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IV
Sie sitzt mit einer älteren Frau auf einer gepolsterten Bank in einem engen Abteil des Nachtzuges, der nach Florenz fährt, über ihnen hängen auf jeder Seite ihre Betten. Das Fenster ist geöffnet,
im Abteil ist es heiß und stickig, der Fahrtwind schlägt ihnen scharf ins Gesicht, sie legen sich eine Strickjacke um den Hals, es war schließlich erst Mai. Einige Stunden vorher, beim Packen,
hatte sie sich in einer Zwischenwelt befunden, war wie aus ihrem Selbst geschlüpft und stand neben sich, sah sich bei den Reisevorbereitungen zu, die langsam vorankamen, was brauchte sie, was
brauchte sie nicht unbedingt. Eine Art Endzeit, als nähme sie Abschied, schaute voll Nostalgie ihre roten Pantoffeln an, die neben dem Schrank standen, streichelte mit dem Blick ihre
Parfümflaschen, die sie nicht mitnahm. Sie war ihr eigener Geist, der ihr Leben noch einmal besuchte, bevor er sich im Äther auflöste. Im Bus, der sie zum Bahnhof mitnahm, gab es endlich den Ruck,
der sie dem Abenteuer auslieferte, sie schlüpfte in sich zurück, um ihm standhalten zu können.
Als der Zug die l’Yonne, die Bourgogne durchquert, auf die Schweiz zu, füllt der Duft der blühenden Akazien, die draußen an ihnen vorbeirasen das Abteil. Am nächsten Morgen, als sie hinter Bologna
ihr Frühstück einnimmt, sind die Akazien schon ausgeblüht. Italiens Städte sehen aus wie überall, wo man mit dem Zug einfährt, wie die schmutzige Unterwäsche einer Stadt, mit einem Unterschied:
Holz, Eisen, Schotter, brache Bahnanlagen, Abhänge sind rot von Mohnblüten, die sich auf hohen, zarten Stengeln wiegen.
In Siena hat sie das Glück, sofort – in cinque minuti – einen Anschlußzug nach Asciano zu bekommen. Sie erkennt das Städtchen wieder, rollt ihren kleinen Koffer die Hauptstraße entlang, ruft Anna
an, setzt sich ins Café Hervé, am Dorfbrunnen, wo Anna sie abholt. Dann fahren sie sechs Kilometer auf einer schmalen, glatten Straße durch sanfte grüne Hügel nach Norden. Das Haus liegt links an
der Straße, man fährt eine leichte Anhöhe hinauf in die Auffahrt, um das Haus herum, langsam, um die Katzen nicht zwischen die Räder zu bekommen, unter ein Wellblechdach, wo Wäsche hängt. Sie
steigt aus, Erstaunen, Stille und lauer Wind und alte Steine und ein Gartenpavillon mit Tisch und Stühlen, und Blumen überall und ein Blick, der rundherum über die grüne Sanftheit bis an den
Horizont geht. Das Haus zweistöckig. Vorn ist die von Glyzinien versteckte Treppe, die sie hinaufgehen, durch eine kleine Glasveranda, die Eingangstür, den dunklen Flur, ins kühle Wohnzimmer.
Vieni, sagt Anna, am anderen Ende des Wohnzimmers tritt sie in eine große dunkle Kammer, wo es nach Mottenkugeln riecht; Anna reißt die Fensterläden auf. Sie nimmt sie mit ums Haus herum.
Rosenstöcke, Oleanderbüsche, Glyzienien wachsen die alten Mauern hoch. Akazien überschatten den Hinterhof, wo ein deutscher Schäferhund – Wolf – sie hinter den Gittern seines Käfigs traurig
ansieht, wo Hühner eine trockene Erde scharren. Überall geht der Blick ins weite Land. Die Stille ist ohrenbetäubend. Nur Spatzen, die ihr das Trommelfell zerhacken; Schwalben, die schnalzend ihre
Schleifen ziehen, glucksende Meisen und Drosseln auf dem Dach. Überall liebevolle Verwahrlosung, wo der Natur ihr Recht gelassen wird.
Innen das Haus einfach möbliert, ein Kamin, alte Bauernschränke mit Geschirr, in der Küche umgibt den großen wurmzerbissenen Tisch eine in Holz verkleidete moderne Einrichtung, der Boden einfache
dunkelrote Fliesen, auf die der Staub des offenen Landes sich legt, die vertrockneten Blüten der Akazien, die zur Tür hereinwehen.
Tagsüber ist sie allein. Sie steht spät auf, denn die Fensterläden lassen kein Licht ein. Sie lernt die vom Alter patinierten, eisernen Verschlüsse zu Fenstern und Türen zu öffnen, jedoch nicht
ohne sich vorher zu zwacken. Das Haus wird ihr vertraut. Draußen liegt sie auf den Kissen einer Chaiselongue im Schatten der Akazien. Stille, Vogelgeschwätz, die große Luft, die mit dem frischen
Gras spielt. Sie liest, sie besucht Wolf, redet mit den Katzen, die kommen und gehen, kann sich nicht satt sehen an den sanft schwingenden Hügeln. Ab und zu durchquert ein Auto die Stille oder
ferne Stimmen nähern sich ihr, die Deutsch reden. Radfahrer, junge, ältere, in hautengen Anzügen die Asciano zuradeln.
Sie geht neben der Straße her durch ein Weizenfeld, da wo ein Traktor seine Rillen gezogen hat. Der Weizen ist kniehoch, an den Grannen sitzt schon der Blütenstaub. Kilometerweit geht sie über den
harten, trockenen Tonboden, unter ihrem Tritt löst sich nicht einmal eine Krume Erde, die hart ist wie Gestein und in die die Sonne tiefe Risse gefroren hat. In der Ferne bewegt sich eine
Schafherde langsam auf dem Hügel, im Wäldchen am Horizont ruft ein Kuckuck.
Am dritten Tag erhebt sich ein schneller Wind, fegt den Himmel weiß, fegt ihn wieder blau. Es ist kühl. Sie macht Photos. Sie denkt, Photos erhöhen die Freude, die sie über die Stille und die
Landschaft empfindet, als könnte sie damit die Zeit festhalten, sie auf ein Stück Papier quetschen, in Besitz nehmen, bevor die Photos in Schuhkartons unter der Kommode verschwinden.
Jede Nacht um drei wacht sie auf. Das Gespenst, das die Leere liebt, sitzt auf ihrer Brust, ihre Bronchien kratzen, ihr Atem geht schwer. Es rumort in ihr. Annas Abendessen hat Mühe, sich durch
die Funktionen ihres Körpers zu kämpfen. Anna füttert sie, das kann sie ihr nicht verwehren. Bei Anna hat das Leben mit Essen zu tun. Sie liegt in der großen stillen Luft der Toscana, die durchs
offene Fenster zu ihr hereinstreicht, allein mit der Nachtigall, die im Gebüsch singt, und um das Gespenst zu verscheuchen, feuert sie unter der Bettdecke kurze scharfe Schüsse ab, wie in Antwort
auf die, die draußen in den Weizenfeldern auch die Nacht hindurch die Vögel vom reifenden Korn fernhalten sollen. Wenn der Gesang der Nachtigall im atonalen Geschimpf der Spatzen ertrinkt, weiß
sie, der Morgen graut, sehen kann sie es nicht, die Fensterläden sind dicht geschlossen. Sie schläft ein.
