Analyse eines Lebens - fast ein Roman

II



Ich sitze in meinem toilettenumrauschten Zimmer am Tisch und rühre mich nicht. Oft schlägt neben mir der Regen an die Scheiben. Mein doppelter Wollumhang liegt auf meinen Schultern, denn vom Fenster her zieht es. Ich bin eine verlangsamte Maschine. Meine Körpertemperatur ist 36 Grad. Mein Blutdruck 110/70. Mein Herz schlägt sechzigmal die Minute. Mein rechtes Augenlid zuckt. Meine Füße, meine Hände sind eiskalt. Ich lege mir eine Wärmflasche unter die Füße, stecke die Finger unter die Achselhöhlen. Ich könnte ausgehen. Wohin sollte ich gehen, die Kälte ist überall. Mein Mann schläft nebenan, unsere Zimmer trennt eine vernagelte Verbindungstür, deren eine Hälfte an seiner Seite von einem Wandschrank eingenommen ist, durch die jeder Laut zu ihm dringt. Ich kann nicht telefonieren, nicht das Radio anstellen, eine CD würde ihn stören. Wenn die Katze schreit, ich in der Küche rumhantiere, wenn ich mein Fenster auf- oder zumache, was nur mit einem lauten Ruck geht, weil von all dem Regen das Holz aufgequollen ist, dann brüllt er auf und mein Magen zieht sich zusammen. Im Wohnzimmer mache ich keine Ordnung mehr. Der Tisch ist dreckig und klebrig. Auf dem Eßzimmertisch stehen keine Blumen. Ich bin hier nicht mehr zu Hause. Ich gehe durch die Wohnung wie ein Schatten. Draußen ist es meist dunkel.

Seit einiger Zeit tagträume ich. Ich träume Gucklöcher in meine Existenz, durch die ich mich in der Zukunft erschaue. Ich lebe in einem kleinen Dorf in Sizilien, am Rande Europas. Die klare, blaue Luft des Mittelmeers ist um mich, ich lese endlich Homer, der mich wegträgt ins Zeitlose, denn die Zeit zerrinnt mir jetzt endgültig zwischen den Fingern: schon jetzt kann ich zwischen den Unsterblichen mich aufhalten. Mein Haus ist so wie es sich die Frau in einer meiner Kurzgeschichten erträumt. Der große Baum, die Pinie reckt sich über dem kühlen Steinhaus, dunkelgrüne Fensterläden, innen geweißte Wände, Fliesen auf dem Boden, wenig Möbel, meine Bilder. Ein Kamin für den Winter. Einige Kammern. Eine Dusche. Ein Garten, wo ich Gemüse ziehe. Ein paar namenlose Katzen streifen umher. Auch ein Hund liegt faul in der Sonne. Auf meiner Stereo-Anlage spielt laute Orgelmusik oder singt Sarah Vaughan oder Nina Simone. Ich sitze manchmal vor meinem Computer, lese darauf alle möglichen Zeitungen oder schicke E-mails an Freunde. Dann bestelle ich ein neues Buch, das Leben des Dr. Johnson von Boswell. In Englisch. Es ist auch hier kalt im Winter. Ich will vor dem Kamin sitzen und Boswell lesen. Der Frühling wird bald kommen, es hängt vom Regenfall ab, wieviele wilde Blumen aus dem Gestein wachsen.
Manche behaupten, das Träumen ist eine bekömmliche Flucht aus der Wirklichkeit, seine Intensität ist Funktion vorangegangener Desillusion und kann diese in endlosen Spiegelungen ins Endlose treiben, wo das Objekt nicht mehr wahrzunehmen ist, sondern nur das dunkle Gefühl der Ohnmacht vor dem Schicksal bleibt. Ich will keinen Traum, der nur die Unwirklichkeit ruft, ich will den Moment, in dem Vergangenheit und Zukunft zusammenfließen in ein erfülltes Jetzt. Ich habe nie viel geträumt, weil ich von vornherein meine Chancen zur Erreichung eines erstrebenswerten Ziels als Null ansah, und sich auch nicht ein einziges vor mir auftat, das die übermäßigen Mühen wert schien, die zu seiner Erreichung nötig waren und mich vom Eigentlichen wegzogen: dem Leben. Ich habe nie ausdrücklich nach Besitz gestrebt, sehe ihn als einschränkend an, habe manches ohne zu viel Schmerzen hinter mir gelassen, denn ich mag mich von äußeren Umständen nicht beherrschen lassen. Jedoch nicht gezögert, mich praktisch mit dem Schopf zuerst, wie Münchhausen, aus dem Schlamassel zu ziehen, wenn es anstand. Und wie ich das jetzt sehe, habe ich einen Alkoholiker geheiratet, um nicht den Rest meines Lebens in bitterer Misere und Einsamkeit zu verbringen. Oder nicht?

Als ich meinen Mann traf, steckte ich unleugbar in der Scheiße, wie so oft schon. Es war Herbst und ich wohnte in einem südlichen Viertel von Paris bei einer gleichaltrigen Frau, die mir für monatlich zweitausend Francs eins ihrer Zimmer vermietete, Bad- und Küchenbenutzung eingeschlossen. Gerade waren meine Bücher und Möbel aus Südfrankreich eingetroffen, und ich versuchte, sie darin unterzubringen. Meine Hündin war bei mir. Seit drei Monaten suchte ich nach Arbeit. Das Geld, das meine Mutter mir gegeben hatte, lief langsam aus. Meine Sachen hatten lange auf einer Baustelle, nicht weit von Sainte-Maxime gestanden, wo sie dank des Mistrals total verstaubten.
Im Frühjahr hatte ich meine Arbeit verloren. Mein deutscher Chef hatte mir gekündigt, das Telefon gesperrt und mir einen Auszugstermin gesetzt, denn er war Eigentümer auch meiner Wohnung. Da saß ich ohne Geld mit meiner Hündin in einem Hügeldorf der Provence und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich war wieder einmal fürchterlich reingelegt worden.
Kurz lief ich einer Fata Morgana hinterher. Ich hatte einen deutschen Architekten getroffen, der dabei war, sich ein Haus nicht weit von der Küstenstraße, auf Sainte-Maxime zugehend, zu bauen. Wir beschlossen, es miteinander zu versuchen. Ich zog in sein gemietetes Haus in Port-Grimaud, räumte meine Sachen bei ihm ein. Doch hielt ich es nur drei Tage aus, dann sagte ich mir, der Mann ist ein Aufschneider, ein Großredner, ein kompletter Egoist, ein Diktator, ein Sexbesessener und sonst nichts. Ich verließ ihn auf der Stelle. Ließ meine Sachen bei ihm, die er zwei Monate später mit auf seine Baustelle nahm. Damit hörte dann seine Nettigkeit auf.
In Paris quartierte ich mich bei meinen alten Freunden ein, schlief auf dem Couchbett des Wohnzimmers. Meine Hündin war dreizehn und inkontinent. Sie war seit vielen Jahren gewöhnt, nur rauszulaufen und sich auf dem Erdboden zu erleichtern. Die fünf steilen, polierten Treppen im Haus meiner Freunde waren zu viel für ihre alten Glieder. Es gab keinen Fahrstuhl. Sie pinkelte ins Treppenhaus, ihr Urin tröpfelte von Etage zu Etage, ich lief hinterher und wischte auf. Sie pinkelte auf den Wohnzimmerteppich meiner Freunde. Setzte sich hin und pinkelte, als sei sie auf einer Wiese. Der Teppich meiner Freunde war alt und dreckig und roch bestimmt gut von dem vielen Leben, das über ihn gegangen war. Ich hatte einen gefüllten Eimer mit Aufnehmer neben mir, wartete auf das nächste Mal. Meine Freunde waren betrübt über mein Unglück, aber was konnten sie tun?
Unter dem Bauch meiner Hündin hingen wie Gummibälle zwei harte Zysten. Ich kam auf die Idee, sie ihr wegoperieren zu lassen, brachte sie zu einem alten Tierarzt in einem Hinterhof des place Clichy. Als sie mich nach der Operation, noch groggy von der Anästhesie, in der Tür stehen sah, hob sie ihren Kopf und schlug mit dem Schwanz voller Freude auf den Tisch, auf dem sie mit verbundenem Bauch lag. Meine Hündin war mir teuer. Sie war seit langem meine einzige Konstante. War meine Heimat, meine Verantwortung. Ich beschloß, sie sofort mitzunehmen, trug sie auf meinen Armen durch die Straßen, die fünf Treppen hoch in die Wohnung meiner Freunde. Sie war schwer, wog über zwanzig Kilo. Meine Brust schmerzte und ich wußte nicht, war es das schwere Tragen oder das Herzweh.
Dann ging ich zum Bruder meines früheren Chefs, der nicht weit weg seine Firma hatte und bat ihn um den Deckel seines Hundecontainers. Ich stellte ihn auf den Balkon meiner Freunde, hinter die Fenstertür des Wohnzimmers. Er war aus Fiberglas, mit einer nicht ganz bis zum Boden reichenden Öffnung an einem Ende. Dann lief ich zu Heinrich Heines Friedhof nebenan, zu Jacques dem Totengräber, mit dem ich früher ab und zu an der Bar eines der Cafés gestanden hatte. Er gab mir einen Sack voll Sand, trug ihn mir die fünf Etagen hoch. Den Sand schüttete ich in den Hundecontainer. Dann hob ich meine Hündin auf und willig ließ sie ihren Urin auf den Friedhofssand fließen. Meine Hündin, die sich nicht allein erheben konnte, weil ihr Bauch bandagiert war, blieb nun liegen und wartete, daß ich sie auf ihr Klo hob. Nun konnte ich selber zum Arzt gehen.
Bei mir wurden auch Zysten in der Brust festgestellt, die unbedingt herauszunehmen seien, ein Termin Anfang Juni für eine Operation festgesetzt. Das war in zwei Monaten. Ich konnte nicht so lange bei meinen Freunden bleiben, so fuhr ich nach Norddeutschland zu meiner Mutter. Mein Vater war glücklicherweise nicht mehr am Leben und konnte zu meiner neuen Situation keinen seiner bissigen Kommentare abgeben. Ich erlebte einen norddeutschen Frühling, spazierte durch den Wald hinter dem Haus mit meiner Hündin, die sonst das Zimmer, in dem ich schlief, nicht verlassen durfte; sie schaute mich still vorwurfsvoll an, ihre Wunden am Bauch verheilten langsam. Meine Mutter fiel zurück in unser altes Schema, ich wurde kontrolliert und zurechtgewiesen, ich schrieb einen verzweifelten Brief nach dem anderen an Eva.

„Liebe Eva, schrieb ich, halbwach wie ich bin, weiß ich so recht nichts mit mir anzufangen. Ich habe große Mühe, meine Emotionen auseinander zu halten, ganze Mückenschwärme von ihnen machen sich über mich her.
Die bekannte Haube der Müdigkeit hat sich über mich gestülpt, ich bin so schwach, daß ich mich nur von Stuhl zu Stuhl bewege. Mein Gesicht hängt zu Boden Es hat keinen Ausdruck mehr, die Lider decken dick und schräg nach unten fallend meine Augen halb zu, alle Hautlappen ziehen nach unten. Als ich mich zufällig im Spiegel sah, war ich erschreckt. Alles war noch da, wo es immer ist, nur war es platt und leblos. Ich sah alt aus. Und sah aus wie sie. Als Kind fürchtete ich die Augen meiner Mutter, die grau und fahl waren, ohne Glanz, kleine graue Knöpfe, so grau wie der Himmel draußen.
Gestern fuhr ich mit dem Rad in die Stadt, setzte mich in ein Café. Ich trank eine Tasse Kaffee und weinte. Ich wußte plötzlich, was mit mir los ist. Es war meine Mutter. Da ich gerade im ständigen Feuer ihrer Zurechtweisungen stehe, fühle ich die Fäden, die von meiner Hilflosigkeit dem Leben gegenüber zurückführen zur absoluten Bevormundung in meiner Jugend und zum Druck, den meine Mutter durch ihr abschätziges, ungeduldiges, unliebevolles Verhalten auf mich ausübte. Ich hatte kein Recht auf Eigenleben, Eigenbedarf, Eigeninitiative, mußte tun, was sie mir mit harter Geste zeigte, wurde dabei auf Schritt und Tritt überwacht. So macht man das nicht; das ist Quatsch! Unsinn, das braucht man nicht; was soll das? Was machst du da bloß! sagte sie. Seine Pflicht tun, nichts verschwenden, sich zusammennehmen, zur Kirche gehen, Klodeckel zumachen, Füße abputzen, sich nicht an Sofakissen lehnen, im kalten Zimmer schlafen, nichts hinstellen ohne Untersatz, Dinge an den richtigen Platz stellen, Türen zumachen, handarbeiten, seine Strümpfe stopfen, nicht untätig rumsitzen, hilfsbereit sein, nicht beim Essen reden, nicht im Weg stehen, keine Extrawünsche haben, essen was auf den Teller kommt: mehr hat sie mir nicht beigebracht. Ihre Haushalte, ihre Welt, standen voller Symbole des Verbots, es war wie im bösen Märchen: überall Fallen, die man umgehen mußte, um lebend davonzukommen.
Die Freudlosigkeit tötet mich, die Kälte, das Alleinsein. Letzte Nacht konnte ich bis fünf nicht schlafen, am Ende hörte ich die Morgenvögel singen. Ich bin zerfressen von Haß. Ich will ganz offen sein: ich schreie vor Schmerz, daß sie meine Mutter ist, daß sie so kalt ist, daß sie so beschränkt ist. Für mich, die ich andere Werte habe, andere Maßstäbe setze, andere Dinge denke als sie, ist sie wie ein Schlag ins Gesicht der Vernunft. Meine Mutter tötet mich. Jedoch nachdem ich mir das laut und oft genug gesagt habe, brechen die Verhärtungen und Schwielen meines Herzens auf und ihre alte, gebeugte Gestalt, ihre graue Haut, ihre grauen Haare, die ich jeden Samstag auf Lockenwickler drehen muß, rühren mich an, und ich fühle einen vagen Willen, ihr gutzutun. Mein Gott, denke ich, sie ist meine Mutter, so lange schon, und ich will es nur immer vergessen und so weit wegrennen wie möglich, und doch gab es eine Zeit, wo sie mein Horizont war, meine Hoffnung, meine Liebe. Sie ist mir zu einer Idee geworden, die ich hasse und verwerfe, weil ich nicht ihr angemessen weder handeln noch sein kann, und das ist ein Teufelskreis, aus dem ich nicht herausfinde. Dann wiederum gibt es Tage, da fühle ich ihre Dumpfheit wie eine opake Kugel um mein Gehirn gelagert; ich bin ohne Geist, nur graue Masse wie sie, ein Lehmklumpen, in den Gott vergessen hat, Leben einzuhauchen, wie heute, wo ich keinen rechten Gedanken fassen kann, alles Denken unmöglich ist und mein Herz schwer ist, weil da absolut nichts mehr ist, das mir Freude machen könnte.
„Liebe Eva, schrieb ich, es ist wieder die Zeit meines wöchentlichen Kirchenbesuchs, es scheint eine Stunde zu sein, die, weil außerhalb meines Willens, mich in ein Vakuum wirft und meine Eingeweide von innen nach außen kehrt. Heiliges ist vermischt mit Unheiligem und Körperfunktionen sind sehr emphatische Zeichen von etwas anderem, so ganz selbstständig, als seien weder der Geist noch die Seele beteiligt. Mit Kaffee bringe ich gewöhnlich meine gestörte Peristaltik in Gang, sonst leert sich mein Darm nicht, wenn er sollte: gebrochene Kausalität. Doch dann ist die Wirkung verheerend. Mein Magen schlägt um, Druck breitet sich aus, etwas, wofür ich keine Worte habe, zwischen stumpfem und spitzem Schmerz. Wenn ich ihm nachhorche, ihn erfühlen will, um zu wissen, was los ist, schiebt sich den Dingen außerhalb mir ein Sinn, eine Bedeutung unter, die ich nicht kenne, die etwas Störendes, Bedrohliches haben, das summt und ausschwingt und ich fühle, wie eine Art Spirale sich bildet, die stärker und höher sich windet als könnte sie mich mitnehmen, mich wegsaugen, der Atem wird mir kurz, die Spirale steigt und steigt und wo wird sie enden? Ich muß sie kurzerhand vor der Spitze abbrechen und etwas ganz furchtbar Normales tun, sonst falle ich in totale Panik.
Ich ging in die Kirche, stellte mich mit den anderen Zuspätgekommenen hinten hin. Da stand ich und fühlte mich wie das leibhaftige Herz Jesu, mit offener Brust, das Innere nach außen gekehrt, alles was ich von der Messe mitbekam, machte einen seltsamen Eindruck auf mich, der Priester, der Gebete sprach, Kommunion austeilte, die Menschen, die zum Altar strömten, es legte sich wie dicke Paste auf meine Brust, ich fühlte mich, als sei ich am Ersticken. Das war mein altes Schuldbewußtsein. Und die Wut und das Ressentiment über den Druck, den diese meine alte Welt auf mich ausüben will, und das Wissen, daß kein Segen des Priesters in der Lage ist, mich zu erlösen, weil ich mich, meine Freiheit, mein Selbst, ihm nicht übereignen will, daß ich allein bin und nichts gemein habe mit den Menschen um mich herum.
„Liebe Eva, schrieb ich, ich sitze den ganzen Tag in meinem halbdunklen Zimmer, denn ich wage nicht, das Licht anzumachen, zu den Mahlzeiten ruft meine Mutter mich, zum Mittagessen um zwanzig vor zwölf, zum Kaffee um halb drei. Im Wohnzimmer tickt die alte Uhr, die nie mehr richtig geht und doch jede Woche aufgezogen wird. Längst gibt es am Riesenfernseher eine exakt gehende Digitaluhr. Die alte Uhr schlägt nur mehr – falsch – die längst vergangenen Stunden, hat nur mehr Relevanz, um zu zeigen, daß Gewohnheit und System die Herrschaft übernommen haben. Wächter und Polizist einer längst überfälligen Ordnung, die nur des Prinzips willen eingehalten wird. Oder ist es aus Instinkt, um nicht in die Leere einer Nichtfunktion zu fallen?
Dann enthemmt meine Mutter ihren Redefluß und ich bin gefangen wie die Fliege im Spinnennest und muß bezahlen für die zwei, drei Knäckebrote, die ich pro Mahlzeit esse, oder das Stück gefrorenen Hühnerschenkel. Meine Mutter redet mit ihrer Stimme, in der sich nichts abspielt, über die trivialsten atomhaften Details ihres Daseins, über katholische Morgenandachten, über die Friseuse ihrer Nachbarin und deren Freund, der beim Malteser Hilfsdienst arbeitet, über die andere Nachbarin, die dumm ist, ihre Tochter bei jeder Gelegenheit um Rat fragt. Ich liefere ab und zu ein Stichwort, und von da folgt sie ihrer eigenen Fährte, doch ich kann nicht achtgeben, es ist alles zu weitläufig und verzweigt, ohne Interesse. Manchmal denke ich, ich kann ihr etwas von mir erzählen, sie hört gar nicht, was ich sage. Manchmal möchte ich Anteilnahme, ich sage, ich habe Magenschmerzen, und sie erwidert, ich habe es nie mit dem Magen. Oder ich sage, meine Beine tun heute weh, sie sagt, das habe ich früher nie gehabt.
Eine alte Freundin kam vor drei Tagen, wir saßen alle drei einen Moment zusammen, wir beide hörten meiner Mutter zu. Meine Freundin ist guten Willens, geht auf meine Mutter ein, findet ab und zu unter den vielen Leuten, die meine Mutter streift, jemanden, den sie auch kennt, dann sagt sie, stellen Sie sich vor, er ist jetzt ganz krank, habe ich gehört, und meine Mutter plappert weiter, ja, sagt sie, ich habe ihn noch vor einem Jahr gesehen, da wollte er mich nach Hause fahren, wir waren auf einem Treffen der alten Lehrer, und meine Freundin sieht sie ganz hingegeben an, macht auch das dazugehörige dramatische Gesicht, nur fällt sie dann ins Leere, meine Mutter redet von was anderem weiter, das Stichwort hatte sie sich selber geliefert, Lehrertreffen, und meine Freundin wußte im ersten Moment nicht, wie sie ihr Gesicht wieder hinkriegen sollte.
Ich fühle, daß es unmöglich ist, zu meiner Mutter durchzudringen, ihr auch nur das kleinste bißchen klar zu machen. Mein rationaler Aufbau fällt bei ihr flach. Sie ist wie ein kleiner geschlossener Kosmos, der seine Grenzen nach außen hin verteidigt, seine Grenzen und seine wesenseigenen Gesetze, die sie sich geschaffen hat, um jeden verdammten Tag nach dem anderen mit seinen Schmerzen und Enttäuschungen, ihrem Alleinsein, leben zu können. Nach außen hat sie sich der Religion und den herrschenden Regeln der Gesellschaft übergeben, was von ihrem Selbst übrig ist, darf sie selber verwalten. Das sind dann die Kellerräume und Nebenkammern, zwielichtig und feucht, voller Gerümpel: das vollkommen Irrationale, das Unterdrückte, das Versteckte, was das Auge nicht sieht, das Ohr nicht hört, der Verstand sich nicht erklären kann; die wirklich antreibenden, vitalen Kräfte einer Person haben ihren Ursprung in eben jenen Rumpelkammern der Seele, in die niemand Einblick hat. Sie darf, da ja ihre gute Stube hell und luftig ist und mit sauberen Gardinen, darin als freie Person schalten und walten, ganz nach Gutdünken, darf ihren Willen durchsetzen ohne danach zu fragen, ob es Recht oder Unrecht gibt. Wer unfreundlich und mies ist, tötet ja nicht.
Meine Mutter muß, komme was wolle, ihre altgediente Lebensstruktur lassen wie sie ist, weil sonst der Sinn fehlte, das, wofür sie gelebt hat. Ihr Verhalten ist nackter Wille zum Überleben. Und da nackter Wille oft brutal ist, ist sie brutal. Wer an ihr selbstgebautes Sinngefüge rührt, bekommt ihre harte Hand zu spüren. Das System hält sie am Leben.
Als ich endlich fand, ich könnte hinter die Dinge sehen und sich mein Verhalten meiner Mutter gegenüber, daraus ganz natürlich hervorgehend, ein wenig besserte, kam sie mir überraschenderweise entgegen: sie will mir für meinen Neuanfang fünftausend Mark geben (ich habe Angst, das in Ziffern zu schreiben, als sei ich abergläubisch). Seltsam? Irrational?“

