Analyse eines Lebens - fast ein Roman

XIV



„I don’t sign anything“, rief mein Mann. Er lag in seinem Liegesessel und schaute sich einen Kriegsfilm an, mit Kohle geschwärzte junge Schauspieler, Stahlhelme auf dem Kopf, Mund offen, machten kugelrunde, ratlose Augen, „I don’t want to move from here. What is all this, how can I escape you? To get rid of you I will have to kill you.“ Take it easy, sagte ich, wir haben es angefangen und es läuft jetzt weiter. Nur drei Unterschriften, dies ist für unseren Kredit bei der Bank und legte ihm Dokumente vor, reichte ihm einen Kugelschreiber, er wollte voller Wut mit seiner zitterigen Handschrift direkt auf dem Knie kritzeln, one moment, sagte ich, legte eine Zeitung unter das Dokument, that’s all, schrie er, I don’t sign anything else, doch, ich hatte noch zwei, I’m not a human any more, weinte er, you do with me what you want, I’m an object, I have no choice. Er unterzeichnete. I don’t want to know anything about it, it’s not my decision, I don’t want to know what’s going on. Ach, sagte ich, du hast in deinem ganzen Lebens nichts entschieden, das haben immer deine Frauen für dich getan. That’s true, sagte er. Dann weinte er wieder: My heart is pounding, rief er, Gottseidank, sagte ich, mine too.
Vor einigen Tagen war er morgens um sechs hingefallen, vor dem Bett, gegen den Wandschrank, das hohle dumpfe Geräusch weckte mich sofort, ich lief zu ihm. I think I took too many pills, sagte er, I took a whole Valium and two Equanil. Help me up. Es ging nicht. Let me sleep it off, sagte er, streckte sich auf dem Boden aus, ich legte die Patchworkdecke über ihn. Nach einer Stunde rief er mich. Let’s try again, sagte er, es gelang mir, ihn in die kniende Position zu bringen, dann stützte er sich mit meiner Hilfe am Bett hoch. Um acht stand ich auf. Er schlief immer noch nicht, er rief mich, seine Tür stand offen.
I think of killing myself, sagte er, but I don’t have the guts. Ich setzte mich auf sein Bett. Ich bin auch am Ende, sagte ich, ich habe dir von diesem Haus im Süden erzählt, es ist wirklich nicht schlecht. Unten ist ein großes Wohnzimmer, nach Osten zu, nicht zu hell, nicht zu heiß. Ist isoliert, hat doppelte Fenster. Wir können alle deine Bücher unterbringen, einen Kamin einbauen, die Küche ist offen, ich kann dich hören, wenn du mit mir redest, daneben ist ein kleiner Flur mit Klo, hinten raus ist ein Zimmer und da gibt es eine Dusche und ein Waschbecken. Wie für Dich gemacht.. Oben sind drei Zimmer und ein Bad. Draußen stehen Pinien, man hört sie rauschen, sonst hört man nichts, keine Autos, keine Autobahn, keine Edith, keine Nachbarn oben drüber.
As soon, as we have moved in, they will start building around us, sagte er. Nein, sagte ich, der Wald hinter dem Haus ist „zone verte“, dort darf nicht gebaut werden, links und rechts ist ein Nachbar, das ist alles. Wir haben einen Hund, eine Katze. Du kannst dich anziehen und ums Haus gehen, draußen sitzen, wir kaufen ein Auto, wenn du ausgehen willst, fahre ich dich. Restaurant, Theater. Avignon ist eine halbe Stunde. Paris zweieinhalb. Das Dorf ist ganz klein, ich weiß schon, wo man frische Eier bekommt, ich war in den Kneipen des Dorfes, habe Leute getroffen, der Wein ist gut, wir haben einen Blick in die Ebene, auf eine kleine Stadt, denn das Haus liegt am ansteigenden Hügel. But I want to be sure it is well built, sagte er, is there a foundation? How’s the plumbing, electricity? Is there central heating? I want a certificate, there are no termites in the wood. How about flooding? How about loubards? Ich sagte, the foreign legion is not far away, they make rounds. They are loubards themselves, sagte er, nein, sagte ich, das ist eine Abteilung von Bauingenieuren, you have an answer for everything, sagte er mir, das stimmte, ich wußte, woran er seinen Widerstand hängen würde.
Er änderte seine Meinung jeden Tag. Ich stählte mich innerlich gegen seine Klagen und Vorwürfe, ging meinen steilen, steinigen Weg zum Haus weiter, nichts stellte sich mir in den Weg. Soweit.
Meine deutsche Ängstlichkeit überkommt mich. Es ist nicht möglich, daß einmal in meinem Leben alles glatt läuft, das bin ich nicht gewöhnt, es macht mir Angst, irgendwann muß ein dickes Ende kommen, es wartet sicher um die Ecke, das war immer so, ich werde vom Schicksal gestraft, oder von anderen übers Ohr gehauen, ich bin auf dem Kieker, warte, daß die schwarze Spinne mir etwas anderes erzählt, ich horche in mich hinein, wann habe ich meine nächste Angstattacke, werde ich nicht krank, vielleicht falle ich bald tot um wie meine Bekannte, Coca, sie war nur zehn Jahre älter, oder ich breche mir etwas, noch eine Freundin ist hingefallen, hat sich das Handgelenk gebrochen, das passiert in unserem Alter, vielleicht eitert sich endlich das abgebrochene Stück Zahn raus, das mir immer noch im Gaumen steckt, oder die Nähnadel, die in meinem rechten Fuß rumwandert gelangt endlich in die Blutbahn und sticht mir ins Herz, oder ich bin zerstreut, mache das Gas nicht aus, irgendwas muß passieren, ich fordere das Schicksal heraus, erzähle allen Leuten, ich habe ein Haus gefunden, das ist ein sicheres Mittel, damit es daneben geht wenn man abergläubisch ist, und wer ist das nicht, es fühlt sich einfach nicht richtig an, daß mir keine Hindernisse in den Weg gelegt werden, worin versteige ich mich, glücklich sein zu wollen, was hatte Flaubert gesagt: Erst seitdem ich mich darin ergeben habe, daß es es mir immer schlecht geht, geht es mir einigermaßen gut, vielleicht falle ich, sobald ich da unten bin sofort in eine tiefe Depression, stecke das Haus an und wir verbrennen darin, oder ich passe beim Autofahren nicht auf, habe einen Unfall, ich denke an den Kranken: als er endlich gesund wird, fühlt er sich nicht mehr wohl.

V. Yankilevsky, Traum,  Pastell auf Farbpapier, Collage, 1992

Es ist gut, daß mein Mann rummeckert, dann stehe ich auf festem Boden, seine Klagen werden mich vom alten Leben ins neue begleiten, das ist etwas Stabiles, Altgewohntes, beruhigt mich, zieht mich von Piedestal der Selbstzufriedenheit runter ins Wirkliche, er ist das Kreuz, das ich brauche, das menschliche „crooked timber“, wie Isaiah Berlin Kant übersetzt hat, das mich immer wieder herausfordert, mich zur Ordnung ruft, mich auf Trab hält, er sagt: What are you doing to me, you’ve got everything now, all my money, I’ve got nothing left. Ich sage: du hast sowieso nichts mehr, du hast dein Geld vertrunken. Ich sage ihm: ich habe zweihundertfünfzigtausend Francs, du schuldest mir hundertvierzigtausend, das sind fast vierhunderttausend, zweihunderttausend hast du noch übrig, und hunderttausend an Lebensversicherung, die mir zukommen. Du wirst Besitzer eines Hauses, ich bin es, die dir Geld gibt.
Da sagte er nichts mehr.
So eine Partnerschaft auf engem Raum, wenn sie laufen soll, ist wie eine Maschine mit Zahnrädern, die ineinander haken müssen. Wo bei einem Rad ein Leerraum ist, hakt das andere mit seinem Zahn ein und treibt es weiter und umgekehrt. Rational gesehen klappt das an sich bei uns ganz gut, doch oft scheuern sich die Räder gegenseitig wund, und sie haken nicht mehr richtig. Dann braucht es einen Tritt ins Getriebe. Wenn mein Mann zu viel trinkt, steigen seine alten Verletztheiten, die er als Erwachsener nicht hat bearbeiten können, weil ihm der Alkohol das Konfliktaustragen erspart hat, aus seinen Tiefen an die Oberfläche. Mich braucht er zum Weiterleben, deswegen ist sein Haß groß, denn dies räumt mir Rechte ein, und so boykottiert und bemeckert er alles was ich tue. Er kann nicht generös sein, das wäre für ihn Verlust seines Selbst. Sein Selbst ist diese notdürftig zusammengezimmerte Baracke aus Irish-Sein, Anarchisch-Sein, Faschist-Sein, harter-Typ-sein, kurz sein Schutzapparat.
