Analyse eines Lebens - fast ein Roman

III



Unser Leben geht jetzt friedlichere Wege, unser Umgangston hat sich normalisiert. Der Stundenplan meines Mannes ist derselbe, Fernsehen bis in den frühen Morgen, zwei Beruhigungspillen, heruntergespült mit koffeinfreiem Coca Cola, Schlafen bis in den Nachmittag, Frühstück, von mir serviert. Wenn er mich sieht, sagt er, still here? Früher war seine Stimme dabei voll Ärger und Haß. Jetzt ist sie leicht und spielerisch.
Wenn mein Mann aufhört zu trinken, gleitet er durch mehrere Phasen, jedesmal dieselben. Nach der anfänglichen Erschöpfung, wenn die guten Vorsätze noch in ihm vorherrschen, muß ich ihm viele Fruchtsäfte heranschaffen, ihm jeden Abend zum Nachtisch einen Fruchtsalat mit kleingeschnittenen Obststücken zurechtmachen. Doch bald rotten die von mir gekauften Früchte, die Fruchtsäfte verjähren. Zuerst will er ein paar Löffel Eis auf seine Früchte, dann will er nur Eis, dann noch Sahne drüber, danach will er auch Kuchen mit dem Eis plus Schokoladensoße und Sahne und zum Naschen Marsriegel und englische Toffees. Dann sagt er, komisch, ich habe gar nicht abgenommen vom Nicht-mehr-trinken.
Zuerst ist sein Körper so schwach, daß er auch nachts nicht aufstehen will. Er pinkelt dann in den Kotzeimer. Bis ich sage, geht das jetzt immer so? Seine Nerven sind noch irritiert, nichts mache ich ihm recht. Hundert Gramm Fleisch sind zu viel für ihn. Es ist nie genug durchgebraten. An Gemüsen mag er nur Kartoffeln, Erbsen und Mais. Manchmal bin ich alles satt, dann sage ich zu ihm, hol dir dein Eis selber. Dann finde ich seine Schokoladenfinger überall, am Kühlschrank, an den Klinken, an den Türen und Türfüllungen, an denen lange dunkle Tränen herunterlaufen. Ich kaufe ihm Vanilleeis, Schokoladeneis, Kaffeeeis, Sauerkirscheis. Es stehen mehrere Kannister im Kühlschrank, wo die Sahne schon geschlagen rauskommt. Wenn etwas fehlt sagt er, du hast nie was im Haus. Mein Mann ist ein Hyperboliker. Er kann die Wirklichkeit nur in der ironischen Verzerrung ertragen.
Vor zwei Monaten habe ich ihm Pantoffeln gekauft, weil er sich über kalte Füße beklagte, große rote Schiffe, doch jetzt stehen sie auf den Balkon, sage ich zu ihm: Why are they out on the balcony? To air them? Why don’t you put yourself there? Dann muß er grinsen. Noch immer wäscht er sich nicht. Zum Fernsehen setze ich mich weit von ihm weg auf unseren Schaukelstuhl, damit ich ihn nicht rieche. Wir essen immer noch Punkt acht. Ich kann in einer Viertelstunde zwei Mahlzeiten herrichten, eine für ihn, eine andere für mich. Beim Essen trinke ich ein, zwei Glas Wein. Mein Mann stürzt sein Coca Cola runter als sei es Wodka-Tonic. Der Ton des Fernsehers steht immer auf sehr laut. In die schneidende Stimme des Ansagers hinein redet mein Mann in seiner dunklen, gerundeten Stimme. Ich kriege von allem nur einen Bruchteil mit, von den Nachrichten und von dem, was er dazu zu sagen hat, was viel mehr ist, als jeder Ansager mitzuteilen hat, so daß er hinterherhinkt, noch beim alten Thema ist, während der Ansager drei weitere gestreift hat. Sein Französisch ist lückenhaft. Manchmal fragt er mich, was hat er gesagt, aber ich weiß es auch nicht. Wie kann ich zwei Leuten gleichzeitig zuhören und auch noch essen. Dann wiederholt er zum tausendsten Mal, there is something wrong with your ears. Have them checked. Ich sage, nothing is wrong with my ears, but how can I listen if you talk incessantly? Denn ich bin höflich, sehe ihn an, nicke ab und zu. Nach vielen Stunden Alleinsein suche ich Zerstreuung, doch ich bin in Fetzen gerissen, meine Aufmerksamkeit, meine Gefühle flattern hin und her, von meinem Mann zu den Nachrichten, vom Streik der französischen Postarbeiter zu Simbabwe. Do you know what he did, Rhodes? sagt mein Mann. For a few beads he took all the good land from the blacks, and invited the whites in to settle there. Same thing the English did in Ireland, und dann kommt eine lange Vorlesung über die „absentee landlords“, wie sie über die Jahrhunderte Irland ausbluteten. Well yeah, sage ich, but how about the Indians in your country? So, you should all get out of there, give the land back to the Indians. Sure, sagt er und grinst, I’m already here. Oder wenn die Assistenzärzte der Krankenhäuser streiken, hält er mir einen Vortrag darüber, wie leicht man sich in Krankenhäusern etwas wegholt, wie dreckig es dort immer noch ist, daß man erst seit 1920 verstanden hat, was Bazillen anrichten, weil Ärzte sich nicht immer die Hände zwischen Patienten wuschen. Sans blague, sage ich, no kidding, I didn’t know they had ever found that out.
What, schreit mein Mann. Why are you saying that. You want to give me a heart attack? So you can have all my money? That’s all you can think about, my money.
Ich sitze auf dem Schaukelstuhl, Beine angewinkelt und schaukle.
It’s impossible to have a conversation with you, sagt er.
This is not a conversation, sage ich laut, lauter als das Fernsehen, that’s a lecture.
Don’t scream at me, sagt er.
Ich fliehe, bevor er mich mit einem andern Thema auf meinem Schaukelstuhl festnagelt.
Mein Mann kann beim Fernsehen lesen. CNN läuft mit den immer selben Gesichtern und den immer gleichen Geschichten. Mein Mann umgibt sich mit Zeitungen und Büchern. Es steht ein zweistöckiger Tisch vor der Couch; jede Etage ist mit Büchern gefüllt, auf der oberen stapeln sie sich fast meterhoch. Der freie Platz auf der Couch ist bedeckt mit den Zeitungen, die ich ihm jeden Tag vom Kiosk hole. Mit der Post kommen literarische Magazine. Mein Mann fängt an, viele Bücher zu kaufen. Es gibt neue Schinken in Englisch über das Leben Goethes, über Preußen, eine neue Ausgabe eines berühmten Werkes über das sowjetische Terrorregime. Jede Woche muß ich ihm ein neues Buch über Internet bestellen. Er nippt nur an den Büchern, an den Zeitschriften, dann müssen sie in Reichweite weitervegetieren, bis ich sie eines Tages wegräume. Am Umfang unserer Bücherwand sehe ich wie an den Jahresringen eines Baumstamms, wieviele Trockenperioden er durchlebt hat, wenn seine Suchtpathologie sich auf andere Dinge verlagerte, Bücher, Süßigkeiten, Kleidungsstücke. Die Bücher in unseren Bücherwänden sind alphabetisch von mir in doppelte Reihen gestellt; vorn stehen die kleineren, hinten die hohen, wobei ich mit einiger Freiheit vorging, denn es ist schwierig, die hintere Reihe in derselben alphabetischen Reihenfolge zu halten wie die vordere. Mein Mann sucht natürlich immer nur nach einem Buch, das sich irgendwo hinten befindet. Dann steht er vor der großen Bücherwand, zieht Buch nach Buch heraus, bringt alles in Unordnung und fragt mich, wo dies verdammte Buch ist. Jeden Tag fragt er mich erneut, hast du das Buch gefunden, beschuldigt mich, es weggeworfen zu haben, verflucht mein Bücherordnungssystem, bis ich mich auf die Suche mache und es finde, dann liest er ein wenig darin und es erhöht die existierenden Stapel. Jede Nacht, bevor er endlich ins Bett geht, durchquert er Wohn- und Eßzimmer und zieht die schweren Übergardinen für die dunkle Nacht vor unsere tiefen, fast bis zum Boden reichenden Fenster und ich ziehe sie einige Stunden später, wenn ich aufstehe, wieder auf.