Als ich im Juni wieder in Paris eintraf, ging ich mit meiner Hündin vom Bahnhof zu Fuß zu meinen Freunden, besuchte jedes kleine Hotel auf dem Weg, um höflich zu fragen, ob sie Hunde akzeptierten. Ohne Erfolg. Bei meinen Freunden konnte ich mit ihr nicht mehr wohnen, sie hatten den Teppichboden ihres Wohnzimmers neu auslegen lassen. So gab ich die Hündin dem alten Tierarzt am place Clichy in Pension.
Nach der Operation fand ich über eine Anzeige im Goethe-Institut eine kleine leere Wohnung am Rand des ärmlichen 20. Arrondissements zur Untermiete. Meine Freunde liehen mir ein Feldbett, einen Campingstuhl und einen Campingtisch, meine paar Sachen brachte ich in Gemüsekisten vom Wochenmarkt unter. Holte meine Hündin im Taxi ab, stellte ihren Korb in eine Zimmerecke. Und suchte nach Arbeit. Es war Sommer. Der Sommer ist eine schlechte Zeit für Arbeitssuche, jeder denkt nur an Ferien. Eines Morgens wachte ich auf, auf meinem nackten Arm spazierten braune Kakerlaken. Ich starb nicht vor Schreck und Abscheu: sie waren mir schon über den Weg gelaufen. Einmal fand ich in einem Restaurant am Montmartre einen Kakerlak in meinem Gemüse; anderswo krochen die Schaben zwischen den Gästen die Wände hoch; in Berkeley wimmelten sie in der Küche einer Hippyfamilie. Als ich den Sitz der Schaben unter dem Korb meiner Hündin fand, ging ich in die Apotheke, vertilgte die Biester mit Chemie.
Dieser Text sollte zu einer Geschichte werden:
Den ganzen Sommer über hatte sie auf einem Feldbett in einem leeren Zimmer, das sie am Rande der Stadt untergemietet hatte, verbracht, ihre Sachen in Holzkisten vom Markt verstaut, denn sie war nach fast einem Jahrzehnt in diese Stadt zurückgekehrt und ihre Möbel und Bücher waren in der anderen Stadt geblieben, sie hatte über ihre ungewisse Zukunft nachgedacht, saß, wenn sie nicht in der Stadt herumlief, um nach Arbeit zu suchen, in ihrem einzigen Pullover auf dem Feldbett gegen die kalte Wand gelehnt, denn es war ein kühler, regnerischer Sommer und nur am Abend kam die Sonne unter der Wolkendecke wie unter einem Dach hervor. Das Zimmer ging auf einen Hof hinaus, der umstanden war von hohen, modernen Mietshäusern. Wenn sie von der Post zurückkam, wo sie ihre dicken Bewerbungsbriefe eingesteckt hatte, schlenderte sie durch die fremden, doch bald vertrauten, schäbigen Straßen, über den kiesbestreuten Vorplatz des Einkaufscenters, der dem Viertel als Dorfplatz diente, wo Kinder und Hundebesitzer bis spät in die Nacht sich verzögerten, saß dann in ihrem Pullover auf dem Feldbett gegen die kalte Betonwand gelehnt und lauschte dem sich verdünnenden Echo der um die Wohntürme kreischenden Mauersegler und dem Küchengeklapper, das aus den vielen offenen Fenstern wie hartes Klaviergeklimper hallte, dessen Reste erst verklangen, wenn sie in ihren ersten Schlaf fiel.
Aus dieser Wohnung mußte ich am 31. August ausziehen. Im August ist Paris tot. Ich fand weder Arbeit noch Wohnung. Das Goethe-Institut war geschlossen. Am 30. August schaltete ich eine Anzeige in der „Libération“. Frau mit Hund sucht Zimmer bei Privatperson. Zwischen Packen und Wohnungsputzen hatte ich ein paar Sexfreaks am Telefon. Schließlich rief um neun abends diese Frau an, die mir ein Zimmer anbot. Kurz vor Mitternacht stand ich mit meinen Siebensachen vor ihrer Tür.
Damals war ich dabei, einen billigen Liebesroman aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen. Ich saß in meinem Zimmer und tippte den ganzen Tag auf meiner kleinen Schreibmachine, suchte weiterhin nach Arbeit. Ich war nicht unglücklich, obwohl ratlos. Ich stand einer neuen Marktforderung gegenüber: Textverarbeitung. Davon hatte ich nie gehört.
Da der Herbst heranrückte, entschloß ich mich, einige meiner Wintersachen zu holen, die auf der Baustelle des Architekten lagerten. Ich ging zu einer Mitfahrerzentrale, fand jemanden, der mich und die Hündin billig bis Hyères im Auto mitnahm, schickte ein Telegramm an den Architekten, ob er mich bitte abholen könnte. In Hyères wartete ich eine Weile, doch er kam nicht. Kurzentschlossen nahm ich mehrere Busse, bis ich jenseits von Saint-Tropez ausstieg. Es war schon dunkel. Ich ging einfach mit meinem leeren Koffer und der Hündin an der Leine im Scheinwerferlicht der vielen Autos die Uferstraße, die nach Sainte-Maxime führt immer geradeaus. Etwas würde sich schon ergeben. Nach einer Stunde stoppte ein Auto neben mir, der Architekt stieg aus, sagte, um Himmels willen, ganz vergessen, zufällig habe ich die Ulane – meine Hündin – beim Vorüberfahren erkannt. Wir waren weniger als einen Kilometer von seiner Baustelle entfernt. Es war fast Mitternacht.
Ich blieb eine Woche auf der Baustelle, wir lebten in einer unverputzten Garage, wo sich nachts der kalte Mistral drehte und vom Dachgeschoß auf uns herabschoß. Morgens, bevor die Arbeiter kamen, nahm ich in einer Ecke der Baustelle eine eisige Dusche mit einem Schlauch, dann mußte ich verschwinden. Ich ging zu einem nahegelegenen Motel, aß ein Frühstück und wärmte mich mit der Hündin den Vormittag über in der Sonne und las. Fast wie Ferien. Da ich mir kein Mittagessen leisten konnte, liefen wir in der kräftigen Nachmittagssonne in der Gegend herum, bis zu meinem alten Dorf hoch, wo ich Freunde besuchte. Ich hatte mit meinem Chauffeur verabredet, daß er mich nach einer Woche wieder mit zurücknahm. Doch ich hatte umsonst gewartet, er ließ mich sitzen. Nun hatte ich nicht genug Geld für den Zug. Der Architekt weigerte sich, mir in irgendeiner Weise zu helfen. Ich packte meinen Koffer voll, plus einige Kartons. Die Eltern einer Freundin, die in St.-Raphael wohnten, wo ich in den Zug stieg, nahmen meine Packen in ihrem Auto mit. Ich ging mit meiner Hündin zur Bushaltestelle an der Uferstraße. Im Bus saß ein Bekannter, Marcel, ein geschwätziger alter Mann aus dem Dorf, der mich zum Zug begleitete. Er gab mir den Rest des Geldes, das ich für den Zug brauchte. Ich gestehe mit großer Scham, daß ich es ihm nie zurückgezahlt habe. Er wohnt nicht mehr im Dorf. Als ich meine Sachen in den Zug packte, verhob ich meine linke Schulter. Nachts teilte ich das Abteil mit einer prallen, blonden Schwedin, die mir ihre Schweißfüße zudrehte.
Zurück in Paris rief mich der Architekt an, aus seiner Nachbarschaft führe ein leerer Möbelwagen nach Paris hoch, er wollte meine Sachen den Möbelpackern mitgeben, für tausend Francs. Ich sagte zu.
Kaum hatte ich alles eingeräumt, meine Bücherregale aufgerichtet, traf ich meinen Mann.

Zehn Tage vor Weihnachten stand mein Mann nicht mehr auf. Er verließ das Bett nur mehr zum Wasserlassen. Wasser oder Wein? Denn er nahm nur mehr Wein zu sich. Zu Anfang ging er noch mitten in der Nacht zum Kühlschrank, pulte sich eine Scheibe gekochten Schinken aus der Packung, doch nun hat er schon lange gar nichts mehr gegessen. Ich kann ihn schnarchen hören. Um weiterschlafen zu können, stürzt er ab und zu eine Handvoll Beruhigungspillen mit seinem Wein runter. Extra für Alkoholiker. Der Apotheker gibt sie mir ohne Rezept. Wenn er seine Tür öffnet und ich bin gerade im Flur, macht er sie schnell wieder zu. Er will mich nicht sehen, oder, will er nicht, daß ich ihn sehe? Ein Rest sozialer Scham? Mein Blick soll ihm nicht sagen, wie er aussieht? Oder will er nicht sehen, daß ich ihn nicht mehr ansehe? Doch, ich sehe ihn. Er trägt noch immer dasselbe befleckte Nachthemd über seiner dunkelblaurot gestreiften Pyjamahose. Wenn er durch den Flur geht zieht er einen breiten Streif seines strengen Geruchs hinter sich her. Ich ekle mich nicht. Es tut mir weh, meinen Mann in dieser selbst zugefügten Un-Würde zu sehen.

Er bewohnt im Moment eine weiße, lichtlose Hölle, in der es Zeit und Raum nicht gibt. Er ist eine Monade, doch noch diese soll der Welt und sich selbst ersterben. Er will die Augen schließen, davongetragen werden, aber nicht wissen, wohin es geht. Wahrscheinlich nehmen die Träume ihn auf ihre Schwingen, tragen ihn zurück, dahin, wo es die Zeit noch gab. Vielleicht ist es eine Form der Suche nach Glück, welches über ihn kommen soll wie eine Gnade. Für Gnade braucht man nichts zu tun, das weiß er, der Jesuitenschüler, obwohl er Luther und alle Lutheraner haßt, aber er hat Augustinus gelesen. Er hat sich nie quälen wollen. Da er außerhalb der Zeit ist, kann sie ihm nicht mitspielen. Bewußtlos ist er als Materie nicht vorhanden, daher ist er dem Tod nicht unterworfen, er lebt in einem ewigen Jetzt, in dem sich nichts bewegt.
Mein Mann hat mit sechzehn angefangen zu trinken. Er hat sich nie versteckt, hat immer stolz verkündet, er ist Alholiker. Stolz darauf, daß er nicht zu denen gehört, zu den Bürgern, die heimlich trinken, und die er bei den AA-Treffen hatte Bekenntnisse ablegen hören, „I am an alcoholic“. Er wollte ein Anarchist sein, jemand, der alles anzweifelt und nach seinen eigenen Gesetzen lebt. In seiner Tiefe ist Liebeshunger und die Sehnsucht, ein anständiger Mann zu sein. Seit Jahren spricht er von seinem Ende. Er spielt damit, sagt, I’ll soon be dead anyhow. Daß er an einer Polyneuritis leidet, einer typischen Alkoholikerkrankheit, hat er jahrelang ignoriert. Sein dummer Arzt hat ihn darin bestärkt, sagte, er hätte eine Arthrose. Ich ließ es ihm schließlich mit viel List von einem anderen Arzt beibringen, und tatsächlich hat er sich vor Schreck einer Entziehungskur unterzogen, doch lange hielt die Abstinenz nicht an. Auch die Tatsache, daß er eine Zirrhose hat, will er nicht wahrhaben. Sein Bauchraum ist mit Gewebswasser gefüllt und sehr angeschwollen, ebenso seine Beine bis hinunter zu den Füßen, so daß diese in keine seiner Schuhe passen. Er sagt, er ißt zu viel, läßt regelmäßig das Gemüse auf dem Teller und wenn er ein, zwei Wochen, wie jetzt, nichts mehr ißt, ist das nicht nur eine Winter- oder Altersdepression, sondern er hofft abzunehmen, damit ihm seine Hosen wieder passen. So diesseitig ist er noch.

Ich habe Gewissenserforschung gehalten. Die Katze ist nicht taub, sagte der Tierarzt. Sie hat nur Bewußtseinstrübungen wegen mangelnder Durchblutung des Gehirns. Sie steht oder sitzt manchmal unbeweglich und stiert vor sich hin. Was soll ich machen, frage ich den Tierarzt am Telefon. Ich sage, das nächste Mal, wenn ich mit ihr zu Ihnen komme, nehme ich sie nicht wieder mit. Ich weiß, sagt der Tierarzt. Ich sage, Sie läuft wie ein Wiesel, also hat sie keine Rückenschmerzen. Sie frißt Unmengen, also hat sie keine Haarbälle im Magen, sie leckt sich sowieso nicht mehr ab. Sie ist keck und frech. Es gibt keine Anzeichen irgendeiner Krankheit. Sie schreit immer noch, Tag und Nacht. Ich gebe ihr Valium ins Trinkwasser. Nichts zu machen. Sagt der Tierarzt: Vielleicht will sie mehr Liebe von Ihnen. Case départ, dachte ich. Das leere Wohnzimmer, die fehlenden Fernsehabende. Diese verdammte Katze. Immer hat sie nach meiner Liebe gegiert. Weinte, wenn ich ausging. Empfing mich an der Tür wenn ich im Fahrstuhl wieder hochkam, laut schreiend, versteht sich. Ich konnte nur immer mit Kompromissen kommen. Nur mich um sie kümmern, wenn unbedingt nötig. Diese immer fordernden Katzenaugen. Diese Katzenhaare. Im Winter trage ich zwei schwarze Cashmir Pullover übereinander, ihre Haare fliegen mich als elektrisch geladenes Objekt von überall her an. Das Tuch auf meinen Knien beim Fernsehen konnte mich nie vor ihren Haaren schützen, denn sie reibt ihr Kinn voller Liebe an meiner Brust.