Es ist wahr, ich habe meinen Mann vor zwei Jahren quasi entmächtigt. Ganz plötzlich wurde er vor sechs Jahren von seiner Firma entlassen, er war 62, nicht sehr bequem und fast immer betrunken, eines Abends kam er in mein Zimmer, ich war am Lesen, ich habe dir etwas zu sagen, fing er an, aber das laß ich mir nicht gefallen, rief er, ich verklage sie.
Das dauerte einige Monate, er ließ sich von einer fettmächtigen Anwältin, die in einem unordentlichen Büro am boulevard Saint-Michel thronte vertreten, gewann den Prozess, erhielt fast eine Million Francs, von dem diese Zicke sich zehn Prozent abschöpfte. Sein Geld legte er in verschiedenen Konten an, ich sah mir immer wieder die Bankpapiere an und verstand nichts, er war in den Händen von zwei Bankdamen, die sein Geld in verschiedene Aktien verstreuten und ihm gewaltige Kredite einräumten, die er immer wieder überzog und aus seinen Aktien auffrischte, um weiterhin sein generöses Leben führen zu können, dies war die post-Priscilla-Zeit, ich sah ihn nicht oft, manchmal rief er an, wollte ich mit ihm ins Kino gehen, ich bezahlte das Kino zu der Zeit, weil ich in meiner Firma verbilligte Karten bekam, hinterher saßen wir dann in den Closeries des Lilas und schlürften unsere „coupes de champagne“, die er mit Kreditkarte bezahlte, seine Kreditkartenausgaben allein waren zu der Zeit in der Höhe eines mittleren Arbeitergehalts.
Er wollte von Anfang an, daß ich die Miete bezahle und die Hälfte seiner Steuern, die enorm hoch waren, das sah ich nicht ein, schließlich verdiente er dreimal so viel wie ich, seit Jahren erzählte er mir, ich schulde ihm eine halbe Million Francs für all die Jahre Miete, dann sagte ich, gut, dann stelle ich dir meine Arbeitsstunden in Rechnung, und alles, was ich fürs Essen ausgegeben haben, plus was ich in die Wohnung gesteckt habe, im Gegenteil, sagte ich, als deine Frau habe ich, weil wir Gütergemeinschaft haben, ein Recht auf dein halbes Geld, und wo bleibt das, in deinen teuren Kneipen, er wollte praktisch, daß ich seine Trinkerei mitfinanziere, so war das mit seinen Frauen gewesen, die beide mehr Geld hatten als er und alles bezahlten, aber ich war nicht die tolle Erfolgsfrau, die er erhofft hatte, immer wieder schrie er mir das entgegen, wenn wir kein Geld haben, ist das deine Schuld, und noch jetzt, wenn ihn der Zorn packt, wirft er mir vor, wir hätten nicht genug Geld, weil ich nicht arbeiten wollte, was nicht stimmte, und außerdem hatte ich immer meine liebe Last mit ihm, eine Zeitlang näßte er das Bett wieder und wieder, ich kaufte Bettunterlagen, bezog das Bett fast jeden Abend neu, oft fiel er, ich ließ ihn ins Cochin bringen, er kotzte tagelang, er respektierte meinen Schlaf nicht, ich war dauernd übermüdet, zwei- dreimal die Woche stand ich auch noch um sechs auf, ging zum Dauerlaufen in den Jardin du Luxembourg, in der Firma schlief ich vor meinem Computer ein.
Als ich dann in meiner Firma meine Verabschiedung und einen verhältnismäßig großen Scheck erhalten hatte, sagte er, ich habe da ein Loch auf der Bank, gib mir mal dreißigtausend, vierzigtausend, sowieso erbst du später alles von mir, du kannst mir das jetzt vorschießen, das passierte viermal, beim vierten Mal, erwiderte ich, das ist das letzte Mal, wenn du so weitermachst, ist von deinem Geld in zwei Jahren nichts übrig. Ich fuhr mit ihm zu seiner Bank, nach Neuilly, im Taxi, da er die Treppen in der Untergrundbahn nicht mehr schaffte.
Langsam hatte das mit seinen Beinen angefangen. Er klagte immer wieder darüber, daß ihm die Beine wehtaten, er sich nicht mehr bücken konnte, er brauchte neue Schuhe, weil er die Schnürsenkel nicht binden konnten, kaufte sich einen Stock, wir fuhren noch einmal nach Villers-sur-Mer in Ferien, wohnten in einem Hotel, mit der Katze, tagsüber fuhr er nach Deauville zum Pferderennen, ich las im klammen Zimmer einen Wälzer über das Leben von E.M. Forster, die Katze trieb sich draußen herum, eines Tages kam er zurück mit einer Beule im gemieteten Auto, dann, aus den Ferien zurück, fühlte ich gleich, mein neuer Chef wollte mich loswerden, er war mit seiner eigenen Sekretärin in unserer Abteilung erschienen, die sich langweilte, eine Depression bekam, sich ein Kind machen ließ und für einige Monate verschwand, als sie zurückkam, wurden ihr nach und nach meine Aufgaben übertragen, beide, mein Chef und sie, waren von schneidender Ungerechtigkeit, schließlich kam es von allen Seiten, im September, nach einer massiven Beleidigung packte ich mitten am Nachmittag meine wichtigsten Sachen zusammen, verabschiedete mich schnell von einigen Leuten und verließ die Firma, ich fuhr zu meinem Psychoanalytiker, den brauchte ich zu der Zeit, so schlecht ging es mir, er schrieb mich krank. Als ich ihn verließ, nahm ich einen Bus zurück in mein Viertel, ging das letzte Stück zu Fuß, die rue Saint-Jacques entlang, an der Ecke zum Port-Royal ist ein Café, da saß mein Mann in der Herbstsonne und trank ein Bier, hi, sagte ich, I’m fired. That’s what I thought, sagte er, mehr nicht. Ich trank auch ein Bier. Ich wurde Anfang 1996 nach bitteren Kämpfen mit einer entsprechenden Entschädigung aus meinem Arbeitsverhältnis entlassen.
Im Herbst 1996 hatte ich öfters in der Bibliothek gesessen und Krankheitsbilder studiert, um zu wissen, was meinem Mann fehlte, je mehr Schmerzen er hatte, desto mehr trank er, schließlich sah er ein, daß er einen Neurologen aufsuchen mußte, vor die Wahrheit gestellt, akzeptierte er einen Aufenthalt in einer Klinik in einem weit erfernten Vorort im Südosten von Paris, wo ich ihn jeden zweiten Tag, per Schnellbahn und Bus besuchte. Er war schwach und zittrig, voll guten Willens, doch einmal entlassen, dauerte das nicht lange. Er war nichts ohne sein falsches Selbstbildnis, der heilige Alkoholikus als Dorian Gray, der ewige Amerikaner in Paris, wie der Mann des Witzes im „New Yorker“, im Sessel sitzend, sinnend, tragisch, alt, mit dem Kommentar: „While he was in Paris, he knew Picasso, Miro, Hemingway, Strawinsky, Cocteau, and Fitzgerald. Nothing ever came of it.“ Er brauchte den Selbstbetrug, er hatte die Seele eines Iren, die Iren haben mit Alkohol verdünntes Blut, sie sind Spinner und Aufschneider, ohne Alkohol fällt ihnen der tiefe Himmel auf den Kopf. Das war die Zeit, als er nur Champagner trank, und als ich dann 1998 mit ihm zu seiner Bank in Neuilly fuhr, er schuldete der Bank hunderttausend Francs, wollte eine der Damen uns ein Darlehen andrehen, ich sollte dafür bürgen, ich lehnte ab, ließ meinen Mann in der Bank stehen und lief zu Fuß die avenue Charles de Gaulle entlang, kilometerweit, bis ich einen Bus fand, der mich nach Montparnasse zurückfuhr, da wuchs in mir der Wille, mich ihm zu widersetzen, er war ein Faß ohne Boden, unser Leben war bedroht, ich entschloß, ihn den zwei Bankdamen zu entreißen und ein gemeinsames Konto bei meiner Bank einzurichten, über das ich Verfügung hatte. Das ganze dauerte acht Monate, ich studierte alle Bankvorgänge, schrieb unendlich viele Briefe, seine Bankzicken wollten ihn nicht gehenlassen, mein Mann war ihnen eine gute Beute, er verstand immer nur die Hälfte von dem was sie sagten, sie redeten viel zu schnell, hatten ein unerhört kompliziertes System ausgearbeitet, bei dem er den Eindruck hatte, er ist reich, und sie sagten mir frech am Telefon, mein Mann war ihr Kunde, ich hatte keine Rechte, ich schrieb an die Direktion, beschwerte mich, sagte, ihre Kundenpolitik sei auf die Dauer geschäftsschädigend, das hätten wir ja gesehen, das war die Bank mit dem Milliardenloch, das wir, die Steuerzahler, jeder, noch lange mit tausend Francs im Jahr auffüllen müssen, mein Mann saß indessen zu Hause, weil es für ihn immer schwerer wurde zu gehen, schrie mich an, Nazizicke, Mörderin, ich kastrierte ihn, nahm ihm alles weg, ich machte unbeirrt weiter, bis alles unter Dach und Fach war, am Ende blieb nur wenig von seinem Geld übrig und ich arbeitete ein Budget aus, um mit den siebentausend Mark, die wir im Monat haben, zurechtzukommen.