Als ich die Mittelschule verlasse, bin ich fast achtzehn. Meine Eltern wissen nicht, was sie mit mir anfangen sollen. Ich habe keine außergewöhnlichen Gaben gezeigt, und kein Talent weist in eine bestimmte Richtung. Wir leben auf dem platten Land ohne viel Möglichkeiten. Ich bin ein praller Teenager mit vollen, geröteten Backen, ein kräftiges Weibsstück könnte man sagen, wie gemacht für diese Gegend, in der die Frau wie ein Teil des Viehbestands gehandelt wird, wäre da nicht der gesenkte Blick, der meine Unsicherheit verrät, den mein Vater nicht versteht, faul bin ich, sagt er. Und, ein Produkt meiner Mutter, spreche ich kein Plattdeutsch. Wer sollte mich heiraten? Ich muß etwas lernen, um mein Leben fristen zu können. Es ist die Rede davon, mich zur Friseuse zu machen. Mich irgendwo in die Lehre zu geben. Vielleicht verdanke ich es meinem alten Rektor, der meinen Eltern einige freundschaftliche Besuche abstattet, daß es doch anders kommt.
Im Städtchen, in dem meine Mutter aufwuchs, führen katholische Schwestern nicht nur das Mädchengymnasium, sondern sind dabei, für die, die dort nicht recht mitkommen, einen neuen Zweig einzurichten, eine Frauenoberschule. Unter Verzicht einiger zu intellektueller Disziplinen im Austausch für einige speziell weibliche, wie Kochen und Handarbeiten, können die Absolventinnen zwar nicht die Universität besuchen, doch mit Hochschulstudium gute katholische Lehrerinnen werden. Auch Mittelschulabsolventen sind zu diesem Zweig zugelassen. Hier melden meine Eltern mich an. Ich muß im Internat wohnen, das der Schule angegliedert ist.
Hier ziehe ich im Frühjahr 1958 ein. Es muß eine späte Anmeldung gewesen sein, denn in den ersten Wochen, bis ein Bett bei den Großen frei ist, schlafe ich mit den Kleinen in einem Saal. Einige Wochen hause ich in der einsamen Weiße von Bett und Spind, dem hohen Licht der Fensterwand, der vielfaltigen Vorhänge, die mir wie Schleier das Leben ringsum verbergen, das sich mir nur offenbart in ihrem ewigen Bauschen, in den Schatten, die um mich herum stapfen, schleichen, eilen, eine Art Platons Höhle. Wenn früh das Licht ausgemacht wird, Stille herrscht, hauchen hundert Münder in dieselbe Luft. Eine der Schwestern schläft bei uns im Saal. Am Morgen Gekreisch und Gedränge von Zwergen in den Toiletten und Waschräumen. Vom Törleß bis zu Violette Leduc situiert meine Vorstellung die Geschichten, die in Schlafsälen spielen hierhin. Ich habe keine Zeit, schlechte Gewohnheiten zu entwickeln, denn es wird ein Platz für mich frei, und ich ziehe in ein Viererzimmer im Oberstock.
Dieses Kloster ist ein geheimnisvolles Gebäude. Wir betreten es fast nie durch den Haupteingang, um die Nonnen nicht zu stören. Diese wohnen in Klausuren, die kein Laie betreten darf. Es gibt viele lange, mit braunrotem, immer blank gebohnerten Linoleum belegte Korridore, die wir schweigend mit quietschenden Sohlen durchqueren. Schul- und Internatsräume sind nicht überall getrennt. So müssen alle Klassen zur Gesangstunde den breiten Gang im Erdgeschoß nehmen, an unserem Speisesaal vorbei, dann eine Treppe hoch, ins Musikzimmer im ersten Stock, gleich neben der Kapelle. Wenn man diese Treppe weiter nach oben geht, die jedoch nach jedem Stockwerk enger wird, erreicht man unsere als Mansarden ausgebauten Schlafräume. Ein langer Gang verbindet die Zimmer, mündet an jeder Seite in Waschräume mit Duschen und Toiletten. Es gibt eine Abzweigung da, wo unser Flügel dem Kloster angefügt ist. Wir gehen drei Holzstufen hinauf, öffnen eine Tür ohne Schloß und betreten eine Art Bodenraum, wo grobe Holztüren einen dunklen Gang hinunter verschwinden, den wir nicht weiter erforschen. Frühmorgens sehe ich manchmal eine gebückte, alte Nonne mit einem Nachteimer von dort kommen, den sie in unseren Toiletten entleert. Dieser Weg scheint verboten zu sein, doch ich nehme ihn oft, um in mein Klassenzimmer zu gelangen. Ich husche durch den Bodenraum, öffne eine andere Tür und bin im Hauptflügel des Klosters, dessen obere Etage ebenfalls mehrere Internatszimmer hat, teilweise mit Balkon zum Pausenplatz der Schule hinaus, wo das Mädchen wohnt, das ich sehr mag. Von dort führen weitere Treppen und Gänge hinunter zur Schule, die im nächsten Querflügel liegt.
Unsere Zimmer sind je nach Größe Dreier- oder Viererzimmer. Sie laufen schlauchartig auf das Fenster zu, unter dem ein langer, in den Raum ragender Tisch steht, wo wir Briefe schreiben, lesen, Radio hören und uns unterhalten. Unsere Hausaufgaben machen wir in unseren Klassenzimmern, Punkt vier müssen wir auf unserem Platz sitzen. Das Silentium fängt an. Unsere geliebte Laura sitzt am Lehrerpult und wacht über uns. Sie wacht nicht nur hier über uns, sie ist auch unsere Beschützerin gegen Übergriffe von uns feindlichen Seiten. Sie ist eine alte Nonne, bemuttert uns, steht immer für uns ein, glaubt an das Gute in uns. Sie hat die sanften Hände einer Großmutter, ein breites zum Lächeln neigendes Gesicht, das vor Sanftheit strahlt. Wir können zu Laura gehen, wenn uns etwas zwackt; und wenn wir fühlen, wir haben eine Dummheit begangen, flüchten wir in ihre Arme. Ihre Assistentin ist eine junge Nonne mit weniger Güte, der die Natur nicht wohlwollte. Sie hat ein Gesicht wie ein Knochengerüst, kein Fleisch rundet ihre Wangen. Ein armes Geschöpf, bedacht darauf, es allen recht zu machen, doch immer ihren Oberen mehr als uns.
Unsere Klassenlehrerin ist eine der Übernonnen des Klosters. Sie ist die Leiterin des neuen Zweiges. Ich will sie Ehrentrud nennen. Sie ist die Frau, die hier über mich herrscht, mein Heil und Unheil bestimmt. Wir haben die Fächer Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde bei ihr. Gebürtig ist sie aus einem der umliegenden Dörfer, die Nazizeit verlebte sie in Italien, in einem Kloster ihres Ordens in Mailand, wo sie – vielleicht einigen übereifrigen Faschisten – Deutsch unterrichtete. Morgens betritt sie mit kleinen, eiligen Schritten ein wenig verspätet das Klassenzimmer, setzt sich hinter ihr Pult, schlägt mit gezierter Geste die zwei Flügel ihres Nonnenschleiers beiseite, die sofort wieder zurückfallen und sagt mit scheinheilig breitgezogenen Mund: Heute tun wir mal Geschichte. So war ihre Art zu reden und zu handeln. Jeder hatte sich auf Deutsch vorbereitet, doch sie „tat“ Geschichte. Sie will überraschen, die schlechten Schülerinnen überführen, denn sie liebt es, diese herunterzumachen. Sie hat ihre Lieblinge, die sie zu hassen liebt. Es sind immer dieselben. Der Rest von uns sitzt ohnmächtig da, wie gelähmt im Blick der Schlange, die jeden Moment woanders zustoßen kann. Wir ertragen sie, niemand von uns rasselt durch und alle sind tüchtige Lehrerinnen geworden, doch ist sie für uns Synonym für Hinterhältigkeit, Grausamkeit und damit verbundenem Leid geblieben. An ihr erlebe ich das falsche Lächeln, für das man die Oberlippe zu den flatternden Nasenflügeln hebt, die Zähne zeigt während die Augen kalt strahlen. Unsere Pausengespräche drehen sich oft um ihre letzten Ungerechtigkeiten. Diese Frau verbrachte vielleicht ihre besten Jahre in Italien, wo die Schönheit mit Löffeln gegessen wird, und zurück im grauen Vaterland, fand sie sinnliche Befriedigung in der Willkür – und in ihren Erinnerungen. Ihre Lieblingsthemen, die nichts mit irgendeinem Stundenplan zu tun haben, drehen sich um alte italienische Geschichte, als die Deutschen Kaiser sich dort geschäftig machten, um die Guelfen, die Ghibellinen, um die frühe, noch halb byzantinische Kunst, um Giotto, dessen goldene Aureole eine Rechtfertigung des Reiches Gottes darstellen. Mit ihr kauen wir nur die frommen Autoren durch, Gertrud von Le Fort, Werner Bergengruen, Elisabeth Langgässer, Hans Carossa, Ernst Wiechert, um unsere Frömmigkeit zu fördern und uns die nötige, eingeschränkte Lebenssicht zu verpassen, die dem katholischen Glauben förderlich ist, und um uns auf unser Frauentum vorzubereiten: „Die Tat ist des Mannes, aber gering wiegt sie vor dem großen Erbarmen“. Am Montag zieht die Klasse als erstes in die Kapelle, um für die morgige Schulmesse neue liturgische Gesänge zu üben. So herrscht Ehrentrud über einen neuen Ausbildungszweig, für den es keine genauen Richtlinien gibt.
Die Schule insgesamt ist für das katholische Ländchen zugeschnitten. Als Privatinstitution hat sie Lehrer eingestellt, die nicht vor Trefflichkeit leuchten, gar nicht zu reden von den Nonnen, die wahrscheinlich oft keinen Universitätsabschluß vorzuweisen haben. Wir merken gleich den Unterschied, als zwei pensionierte Lehrer des Jungengymnasiums eine Zeitlang aushelfen, uns Geschichts- und Biologieunterricht erteilen, zwei eminente Kahlköpfe, die nie unsere Namen lernen, doch fähig sind, uns einen Sinn ihrer Disziplin zu vermitteln.
Unser Religionslehrer ist Bubi. Bubi ist der einzige Mann im Kloster; er hat eine große Wohnung im Erdgeschoß. Bubi ist ein Priester. Als junger Mann wurde er gegen Ende des 2. Weltkrieges zu einem siebzig-prozentigen Invaliden geschossen. Seine Schultern sind schief, er schleppt ein Bein nach. Sein Gesicht ist rund, in seine Stirne fällt eine hartnäckige Strähne, daher sein Spitzname. Er versucht, uns die Subtilitäten der Dreifaltigkeitslehre, der Doppelnatur Jesu, der Transsubstantiation klarzumachen. Er setzt sich mit einem Schenkel auf ein Pult, argumentiert mit uns zugunsten der Todesstrafe, zugunsten der südafrikanischen Apartheit, die für ihn der Realität der gottgegebenen Ungleichheit unter den Menschen Rechnung tragen. Über mich sagt er ein Wort, das ich nicht vergessen werde. Sie gibt den Anschein von Intelligenz, mit der es jedoch nicht weit her ist. Zu einer Klassenkameradin, die es mir mit einiger Selbstgefälligkeit zuträgt.

Mein Mann erzählt mir aus seinem Leben.
Die ersten Monate widmeten wir dem Glücklichsein. Ich war eine sexuell wiedererwachte Frau, brannte vor Verlangen nach dem Mann, der mich verlangte, verbrachte ihn erwartend meine Nachmittage mit Heimwerkeln, Lesen und Übersetzen. Dann ließ ich mich mit ihm in die sanften Arme des Alkohols fallen, bevor ich selig neben ihm einschlief. Er ließ sich von mir umfangen, nie lag ich in seinen Armen. Er war nicht der männliche Mann, er war der narzißtische Kind-Mann, der mich hundertmal am Tag fragte, ob ich ihn liebte. Mittags nahm er ein Bad, ließ sich lange einweichen, dozierte, redete, las mir aus Zeitschriften und Büchern vor, während ich zwischen Küche und Bad hin und her lief. Hol mir mal den zweiten Band von James Joyces Briefen aus dem Bücherschrank, sagte er und las mir dessen Liebesbriefe an Nora vor, die gespickt sind mit Erotik, mit erotischen Unflätigkeiten. Wir lebten in der puren Welt des Intellekts und der Liebe. Wir sättigten uns an der Liebe, die wir auf dem Pfad zueinander fanden. Es war alles eins, die Ingredienzen fügten sich zu einer einzigen Speise zusammen. Wir lasen Diderot, die Brüder Goncourt, Flauberts Briefe an Louise Colet, lebten die Gegenwart mit einem Fuß im Vergangenen. Wir durchstreiften Paris, er nahm mich wie ein Kind an die Hand, erklärte mir die philosophischen Theorien von Augustin bis Foucault. Ich war wie auf einem Videotrip, sah Paris wie nie und hörte über das Leben, Geschichten über Geschichten, Theorien über das Leben, über Paris, die Amerikaner von Paris. Er drückte mir Hemingways „The Movable Feast“ in die Hand, in dem ich las, daß da, wo unser Wohnhaus sich befand, die alte Sägemühle stand, in deren oberem Stockwerk Hemingway mit seiner Frau Gladis wohnte, und daß er den selben Weg wie wir nahmen: durch Hintertüren eine steile Treppe hoch, durchquerten wir die Bäckerei, das Feinkostgeschäft, um auf den lärmenden Boulevard du Montparnasse zu gelangen, der eine halbe Etage höher parallel zu unserer Straße lief.
Wir wurden ein bekanntes Paar im Viertel, gingen regelmäßig in die guten Restaurants, waren oft von unserer eleganten Hündin begleitet. Jeden Samstag mittag aßen wir ein langes, spätes Mittagsmahl in der alten Coupole, wo der neunzigjährige Besitzer uns mit Handschlag begrüßte, wir gehörten dazu. Wir saßen spät in der Nacht in Cafés, trafen Bekannte. Er hörte nicht auf zu erzählen, legte mir sein Leben zu Füßen dafür, daß ich ihm zuhörte. Ich war von ihm bezaubert. So viel Leben, so viel Wissen, so viel Witz und Charme. Das wog die paar Abende auf, an denen sein Geist sich in Alkoholismus verdunkelte, er wirre Dinge redete, Drohungen ausstieß, voll wilder Wut, voll Haß war.
Vor einem Jahr hatte ihn die Frau, die er fünfundzwanzig Jahre lang geliebt hatte, verlassen. Nein, sie war nicht seine Frau gewesen, sondern seine Geliebte, seine große Liebe. Sein halbes Leben hatte sich um sie gedreht. Jahrzehnte hatte er seine Ferien in ihren gemieteten Häusern in Italien und Südfrankreich und im Winter in der Schweiz verbracht. Sie waren ein schnellebiger Kreis gewesen, Amerikaner, Engländer, Iren, die jedoch nach und nach in alle Winde zerstoben oder verstarben. Seine Geliebte, eine Millionenerbin aus den Südstaaten, war verheiratet mit einem Schriftsteller, der nachts arbeitete, sie tagsüber betrog. Sie schlief oben im Dienstmädchenzimmer ihrer Luxuswohnung, weil sie gegen ihre Katzen allergisch war, doch wenn sie in die Staaten flog, mußten diese die Nebensitze auf der Concorde einnehmen, für die sie extra zahlte. Seine Frau war die mit dem Pferdegesicht gewesen. Sie war schon 1980 an Gehirntumor gestorben. Er und seine Geliebte hatten sie, zusammen mit der Portugiesin Maria bis zu ihrem letzten Atemzug gepflegt. Gestorben war sie in der Wohnung am 14. Juli, während in Frankreich der Nationalfeiertag ablief, auf der gelben Couch, die nicht mehr da war. Sie hatte vierzig Zigaretten am Tag geraucht, die letzte Packung hatte er ihr in den Sarg mitgegeben. Er und seine Geliebte hatten sich die Heirat versprochen, doch dann war ihr auf einer ihrer wöchentlichen Runden im Rote-Kreuz Auffangwagen, ein jüngerer Mann über den Weg gelaufen und ihre weibliche Sorgeleidenschaft hatte sich auf diesen verlagert, der noch schlimmer dran war als er, verludert und verdrogt, mit krimineller Vergangenheit. Jetzt wohnten sie auf einer Farm in Nashville, Tennessee. Mein Mann hatte einen seiner alten Freunde, einen New Yorker Privatdetektiv, hinter ihr her geschickt. Sie hatte sich scheiden lassen und den jungen Kriminellen geheiratet.
Sein Schmerz und sein verletzter Stolz ließen diese Frau immer wieder vor mir aufleben: wie schön sie war; wie wunderbar sie Flöte spielte; wie sie sich um ihn sorgte, ihm lange Brief schrieb, die noch jetzt in einem mit Geheimnummer verschlossenen Aktenkoffer ruhen; wie sie verlaufene Katzen unter Autos hervorholte; ihm beibrachte, vernünftig zu essen; ihn veranlaßte, sich Entziehungskuren zu unterziehen; wie aufopfernd sie seine kranke Frau pflegte, wie sie ihm vorwarf, er wolle diese mit zu starken Medikamenten umbringen, ja, sagte er, das wäre das beste gewesen, diese war die letzte Zeit sehr durcheinander, litt unendliche Schmerzen, rauchte jedoch weiterhin Zigarette um Zigarette. Er hatte immer ihr Rauchen gehaßt, weswegen sie und er zehn Jahre lang zwar im selben Haus, in einer der engen mittelalterlichen Straßen im Marais, jedoch jeder in seiner eigenen Wohnung lebten bis die Restauration des Marais sie aus dem Haus zwang und sie zusammen in die Wohnung zogen, die ich von ihr erbte. Ihr Gesicht war nicht schön gewesen, aber sie hatte einen gut gebauten, willigen Körper gehabt und noch schwerkrank, hatte sie nicht auf die Liebe verzichtet. Als klar wurde, daß sie nicht wieder gesund würde – man operierte sie in einem der großen Pariser Krankenhäuser – entschied sie, ihr Mann sollte sie beerben, denn sie hatte von ihrer Firma, der amerikanischen Zeitung, an der beide arbeiteten, eine sehr hohe Entschädigungsumme gerichtlich zugesprochen bekommen, da man sie im Widerspruch zum französischen Gesetz entlassen hatte. Zehn Monate vor ihrem Tod flogen sie nach Dallas, Texas und ließen sich im Kreis ihrer Familie trauen, tauschten Eheringe aus. Das teure Kaffeeservice, ein Hochzeitsgeschenk ihrer Freundin, der Geliebten ihres Mannes, steht noch heute im Buffet, ich darf es nicht benutzen, mein Mann meint, es könnte sich abnutzen. Mir ist das egal.