Mein Schwäche ist, ich hasse Unsauberkeit. Nicht unbedingt Dreck, er ist eine Gegebenheit des Lebens, sondern das Nichtunterscheiden dieser zwei Pole, Sauberkeit und ihr Gegenteil. Ich hasse es, mich von Schmutz überwältigen zu lassen, ihm freien Eintritt zu mir zu gewähren, so halte ich zum Beispiel meine Katzenhände und meine Ausgehhände von meinen Koch- und Eßhänden auseinander. Es ist mehr als Mikrobenangst; diese ist nur eines der Symptome meiner Angst vor Andersheit. Andersheit ist auf jeden Fall darauf aus, mich zu zerstören, etwas in mir oder mich ganz und gar. Das Andere ist in mir und außerhalb von mir. Es ist im Raum, den die schwarze Spinne in mir einnimmt, die mich erschreckt mit Vergiftungsphantasien. Andersheit ist in jeder Art von Macht, die Menschen über mich ausüben, in der dreisten Arroganz ihrer Körperlichkeit, die die moderne Stadtkultur uns aufzwingt. Nach dem Kontakt mit Andersheit ist in mir das tiefe Bedürfnis, meine eigene Integrität wiederzufinden. Das Waschen stellt mich symbolisch in meiner geistigen und körperlichen Unversehrtheit wieder her. Es ist ein alter, tiefer, unausrottbarer Reflex, der Rousseau sagen ließ, es sei die Anwesenheit des Anderen, die uns pervertierte. Oder T. E. Laurence. Als jemand ihn fragte, warum er die Wüste liebte, antwortete er: because it is clean. Und er meinte bestimmt mehr damit als den Sand, der alles sauber scheuert. Es hat zu tun mit der Komplexität menschlicher Beziehungen, die einen zwingen, sich die Hände schmutzig zu machen. Einige Leute stört sowas natürlich nicht.

Es geht nicht, sagte ich mir, ich liebe meine Katze, aber sie stört mich. Trotzdem kann ich sie nicht umbringen. Ich kann nicht meine Katze töten, nur weil sie mich stört. Ich kaufte in der Küchenabteilung meines Supermarkts einen Arbeitskittel, und damit angetan setze ich mich abends auf die Couch, wo ich nun wegen Abwesenheit meines Mannes mit der Katze fernsehen kann. Nicht zu laut, um meinen Mann nicht zu stören und ihn auch nicht anzulocken.
Mein Nachbar Volodia schnitt den neuen Katzenteppich mit dem Cutter in handliche Stücke, die in begrenzte Ecken neben die Heizkörper passen. Ich rückte in meinem Zimmer einige Möbelstücke hin und her und legte einen der zugeschnittenen Katzenteppiche hinter meinen Stuhl, neben die Heizung. Dann lud ich die Katze in mein Zimmer ein, kratzte mit den Fingernägeln auf dem Teppich herum, sagte, viens, regarde, ça c’est ton nouveau lit. Sowas hat sie immer schnell raus, will aber zuerst nicht, weil sie eine Katze ist. Nach einer Stunde Zögern und Überlegen kringelte sie sich neben die Heizung hinter meinem Stuhl hin. Ich war sehr gerührt. Sie will bei mir sein, sagte ich mir. Danach benützte sie diesen ihren zweiten Squat ganz selbstverständlich, geht bei mir ein und aus, schläft mal hier, mal da. Sobald es im Wohnzimmer dunkel geworden ist, das ist früh heutzutage, vor fünf, kommt sie schreiend durch den Flur in mein Zimmer. Dann schläft sie hinter mir auf ihrem neuen Teppichbett, während ich am Computer arbeite. Das habe ich gern. Sie ist bei mir und macht mich auch nicht haarig.

Mein frühes bewußtes Selbst, mein eigentliches Sein, das bis ins Jetzt reicht, fängt nach meiner Krankheit an. Bis dahin scheint es mir, als hätte sich mein Leben auf dem Photonegativ meines inneren Auges abgespielt, wo es seit langem lagert und nicht mehr ganz frisch ist, ich kann nicht genau ausmachen, wie es wirklich war, und ob ich es von innen oder von außen sehe, als Erlebtes oder etwas nachträglich von mir Zurechtgeschnittenes. Die Bilder der Orte und Wege meines vergangenen Lebens bedrängen mich, jetzt, wo ich sie beschreibe, aber ich kann ihren Sinn nicht ausmachen. Ich ziehe Schlüsse, und diese mögen falsch sein. Doch die Bilder sind da, und ich fühle ein sehnsuchtsvolles Ziehen in meiner Brust. Es ist wie ein Herzensschmerz, den man nie übersteht. Die Kindheit ist unser eigentliches Paradies, weil wir zwischen Traum und Wirklichkeit uns bewegen und keine Zeit kennen. Die Kindheit hat eine Absolutheit, die wir nie wieder empfinden werden, eine Einheit, nach der wir uns immer sehnen werden und vor allem in der Liebe suchen. Viel später wissen wir, daß das Leben uns zwingt, über die Jahre in ein reduziertes Selbst zurückzuschrumpfen, damit wir wieder ins Nichts schlüpfen können.

Ich bin eine einzige Antinomie.
Ich bin höflich, rücksichtsvoll, pflichtbewußt und zuvorkommend. Doch ohne Moral.
Ich sehne mich nach Liebe, doch kann ich nichts tun, um sie hervorzurufen.
Ich habe immer nach dem Glücklichsein mehr als nach dem Glück gestrebt.
Ich bin ohne Gesetze, doch halte ich sie für notwendig.
Meine Selbstbezogenheit ist groß, doch bin ich ohne Selbstsucht.
Meine körperliche Kondition ist hervorragend, doch bin ich immer krank.
Da ich eine sehr ernste Person bin, sage ich nie ein ernsthaftes Wort.

In mir lebt, gar nicht mal so tief, mein Antipode, mein Intimfeind, mein Widersacher, mein Wachhund, lauert mir auf, will mich vereinnahmen. Die schwarze Spinne. Ich kann sie fühlen. Da, in meiner Herzgrube. Ein Platz von dem sie bequem mit ihren Extremitäten ausstrahlen, mich verunsichern, mich in tödliche Angst versetzen, mich lähmen kann. Ich versuche immer wieder so zu tun, als sei sie nicht da, sofort meldet sie sich. Sie erlaubt keine Regelverstöße, Abirrungen, Abweichungen. Du bist die, zu der ich dich bestimmte, sagt sie, bist nicht auf der Welt ohne meine Zulassung, hast ohne mich keine Rechtfertigung. Die schwarze Spinne ist meine Mutter. Sie hat sich in mich gefressen, nicht mit Liebe mich besetzt, sondern mit Zwang und Gebot. Die Schuld ist ihre Waffe, ihr Instrument mein Nervensystem. Sie herrscht über meine vitalen Zentren, erlaubt nicht mein eingeborenes Feuer, mein Freuen an der Welt, mein Lachen. Hat mich von Anfang an zur Eingeschränktheit, Begrenztheit bestimmt, zur Verlangsamung in der Depression. Schlage ich über die von ihr gespannten Stränge, läßt sie ihr Gift auslaufen, mein Kopf verwirrt sich und mein physisches Wohlbefinden ist dahin.

Ich habe offensichtlich nicht die besten Gene mitbekommen. Durch die vielen Generationen, in denen sich die norddeutschen Sachsen auf dem flachen Land fortgepflanzt haben, hier und da ein wenig mit Fremdheit gemischt, hat wenig Auslese stattgefunden. In meiner Familie sind keine Vorzüglichkeiten aufgezeichnet, hat niemand sich mit Distinktion um etwas verdient gemacht, gibt es keine Ahnenreihe von Honoratioren, niemand hat jemals studiert, oder auch nur außerhalb des kleinen Landes sein Glück versucht. Kleine Leute, sagte man früher. Die mit bescheidenen Anlagen, Energien und Ambitionen. Die sich schlecht und recht durchschlugen und ihre Spuren in der Geschichte nur in ihren Kindern und Kindeskindern hinterließen.

Ich bin vom Typ der Sensiblen. Laut Duden sind das die „von besonderem Feingefühl“, oder die „Empfindsamen“. Doch sind sie auch „seelisch leicht beeinflußbar“ und „schmerzempfindlich“. Und „verletzlich“ und „schutzlos“. Jedes dieser Ausdrücke öffnet eine unendliche Reihe von seelischen Grundbedingungen mit ihren Folgen. Hauptsächlich weiblichen Charakters. Die ersten zwei Benennungen stammen aus der Romantik und können auch dem Mann zugeschrieben werden, die anderen aus der Psychologie oder der alltäglichen menschlichen Bewertung und sind abwertend, auf jeden Fall der aktuellen Lebensauffassung unschmackhaft.

Die Sensiblen sind die mit dem schwachen Nervenkostüm, früher nannte man sie Neurastheniker. In Frankreich hat man dafür eine spezielle Krankheit erfunden, die Spasmophilie. Praktisch jede zweite Frau ist eine „spasmophile“. Das zeichnet sich aus durch exzessive Reizbarkeit, große Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Ängstlichkeit, Muskelspannungen, bis hin zur Muskelstarre und Tetanie. Oft geht dies Hand in Hand mit chronischer Depression. In meiner Apotheke sehe ich die vielen Frauen, die sich auf Rezept Berge von Medikamenten kaufen, die ich zum Teil kenne, aber möglichst nicht anrühre. Psychotropika, die die geistig-seelische Aktivität vermindern, Antidepressiva, die sie steigern, zudem Schlafmittel, Maalox und Massen von Magnesium, das ein französisches Universalmittel gegen diese Krankheit ist.
Im besten Fall jedoch haben die Sensiblen ein großes Potential, die Welt mit überhöhten Sinnen wahrzunehmen, ihr Streben auf höhere Ziele zu richten und ihr Leiden in der Kreativität zu nutzen.

Ich bin von Geburt mit schweren Empfindlichkeiten behaftet, die große Gemütsbewegungen, Gefühlsregungen auslösen, durch die sich mein kleines, von meiner Mutter unterdrücktes Ich Ausdruck verschafft. Wenn ihr Austern eßt, bewegt ihr mit der Gabel den mit klitzekleinen Härchen besetzten Rand dieses labbrigen Dings in der Austernschale. Wenn es sich bewegt, könnt ihr es essen, denn es ist noch am Leben. Es hat auf seine Art Sensibilität gezeigt, die die Beziehung des lebenden Wesens zu seiner Umwelt steuert. Die Auster wird gegessen, doch bei uns prägt die angeborene Empfindlichkeit die ganz individuelle Struktur unserer Verhaltensmuster und unseres Bewußtseins.
So bewegen mich starke, kompromißlose Gefühle für das Gute, das Schöne, die Freude und gegen das, was sich mir als schlecht und böse, als häßlich und unangehm aufdrängt. Meine ausgestreckten Fühler empfangen die Signale, die das Leben über mir ausschüttet überdeutlich und schnellen bei negativen Meldungen zurück in die Unbeweglichkeit. In mir ist das große Leid über die graue, stumpfe Welt, für die meine Mutter mich verdammt, ich will über sie hinaus, doch habe ich keine helfenden Gaben empfangen. Ich kann keinem vorgezeichneten Weg folgen, weder beruflich noch emotional. Und immer ist ein Mißklang zwischen mir und der Welt, die mich anfeindet. Weltfremd sei ich, sagt meine Schwester, klage die Welt für mein mißratenes Leben an. Ich rette mich dahin, wo sich mir ein Weg öffnet, in die Extravaganz der Innerlichkeit, der Kunst und des einfachen Wohlseins. Nicht daß ich die tägliche Existenz, die die meisten Menschen führen, negiere, nur, so wie ich mich entwickele, wird diese für mich unmöglich. Wenn ich jedoch auf Anerkennung aus bin, ist die schwarze Spinne zur Stelle, die mir zuflüstert, ich bin eine Betrügerin, eine Prätentiöse, Unbescheidene, ich verdiene keine Sympathie, bin nicht der Liebe wert. Mein äußeres Gebaren ist nicht liebenswert im landläufigen Sinn, meine Art nicht anziehend und gewinnend, so werde ich nie geliebt. Ich bin von einer eigenen Art – eigenartig – wie meine Mutter. Und war mein Leben lang allein. Warum ich mich nicht umgebracht hätte, hat mich mal ganz kalt eine Frau gefragt. Gute Frage.

Jedoch habe ich einige geheimnisvolle Gaben, die über ein übliches Maß hinausgehen und niemand von Nutzen sind, auch mir nicht. Mein Körpergleichgewicht ist fast vollkommen. Ich kann zielsicher werfen und schießen. Ich besitze ein großes Raumgefühl, so daß ich mich in jeder Stadt nach kurzer Zeit zurechtfinde. Mein Zeitgefühl ist fast perfekt, so daß ich ohne Uhr lebe. Mein Augenmaß fast unfehlbar. Meine Hände haben links und rechts dieselbe Geschicklichkeit, doch nicht für dieselben Dinge. Keine dieser Gaben ist übersetzbar in sozial Nützliches, doch sind sie vielleicht ein Zeichen meiner angeborenen Vitalität, die sich nur in unscheinbaren Gaben ausdrücken kann.

Mein Mann ging mit einem Halbliterglas voll Champagner in der Hand am Badezimmer vorbei, sah, da brennt Licht, schaltete es aus, um einen halben Pfennig zu sparen. Ich hatte für die letzten Sekunden des alten und die ersten des neuen Jahrtausends zwei Flaschen Veuve Clicquot gekauft und sie draußen in der Kälte des Balkons gelagert. Er entdeckte sie und soff sie auf wie ein Verdurstender, im größten Glas, das er finden konnte. Es war später Abend, ich zog mich aus und ging zwischen meinem Zimmer und dem Bad hin und her, sagte zu ihm: Could you please leave this light on, da ging er hin und schaltete sämtliche Lampen im Haus an. Und ging mit seinem Champagnerglas wieder ins Bett.

Wie ich meinem Mann begegnete.
Als ich nach Arbeit suchte, ging ich morgens als erstes zum Kiosk und kaufte den Figaro und die Libération, um nach Stellenangeboten zu suchen. Dann schrieb ich Bewerbungen mit der Hand, legte meinen kopierten Lebenslauf dazu und ging mit meiner Hündin zur Post. Ich war eine SDF, obwohl es den Ausdruck noch nicht gab, ich hatte kein „domicile fixe“, empfing meine Post, meine amerikanischen Magazine bei meinen Freunden am place Clichy; mein Arbeitslosenbüro, wie für alle Heimatlosen, war an der République, wo ich einmal im Monat stempeln mußte. Man hatte mir eine kleine Arbeitslosenunterstützung zugesprochen. Fast hätte es damit nicht geklappt, denn die Gehaltszettel, die mein voriger Arbeitgeber, der Deutsche aus dem Provencedorf mir zustellen ließ, waren für Halbtagsarbeit ausgestellt, obwohl ich lange Stunden in seinem Geschäft sitzen mußte und nur einen freien Tag in der Woche hatte. Als ich mich an der République anmeldete, empfing mich ein liebenswürdiger Schwarzer, der voll Mitleid für mich, die ich weinend in seinem Büro saß, immer wieder meine vermerkten Arbeitsstunden zählte, und schließlich dekretierte, ich habe ein Recht auf Unterstützung.
In meinem Zimmer arbeitete ich weiter an der Übersetzung. Eines Tages, gegen Ende September, sah ich eine Anzeige in der Libération „Decouvrez le net-working“, in der eine Frau zu einem Treffen in einen Nachtclub einlud, Eintritt 120 Francs, wo jeder in fünf Minuten Mikrophonzeit auf dem Parkett des Tanzbodens den Anwesenden sein Anliegen, welcher Art auch immer, vortragen konnte, um Interesse dafür zu gewinnen. Eine neue Art der Interkommunikation, die frisch aus New York kam. Ich ging zu dieser Veranstaltung, vielleicht, dachte ich, ist da jemand, der eine dreisprachige Privatsekretärin sucht. Eine kleine, blonde Frau fiel mir auf, die für amerikanische Fernsehsender produzierte, so sagte sie, und nach Mitarbeitern, Ideen, Vorschlägen suchte. Ich ging zu ihr und stellte mich vor. Ich suchte einen Job, sagte ich. Please sit down, sagte sie. I’m Claudia. Meet my husband, Nippi, he’s an Austrian. Nun, dann plapperten wir los, auf Englisch, auf Deutsch. Freunde Claudias trafen ein, ein gutaussehender jüngerer Franzose, ein älterer Amerikaner mit Brille, seine dunklen Haare straff nach hinten gekämmt. Ich schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, fand ihn unattraktiv und fade. Doch bald riß er die Aufmerksamkeit aller an sich. Er hatte eine warme tiefe Stimme, sprach mit Nachdruck und Präzision, sein Gesicht lebte im Rhythmus seiner Worte. Nach einer Weile schlug er mir vor, wir sollten woanders hingehen. Claudia stieß mich an, go on, sagte sie, good-looking guys are a pain. An den Champs Elysées nahmen wir ein Taxi, setzten uns in ein Café am Boul’Mich, liefen auf Montparnasse zu. Ich hatte keine Minute Zeit, mich irgendetwas zu fragen, dieser Mann schüttete seine Reden über mich aus, war witzig, ironisch, geistreich. Es war eine sanfte Spätsommernacht. Der dicke Mond begleitete uns, a lightbulb shining right for us, sagte er. Wir setzten uns ins „Select“, das noch offen war. Als ein Streit ausbrach und Männer anfingen sich zu schlagen, nahm er mich am Ellbogen und führte mich aus dem Café. Es war vier Uhr nachts. What shall we do now? fragte er. Ich habe eine Hündin, sagte ich ihm, ich muß nach Hause. So fuhren wir im Taxi zu meinem Zimmer, ich holte meine Hündin und wir fuhren zurück nach Montparnasse, zu seiner Wohnung. Seine Wohnung beeindruckte mich. Schöne alte Möbel, ein Kamin, jedoch alles in Unordnung, Malertöpfe standen auf Plastikplanen herum, Nippi war dabei die Wohnung anzumalen, sagte er. Nippi war ein verarmter österreichischer Prinz, verwandt mit dem kaiserlichen Haus, Claudia eine alte Freundin, die ihm auf den Pferderennplätzen Europas begegnet war, als er bei seiner Zeitung eine eigene Spalte hatte. Claudia hatte ein ganzes Leben mit Pferden hinter sich, mit fünfzehn gebar sie dem Aga Khan eine Tochter, die dieser in Schweizer Internaten aufziehen ließ und die jetzt in seiner Firma arbeitete. Im großen Wohnzimmer stand sein Bett vor einer riesigen Bücherwand. Dort schliefen wir, worüber nichts zu vermerken ist, Automatismen zwischen Mann und Frau, begrenzt von Rausch und Müdigkeit. Meine Hündin lag die Nacht über vor dem Bett und schaute mich an.
In den nächsten Tagen ging mein Leben weiter, doch rief er mich mehrmals am Tag an. Am Samstag lud er mich in ein Restaurant ein, wo wir auf einer Terrasse in den Abend hinein aßen. Am Sonntag fuhren wir mit dem Taxi in den Bois de Boulogne, es war warmes sonniges Herbstwetter, die Blätter hatten sich noch nicht verfärbt, wir spazierten mit der Hündin durch den Wald, setzten uns auf Bänke, redeten. Ich kannte ein Restaurant nicht weit weg, „L’Auberge du Bonheur“, in das ich ihn mitnahm. Leider kamen wir zu spät, uns wurde nicht mehr serviert. Wir fuhren zu meinem Zimmer. Meine Vermieterin war wie jedes Wochenende im Südwesten. Ich kochte ein spätes Mittagsessen, erzählte von mir, zeigte ihm einige auf Englisch geschriebene Seiten. Du bist die geborene Erzählerin, sagte er. Doch las er nichts zuende. Abends schliefen wir in seiner Wohnung, wo ich morgens Nippi, schief grinsend, wiedertraf, der sich sofort ans Pinseln machte.
Als ich das Haus verließ, auf der Straße, schaute ich nach oben, zum Balkon des fünften Stocks hoch, wo er wohnte. Es war ein für Paris untypisches Haus aus den Dreißigern, seine breiten Balkone wölbten sich weiblich extravagant vor die sonst streng geraden Fassaden der Straße. Ich war bewegt von Vorahnungen. Sollten meine Schwierigkeiten ein Ende finden? Ich fühlte nicht die Verliebtheit, die ich von früher kannte, tief mit dem Schmerz verbunden, weil das Glück unmöglich ist. Jedoch seine Aufmerksamkeiten, sein konzentriertes um mich Werben taten mir gut. Er war Alkoholiker, sagte er, wischte sich den Schweiß von der Stirn. In der Wohnung stand das Foto einer Frau. My late wife, sagte er. Face like a horse. Vorsicht, sagte ich mir. Ein Mann, der so von seiner toten Frau redet. Doch die Blendung war stärker, die Attraktion des schönen Lebens: es schien mir, ein langer Alptraum nahm ein Ende und ich trat ins normale Leben ein, wie es die anderen Frauen führten. Als er mir vorschlug, ich sollte bei ihm einziehen, er verdiente genug Geld für zwei und ich könnte mich ernsthaft dem Schreiben widmen, er kannte Leute in New York, Dichter, Schriftsteller mit Beziehungen zu Magazinen, durchfuhr mich wie ein Blitzschlag das Glück: jemand nahm sich meiner an, akzeptierte mich. Ich sagte zu. So fiel ich aus dem Nichts geradewegs in ein anderes Leben mit allem Drum und Dran, jedoch mit einer Verpflichtung, deren Bedeutung ich lange nicht verstand. Der Mann war hochgebildet, sagte ich mir, er hatte Witz und eine Art Anstand, mir zu gestehen, er sei Alkoholiker, das Glück kam immer unversichert. Ich würde es schon schaffen. Er erfüllte einige der Grundbedingungen des für mich idealen Mannes, und wir hatten eine Unmenge gleicher Interessen. Das genügte. Ich würde ihn lieben lernen.

