I did.
They didn’t have all this fancy protection stuff they have nowadays. You can’t break into no bank nomore. I wouldn’t, not with all this showing on TV how to do it.
But then it was kind of easy. The bank people were polite people, they didn’t object to my handling them my way. The gave me the money and I was out of there real fast.
But then, some son of a bitch had called the police and there they were, after me. I didn’t have no car, I was walking. I was in my plumber’s overalls and had the money in the bag over my shoulder.
So, here they are, the police running all over the place. It got confused and mixed up. I ran into the entrance of a building and up the stairs.
There was this girl with this big instrument, what do you call it, a big violon, yes, a cello. She was standing in the door leading to an apartment, saying good-bye to someone, her cello was leaning against the wall a few steps away from her.
I opened the two latches and threw my money into the cello case, just on top of the instrument. The strings give a little sound and the girl looks at me and I see her open her mouth to start screaming.
Then, suddenly, she shuts her mouth, says good-bye and the door closes. She says nothing. She goes to her cello, clicks the two latches shut and walks aways with it.
My plan was to follow her. But then, out there with all the cops, I got confused again and they caught me.
The girl gets up, stands facing the old man over her bar stool. She looks at his feverish white eyes. She says: „I was not the one, I wish I was.“
She takes the dog by the collar and leaves.

Wir fangen an, eine französische Ausgabe zu planen, auch daran arbeite ich mit, sie soll eine Geschichtsserie enthalten, ich stelle mich zur Verfügung, die ersten Folgen zu schreiben, erfinde einen Titel, den ich von Sacha Guitry stehle: Si la France m’était contée. Diese Aufgabe lastet schwer auf mir, damals in Los Angeles fand ich in einem Antiquariat André Maurois’ zwei Bände französischer Geschichte, auf die ich mich stütze, ich lasse meine Kopie von einer Französin auf Fehler durchsehen, als Verfasserin zeichne ich mit Jacquelines Namen. Damals habe ich schon aufgehört zu rauchen, genau am 20. Juni, so einen Tag vergißt man nicht, an einem Samstag dauerlaufe ich vormittags zu einem Arzttermin in Schwabing, ich laufe den ganzen Weg, durchquere den Englischen Garten, um ihm zu zeigen, wie stark ich bin, obwohl es mir immer schlecht geht, in der Praxis hört er meine Arterie in der linken Leiste ab, er ist über mich gebeugt und sagt, ich weiß, was mit Ihnen los ist, Sie sind sehr krank, ich erschrecke, Ihre Arterie hechelt schon, wenn Sie nicht mit dem Rauchen aufhören, schneidet man Ihnen in zwanzig Jahren die Beine ab – das sind jetzt genau achtzehn Jahre her – ich nehme meine volle Zigarettenpackung aus der Tasche, werfe sie in seinen Papierkorb. Danach habe ich nie wieder geraucht, doch falle ich gleich in eine schreckliche Depression, die monatelang anhält, die ersten Tage weine ich ununterbrochen, Marie nimmt mich mit auf einen Jahrmarkt, danach schwimmen wir in einem kleinen, warmen See, ich sitze auf dem Gras am Ufer, unter meiner schwarzen Brille weine ich.
Ab und zu verschwindet David zehn Tage, seine Frau ruft mich an, er hat eine schwere Grippe, ich soll allein weitermachen, heute weiß ich, daß David Alkoholiker ist und nicht mehr hatte widerstehen können, seine Frau ist sehr resolut, sie läßt ihn, wenn er sich bewußtlos getrunken hat, in ein Krankenhaus zum Austrocknen bringen. Danach erscheint er wieder, das Leben geht weiter.
Im nächsten Winter wird wieder von Umzug gesprochen, jetzt soll es direkt an den Ammersee gehen, damit Überpapi keinen Arbeitsweg mehr ins Büro hat, die Angestellten können anfahren, ich rechne aus, das wären für mich jeden Tag fast drei Stunden S-Bahn, und das ist mir, schon wegen meiner Klaustrophobie, unzumutbar, ich hetze in der Firma, sage laut, was ich denke, man droht mir mit Kündigung, die gehorsamen Frauen der verschiedenen Müllerschen Firmen fügen sich, einige von ihnen wechseln den Wohnsitz, um dichter am Arbeitsplatz zu sein, im März kündige ich, ich ziehe nicht mit um, werde nicht mein Leben ändern, um den Kaprizen eines Chefs nachzugeben. Nicht viel später scheidet Dr. Müller aus der Firma aus, die wieder nach München zieht, aber da bin ich schon weit weg.