Am Tag als meine Katze starb, Ende Februar, stand hoffnungsvoll, mitten in der Kälte, der erste Frühlingsbaum von Paris voll in Blüte. Wenn man den Square verläßt, steht dieser Baum vor uns. Er ist Teil des Krankenhausgeländes, da, wo sich ein Kindergarten befindet. Gleich daneben sind die Anlagen für „gefährliche“ Wäsche, die täglich von Speziallastern abgeholt wird. Vor fünfunddreißig Jahren war dort das Leichenschauhaus, zur Zeit, als mein Mann mit seiner damaligen Freundin, einem Fotomodell, eine andere Wohnung des Square bewohnte. Wenn ich früher dort vorbeilief, hielt ich manchmal den Atem an, ich dachte, ich durchquere jetzt eine unsichtbare Wolke von gefährlichen Mikroben. Inzwischen bin ich der Meinung, die Nähe des Krankenhauses, das uns unablässig seine Armeen verschiedener Bakterien herüberbläst, denn es hat laut pustende Entlüftungsanlagen einbauen lassen, trägt zur Langlebigkeit der Einwohner des Square bei, die gegen alles immun werden, außer natürlich gegen das Alter. In den letzten zwei, drei Jahren sind viele der alten Einwohner gestorben, alle im Alter von 95 bis 99 Jahren.
Solange wird meine Nachbarin, Edith, es nicht schaffen. Edith wohnt um uns herum, besitzt eine Wohnung neben der unseren, eine genau unter uns. Als wir einzogen, hauste sie mit ihren dreizehn Katzen neben uns, unsere Balkone stießen aneinander, ich konnte von meinem in ihre armselige Küche sehen. Daneben war ihr Schlafzimmerfenster, von dem aus sie oft abends zu mir sprach; in der sanften Dämmerung schien sie wie ein gerahmtes Bild, unwirklich, voll Poesie, sie rezitierte mit sanfter Stimme über ihre Katzen, über französische Dichter, die Landschaften ihrer Jugend, ihre Hände tanzten, hoben und senkten sich, ihre aufgesteckten grauen Haare wie ein Heiligenschein um ihr Gesicht, das von innen leuchtete wie ein dreiviertel Mond.
Dann senkte sich ihre Stimme um eine Oktave, wurde hart, wie brüchiges Metall, spuckte Haß. Die Menschen waren unbarmherzig, hatten ihr viel angetan. Eine ihrer Katzen war vor vielen Jahren in den Fahrstuhlschacht gefallen, nicht von allein, ihre geliebte Merle aber hatten Nachbarn ihr aus Mißgunst entwendet. Sie hatte sie nie wiedergesehen.
Wenn ich sie im Treppenhaus, auf der Straße traf, bat sie mich, unten im Geschäft für sie Einkäufe zu machen, der kleine Araber, der bediente, sagte sie, schlug sie mit Stöcken an ihre geschwollenen, blutenden Beine, und sie konnte so schlecht gehen. Dann zischte sie mir zu, ich hätte nicht mit unserer Nachbarin zu sprechen, die mir gegenüber einen schönen Balkon voller Geranien hatte, selbst im Winter, weil es so viel regnete, und ich sollte mich vor dem Hausmeister in Acht nehmen, er wäre ein Betrüger und Dieb, versuchte immer wieder bei ihr einzubrechen.
Ich kümmerte mich ein wenig um sie, lud sie zu einem Glas Wein ein, ließ sie reden; sie mußte sich ein wenig der Last ihres Lebens entledigen. Die Bosheit der Menschen war grenzenlos und hauptsächlich gegen sie gerichtet. Wenn ich ihr Leben zustammenstückte, würde das folgendes ergeben: Aus großer wohlhabender Familie der Provinz. Sie war zweimal verlobt. Ihr erster Verlobter war ein Homosexueller. Der zweite ein Deutscher von altem preußischen Adel. Er kam bei einem Unfall ums Leben, der von ihren Kollegen im Ministerium, wo sie arbeitete, verursacht wurde. Noch jung kümmerte sie sich als einziges der Kinder um ihre kranke Mutter. Dabei richtete sie sich zugrunde. Tagsüber arbeitete sie, abends versorgte sie ihre Mutter, lief nachts in den Straßen der Stadt herum, bis das erste Café öffnete, sie ein Frühstück nahm und zur Arbeit ging. Ihre Geschwister betrogen sie um ihre Erbschaft. Sie nahmen ihr alles weg, räumten ihre Wohnung leer, was noch übrig blieb, wurde von Nachbarn und vom Hausmeister gestohlen. Manchmal wechselten einige Details ihres Lebens, dann sprach sie fließend Arabisch, hatte Kunstausstellungen in Moskau organisiert, für die französische Spionage gearbeitet und war eine Freundin von Jorge Luis Borges. Sie wurde fünfundzwanzig Mal operiert, doch richteten die Ärzte sie jedes Mal nur noch schlimmer zu. Es war jeder um sie herum darauf aus, ihr Böses zuzufügen. Ich habe sie nur als alte Frau gekannt, doch ist sie nur zehn Jahre älter als ich. Sie ist vornüber über ihre Eingeweide gebeugt, die wegen eines Bauchwandbruchs aus ihr hervorgequellen. Ihre Beine sind dick geschwollen, voller offener Wunden, Zeichen von schlechter Durchblutung, von Fäulnis.
Ich besuchte sie in ihrer Wohnung, Räume voller Katzen, die um uns herum sprangen, auf die spärlichen Möbel, aufs schmale zerrissenene Bett, ins graue Bettzeug, auf den Tisch, den Stuhl, die Schränkchen voller Papiere. Staub, Katzenhaare, ihre Altweiberhaare überall, ich wagte nie, mich irgendwo hinzusetzen. Ihr Fernseher ging nicht mehr, sie hatte kein Radio. Der Boden aus rohen, unpolierten Dielen voller Dreck. In ihrem Badezimmer funktionierte nichts, die Wanne besetzt von schmutziger Wäsche und Abfall. Die Küche ein unaufgeräumter Stall mit verrotteten Wänden. Katzenstreu überall. Es roch durchdringend nach Urin. Edith, sagte ich, was können wir tun? So können Sie nicht leben. Fing an zu organisieren. Die Papiere. Sortieren. In den Keller. Nein, nein, schrie sie. Die brauche ich alle.
Edith bezahlte nie ihre Rechnungen. Als Besitzerin von zwei Wohnungen schuldete sie der Wohngemeinschaft Jahre doppelter Nebenkosten. So verschwanden schon vor langer Zeit ihre Möbel und Wertgegenstände beim Gerichtsvollzieher. Telefon, Licht und Gas werden ihr regelmäßig abgeschaltet, dann steht sie auf dem Flur und versucht die Klappen zu ihren versiegelten Zählern aufzubrechen. Sie stellt einen der schwarzen Arbeiter, die jeden Morgen den Square sauberhalten oder eines der spanischen Dienstmädchen zum Putzen ein, dann bezichtigt sie sie des Diebstahls. Sie läßt sich Sicherheitsschlösser einbauen, doch verliert sie regelmäßig ihre Schlüssel. Sie hat Zeiten von Krisen, wo sie jeden im Haus beschimpft, dann steht sie tagsüber vor dem Guckloch ihrer Tür, reißt diese blitzschnell auf, wenn sie jemanden kommen und gehen hört, schreit Beschimpfungen durchs Treppenhaus. Seit Jahren schon ist sie in der Wohnung unter uns, die andere steht leer. Im Sommer kann ich nicht die Fenster öffnen, weil ihr Gestank aus den ihrigen zu uns hochsteigt. Ihre Katzen sind ihr langsam weggestorben. Und sie hat sich gegen mich gewendet. Ich bin eine ihrer Erzfeindinnen geworden. Sie hört meine Schritte, und wenn ich die Wohnungstür zugezogen habe, steht sie auf dem Treppenabsatz und schreit mir mit Kopfstimme und hohem Hexenlachen die schlimmsten Schimpfwörter zu, Schlampe, Miststück, Hure, Diebin, Mörderin. Im vorigen Jahr ließ sie sich mit dem Taxi zur Polizei fahren, um mich wegen Diebstahls anzuzeigen.
Dann konnte sie nicht mehr gehen und stehen. Ihre rechte Hüfte wurde operiert. Seit einigen Monaten fällt sie zu Boden, immer wieder, ruft laut zu Hilfe, klopft mit ihrem Stock, damit jemand sie hört, oder ruft die Feuerwehr an. Ihr Neffe hat ihr ein Handy besorgt. Die Feuerwehr kommt tags und nachts, manchmal zweimal am selben Tag. Ihr Schlüssel liegt manchmal bei einem jungen Nachbarn, der aufschließt. Dann wird sie hinuntergetragen, zum Krankenhaus nebenan gefahren. Einige Stunden später ist sie zurück. Sie will nicht im Krankenhaus bleiben, beschimpft das Personal, das sie mit einer Ambulanz wieder nach Haus schickt. Dann, ein, zwei Tage später fällt sie wieder hin und ruft wieder die Feuerwehr an, die sie ins Krankenhaus bringt, von wo sie wieder nach Hause geschickt wird.
Vor einigen Tagen klopften die Feuerwehrleute nachts um drei an unsere Tür, der junge Nachbar hatte keinen Schlüssel, und sie wollten von unserem Balkon aus sich auf Ediths abseilen, um ihre Küchentür aufzubrechen und sie herauszuholen. Fünf junge, kräftige Männer füllten unsere kleine Küche, liefen hin und her, warfen ihre Ausrüstungen auf den Boden. Einer von ihnen wurde an Beinen und Armen angeseilt, ein anderer setzte sich auf die Erde, seine Beine gegen die Pfosten der Balkontür gestemmt, das Seil lief mehrmals um ihn herum, und langsam gab er beim Hinuntersteigen des anderen mehr und mehr Seil zu. Unten hatte Edith beide Flügel ihres eisernen Fensterladens von innen geschlossen, diese mußten mit meinem Hammer aufgebrochen werden. Nach einer Stunde war Edith wieder im Krankenhaus und dort ist sie bis jetzt geblieben. Sie hat sich diesmal ihre operierte Hüfte verrenkt.