Eines Tages riß er die Gardine vor dem Wohnzimmerfenster aus der Wand, eines Tages zerschlug er das Klofenster, eines Tages zerbrach er eine Strebe des alten Kühlschranks, auf der das wasserauffangende Becken lag, so daß ich einen neuen kaufen mußte, eines Tages warf er ein Glas gegen die Wand, eines Tages zerrte er den Halter über der Badewanne aus der Wand, dann lief der Regen von einem alten, beschädigten Rohr, das eine Küchenecke durchquert, ins Spülbecken, die Hausverwaltung schaltete sich ein, schickte Handwerker, die riesige Löcher in Wand und Decke schlugen, dann fiel eines Abends unser Toilettenschrank von der Wand, dann wollte ich das Wohnzimmer anstreichen, die Schäden ausbessern, als ich halb fertig war, konnte ich meine rechte Schulter nicht mehr bewegen, ich rief eine Malerfirma aus dem Telefonbuch an, der mir Antwortende kam innerhalb einer Viertelstunde, machte den Job zuende, dann malte er die halbe Wohnung an, ich kaufte neue Vorhänge, brachte das Klofenster zum Glaser, besorgte einen neuen Toilettenschrank, schraubte den Halter wieder in die Wand, tauschte meine alten Ikea-Büchergestelle mit höheren aus, die mehr Bücher faßten, ich machte alles allein, mein Mann empfing mittendrin die Nichte seiner (verstorbenen) Frau und ihren ungezogenen Sohn, sie saßen am Eßtisch und tranken Wein, während ich in der Unordnung versuchte, die Bücherregale aufzubauen.
Danach fiel mein Mann in die Immobilität, er konnte nicht mehr ausgehen, er haßte mich von Herzen und schrie und stöhnte und klagte, ich versuchte jeden Tag, sein Leben zu erleichtern, kaufte auf seinen Wunsch hin den ersten Computer, er wollte wissen, was es mit Internet auf sich hatte, doch je mehr sich seine Außenaktivitäten einschränkten, desto grantiger wurde er, dann strafte er mich und hörte auf sich zu waschen, schon vorher hatte er mich aus unserem gemeinsamen Bett getrieben, er rückte immer weiter in die Mitte, an meiner Seite war ich nahe daran, rauszufallen, ich zog in mein Zimmer, stattete es neu aus, kaufte Bilder und feine, weiße Nachthemden, fand meine Nachtparfüms, deren Duft ich mit ins Bett nahm, ich mußte meine Psyche unbedingt davon überzeugen, daß ich behaglich war, so daß ich einschlafen konnte.
So zwang das Leben mich langsam, meine Streitbereitschaft zu schärfen, Auswege aus unhaltbaren Situationen zu finden, auch den Computerspielen kam ich auf die Schliche, zuerst dachte ich, ich kämpfe gegen den blinden Zufall, gegen eine Fügung des Schicksals, doch nun weiß ich, es kommt garnicht aufs Gewinnen an sondern aufs Spielen, das Wichtige ist die Vielfalt der erlebten Variationen, der guten und der schlechten, die Möglichkeiten hinter den Möglichkeiten, die Spannung, die Herausforderung, die Winkelzüge, die Neugier aufs Neue, die Erwartung, die Entdeckung seiner eigenen Kräfte – ich wuchs hinein in ein anderes Leben.

Während meines Aufenthalts in Grimaud bin ich noch schutzlos dem Willen anderer ausgeliefert. Grimaud ist ein altes Dorf, gebaut wie viele andere um eine Hügelspitze herum, früher stieß das Meer sumpfig weit zwischen die Berge vor, die Menschen wohnten dort im Schutz ihrer Lehnsherren in einiger Sicherheit, sie konnten die Sarazenenschiffe, die Unheil brachten, von weither ankommen sehen, dann lief ein Feuersignal von Hügel zu Hügel, verständigte die anderen. Das harte Leben auf diesen steinigen Böden, für uns Nordländer so begehrenswertes Ferienland, steht noch immer geschrieben in manchen dunklen Gesichtern alter Bauern, die knorrig sind wie die Olivenbäume, die unter ihrer Obhut an den Hängen aufwachsen. Die Einheimischen der Küsten des Mittelmeers sind eine eigene Rasse, zusammengemischt seit Jahrtausenden, gezeichnet von der Sonne, gesegnet mit der sanften Heiterkeit des Weins.
Grimaud ist schön, damals, weil es noch zwischen dem Alten und der modernen Zeit schwankt, diese hatte das Alte noch nicht ganz verjagt, gab ihm die Reverenz, die ihm gebührt, schien es, inzwischen sind die Härten des Lebens ins Niedliche verwandelt, restauriert und geputzt ist das Dorf nur mehr ein Wallfahrtsort für gelangweilte Urlauber, mit vielen teuren Geschäften in den buckeligen Gassen. Doch schon damals gibt es nicht mehr sehr viele Ureinwohner, die meisten waren in eine enge Wohnung mit Klo und Bad der Mietshäuser in Cogolin gezogen, ihre alten Häuser restaurierte das Geld reicher Rentner, Anwälte, Zähnärzte, Unternehmer aus Holland, England, Deutschland, der USA. Die meisten Jungen waren in die Städte verzogen, wer will unter Härte noch seine Liebe zum Land bekunden, viele der Bauern, wenn keine Landarbeiten anstehen, werden zu Bauarbeitern, im Sommer beherbergen sie Sommergäste auf ihren Wiesen, die rund fünfzehn jungen Männer des Dorfes, verlassene Ehemänner, sehe ich bei meinem abendlichen Rundgang um das Dorf in der Nähe des Friedhofs im Schuppen der Feuerwehr diskutieren, eine Bierflasche in der Hand, manchmal in der Dorfkneipe, oder unter den Platanen, wo ihre Väter Boule spielen.
Grimaud, dank des Geldes seiner reichen Schwester am Meer, Port-Grimaud, ist ein gepflegter Steinhaufen aus dem direkt die Blumen wachsen, keine Wand ohne ihren Schmuck ist, rund um den Hügel macht ein kleiner Weg eine Schleife, läuft entlang einer steilen Felsschlucht, durch dunkle Gewölbe von Steineichen, eine malerische Steintreppe hinunter, bis man das Dorf am anderen Ende wieder betritt. Biegt man unter den Steineichen nach links ab und steigt den Hügel hoch, ist jeder Schritt eine Belohnung, man setzt sich auf eine Bank und schaut tief in das Gebirgsmassiv „les Maures“, es ist nicht leicht wieder aufzustehen. Klettert man in die verfallene Festung auf der Spitze des Hügels, läuft der erstaunte Blick in die Runde bis zum Horizont – eine Kultur, ein Kontinent zu seinen Füßen. Treppen führen auf der anderen Seite wieder hinunter zum Dorf, man verschwindet im Gewirr alter Gassen.