Weihnachten ist, seitdem ich erwachsen bin und über mich selbst verfüge, ein Tag wie jeder andere. Meinem Mann zuliebe habe ich ab und und zu einen Baum aufgestellt, aber es war selten etwas darunter. Ich saß in meinem Zimmer, las, schrieb, aß meinen Tofuburger und trank abends ein Glas Wein zu viel; mein Mann lag halb bewußtlos im Bett. Jedoch gab es am Weihnachtsmorgen eine Art großen Knall, er kam über uns wie ein gewaltiger Spruch Gottes, der keiner Worte bedarf, der sich uns mitteilte in seiner elementarsten Sprache, dem Sturm. Es war der dritte Sturm dieses Herbstes. Ich kann mich genau erinnern. Auf meinem Balkon steht seit Jahr und Tag ein blaugrüner, wie eine Zypresse geformter Nadelbaum, der mir ein wenig die Sicht auf das Elend unter mir nehmen soll. Er wurde bei jedem dieser Stürme umgeweht. In der Nacht zum fünfundzwanzigsten schlief ich schlecht wie üblich, mein Schlaf wie immer von den Schreien der Katze unterbrochen. Kurz vor sechs wachte ich wieder auf, weil mein Fenster, dessen linken Flügel ich hinter den Fensterknauf geklemmt hatte, anfing heftig hin und her zu rütteln. Ich schloß das Fenster und ging wieder ins Bett. Doch draußen tobte es mehr und mehr, es heulte, brauste, pfiff um unsere vielen Ecken. Alle Türen im Haus klapperten. Ich lief durch die Zimmer, sah nach, ob alle Fenster geschlossen waren. Unsere Fenster haben im Knauf einen Mechanismus, der Eisenstäbe nach unten und nach oben in Öffnungen zwingt, die innerhalb des Fensterrahmens liegen. Diese Eisenstäbe bogen sich unter der Macht des Windes. Es war noch dunkel, kein Mensch auf den Straßen. Plastiksäcke und Zeitungen spazierten hoch durch die Luft. Schindeln lösten sich, Dachrinnen, prallten in Fenster, eiserne Fensterläden hämmerten. Immer wieder hörte ich etwas auf dem Boden zerschellen. Um uns war ein tiefes stetes Brausen, als würden gewaltige Massen über uns zusammenschlagen, das jedoch immer wieder zum neuen Crescendo bis zum Zerreißen sich steigerte, und mir war als wäre draußen der Riese meiner Kinderbücher mit seinem pausbäckigen Gesicht, genau vor unseren Fenstern, der uns, immer wieder Atem holend, mit seinen aufgeblähten Backen anpustete, als wollte er uns wegblasen wie lästiges Ungeziefer.
Das dauerte zwei Stunden. Später sprach man von einem Zyklon. Er entwurzelte zigtausend Bäume, knickte Tausende von Hochspannungsleitungen um, zerstörte Dächer und Häuser, legte Baukräne flach. Am nächsten Tag fand der selbe Sturm im Südwesten statt, richtete noch mehr Schaden an. Es wurden insgesamt in Frankreich fast 90 Tote gezählt. Die grüne Umweltministerin hielt sich im Urlaub in den französischen Antillen auf und zeigte zur Rückkehr großen Widerwillen. Das war nicht alles. Um Weihnachten herum gab es öffentliche Alarme wegen Nahrungsmittelvergiftung mit dem Bazillus „listeria monocytogenes“. der mehrere Opfer forderte. In einigen Gegenden wurden Warnungen ausgerufen, wegen Überschwemmung das Leitungswasser nicht zu genießen. Millionen hatten keinen Strom.

Die Franzosen glauben immer noch, sie seien unbesiegbar, ihr Land sei das größte der Welt und seine Reserven grenzenlos. Der Franzose ist im Wesen ein Aufschneider, ein Meckerer und ein Pfuscher. Seine kartesianische Argumentation erhebt ihn intellektuel weit über alle anderen. Den gewöhnlichen französischen Revolutionär kann man im Café an der Ecke treffen, wie er seinen kleinen Weißen kippt und immer wieder die Welt nach seinen Maßstäben verbessern will. Doch stellt er sich ohne zu zögern über das Gesetz, umgeht und verletzt es nach Gutdünken.
Seit zwanzig Jahren, seitdem der Scheinsozialist Mitterrand Frankreich in die Modernität führte, hat das Land große Strukturveränderungen erfahren. Nicht nur Paris, das ganze schöne alte Frankreich ist zu einer puren Vorstellung in den Köpfen auch der Franzosen geworden. Frankreich ist in die Virtualität getreten. Die vielfältige Landschaft ist noch da, aber sie dient nur mehr dem Touristenauge, ist Wirtschaftszweck geworden. Die Einwohner sind verzogen, der Bauernstand verliert mehr und mehr Mitglieder. Landwirtschaft wird hauptsächlich industriemäßig betrieben. Das exzellente Essen, die unsterblichen Pasteten, der wunderbare Käse, alles stammt aus Fabriken, in denen neue Einwohner, oft unlängst Emigrierte, zu niedrigen Löhnen arbeiten. Fast alle Dörfer haben ihre Ureinwohner verloren, viele ihrer restaurierten Häuser werden einen Teil des Jahres oder permanent von Städtern bewohnt. Alle fünfzig Kilometer steht ein Atommeiler. Die Böden sind teilweise total verseucht. Vielerorts fehlt es auch nach feuchten Wintern an Grundwasser, dieses ist in vielen Gegenden von Nitraten übersättigt. Die Landschaft ist durchfurcht von Autobahnen, über die tags und nachts dicht an dicht die Laster donnern, deren Lärm weit über das Land kriecht. Die Innenstädte sind zu Disney-Dimensionen geschrumpft, das eigentliche Leben spielt sich in den häßlichen Vorstädten mit ihren immensen Supermärkten und Billigware-Einkaufszentren ab, wo auch der Ärmste dem Konsum frönen darf. Viele der Vorstädte sind gefährliche Ghettos der Armen, der sozial Schwachen, zu denen die Regenbogenfranzosen gehören, die im Rahmen der französischen Post-Kolonialpolitik ins Land strömten. Die Franzosen fahren selber ihr Land zu Schrott. Fast siebzig Prozent aller Autos fahren mit Diesel, nicht eingerechnet die Laster. Die Städte haben gewaltige Luftverschmutzungsprobleme. Paris ist zu einer Stadt der Gleichgültigkeit geworden, in der Vorstädter das Stadtbild beherrschen. Die schicke Pariserin gibt es nicht mehr. Ein neuer Akzent breitet sich aus, ein leichtes Aufschwingen der Stimme auf der vorletzten Silbe, die danach ins Ungewisse absackt. Nach achtundsechzig ist die Elite weggestorben. „Democratie en tout“ ist die Devise. Die Restaurants sind schlecht und teuer, „fast food“ breitet sich aus. Gott ist aus Frankreich ausgezogen.

Unsere Wohnung hat den gewissen Charme des Alten, kostet uns im Monat zweitausenddreihundert Mark, doch bin ich immer wieder über ihre Unvollkommenheiten irritiert. Von den Wänden habe ich schon geredet. Der Fußboden aus geraden Eichendielen hat den Verbindungsstoff zwischen den Latten längst verloren und dazwischen sind dicke Rillen, in denen die kleinen Steinchen der Katzenstreu, die meine Katze überall verteilt, vorzugsweise hängen bleiben.
Ab und zu muß ich die Wohnung sauber machen. Früher hielt ich mich an einen Putz-Wochenendplan, den ich strikt einhielt. Wenn es getan war, seufzte ich auf und fand, ich hatte noch einmal den Staub, zu dem wir alle werden, mit Erfolg abgewehrt, einen Akt der Lebensbejahung vollbracht. Jetzt habe ich, was Putzen angeht, nicht nur meinen Tatendrang, auch alle Illusionen verloren: mache nur sauber, wenn es mir dreckig erscheint. Dann ist mir jede Stunde recht. Meistens in einer Stunde der Unausgefülltheit oder wenn ich ein wenig Gymnastik brauche.
Meine alte Katze ist in Sachen Sauberkeit auch nachlässig, ja schlampig geworden., weil ihr wehes Rückgrat ihr nicht mehr erlaubt, sich beim Putzen in alle möglichen Richtungen zu drehen und zu wenden und ihr Fell ist stumpf und voller Schuppen, an ihren Hinterbeinen klebt Stuhl. Ich entschloß mich, ihr eine Reinigung zu geben, wischte sie hinten mit einem nassen Schwamm sauber und bürstete sie. Danach zog ich den Staubsauger durch alle Zimmer. Ich hörte meinen Mann aufschreien. Er öffnete die Zimmertür, sein Gesicht schmerzhaft verzogen.
Er schrie. What’s this noise? I’ll have a heart attack. Er keuchte, verzog sein Gesicht.
Fine with me, dachte ich, go right ahead.
Er schrie, it’s a concentration camp here. You’re Concentration Camp Ehrhard.

Mit der alten Zeit verschwindet die Poesie meiner Kindheit. Der große Eisenofen weicht einem Propangasherd, meine Mutter sammelt nicht mehr Holz, Pilze und Beeren mit uns im Wald, pflückt keine Kräuter mehr vom Wegrand, wie ich es noch vor einigen Jahren alte Frauen in der Provence tun sah. Wir laufen nicht mehr barfuß über Sandwege sobald der Kuckuck gerufen hat, oder fahren zum Baden mit dem Rad zur Talsperre, unsere Schuhe sind nicht mehr handgenäht, es gibt jetzt fertige beim Schuster zu kaufen. Die Bauern kommen nicht mehr sonntags mit dem Pferdewagen zur heiligen Messe, stellen ihre Pferde nicht mehr in Onkel Heinis Stall ab, der, wie viele andere alte Scheunen und Bauernhäuser Platz für ein Ziegelsteinhaus mit Badezimmer macht. Mit Verschwinden der Pferde satteln Stellmacher und Schmiede um, öffnen Autowerkstätten. Straßen werden begradigt, neu gezogen, geteert, mit Bürgersteigen versehen. Der Pingel Anton fährt nicht mehr. Das Moor wird trockengelegt, die Felder werden „flurbereinigt“, Feldwege asphaltiert. Sogar der Pole des Dorfes, ein kleiner schmächtiger Mann, – er hatte während des Krieges eine Frau des Dorfes geschwängert, geheiratet und in der Folge viele andere Kinder gezeugt – dessen Haus genau gegenüber der Kirche noch lange den Misthaufen in voller Sicht neben der Haustür liegen hatte, wird mit der Zeit deutsch wohlanständig.
Meine Mutter hat die Zügel fest in der Hand. Schon bevor das neue Haus steht, hat sie einen Garten angelegt. Wir sind fast völlige Selbstversorger, nur die Milch holen wir vom Nachbarn. Jeden Tag hebt meine Mutter mit demselben emaillierten Schöpflöffel, von dem an der Schaufel das Email abgesprungen ist, und der nur diesem Zweck dient, von der frischen Kuhmilch den dicken, gelben Rahm ab, der an Sonntagen für den Erdbeerkuchen mit einem spiralförmigen Metallschläger zu Sahne gestampft wird – meistens ist das meine Arbeit. Es gibt alles in unserem Garten, von Kartoffeln bis zu Himbeeren und Erdbeeren. Wir dürfen ihn nicht betreten, weil die Gartenwege geharkt sind, doch unter den Büschen der Himbeeren und Stachelbeeren, die wir sonnenwarm vom Strauch naschen, sieht man unsere Fußstapfen nicht. Wenn meine Mutter nachmittags im Garten arbeitet, ruft sie mich, ich komme widerwillig, doch dann nimmt die Liebe für den Garten, den Modergeruch der frisch umgedrehten Erde überhand. Ich liebe seine Ordnung, seine Verläßlichkeit, seine Stimmungen, liebe ihn vom Frühling an, wenn wir ihn bepflanzen bis zum späten Herbst, wenn nur mehr die mannshohen Dahlien hinten am Zaun blühen und bitter nach frischem Regen riechen. Jenseits der Dahlien fangen die Felder an, das freie Land, dessen Weite mir Angst macht. Es ist wie das Nichts, man weiß nicht, wo es endet.
Neben unserem Wohnhaus liegt ein Stall, in dem sich die Waschküche befindet, wo ich jeden Abend die Schuhe meines Vater putze. In den Ferien helfe ich montags meiner Mutter die Wäsche im großen Kessel kochen, sie zu wringen und zu spülen. Dann wird sie auf die Wäscheleinen im großen Hühnerhof gehängt, von denen ich im Winter abends die steifgefrorenen Bettlaken mit brennend kalten Händen abnehme und zusammenklappe, damit sie in den Korb passen und wir sie nach dem Auftauen strecken und ordentlich falten können. Im Stall sind mehrstöckige Nester für die Hühner, zu Anfang haben wir sogar ein Schwein, diesmal legal, Hausschlachtungen werden veranstaltet, ich brauche nicht zu helfen, weil ich „meine Tage“ habe, denn das Eingemachte gelingt nicht, wenn jemand in dieser Verfassung mit Hand anlegt. Das ist mir nur recht.
Es machen sich bei den Bauern die großen Hühnerställe breit, die jetzt weltweit der traurige Ruhm dieses Landes sind. Jeden März fahren meine Eltern mit dem Fahrrad zu einem dieser Höfe, holen einen Karton voll männlicher Küken, die man aussortiert hat, weil man Leghennen braucht. Die Hähnchen zieht meine Mutter auf bis sie verspeisbare Größe erreicht haben. Das ist gewöhnlich im Mai. Dann sticht sie Spargel aus dem Spargelbeet und jeden Sonntag, den ganzen Frühsommer bis Sommer hindurch, gibt es das gleiche Mittagessen, Hähnchen mit Spargel, und am Nachmittag ein Stück Erdbeerkuchen mit der geschlagenen Kuhsahne. Das Hähnchen tötet meine Mutter selber. Sie nimmt es an den Beinen, schwingt es mehrmals in großem Bogen durch die Luft, damit es bewußtlos wird, legt es dann auf den dicken hölzernen Tötungsblock und hackt ihm mit dem Beil den Kopf ab. Das Hähnchen ohne Kopf flattert dann noch eine Weile mit den Flügeln und sie muß es recht festhalten. Wenn es sich nicht mehr rührt, ist meine Großmutter mit einem Kessel kochenden Wassers und einem alten Emailbecken zur Stelle, in das sie das Hähnchen legt und mit dem heißen Wasser übergießt, damit die Federn leicht herauszuziehen sind. Ich verstehe nicht, daß mein Vater, der Mann im Haus, nicht den Tötungsakt ausübt. Einmal frage ich meine Mutter. Ach, sagt sie, er kann sowas nicht. Mein Vater kann vieles nicht. Er hat jetzt seine eigene mit Zigarrenrauch verdickte Stube, wo er am Schreibtisch sitzt, Schulhefte korrigiert, Gedichte und Geschichten in Plattdeutsch schreibt, sich mit der Geschichte seiner Heimat befaßt, seine Morgenandachten für den Runkfunk vorbereitet. Niemandem von uns würde es in den Kopf kommen, ihn zu stören. Im Frühjahr versucht meine Mutter ihn dazu zu bringen, den Garten umzugraben, damit sie anfangen kann, die Beete mit dem Spaten abzukanten und ihr Gemüse zu sähen. Mein Vater ist wie alle Männer, die ich kannte. Er sagt, ja natürlich, und tut es nicht. Meine Mutter wird heftiger, bis mein Vater es leid ist und wirklich einige Reihen umgräbt und damit ist es dann getan. Manchmal heuert meine Mutter für den Rest einen Mann aus dem Dorf an, oft gräbt sie ihn voller Wut selber um. Sie hat harte Hände, meine Mutter. Es sind schon keine Hände mehr, eher rauhe, ledern aufgesprungene Instrumente, die wie Hände aussehen. Wie man sie in Spukfilmen sehen kann, keine menschlichen Hände.
Diese Hände haben mir jedoch manchmal ein Bad einlaufen lassen, wenn ich in den Herbstferien vom Kartoffelsuchen zurückkomme, die Sonne steht schräg und lau auf den Feldern, doch ich schwitze, ich laufe hinter einer pferdegezogenen Maschine her, die wirbelnd die Kartoffeln aus der Tiefe an die sandige Oberfläche wirft, ich greife mehrere auf einmal, werfe sie in einen Drahtkorb, gebückt rücke ich vorwärts, immer neue Kartoffeln, wenn der Korb voll ist, eile ich auf einen Ackerwagen zu, kippe den Inhalt über seinen Rand, renne zurück aufs Feld, wo ohne Unterlaß die Kartoffeln wirbeln, mittags kommt die Bauernfrau auf dem Rad angefahren, in ihrem Korb sind Butterbrote mit Schinken, dazu trinken wir dünnen ungesüssten Milchkaffee aus angestoßenen Emaillebechern, es ist das herzigste Mahl meines Lebens, bevor es weitergeht, und abends fahre ich siegreich müde auf dem Rad nach Hause, ich habe wieder fünf Mark verdient, meine Mutter schickt mich in die Badewanne, ich bin ihr dankbar, am Ende der Ferien kaufe ich mir für das Geld meine erste Lederjacke, mein erstes Paar Schuhe mit Absatz.