Die Internatszeit ist für die junge Frau, die ich bin, die erste Begegnung mit der Welt außerhalb ihres Milieus. Sie erlebt neue Strukturen, Lebensweisen, Auffassungen, neue Unerbittlichkeiten, sie erfährt fremden, unbekannten Willen. Mit ihr auf engem Raum leben Mädchen, die sie weit über sich stehend erfährt, sie einschüchtern. Sie sind ein gemischter Haufen. In ihrer Klasse sind alle Mädchen aus den ländlichen, benachbarten Orten, auf dem klassischen Zweig jedoch sind die Internatsschülerinnen teilweise aus begüterten Familien der großen Städte vor allem des Ruhrgebiets. Sie sind begabt, strahlen Selbstvertrauen aus, haben einen ihr unbekannten Lebensstil, ziehen sich gut an, viele sind ansehnlich bis schön. Sie scheinen zu einem geheimen Clan zu gehören, leben in einer eigenen Sphäre, bilden unter sich eine Gemeinschaft. Welt- und sprachgewandt kennen sie die wichtigen Dinge des Lebens, fahren im Urlaub ins Ausland, werden von ihren aparten Eltern besucht. Sie sind ernster, konzentrierter, unabhängiger als die kichernden Dorf-Teenager ihrer Klasse, spielen Tennis, spielen Klavier, kennen die Liebe, die neuesten Chansons. Non, je ne regrette rien, hört sie aus einem ihrer Zimmer zum ersten Mal. Edith Piaf. Und Dave Brubeck. Und Elvis Presley.
Sie sind wie die Mädchen, die sie bis jetzt auf dem Papier der Illustrierten in den Mappen gesehen hat – und genau so unerreichbar. Sie zischen im engen Gang mit ihren weiten Petticoatröcken an ihr vorbei, streifen sie, ohne sie zu sehen. Sie haben ein Zuhause, das ihre Zukunft sichert, außerhalb dieser Wände gehören sie schon jetzt einer Welt an, die wie ein Versprechen vor ihnen liegt. Im Speisesaal nimmt jede ihren Platz neben ihren Kameradinnen ein, nur beim Abwaschen, wenn gemischte Equipen in die immensen Küchenräume geschickt werden, um Töpfe und Pfannen auszuscheuern, kommt sie manchmal mit ihnen in Berührung.
Da ist Rosl. Ein blumiger Name für ein sprödes Mädchen. Doch ja, die Dornen sind da. Nicht schön ist sie. Ein rundes Gesicht, Kinn sich zuspitzend, kurze dunkelblonde Haare, ein Blick von unten her, schalkhaft, mit schalkhaften Grübchen, wenn sie lächelt. Doch, sie lacht auch, hell, ironisch, sie macht sich lustig über die Lehrer, die Nonnen. Schlank ist sie, flache Brust, enge Taille, die zart aus ihrem Tänzerinnenrock herauswächst. Leicht ist ihr Gang, als träte sie zuerst mit den Zehen auf. Klug ist sie, spöttisch, überlegen. Sie ist in sie verliebt.
Was ist Verliebtsein? Will sie mit ihr spielen, ihre Taille umfassen mit beiden Händen, sie an- und ausziehen, sie liebhalten wie eine Puppe. Wie ein Puppe im Schaufenster begehrt sie sie, doch darf sie sie nicht anfassen, sie nicht erwerben. Sie hat einen Geist. Sie sehnt sich nach ihrem Geist, er soll sie bemerken, sich ihr mitteilen, sie will ihn sich einverleiben. Sie ist hungrig danach. Sie ist ein Mädchen ausgehungert nach Geist, der sich ihr nirgends zeigt. Vielleicht will sie sich in ihm widerspiegeln oder darin die ihr unbekannte Welt finden und einen Weg heraus aus ihrem hilflosen Selbst.
Rosl wohnt in einem Zweierzimmer im Hauptflügel des Klosters, den sie erreicht, wenn sie den dunklen Bodenraum durchquert hat. Ihre Sehnsucht klettet sich an ihre Tür, sucht sie immer wieder, jedoch nie geht sie auf und läßt sie herein. Dreht Rosl im Speisesaal ihren Blick in ihre Richtung, bleibt ihr das Herz stehen. Doch Rosl sieht sie nie. Ihre Welten sind zu verschieden.
Mit ihren drei Mitbewohnerinnen hat sie ein gespanntes Verhältnis. Eine von ihnen ist eine verwöhnte Fabrikantentochter, deren Gunst die zwei anderen suchen. Ihre Hauptsorgen sind Schönsein, Kleider, junge Männer, Ausgehen, Papa und Mama, ihr Wochenende. Keine teilt ihre Interessen. Sie liest noch immer „Die Zeit“, die sie jeden Samstag beim Buchhändler kauft, sie möchte Kultur aufsaugen, sich darüber mitteilen. Ihr wird eine Härte, ein Unverständnis entgegengesetzt, die sie nicht versteht. Sie möchte sein wie die anderen, an ihren Aktivitäten teilnehmen, es gibt Eifersüchteleien, Szenen, Streitereien, sie denkt, niemand hat sie gern, fühlt sich gewöhnlich, sitzt nachmittags oft im Speisezimmer und mampft eine Brotschnitte nach der anderen. In der Klasse schickt sie kleine Zettel herum, kann niemand ihr von zu Hause Äpfel mitbringen, sie möchte eine Abmagerungskur machen, sie ist am ganzen Körper zu fett. Sie versucht es noch einmal mit Klavierstunden, doch vor den welken Fingern der alten Klavierlehrerin, die die ihren berühren, schaudert es sie. Sie möchte sich selbstkasteien, sich aufopfern, lebt intensive religiöse Aufschwünge, will ins Kloster eintreten, in der Mission arbeiten, „ach“, schreibt sie in ihr Tagebuch, ein Geburtstagsgeschenk ihrer drei Mitbewohnerinnen, „ich bestehe nur aus Schwäche. Es ist mir sehr an der Meinung meiner Mitmenschen gelegen, doch ich kann ihnen nicht gefallen, ich habe nichts Fesselndes. Meine Einstellungen ändern sich unversehens. Da war ich eine Zeitlang überzeugt, Junge zu sein wäre ideal, ich bewunderte den Geist, den Verstand des Mannes und verachtete mich, die ich Frau bin. Nun habe ich alles vergessen, meine Gedanken gehen an der Trägheit und an der Zeit unter und nach einer Weile strebe ich etwas anderem zu, je nach Laune. Für jede Laune eine Idee, liebe ich die Welt, möchte ich mich für sie aufopfern, hasse ich sie, will ich sie fliehen. Ich bin ein Nichts!!!“
Der zweite Sommer im Internat wird sehr heiß. Es ist das Jahr 1959. Wochenlang gibt es jeden Tag hitzefrei, um zehn steht das Thermometer auf 25 Grad, um zwölf gehen alle nach Hause. Die Hitze schluckt alles, in den Buden unter dem Dach ist es nicht auszuhalten. Nach dem Mittagessen klappert sie in ihren Holzsandalen mit den anderen die große Straße entlang, wo der Teer wie kleine schwarze Seen glänzt, aus der Stadt heraus ins Schwimmbad, zur Tonkuhle. Das ist ein altes Baggerloch mit einer Quelle in der Tiefe, wo schon ihre Mutter als Kind badete und schwamm. Ein Fichtenwäldchen umgibt das Badeloch, wo sie sich auf Handtüchern lagern. Hier hat sie einen Flirt. Ein junger Mann vom Gymnasium legt sich jeden Tag mit seinem Handtuch neben sie unter die Tannen. Später bringt er sie über einen kleinen Weg zurück in die Stadt. Er wohnt in einer schönen Villa gleich neben der Badeanstalt. Einmal betritt sie sein Elternhaus, viel später erkennt sie es wieder: ihrer Eltern Nachbarnhaus, wo sie manchmal mit ihrer Mutter nach dem Waldspaziergang zu einen Besuch einkehrte.
In diesem Sommer öffnet Rosl sich ihr ein wenig, schenkt ihr Rilkes Briefe an einen jungen Dichter, das Buch erdrückt sie, Rilkes Diktat schließt sie aus. Rosl liest Schopenhauer und so kauft sie sich die Ausgabe, die sie noch immer besitzt, Fischer Bücherei, Auswahl und Einleitung von Reinhold Schneider, die Seiten jetzt brüchig wie angebranntes Löschpapier. Sie sucht sich Abschnitte heraus, die sie interessieren: Das Leid des Daseins. Mitleid. Die Kunst als Befreierin.
In ihr Tagebuch schreibt sie, „Himmel, rette mich vor Wahnsinn. Vater, du hast recht, aus mir wird nichts. Ich bin nicht fähig, irgend etwas zu tun, sitze nur da und denke nichts. Alles wird unter meinem Blick seltsam, unfaßbar und ich kann nicht weiter. Ich fühle mich vor dem Wahnsinn. Ich brauche einen Menschen, einen Menschen!!“
Sie gewinnt eine andere Herzensfreundin, Margot, sie schüchtert sie ein, denn sie ist schön und welterfahren, aus einer großen Stadt an der Ruhr liegt sie in den Ferien am Strand von Biarritz, wird später Medizin studieren, Margot ermutigt sie, bei schönem Wetter streifen sie stundenlang in den Wäldern umher, sie reden, teilen sich mit. Margot ist eine Klasse über ihr und im nächsten Jahr ist sie, wie auch Rosl, verschwunden.
Freundschaften schließen sich und verfliegen. An den langen grauen Sonntagnachmittagen findet man sie mit anderen im CC, im Central Café, wo Gymnasiasten herumsitzen. Sie trinken Kaffee, rauchen, halten die Zigarette zwischen spitzen, gelackten Fingernägeln, spielen die großen Damen. Zur Andacht um sechs stürzen sie die Treppen im Internat hoch in ihre Zimmer, ziehen einen anderen Pullover, eine andere Bluse an, gießen sich 4711 in den Nacken. In der Kapelle im ersten Stock übertäubt der künstliche Duft den gewohnten Muff der Nonnengewänder. Am Abendbrottisch findet Laura, sie röchen wieder nach Mann.
In diesem Jahr fährt ihre Klasse mit dem Bus nach Berlin zum Katholikentag. Erste Eindrücke einer immensen Stadt mit breiten, bis in den Horizont laufenden Straßen, mit Perspektive. Die in ihr hochsteigende, schmerzliche Erinnerung der gar nicht fernen Vergangenheit eines fernen Landes, das man damals Heimatland nannte. Unwirklichkeit der Geschichte, Ungläubigkeit vor den Ruinenfeldern im Osten der Stadt. Besuche in Museen, Gottesdienste im Olympiastadion. Sie schlafen in einer der riesengroßen Hallen des Messegeländes, die vollgestellt ist mit zweistöckigen Betten, Matratzen aus Strohsäcken, die Luft dunstig dick von Spreu. Am frühen Morgen füllen die vollen Akkorde von Bachs drittem Brandenburgischen Konzert die Halle, sofort fängt es an zu wimmeln, Spreu wirbelt auf, sie laufen in den Hof, wo im Freien an Wasserröhren mit Löchern über dürftigen Messingbecken hunderte von jungen Frauen in Büstenhaltern, Handtuch um den Hals, sich waschen, sich die Zähne putzen.
Zurück in der Schule sollen sie ihre Eindrücke über den Ausflug wiedergeben. Vor dem Erlebten, dem Kontakt mit dem Unermeßlichen der Geschichte läßt sie zum ersten Mal ihre Phantasie frei, zum Erstaunen aller schreibt sie den besten Aufsatz. Sie erringt Ehrentruds Achtung, ihr Zeugnis ist glänzend, außer in den naturwissenschaftlichen Fächern und in Mathematik, für die sie nie arbeitet und die sie nicht versucht zu verstehen. Der junge Lehrer dieser Fächer ist ein für die Gegend exotischer junger Mann, tiefschwarze Haare, süddeutscher Akzent, doch von großer Schüchternheit. Meist versteht sie nicht, wovon er redet. Er läßt sie in Ruhe. Oft hat sie ein Buch auf den Knien, liest mit gesenkten Augen. Einmal ruft er sie auf, sie erschrickt, wird rot, steht auf, er fragt, Sind Sie gerade am Schlafen? Die Klasse bricht in Gelächter aus. Sie hat ihr „ausreichend“. Das genügt.
Wenn sie zu den Ferien nach Hause fährt, mehrere Busse nehmen muß, bis sie nach einem halben Tag von weitem den vertrauten Kirchturm sieht, der sich ihr nähert, klopft ihr Herz schmerzhaft. Es ist Angst, wie Lampenfieber, gleich betritt sie eine andere Szene. Sie kennt sie, doch weiß sie diesmal ihren Text besser? Ist sie inzwischen gewachsen? Es ist in ihr auch die Freude des Wiedersehens von Vertrautem, Altbekannten. Dessen was man Heimat nennt. Schellt sie endlich an der Haustür, erkennt sie das Schlagen der Tür wieder, aus der ihre Mutter im Innern tritt. Diese öffnet weit die Haustür, sagt: Wie siehst du denn aus? Tag Mutter, sagt sie und drückt den selben widerwilligen Kuß wie immer auf ihre rechte Wange. Schöne Begrüßung, sagt sie wie zum Spaß. Bring deinen Koffer nach oben, sagt ihre Mutter, du schläfst im ersten Zimmer. Sie steht im kargen, weißen Raum mit den hochgetürmten Federbetten, wirft die schmutzige Wäsche auf den Boden. Ihre Mutter neben ihr redet schon auf sie ein, was die Nachbarn taten, wohin sie und ihr Vater fuhren, wie das Schinkenbutterbrot war, das sie dort aßen, die Butter nur gekratzt, was der Pastor gesagt hatte. Sie schaut nach draußen, still und grün ist es vor dem Fenster, sie ist fremd hier.
In den großen Sommerferien will sie einen Monat arbeiten, um sich ein wenig Geld zu verdienen. Sie sucht sich eine Stelle in der Stadt ihrer Großmutter, wohnt in deren Abwesenheit in ihrer Wohnung. Morgens früh betritt sie eine riesige Halle, in der ohrenzerreißender Lärm herrscht, wo Glas auf Metall stößt, und ein widerlich süßer Geruch. Sie ist zum ersten Mal in einer Fabrik. Diese stellt Milchprodukte her, homogensiert die Milch und füllt sie in kleine Flaschen. Ihre Arbeit besteht darin, die vom Fließband herangetragenen Flaschen zu ergreifen, sie in den in viele kleine Vierecke geteilten Wänden eines Kartons zu verteilen, ihn zu versiegeln. Andere Frauen arbeiten mit ihr, nehmen sich ihrer an. Sie sitzen im selben kleinen Raum während der fünf Minuten Pause am Morgen und des Mittagessens, gehen für einige Züge an der Zigarette auf dieselbe Toilette. Diese Frauen sind nicht wie die Bauersfrauen ihres Dorfes, nicht wie die Bürgerfrauen der kleinen Stadt, die Mädchen ihrer Schule. Sie sind deftig, herzlich, laut und direkt, doch nicht verletzend. Wenn sie am Abend hundemüde und zerschlagen aus dem Fabriktor tritt, schaut sie dankbar in den stillen, roten Abendhimmel, der ihr wie eine Belohnung erscheint.
Am Wochenende möchte sie etwas erleben, geht in die Stadt. Sie trifft einen jungen Mann, der sie für den Abend in ein Lokal einlädt. Sie macht sich schön, tuscht ihre Wimpern, zieht eins der ihr von ihrer Mutter auf den Leib geschneiderten Sommerkleider an, großes Blumenmuster auf cremefarbigem Untergrund, mit einem vorn am Busen spitz zulaufenden breiten Pikeekragen, ihre hochhackigen Schuhe und Perlonstrümpfe. Zum ersten Mal sitzt sie im Auto eines jungen Mannes, der ins Grüne fährt. Sie betreten eine große Wirtsstube, alle Blicke sind auf sie gerichtet, sie fühlt sich, als würde sie den Busen auf dem Präsentierteller herumtragen. Sie setzen sich wieder ins Auto, fahren der Stadt zu, doch dreht der junge Mann in den ersten Feldweg ein, hundert Meter, dann stellt er den Motor ab. Es ist Abend geworden, dunkle Felder erstrecken sich links und rechts. Was ist los, fragt sie ihn. Er streckt den Arm aus, faßt sie am Nacken, zieht sie an sich, versucht sie zu küssen. Fader Speichel netzt ihre Lippen, sie ist bestürzt. Er faßt ihr in den Ausschnitt, an den Busen, was soll das? Was hat ihr Busen mit ihr selbst zu tun? Will ihn von sich stoßen, er klebt ihr am Leib, will sie nicht lassen. Mit der rechten Hand packt sie einen ihrer Schuhe mit den spitzen Absätzen, reißt ihn sich vom Fuß und schlägt auf ihn ein. Schlägt ihn blindlings, am Arm, auf den Rücken, er duckt sich, sein Griff lockert sich, sie ist blitzschnell, reißt die Tür auf, ergreift ihre Schuhe und läuft auf ihren Perlonstrümpfen den Feldweg entlang auf die große Straße zu. Dort nimmt ein anderes Auto sie mit zurück in die Stadt. Im Internat erzählt sie einer Internatskameradin, die aus dieser Stadt kommt, von ihrem Abenteuer. Stell Dir das vor! ruft sie aus. Ihre Kameradin schüttelt sich vor Lachen, ihr war als machte sie sich über sie lustig.