Sie träumt. Sie hat sich beschmutzt, hat Angst, hofft, niemand merkt es. Sie irrt in einer ihr aus Träumen bekannten Stadt, will nach Hause, doch alle Züge und Busse fahren unbekannte Routen, sie
kommt nie an. Sie trifft einen großen Chef, er interessiert sich für sie, sie verabreden sich zu einem Tee. Wird sie bis dahin sauber sein? Sie wacht auf. Das Haus ist still, Anna und Batista sind
zur Arbeit gefahren. Sie öffnet die Fensterläden, ein weißer Wind fegt über das Weizenfeld. Die Spatzen lärmen.
Die Tage sind kühl, tiefe Wolken jagen über den immensen Himmel. Am Wochenende schneidet Batista das kniehohe Gras. Zwei Tage später harkt sie das Heu zusammen, bis sie Blasen an der rechten Hand
hat. Zwischendurch lernt sie Italienisch. Redet mit den Katzen. Da ist Pablo. Pablo ist ein Prinz. Honigfarbig, stark, wendig, eingebildet. Sobald sie unten erscheint, ist er da. Er ist wie ein
Freier, umgarnt sie, springt unaufgefordert auf ihre Liege, schmiegt sich neben ihre Füße. Mit prinzlicher Huld läßt er ihre Liebkosungen über sich ergehen. Leone ist seine honigfarbene Mutter,
sanft und breitleibig. Da sind noch zwei Brüder, ein honigweißer und ein bunter. Sobald der Honigweiße sie sieht, rollt er sich auf dem Rücken mit ausholenden Pfoten vor ihr hin und her, reißt
sein Mäulchen auf, zirpt sie an. Er ist „senza nome“, niemand hat ihm einen Namen gegeben. Sein Körper ist gedrungen, sein Gesicht immer schmutzig, er ist nicht anziehend, ist ungeliebt, trägt
Kampfwunden am Nacken. Sein Fell ist strubbelig, steckt voller Zecken.
Pablo ist ein Killer mit Babystimme. Er kommt in den Hof mit einem toten Spatzen im Maul, spielt mit dem kleinen Kadaver, wirft ihn hin und her, versucht seine Federn mit den Zähnen
herauszuzerren. Die anderen Katzen nähern sich, sehen zu, Pablo faucht sie an. Er beißt dem Vogel den Kopf ab, spuckt eine kleine Feder aus und geht Wasser trinken. Er ist nicht mehr interessiert.
Senza nome macht sich über den Vogel her. Es bleiben im Gras nur einige graue Federn liegen – und das süße Spatzenherzchen, das noch vor einer Stunde schlug.
Am letzten Tag in Annas Haus hat der Wind sich gelegt, das Wetter ist überaus schön, die Luft unendlich blau. Unter dem Vogelgezwitscher hört sie das Summen der Insekten, die die Windstille aus
ihren Löchern gelockt hat und die geschäftig von überall her die Luft durchqueren. Gegen Abend, als die Hitze sich gelegt hat, jätet sie die Gräser und Unkräuter um den Brunnen herum und am Haus
entlang, die Batistas Mäher nicht erreicht hat. Sie ermüdet ihren Körper, um gut schlafen zu können.
Doch ihre Nacht hört vor fünf auf, das weiß sie, da noch die Nachtigall singt, dann erhebt sich mit dem Morgen das Spatzenkonzert. Sie öffnet die Fensterläden, im brüchigen Licht sieht sie dem
eiligen Verkehr der Vögel zu, die Büsche sind wie Wohnhäuser mit Nestern gefüllt, wo Vogelfamilien hausen. Sie geht wieder ins Bett, träumt kurz. Von Vater und Mutter, von ihrem Mann, jeder von
ihnen wechselt in die Maske des anderen. Sie sieht ihre Mutter in der schrägen Brechung eines Spiegels, wie sie mit einem fremden Mann im Bett liegt. Findet ihren Vater betrunken in einer einsamen
Kammer. Schmerz und Verwirrung sind groß. Sie wacht auf. Anna hustet im Badezimmer.
Als sie den Kopf aus dem Fenster steckt, schiebt sich rechts die Sonne wie eine rote Kugel hinter dem Hügel her. Sie geht in die Küche, wo Anna an ihrem Fingerhut starkem Kaffee nippt. Ach, warum
muß ich weg, sagt sie. Du kannst ja bleiben, sagt Anna. Doch ihr Hotel in Perugia ist bestellt, ihr Mann erwartet sie in zwei Tagen zu Hause. Nach dem Frühstück ballt sich eine Migräne hinter
ihren Augen, ihre Magenwände flattern, ein Zittern, das bis in ihre Fingerspitzen läuft, ihre Finger können nichts mehr halten, ihr Kopf kann nichts mehr fassen, sie ist schweißbedeckt, im
Geschirr der Angst, sie will sich still hinsetzen, sich nicht mehr bewegen, will die Zeit, die auf ihre Abfahrt zueilt, festtreten, will nicht die Obhut Annas verlassen, in der alles einfach ist,
Frieden in sie einströmt.
Anna fährt sie zum Bahnhof. Als sie im Triebwagen sitzt, ist sie ein wenig ruhiger, sie hat zwei Aspirin eingenommen. Der Schaffner kommt, sie springt auf. Gibt es ein Klo hier, fragt sie, Ja,
sagt er und zeigt um die Ecke. Sie leert sich freischwebend ins offene Loch des Klos, eine Wasserspülung gibt es nicht. Danach überkommt ihren Körper eine große Seligkeit, sie sitzt im trüben
Abteil wie auf Kaisers Stuhl und schaut durchs Fenster auf den Film der toskanischen Natur, die draußen vorbeifährt.
Halb eins kommt sie in Perugia an, steigt in den Bus, der zur Piazza Italia fährt wo ihr Hotel ist. Am Nachmittag läuft sie die Gassen der Stadt auf und ab, die sich unter den Häusern
herschlängeln, spaziert auf dem Aquädukt, schießt Fotos, sucht nach guten Restaurants, trinkt einen Aperitif auf dem Corso Vanucci. Es ist heiß, sie ist fiebrig und glücklich.
Die Nacht ist höllisch. Sie ist in einem Fünfsternehotel, hat gut gegessen, exzellenten Wein getrunken, doch sie ist krank. Sie schläft nicht, sie wacht nicht, ihr untergründiges Bewußtsein liegt
bar. „And bare expos’d the bosom of the deep.“ Im Busen ihrer Tiefe windet sie sich, ihre Beine schmerzen wie Phantombeine, ihre Seele stößt unterdrückte Schreie aus, wirft sie hin und her wie
eine Besessene, in ihrem halbwachen Wahn sucht sie nach Anna. Bei Anna ist keine Zuflucht, Anna füllt ihre Lungen mit Rauch, ihren Körper mit Essen, sie kann selber das Paradies nicht finden.
Um sieben morgens hat sie ihr Frühstück bestellt. Um neun geht sie durchs Stadtmuseum, wo es kühl ist. Sie ist stark erkältet. Auf dem Corso Vanucci trinkt sie eine Tasse heißen hartflüssigen
Kakao, den sie am liebsten aus der Tasse lecken möchte, wenn da nicht zwei deutsche Frauen am Nebentisch säßen.