Nach Weihnachten war ganz Frankreich gefangen in seinen Mißgeschicken: zwischen den Schäden, die der Sturm angerichtet hatte, und der schwarzen Ölpest, die vom gestrandeten Tanker „Erika“ an seine Atlantikküsten schlug. Zwei Tage vor dem neuen Jahr saß ich morgens beim Frühstück vor dem Fernseher, als mein Mann den Kopf durch die Tür steckte. You think you have a little breakfast for me, fragte er sanft. So kam er zurück zum Leben. Jetzt sind die Ferien zuende, dachte ich und brachte die Maschine ins Rollen. You have to take a bath, sagte ich. Yes, sagte mein Mann. I’ll change your bed sheets, sagte ich. Yes, sagte mein Mann. You put on clean things. Yes, sagte mein Mann.
So geschah es. Ich lüftete sein Zimmer, warf die Decken auf den Boden. Auf dem roten Bettlaken lag weiß wie Schnee ein Meer von abgestoßenen Hautzellen. Ich saugte es ab, bevor ich es, wie Frau Holle, doch verstohlen und mit schlechtem Gewissen, am Fenster ausschüttelte, um es dann in die Waschmaschine zu stecken. Ich säuberte gründlich sein ganzes Zimmer, alles war vermottet und verfilzt von Staub und weißen Hautzellen. Als mein Mann in Unterhemd und Unterhose aus dem Badezimmer kam, setzte er sich auf seinen alten Platz auf der Couch. Die Kissen der Couch hatte ich teilweise abgezogen, teilweise mit sauberen ersetzt. Er streckte mir seine Füße entgegen. Seine Zehnägel waren lange weißliche Tierkrallen. Er hatte sich tot gestellt, aber seine Nägel waren weiter gewachsen, wie die Nägel Karls des Großen, die nach seinem Tod seine ledernen Handschuhe durchstachen. Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen Stuhl, nahm einen Fuß nach dem anderen auf meinen Schoß und schnitt ihm die Nägel. Seine abgelegte, dreckige Wäsche fischte ich aus dem Wäschekorb, warf nur einen schrägen Blick darauf und stopfte sie insgesamt in den Abfalleimer. Zu unvorstellbar dreckig zum Waschen. Ich schämte mich vor dem Landstreicher, der sicherlich den Beutel öffnen würde.

In einigen Monaten bin ich sechzig. Als ich Kind war, starb ein Nachbar mit etwas über fünfzig, und ich dachte, die Leute übertreiben wirklich, er war doch schon alt. Wahrscheinlich sah der Mann alt aus, wie die Leute damals mit fünfzig alt aussahen. Ich sehe nicht alt aus. Mein Körper ist genau so wie mit vierzig. Als ich vierzig war, wohnte ich ein Jahr in Heidelberg. Da war ein alter Herr meiner Nachbarschaft in Handschuhsheim, der mit Vergnügen und sicher Wollust in der Abendhitze mit meiner Hündin und mir, die ich kurze, weiße Shorts trug, die ich übrigens noch immer besitze und im Sommer auf dem Land trage, durch die Gärten spazierte. Er sah mich von oben bis unten an und sagte: Wirklich, ich muß schon sagen, wie vierzig sehen Sie nicht aus. Sie haben den Körper einer Zwanzigjährigen. Und ich war zweiundreißig, machte mit meinem homosexuellen Freund Camillus vier Wochen Ferien auf Ischia, er in der Stadt, ich am Strand mit meiner jungen Hündin, und eines Sonntags als wir mit Hunderten anderer Touristen auf einem am Rande der Stadt sich hinschlängelnden Weg den mondänen Abendspaziergang der Insel gingen, bei dem ich tiefgebräunt ein tief ausgeschnittenes, schwarzes T-Shirt trug, fand dieser, du hast dich für dein Alter gut gehalten.
Mein Dekolleté ist noch immer einwandfrei. Ich trage keinen BH, meine Brüste hängen ein wenig, aber das sollen sie auch, wegen der Narben. Ich habe kein Hängekinn und keinen Bauch, obwohl alles nicht mehr so ganz straff ist, und auf den Hüften sitzt nur ein wenig wattiges Fett. Ich war nie schön, jetzt, mit fast sechzig, bin ich eine schöne Frau. Weil es mir egal ist. Weil ich einem Blick standhalten, einer Impertinenz begegnen kann. Letztens auf der Post saß auf einem der Stühle, weil es draußen kalt war, ein Landstreicher mit blauroter Knollennase und weißem Kranzbart, und er hatte Glück, daß man ihn nicht rauswarf, aber so sind die Franzosen, leben und leben lassen. Er hatte die Beine bequem übereinandergeschlagen, hielt mit der rechten Hand eine Flasche Rotwein, stellte sie auf seinem Schenkel ab. Betrunken redete er ununterbrochen laut mit jedermann. Nicht weit von ihm bediente ich einige Maschinen, um Sendungen zu frankieren, versah mich mehrmals. Plötzlich rief er mir zu: „T’es trop vieille pour moi“. Ich lachte auf und sagte, „Dieu merci. Comme ça, j’ai pas besoin de vous plaire.“ So fühle ich mich. Ich bin frei. Ich brauche niemandem mehr zu gefallen. Vor zwei Jahren kam ein alter Freund von Los Angeles, ein kleiner jüdischer Mann, aus Dscheuissi gebürtig, mit einem Woody Allen-Akzent, auch ein Homosexueller, den ich achtzehn Jahre nicht gesehen hatte, nach Paris. Er wollte seinen 50. Geburtstag mit mir im Tour d’Argent feiern, was wir auch getan haben, aber mittags, dann ist es billiger, und als ich ihn fragte, how do I look? sagte er, basically, you haven’t changed at all. Das „basically“ ist natürlich inhaltsträchtig. Es gibt eine Geschichte, die ich aus Hollywood kenne. In Kalifornien liegen viele Frauen tagsüber an ihrem swimming pool. Während eines Dinners sitzt eine Frau reiferen Alters neben einem jungen Mann und erzählt ihm, wie sie jeden Tag ihre Runden in ihrem Pool dreht, deswegen habe sie noch diesen jungen Körper. „Warum schwimmen Sie denn nicht mit dem Kopf im Wasser?“ fragt sie der junge Mann. Auf der Straße sehen mich Frauen prüfend an. Bei günstigem Licht werfen jüngere Männer einen kurzen Blick auf mich. Ich bin noch nicht ganz unsichtbar. Das habe ich wohl wieder der Chemie zu verdanken. Östrogenzufuhr verlangsamt die altersbedingte Austrocknung der Haut. Aber das ist nicht alles. Ich habe immer gern gelacht. Auf meinen Gesicht ist keine Bitterkeit. Und ich lache immer noch.

Ich hatte nicht immer was zu lachen. Meine hartnäckigen neurasthenischen Leiden begleiteten mich mein Leben lang, ein guter Tag war ein Tag ohne Beschwerden. In jenem Jahr in Heidelberg, als ich versuchte, mich dort eingezuwöhnen – ich war erst kurz aus Kalifornien zurück – überfiel mich eine Depression, ich weinte tagelang und mein Herz setzte jeden zweiten Schlag aus. Ich wartete lange im Notdienst des Krankenhauses, suchte schließlich einen Spezialarzt auf, der mir nach dem EKG mitteilte, ich hätte die Konstitution einer Zwanzigjährigen, doch mein vegetatives Nervensystem sei im Eimer. Er verschrieb mir Glückspillen. Ich wurde zu einer blendend funktionierenden Frau, dauerlief morgens weiterhin um sechs mit meiner Hündin in den Feldern von Handschuhsheim, fuhr mit dem Fahrrad in die Stadt zur Sprachenschule und stieg nachmittags mit der Hündin in den Hügeln herum. Abends saß ich in der Schrebergartenkneipe, trank meine Gläser Wein und sah die Sonne hinter Mannheim verschwinden. Und plötzlich hatte ich drei Liebhaber auf einmal. Eigentlich zwei Liebhaber und einen zipless fuck. Den fing ich mir eines späten Abends ein, als wir uns, jeder auf seinem Rad, in den stillen Straßen von Handschuhsheim begegneten. Da wohne ich, sagte ich zu ihm, kommst du, er kam und wir taten’s. Wir setzten uns auf den Teppich, und sofort blühte seine Blume wunderbar. So einfach. Die zwei Liebhaber ließ ich schnell wieder fallen. Der erste war zu sehr mit Alternativdenken und nervösem Dauerreden beschäftigt – einmal, viele Jahre später, traf ich ihn zufällig auf der Hauptstraße von Heidelberg, wo alle Welt auf und ab geht und nahtlos redete er da weiter, wo er früher aufgehört hatte, – der andere, ein sehr schöner Mann, mit dem ich ein romantisches Feuerwerk an der alten Heidelberger Brücke anschaute, ging mir auf die Nerven mit seinem Getue und weil er sonst absolut nichts zu sagen hatte. Als mein Herz wieder normal ging und ich aufhörte meine Pillen zu nehmen, war ich wieder allein.

Die Teile meines erinnerten Lebens schichten sich wie das Gestein der Erdkruste über dem brodelnden Kessel der menschlichen Urlava, die man das Es nennt. Die erkennbaren Schichten heben sich voneinander ab, doch innerhalb jeder kann ich keine feinen chronologischen Unterscheidungen machen.
Wenn unsere Kindheit zeitlos ist, scheint uns der Raum zwischen Kindheit und Erwachsensein endlos. Ich habe nur vier Jahre im neuen Haus mit meinen Eltern verbracht, danach halte ich mich dort nur in den Ferien auf. Seltsamerweise ist es in meinem Kopf „mein Elternhaus“ geworden, in dem sich die wichtigen Ereignisse, die mein Erwachsenwerden betreffen, abspielen.

Als ich aus dem Krankenhaus entlassen werde, bin ich noch dreizehn. Der Frühling ist nahe. Zuhause werde ich eine Weile verhätschelt und verwöhnt. Ich darf lange schlafen. Doch als erstes, noch im Bett, muß ich ein großes Glas warme Ziegenmilch trinken. Sie riecht scharf. Ich trinke mich durch die dicke Haut der Milch, die ich so verabscheue. Meine Mutter schickt mich mit der Milchkanne zur Molkerei, um einen halben Liter pure Sahne zu kaufen. Die wird für mich geschlagen. Jeden Tag muß ich Sahne essen. Ich werde gemästet wie ein Schweinchen. Wenn die Frühlingssonne auf dem Rasen steht, stellt man dort einen Liegestuhl auf, in dem ich in Decken gehüllt mich ausruhe. Eines Tages fühle ich seltsame Schmerzen im Bauch, wie ein Brennen meiner Lenden. Ich gehe ins Haus, auf die Toilette, sehe, mein Höschen ist blutig. Ich weiß, was das bedeutet. Wir Mädchen sagen uns Dinge unter uns. Meine Freundinnen haben schon Blutungen. Das passiert Mädchen in unserem Alter. Das heißt, wir werden erwachsen. Mehr wissen wir nicht. Ich werde vierzehn. Mein Leben fängt an.

Letzten Sommer war ich dreimal in der Notaufnahme des Krankenhauses, dessen Anlagen sich westlich von uns erstrecken. Dieses Krankenhaus gehört zur Geschichte des Viertels, in dem es vor ein wenig über hundert Jahren fast nur Klöster und Gärten gab. Es hat den Stil jener Zeit, verstreute, einstöckige Bauten in gelbem Backstein, die Außenwände mit roten Backsteinfriesen dekoriert. Das war die Zeit, fortschrittlich zwar, die der Zweckmäßigkeit jedoch nicht alle Rechte einräumte. Schräg im Hintergrund sitzt ein modernes, breites Hochhaus in schmutzigem Zement mit vielen Fenstern, das uns den Horizont verschließt. Mein Mann hatte mich dorthin zur Notaufnahme geschickt. Er wußte wo das war, kurz zuvor hatte ihn ein Hund ins Bein gebissen, Resultat, zwei wirklich scharfe Bißwunden, sogar die Hose war zerrissen. Der Hund war klein und nachdem er meinen Mann gebissen hatte, nahm seine Herrin ihn schnell auf den Arm und verschwand. Es war spät am Abend, und mein Mann ließ sich auf der Notstation die nötigen Spritzen geben. Als ich das erste Mal dort war, hatte ich mir an einer Dose mit einer Öse, an der man ziehen muß damit der Deckel sich abpellt, eine häßliche Wunde am rechten Daumen geholt. Ich mußte lange warten. Im Warteraum saßen eine Frau meines Alters und ein Schwarzer im Wüstenkostüm. Ich sprach die Frau neben mir an. Was ist los? Was ist Ihnen passiert? Sie könnte nicht atmen, sagte die Frau. Wie das? fragte ich. Ja, sagte sie, nicht richtig tief, sie wäre schwindlig, könnte nicht gehen. Fühlte sich, als würde sie jeden Moment umkippen. Käme sie von der Arbeit, fragte ich sie, nein antwortete sie, sie sei arbeitslos. Und ihr Mann, fragte ich sie. Sie sei allein, sagte sie. Ob sie Kinder hätte, nein sagte sie. Was sie den ganzen Tag täte, fragte ich. Oh nichts, sagte sie. Sowieso ginge es ihr so schlecht, daß sie nicht arbeiten könnte. Wie alt sei sie denn? 51 sagte sie. Sie saß zusammengesunken auf dem Metallstuhl, ihre Hände ergeben im Schoß, ihr lebloser Blick auf die Fliesen zu ihren Füßen geheftet. Als meine Wunde gerichtet war und ich den langen Krankenhausflur entlang dem Ausgang zuging, kamen aus einer offenen Tür die zerreißenden Schreie einer Frau. Ich schaute mich um, in den Raum hinein. Es war ein gekacheltes Badezimmer mit einer tiefen Badewanne. Ein in Weiß gekleideter gewaltiger Schwarzer war dabei, eine ledrige alte Landstreicherin auszuziehen, um sie in die volle Wanne zu legen, diese sträubte sich mit Händen und Füßen, stieß ein langes Geheul aus, das noch hinter mir her hallte, als ich das Gebäude verließ. Zu Hause erzählte ich meinem Mann von ihr. She’s like me, sagte er.
Vor Jahren hatte ich ihn eines Morgens mit einer Ambulanz in dieses Krankenhaus bringen lassen, weil er sehr krank war, einem „Dilirium tremens“ nahe. Nachmittags kam einen Anruf vom Krankenhaus, mein Mann war verschwunden. Ich rief zu Hause an, mein Mann antwortete, sagte, er hätte stundenlang auf einer Liege im Korridor warten müssen, dann hätte man ihn durchleuchtet und gefragt, ob er rauchte. Er stand von der Liege auf und ging im Nachthemd nach Hause.
Mein zweiter Besuch in der Notaufnahme fand am Tag meiner Abfahrt in den Süden statt, als ich den kleinen Zeh des rechten Fußes so heftig gegen einen Bettpfosten gerammt hatte, daß er von den anderen Zehen scharf abstand. Ich konnte kaum gehen. Zwei junge Ärzte gaben mir schließlich eine starke Schmerztablette und renkten das verschobene kleine Gelenk wieder zurecht, banden die Zehen aneinander. Es saß dort wieder eine Frau ungefähr meines Alters in der Wartehalle. Ja, sie hatte Herzprobleme. Sie konnte nicht essen, nicht schlafen. Nein, keine Familie. Ob sie mal einen Psychoanalytiker aufgesucht hätte? Nein, sagte sie. Ihr Alleinsein machte sie krank, sagte ich, sie sollte es doch mal versuchen, nein, nein, sagte sie, schüttelte den Kopf.
Vor unserer Küche klebt ein kleiner Balkon am Haus, gerade groß genug für meinen Nadelbaum, einige Blumenkästen und eine Holzbank, die ich rot angestrichen habe. Sobald die Frühlingssonne nachmittags um die Ecke kommt, sitze ich mit meiner Katze auf der Bank und lese. Am Spalier in meinem Rücken fangen Jasminblüten an aufzubrechen. Rechts von mir sind mehr Balkone, einige mit blühenden Forsythien, andere fangen langsam an, sich mit Geranien zu bestücken. Unten liegt das Krankenhaus. Groß wie ein Dorf, hinten das lange, schmutzverlaufene Betonhochhaus, eine Wand des Grauens, des Leidens, des Schmerzes, hinter jedem Fenster ein Schicksal. Dahinter sehe ich die Schornsteine des berühmten Gefängnises „La Santé“. Und am Ende meines Blickfeldes ist das Eingangstor zur weit sich hinziehenden psychiatrischen Klinik „Sainte-Anne“, wo es aussieht wie einer schmucken französischen Kleinstadt, mit Straßen, Plätzen und Parks, die die Namen großer Dichter tragen, jedoch seltsam leer sind, wie in einer Geisterstadt.