Das erste Jahr mit meinem Mann.
Am Morgen nach der ersten Entgleisung meines Mannes kam mir meine Reaktion übertrieben und hysterisch vor, ich bedauerte meine schöne Bluse, und für meinen Mann schien nichts passiert zu sein. Ich dachte an eine alte Bekannte aus Los Angeles, die mir einmal schrieb, eines der Dinge, die ihr bitte nicht passieren möchte, sei, aus Versehen einen Alkoholiker zu heiraten. Vielleicht wußte sie nicht, wie verführerisch diese sein können. Ich fühlte den ersten Schmerz, wenn ich immer wieder hörte, wie perfekt seine flüchtige Geliebte war, wie großzügig. Nach dem Tod seiner Frau hatte sie ihm ein neues Bett, Möbel, Haushaltsgeräte und allerlei Schnickschnack gekauft. Immer wieder hatte sie ihm Geschenke gemacht. Später fand ich in den Schubladen der Kommode die auf ihren Namen ausgestellten Rechnungen. Jeden Morgen war sie zu ihm gekommen, hatte sich zu ihm ins Bett gelegt. Ihr körperlicher und seelischer Einklang war fast vollkommen, sie verstanden einander ohne viel Worte. Nie würde er eine Frau wiederfinden, die ihm dasselbe geben könnte.
Wir feierten Weihnachten, und für mich lag ein teures Geschenk unter dem Weihnachtsbaum: eine Brokat-Cocktailjacke, die wir im Schaufenster eben dieses Geschäfts bewundert hatten, Saint-Laurent, an dessen Marmorfassade er sich hatte gehen lassen. Als ich eines der Weihnachtsfotos verschickte, bemerkte ich mit einiger Bitterkeit zu einer Bekannten: „Hier bin ich, weihnachtlich aufgemacht, für den Gänsebraten, doch mit traurig ins Leere gerichtetem Blick, weil die Gans dann doch nicht so gut schmeckte: sie hatte zu viele Vorgänger gehabt. Der Weihnachtsbaum ist mein allererster seitdem ich erwachsen bin. Er hat ihn geschmückt, ich habe nur letzte Hand angelegt. Am Baum hingen alle seine Erinnerungen, viele Jahre hindurch gesammelt und flackerten viel heller als ich in meiner weißen Seidenbluse.“
Nach einem langen, sanften Herbst begann 1986 bitterkalt. Das Thermometer sackte bis minus 15 Grad, Schnee fiel, ich kaufte mir für den Pariser Matsch ein Paar Gummistiefel. Im Jardin du Luxembourg, durch den wir jeden Tag gingen, blieb der Schnee wochenlang liegen. Im Januar stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür, mein Mann wurde von der Besitzerin der Wohnung gebeten, in zwei Monaten auszuziehen, außer er möchte die Wohnung kaufen. Mein Mann war außer sich, beschimpfte sie immer wieder am Telefon. Ich versuchte, ihn zu besänftigen. Wir gingen zum Rechtsanwalt und gewannen drei weitere Wohnjahre.
Das Spülbecken in der Küche war eine alte Anlage, mit der ich nicht leben konnte; alles was man ins offene Ausflußloch spülte, fiel direkt sechs Etagen tiefer in eine Kläranlage, es röhrte unheimlich im Freifall und klatschte schließlich in eine unnennbare Soße; an vielen Tagen roch es unerträglich. Ich schrieb an die Hygiene-Abteilung der Stadt, woraufhin die Küche, das ganze Haus, lange zur Baustelle wurde. Mein Mann mußte Steuern nachzahlen, diese beliefen sich jährlich auf ein mittleres Arbeitergehalt. Wir sollten heiraten, sagte ich zu ihm, dann bezahlst du weniger Steuern. Okay, sagte er. Und irgendwann, sagte ich, kann ich dann auch von deiner Rente profitieren. I’ll see, sagte er. Seine Kontoauszüge lagen, teilweise noch im verschlossenen Umschlag, auf der Kommode, ich schaute sie mir an, war entsetzt zu entdecken, daß wir pro Monat das Doppelte seines nicht unbeträchtlichen Gehalts ausgaben. Doch da waren noch einige gefüllte Sparkonten.
Eines Nachts, als wir aus einem Café kamen und er anfing, mich zu beschimpfen, ohrfeigte ich meinen Mann auf der Straße. Vorsichtshalber schlief ich in einem Hotel. Am nächsten Morgen wußte er nichts davon, hatte gar nicht meine Abwesenheit bemerkt. Er entschied, mit dem Trinken aufzuhören. Ich machte die erste Entziehungskur mit ihm durch, pflegte ihn, stand ihm bei. Als Reaktor 4 in Tschernobyl explodierte, waren wir auf dem Weg zu meiner Mutter nach Norddeutschland, wo wir ein Auto mieteten und mit laufendem Radio bis zur Nordsee hochfuhren, die Strände, die ich von früher kannte, waren zu meiner Enttäuschung zubetoniert, wir atmeten tief die jodhaltige Meeresluft ein. Da ich mit meiner alten Hündin einige Tage bei meiner Mutter blieb, brachte ich ihn nach Hamburg, wo wir in den Vier Jahreszeiten zu Mittag speisten, bevor er sein Flugzeug nahm.
Der Sommer wurde heiß. Abends schlenderten wir mehrere Male mit der Hündin um unseren Häuserblock und über den Boulevard. Wir setzten uns auf eine der Bänke, die Schatten der Platanen spielten im Licht der Straßenlampen auf den verzierten Häuserfassaden. Das waren unsere Ferien. Er hatte kein Geld, sagte mein Mann, er wollte nicht verreisen. Außerdem war er überall schon gewesen. Wir besuchten die Museen im Marais, fuhren im Zug nach Versailles, speisten im noblen Restaurant „Les Trois Marches“, wo er sich ein Glas Champagner gestattete, bevor wir in den Gärten uns ergingen; in Saint-Germain-en-Laye spazierten wir den langen Weg zur Stadt hinaus in ein Zwei-Sterne-Waldrestaurant. Oh ja, er sah gut aus, war schlank, ernst, in Blazer und Krawatte. Ich liebte ihn, war glücklich, hatte Hoffnung für unser Leben. Warum sollten wir uns der Mühe und Langeweile einer Reise mit einer alten Hündin unterziehen? Ich wurde ja von ihm mitgenommen in die reichen Räumen des Gewesenen, das langsam in meine Gegenwart wuchs.
Alte Freunde besuchten ihn, sie schliefen auf meiner ausgezogenen Couch; ein irischer Dichter; ein New Yorker Journalist, mit dem wir teure Restaurants besuchten. In der Nachbarschaft wohnte ein alter, englischer Maler, dessen Bilder ich später in Pariser Wohnungen wiederfand. Er hatte eine junge Frau geheiratet, die ihn regelmäßig verdrosch, weil er nicht sterben wollte. So sagte man, weil er immer wieder ein blaues Auge herumtrug. In seinem großen Atelier gegenüber dem Oberservatorium veranstaltete er Cocktailparties. Dort saß eines Tages der Enkel von James Joyce, ein anderes Mal der Kanadier Morley Callaghan, der als einziger den Macho Hemingway k.o. geschlagen und darüber ein Buch geschrieben hatte. Oft gingen wir mit einem anderen sehr alten Mann aus, dessen Biographie ich einmal schrieb:
He’s one of the American journalists who never got free of the European virus. Thomas Quinn Curtiss, theater and film critic, was born on New York’s East Side as the seventh child of a wealthy Irish-American family. His mother was an educated, well-read woman who spoke several languages and had connections to the art and theater world of New York. His life from the beginning wound round the edges of what we consider some of the most important artistic events of this century. But, he says, he’s only a passer-by, an observer, a modest commentator on the theatrical scene of the world. He’s a difficult man to come by, doesn’t reveal himself easily. But he is full of memorable anecdotes having to do with people whose books stand in our bookshelves, whose plays we see performed, whose films we see over and over, with names that have become legends. He’s a lady’s man; he has known Lilian Gish when she was a young actress, Marlene Dietrich when she started working in Hollywood and he kisses your hand with the same grace (if you’re a lady) that he would kiss theirs.
He was friends with influential people such as George Jean Nathan, the witty, dreaded theater critic, Eric von Stroheim was another friend of his early period and in later years he wrote both their biographies.
1934 found him in Moscow, where he studied two years at the Russian State Cinema Institute with Sergey Eisenstein. At the insistence of his mother that he take up serious studies, he went to Vienna in 1936 and entered medical school, studying with Ferdinand Sauerbruch. He met Max Reinhardt, listened to Karl Kraus, got acquainted with the plays of Gerhart Hauptmann. He wrote articles about European theater and film for American magazines.
Back in New York, he met many of his old friends as refugees from Hitler Germany. In 1941 he volonteered for the U.S. Army and was dispatched to England to wait for the invasion. He quickly mixed in with the theatrical world of London and with the help of a letter of introduction from George Nathan he met Sean O’Casey, the Irish playwright, with whom he had a deep lasting friendship.
The invasion swept him back to the Continent, first to Paris, then to Francfort and Berlin, where he worked as a Russian translator to the General Staff of the American Army.
After the war, he worked as a theater critic for Harper’s Bazar, read manuscripts for publishing houses and wrote French subtitles for American movies. He travelled widely, attended theatrical events all over Europe. In 1950, he met the editor of the Paris Herald Tribune on the street, who hired him on the spot.
In 1973 he wrote the screenplay for „The Iceman cometh“, the film version of the play by O’Neill, who was an old familiy friend.
The German reader may be acquainted with Thomas Quinn Curtiss through Klaus Mann’s „Der Wendepunkt“. He appears as well in Thomas Mann’s diaries, as he has often stayed with the Mann family in Switzerland and in the United States.
Tom Curtiss is part of the Parisian artistic set. He has been living forever two floors underneath the world’s most famous restaurant „La Tour d’Argent“. From his book-covered apartment he looks out at the Seine and Notre Dame and spends his time reading Horace in Latin, Thomas Mann novels and Ferdinand Sauerbruch’s biography in German and writing his books and articles, in the company of his two cats, one of whom he thinks is the reincarnation of a Russian princess, from the other one hoping that she might one day turn into Lilian Gish, so that they would marry and live happily ever after.“
Tom habe ich immer mit achzig gekannt, manchmal fragte ich ihn aus Spaß, now tell me, Tom, how old are you really? Seine Antwort jedes Mal war, oh, I don’t quite know myself, around eighty maybe, und schmunzelte dabei. Vor einigen Jahren besuchte ich ihn im Krankenhaus nebenan, weil seine Nachbarn ihn dort mit einer akuten Krise eingeliefert hatten. Es war sehr heiß und Tom saß in einer Sitzecke des Korridors in Shorts. Ach, sagte Tom, die haben alle möglichen Tests angestellt, aber ich habe doch nichts. Ich weiß gar nicht, warum ich hier bin. Hey, sagte ich, Tom, guck dir mal deine Beine an. Er hatte den Knöchel des rechten Beins auf das linke Knie gelegt. I mean, sagte ich, they look phantastic for the olden gentleman you are. Yeah, sagte er, Mistinguett told me this once. Er kicherte. My mother always wanted me to marry her. God’s sake Tom, sagte ich, Mistinguett. That makes you about a hundred years old. Da lachte er.
In allen Biographien von Klaus Mann ist Toms Foto, das eines sehr schönen jungen Mannes mit tiefroten Lippen. In seiner Wohnung sah ich dies Foto im Original, nachlässig in den goldenen Rahmen des Spiegels über dem Kamin gesteckt, Zeit und Gebrauch hatten es vergilbt und seine Ecken gerundet, Abdruck eines längst vergangenen Lebens auf einem Stück Papier.