Über eine breite sich leise windende Treppe, geht sie die kleinschrittigen Stufen hinunter auf den Corso Cavour zu. In der Ferne sticht der spitze Turm von San Pietro in den Himmel. Sie schreitet
durch ein altes Marmortor, das im Mittelalter den die Kirche umgebenden Friedhof abschloß. Sie will in der Kirche die Säulen sehen, berühren, die aus römischen Zeiten stammen, nur das Leblose
widersteht der Zeit. Zwischen Kreuzgängen findet sie eine dunkle Basilika aus dem zehnten Jahrhundert, überreich mit Gemälden und Fresken geschmückt.
Auf dem Rückweg klingen aus der halboffenen Tür einer kleinen, in eine Häusernische gezwängten Kirche, die klaren Töne eines Klaviers. Sie tritt ein. Die Kirche ist leer, am Platz des Altars steht
ein Flügel, auf dem ein zehnjähriger Junge seine kleinen Hände hin und her wirft. Sie setzt sich auf eine der Kirchenbänke. Eine Frau kniet vorn auf der Kommunionbank, spricht mit dem Jungen,
unterbricht ihn, erklärt ihm etwas. Ein kleines Mädchen sitzt hinter ihr. Die Musik ist rein und spröde, der Junge spielt wie ein Meister. Nach einer langen Weile wird er am Klavier vom kleinen
Mädchen abgelöst, sie ist höchstens sieben, ihre Hände fliegen über die Tasten, sie spielt ein schnelles Stück, strukturiert, voll tänzerischer Bewegung.
Sie geht auf die Frau zu, fragt sie. Il ragazzo, das war Bartok. Ja, er ist ihr Sohn. Seine kleine Schwester spielte ein Stück von Nino Rota.
Abends im Hotel ruft sie ihren Mann an. Er ist weinerlich, es ist so kalt in Paris, er liegt mit Handschuhen und einer Nachtmütze und einem Pullover angetan im Bett. Er steht gar nicht mehr auf.
Es ist Zeit, zurückzufahren. Ja, morgen nachmittag nimmt sie den Nachtzug zurück nach Paris, übermorgen früh würde sie zurück sein.
Was auf mich zukam, kannte ich schon. Das war viele Male genauso gewesen. Wenn ich auf eine Reise gehe, die Wohnungstür hinter mir zugeschlagen habe, nachdem mein Mann eine Weile der leeren Stille
gelauscht hat, steigt er in eine Hose, geht zum Araber unten im Haus, kauft sich eine Flasche Wodka, Champagner und irisches Bier. Er hat Ferien von mir und einer Art kategorischem Imperativ, den
ich zu verkörpern scheine.
Wenn er Hunger hat, macht er den Kühlschrank auf, wo eine Reihe Fertiggerichte und Brot, Käse und Schinken auf ihn warten, doch dann begnügt er sich doch mit einer Handvoll Erdnüsse.
Irgendwann bringt er es fertig, in die Badewanne zu steigen, danach zieht er eines seiner vierhundert Hemden an, bindet sich eine breite gepunktete Krawatte um, und in einer seiner Lederjacken
wandert er am Handstock in die Closerie des Lilas zum Abendessen. Er trinkt seine abendliche Runde und sein Leben ist nicht zu schlimm zu beschauen, er sitzt in seinem teuren Restaurant, spielt
den Stammkunden und hegt seine alten Illusionen.
Er braucht eine Atempause von dem ihm sich unüberwindlich aufreckenden Bankrott seines Lebens, der vollkommenen Niederlage, ja der Nichtigkeit, zu der er sich hat verkommen lassen. Vor allem ist
er vorerst die Frau los, die er irgendwann irgendwo aufgelesen hat, die ihren Teil nicht bringt, nie etwas produziert hat, die ihn ausnehmen will, nur seines Geldes wegen bei ihm ist, die ihn
belügt und bestiehlt, ihn entmannen will, eine Nazi-Zicke, die er am liebsten umbringen möchte und ihre Familie ebenfalls, denn so machen das die Iren, bringen gleich die ganze Sippe um. Und er
läßt sich in selige Bewußtlosigkeit fallen, wo er in Sicherheit ist, denn „so erweckt es keinen Schmerz“ wie Pan, der es wissen mußte, in einer von Bachs weltlichen Oratorien singt.
Als ich aus Italien wiederkam, lag er, Zimmer verdunkelt, im durchwühlten Bett; es ging ihm sehr schlecht. Er schien froh, mich zu sehen. Während ich meine Sachen auspackte, hin und her lief, mich
seiner unaufhaltsamen Stimme aus dem Schlafzimmer näherte und entfernte, bekam ich einen Abriß der aktuellen politischen Situation, plus, was er dazu meinte. Er trank einen starken Pastis nach dem
anderen, hol mir noch ein Glas, sagte er und hob mir sein großes, von seinen Fingerabdrücken undurchsichtig gewordenes Glas entgegen.
You’ll have to slow down, sagte ich.
Yes, sagte er folgsam und nahm einen neuen Schluck.
God damm it, rief er hektisch, can you believe this weather. Why don’t they do something about it.
Come on! sagte ich.
These frogs, sagte er, what did they do to the weather. What a miserable country this is. I was so cold, sagte er, I didn’t know what to do about it. I was looking for my sweater but I couldn’t
find it.
Please, do calm down, sagte ich ihm, setzte mich ans Bettende. We have to get you out of this now.
I know, sagte er.
Wenn sein Körper des Alkohols müde ist und nicht mehr die zur Bewußtlosigkeit nötige Menge einläßt, die Magenschleimhaut alles wieder ausstoßen möchte, dann fällt mein Mann in seine Bekennerlaune.
What has become of me, weint er dann. Can you help me this one more time? I feel terrible. Can you ever forgive me?
Dann rede ich zu ihm mit sanfter, doch sachlicher Stimme, werde meine langgehegten Gedanken in Bezug auf ihn los.
My poor love, sagte ich, I know your life’s a horror. Drink helps you to put up with yourself, at the same time it cuts you off from recovery. It is the sickness of which it is the cure.
Yes, sagte er, I think you are right. Please forgive me for everything I did to you.
Oh, sagte ich, that’s religion. I don’t deal in that stuff. Begging for forgiveness is cheap. Then you can do it again.
Don’t let yourself be put down by me, sagte er.
Dann wiederholte sich dieses Gespräch in vielen Variationen über Stunden. Er rief mich alle fünfzehn Minuten in sein Schlafzimmer.
I’m so cold, sagte er.
Have you eaten, fragte ich.
I’m not hungry, sagte er.
So, of course you are cold, sagte ich.
Why don’t they put the heat back on, sagte er. These fuckers. Don’t we pay enough rent?
Because we’re in June, sagte ich.
Can’t you leave me alone a minute, schrie ich dann mit hoher Kopfstimme wie Edith, die Verrückte. I can’t stand it anymore, your calling me every few seconds.
Dann steckte ich ihm ein Maalox in den Mund.
Here, sagte ich, try to sleep.