Die Schönheit des Dorfes rettet mich nicht sofort vor dem Abgrund, der sich vor mir auftut, denn obwohl ich erwartet bin, hat Hans nicht die geringsten Vorbereitungen getroffen. Ein wenig zurückgesetzt von einer Bundesstraße, da wo eine kleine Straße sich abzweigt und sich den Hügel hochwindet, schaut man durch zwei große Fensterscheiben in das Innere eines teueren Antiquitätengeschäfts. Gleich daneben ist eine Garage. Die Garagentür ist ein altes, verrostetes Rolltor, dies ist meine Eingangstür, ich bücke mich, fasse unten an einen Haltegriff, dann zwinge ich das Rolltor sich zu öffnen, nicht ohne mir halb das Rückgrat zu brechen und weithin kreischenden Lärm zu machen. Jenseits der Garage stehen auf der nackten Erde ein weißer, schmiedeeisener Tisch und vier dazugehörige Gartenstühle mit gewundenen Rücken. Links führt eine Karoglastür in eine Art Kellerraum mit tiefer Decke und unebenen Fliesen, wo es muffig riecht. Dies soll meine Wohnung sein. Als ich meine Schlafcouch hineingetragen habe, kann ich zumindest irgendwo schlafen, meine anderen Sachen staple ich in die Garage, weil es keine Möbel, keine Schränke gibt, natürlich habe ich viel zu viel Bücher, sagt Hans, wirf sie weg, sagt er, unnütze Geldausgabe und bringt nichts ein, ich lege das Hundebett unter das einzige Fenster, dort steigt schwarz der Schimmel hoch. Hinter einem Rundbogen ist ein Abstellraum voll von Gerümpel, das wird verschwinden, sagt Hans, alles wird mit Gips verputzt, dann kannst du dort schlafen, stellt einen alten eisernen Bettrahmen mit Spiralenfond gegen die Wand der Garage. Rechts in der Zimmerecke ist ein kleines Badezimmer, installiert wie für Zwerge, das Klo zu tief, in der Dusche kann ich mich nicht umdrehen, ohne mich zu stoßen.
Zum Antiquitätengeschäft führt eine schwere Stahltür, drei Stufen hinunter ist man im vollgestellten Hinterzimmer, von dort tritt man in das eigentliche Geschäft, ruhig, sauber, gepflegt wie ein Wohnzimmer, mit Teppichboden und schönen Möbeln, einige alte provençalische Schränke und Tische, ein bißchen Art Nouveau, ein wenig Schmuck, Porzellan und Glasbläserstücke aus der Gegend, an den Wänden eine Anzahl von Gemälden mit südlichen Motiven. Kataloge der New Yorker und Pariser Versteigerungshäuser liegen aus, mit Preisen, damit sich jeder Kunde überzeugen kann, hier wird nicht nur Weltklasseware verkauft, es werden auch Weltklassepreise verlangt. Wir sind keine Freunde mehr, sagt Hans, und er will mich nicht zu oft in seinem Haus sehen, ich bin ein soziales Nichts, besitze nichts, muß viel lernen, er will mir helfen, will mir seine Kenntnisse der Ware vermitteln, mir ein Auto zur Verfügung stellen, mit mir auf Märkte fahren, die kleine Wohnung mit Möbeln ausstatten. Irgendwann bringt er mir einen rechteckigen Art Nouveau-Eßtisch, vier dazugehörige Stühle und zwei sehr staubige, kleine Schränke. Ich baue meine Ikea-Büchergestelle auf, wasche die Schränke aus. Hans hat einen creme-farbenen Vorkriegs-Citroën gekauft, der jetzt die Garage füllt, er soll Leute dazu bringen, stehenzubleiben, ihr Auto anzuhalten, um das schöne, alte Modell zu bewundern und ins Geschäft zu treten, dessen Tür immer offen zu sein hat.
Ich sehe Hans nur selten, er kommt ab und zu vor zehn ins Geschäft, er will sehen, ob ich pünktlich geöffnet habe, oder schaut kurz mitten am Tag vorbei, um zu prüfen, daß die Hündin nicht im Geschäft in der Sonne liegt. Oder ich muß einen Brief schreiben, Kindergeld vom französischen Staat für ihn beantragen. Mein Gehalt ist offiziell zweitausend Francs, mit sozialen Abgaben nur fünfzehnhundert, ich bekomme eine Umsatzbeteiligung von 5 Prozent, er zahlt mich jedoch nie aus, hier und da zieht er 100 oder 200 Francs aus der Tasche, meckert, daß ich zu viel ausgebe, ich soll lieber verdienen. Doch auch das alte Auto in der offenen Garagentür verlockt niemanden, das Geschäft zu betreten. Es fängt sofort an zu regnen, es regnet sechs Wochen lang jeden Tag, das Wasser stürzt wie ein Wasserfall vor meine Eingangstür, inzwischen bereiten Hans und seine Familie sich vor, in ihr Sommergeschäft nach Deutschland zu ziehen; bevor alle abfahren, gibt er mir ein Fahrrad und den „Golf“ seiner Frau, den ich jenseits der kleinen Straße unter den Palmen parke und der prompt gestohlen wird. Meine kleine Schwester schreibt mir: „Wir haben uns kaputt gelacht, als wir hörten, daß Dein ach so ersehntes Auto geklaut wurde. Ein bißchen schmunzelt man, wenn man hört, wie Du Dich immer wieder in neue, nicht abzusehende Abenteuer einläßt und es dann als persönliche Beleidigung des Schicksals ansiehst, wenn nicht alles so glatt läuft, wie Du es erwartest.“
Ich schreibe einen Brief, „Liebe Anne, ich gewöhne mich daran, daß ich ganz allein bin. Das ist schmerzhaft, und ich komme mir vor wie eine Seiltänzerin: wenn ich runter gucke, falle ich. Also studiere ich meine Ware und lese viel, mein einsames Leben umgibt mich wie ein Raum, der seine schützenden Arme um mich schließt, jedes Buch ist ein anderer begehbarer Lebensraum. Aber ich muß flexibel sein, sonst falle ich doch in die Tiefe. Ich folge dem Rhythmus und den Zufälligkeiten des Tages, den Gelüsten meines Kopfes, gehe dieser Linie nach, die ich mir gezogen habe: ich will mich wohl fühlen und nur mehr wollen, was ich haben kann.“
Eines Tages treffe ich Fred. Ich laufe eine Straße hinunter, habe die „Village Voice“ in der Hand, er spricht mich an, da habe ich einen neuen Freund, der meinen ganzen Sommer begleitet, Fred, aus reicher jüdischer Familie in Chicago, homosexuell, er kommt seit Jahrzehnten im Sommer nach Grimaud, gewöhnlich mit Mama, nimmt einen Dampfer über den Ozean, er ist noch nie geflogen, er kann auch nicht autofahren, dieses Jahr ist er allein, in San Francisco hatte er mehrere Restaurants, die er gerade verkauft hat, er wartet, daß sein neues Haus in der Napa Valley fertig wird, weiter unten im Dorf hat er eine kleine Wohnung gemietet, wir treffen uns fast jeden Abend kurz nach neun, nachdem ich das Geschäft geschlossen habe, an der Bar der Dorfkneipe. Manchmal lädt er mich am anderen Ende des Dorfs in ein Restaurant ein, wir sitzen auf der offenen Terrasse, die ein dunkles Tal überschaut, wo Nachtigallen schlagen. Als der Regen aufhört, kommen seine Freunde, bleiben wochenlang, abends kochen sie zusammen in Freds Küche, ich bin oft eingeladen, vor der Balkontür steht der dicke Mond. Sein Bruder kommt mit seinem boyfriend, einem katholischen Bischof, irisch, ältlich und dicklich, immer in seinen engen Priesterkragen gezwängt, stöhnt er vor den Steigungen des Dorfes, schnauft und schwitzt.
Einige Wochen lang ertrage ich einen Arbeiter, der die Rumpelkammer leerräumt und das rohe Gestein dick mit Gips überdeckt, es wird noch feuchter in meinem Kellergemach, lange trocknet es nicht, dann schleppe ich mein eisernes Bett hinein, das den Raum fast ganz füllt, doch ich kann im Bett nicht schlafen. Ich rufe Hans an, geht nicht, sage ich, einmal drin, biegen sich die Spiralen unter meinem Hintern bis zum Boden, er läßt mir eine Spanplatte liefern, jetzt schlafe ich auf einem harten Brett und einer dünnen Roßhaarmatraze, meine schlaflose Zeit beginnt. Meinen Tisch aus München stelle ich an das kleine Fenster des Schlafgewölbes, ich sitze oft an meiner deutschen Schreibmaschine und schreibe Briefe, „Liebe Anne, schreibe ich, es ist kühl hier, ich bin versteckt in der Halbdämmerung und fühle mich sicher in Mutter Erdes Schoß. Das Fenster aus dem ich schaue ist ganz klein, vor mir ist eine Steintreppe, am Gelände schwankt eine grüne Pflanze in freiem Geranke, und Sonne und Wind werfen immer neue Schatten und Muster auf die Steintreppe. Es ist gut hier sein, dieser winzige Blick hinaus in die Welt ist mir ganz recht, ich bin wie ein früherer Kollege, der vor zwanzig Jahren in den Süden Spaniens in Ferien fuhr und wochenlang nur dasaß und einen Balkon ansah, einen südlichen, sicher auch von einer südlichen Pflanze berankten Balkon und in ihm ganz Spanien erträumte. Wenn ich dann aus meiner Höhle ins Freie gehe, bin ich ganz erstaunt hier zu sein, in diesem Dorf, in dieser Landschaft, über mir bedecken die riesigen Micocoulier dunkelgrün den Himmel, das Tal liegt brennend da.“
Ende Juni mache ich erste Verkäufe, an Leute, die schnell mal eben kurz vor neun reinschauen, weil sie nach nebenan ins „Les Santons“, einem Zweisterne-Restaurant essen gehen, sie bezahlen bar, so habe ich ein wenig Geld, die letzten Wochen lebte ich nur von Suppenwürfeln, Karotten und Bohnen und Milchreis, konnte kaum meine Hündin ernähren, der „épicier“ des Dorfes räumte mir einen Kredit ein, ich rechne aus, mehr als 50 Francs darf ich am Tag nicht ausgeben, ich führe Buch.