Die junge Frau, die ich bin, hat im letzten Schuljahr neue Freundschaften geschlossen. Sie hat sich in ein anderes Mädchen verliebt, zittert, wird blöde unter ihrem Blick, sie ist nicht schön, ist dicklich, herzleidend, doch von faszinierender Schärfe und Intelligenz, eine Klasse unter ihr im klassischen Zweig, mit einer dritten wohnen sie kurze Zeit im selben Zimmer. An einem eisigen Sonntagnachmittag laufen sie lange über die Felder, sie ist fröhlich, ausgelassen, saugt die frostklare Luft in ihre Lungen, wie einen kühlen Drink, sagt sie, wie Champagner, vielleicht ist sie trunken von der Anwesenheit der anderen, von dem, was kommen wird, du bist ja blumig, spottet die andere, doch abends im Zimmer darf sie ihr die Haare aufdrehen, ist selig. Am nächsten Tag ist sie nicht mehr da, sie wird von der Schule gewiesen und verschwindet ohne Abschied. Sie leidet lange unter ihrer Abwesenheit. Sie ist zwanzig. Sie treibt sich mit ihrer Mitbewohnerin, einer forschen jungen Frau aus Goslar, herum, welche sie nach Belieben quält und demütigt. An Wochenenden fahren sie per Anhalter ins nächste Städtchen, setzen sich ins Café an der Kirche und füttern Groschen in die Musikbox. Immer wieder hören sie Elvis Presley. It’s now or never. Das Lied tut ihr etwas an. Da ist ein Leben weit draußen, wo die tiefen Dinge pochen, die sie in diesem Lied hört, jedoch nicht kennt.
Sie schreibt eine Geschichte in ihr Tagebuch:
Die Namenstagsfeier war sonst nicht schlecht. Es war ja auch alles gut von mir organisiert. Jedenfalls was das Essen anbetraf und das ist bei uns, hier im Kasten, das Wichtigste. So viele wie ich eingeladen hatte, waren noch nie bei einem unserer Feste gewesen. Ich kann schwer jemanden ausschließen, aber um ehrlich zu sein, ich war gespannt auf die Geschenke. Ich dachte an Margots Feten, wo jeder viel schenkte.
Wir hatten Zimmer 4 phantastisch hergerichtet. Bri kam auf den Gedanken, die Lampe mit rotem Papier zu verhängen, was dem Zimmer einen Schein des Unwirklichen gab. Als alle der Reihe nach eintraten, wurden sie zu ihrer Überraschung von der Atmosphäre eines Tanzlokals empfangen: leiser Jazz und dieses rote Licht, das alle Farben verglaste. Gesichter waren blaß wie Alabaster, Lippen schienen blutleer, wie mit weißem Lippenstift übermalt. Hille nahm die Gratulation vor, ein Akt, der bei uns immer heiter und ungezwungen vor sich geht, und auf den sich alle im voraus freuen im Vorgenuß der Genüsse, die sie erwarten. Hille sagte einen lustigen Spruch und gab mir ein formloses Paket. Dies sei das Geschenk von allen und ich solle mir daraus eine aussuchen, man wüßte meinen Geschmack nicht. Ich fühlte die Augen aller mit Spannung auf mich gerichtet. Sie paßten auf, ob ich mich auch wirklich freute.
Ich löste das Geschenkpapier, drei hübsche Abendtaschen lagen in meinem Schoß. Man fiel über mich her: aussuchen, wir wußten nicht recht, nimm bloß diese. Eine fiel von vornherein aus, zwischen den zwei anderen schwankte ich eine Zeitlang, zuletzt wurde ich überredet, die ihrem Geschmack (süß!) entsprechende zu wählen.
Sie hatten mich zum Richtigen hin überzeugt. Ich fand dies Täschchen wirklich am schönsten, sie haben so sehr guten Geschmack! Es war aus meersandfarbenem Nappaleder, wunderbar anzufassen, innen mit Seide gefüttert. Der Verschluß, ein breiter verzierter Goldrand, gibt ihm eine aparte Note. Oh, es war wunderhübsch und wie würde es angenehm auffallen, wenn ich dies Täschchen in frisch lackierten Fingernägeln mit mir herumtrage. Ich wiegte mich in schöne Zukunftsbilder, die jedoch ruckartig aufhörten: Ich hatte doch schon eine Abendtasche. Das wußten auch alle. Sie hatten sie gebührend bewundert als ich sie ihnen zeigte. Aber natürlich ist sie nicht im geringsten so schön. Sie ist aus hartem, billigen Leder gemacht und am Verschluß ist nur wenig Gold. Vor einigen Jahren schenkten meine Eltern sie mir zu Weihnachten. Damals freute ich mich sehr und ich trug sie Sylvester stolz zu meinem ersten Hausball. Seitdem hat sie viele Theater- und Opernbesuche mitgemacht. Jetzt ist sie für meinen Internatsgeschmack nicht mehr schön genug und durchaus nicht mehr tragbar, da ich sie schon in mehreren Schaufenstern wiedergesehen habe. Ich werde sie meiner kleinen Schwester abtreten, die sich sehr darüber freuen wird, obwohl sie nicht schön ist. Am liebsten schenkte ich ihr das neue Täschchen, aber dann wären alle meine Internatsfreundinnen beleidigt, und wenn ich ehrlich bin kann ich es schon jetzt für meinen äußeren Rahmen nicht mehr entbehren.

Ihre Noten im letzten Schuljahr haben sich deutlich verschlechtert. Ehrentrud versucht, die Autoren mit ihnen durchzupauken, die fürs Abitur verlangt werden. Ein wenig Rilke, ein wenig Weinheber, ein wenig Hofmannsthal. Schiller, Vom sittlichen Wollen. Guardini, Der Begriff Natur. Ehrentrud kann nicht aus ihrer Haut. Wenn sie keine Lust zum Unterrichten hat oder unvorbereitet ist, marschiert die Klasse noch immer in die Kapelle, um gregorianische Gesänge für die Messe zu üben. Keines der Meisterwerke der deutschen Literatur wird durchgenommen, keinen der bedeutenden Dichter der Klassik lernen sie kennen. Der Radius von Ehrentruds Willkür wird größer, auch sie wird davon erfaßt. In Pausengesprächen hetzt sie offen gegen sie; Ehrentrud ist eine stellvertretende Mutterfigur geworden: ihr kalter Machtwille, ihre Unzulänglichkeit, gespeist von Enttäuschung lassen in ihr Ablehnung und Haß ins Extreme wachsen, sie verläuft sich wollüstig in Wut und Aufruhr: hat sie doch so recht. Die geistige Nahrung, die Ehrentrud vermöge ihres Amts verspricht, quillt nicht aus ihrem ausgetrockneten Busen.
Die Klasse legt die Abschlußprüfung ab, die sie fast nicht besteht. Sie fällt unangenehm auf. Während der schriftlichen Prüfung, als die Klasse einige Stunden über ihren Aufgaben geschwitzt hat, bittet sie die Aufsicht, eines der Fenster öffnen zu dürfen. Im Moment als Ehrentrud mit der Schulleiterin die Klasse betritt, fährt ein Laster über die unweit gelegene Brücke des Flüsschens auf der großen Straße. Das Echo des Schocks des auf den Unebenheiten der Brücke sich stoßenden Stahls und Holzes füllt das Klassenzimmer, Ehrentrud bleibt mit offenem Mund stehen, dann fragt sie, wer hat das Fenster aufgemacht? Sie bekommt einen Vermerk. Wie konnte sie es wagen? Im Mündlichen wird sie in Deutsch und Musik geprüft. Im Hufeisen sitzen zehn Leute um sie herum. Sie ist wie Freiwild, jeder durchbohrt sie mit seinen Blicken, mit seinen Fragen. Niemand will ihr wohl. Sie stottert, da ist nichts in ihr als ihre Angst.