Um vier nachts weckte mich ein dumpfes Poltern. Ich lief in das Zimmer meines Mannes. Er saß, den Rücken gekrümmt, auf dem Boden, neben seinem roten Kotzeimer.
Please help me, weinte er.
Turn around, sagte ich, try to get on your knees.
Sein Körper war wie ein tote, schwere Masse, unbeweglich, sein Kopf hing ihm auf der Brust.
Go ahead, schrie ich, give it a little effort.
Don’t hurt me, weinte er.
I don’t hurt you, schrie ich, but I can’t do it alone.
Sachte drehte er sich auf seine Knie und aufs Bett gestützt zog er sich hoch.
I have to pee, sagte er.
You want the bucket? fragte ich.
Er stand auf und fühlte sich die Wände des Flurs entlang.
I want to go to the bathroom, I can get more out that way, sagte er und beugte sich über die Kloschüssel. Dann schleifte er sich zum Bett zurück, setzte sich.
I hope I didn’t break anything, sagte er.
Sein Kopf baumelte wieder auf der Brust.
My head does’t want to stay up anymore, sagte er.
Ich lachte. It’s like a baby’s head?
Dann litt er Tag und Nacht an Schluckauf. Auch in der Nacht rief er mich viele Male. Er saß auf dem Bettrand.
Please help me with this, sagte er. It doesn’t stop anymore. I’m exhausted.
Ich holte ein Glas Vichy Wasser.
Here, sagte ich, drink this.
Er nahm einen kleinen Schluck.
All of it, sagte ich.
Danach war der Schluckauf weg, aber nicht lange. So stand ich wieder auf und sagte streng, can’t you keep this in mind: you drink this water, it contains sodium and calms your stomach, but if you
keep pouring wine after it, it starts again. So you drink this water, okay? You don’t call me every time.
Maybe, sagte er, it’s a heart attack and tomorrow morning you’ll find me like this: dead. Er zog das entsprechende Gesicht. Then you can sign all these papers.
Shithead, sagte ich und zog seine Tür hinter mir zu.
Er murmelte weiterhin zu sich, rief mich, immer wieder. Ich rührte mich nicht. Nach einer Weile schlief ich ein.
Am nächsten Tag machte ich ihm um sechs abends, als er aufstand, ein amerikanisches Frühstück, bacon and eggs, das er mit Gier aß. Kurz vor acht, als ich mein Abendessen vorbereitete, sagte ich zu
ihm, I don’t think you want to eat again?
Why, yeah, why should I eat, I’m half dead already.
In der Nacht fiel er noch einmal hin. Er lag auf dem Rücken wie ein umgekippter Käfer, dessen Füße die Erde nicht wiederfanden. Es war ihm unmöglich sich umzudrehen. Ich rief meinen Freund
Wladimir an. Zusammen schafften wir es. Wladimir zuckte nicht mit der Wimper, mein Mann auch nicht. Das war etwas, was einfach nicht geschah.
Als mein Mann wieder auf seinem Bett saß, mußte ich ihm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank holen.
When I die, sagte er, don’t do anything special. Just get rid of me. You can have a mass said for me at Saint-Joseph’s, that’s all.
Oh, sagte ich, you’re not dead yet. You’re a tough cookie. You’re far from being dead. You have to pay the invoice before.
Er lachte. I know I’m a fake. I never really suffered in my life. This, what’s his name, Ranitzki? He was a tough fucker. As a young man he arrives in Berlin, goes to school, brilliant student.
His father was killed by a firing squad, his mother dies in the concentration camp. He escapes the Warsaw ghetto. Tough fucker, bounces right back. And all that, because he loves German
literature.
Er lachte wieder. Er hatte Reich-Ranickis Memoiren studiert, die mir eine Freundin geschenkt hatte.
Am nächsten Abend stand er um neun auf. Ich war dabei, einen Film anzusehen.
I’m hungry, sagte er.
Ich briet eine Rinderlende und rührte Kartoffelpüree aus der Tüte an. Unter mir, in ihrer Küche schrie Edith, die Verrückte, auf ihre Phantome ein. Mein Mann betrat die Küche.
Oh Christ, not that again, schrie er.
What? sagte ich.
Don’t open any doors and windows, schrie er.
Er schloß die Balkontür mit lautem Knall.
You stupid moron, schrie er.
Don’t you know any new words? sagte ich.
Could you open me a bottle of wine, sagte er.
Do it yourself, sagte ich.
Dann machte ich die Balkontür wieder auf und brachte ihm seine Mahlzeit. Er hatte den Fernseher auf ein anderes Programm geschaltet.
What? schrie ich und warf das Tablett aufs Sofa.
You’re being very rude, sagte er. What’s that for?
What’s that for? schrie ich, what a nasty thing to do. I turn my back and you change programs. I’m in the middle of this movie.
All you can do is scream, sagte er.
Yeah, schrie ich, and cook.
Dann erstickte er fast an seiner Rinderlende, er konnte nicht weiteressen, schlug sich auf die Brust, sein Gesicht rötete sich, drückte Schrecken aus.
Heart attack, keuchte er.
Nonsense, sagte ich, that’s your stomach. Wait a few seconds. It will go away. Er aß weiter.
Am unerhört schönen Sonntag stand ich früh auf, fuhr mit dem Rad in den Jardin du Luxembourg. Ich saß eine Weile in der Sonne, dann im Schatten, las einen Artikel über Vergil, „thick with shades“,
beschreibt er die römische Küste, als Äneas dort anlegt, was eine gute Sache ist, wenn man lange nur unter ungewissen Segeln Schutz vor der unbarmherzigen Sonne gefunden hat. Zuhause befragte ich
das Internet nach der Aeneis, fand die englische Übersetzung von John Dryden.
Mein Mann saß auf dem Sofa. Did you read the Aeneid? fragte ich ihn.
Sure, sagte er. How are the first lines?
No idea, sagte ich. I don’t speak Latin.
I used to know the beginning lines by heart, sagte mein Mann, take my latin Virgil down for me, will you please.
Ich stieg auf die Trittleiter, guckte oben links in der Bücherwand nach, wo seine lateinischen Texte stehen.
It’s not there, sagte ich.
I can’t find any of my books, weinte er. Why can’t I have them here with me on the floor.
There’re too many of them, sagte ich. You know what? You should get a room just for yourself and your books, and then you do whatever you want and I move somewhere else.
I’d love to, sagte er.
Give me the book of Latin verse, sagte er, it is among the poetry books, right next to the Germans.
Dann zitierte er laut:
Arma virumque cano, Trojae qui primus ab oris
Italiam, fato profugus, Lavinia venit
Litora...
Langsam wurde unser Leben wieder normal.