Morgens, wenn der Nebel noch zwischen den Weinstöcken hängt, gehe ich mit der Hündin im Tal dauerlaufen, dann pflücke ich meinen schnell vergänglichen Wildblumenstrauß, bald liegen die Wegränder verbrannt von der Hitze da.
Wenn Freds Freunde ankommen, sehe ich sie zuerst im Geschäft. Ich sitze hinten über einem Buch, wenn ich Schritte höre, blicke ich auf, manchmal stehe ich im Türrahmen, schaue ins Tal, eines Tages kommt ein kleiner Mann, Zigarette im Mundwinkel, auf dem Rad die Bundesstraße hochgefahren, ich sage zu ihm, eh ben, ça marche bien avec une cigarette? Er springt vom Rad, sagt: I knew you would say that. Er kommt rein und nach fünf Minuten weiß ich, er ist Buddy, ein New Yorker Innenarchitekt, der Freund den Fred erwartet. Sein Fahrrad hat er gerade für hundert Francs erstanden, es ist ein Pistenrad, ohne Bremsen, ohne Rücktritt, wenn er den Hügel runterfährt, muß er gegentreten, er fährt einen sehr alten Alfa Romeo mit offenem Verdeck und Nummernschild von Neapel, den kaufte er vor 17 Jahren, als er vom Schiff stieg.
Ich fahre auch viel Rad, ich schreibe an Haldis: „Heute, es war schon dunkel, bin ich ans andere Ende des Dorfes gefahren. Es ist nicht Besonderes passiert, nicht mal etwas Unbesonderes sondern gar nichts. Das wollte ich Dir erzählen, aber es ist schwierig über etwas zu schreiben, das eigentlich nichts ist. Zuerst geht es weit abwärts, man wird leicht, denkt man fliegt durch die samtige Dunkelheit, da sind Sterne und das Tal und die Hügel zeichnen sich undeutlich ab. Wenn man unten ist, muß man anfangen zu trampeln, das geht natürlich langsamer, trotzdem scheint die Zeit kurz, dabei denke ich, ich weiß ich nicht was, ich sehe und fühle den Hügel und die weitausgebreiteten Zypressen wie freundliche Wesen neben mir. Und es ist ganz still und ich denke, ich bin deswegen hier, und es scheint auch sinnvoll, hier zu sein, und ich bereue es nicht, ich fahre ja unter den Sternen und den Bäumen lautlos dahin und bin ein Teil von ihnen.“
„Lieber Klaus, schreibe ich, es ist nicht leer hier, so wie erfüllte Träume sich für gewöhnlich anfühlen, alle meine Sinne sind auf Hochtrab, ich schmecke den Geruch des Landes auf meiner Zunge, sehe die Geometrie, die Bläue der Landschaft, das Wilde steigt direkt aus dem Boden, das Gezüchtete ist lieblich, das Zeitgemäße ist gleich daneben, damit man nicht vergißt, es ist nur geliehene Zeit, bald wird es alles in Besitz nehmen. Ich lebe einen Tag nach dem anderen. Ich lese. Ich bin verrückt auf Lesen, alle Schleusen meiner Wißbegier sind geöffnet, ich lese meine literarischen Zeitschriften, lese Henry James, Edith Wharton, Walt Whitman, Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, wieder Proust und Flaubert, die Bachmann und Jelinek, mehr deutsche Bücher habe ich nicht hier, irgendetwas haben alle diese gemeinsam, sie benennen das unnennbare Schreckliche, die menschliche Seele. Und ich sitze da als atemlose Zuschauerin, mein Geist läuft etwas wild, endlich frei, durch Jahrhunderte menschlichen Denkens, Fühlens, Leidens, Schreibens, wie kann ich da Langeweile haben? Und abends sitze ich mit einem Glas Wein vor meiner Tür, höre die Schwalben, deren Nester am Nachbarhaus kleben leise im Schlaf tschilpen, dieser kleine kehlige Laut, der mich in meine Kindheit mitnimmt (ich bin auf dem Land aufgewachsen), und dann fühle ich mich wohl in meinen Gefängnismauern, eine mystische Wohlheit, was brauch’ ich Geld und Gut, mein inneres Auge ist weit offen, schaut gelassen auf die Dinge des Lebens, die sanfte Nacht wiegt mich, die Bäume flüstern, dicke Sterne zwinkern mir zu.“

Am frühen Nachmittag gehe ich mit der Hündin spazieren, ich scheue die Hitze nicht, ich trage meine Beverly Hills „space-shoes“, die jeden Boden packen, als das Jahr voranschreitet nehmen wir immer weitere Wege, meine Hündin weiß, wo es Wasser zu trinken gibt, verirren wir uns, kennt sie den Weg zurück, kommt ein riesiger Hund auf uns zu, tänzelt sie schwanzwedelnd um seine Nase herum, ich habe keine Angst.
Ich sehe Fred regelmäßig, im August steht er eines Abends an der Theke der Dorfkneipe und trinkt einen Pastis, er erzählt mir, sein Freund Truman ist gestorben, ich gucke ihn groß an, wer? Truman Capote. Dann gehen wir essen. Ende August macht er sich mit Buddy auf zurückzufahren. Am letzten Abend lädt er mich in die „Santons“ zum Abschiedsessen ein, wir speisen drei Stunden lang, zwischen den Gängen lutschen wir an einer Sorbetkugel und trinken einen Calvados, der den Magen aufräumen soll, dann essen wir weiter. Um Mitternacht stoßen wir mit einem „marc“ an, einem scharfen örtlichen Schnaps, als wir die Treppe hinunter auf die Straße gehen, ist mir sehr übel. Komm mit zu mir, ich habe Alka Selzer, sagt Fred, bei ihm trinke ich zwei aufgelöste Tabletten, danach knie ich mich vor sein Klo und kotze die ganze schöne Mahlzeit wieder aus. Als sie am nächsten Tag im offenen Alfa am Geschäft vorbeifahren, das Fahrrad ist hinten aufgeschnallt, winke ich Fred und Buddy mit Wehmut nach.
Ich habe Freunde im Dorf, da ist Claire, eine junge, strahlende, hochschwangere Frau, Cathérine, die töpfert, Antoinette, eine Deutsche, die in Paris eine Wohnung hat, Wolf, ein deutscher Fernsehschreiber aus München, der bildhauert, immer dasselbe, riesige aufgerichtete Penisse, und der alte Marcel, eine Art weiser Dorfnarr, er wohnt gleich neben der Kirche, in einem dunklen, feuchten, unordentlichen Loch, er besucht mich oft im Geschäft, im Winter treffen wir uns auf dem Hügel und sitzen auf der Bank in der Sonne.
Der Herbst bricht an, die Fremden verschwinden, es regnet viel, Hans und seine Familie treffen ein, ein Bekannter aus München stirbt ganz schnell an Krebs weg, der Völkerkundler des Dorfes verunglückt tödlich mit dem Fahrrad, ein lästiger alter Mann, der oft zu mir kam, bei seiner Beerdigung erscheinen ordensgeschmückte Würdenträger, ein Bischof, neun Priester, Trachtengruppen marschieren auf, der homosexuelle Pfarrer von Grimaud hält eine schöne Predigt. Ich fahre mit dem Rad durch die brennend-roten Weinberge, die vollhängen von schwarzen Weinreben, ich pflücke Brombeeren an den Wegrändern, es ist eine Herbst-Sauna-Luft, riecht nach Hochsommer, verbranntem Gras und Laub, verglühten Tannenadeln.