Das einzige, was sie in dieser Schule und im Internat lernt, sind ein wenig Lebensart und gute Manieren, die sie von den anderen abgeguckt hat. Den Haß kannte sie schon, und die Angst. Die innere Anpassung lernt sie nicht, denn wie kann sie sich der Willkür fügen, die ihr nicht wohlwill? Seit jeher sind ihr Ausgeschlossenheit und Einsamkeit vertraut. Die Menschen lernt sie kennen: daß sie ganz anders sind als sie, undurchschaubar und voller Lügen. Sie lernt sich selber kennen: sie hat einen unsteten Geist, der sich mit nichts zufrieden gibt, immer nur fragt. An einem Wochenende im Sommer ist sie im Elternhaus einer Klassenkameradin zu Besuch. Mit anderen Mädchen ihrer Klasse, die in der Umgegend wohnen, gehen sie auf einen Spaziergang. Alle sind fortgeschritten in ihrer Freundschaft miteinander, in die sie sie ein wenig eintreten lassen. Sie ist eine geduldete Außenseiterin. Die jungen Frauen sprechen über ihre Liebhaber, ihre festen Freunde, die sie alle später heiraten werden. Sie lachen, erzählen, machen Anspielungen, reden über die Liebe. Sie sinnt nach. Was das bloß ist, die Liebe? sagt sie. Sie sehen sie komisch an. Sie sind schön zurechtgemachte Püppchen, mit steifen Petticoats, dünnen Taillen und zierlichen Gesten, befassen sich mit den wirklichen Problemen des Lebens.

Schönheit hat zu tun mit geometrischen Formen, die in gekrümmten Linien aufeinanderstoßen. Ob wir die Art und Weise, wie sie sich treffen als schön empfinden, hängt vom Kulturfeld ab, in dem wir aufwachsen. Die angenehme Empfindung, die uns vor einer blühenden Frühlingswiese oder dem schwellenden Teint einer Achtzehnjährigen überkommt, sind Programmierungen wie alle anderen. Die Schönheit an sich gibt es so wenig wie die Qualitäten Gottes. Sie sind Code-Wörter für das Unmögliche. Die Frühlingswiese ist ephemer, ihre Prachtenfaltung nur das Vorspiel zur Sexorgie, die sich die Natur aus Gründen der Selbsterhaltung immer wieder erlaubt. Lust will Ewigkeit, sagte Nietzsche, sagte Ehrentrud. (Und ich frage mich, woher sie das wußte.) Hier ist das Drama des Wesens, das sich denkt, sein Paradox: es kann nicht sein und nicht nicht sein. Die Butterblume geht stumm ihren notwendigen Weg zur Verwesung, wir möchten die Ewigkeit des Augenblicks. Wir fühlen unser Sein als unbeweglich, jedoch gehören wir nicht zum Seienden, da wir der Zeit unterworfen sind, wir nicht ewig sein können. So mußten wir die Liebe erfinden.
Die Griechen entdeckten die Schönheit in der Harmonie der Zahlensysteme, die sich übersetzen lassen in Eigenschaften und Formen des Raumes, nach deren Gesetzen sie die Natur nachmachen konnten: kreativ sein. Das Menschenbild erhielt bei ihnen seinen höchsten Begriff von Schönheit, der unser aller Erbteil ist. Doch lieben, lieben können wir nur das Vergängliche, weil unser Metabolismus nicht das Ewige erlaubt, auch Energie ist flüchtig. Liebe ist die Spannung zwischen unserem Ewigkeitsanspruch und seiner Unerfüllbarkeit. Wir lieben wider alle rationalen Beweise der schieren Unmöglichkeit der Liebe. Sie ist, was uns vor dem immer drohenden schwarzen Loch unserer Nichtexistenz rettet. Wir müssen nach dem streben, das nicht in unserer Hand liegt, und uns zufriedengeben mit dem, was uns zufällig zugeteilt wurde. In diesem Paradox zieht sich das Leben hin, liegt sein Potential und sein Reichtum.

V. Yankilevsky, Venus  vor dem Spiegel, Zinkradierung, 1972


Von dem Zeitpunkt an, wo ich zum ersten Mal in den Spiegel schaue, dieser Glaswand, hinter der die Augen der vielen Anderen stecken, hat mein Bild sich mir als negativ zurückgeworfen. Ich sehe das Abbild der jungen Frau, die Musil in einer seiner Geschichten beschreibt. Die verschiedenen Flächen ihres Gesichtes fügen sich nicht voll Harmonie und Charme aneinander, kein Winkel trägt Anmut in sich, es ist, als könnte man in ihren Zügen pêle-mêle die verschiedenen Abstammungen benennen, die zu seiner Komposition beigetragen haben, jedoch war das Gesamtbild nicht unangenehm. Dies hörte ich aus dem freundlichsten Wort, das mein Vater jemals an mich richtete, eines Tages, als ich ein junges Mädchen war, „du siehst gar nicht so schlecht aus“, als er mich irgendwo vom Bahnhof abholte, wir zusammen die Straße hinuntergingen, vielleicht wurde ihm schmerzhaft bewußt, daß ich seine Tochter war – und die seiner Frau, und daß ich nicht glücklich war. In diesem Satz ist beides enthalten. Ich bin unschön, doch nicht unbedingt schlecht aussehend. Ich fühlte mich nie für mein Gesicht verantwortlich, deswegen habe ich es immer gehaßt. Es war Secondhand, von meiner Mutter vererbt und zugeschnitten, wie die Kleider.
Wie hübsch ich als Kind war! Warum wurde ich häßlich, als ich den Blick der Anderen auf mir fühlte? Ich lese immer wieder Stellen wie diese, und tiefe Trauer überkommt mich: „There is in the apprehension of woman’s beauty an exquisite, early intimation of loveliness when, seeing some face, strange or familiar, one gains, suddenly, a further glimpse and foresees, out of a thousand possible futures, how it might be transfigured by love“. (Evelyn Waugh). Nie werde ich die sein, denke ich, die so exquisite Sätze, geschweige denn Gefühle von einem Mann erwarten kann.
Vor sehr vielen Jahren, ich war noch jung, doch nicht mehr ganz jung, aß ich im Drugstore St.-Germain zu Abend. Ich war allein, wechselte ein paar Worte mit meinen Tischnachbarn. Als ich fast zuende gegessen hatte, kam ein Mann auf mich zu, beugte sich zu meinem Ohr und sagte: „Vous n’êtes pas mal du tout, même assez jolie. Mais dès que vous ouvrez la bouche vous êtes moche.“ Er drehte sich um und verließ das Restaurant. Ich schloß daraus, dieser Mann liebte die Marmorstatue mehr als die lebendige Frau.
Es ist eine Binsenweisheit, daß wirkliche Schönheit von innen kommt. Das heißt, da muß noch was sein, schöne Züge allein tun es nicht, sonst könnte man eben eine Marmorstatue lieben, was schon Pygmalion nicht genügte. So ein Gesicht für eine Frau, das ist wie das Aushängeschild eines Geschäfts. Meins war das Aushängeschild, das nicht nur meine bäuerliche Abstammung und meine dörfliche Herkunft, auch meine Verquertheiten, meine Schüchternheit, meine Weltfremdheit und Weltangst preisgab. Nichts lud zum Hineingehen ein, da seine Auslagen dem Vorübergehenden nichts Verlockendes anbot: die Boutique war leer, ich hatte nichts zu verkaufen außer diesem zwiefach sack- und beutelartig an mir hängendem Organ mit Zitzen, hinter dem mein Ich verschwand. Wie grausam, keine Ware zu haben, oder nur eine aufgezwungene, die, die einem mitgegeben wurde. Faute de mieux. Mehr war da nicht. Und nur unliebsame Kunden bleiben vor dem Schaufenster stehen. Warum ist die Frau wie ein geöffneter Laden, in den der Mann hineinschaut, vorbeigeht, oder in den er tritt, und wieder verläßt? Denn der Mann läßt uns immer allein, er kauft nur bei uns ein, dann geht er seiner Wege, ins Büro, in die Werkstatt, in die Schule, zu sich selbst zurück. Wir jedoch, ohne ihn, fühlen eine Leere. Und wenn nie jemand bei uns eintritt, sind wir als Unternehmen Frau bankrott.
Was ist wichtiger, die Augen oder der Mund. Beide können sprechen, sogar Konträres zu gleicher Zeit und Münder, auch wenn sie nicht sprechen, sprechen eine Sprache. Mund und Augen besetzen wir mit einer ungemeinen Süße, suchen sie zu verschönern, denn wie Balzac sagt „... toutes les femmes se plaisent à mettre l’âme en harmonie avec la beauté des traits.“
Die Französin hat in der Regel einen kleinen Mund mit dünnen Lippen. Doch wundervoll geschnitten. Die Außenlinie klar, wo die Nasenfurche in die fruchtige Lippe sich vorwölbt, spitzt diese sich graziös nach oben. Vor allem beim Sprechen; die Bewegung der zwei blaßroten Fleischblätter ist wegen der scharfen, klaren Laute der Sprache und der vielen Diphthonge wunderhübsch anzusehen. Außer bei einigen.
Wegen des angeborenen, vorgeschobenen Obergebisses spitzt sich meine Oberlippe nicht zu, sie wölbt sich stumpf in plissierten Falten über meine Zähne, und um den Mund schließen zu können, muß die Unter- sich der Oberlippe entgegenheben, wobei sich mein Kinn kräuselt.
Meine Stirn ist hoch und bauchig unter schütterem Haar, die Farbe nasser Sand. Auch dieser größte Schmuck der Frau wurde mir verweigert.
Meine Augen habe ich beschrieben in einer meiner Kurzgeschichten. Sie sind von einer unendlichen Grauheit, halb bedeckt von den Hautlappen der oberen Lider. Keine dunkle Umrandung, nur die Traurigkeit und das fahle Licht des winterlichen Nordens.
Meine Wangen: zwei bis zum belanglosen Kinn reichende ovale Schalen, rot von aufgeplatzten Äderchen zwischen einer Nase, deren stumpfe Spitze sich leicht nach links biegt.
Wenn man Balzac beim Wort nimmt, wird eine insgeheime Entsprechung zwischen den Zügen einer Person und ihren inneren Qualitäten angenommen. Daraus ergibt sich, wie diese Person sich in ihrer Umwelt erfährt, deren Urteil oberflächlich ist, worauf sie je nach ererbten Genen verschieden reagiert.
Ich habe mir eine Geschichte ausgedacht, in der ich mich nach außen projiziere, mit den Augen eines Mannes von damals sehe, als ich zwanzig bin. Es ist die Epoche von Marilyn Monroe, Jane Mansfield und Brigitte Bardot, als die Frau noch gefangen ist im primitiven Image, dem eine vom Krieg befreite, ausgehungerte Generation von Männern huldigte.
„An einem Mittwoch nachmittag fährt Handelsvertreter Baumann die kleine Stadt verlassend auf die Bundesstraße, um zu einem Dorf 18 km südlich zu gelangen, wo der Klempner Kuper ihn mit einem Auftrag erwartet. Viel würde das wieder nicht sein, der Mann trank zu viel, arbeitete ein wenig hier oder da, vielleicht ein wenig schwarz, zu Gemeindeaufträgen brachte er es nicht. Handelsvertreter Baumann hatte so auf die Schnelle keine Entschuldigung finden können, um diese Fahrt zu vertagen. Er ist schläfrig, der Himmel hängt grau und tief über der Landschaft, das Sauerkraut und die Würste, die er zu Mittag verzehrt hat, drehen sich mühsam in seinem Magen, der sich am Lenkrad seines DKW reibt. Diese Strecke kennt er vom Durchfahren, eine der langweiligsten, die zu seinem Bezirk gehören. Fast nicht auszuhalten, als führe er durch einen Tunnel des Immerselben, ein paar einsam gestreute Bauernhäuser, und nichts als Wiesen mit den Schwarzbunten, wenn es wenigstens noch Rotbunte wären, aber die gab’s hier nicht, dies war die Gegend der Farblosigkeit.
Ein junges Mädchen steht mit ausgestrecktem Daumen vorn an der Straße. Die nehmen wir mit, sagt er sich, ein bißchen Unterhaltung kann nicht schaden, sonst schlafe ich ein. Er fährt an den Rand der Bundesstraße, lehnt sich über den Nachbarsitz und öffnet die Tür von innen. Das Mädchen läuft hinter dem Auto her, steckt den Kopf in die Tür, sieht ihn von unten her mit gekräuselter Stirn an. Fahren Sie nach Lastrup, fragt sie. Steigen Sie ein, sagt er. Sie lehnt den Vordersitz nach vorn und wirft ihren Reisebeutel auf den Hintersitz. Dann setzt sie sich neben ihn und sagt: Dankesehr. Aus dem Augenwinkel sieht er sie sich an. Nicht sein Geschmack. Ein Landmädchen von hier. Verdrossen, verschüchtert sieht sie aus. Gut, daß er in fast jedem Dorf eine gute Adresse hatte, wo eine von diesen gern abends ein paar Mark dazuverdiente. Ein paar hatten wirklich Lebensart, wußten was sich gehörte, als hätten sie in der Stadt gewohnt.
Handelsvertreter Baumanns Augen heften sich auf das graue Band Straße. Eine Rülpsblase kämpft sich seine Kehle hoch, die er diskret zurückhält. Nicht in Gesellschaft. Warum redet sie nicht? Na, sagt er, wo kommst du gerade her? Von der Schule sagt sie. So, sagt er, Schule, weist mit dem Daumen zum Hintersitz. Und das Gepäck? Ich wohne in der Schule, sagt sie, wir haben Osterferien. Ah, Ostern war es. Das kam davon, wenn man geschieden war, nichts kriegte man mehr mit. Er dreht sich halb zu ihr. Sein Blick läuft hurtig an ihr runter, ein Auge auf dem Straßenband. So ein junges Landküken, mit schwellenden Backen, und was er sonst so sah, die Titten, stramme Leistung, gerade richtig zum Verzehr, Junge, knackig, er denkt an die pralle Wurst vorhin beim Mittagessen, in die er voller Lust biß, so daß ihm das Fett ins Gesicht spritzte. Er war ein Mann, der Nahrung brauchte, nicht nur eßbare. Er rückt seine Hoden auf dem Sitz zurecht. Lippen schmollend vorgewölbt, grad richtig fürn kleinen Blaser. Was hielt ihn davon ab, die Hand auszustrecken, ihre Brust abzutasten, so zur Probe? Das Mädchen sieht ihn an, ihre Blicke kreuzen sich. Keine Schönheit, graue Augen, die in dieser Prallheit ein wenig versanken, aber Mann, dieser Busen, nur wenn sie dich ansieht, kannste nichts machen, zu jung. Er stößt nochmal auf, diesmal kommt Säure mit hoch, Speichel läuft ihm in den Mund, was ist los, denkt er, muß ich kotzen? War die Wurst nicht gut? Sah doch so lecker aus. Sein Fuß stößt hart auf die Bremse, der Oberkörper des Mädchens schnellt nach vorn. Er fährt an den Straßenrand, sieht sich um, reißt die Tür auf und stürzt auf einen Weidenzaun zu. Es war soweit.“
Auch in meinem Dorf bin ich erdrückt vom Blick der Anderen, von ihrer unausgesprochenen Mißbilligung, von ihren verborgenen Gedanken, in denen ich Verachtung lese. Ich weiß aus welchem Stoff ich gemacht bin, doch ich weiß nicht, was in den Anderen vorgeht. Ich will glücklich sein, warum ist es so schwer. Ich will mich allen öffnen, doch bin ich umgeben von Geheimnissen, die sich mir nicht offenbaren. Schwanke zwischen Sublimierungsversuchen, Träumen und schmerzhafter Realität. Einige Richtungspfeile sind schon in meiner Kindheit gezogen, die Abenteuerromane gaben mir einen Sinn von männlichem Edelmut, die Religion von weiblicher Herzensgüte. Die Illustrierten aber warfen mich in den Traum vom schönen Leben. Doch wer bin ich?
Im Internat erfahre ich durch den Vergleich, daß ich nicht schön genug bin, nicht klug genug, nicht kalt genug, um dem Anspruch auf Glück zu genügen. Ich wohne gleich nebenan von Hübschheit des Gesichts, von Eleganz des Körpers, von Intelligenz und Zielbewußtsein. Diese scheinen alle eins, aus einem Potential erwachsen, das ich nicht habe. An Wochenenden stehe ich mit den anderen Mädchen vor den Spiegeln unserer Waschräume, drehe meine Haare auf dicke Lockenwickler, toupiere sie, lerne Wimperntusche und Lippenstift anwenden. Es ist alles ohne Resultat, da mir ein Minimum an Selbstvertrauen fehlt. Kein inneres Strahlen stellt sich ein, das jedes Gesicht, auch das nicht schöne zum Leuchten bringt. Und jedes Mal wenn ich mein Elternhaus wieder betrete, sagt meine Mutter als erstes: „Wie siehst du denn aus?“ Dann sagt sie „Du bist ganz schwarz um die Augen. Was soll das?“ Und „schneide dir die Fingernägel. Los, mach den Lack ab. Du kannst mir im Garten helfen.“ Dann werde ich wieder aufgenommen in den unsäglichen Trott des Familienlebens. Ich bin in einer mir wohlbekannten Fremde, meinem erträumten Selbst ein Hohn.