„Wie hältst du das bloß aus“, sagte meine Freundin in Madrid, die mich ab und zu anruft. „Ich könnte das nicht. Schon mit mir allein wird mir jetzt alles zu viel.“
Oh, sagte ich, „man findet immer etwas. Sich tief in die Depression fallen lassen bis man aufplumpst und wieder von allein hochkommt. Oder seine Instinkte wild laufen lassen. Diesmal hab ich mir
neue Sommerklamotten gekauft.“
„Das ist immer gut,“ sagte meine Freundin „ich tue das auch oft. Ich frage mich nur, wann ich all die Sachen anziehen soll, die in meinen Schränken hängen.“
„Bei mir hält sich das in Grenzen“ sagte ich. „ich habe mir die letzten fünf Jahre nichts gekauft. Ich brauche ja nichts.“
Ich hatte in meinem Schrank einen feinen, perlgrauen Kaschmirpullover liegen, den ich nicht mehr anzog, weil er zu nichts paßte. An sich habe ich das Prinzip, die Sachen, die ich zwei Jahre nicht
getragen habe, zu verschenken. Von diesem Pullover konnte ich mich nicht trennen. Er stammte aus meiner Zeit in Los Angeles und erinnerte mich an meine ersten Wochen mit Craig, meinem jungen
Liebhaber, dann geheimen Ehemann. Am Anfang hatten wir sehr wenig Geld, waren gerade in unser großes Studio oben am Hügel gezogen. Unter uns schlängelte sich der Sunset Strip nach Westen, wo es
nette Geschäfte und Restaurants gab und ich fast ein kleines Stück Frankreich wiederfand. Eines Tages stöberte ich dort in einem Secondhandladen und fand einen weißen halblangen Leinenrock für ein
paar Dollar, in dem ich in meinen hohen Absätzen neben Craig herschwebte und glücklich war. Später hatte ich einen Job und war weniger glücklich, doch noch immer auf der Jagd nach herabgesetzten
Kleidungsstücken. Ab und zu fuhr ich zum Bullock’s Wilshire, dem schönsten Kaufhaus der Welt, auf halbem Weg Downtown zu. Das war ein reines Art Deco Gebäude, wie diese nur in Los Angeles
existieren. Mächtig wie ein Palast der Gründerzeit, jedoch alles in Geometrie, das Schloß eines Mathematikers, der im Lotto das große Los gezogen hatte. Bis ins kleinste Detail war alles von
exquisit abgezirkelter Großzügigkeit, zu vergleichen mit Harrod’s in London was Majestät betraf und Luxus der Ware. Es war eine Traumfabrik wie das Heimatland des Films. (Es existiert nicht mehr.)
Hier fand ich eines Sommertags diesen Pullover zu reduziertem Preis, und ich wußte auf der Stelle, er paßte haargenau zu meinem weißen Rock. Nur fürs Frühjahr, natürlich, wenn die Luft noch zu
kühl ist für Luftiges.
Nun lag er all die Jahre im Schrank, und ich konnte mich nicht dazu bringen, ihn wegzugeben. Ich beschloß, nach einem weißen Leinenrock zu suchen.
So begann mein Kauffieber. Ich ging zu „Agnes B“ nebenan und fand den Rock, der zu meinem Pullover paßt, lang, hauteng um die Hüften, eine Kopie meines Hollywood-Rockes. Und kaufte nochmal
denselben in hellem Aschgrau. Und ein Kleid in dunkel meliertem Grau. Und eine Hose aus demselben Stoff, für die heißen Tage, wenn alles locker sitzen muß. Am nächsten Tag zog ich den aschfarbenen
Rock an, um mich in den Galeries Lafayette nach Oberteilen umzuschauen. Ich war so lange nicht mehr im Opéraviertel gewesen, daß ich voll Erstaunen die Oper mit gereinigter Fassade wiederfand,
hell wie Sand, all der scheußliche Geschmack des zweiten Empire recht sichtbar. In den Galeries fand ich zuerst die ideale Strickjacke für meine Röcke, die mich streckt, mich lang und schmal
erscheinen läßt, wie die Frauen auf den Modelithos zwischen den Weltkriegen. Danach mehrere ärmellose, weiße, aus Leinengemisch grob gestrickte Oberteile: die Modeindustrie schien sich gegen mich
verschworen zu haben. Ich schwamm hoch auf meiner narzißtischen Welle, war leicht manisch, es war heiß, die Spiegel warfen mir ein angenehmes Bild zurück, ich kostete im voraus den Sommer, der nie
enden sollte, noch ein wenig, dachte ich. Noch dies eine Mal. Danach ging ich schnell aus dem Kaufhaus. In der Bahn nach Hause wurde ich traurig. Es war die abendliche Stoßzeit. Warum wollte ich
bloß immer gut aussehen? Die Schönen, Eleganten verlangen quasi von ihrer Umgebung eine erhöhte Aufmerksamkeit. Seht doch mal, rufen sie aus. Seht uns an. Wir sind schön, sagen sie, wir sind
gepflegt, gut angezogen, verschieden, überlegen. Die Signale funken nur so. Wie rotes Licht: Aus dem Weg! Doch die anderen, die sich in den Billigläden der Konvention bedienen, sich nicht immer
unter den Achseln waschen, die ein paar armselige Symbole über ihr Unbehagen hinwegheben sollen, ein paar helle Strähnen im Haar, dicke Ohrringe, ein geripptes Baumwollhemd mit Spitze an den
Ärmeln, dünne Messingringe an jedem Finger, diese flüstern nur. Wir sind auch da.
Lange, sehr lange war ich vom Blick der Anderen tetanisiert. Nicht im Winter, wo ich mit Vorteil in der dicken Winterkostümierung verschwand. Doch im Sommer. Im Sommer tanzen wir durch unser Leben
in leichten Chiffons, die den anderen nicht eine Gelenkverbindung verbirgt, nicht eine Körperbuchtung. Die geheimen Fäden, Verbindungen, Nervenfasern, die unser Gehirn fernsteuert, sind dem feinen
Beobachter sichtbar in der Schau unserer ungelenken Körper, die voller Zweifel sind ob ihrer enthüllten Existenz. Ich konnte sehr lange, jahrzehntelang, nicht an Cafés vorbeigehen, wo man wie im
Theater sitzt, um sich an Passanten gütlich zu tun, ohne daß der Blitz der plötzlichen Lähmung mich durchfuhr. Es war ein wenig wie Flauberts „petite mort“, wo das Selbst sich der Welt entzieht,
der es nicht standhalten kann. Und je perfekter ich mir erschien, desto heftiger der elektrische Stoß der Angst.
Als ich bei Anna war, saßen wir eines Abends am Tisch in ihrem Gartenpavillon.
Anna, sagte ich, du weißt, ich will irgendwann ein Haus in Sizilien kaufen.
Ich habe eine Freundin, sagte sie, die ein Immobiliengeschäft hat. Die kann dir helfen eins zu finden.
Ich möchte wissen, wieviel ein Haus in deiner Gegend kostet. Deswegen will ich im August mit dir dort hin.
Ich habe es mir überlegt, sagte Anna, im August ist es da unten zu heiß. Ende Juni fahre ich kurz nach Sampieri, um mich um die Gräber meiner Eltern zu kümmern. Aber diese Freundin verkauft gerade
ein sehr schönes Haus mit Garten.
Und für wieviel, fragte ich.
Hundertfünfzig Millionen Lire, sagte Anna.
Gut, sagte ich und rechnete kurz in meinem Kopf nach. Dann fahre ich diesen Sommer auch nicht nach Sizilien. Der Preis ist annehmbar. Aber ich muß noch warten.
Wenn es soweit ist, sag mir Bescheid, sagte Anna.