Ich finde sehr schnell wieder Arbeit, die allerdings uninteressant und langweilig ist, doch ich kann zu Fuß ins Büro gehen, sogar die Hündin mitnehmen, der Chef ist ein abwesender Österreicher, der in internationalen Fachzeitschriften Anzeigen für Firmen des Ostblocks schaltet, das Jahr ist 1984, ich sitze wieder da und warte, daß Post eintrifft.
Hans ruft mich an, wie wär’s, fragt er, ich brauche jemanden für den Laden hier, er hat sich oben in Grimaud ein Haus gebaut, das Hamburger Wetter machte ihm arg zu schaffen, er hat seine Familie umgesiedelt, die Kinder gehen auf französische Schulen, er fährt immer noch am frühen Morgen auf Flohmärkte, im Dorf hat er ein Antiquitätengeschäft aufgemacht, kümmert sich um seine deutschen Läden, mal sehen, sage ich, ich komme, die Hündin und ich nehmen den Zug über die Alpen bis Genua, dort gebe ich meinen Koffer auf, irre einen Nachmittag durch die engen Gassen, deren Häuser so hoch sind, daß sie über meinem Kopf zusammenzustoßen scheinen, dann fahren wir mit den Nachtzug weiter, kommen am Morgen in Saint-Raphael an, wo Hans auf mich wartet, mich zu sich nach Hause fährt, wo ich freudig empfangen werde, dann besprechen wir die Sache und ich sage zu. Mein Leben kann nicht in diesem tristen Büro enden, mit diesem seltsamen Chef, der Berührungsängste hat, seine Hände nach jedem Händeschütteln waschen muß. Ich kündige ihm, noch bin ich in der Probezeit, in einem Monat breche ich meine deutschen Zelte ab und ziehe mit Sack und Pack in den Süden, mir ist bange, doch ich lasse Deutschland, wo ich nicht warm werde, wo ich friere, wo ich nicht mehr hingehöre, ohne Zaudern hinter mir.

Ich kann von weitem auf der Straße Deutsche erkennen. Sie sind größer als die Franzosen, gehen grader, bewegen sich steifer, sind modisch angezogen, adrett und ordentlich, sie haben strenge Gesichter, die neugierig schauen, nach außen gerichtet sind und gleichzeitig sehr reserviert, praktisch in sich zurückgezogen, wie Marsbewohner, die die Erde betreten und achtgeben, weil sie nicht wissen, wohin sie ihre Füße setzen. Ich muß mich auch auf Straßen wohl fühlen, in München war ich einerseits nicht anwesend, weil einen nie jemand ansieht, andererseits versank ich nicht in der Masse, sie stand mir feindlich gegenüber, ich ertrug sie nicht – es gibt eine unvergeßliche Nacht, ich ging zum Filmmuseum ins Kino, die Straßen waren leer, der erste Schnee hatte sich auf alles gelegt, ich schritt durch eine Märchenstadt, allein – denn wenn ich mich auf den Straßen der Innenstadt bewegte, fühlte ich mich nicht gemäß, die deutsche Straße ist, wie in Frankreich, eine Bühne, wo jeder nicht sich, sondern seine soziale Rolle ausspielt, zur Schau trägt. Ich sehe keine Individuen, ich sehe Leute, die Menschen spielen, die nicht merken lassen wollen, wer sie sind, sie tragen ihr Leben nicht im Gesicht, sind wie ferngesteuerte Puppen mit verspäteten Signalen, auf der Hut vor Blick und Urteil der anderen. In Englisch sagt man dazu „self-conscious“, was sich übersetzt mit „befangen, gehemmt“, ihre Wirklichkeit ist erstickt von der zu großen Selbst-Bewußtheit als Rollenwesen, der Wohlstandsbürger so gut wie der Punk, im Grunde haben sie Angst, ihre Freiheit zu ergreifen, Angst vor dem Unmittelbaren, dem Impuls, dem Unbekannten, das auch in ihnen ist und das jederzeit hervorbrechen kann, diese Angst klemmt sie in Raster erlernter Systeme und ihr Verhalten, ihre Meinungen, Urteile, Entschlüsse und Wünsche sind wie vorgestreckte Fühler, mit denen sie die soziale Umwelt nach Schneisen abtasten, um einen kleinen Leerraum für ihre Impulse zu finden. Deutsche sind Leute, die auf Nummer Sicher gehen, in keinem Land gibt es so viel Absicherungen gegen das Unvorhersehbare wie in Deutschland, in keinem anderen Land lebt man so behutsam, und ich könnte hinzufügen, nirgendwo hat man so viel zu verstecken.