Als ich vierzehn bin, mich von meiner Krankheit erhole, bleibe ich fast acht Monate zu Hause und fange erst nach den Herbstferien die Schule wieder an. Ich wurde natürlich nicht versetzt und muß mein letztes Jahr wiederholen. Ich gehe in eine andere Schule, eine Mittelschule, wie man damals sagte, die nur bis zum Einjährigen führt. Meine neue Schule ist acht Kilometer von uns entfernt, jenseits des Grenzbaches, in einem großen Dorf protestantischen Glaubens.
Ich weiß nicht, in welcher Geistesverfassung ich am ersten Tag in der neuen Schule erschien. Sicherer, ruhiger, besonnener? Es fällt mir sicher schwer, morgens wieder früh aufzustehen, mich nach dem Frühstück aufs Rad zu setzen und acht Kilometer weit in die Schule zu fahren. Wenn ich am Schützenplatz das Dorf verlasse, fängt schon die Fremde an. Hinter dem einsamen Haus des Pferdehändlers kommt erst mal gar nichts mehr, nur von Baumwuchs umstandene Weiden und Felder. Ich fahre um eine große, baumlose Kurve, wo der steife Westwind mich packt und ich mich tüchtig ins Zeug legen muß. Vor mir sehe ich schon eine Wegecke mit einem eingefriedeten Kreuz, vor dem ausgeblühte Rhododendronbüsche stehen. Ich durchfahre eine Bauernschaft mit weit verstreuten Bauernhäusern unter Eichen, und dahinter fängt das schwerste Stück Weg an, eine platte Ebene, bis zum Horizont tiefgrüne Wiesen links und rechts, nimmt mir fast den Atem, dann das Grenzflüsschen – es war zu der Zeit noch nicht begradigt – an der anderen Seite steigt die Straße sogar ein wenig an, und wenn ich oben bin, sehe ich über leere Felder hinweg schon das Nachbardorf vor mir liegen. Der Rückweg ist leichter. Es gibt die erste Steigung, doch danach lasse ich mich oft vom Westwind nach Hause schieben, wo auf dem Herd mein Mittagessen steht, das ich nur aufzuwärmen brauche. Meine Eltern halten ihren Mittagsschlaf, und ich schleiche mich auf mein Zimmer oder laufe rüber in unsere alte Mansardenwohnung über der Schule, wo jetzt meine zwei Freundinnen mit ihrer Mutter wohnen, die an die Schule meines Vaters versetzt wurde.
Nach dem Herbst kommt ein bitterer Winter. Es ist 1954. Die Straße, über die ich fahre ist zwar geteert, doch schmal, wie für ein einziges Auto gedacht. Es fahren kaum Autos, und wenn sich zufällig zwei begegnen, muß jedes das andere vorsichtig umfahren. Ich sehe mich allein in diesem Winter, denn in den nachfolgenden Jahren fährt meine Schwester mit mir, die mein Vater zur selben Schule schickt, und später auch meine kleine Schwester. Er hatte wohl auf die höhere Erziehung seiner Töchter nach der Enttäuschung, die ihm seine Älteste bereitete, verzichtet. Doch in diesem Winter fahre ich allein durch eine sibirische Eiswüste. Ich trage einen Lodenmantel mit hochgeklappter Kapuze, meine Hände stecken in am Griff des Lenkers befestigten, wattierten Fäustlingen, meine Lippen sind bedeckt mit einer dicken Schicht Niveacreme. Es ist so kalt, der Ostwind bläst so heftig, daß meine Augen ständig tränen. Die kleinen Äderchen auf meinen Backenknochen platzten damals, was mich jahrelang sehr bekümmerte, bis ich von Madame de Guermantes’ Wangen las, die sehr „couperosées“ waren, was ihrer Anziehungskraft keinen Abbruch tat, sogar bei ihr von höherer Wesensart zeugte. Wenn ich mich morgens auf den Weg mache, ist es noch dunkel. Ich bin ein jämmerlich kleiner, sich vorwärts kämpfender Punkt in unendlicher Weiße. Eine dicke Schneedecke bedeckt das ganze Land, verschmilzt fast nahtlos mit dem stumpfgrauen Himmel, der dicht über mir hängt. Im Licht seiner kleinen Lampe lenke ich mein Rad vorsichtig durch eine der zwei von Fahrzeugen gezogenen, festgefrorenen Schneerillen. Ich darf nicht meine Rille verlassen. Sie ist eng, innen spiegelglatt. Verlasse ich sie, wackele ich mit dem Lenker, dann stoße ich gegen eine ihrer kleinen Eiswände, mein Vorderrad rutscht aus und ich falle – doch ich falle nie. Wenn ich die Ebene vor dem Nachbardorf erreicht habe, ist es fast hell geworden.
Nicht immer ist es so hart. Diese glorreichen Sommertage, ich bin bis zum Horizont ganz allein, steure freihändig durch die blaue Luft, mit den Armen lenkend als flöge ich. Manchmal singe ich. Ich will einen Moment Ewigkeit. Am Grenzbach steige ich vom Rad, ziehe meine Schuhe aus, stapfe durch die nasse Wiese auf den murmelnden Bach zu, hocke mich hin, sehe den Kaulquappen zu, die im leicht brackigen Wasser, das über den Wiesenrand schwappt, wimmeln. Nehme kühle Frösche in meine hohle Hand, staune über ihre Fertigkeit und Schlauheit, wenn sie in hohem Sprung in ihr Element zurückkehren.

Drei Wochen nach Neujahr legte mein Mann sich wieder ins Bett. Wieder aß er nicht mehr. Manchmal stand er abends auf, setzte sich vor den Fernseher, und sagte, why don’t you ever cook a real meal? Why can’t we sit down and have a meal like normal people? A nice roast with gravy and potatoes. Ich sagte ihm, ich äße seit Jahren kein Fleisch mehr, ich hätte aber ein Rumpsteak für ihn im Kühlschrank, ob ich das braten sollte, no, I don’t like this plastic meat you buy, sagte er. Einige Minuten später fing er wieder an. Why can’t you make a real nice roast? Ich sagte, but you haven’t eaten in days. How could you eat a big meal now? Okay, sagte er resigniert, give me a meat broth with crackers. Als ich ihm die Würfelbrühe brachte, rührte er sie kaum an, nippte nur ab und zu an seinem Löffel. Am Fernsehen gab es zwei Scorsese Filme im Original, Good’fellas und Mean Streets. Nach einer Weile rieche ich den starken Geruch meines Mannes nicht mehr, und so saßen wir vier Stunden zusammen auf der Couch, die Katze auf meinen Knien und sahen uns die Filme an. Ich kann das Bild des Fernsehers größer stellen, den übersetzten Text zum Verschwinden bringen und den Ton auf meine Stereoanlage, die unter dem Videogerät angebracht ist, schalten. Es war fast wie im Kino.
Früher, bevor wir einen Fernseher hatten, gingen wir sehr oft ins Kino. Ich kaufte damals vom „Comité d’entreprise“ der Firma, in der ich arbeitete, billige Kinokarten. Es gibt unzählige Kinos, zu denen wir zu Fuß gehen können, im Osten und Westen, im Süden und Norden, dem Quartier Latin zu. Pariser sein schließt häufigen Kinobesuch ein und Filme nur im Original anzusehen. Sobald am Mittwoch der neue „Pariscope“ erschien, kämmten wir ihn nach sehenswerten Filmen durch. Ich kannte viele der Kinoeinlasser, sagte ihnen freundschaftlich „bonjour“, einigen gab ich die Hand. Dann verschwanden wir im schwarzen Bauch einer Geschichte, die nicht die unsere war, saßen allein in einer der ersten Reihen, um ganz in ihr zu verschwinden, von der Leinwand praktisch geschluckt zu werden. Mein Mann ist ein großer Filmexperte. Nicht nur kennt er alle alten Filme, auch die Namen aller Schauspieler, sogar der zweit- und drittrangigen. Nach dem Film gingen wir langsam durch die menschenleeren Straßen nach Hause und nahmen den Film auseinander. Mein Mann entdeckte immer neue Aspekte der Geschichte. Er kennt sich aus in jedem Genre, ob literarisch, ob filmisch, er konnte nach Belieben aus seinem großen Wissen Vergleiche, Analysen und Verknüpfungen herstellen. Dann saßen wir an der Bar der „Closerie des Lilas“, die auf unserem Nachhauseweg lag, tranken Champagner, damals, als die alten Besitzer noch da waren, die Familie, die schon Hemingway bewirtete.
Jetzt ist die „Closerie“ eine reine Snobkneipe und ich zumindest gehe da nicht mehr rein. Auch die Kinos haben sich geändert. Nach und nach haben die großen Kinoketten ihre alten Säle abgerissen und mit ihren Multis ersetzt, die mehr dem Geist der Zeit entsprechen: nach Anonymität, Massenabfertigung, Wirtschaftlichkeit, Vielfalt des Angebots. Jetzt drängt sich dort abends und an Wochenenden die Jugend der Vorstädte mit Popcornbechern; ihre Adidas gegen den Rand der Vordersitze gestemmt, füllt sie die Säle, in denen die Filme schlechter geworden sind, barbarische, hirnlose Sex- und Gewaltschlachten. Ich weiß, welche Filme in Amerika gemacht werden. Die guten kommen nur mehr selten hierher.

Mein Mann kennt eine Unzahl von Filmdialogen auswendig, macht die Schauspieler nach, imitiert ihre Stimmen mit dem entsprechenden Gesicht dazu. Sein Lieblingsschauspieler ist Jimmy Cagney, der „a mile a minute“ redete, ein meisterhafter Steptänzer war. Was ihn ihm lieb macht, ist seine irische Herkunft und daß er „tough guys“ verkörperte, wie er es gerne geworden wäre, doch dann erweicht er sich über Cagneys „I ain’t so tough“ – Satz aus „Public Enemy“. Mein Mann ist im Grunde ein Schauspieler, er spielt sich in vielfachen Rollen. Und immer wieder falle ich darauf herein.
Mein Mann hat oft Zustände. Ich kenne seit langem die Zeichen. Am Anfang erschreckten sie mich. Ich habe alle Ärzte der Nachbarschaft an sein Bett bemüht, wenn es ihm schlecht ging. Jetzt will niemand ihn mehr sehen. Sobald ein Arzt sein Zimmer betritt, läßt er sich mit kalter Sachlichkeit untersuchen, lehnt jedoch jede weitere Hilfe ab. Sein Programm des Medizineinnehmens steht seit Jahrzehnten fest, daran hält er sich, und mit Erfolg, wie man sieht.
Die Krise ist nahe, wenn er, wie jetzt, jeden Tag im Bett bleibt, nichts ißt, den Wein direkt aus der Flasche trinkt. Dann geht er alle zwanzig Minuten pinkeln. Wenn die Katze schreit, brüllt er zurück. Oft murmelt er lange zu sich selbst. Wenn er den Wein wieder auskotzt, nimmt er den roten Eimer, der immer neben seinem Bett steht, stellt ihn auf seine Knie, umklammert ihn mit beiden Armen, beugt seinen Kopf hinein, spuckt Wein und Schleim.
Manchmal ruft er mich.
Ich frage ihn was los ist.
Are you sick, frage ich. You want a doctor?
Er wimmert, no, I want to be quiet for a second, don’t want any of this, want to be quiet for a second, quiet for a second.
Ich mache seine Schlafzimmertür wieder zu.
Momente später läuft er wie ein Wilder mit dem Besen hinter der Katze her. Dann setzt er sich auf sein Bett, lehnt sich über seinen Bauch.
I’m sick. I think I’m dying, I feel it. My strength is going.
Er legt seine Handflächen dicht vor dem Gesicht aneinander. Hail Mary, sagt er, murmelt das Ave, wimmert, oh my God, help me.
Ich lehne im Türrahmen, die Arme vor der Brust gekreuzt und sehe ihm zu.
You’re a faker, sage ich.
Not quite, sagt er. Not a hundred percent.
Er fuhr in seinem Getue fort: Please God, if you could spare me this one more time.
Ich sage, do you really think God has time to think about you. There are six billion more people he has to take care of.
Please sit down next to me, take my hand, sagt er.
I don’t hold hands with a trashcan, sage ich.
I’ll get you a doctor, sage ich.
No no no, schrie er mit alter Kraft.
Hey, sage ich, I thought you were dying.
I just feel sick, sagt er.
What is it that hurts, fragte ich.
Oh, all over, sagt er.
Ich stelle einen Teller Bouillon auf seinen Nachttisch. Ich knie mich vor ihn hin und halte ihm den Teller vors Gesicht. Er ißt mehrere Löffel voll.
Dann geht er wieder pinkeln.
I have to die, soon, to get it over with, sagt er, als er über der Toilettenschüssel steht und seine fünf Tropfen rausschüttelt.
Ich klimpere auf dem Computer herum.
What are you doing at this time of night?
Why, sage ich, it is seven o’clock.
What are you doing at this time?
It’s only seven, don’t you understand?
Yes, yes, sagt er, I think I do understand.
Ich nahm das Telefon und ging damit in die Küche, wo mein Mann mich nicht hören kann, rief unseren alten New Yorker Freund, den Biologen, an. Es ist mal wieder schlimm sagte ich, er ißt nicht mehr, bricht den Wein aus, redet Unsinn, fängt an zu beten, weil er denkt, er krepiert, aber ich weiß nicht, sagte ich, ob es ernst ist oder nur gespielt. What am I to do? fragte ich ihn mit Betonung auf jedem Wort. Er holte mir seinen alten Kram raus, ein Alkoholiker ist soundso, in ihrem Bauch sieht es soundso aus, bei vorgeschrittener Zirrhose totale Abmagerung. Ich unterbrach ihn. Das weiß ich alles, but what shall I do now? I mean, if anything really bad happens to him?
Die Küchentür öffnete sich. Mein Mann steckte seinen Kopf in die Tür. Whom are you talking to? fragte er.
Oh, sagte ich, I don’t know. What’s your name, sagte ich in den Hörer. Ich wollte meinen Mann abwimmeln, wollte ihm sagen, eine New Yorker Bekannte wäre am anderen Ende, aber ihr Name fiel mir nicht ein. Dann kam mir eine Idee. It’s Noah, sagte ich, here, sagte ich, gab ihm den Hörer, why don’t you talk to him.
Ich sah eine wunderbare Verwandlung. Mein Mann zog seinen rationalen Geistesanzug an. Er wurde der Alte. Gab unserem Freund eine vernünftige Analyse seines Zustandes, er hätte eine Depression. Dann sprachen sie über Politik, und sie redeten und redeten, es war so lange her seit dem letzten Mal.
Ich ging ins Schlafzimmer meines Mannes. Auf dem Boden vor dem Bett lagen mindestens hundert angelesene Zeitungen und Zeitschriften, darauf stand der Kotzeimer, gegorener Mostgeruch, ich schüttete den Inhalt ins Klo, spülte ihn aus und stellte ihn wieder an seinen Platz. Dann machte ich mir in der Küche etwas zu essen, Rührei und aufgewärmte Ratatouille. Mein Mann kam, um sich neuen Wein zu holen.
What’s that, fragte er.
My dinner. Would you like some? fragte ich ihn.
Yes, thanks, sagte er. Dann aß er, als sei die ganze Welt und er eingeschlossen ganz in Ordnung. Dann sahen wir uns, ich mit Katze auf dem Schoß, einen alten schwarzweißen Bergmann-Film an, an dem er immer neue Schönheiten entdeckte. Es war wie in alten Zeiten. Auf einem der anderen Kanäle gab es den jährlichen Globe-Award. Unsere Lieblingsserie, „The Sopranos“, erhielt drei oder vier Preise. Das Witzige mit diesen Mafia-Filmen ist, daß fast alle Schauspieler Italo-Amerikaner sind. Wenn uns dann im Fahrstuhl ein Amerikaner begegnet, wie es mir vor Jahren passierte, ein leitender Angestellter unserer Firma in New York, der diesen Akzent hat, dann können wir ein leises Lächeln nicht unterdrücken. Es ist also wahr, solche Leute gibt es wirklich, obwohl natürlich nicht alle Gangster sind.