So brauchte ich mir kein schlechtes Gewissen zu machen, ich hatte noch dreitausend Mark irgendwo liegen, der letzte Rest der Abfindung von meiner Firma, das übrige, fast fünzig tausend Mark, hatte
ich nach und nach meinem Mann gegeben, um die Schulden bei seiner Bank abzutragen, damit er neue machen konnte. Es war alles bestens. Ich würde sowieso nicht mehr viel reisen können, so wie es um
ihn stand. Bei Kleidung habe ich nie auf den Groschen gesehen. Nach den vielen Jahren, wo mir das Gesicht meiner Mutter ängstlich aus allen Spiegeln entgegenstarrte, bin ich eine der eleganten
Frauen von Paris geworden, derjenigen, sagen wir mal, die in den Straßen herumlaufen, eine der elegantesten der normalen Frauen, die weder reich noch schön sind. Mein Stil ist die Einfachheit.
Sobald ich mich dekorativ aufputze, fühle ich mich wie überbelichtet, und die Schrecktetanie verläßt mich auf keinen Schritt. Meine Brust ist immer noch ansehnlich, meine Schultern sind männlich
breit, auch mit Speckschwarte kann ich meine Gedärme einhalten dank jahrezehntelanger Gymnastik, vorausgesetzt ist allerdings guter Stuhlgang, – wie häßlich der verblühte Frauenkörper sein kann,
wissen wir aus den Bildergalerien, seht euch Dürers nackigte Holzschnitte und Kupferstiche an, eine Jungfrau war damals als Modell wohl nicht verfügbar, welch ein Segen die Bekleidung! – ich habe
gelernt, mich so anzuziehen, daß niemand errät, wer ich bin, das alternde dralle Dorfmädchen aus L.: so klingt es immer noch in mir wie ferne Kirchenglocken, die über weite, leere Felder hinweg
mich an etwas erinnern wollen, doch ich habe keine Angst mehr vor dem Blick, ich weiß seit Baudelaire, die anständige Frau gibt es nicht, den anständigen Mann auch nicht, Moral ist wie Schönheit
im Auge des Betrachters. Ich habe gehen gelernt, mein Rückgrat hat sich gestreckt, meine Schultern sind nicht mehr um meine Brüste und Innereien gewölbt, sie haben ihren normalen Platz
eingenommen, sind bestimmend, stolz, meine Brüste stehen frei im Raum, ich habe den langen Stechschritt, der auch meiner kleinen Schwester eigen ist – die Mami hängt sich vor langer Zeit aus ihrem
Fenster, ruft mir nach: Kleinere Schritte machen! – zugunsten eines subtilen Hüftschwungs aufgegeben, doch bin ich, die ich bin.
Wie die Kunst hat das Sichanziehen zu tun mit dem Bereich, wo die Phantasie ins Leben einbricht. Ihre Inhalte holt sie sich aus dem kulturellen Umfeld und ihre Motivation aus den menschlichen
Defiziten. Da, wo sie ans Leben stößt, gibt es eine brüchige Stelle, durch die es oft ausblutet vom einen ins andere, so erstreckt sich die reiche Skala alles menschlichen Lebens vom Wahn bis zur
emotionalen Austrocknung. Diese Bruchstelle, aus der es trübe auch nach außen sickert, suche ich überall. Wenn ich im Café sitze und die Leute beobachte, die vorbei gehen (ja, auch ich!). Wenn ich
lese oder Gemälde ansehe. Wenn ich jemanden treffe. Einen Film sehe. Ich suche sie in mir. In den Menschen, die mich verletzen. In denen, die mich mögen. Im Volk, das mich in seine Mitte genommen
hat, im Volk, in dem ich geboren bin. Es ist die uralte Frage: Was ist das, was wir sehen im Verhältnis zu dem, das wir nicht sehen. Und: Welches ist die geheime Sprache, die zu uns spricht und
die wir verstehen? Wenn Theater, aus dem Griechischen: „Schaustätte“, die szenische Darstellung eines Geschehens zwischen Agierenden und Reagierenden (Brockhaus) ist, so ist unser Körper mit
seinen Verkleidungen die Schaustätte unseres Selbst, auf der wir uns unserer Umwelt darbieten.
Wenn ich von meiner Mutter wiederkomme, geschieht mir Seltsames, Erschreckendes, würde ich sogar sagen. Dann finde ich mein Leben nicht wieder. Die Hülse meines Lebens ist noch da, aber was
drinnen ist, hat nichts mit der zu tun, als die ich mich kenne. Ich betrete diese Hülse, die mich sonst schützend umgibt, alles ist wie immer, die Straßen, Gesichter, die Mauern und Gitter, der
Himmel, die Bäume, die Wände der Wohnung, die Ecken und Türen, die Bilder in meinem Zimmer: doch alles hat sich seines Inhalts entleert. Ich laufe herum wie zwischen Requisiten eines fremden
Lebens. Mein Verstehen hat sich von den Dingen abgelöst, mein Bewußtsein bewegt sich noch in den Weiten von Zeit und Raum, die ich verlassen habe und im Grunde weiß ich weder wer, noch wo ich bin.
Ich muß mich auf meine Automatismen verlassen, meine Selbststeuerung, aber Gott sei Dank bin ich kein Auto und wenn ich irgendwo anecke, ist das nicht dramatisch. Es ist nur verwirrend. Ich sehe
mein Leben wie in einem Müllbeutel, wo alles durcheinanderliegt und verrottend seiner Zersetzung zuwartet, und Gott weiß wozu alles ist.
Ich hatte meine Mutter in Norddeutschland besucht. Wie immer in den letzten Jahren, weil sie so schwer zu erreichen ist, denn entweder hört sie das Telefon nicht, oder sie ist gerade nicht in
ihrem Zimmer, stand ich plötzlich vor ihr. Um in ihre kleine Stadt zu gelangen, hatte ich ein Auto gemietet, war durch den rund eingeglasten Haupteingang, denn auch Altersheime geben sich
modern-behaglich, den Gang hinunter zum Speisesaal gegangen. Es war gegen drei, wenn alle Insassen Kaffee trinken und ein Stück mit Zucker bestreutes Brot einnehmen. Ich konnte meine Mutter von
hinten erkennen, dort am vierten Tisch links. Als ich durch den Speisesaal ging, sahen die Alten auf, ich sagte „Guten Tag“ nach allen Seiten hin, ihre leeren Gesichter kauten weiter und dann
stand ich meiner Mutter gegenüber. „Was machst du denn hier?“ sagte sie. Ich setzte mich auf einen Stuhl. Tach Mutter, sagte ich, wo geit di dat? Sie nahm einen kleinen Schluck aus ihrer
Kaffeetasse, hustete. Gut, sagte sie, steckte sich den letzten Bissen in den Mund, hustete wieder, spülte ihn mit dem Rest aus der Kaffeetasse runter. Ich ging zu ihr und strich ihr übers Haar.
Ich wollte dich mal besuchen, sagte ich. Widerwillig schüttelte sie meine Hand ab, sie wollte keine Berührung. Ich ging zurück zu meinen Stuhl und wartete, bis sie sich von ihrem Hustenanfall
erholte. Wollen Sie eine Tasse Kaffee, sagte eine der Pflegerinnen, die auf mich zueilte. Nein danke, sagte ich, ich trinke keinen Kaffee. Warum denn nicht, fragte meine Mutter. Kann ich nicht
vertragen, sagte ich. Du hast immer was, sagte meine Mutter.