Das französische Straßenbild ist ganz anders, ich bemerke, die Leute leben aus ihrer Mitte heraus, auch auf der Straße, sie schämen sich ihrer selbst nicht, haben keine aufgepfropften Rollen inne, sie tragen ihre Gewöhnlichkeit und ihre Außergewöhnlichkeit, ihre Schmerzen, Morosität, Freude, Genügsamkeit, Resignation, Häßlichkeit, Zufriedenheit, Müdigkeit allen sichtbar mit sich herum, sie bewegen sich in ihrem eigenen inneren Radius, dessen Kern immer noch traditionsbestimmt die Familie ist, sie sind nicht modisch und nicht geschmackvoll im dem Sinn, wie die Deutschen es sind – ein Geschmack, den die Deutschen aus gutem Konsumverhalten ziehen – Franzosen haben in der Regel keinen Geschmack, wenn man ihre Wohnungen betritt, findet man eine zufällige Anhäufung verschiedenartigster Gegenstände vor, die alle einen Sinn und eine Rechtfertigung haben – nur für sie selbst. Sie waschen sich auch nicht immer, statistisch, hat man gefunden, verbraucht jeder Franzose zwei Seifen im Jahr, Ordnung und Disziplin sind nicht ihre Stärke, doch sie haben Lebensart, d.h. sie wollen das Leben lieben, suchen den Genuß, der hauptsächlich nicht durch den Magen, sondern über die feine Zunge geht, obwohl sich in den letzten zwanzig Jahren viel geändert hat, eine neue Vorstadtgeneration wächst heran, die sich aus anderen Quellen nährt, bunter, gemischter ist, auf der nächsten sozialen Stufe findet man jetzt immer mehr effizienzverschriebene Konformität, doch wenn ich in meiner letzten Firma einen Konferenzsaal betrat, schlug mir ein muffiger Schweißgeruch entgegen – ein Franzose bleibt auch unter seinem korrekten Anzug ein Franzose, er geniert sich seiner Menschlichkeit nicht.

Hier ist ein Ausschnitt aus Vorlesungen, die Sir Isaiah Berlin 1965 in der National Gallery of Arts in Washington D.C. gehalten hat, wo er dem deutschen Wesen nachsinnt. Ich übersetze daraus:
„Deutschland war im 17. und 18. Jahrhundert wirklich nur eine etwas rückständige Provinz(...) Den Grund dafür zu nennen ist schwierig (...) Doch konnten die Deutschen aus welchem Grund auch immer keinen zentralisierten Staat zustande bringen, wie es England und Frankreich und sogar Holland schafften (...) (Er erwähnt den Dreißigjährigen Krieg und die französischen Eroberungskriege zur Zeit Ludwig des XIV und fährt fort:) Das war ein Mißgeschick ohnegleichen in der europäischen Geschichte. Seit den Tagen von Djingis Khan waren nicht mehr so viele Menschen getötet worden, und dieses Unglück war verheerend für Deutschland. Es vernichtete zu einem hohen Maß seinen Lebenswillen, und das Resultat war, daß die deutsche Kultur ins Provinzielle absackte, sich zersplitterte in winzige, kümmerliche Staatswesen.