Im neuen Elternhaus durchlebe ich die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich bin allein inmitten von Bosheit und Falschheit, die ich in meiner instinktiven Unschuld, meiner Naivität, als unerträglich empfinde. Ungleich meinen Schwestern kann ich mich der despotischen Kontrolle unserer Mutter nicht entziehen, die mit ihrem sturen „das tut man nicht“ einen vagen Moralkodex in mich einrammt, dessen blinder, steter Druck mich in mich selbst scheucht, mich entfernt von meinen Unterdrückern und mich abschneidet und wegtreibt von allem, was die ganze umliegende Kultur mir mitgeben will.
Die Religion ist das Wichtigste im Leben meiner Eltern. Das heißt die Befolgung der religiösen Sekundärgesetze. Wir werden sonntags und feiertags zweimal in die Kirche getrieben und noch jetzt fragt meine Mutter mich, gehst du auch in die Kirche? Das höchste Gesetz im Leben meiner Eltern ist, daß man in die Kirche geht. Doch nicht, daß man gut sei. Menschlichkeit, menschliche Güte, sind Begriffe des Humanismus, im primitiven Leben der Menschen sind sie kein Thema. Man muß gehorsam sein. Ein wichtiges Gebot. Das kommt ihnen zugute. Wie schön, wenn Kinder gehorsam sind. Talent, ja, das sollen wir haben, sollen etwas lernen, etwas werden, in den Augen der anderen etwas vorstellen. Wie Knopfdruckkinder sollen wir sein. Keine Eigenarten haben, und keine Not und Sehnsucht und Andersheit kennen. Das darf nicht sein. Nur dem Gebot folgen, das sie aufstellen.
Doch ich verstehe die Gebote, wie ich sie im Katechismus lerne, von der Kanzel höre, wo das klare Wort Jesu gesprochen wird. Liebet einander. Ich komme von der Messe nach Hause, getragen von der Präsenz Gottes und dem Vorsatz, gut zu sein, gehorsam zu sein, alles zu ertragen. Wir werden empfangen von einer Mutter, die auch gerade einer Messe beigewohnt hat und von dem gleichen Abdruck Gottes geprägt sein müßte, die aber ihren Mißmut, ihre schlechte Laune, ihren Ärger über uns ausgießt; wir setzen uns still an den Frühstückstisch, denn es ist noch die Zeit der lateinischen Messen und der Kommunion auf nüchternen Magen und wir sind ausgehungerte junge Tiere, die sich jetzt hinsetzen wollen, ihren Hunger stillen und froh sein. Wir halten still, während unsere Mutter Bitterkeiten ausschüttet, essen unser Sonntagsei, trinken unseren Bohnenkaffee. Denn sie haßt unseren Vater, haßt unsere Freunde, haßt das Dorf, haßt ihre Pflichten. Sie haßt uns, die wir nicht nach ihrem Sinn sind. Sie ist die Sklavin der Familie, opfert sich für uns auf, und wie danken wir es ihr? Warum lassen wir sie immer allein? Als wir auf unsere Zimmer schleichen, hallt ihr „wo geht ihr hin“ hinter uns her, die Türen klappern. Wir fliehen vor ihr, und sie steht in der Küche und kocht den Sonntagsbraten. Sie ist allein und das Gift ihrer „melancholia“ breitet sich in ihr aus und wird zu Ärger und Wut, sie schmeißt Teller und Bestecke auf den Tisch, wirft Töpfe und Schüsseln umher, denn sie will gehört werden, wir sollen wissen, wie zornig sie ist, sie brennt den Braten an, verkocht das Gemüse. Wenn wir hören, „essen kommen“, aus der Küchentür gerufen, bevor sie wieder zuknallt, kommen wir alle demutsvoll angekrochen, das Besteck, die Teller, alles steht auf dem Wachstuch des Eßtisches wie sie es hingeworfen hat, wir gehen daran, sie auszulegen, wie das in der Zivilisation geschieht, aber da sind wir nicht, in der Zivilisation, und bedrückt warten wir bis unsere Mutter die Hühnersuppe auf den Tisch gestellt hat, dann bittet mein Vater einen von uns, das Tischgebet zu sprechen.
Ich hasse Hühnersuppe. Ich vergnüge mich damit, die Fettaugen zusammenzutreiben, sie zu durchstechen, um daraus ein einziges großes Auge zu machen; aus den Nudelbuchstaben Wörter zu formen. Mach voran, faucht meine Mutter mich an. Der Rotkohl steht schon auf dem Tisch. Wir haben immer dieselben Plätze. Rechts von mir sitzt meine Mutter an einer der Schmalseiten des Tisches, links neben mir meine Großmutter, wenn sie da ist. Meine Mutter redet ununterbrochen. Wir essen mit Silberbestecken, die Teil der Aussteuer sind. Meine Eltern haben große Messer und Gabeln, wir andern essen mit kleinen. Damit ist die Hierarchie ein für alle Mal etabliert. Meine Mutter redet, fuchtelt mit ihren riesigen Bestecken durch die Luft, schaufelt den Rotkohl mit dem Messer kratzend vom Teller in ihren weiten Mund, ich höre wie ihre große Gabel immer wieder an ihre langen, vorstehenden Zähne klickt. Sie schluckt laut, redet schon weiter, mit weitaufgerissenem Mund, ihre häßlichen Zähne wie ein Tor, das in eine unnennbare Welt des Ekels führt. Sie redet zu meinem Vater. Mein Vater hat eine Ecke seiner Serviette hinter die Krawatte gesteckt, damit er sie nicht vollkleckert. Er ist nett und geduldig. Wenn er fertig ist, faltet er die Serviette ordentlich, rollt sie auf und steckt sie in den silbernen Serviettenring mit den Initialen meiner Mutter, wartet bis alle fertig sind mit dem Essen. Nach dem Tischgebet geht er ins Wohnzimmer, legt sich zum Mittagsschlaf auf die Couch.
Ich bleibe in der Küche bei meiner Mutter, räume das klappernde Geschirr zusammen, stelle es auf den Tisch neben dem Spülbecken. Meine Mutter ist dabei, alle Töpfe mit metallenem Löffel auszukratzen, das letzte bißchen an Soßen und Fett mit dicken feuchten Lippen abzulecken. Ich nehme das Schüsseltuch. Das ist ein weißlicher Lappen, zusammengenäht aus einer ihrer alten Unterhosen, es gibt einen scharf ranzigen Geruch ab, ich mag es kaum anfassen. Ich wische das glitschige Wachstuch des Tisches damit ab. Meine Mutter nimmt das schmutzige Geschirr, spült es mit kaltem Wasser ab, stellt es zurück auf den Tisch. Dann nimmt sie eine Plastikschüssel, füllt sie mit heißem Wasser, gibt Pril hinein und taucht die Teller, Schüsseln, Bestecke ins Weichwasser, reibt ein wenig und stellt sie zum Trocknen in den Geschirrständer. Pril trocknet Geschirr von alleine, sagt die Reklame. Ich trockne das Silberbesteck ab, das meine Mutter mir mit Nachdruck in die Hand drückt, nachdem sie es mit dem Unterhosenschüsseltuch vorgetrocknet hat, lege es in die obere Schublade unseres weißlackierten mehrstöckigen Küchenschranks. Meine Mutter redet. Ich höre nicht zu. Ich weiß nicht, wovon sie redet, kenne die Leute nicht, deren unbedeutende Geschichten sie erzählt. Wenn alles weggeräumt ist, verlasse ich erleichtert die Küche. Meine Mutter wäscht sich im Badezimmer, das im ersten Stock liegt, mit den vier Schlafzimmern und einer Rumpelkammer, in der ihre Strickmaschine untergebracht ist, und der Staubsauger, der gleichzeit unser Föhn ist, ein Ding, auf Raten an der Haustür gekauft. Ich weiß nicht, in welches Zimmer ich gehe. Drei der Schlafzimmer sind zeitweise mein Zimmer. In allen bin ich ungeschützt und allein. Kalt und unwohl. Die Fenster müssen immer offen stehen, die Heizkörper sind abgeschaltet. Eines der Zimmer enthält nur zwei weiß und riesig sich auftürmende Betten, einen weißen Nachttisch dazwischen und einen kleinen Schrank. Die anderen zwei Zimmer sind ein wenig wohnlicher, mit einer Art Pult, wahrscheinlich aus dem Sperrmüll von Schulen, und einem alten Küchenstuhl davor. Ich setze mich auf den Stuhl, auf den Rand des Bettes und warte, daß meine Mutter, mit dem Waschen fertig, unten die Tür zum Wohnzimmer zuzieht, um in ihrem Sessel den Mittagsschlaf zu halten. Dann stehle ich mich aus dem Haus.

Wie es mit meinem Mann weiterging.
Als Nippi seine Arbeit beendet hatte, fand ich mich in einer Wohnung wieder, in der alles herumstand und nichts einen Platz hatte. Der lange Eßzimmertisch, ein alter Redaktionstisch mit sympathischen Tintenflecken, dunkel poliert, nahm vor dem Kamin allen Platz weg. Bad und Küche waren nur mit dem Notwendigen ausgestattet. Das Schlafzimmer füllte ein unbenutztes Bett, auf ihm türmten sich fast bis zur Decke Kleidungsstücke, über hundert feinste italienische Schuhe und Stiefeletten bedeckten den Boden, in den Schränken hingen Dutzende von Tweed- und Lederjacken, Hunderte von Kravatten, lagen unzählige Packen gefalteter Hemden. Ich erwog damals nicht die Bedeutung dieser seltsamen Anhäufung von Garderobe. Ich ging einfach an die Arbeit, wurde Handwerker und Hausfrau, machte mir mein viertes Nest zurecht. Maria, die Portugiesin, kam dreimal die Woche, um sauberzumachen. Sie war kugelrund, geschwätzig, untüchtig und reich, mit zwei Wohnungen in Paris und einem Haus in Portugal. Einmal als Claudia mir einen Besuch abstattete, traf Maria ein und ganz demokratisch redeten wir jede in einer den anderen unverständlichen Sprache miteinander. Maria hatte mein Mann getauft „moi je“, da sie jeden Satz so anfing, doch danach konnte man kein Wort mehr verstehen. Claudia, „princess Wiener Schnitzel“, wie wir sie nannten, sprach kaum Französisch, aber jede der Damen hatte wichtige Dinge zu sagen.
Auf Claudias Zureden wurde über die Hälfte der Schuhe an Marias Mann verschenkt, der sie wahrscheinlich an die Portugiesen von Paris verkaufte, ein großer Berg der Kleidungstücke wurde abgetragen, soweit, daß der Rest in die Wandschränke paßte. Das Bett des Schlafzimmers, ein Ungetüm aus der Jahrhundertwende, wurde zerlegt und in den Keller gestellt, mit dem Bett im Wohnzimmer ersetzt, wo meine Couch ihren Platz fand. Meine Bücher verschwanden in der Bücherwand. Wir hatten unsere Leben zusammengelegt und unsere Bücher gemischt. Inextricablement. Den Eßtisch stellte ich mit dem Rücken zum Kamin, den ich anzündete und in dessen Wärme ich, denn es wurde Herbst, meine Übersetzung zuende schrieb. Mittags kochte ich, danach gingen wir Hand in Hand in der milden Herbstsonne durch den Jardin de Luxembourg zur Haltestelle der RER, von wo er zur Arbeit fuhr. Am Abend lief ich mit der Hündin zur Metrohaltestelle Notre-Dame-des-Champs, wo er um Punkt elf von der Rolltreppe hochgetragen wurde und meine Hündin begrüßte ihn mit einem kurzen, kehligen Gebell, sobald sie ihn sah. Dann gingen wir in ein Café auf dem Weg oder in die „Closerie des Lilas“. Meine Hündin spazierte sofort in die Küche, wie üblich. Meine Hündin war ein Star. Sie war von großer Eleganz und Schönheit. Sie hatte Charme, sie lachte einen an – und sie liebte ihn.
Ich war glücklich bis zu dem Tag, an dem er zu viel trank. Wir kamen nach Mitternacht aus einer Bar in Saint-Germain-des-Près, gingen durch eine schicke Straße, an jeder Seite teure Modegeschäfte: neben Saint-Laurent stellte er sich an die marmorne Wand und pinkelte. Dann stolperte er neben mir am Luxembourg entlang, redete, zischte wirres Zeug, stotterte Drohungen, beschimpfte mich, mir fiel das Leben auseinander. Zuhause angekommen, nahm ich meine schöne weiße Bluse und zerriß sie voll Wut, weinend. Der Mann war schon bewußtlos aufs Bett gesunken. Ich zog ihm die Schuhe aus.

Es wird schlimmer mit der Katze. Sie sprang eines Abends mitten in einem Film von meinem Schoß, wahrscheinlich, um zur Toilette zu gehen, und ich sah, wie ihre Beine den Aufprall ihres Körpers auf den Boden nicht mehr federnd abfangen konnten und sie sekundenlang schwankte. Seitdem geht sie sehr langsam, sackt mit den Hinterbeinen weg und kämpft um ihr Gleichgewicht. Es schien mir, sie schrie weniger in letzter Zeit oder hörte ich sie schon nicht mehr? Es dauerte morgens lange bis ich wußte, es ist die Katze, die schreit, ihr Schreien schrieb sich in meine Träume ein. Es gab Tage, an denen es mich weniger störte, an anderen trat ich sofort aus meinem Zimmer, ergriff den Besen und lief hinter ihr her. Don’t hurt her, sagte mein Mann, wenn er auf der Couch saß. Doch manchmal war ich so voller Wut, daß ich sie wie eine Wahnsinnige durch die Zimmer verfolgte, immer wieder mit dem Besen nach ihr ausholte, sie zickzackte unter den Eßtisch, unter Stühle, schließlich in ihr Bett. Wenn sie endlich ruhig war, schämte ich mich. Oft hatte ich Angst, ich hätte sie am Rückgrat verletzt. Manchmal war der Besen nicht zur Hand, dann griff ich einen der Handstöcke meines Mannes, gab ihr damit kleine Schläge in den Schwanz und ich sah ihren Körper schwanken. Sie war noch flink, und es war wie ein Spiel: sie war viel gewandter als ich. Trotzdem fühlte ich mich schäbig, hinter einer Katze herzulaufen, um sie zum Schweigen zu bringen. Aber sie hatte mich in der Hand mit ihrem verdammten Schreien. Nun hat sich das Gleichgewicht verschoben. Zu wessen Ungunsten? Sie ist schwach, bewegt sich schleppend, ist alt und krank. Sie weint durchdringend, erschrickt nicht mehr vor meinen drohenden Gesten, schreit mir ins Gesicht. Sie weiß, ich werde ihr nichts tun. Vielleicht hat sie Recht. Ich kümmerte mich nicht genug um sie. Nahm sie nie mit ins Bett. Trug sie nie auf dem Arm. Habe ich sie geliebt? Das war eine Liebe, die nicht zu viele Opfer und Kompromisse fordern durfte. Ich war keine richtige Katzenmutter. Bin ich wie meine Mutter? Gefühlsarm? Hart?

Als ich meine Katze so hilflos und taumelnd sah, fing ich an zu weinen. Ihr Hinlegen war langsamer als Zeitlupe, man konnte gar nicht sehen, daß sie sich bewegte. Sie beugte sich liegend über ihre Flanken, um sie zu lecken, ihre Zunge leckte ins Leere. Zum Fressen und Trinken hockte sie sich auf ihre Hinterbeine. Sie weinte stundenlang mit dieser kleinen, klagenden Stimme, ging mühsam hin und her, ihre Hinterbeine knickten ein. Der Moment ist gekommen, sagte ich mir. Und weinte noch heftiger. Ich rief den Tierarzt an. Das sind Schmerzensschreie, sagte er, er hörte sie durchs Telefon. Ich kann zu Ihnen nach Hause kommen und es tun, sagte er. Ich rufe Sie wieder an. Das Leben ging weiter. Die Katze schlief ein wenig, lag da, unschuldig, in der Süße ihrer Bewußtlosigkeit, die Kinder und Katzen an sich haben und die unser Herz zum Schmelzen bringen. Es kam mir unsinnig vor, sie in einigen Stunden in Materie verwandelt zu wissen. Sterbehilfe nennt man sowas. Als würde der Herr Tod höchstpersönlich gleich in unsere Wohnung treten, statt der Sense eine Spritze in der Hand. Ich rief den Tierarzt wieder an. Ich will noch ein wenig warten, sagte ich ihm. Ich komme am Montag mit der Katze bei Ihnen vorbei.

Mein Mann stand um sechs auf. Er jammerte: I don’t feel so good.
Dann fing er wieder damit an. Why can’t we have a regular meal, a roast and mashed potatoes and gravy? fragte er.
Gut, sage ich, ich gehe jetzt zu Inno und kaufe dir einen Braten. Dann kriegst du jeden Tag ein oder zwei Scheiben, bis er aufgegessen ist.
Um acht war alles fertig, der Braten, die Soße, das Kartoffelpüree.
You want to eat at the table? frage ich ihn.
Yes, I don’t care for television.
Ich deckte den Eßzimmertisch fein ordentlich. Die Soße ging in die Soßenschale, das Püree in eine Schüssel, der Braten auf eine Bratenplatte. Deneben legte ich ein langes Schneidemesser.
Monsieur est servi, sagte ich zu meinem Mann, der sofort vom Fernseher aufstand. Als er das Eßzimmer betrat, fing er an zu schreien.
What’s this? Aren’t you eating with me?
No, sagte ich und ging in mein Zimmer.
You horrible bitch, you Nazi broad, you piece of shit, brüllte er.
In meinem Zimmer zitterte ich. Ich hatte ihm unzählige Male erklärt, daß ich kein Fleisch mehr esse, ich abends keine volle Mahlzeit zu mir nehmen will. Sein gewaltiges Gedächtnis verweigert den Dienst in allem was mich betrifft, ich bin die Schablone einer Frau, ohne jede Individualität, ohne Anspruch auf Eigenbedürfnisse.
Eine Stunde später ging ich ins Eßzimmer. Vom Braten hatte mein Mann eine dünne Scheibe, vom Püree und der Soße gar nichts gegessen. Ich räumte ab, reinigte alle Töpfe und Pfannen. Püree und Soße warf ich ins Klo. Dann setzte ich mich zu meinem Mann aufs Sofa. Er roch, hatte einen Bart, seine Haare hingen ihm lang und strähnig im Nacken, sein Rücken war weiß von Schuppen.
Sag mal, sagte ich, was sollte das vorhin? Sieh dich an. So will ich nicht mit dir am Tisch sitzen. Warum soll ich dir einen Gefallen tun? Du wäschst dich ja auch nicht mir zu Gefallen.
Er jammerte, you are totally stupid. You don’t understand nothin’. I always had dinner at eight. I like eating at the table and have a nice conversation. It is like some measure of hope for me. But you can’t give me that. Why don’t you fuck off. Go away.
Ich ging in mein Zimmer. Trauer zerriß mich. Da ich gerade dabei war, weinte ich ein bißchen mehr. Ich verstand genau, was er meinte. Er wollte mit mir am Tisch sitzen, als sei alles normal. Als sei er kein Alkoholiker, der sich zu Tode trinkt. Was war es, was Menschen voneinander trennt, sie hart macht gegeneinander, unbeugsam wie Eisenstäbe, die die Wärme des Mitleids nicht schmelzen kann? Bin ich doch wie meine Mutter, gefühlsarm, hart?