Dann gingen wir auf ihr Zimmer. Mit der linken Hand hakte sie sich schwer bei mir ein, mit der rechten setzte sie ihren Stock Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Ihre Zimmertür stand weit offen.
Ich habe den Schlüssel verloren, sagte sie. Sie setzte sich in ihren Sessel, den, den sie seit vierzig Jahren bewohnt, vor dem runden Tisch, der früher im Arbeitszimmer meines Vaters stand. Ihn
bedeckte unordentlich verschoben eine dünne, weiße Häkeldecke, kunterbunt darauf standen ein schmutziger Teller, eine Vase mit einer toten Rose, lagen Zeitungen, schmutzige Taschentücher, Fotos,
Briefe, Dosen. Ich zog die Decke zurecht. Laß das, sagte meine Mutter, das machen die Schwestern schon. Ich setzte mich auf einen Stuhl. Die Tischdecke hat Christa mir geschenkt, sagte meine
Mutter. Schön, sagte ich. Dann war Stille. Meine Mutter saß in ihrem Sessel nach rechts gelehnt, ihren Mund geöffnet, laut Atem schöpfend stieß ihre Zunge bei jedem Atemzug durch die Mundöffnung
hinaus. Eine Fliege setzte sich auf meine Hand. Du hast ja Fliegen, sagte ich. Ja, eine, sagte meine Mutter. Dein Haustier? fragte ich und lachte. Ja, sagte sie kurz. Ich weiß nicht, wo meine
Fliegenklappe ist. Dann war wieder Stille. Ich wurde sehr müde. Die Luft im Zimmer war stickig und verbraucht, es roch nach Urin. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Dann wagte ich es. Du,
sagte ich, ich habe die letzte Nacht schlecht geschlafen und bin gerade eine Stunde Auto gefahren. Ich gehe jetzt ins Hotel und schlafe ein bißchen, dann komme ich wieder. Du hättest ja hier auf
dem Sessel schlafen können, sagte meine Mutter. Wozu ein Hotel? Bis später, sagte ich mit entschiedener Stimme. Um sieben geh ich ins Bett, sagte sie, gut, sagte ich, ich bin vorher wieder da, und
um sechs essen wir, sagte sie, jaja, sagte ich und ging aus ihrem Zimmer, fuhr ins Hotel und schlief, um alles zu vergessen.
Ich fühlte mich, als stünde der Tod in seinen vielen Verkleidungen grinsend, noch ohne zuzuschlagen um mich herum, war nicht zu verscheuchen von den Lebenden. Meine Mutter hing röchelnd in ihrem
alten Sessel. Die wunderschöne alte Dame, die vor genau siebzig Jahren in meinen Vater verliebt war, schaute mich langsam verblassend mit traurigem Lächeln an, aufgefressen von ihren weißen
Blutkörperchen. Die Mutter meiner Freundin lag allein in ihrem Zimmer und schrie. Edith, die Verrückte, zankte mit ihren Phantomen, dann konnte sie ihr Bett nicht mehr erreichen, fiel hin. Odette,
meine alte Freundin und Nachbarin, Nachfahrin der Familie Heinrich Heines, hielt mit beiden Händen ihre schmerzende, von Strahlungen verbrannte Brust, unter der das Herz nicht mehr richtig ging.
Mein Mann stand von seinem Bett auf, fiel zu Boden als er sich zur Toilette tasten wollte, seine Blase leerte sich auf dem Teppich.
Ich weiß nicht, warum es so kam wie es kam. Als ich Internat und Schule verlasse, habe ich einen dünnen Abstrich vom Leben mitbekommen, doch ich weiß, ich bin nur an seiner Peripherie, ich möchte
mich ins Zentrum der Welt vorarbeiten. Auch wie die Liebe funktioniert, habe ich gelernt. Das wird mir von Miezes Tochter beigebracht. Ihre Familie kommt eines Tages zu Besuch, abends lassen wir
die älteren Erwachsenen allein und spazieren auf dem dunklen Friedhof hin und her, da wo früher unser Garten war, und sie erklärt mir, was es mit dem männlichen Glied auf sich hat. Was, sage ich
erstaunt, und das steht dann von ganz allein hoch? Und dann?
In der Kleinstadt treffe ich einen geheimnisvollen jungen Mann mit leichtsinnigem, trotzigen Gehabe und verwegener Tolle, die wie ein Schleier über seine Augen fällt, den er immer wieder
wegwischt. Er arbeitet in einer Buchhandlung und schreibt selber. Wir treffen uns einige Male im selben Café. Einmal besuche ich ihn im Krankenhaus, in dem ich vor sechs Jahren gelegen hatte: er
liest mir das erste Kapitel der Blechtrommel vor. Von ihm lerne ich, daß es eine moderne Literatur gibt. Er diktiert mir eine Liste von Autoren.
Meine Schwester hat inzwischen ihre Mittelschule beendet und wird Zahnarztgehilfin. Sie arbeitet beim Zahnarzt des Dorfes, der vor zehn Jahren gesagt hatte, meine Zähne seien nicht mit Klammern zu
richten. Jetzt kann er sie abschleifen. Das tut er auch, bis zum Zahnfleisch. Meine Schwester überzeugt meine Eltern davon, daß dies absolut notwendig ist. Ich bin zwanzig, laufe als alte Frau
nach Hause, mit nach innen gestülpten Lippen und verkürztem Kinn. Der Zahnarzt hatte es nicht für wichtig angesehen, mir für eine Woche, zehn Tage, Ersatzzähne einzusetzen. Ich gehe nicht sofort
nach Hause, ich laufe zuerst die Treppen zu meinen Freunden hoch, es ist fast Abend, ich stürze in ihr Wohnzimmer, Hand vor dem Mund, rot vor Lachen. Was ist los? rufen sie. Ich laufe in ihr
Badezimmer, Hand noch vor dem Mund, stelle mich vor den Spiegel, dann lasse ich die Hand sinken. Lange schüttelt uns das Lachen. Zuhause lacht niemand. Ich bleibe in meinem Zimmer, zeige mich
nicht. Dann bekomme ich vier lange Stiftzähne, die in meine Zahnstümpfe einzementiert werden.
Auf meine Art muß ich mich gegen meine Eltern durchgesetzt haben. Ich sehe mich in der kleinen Stube meines Vaters stehen und ihm sagen, ich möchte Journalistin werden, möchte auf die Universität
gehen. Nein, sagt dieser, das ist kein Brotberuf. Das kommt nicht in Frage. Dazu bist du auch nicht schlau genug, sagt er. Das beste wäre Beamtin. Warum willst du nicht Lehrerin werden? Dann bist
du bis an dein Lebensende versorgt. Doch ich will nicht zur P.H. gehen wie alle andern. Will nicht an mein Lebensende denken. Ich will etwas Nützliches tun, anderen helfen. In der „Zeit“ habe ich
Artikel über Afrika gelesen. Dort gibt es noch viel zu tun. Es gibt Stipendien für ein Medizinstudium, für die man sich verpflichtet, eine Anzahl von Jahren in afrikanischen Missionen zu arbeiten.