Da war kein Paris, da war kein Zentrum, da war kein Leben, da war kein Stolz, da war kein Sinn für Wachstum, Dynamik und Stärke. Die deutsche Kultur verlief sich einerseits in extrem pedantische Wissenschaftlichkeit der Lutherischen Art, eine kleine, eher trockene Gelehrsamkeit, die sich auf das innere Seelenleben richtete. Ohne Zweifel war dies vom Protestantismus angeregt, doch der wahre Grund lag im großen nationalen Minderwertigkeitsgefühl, das sich zu jener Zeit entwickelte gegenüber den bedeutenden und fortschrittlichen westlichen Staaten, hauptsächlich gegenüber Frankreich, diesem mächtig glänzenden Staat, der sie besiegt, sie gedemütigt hatte, diesem großen Land, welches die Wissenschaft und Künste beherrschte und all die anderen Sphären des menschlichen Lebens, mit Anmaßung und Erfolg wie kein anderes jemals zuvor. Dies pflanzte auf Dauer eine Art von Traurigkeit und Erniedrigung in die deutsche Seele, wie wir in den schwermütigen Balladen sowie der volkstümlichen Literatur zum Ende des 17. Jahrhundert entdecken können, sogar in den Künsten, in denen sich die Deutschen auszeichnen – sogar in der Musik, die zahm, religiös, leidenschaftlich, nach innen gerichtet ist und vor allem völlig verschieden von der glanzvollen Hofmusik, von der prächtigen, profanen Kunstfertigkeit eines Rameau und Couperin. Es gibt keinen Zweifel: wenn wir Komponisten wie Bach und seine Zeitgenossen sowie Telemann mit französischen Komponisten dieser Epoche vergleichen, dann sind, obwohl Bachs Genie unvergleichlich größer ist, Stimmung und Ton dieser Musik, ich will nicht sagen provinzieller, aber vom speziellen inneren, religiösen Leben der Stadt Leipzig, (oder wo immer der Komponist wohnte) geprägt, nicht als Beitrag zum Glanz eines europäischen Hofes gedacht, noch zum allgemeinen Lob der Menschheit wie ganz offensichtlich die Gemälde und die musikalischen Kompositionen der Engländer, der Niederländer, der Franzosen und anderer führenden Nationen der Welt.
Vor diesem Hintergrund begann sich die pietistische Bewegung, die eigentliche Wurzel der Romantik, in Deutschland auszubreiten. Der Pietismus entsprang dem Luthertum und bestand im sorgfältigen Bibelstudium und in der tiefen Achtung vor der persönlichen Beziehung des Menschen zu Gott. Und so wurde gesteigerter Wert auf geistiges Leben gelegt, auf Verachtung von Wissenschaftlichkeit, Verachtung von Ritual und Äußerlichkeit, Verachtung von Pomp und Zeremonie, und eine starke persönliche Bindung der leidenden menschlichen Seele des Individuums an seinen Schöpfer.
Spener, Francke, Zinzendorf, Arnold – all diese Begründer der pietischen Bewegung brachten einer großen Zahl der sozial und politisch bedrückten Bevölkerung Trost und Rettung. Dies hatte eine Art inneren Rückzug zur Folge. Es gibt dafür Beispiele in der Geschichte – obwohl Parallelen zu ziehen riskant ist – wenn der normale Weg zur menschlichen Erfüllung versperrt ist, die Menschen sich in sich selbst zurückziehen, sich nur um ihre eigenen Belange kümmern und sich innen eine Welt zu schaffen versuchen, die ein arges Schicksal ihnen außen verweigert (...) Das sind die berühmten sauren Trauben. Wenn wir von der Welt nicht bekommen können, was wir wirklich wollen, müssen wir uns beibringen nur zu wollen, was wir bekommen können. Das ist eine sehr verbreitete Form von geistigem Rückzug in eine Art innere Zitadelle, wo wir uns vor den fürchterlichen Übeln der Welt einzuschließen versuchen (...) Nach und nach umgeben wir uns mit einem festen Wall, suchen so unsere empfindliche Oberfläche zu verkleinern – wir wollen so wenig verletzt werden wie möglich (...) In diesem Sinn wirkten die deutschen Pietisten. Resultat war eine intensive Innerlichkeit, eine Menge sehr gefühlvoller, sehr interessanter, aber ganz persönlicher und stark empfindsamer Literatur, mit Haß auf alles Intellektuelle, vor allem großen Haß auf Frankreich, auf die Perücken, die Seidensocken, auf Salons, auf Korruption, auf Generäle, auf Kaiser, auf all die großartigen, prächtigen Persönlichkeiten dieser Welt, die bloß eine Verkörperung von Reichtum, Verruchtheit und des Teufels sind.