Heute nacht hatte ich einen Traum. Wie immer Verzweiflung des schon verflossenen Tages, als ich das Licht löschte. Eine alte Bezeichnung dies „löschen“, denn ich knipse das Licht aus und die Flamme meines Geistes erlischt. Im Untergrund jedoch spukt es weiter, eine alte Geschichte läuft ab, schreibt sich neu, mit Gesetzen, einem Ablauf, die nicht von meiner Hand sind, nicht von meinem Geist.
Meine Träume sind mir wichtig. Sie schreiben mich ein in eine Zeitlosigkeit, da sie immer von denselben Dingen handeln. Um Liebe und Ablehnung. Um Schutz und Ausgeschlossenheit. Um Sehnsucht, denn ich möchte mich irgendwo einschreiben, in ein Herz, in ein Gehirn, in eine Gemeinschaft. Ich verlasse nie die Bannmeile meiner Träume. Auch tags nicht. Plötzlich überfällt mich ein Unwohlsein, eine innere Unruhe, ein Herzreißen, ich weiß, das Unterbewußtsein zwackt mich. Es umfängt mich zu jeder Zeit, ich wate in ihm, meinem Urwasser, es ist meine wirkliche Wirklichkeit, während der offene, helle Tag das Produkt meines Geistes, der Widerschein meiner Sinne, die Illusion ist.
Ich träumte von David. Vor langer Zeit liebte ich ihn. Er war einer meiner Chefs. Aber keiner der allmächtigen, die ich haßte. Mein Vater hat sich in mir aufgesplittert in den unbarmherzigen Richter, als den ich ihn erfuhr und den liebenden Vater, der mich umfängt und nach dem ich mich sehne. Dieser Riß lief durch alle meine Männerkontakte, enge und weniger enge. Mein Sehnen nach dem mütterlichen Vater ließ alle diese in die Binsen gehen. David liebte ich, er mochte mich. Er war Journalist. Alkoholiker. Für ihn schrieb ich meine erste Kurzgeschichte. In Englisch. Er fand sie gut, sie wurde veröffentlicht. David war verheiratet. In meinem ganzen Leben habe ich keiner Frau ihren Mann weggenommen. Davids Frau war zehn Jahre älter als er. Er brauchte sie, sie brauchte ihn. Meine Liebe war ohne Hoffnung. Im Traum ist er um mich, umfängt mich mit seinen Blicken, mit seinen Armen. David hatte einen Bauch. Wie eine schwangere Frau. Im Traum umschmiege ich ihn, vielleicht ist er meine Mutter. Doch dann schrecke ich zurück, winde mich vor seinem Blick. Er ist ein Mann, ich bin nicht schön. Ich kann ihm nicht genügen. Sieht er mich kritisch an, wird er sich von mir abwenden. Doch ich umfange ihn wieder, lasse mich umfangen. Ein Jojospiel, das sich hinzieht; was bin ich mehr als ein Ding, das von einem Drahtzieher hoch und niedergeworfen wird, das zwischen Sehnsucht und Angst vor Enttäuschung schwingt. Mein wirklicher Vater erscheint. Das kompliziert alles. Tiefste Scham. Doch er ist alt, trägt ein Nachthemd, sein Körper ist leichenblaß. Er wird hereingetragen, zwischen zwei Betten fällt er zusammen wie ein Klappstuhl. Ich klammere mich an David. Ich röchle. Ich wache auf. Da ist ein Druck in meiner Brust. Etwas stimmt nicht, ich setze mich auf, fühle mein Herz. Es schlägt rasend schnell. Habe ich einen Herzanfall? Das gehört zu meinem Alter. Ich bin nicht die junge Frau meines Traums. Wo ist das Telefon? Die kribbelnde Taubheit der Angst, die ich so gut kenne, fängt unten bei den Zehen an hochzusteigen. Das kennen wir, sage ich. Alles Quatsch. Ich habe nichts. Ich gehe in die Küche, werfe zwei Brausetabletten Zimetidin in ein Glas Wasser, trinke es. Eine einfache Dyspepsie. Was habe ich gestern gegessen? Eine rohe Zwiebel, reingebissen habe ich wie in einen Apfel. Man stößt immer so lecker danach auf. Ich schlafe wieder ein.

Am 15. April badete mein Mann. Das war ein Fest. Eine Art Frühlingserwachen. Ja, die Sonne schien. Der Nonnengarten unter uns brach grün aus, ich riß die Fenster auf, ließ die schlechten Wintergerüche heraus, es war gegen Abend, die Stille lag über dem Garten wie in einem Loch, eine Amsel sang, ich zog das Bett ab, wechselte die Kissen auf der Couch, wischte den Tisch sauber. Mein Mann war fähig, sich allein aus der Wanne heben. Oft geht das nicht, dann ruft er mich, ich packe mir ein Handtuch, damit er mir nicht fischartig aus den Händen gleitet, und er hievt sich, an meine Arme gehängt raus. Ich brachte ihm einen sauberen Schlafanzug aus dem Schlafzimmer.
Er sagte vorwurfsvoll: You didn’t iron my pajamas!
Er ging ins Wohnzimmer, schrie laut auf.
Not that again, rief er. Lief zum Fenster, schlug es zu.
Can’t you stop doing that. Er weinte. You want to kill me. You are evil.
Er setzte sich, ich schnitt seine Fußnägel, zog ihm saubere Socken an. Es war Zeit fürs Abendessen. Ich brachte ihm einen in Zwiebeln gebratenen Hamburger mit Dosenerbsen auf dem Tablett.
Did you cook it long enough, sagte er.
Er las Le Monde. Sagte: You must read this.
Faltete die Zeitung, straffte sie, reichte sie mir.
Right this second? fragte ich, I’m in the kitchen, preparing my own food.
Run off, schrie er, close your fucking mouth. I’m finished with you.
Als ich mit meinem Teller im Wohnzimmer erschien, lag die Couch voller Zeitungen.
Come one, sagte ich, can I have a little bit of space here so I can sit down?
Er meckerte, I’m better off not washed, then you don’t bother me with this shit.
Wir guckten die Nachrichten.
These frogs, sagte er kauend und zum hundertsten Mal, this whole civilisation thing of politeness disappears when they drive. Their cars have become the equivalent of guns in the United States. They don’t give a fuck, go right ahead and kill other people and nobody does anything about it. They say, ce n’est pas de ma faute, ce n’est pas de ma faute, sagte er mit Fistelstimme, machte die Franzosen nach. And they get away with it, rief er. It’s like, you know, socially accepted murder. You can’t make the frogs follow any laws.
Als ich nach dem Essen sein Tablett aufnahm, hatte er wie immer einen Mundvoll Erbsen und ein kleines Stück Gehacktes übriggelassen.
Can’t you ever finish your food, sagte ich.
That’s how we Irish do, sagte er. We don’t want anyone to know how miserable we are.
Als ich mich wieder zu ihm setzte, das Fernsehprogramm aus den vielen Zeitungen fischte, war er dabei, von einem Sender zum andern zu schalten.
There is a nice movie with Claudette Colbert and Don Amiche, sagte ich, script by Billy Wilder, wouldn’t you like to see that.
I saw it already, sagte er. Yesterday afternoon.
What else is on, fragte ich ihn.
There’s this documentary about the Vietnam war, sagte er.
Okay, sagte ich, you go ahead watch your war thing. I’ll go to my room.
Er vertrieb mich wie jeden Abend.
In einem Monat bin ich sechzig und auf dem Weg nach Italien.
Hoffentlich kommt nichts dazwischen.