„Liebe Margot, schreibe ich, ich will nicht mehr unter diesen alltäglichen Nichtigkeiten leiden, gerade habe ich zwei Bücher gekauft (dafür muß ich ein wenig weniger essen), eine billige Verlaine-Ausgabe, die ich aufschlage und lese: La vie est triomphante et l’idéal est mort, das andere ist der Roman von Françoise Chadernagor über Madame de Maintenon, L’Allée du Roi. Ich bin glücklich, weil ich so viel lesen kann. Ich brauche nicht in aller Herrgottsfrühe raus, mich in den Bahnen mit schrecklichen Leuten herumstoßen, kann meinen Tag planen oder nicht planen, abends mache ich jetzt früher zu, ich fühle mich, als ob in mir eine Tür aufgestoßen wurde und ich fülle mich mit tausend Dingen, Kleinigkeiten, Empfindungen, Freuden, Schönheiten. Es ist nichts Systematisches dabei, ich übergebe mich den Wellen des Zufalls, die mich auf große Höhen tragen, manchmal. Ich lese vor allem de Beauvoir mit Begeisterung, alle Bände ihrer Erinnerungen, nie habe ich eine Frau so offen sprechen hören, keine Regung in ihr, die nicht registriert wurde. Ich erkenne mich in ihr wieder. Ich habe denselben Hunger nach Wissen (den ich leider nie systematisch befriedigen konnte), dieselbe Sehnsucht danach ‚zu dienen’, d.h. der Menschheit in sinnvollem Tun voranhelfen, manchmal habe ich ihre ‚exuberance’, diese trockene, strenge Frau kann überschwenglich, begeistert, exaltiert sein. Doch habe ich auch denselben Hang zur Selbstkasteiung, Selbstdisziplin, dieser Ausweg aus dem Leichten, Oberflächlichen in die Schwierigkeit, wie eine Diät, die man sich willentlich auferlegt, um Stärke zu gewinnen. Wie sie habe ich denselben Abscheu, denselben Haß vor den Nichtigkeiten, der Langweiligkeit, dem Geisttötenden des Alltäglichen. Sie steht morgens auf: Je connaîtrais donc à nouveau le découragement des réveils où ne s’annonce aucune joie; le soir, la caisse à ordures qu’il faut vider; et la fatigue et l’ennui. Und dieselbe Angst: Si je restais la même, en proie aux mêmes routines, au même ennui, je ne progresserais jamais; jamais je ne réussirais une oeuvre. Non, pas une lueur nulle part. Sie hat einen steifen Stil, doch umso besser, sie kann so viel mehr damit ausdrücken, irgendwo redet sie von den ,murmures souterrains de l’espoir’. Das hat mich aufgerichtet.“

Denn mit Hans verschwinden Freude und Gelassenheit des Sommers, nichts mache ich ihm recht, er wirft mir vor, nicht genug verkauft zu haben, ich soll mehr Initiative zeigen. Ich verstehe nicht, was er meint. Dann fängt er an, komm, sagt er, tu nicht so, du hast dich auch sonst nicht geziert, du brauchst das mal, zieht mich in Richtung Schlafgewöbe, ich will nicht, ich laß mich von ihm nicht benutzen, alter Trotz steht in mir auf. So ist das, denke ich, deswegen bin ich hier, ich weiß, seine Frau betrügt ihn mit einem jungen Mann, sie ist sehr schön, doch Hans beklagt sich, sie ist dümmlich, bei ihr findet er keinen Halt, sagt er, kein Interesse dafür was er tut, wie dünn das Band der Ehe ist, denke ich, sind es die Kinder, ist es das Prestige, das Geld, die Gewohnheit? Doch dann sitzen wir alle um den Küchentisch und singen, Hans singt am lautesten und sieht glücklich aus, eine Woche später richtet er ein Gewehr auf seine Frau: kommt gar nicht in Frage, du fährst da nicht hin.
Hans ist ein kleiner Mann, Körper stolz kompakt, Gesicht blond fade mit vorschreitender Glatze, großen blaugläsernen Glubschaugen, die manchmal hilflos schielen, wie die eines verletzten Kindes, die steinern zu Boden starren, wenn er wichtig und bedeutend auftreten will.
Nach und nach entdecke ich andere Seiten, du bist eine Niete, sagt er, das kommt daher, daß du alles nicht ernst genug nimmst, zum Beispiel, wenn ich du wäre, bliebe ich bis zehn, elf abends offen, die Jahre vorher, sagt er, habe ich im Winter jeden Monat für hundertzwanzigtausend Francs verkauft, da sind immer Leute, die nach nebenan ins Restaurant gehen, oder ganz einfach vorbeifahren, aber, sage ich das Restaurant ist im Winter bis Mai geschlossen, und er erwidert, nein, das stimmt nicht, diese offensichtliche Lüge stört ihn nicht im geringsten.
Um Weihnachten lädt er einige seiner Hamburger Freunde in sein Haus ein, es wird gekocht, gefeiert, am Sylvesterabend schießt er über seinem Schwimmbad ein Feuerwerk in die Luft, zwischendurch kommt er mit seinen Besuchern in den Laden, wo ich sitze und spinnt den Leuten etwas vor, einmal wage ich einen Einwand, denn in den Büchern habe ich es ganz anders gelernt, und er weist mich in aller Schärfe zurecht, er hat diese Gabe, er kann Leuten den größten Unsinn erzählen, sie mit erlogenen Argumenten bombardieren, bis ihr rationaler Widerstand in Stücken ist – er hat sie zu ihrem Glück hin überzeugt.
Anfang Januar betritt ein Paar das Geschäft, es sind Händler aus Paris, alles viel zu teuer, sagen sie, im Hinterzimmer entdecken sie eine englische Anrichte 19. Jahrhundert, ich rufe Hans an, wieviel kostet sie, zehn Prozent Rabatt, okay, der Händler schlägt ein, will in bar bezahlen, keine Rechnung ausstellen, sagt Hans. Das geht nicht, sagt der Händler, ich nehme das Stück im Auto mit nach Paris, ich brauche ein Ursprungszeugnis, die Polizei ist darin sehr strikt, auf die Visitenkarte des Geschäfts schreibe ich die Summe, erhalten, Unterschrift. Hans kommt mit einem seiner Gäste vorgefahren um das Bargeld abzuholen, er schreit mich auf deutsch an, Antiquitätenhändler sind alle Verbrecher, was du da gemacht hast, ist illegal, du hättest ihm Mehrwertsteuer berechnen müssen, wenn jemand das herausfindet, gehst du ins Gefängnis, und er steckt den Packen Geld in seine Hosentasche, sag’ dem Mann, er soll dir das Kärtchen wiedergeben, bellt er und verläßt mit seinem Besucher das Geschäft, steigt in seinen Mercedes.
Bestürzt, verletzt, erschüttert erkläre ich dem Pariser Händler, worum es geht, wir reden später darüber, sagt er, dürfen meine Frau und ich Sie heute Abend beim Italiener zum Essen einladen.
So geschieht es. Ein komischer Mann, sagt der Händler, er verkauft Antiquitäten? Er kennt noch nicht einmal einfache Geschäftspraktiken. Sie müssen wissen, auf Antiquitäten wird keine Mehrwertsteuer erhoben, weil sie keinen bekannten Ursprung haben. Der Verkäufer bezahlt Steuern auf den Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufspreis, oder vierzig Prozent des Verkaufspreises, was immer für ihn günstiger ist.

Langsam setzen sich mir einzelne Bilder zu einem Begriff zusammen: hatte Hans nicht gesagt, er kann Romane schreiben, sie einfach so runterschreiben, der „Stern“ hatte ihm einmal für einen fünfzigtausend Mark angeboten, ist er nicht der Halbbruder eines berühmten Schriftstellers, war er nicht in Afrika jeden Morgen zwanzig Kilometer durch den Urwalddschungel zur Arbeit gelaufen und abends zurück, ist er nicht einer der feinsten Köche Deutschlands, hatte mehrere „Goldene Löffel“ gewonnen, kannte er nicht einen geheimen Platz in Polen, wo die einzige Medizin gegen Krebs versteckt lag und wie war das mit dem Fabergé-Schmuck, den er in Beverly Hills einer Frau auf der Straße billig abgekauft und sofort mit Supergewinn an jemand anderen verschoben hatte?
Hans leidet an Mythomanie, krankhafter Lügensucht steht im Duden. Er hat eine starke pathologische Neigung zum Fabulieren, zur Lüge, zur Vortäuschung, zur Heuchelei und Verstellung. Diese sind seine Mittel, die Ziele zu erreichen, die seine Egomanie von ihm fordern.