Es fing an mit meinem Mißtrauen vor Fleisch, als ich vor einigen Jahren bei unserem Fleischer eine dicke Scheibe seiner von ihm selbst hergestellten „fromage de tête“ kaufte, Schweinskopfsülze steht im Lexikon. Damals gelüstete es mich manchmal unwiderstehlich nach Salzigem, Scharfem, wegen Hormonumstellung denke ich, als sei ich eine schwangere Frau. Daß ich etwas vom Schwein aß, war äußerst selten. Nachdem ich den Artikel im „New Yorker“ über Schweinezucht in Amerika gelesen hatte, hörte ich auf, Schweinefleisch zu essen. Das ist über zwanzig Jahre her. Jeder weiß heute, daß man die Aufzucht von Schweinen von über einem Jahr auf zehn Monate verkürzt, dank Zusatz von Antibiotika und Hormonen im Futter. Dieser Artikel lieferte mir eine Erklärung, warum in allen Ländern mit viel Fleischverzehr die Kinder plötzlich ihre Eltern um einen Kopf überragten, sogar in Ländern, deren Bevölkerung seit alters her kurz waren, wie z.B. in Frankreich. Als ich in Paris ankam, war ich eine große Frau, überragte die Mehrzahl der Franzosen. Inzwischen bin ich inmitten jüngerer Leute eine Frau von durchaus mittelmäßiger Größe, bin nicht mehr die alle überragende Germanin. Daß die amerikanischen Praktiken in Europa verboten sind, heißt nicht, daß man sie nicht auch anwendet. Es gab in den letzten Jahrzehnten unzählige Skandale, die mir zeigten, daß eine bestimmte Bauernethik verloren gegangen war. Es wurde nur mehr für Profit produziert.
Mit meiner Scheibe Schweinskopfsülze, die ich genußvoll mit dickem Senf beschmiert aß, geschah es, daß ich auf einen Knochen biß. Mir einen Zahn ausbiß. Den ich dann teuer bekronen mußte. Ich ging zu meinem Fleischer, der ja diese Sülze selber hergestellt haben wollte und sagte ihm, er habe lauter Knochen darin verarbeitet, was er ganz vehement bestritt. Er und seine Frau wurden danach grantig zu mir, bevor sie ihr Geschäft verkauften und verzogen. Es war vielleicht nicht mehr gut gelaufen und ihnen war jedes Mittel recht, sich über Wasser zu halten. Ich beschloß, mein Fleisch anderswo zu kaufen, nämlich beim Fleischer hinter dem Tresen in meinem Supermarkt, der Gourmet-Fleisch nach Wunsch herrichtet. Franzosen nehmen es nicht so ernst mit der Hygiene, und im Laufe er Zeit habe ich dies, unter dem Zuspruch, „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ bis zu einem gewissen Grad akzeptiert. Es bediente dort ein kleiner, älterer Mann, der immer ein lustiges Wort bereit hatte. Eines Tages war er stark erkältet, aus seiner Nase lief ein breiter Schleimfaden, den er sich mit dem Handrücken wegwischte, bevor er mich bediente. Seinen jüngeren Kollegen vermied ich schon wenn möglich, da er eines Tages, als er mein Fleisch zuschnitt, einen riesigen getrockenten Popel im Nasenloch sitzen hatte, der einen Moment später verschwunden war. Diese unbedeutenden Vorkommnisse erweckten langsam meinen Widerwillen gegen Fleisch, denn ich dachte, was passiert bloß damit, wenn ich nicht hinsehe. Bis es dann ganz dicke kam mit all den Skandalen bezüglich Fleisch und Fleischproduktion. Es verging monatelang kein Abend, wo man uns in den Nachrichten nicht verzerrte Tierkadaver und taumelnde, kranke Kühe und mißhandelte Kälber und federlose Hühner zeigte. Die Vorstellung, das Fleisch eines dieser geschundenen Tiere zu verzehren, war mir widerlich. Ekelte mich an. Ich sagte mir, ich könnte ganz gut ohne Fleisch leben.

Das fiel in die Zeit, als ich aufhörte zu kochen. Als mein Mann seine Arbeit verlor, genoß er zwei Jahre die Freiheit des Wohllebens, die Zeit und Geld geben. Danach erschienen die ersten Symptome seiner Krankheiten, und seine Konten waren um die Hälfte geschmolzen. Es fiel ihm immer schwerer aufzustehen und den Tag anzufangen. Das Mittagessen wurde immer später. Ihm schmeckte nicht, was ich kochte. Er hatte in allen berühmten Restaurants Frankreichs gespeist, doch jetzt verlangte es ihn nur nach Hamburgern oder Schweinekoteletts mit einem Maiskolben, alles begossen mit viel Ketchup. Ich jedoch liebe mein Essen gut gewürzt bis scharf, mit viel Zwiebeln, vor allem die Mittelmeerküche, verarbeitete oft das Fleisch mit den Gemüsen und Kräutern des Südens. Mein Mann pickte die Fleischstücke heraus, ließ das Gemüse auf dem Teller oder ließ es von der Gabel zwischen seine Beine hindurch auf den Teppich fallen, wo er es mit den Füßen zu Brei zerrieb. Jeden Tag machte er mir einen anderen Vorwurf, wir gerieten in Streit und oft ließ er alles auf dem Tisch stehen und ging aus. Eines Tages teilte ich ihm mit, von nun an würde ich nicht mehr kochen. Ich würde ihm ein Steak oder ein Kotelett braten, wenn er danach verlangte, mehr nicht. Meiner Meinung nach war er auf einem Regressionstrip, auf dem ich ihm nicht folgen wollte. Seit dem Tag haben wir keine Mahlzeit mehr im Eßzimmer eingenommen, und ich habe kein Fleisch mehr gegessen. Es war alles ein Abwasch.

Meine neue Schule ist ein dunkles, verschachteltes Backsteingebäude über dessen knarrende Holztreppen und Flure ich vier Jahre lang unlustig gehe. Ich kann sofort die guten und die schlechten Lehrer ausmachen, letztere sind mehr ängstlich auf ihre Autorität bedacht als darauf, uns Wissen zu vermitteln. Wie überall sind die Lehrer ältere Männer und alte Fräulein. Der Rektor der Schule ist unser Deutsch- und Geschichtslehrer. Ich bin sofort von ihm gefangen. Er ist streng, fast ruppig, doch sein Unterricht fasziniert mich. Das erste Mal lerne ich. Nicht für die Schule, ich studiere das, wofür dieser Lehrer in mir Appetit weckt, die Dinge, die mir in meinem Leben wichtig sein werden. Ich brauche nicht lange, um mich als gute Schülerin hinzustellen. Was nicht schwierig ist, das Niveau der Schule ist nicht bemerkenswert, und ich lasse mich willig von diesem Lehrer leiten. Ich verehre ihn. Sitze gläubig zu seinen Füßen, hänge an seinen Lippen. Das erste Mal erzählt mir jemand vom Leben in einer Weise, die ich verstehen und akzeptieren kann. Unter seiner Leitung lese ich die Klassiker, kurze Schultexte, Novellen der Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, versuche, ihren Sinn herauszufinden. Meine Neugier für das geschriebene Wort und seine unbegrenzten Bedeutungen, das mich weit über mich und meine Welt hinaushebt, ist geweckt. Es wird meine Zuflucht, mein wirkliches Zuhause, zu einem Grad, daß ich zwei Jahre später auf die Frage, was ich einmal werden möchte, antworte, gar nichts, ich will mein Leben lang studieren.

Ich werde ein großes, kräftiges Mädchen. Die forcierte Fett- und Eiweißfütterung, der ich unterzogen bin, plus die jugendlichen Hormone geben mir die starken Knochen, die ich noch jetzt habe, erwiesene Knochen- und Muskelmasse fünfundzwanzig Prozent über dem Durchschnitt, und legen mir das dazugehörige Fett auf die Knochen. Das tägliche Radfahren bei Wind und Wetter stählt meine Muskeln, vor allem in den Beinen. Ich strotze vor Gesundheit. Meine Wangen sind rund und rot. Meine Brüste wachsen ins Übermaß, stimuliert vom Fett, das sich willig in Hormone umwandelt. Wir sind eine gemischte Schule, mit Jungen wie Mädchen. Eines Morgens hat jemand eine nackte Frau mit dem Messer auf mein Holzpult geritzt. Ich weiß nicht, was das bedeutet, bin aber betroffen. Ich habe immer nach den Brüsten der anderen Mädchen geschaut, die eher wuchsen als meine. Doch als diese endlich anfangen, hören sie nicht mehr auf. Mit sechzehn, siebzehn rammen sie sich noch bestimmend in den Raum, sie stehen noch geradeaus, hart, wie mit Knickern gefüllte Beutel, obwohl die Haut zart ist, mit lauter durchscheinenden Adern. Ich bin ein großer Block von Frau, enorme Schultern, voluminöser Vorderbau, ohne viel Taille, auf langen, muskulösen Beinen.
Meine Mutter näht alle unsere Kleider und Mäntel. Mir ist es schwer, ihre maßnehmenden Hände auf mir zu fühlen, ich hasse die Kleider, die sie mir näht, sie sind zu eng, meine Brust platzt aus ihnen heraus. Als wollte sie stolz ihr Preisschweinchen vorzeigen. Zur Kirche im Winter stecke ich in einem Sonntagsmantel aus dickem, steifem Stoff, groß kariert und mir auf den Leib formgeschnitten. Das war einmal der Mantel ihres Vaters, der kurz vor meiner Geburt starb, aus der Kehrseite hat sie diese enge Schatulle geschneidert. Ich betrete die Kirche durch den linken Seiteneingang, links sitzen die Frauen, ich möchte unsichtbar sein, denn die Gänge sind gefüllt mit bösen Augen. Ich bin wie jemand, der ein Gebrechen hat, keins, wofür man ihn bemitleidet, sondern eins, für das man wegen einer geheimen Sünde bestraft wird. Ich wünsche mir, ich hätte einen Buckel statt dieser gebuchteten Vorderwand, die jeder anstarrt. Es ist, als bestünde ich nur aus meiner Brust. Ich bin nicht hübsch, meine Zähne stehen vor, meine Haare sind nicht mehr blond und lockig, sie sind dunkelblond und liegen mir platt und dünn am Kopf. Meine Kindersüße ist verschwunden. Ich schaue träge und verdrossen in die Welt, die mir aus mir unbekannten Gründen nicht wohlwill.

Das zweite Prinzip meiner Eltern nach dem In-die-Kirche-gehen ist die Sparsamkeit. Immer wieder läßt unser Vater verlauten, Schulden seien ein großes Verhängnis. Er wußte, wovon er redete. Jedoch hat er immer das nötige Kleingeld für seine Zigarren und für den abendlichen Besuch in Onkel Heinis Kneipe. An schönen Sommersonntagen gibt uns unsere Mutter manchmal einen Groschen für ein Eis. Sonst ist kein Geld da für Extras. Wir sind ohnehin schon teuer, so wie wir da sind. Ein oder zwei Bücher zu Weihnachten. Ein auf der Strickmaschine gestrickter Pullover. Außer einem riesigen, alten Radio sind keine Apparate in unserem Haus. Es gibt kein Telefon. Wir haben keine Rollschuhe, keine Schlittschuhe. Nichts Überflüssiges. Einmal bezahlt unsere Großmutter uns einen Hula-Hoop-Reifen, den ich in furiosem Eifer um meine festen Hüften schleudere, um ein wenig an Umfang zu verlieren.

Unsere Lieblingszerstreuung sind die Mappen. Meine Mutter hat die Mappen bestellt. Das sind Illustrierte, in graubraune Mappen geheftet, die von Woche zu Woche an einen anderen Abonnenten weitergereicht werden. Wenn sie zu uns kommen, sind sie schon einige Wochen alt. Wir stürzen uns auf sie, wenn sie am Samstag geliefert werden. Sie sind unser einziger Zugang zur Welt außerhalb unseres Dorfes. Sie sind unsere Verführung. Wir sehen die Welt durch die Linse der Illusion. Die Berühmten, die Schönen, die Glücklichen, das leichte Leben, Erfolg, Reisen, schöne Kleider. Für immer wird meine Lebenssicht durch diese Bilder pervertiert; ich glaube, daß das Glück in irgendeiner Weise außerhalb meiner Kondition zu verwirklichen ist. Ich sehe es vor mir, auf diesen glänzenden Seiten. Es wäre leichter, wenn ich schön wäre. Wie diese Frauen, die mit den hohlen, blassen Wangen, dem schönen Haar, den herzförmigen Lippen, den geschwungenen Augenbrauen, den dunklen Wimpern. Ihre Körper sind schlank und haben trotzdem diese Kurven, um die Brust, ums Hinterteil, wie ein Fragezeichen. Vielleicht würde mich dann ein Mann ansehen. Denn im Mann scheint das Glück seinen Ursprung zu haben.

Der einzige Mann in meinem Leben ist mein Vater. Die Enttäuschung über seine Frau und die von ihr in die Welt gesetzten Mädchen hat ihn in die Ironie und Passivität getrieben. Er will mit Frauen nichts zu tun haben, auch mit seinen Töchtern nicht. Er teilt uns beißende Bemerkungen aus. Wir sind ihm eine Last, machen ihm Kummer, fallen nicht aus wie er es sich wünscht, liegen ganz in der Linie der Familie meiner Mutter. Alles schwierige Frauen. Früh verfügt er, aus seinen Töchtern würde nichts. Er geht seinen Interessen nach, alles andere ist für ihn Weiberkram.
Der Ehrgeiz brennt weiter in ihm. Er produziert seine Geschichten und Gedichte, an denen wir nicht teilhaben, weil wir die Sprache nicht sprechen. Er ist eine Persönlichkeit im Dorf. Er wird eine Persönlichkeit in den zwei katholischen Landkreisen, in denen man seine Morgenandachten im Radio hört. Seine Töchter haben sich zu benehmen, daß sie ihm nicht zur Unehre gereichen. Seine Obsession ist: Was sollen bloß die Leute sagen. Es verletzt mich, die ich weiß, wie es in seinem Hause wirklich aussieht, wie es um ihn selbst steht. Und: die ich seine Ohnmacht erfahre. Ich weiß nicht, ob ich jemals Liebe für ihn empfunden habe.

Ich habe Sehnsucht nach der Liebe. Daß mich jemand lieb ansieht, mich in die Arme nimmt. In unserer Familie wird man nicht in den Arm genommen. Wir drücken manchmal einen trockenen, flüchtigen Kuß auf die Wangen von Vater und Mutter, wenn wir ins Bett gehen. Ich denke lange darüber nach, was das Küssen bedeutet, von dem die Welt voll ist. Unter uns Mädchen läuft das magische Wort um: der erste Kuß. Hast du schon deinen ersten Kuß bekommen? fragen wir einander in intimen Stunden. Das ist ein unanständiges Wort. Meine Eltern dürfen nicht wissen, daß ich vom Küssen und von Männern träume. Einmal versuche ich, meine Freundin, die jüngere der Schwestern oben in der Schule zu küssen. Ich will ausprobieren, wie sich das anfühlt, wovon alle reden. Ich drücke meine Lippen gegen die ihren, ein trockener Widerwillen läßt uns auseinanderschnellen. Ich habe mich in einen neuen, jungen Lehrer unserer Schule verguckt, bin verliebt in die Brüder meiner Freundinnen. Das heißt nicht, daß ich jetzt verrückt auf Männer bin. Solche Mädchen gibt es im Dorf, böse Geschichten erzählt man über sie, es wird gemunkelt, sie tun es sogar für Geld. Das Schlimme legt sich über sie wie Geschwüre.

Am Schützenfest, das jedes Jahr am Pfingstmontag und -dienstag abgehalten wird, lodert meine sehnsuchtsvolle Erwartung auf; mein Herz klopft schneller, sobald ich die Böllerschüsse höre, die auf Bäcker Lübbers Wiese abgegeben werden. Eine große Menschenmenge drängt sich auf dem Platz vor Tante Tinas Haus. Ein Blasorchester spielt schnelle Marschmusik. Geschmückte pferdegezogene Wagen sind gefüllt mit Blumenmädchen, der Schützenkönig in Uniform und seine Königin im langen Kleid sitzen in einer alten Kutsche. Ein festlicher Zug lachender Menschen marschiert bis zum Schützenplatz, wo schon ein riesiges, innen mit Girlanden geschmücktes Zelt steht, umgeben von Karussells, Schießbuden, Würstchenständen. Für die Schulkinder gibt es Sackhüpfen, Stafettenlaufen, Hindernisrennen. Erwachsene, Männer wie Frauen, stehen schon am Ausschank in den Zelten und trinken Bier und Schnaps, spielen ihr Spiel miteinander. An diesen Tagen ist fast alles erlaubt. Ich bin allein. Einmal gehe ich mit einem Jungen, den ich mag, er ist ein Auswärtiger, ein Lehrling irgendwo, ein kurzes Stück den Sandweg zum Wald hin hoch, wir reden, ich bin ängstlich und schüchtern. Als wir zurückkommen, läßt er mich ohne ein Wort zu sagen stehen. Am Abend ist Tanz im gefüllten Zelt. Ich sitze in der grölenden Menge an einem Tisch, ich tanze nicht. Niemand fordert mich auf. Ich bin in eins der von meiner Mutter mir eng auf den Leib geschneiderten Kleider gequetscht. Die schiefen Blicke der anständigen Frauen sind auf mir. Die Blicke der Männer auch, aber anders. Nicht lieb. Es ist nicht hier, daß ich mir meinen ersten Kuß hole, unter diesen von Wetter und Arbeit gezeichneten Bauern, die grob den Frauen einen Schlag auf den Hintern geben, anstatt sie verliebt anzusehen. Ich bin die Tochter des Schulleiters. Die jungen Leute sind seine Schüler gewesen. Ich trinke ein Bier oder zwei.

Ich gehe zur Tanzstunde. Wir lernen Tango, Walzer, Foxtrott, von Rock’n Roll hat niemand etwas gehört. Zum Abtanzball kommen auch die Eltern. Ich tanze mit einigen Vätern. Meine Mutter sitzt wie