Ich schreibe: „Liebe Anne, immer stimmt etwas in meinen Gestänge nicht, meine Nerven sind ,à fleur de peau’, ich kann nichts tun und versuche nur dazuliegen wie ein Stein, ohne zu fühlen. Alles wird noch schlimmer, Unzufriedenheit, Sehnsucht, Hunger. Nach was? Der pure Schmerz des Daseins. Es ist so hart hier zu sitzen und zu warten, Woche um Woche kommt kein Mensch ins Geschäft, ich fühle mich sinnentleert, da inmitten der schönen, teuren Ware, die niemand bezahlen kann, nur selten kommen Leute, wollen nichts kaufen, nur gucken, sie sagen, wir überlegen uns das und kommen nicht wieder. Auch in der Kälte steht meine Tür offen, es regnet wieder, kannst Du Dir das vorstellen: sitze ich da in einem hell erleuchteten Zivilisationsloch gefüllt mit tollen Sachen, lausche dem flüsternden Regen, der auf eine dunkle, einsame Dorfstraße in der Provence fällt.“

Im Winter gehe ich mit Hans’ Frau zweimal die Woche zur Gymnastik im Gemeindesaal, einmal die Woche in die Zeichenstunde mit seiner Tochter, morgens jogge ich immer noch, obwohl die Hündin mir manchmal nicht folgen will, sie wird alt, im Geschäft setze ich mich an einen Tisch im Hinterzimmer um die Kälte, die durch die offene Tür hereinströmt, nicht so direkt zu spüren, dreimal am Tag mache ich kleine Gymnastikübungen, Streckübungen, um mein Blut wieder zum Fließen zu bringen, ich bin immer gut angezogen, wenn jemand draußen vorbeigeht, schaue ich auf, wenn er hereinkommt, stehe ich auf. Es regnet oft, die leeren Micocouliers glänzen wie dunkle Spitze vor dem grauen Himmel, das Tal ist im trüben Dunst kaum sichtbar, gegenüber dem Geschäft hat die Gemeinde einen Weihnachtsbaum aufgestellt, mit vielen bunten Lichtern geschmückt, manchmal ist der Tag warm und sonnig, ich sitze mittags mit Marcel auf der Bank am Hügel, die Steineichen sind immer noch grün, Mimosenbäume blühen, die Blüten hängen voll summender Bienentrauben, das Gras sprießt und die Marienblümchen. Die Weinberge sind seit Wochen abgeerntet, es blieben zuletzt die blutroten Blätter, dann kamen die Schafhirten und ihre Herden fraßen sie ab. Sobald die Sonne ihren rosa Streifen am Himmel gelassen hat, hört man wie die Leute ihre Fensterläden schließen, dann zünden sie ihre Kamine an, sie verbrennen Eichenholz, das einen würzigen Duft hat, den ich fast schmecken kann. Nachts schlafe ich schlecht, sobald ich Schlafanstalten getroffen habe, das Licht gelöscht, bin ich hellwach, ich habe immer ein Buch griffbereit liegen, lese bis fünf oder sechs, dann falle ich erschlafft in kurzen Schlaf. Ab und zu ruft Hans an, diktiert mir Briefe am Telefon, ich übersetze und tippe sie. Wenn er und seine Frau wegfahren, muß ich das Geschäft schließen, in sein Haus ziehen und die Kinder versorgen, sie zur Schule fahren, für sie kochen. Einmal bringe ich seinen kleinen Sohn mitten in der Nacht nach Saint-Tropez in ein Krankenhaus, er hat schlimme Bauchschmerzen, am nächsten Tag wird er am Blinddarm operiert.
Im Januar schneit es überraschenderweise eines Abends, meine Hündin und ich machen um Mitternacht die ersten Spuren im Schnee, laufen einmal ums Dorf, am nächsten Tag hat es gefroren, eine Katastrophe, elektrische Leitungen sind beschädigt, niemand hat Strom, ich kann vor Kälte nicht schlafen, morgens sind es zehn muffige Grad in meinem Zimmer, es ist Sonntag, um neun rufe ich Hans an, ich kann die elektrischen Rolläden vor den Schaufenstern nicht öffnen, er macht mich am Telefon fertig, was ich mir erlaube, ihn an einem Sonntagmorgen zu stören. Ich ziehe meinen Münchner Fellmantel über, zünde das Gas an und eine Kerze, versuche zu lesen. Nachmittags kommen Hans und seine Frau, sind aufgebracht, weil ich mich über die Kälte beklage, sie ziehen eine Minute ihren Mantel aus, setzen sich an den Tisch, verfügen, man kann es sehr wohl hier aushalten, fahren wieder weg. Doch im Dorf sind die Palmen erfroren, die Kakteen, die Mimosen, an den Wänden hängen die Bougainvillea traurig und tot wie alte Lappen.
Ende Januar teilt Hans mir mit, ab 1. Mai würde er nicht meinen Arbeitsvertrag erneuern, im Februar hätte ich Urlaub zu nehmen, ich bin zerstört, was nun, frage ich ihn, tja, sagt er, du suchst dir eine andere Arbeit, hier bist du nicht am Platz, du bist inkompetent, ich kann dich nicht mehr brauchen. Ich will dir soweit entgegen kommen, sagt er, du kannst in Paris bei einer Händlerin vorsprechen, sie hat viel Lagerplatz, ich sage ihr Bescheid, du kannst deine Sachen bei ihr unterstellen. Und wenn jemanden im Frühjahr mit einem Laster da hoch fährt, kann er deine paar Sachen mitnehmen, deine Bücher wirf lieber weg, die brauchst du nicht, und am besten schläferst du deine Hündin ein, sie ist dir nur ein Klotz am Bein. Wenn man so arm ist wie du, hat man keinen Hund.
Ich fahre nach Paris, um nach Arbeit zu suchen, überlasse die Hündin Cathérine, doch sie bleibt nicht bei ihr, schlüpft aus dem Haus, läuft all die vielen Gassen hinunter zum Geschäft, steht vor der Rolltür, unserem Hauseingang und weint, Hans fährt zufällig vorbei, nimmt sie mit zu sich nach Hause, doch von dort läuft sie jeden Tag weg in die Berge, wo wir früher wanderten, sucht nach mir, den Streich hatte ich ihr einmal gespielt, an einem warmen Sommerabend, halbwegs die rue Lepic hoch setzte ich mich in ein Café, meine Hündin lief wie immer ins Innere, stellte sich an die Theke, kriegte ihr Zuckerstück, als sie nach draußen lief, war ich nicht mehr da, ich hatte mich in einem Hauseingang versteckt und sah zu, wie sie ins Café zurücklief, dort jeden ansah, auf der Caféterrasse jeden ansah, leise piepste, hechelte, wieder reinlief, rauslief, reinlief, bis ich sie befreite, sie sprang mich an und lachte wie verrückt, ich fühlte mich schäbig und mußte diese Szene später immer wieder schmerzhaft träumen. Hans sperrt sie ein, sie weint stundenlang, ich bleibe eine Woche in Paris, bei Jacqueline, sitze abends auf dem Couchbett und weine vor Schmerz, meine Hündin so verlassen zu wissen, danach weiß ich immer noch nicht, was ich tun soll. Ich bin totunglücklic. Judith und Brad aus München treffen ein, sie wollen mit ihren kleinen Kindern Ferien in einem Nachbardorf machen, jedesmal wenn ich ihnen meine Situation erkläre, fängt eins der Kinder an, mit Piepstimmchen reinzureden, zu plärren, wie Kinder das tun, wenn sie sich langweilen, und was sie vorbringen ist ungemein wichtiger als meine Existenzängste, jetzt hat sich der Abgrund zu meinen Füßen aufgetan, den ich immer dort vermutet habe, ich habe nur nicht hinsehen wollen.
Wir sind im Februar, das Geschäft ist geschlossen, ich bin ja im Urlaub, treffe mich ab und zu mit einem Deutschen, der unten in Port-Grimaud ein Haus gemietet hat. Er ist Architekt, hat ein Grundstück gekauft, wo er mit dem Geld seiner Tante ein eigenes Haus baut, die Grundmauern stehen schon, er will sich hier ein schönes Leben machen, will leben von zahlenden Sommergästen. Wir gehen einige Male aus, er zeigt mir das Lieblingsrestaurant von Franz Josef Strauss, dieser kommt extra angeflogen, erzählt er, dann mietet er das ganze Restaurant für sich allein, ich sehe aber nur nackte Tische und Holzstühle, die Hinterstube einer einfachen Dorfkneipe, wir trinken ein Glas vorn an der Theke, er ist ein falscher Bayer aus dem Ruhrpott, spricht perfekt Bayerisch, ist nett auf eine unaufdringliche Art, es ist unerhört, sagt er, was dieser Hans mit dir macht, gibt es hier keinen Rechtsschutz? Eines Nachmittags nimmt er mich mit nach Le Luc, einem kleinen Ort im Innern des Landes, er hat etwas mit einem Handwerker zu besprechen, unterdessen gehen die Hündin und ich durch die südliche Winterlandschaft, über die dunkle Wolken hasten, ich liebe diese Gegend, sage ich mir und gucke mir alles genau an, wenn ich hier bliebe, was könnte ich machen? Wenn ich mit ihm zusammenzöge, er ist nicht mein Traummann, aber wenn er halbwegs anständig ist, genügt das, ich bin des Kämpfens und Laufens müde, meine Hündin ist alt, ich muß nur irgendeine Arbeit finden.
Mitte Februar entschließe ich mich, bei Hans aufs Ganze zu gehen. Ich habe nie einen Arbeitsvertrag erhalten, bin nur im Besitz eines handgeschriebenen Briefes auf Deutsch, in dem mir einer versprochen wird. Nirgends steht geschrieben, daß mein Arbeitsvertrag, der de facto besteht, auf ein Jahr beschränkt ist, Hans hatte sich das wieder aus den Fingern gesogen, die Realität nach Belieben zu seinem Vorteil verdreht, ich sage zu ihm, ich habe alle Sicherheiten in Deutschland aufgegeben, um hierher zu kommen, jetzt wirfst du mich auf die Straße, du hast versprochen, mir zu helfen und es nicht getan, in Frankreich gibt es Arbeitsgesetze, ich habe weder Vertrag noch Lohnzettel, du hast mich nie richtig ausgezahlt, ich werde mich erkundigen, ob das alles legal ist. Er läuft rot an, nach einer bestürzten Sekunde ruft er wütend, von dir lasse ich mich nicht erpressen. Ich setze dich sofort raus, ab sofort ist das Geschäft geschlossen, du gibt mir alle Schlüssel, zwei Monatsgehälter kriegst du, in zwei Wochen bist du hier verschwunden. Er weiß, ich kann nichts tun, ich habe kein Auto, kann nicht das Telefon benutzen, es gibt kein Arbeitsamt in Grimaud. Er weist seinen Steuerberater an, mir Gehaltszettel als Halbtagskraft auszustellen, wegen des niedrigen Gehalts, erklärt mir dieser, und eine offizielle Verabschiedung, als Grund meiner Kündigung gibt er an: Inkompetenz. Ich gehe zur Post, rufe Freunde in Paris an und die Antiquitätenhändlerin, ob ich meine Sachen jetzt schon bei ihr unterstellen kann, es tut mir sehr leid, erwidert diese, Hans hat mir gesagt, ich soll nichts für Sie tun, ich kann Ihnen nicht helfen, jetzt fängt es richtig an zu zwacken, ich sollte es wirklich mit diesem Architekten versuchen, außerdem ist seine Wohnung halb leer, er hat kein Sofa, es würde alles gut in sein Haus passen. Bekannte kommen vorbei, sie haben ein richtiges Antiquitätengeschäft an der Straße nach Saint-Tropez, alles mögliche Zeug steht und liegt durcheinander, ist voller Staub, man kann richtig stöbern, sie verstehen nicht, was in Hans gefahren ist, aber so gut kennen sie ihn nicht, sie sind bereit, mir mit ihrem Auto beim Umzug zu helfen, der Architekt gibt zögernd nach, schließlich will er mich doch irgendwann im Bett haben, ich packe meine Sachen im Kellerloch ein und unten in Port-Grimaud wieder aus, ich mache alles allein mit meinen Bekannten, schleppe Unmengen von Kartons in seinen Keller, der deutsche Architekt rührt keinen Finger, ich stelle zwei meiner Büchergestelle wieder auf, Bücher hinein, die Couch steht jetzt vor dem Kamin, richtig gemütlich ist es bei ihm geworden. Dann sitzt er mir am Küchentisch gegenüber, wir essen zu Abend, er hört nicht auf zu reden, mir zu erklären, wie das Leben ist, wie sein Haus zu sein hat, ich bin nicht erste Wahl für ihn, doch er hat einige Züge echter Weiblichkeit bei mir bemerkt, er redet von seinen anderen Frauen. Nach unserem ersten Geschlechtsverkehr denke ich, quel bon coup, ce type, quelle queue percutante, quelle endurance, doch dann erzählt er mir die halbe Nacht, wie das früher war, als er jünger war, jeden Tag mehrmals, immer heiße Frauen hatte er gehabt, ich bin müde, es gibt keine Zärtlichkeit, keine warmen Gesten zwischen uns, er besteigt mich erneut, ich lasse es mir gefallen, so ein Hengst, denke ich.
Am nächsten Morgen, es ist Samstag, fahren wir nach Saint-Tropez zum Markt, kaufen ein, ich kaufe einen neuen Korb für die Hündin, ihr altes Hundebett ist schwarz durchgeschimmelt, dann bringt er mir bei, wie man kocht und das schmutzige Geschirr in eine Geschirrspülmaschine räumt, alles muß da rein, das desinfiziert, dann soll ich eine Siesta mit ihm halten, das muß jetzt sein, ich bin hier zu Gast, ich lasse mir die Scheide wund reiben. Dann gießt er erneut sein vergangenes Leben über mich und im Bett enttäusche ich ihn, ich bin nicht ganz dabei, bin ich schon ausgetrocknet? Zum Abendessen lädt er mich in ein schönes Restaurant in Sainte-Maxime ein, er setzt mir auseinander, daß Picassos „Guernica“ kein Kunstwerk ist, ein Programmstück ist es, ich denke, Mädchen, wie lange hältst du das noch aus? Der Sonntag verläuft ähnlich, ich kann einige Momente mit der Hündin ausgehen, wir besuchen die Straße, wo Jack früher sein Haus hatte, Beckenbauer wohnte gleich in der Nähe, ein Mann steht im Gebüsch und masturbiert so heftig, daß sein Körper wie im Krampf zuckt und bebt als er mich anschaut, ich laufe zum Haus zurück. Es geht nicht, sage ich zum Architekten. Es ist meine Schuld, sage ich und versuche in seiner Sprache zu sprechen, ich bin einfach nicht scharf genug für dich, ich dachte, mit der Zeit könnten wir ein Gefühl füreinander entwickeln, aber ich mag nicht jeden Tag ficken, geschweige mehrmals. Dann höre ich eine Nacht lang zu, was für ein unmögliches Weib ich bin, keine wirkliche Frau, alle Argumente aller Männer, meines Vaters eingeschlossen, bringt er vor, er hat diese Geschwätzigkeit, die nicht nachlassen kann solange das Gefühl in ihm schwillt, und jetzt gibt er es mir, sein verletzter Stolz ist hoch in ihm aufgerichtet, mit seinen mächtigen Kiefern zermalmt er mich unermüdlich, und ich bin wie immer, das kleine Mädchen, das niemandem genügen kann, das trotzdem seinen eigenen Weg nimmt. Am nächsten Tag organisiere ich meine mühsame Reise nach Paris und trete den Weg in mein jetziges Leben an.

Als ich heute meine Bankdame am Telefon sagen hörte, es ist alles bewilligt, die Papiere werden Ihnen zugestellt, nach zehn Tagen müssen Sie sie unterzeichnet zurückschicken, dann ist das Geld verfügbar, das Haus ist Ihnen sicher, und sie lachte vor Freude, denn sie nimmt Anteil, da fand bei mir eine Häutung statt, es glitt von mir wie ein Kettenhemd, ich wurde leicht, leicht in meinen Innereien auch, meine Magenwände glätteten sich, mein Atem schwebte in mir, ich lachte nicht vor Freude, ich fühlte mich seltsam, an sich fühlte ich nichts, leer war ich, alle Taue des Sonnengeflechts lockerten sich, die schwarze Spinne zog ihre Fühler ein, die mein vegetatives Nervensystem seit Wochen im Griff hatten, Depression, Müdigkeit, Tinitus, Hitzewallungen, Kopfschmerzen, Inkontinenz, Schlaflosigkeit, Essensunlust, es war, als hätte ich endlich was verdaut, und nun konnte ich mich mit dem anderem füllen, das auf mich wartete, das Zerstückeln meines jetzigen Lebens und die Mosaikarbeit der Schaffung eines neuen. Was las ich bei Lévinas? – vielleicht wird es die schwarze Spinne beschwichtigen – „... la réalité déchire les mots et les images qui la dissimulent pour s’imposer dans sa nudité et dans sa dureté. Dure réalité (cela sonne comme un pléonasme!), dure leçon des choses...“, diese Zerreißung ist nicht zuende, sie wird immer da sein, die harte Realität, es sind neue Tage zu füllen, sich nicht von der Zeit zerstückeln lassen, sich nicht der Nicht-Zeit hingeben, dem Wind lauschen, die Knospen sich entfalten sehen, sich ihrer freuen, sie vergehen sehen, wie alles vergeht.

Papiercollage, Marie-Françoise Henry, 2006