Dafür bräuchte ich seine finanzielle Hilfe nicht, ich wäre unabhängig. Das sage ich nicht, aber ich bestehe darauf, ich will zur Uni. Vielleicht Bibliothekarin werden, oder Studienrätin, sage ich.
Dazu muß ich ein Zusatzabitur in Französisch und Mathematik ablegen. Gut, dann setze ich mich hin und lerne diese zwei Fächer. Mehrere andere Klassenkameradinnen machen es genau so. Es muß den
Stolz meines Vaters gekitzelt haben, denn er gibt nach. Ich darf, um Französisch zu lernen, ein halbes Jahr als „au pair“-Mädchen in Paris verbringen. Die Zahnarztfamilie, die internationale
Kontakte hat, vermittelt uns eine Agentur, die mich bei einem Arzt unterbringt. So fing alles an.
Wenn ich morgens meine Dusche nehme, schaue ich auf die wunden Stellen an den Wänden und der Decke des Badezimmers, die Zeit und Gebrauch geschlagen haben. An immer denselben Stellen blättert der
weiße Lack ab. Die Fußleisten sind aus unerfindlichen Gründen, wohl weil sie vor zwölf Jahren nur übergepinselt wurden, in einem unnennbaren Zustand. Beim Nachbarn oben gab es vor Jahren eine
Überschwemmung und verspätet hat die Feuchtigkeit unsere Decke aufgesplittert. Wann wird sie anfangen, mir auf den Kopf zu fallen, denke ich. Die Duschwand wackelt, weil die Dübel nur in Gips
stecken und sich ausgeleiert haben. Lange Staubfäden wedeln in den Winkeln zwischen Decke und Wand. Ich könnte nun rangehen und alles ein wenig zurechtflicken, aber ich habe keine Lust dazu.
Irgendwann muß das hier doch aufhören, denke ich. Faut bien qu’il crève un jour, denke ich. Worte, die irgendwo obenauf liegen, und die ich nicht auf deutsch formulieren kann. Eine professionelle
Überholung, denke ich, wäre vielleicht für die Katz. Nicht unserem Eigentümer, der immer nur Geld kassiert, noch mehr nachwerfen. Sowieso kann er uns, unter Einhaltung der gesetzlichen
Kündigungsfrist bis zum Jahresende den Mietsvertrag kündigen, wo doch seine Tochter auf die Wohnung scharf ist, wie er uns einmal sagte, was wir für eine nicht sehr versteckte Drohung hielten.
Auch der Teppich im Flur neigt sich totalem Verschleiß zu, die Enden sind ausgefranst, Flecken von hereingetragenem Dreck und verschiedenen Darmunfällen meines Mannes habe ich nicht, auch nach
anhaltendem Fingernagelkratzen mit Spezialschaum ganz entfernen können. Die weißen Wände des Flurs sind angegraut, oben unter der Decke hat die Warmwasserleitung, die dort entlang läuft, schwarze
Schatten die Wand hoch gemalt. Das Klo hat von den sorglos verstreuten Bächen meines Mannes, die sich sicher durch die Ränder des ältlichen Linoleums in den darunterliegenden Zement infiltriert
haben und dort stagnieren, einen süßlichen Uringeruch, der jeder noch so sorgfältigen Reinigung widersteht. Die ganze Wohnung riecht. Wenn ich morgens um acht vor dem Fernseher mein Frühstück
einnehme, habe ich den Geruch der Kissen, auf denen er den ganzen Tag sitzt, in der Nase. Ich rieche es, wenn er aufgestanden ist. Dann steht seine Zimmertür offen und Ranziges, Abgestandenes,
Unnennbares verbreitet sich in der Wohnung.
Paris im Jahr 1961 ist nicht dieselbe Stadt wie heute. Es ist keine Lichterstadt. Als ich im Frühjahr am Gard du Nord aus dem Zug steige, stehe ich inmitten dunkler Häusermassen, die sich dicht um
mich drängen, mir den Himmel nehmen, der grau am Rand der Dächer hängt. Ich gehe im Rücken des Bahnhofs über eine eisenschwarze Brücke zu meiner au-pair Adresse, drücke auf einen Klingelknopf,
steige drei Etagen durch ein enges teppichbelegtes Treppenhaus. Ein kleiner drahtiger Mann mit krausen Haaren öffnet mir. Er ist Arzt, dies ist seine Praxis und seine Wohnung. Er hat zu tun, er
führt mich in sein Wohnzimmer. Ich warte. Am Abend zieht er die Couch aus, wo ich schlafe. Ich weiß nicht so recht, warum ich bei ihm bin, was er von mir will. Am nächsten Tag laufe ich herum,
steige in Busse, die mich hier- und dahin mitnehmen. Dies ist die Stadt, mehr aus Mythos, denn aus Wirklichkeit gemacht, die einen strahlenden Namen trägt: in der alles zu Hause ist, die
Schönheit, die Intelligenz, die Kunst, die Raffinesse, der Geschmack, die Freiheit, die Liebe. Ich bin überwältigt von der Unendlichkeit der hohen Häuserfronten, wo sich schwarz Geschichte
eingeschrieben hat, von dem unermüdlichen Leben, das sich wie getrieben von einem geheimnisvollen Uhrwerk ohne Ende bewegt, von der Unbekümmertheit der Frauen, die am offenem Fenster, Zigarette im
Mundwinkel, mit ihren kleinen Autos über die basaltgepflasterten Straßen und Kreuzungen rasen, von den scharfen Stakkatolauten, die sie ausstoßen. Der nächste Tag ist ein Samstag. Der Arzt nimmt
mich mit aufs Land. Ich fahre in seinem Citroën, dem ersten den ich besteige, er ist seltsam, wie ein Schalentier, das zum Sprung ansetzt und bevor er anfährt, bläst er sich auf, steigt hoch wie
eine Kabine im Karussel. Wir fahren in sein Haus an der Loire. Es befindet sich außerhalb einer kleinen Stadt. Als er die Tür öffnet, betreten wir ein Schlachtfeld. Das Wohnzimmer, das sich gleich
hinter der Eingangstür befindet, ist gefüllt mit Zeitungen, Büchern, Haarbürsten, Kartons, Zigarettenschachteln, Krawatten, vollen Aschenbechern, Kleidungsstücken. In die Küche kann man nicht
gehen, kann kaum die Tür öffnen, alle Flächen, der Boden eingeschlossen, liegen voll von Abfall, Milchflaschen, Eierschalen, halbvollen Tellern, auf denen der Schimmel wächst. Ich schlafe in einer
kleinen Kammer nach hinten raus. Noch immer weiß ich nicht, welches meine Aufgaben sind. Der Arzt verschwindet. Ich entschließe mich, Ordnung zu schaffen, die Küche zu putzen. Das nimmt viele
Stunden in Anspruch. Ich mache mittags eine Pause, gehe ins Städtchen und am Marktplatz in mein erstes französisches Restaurant. An einem der kleinen Tische mit rotkariertem Deckchen esse ich eine
Vorspeise, saucisson oder coeurs d’artichaut, oder carottes rapées, dann ein steak frites, oder einen lapin en sauce, einen Salat und hinterher einen dünnkrustigen Apfelkuchen. Wenn ich esse,
renkt sich bei mir alles wieder ein. Ich trinke sogar einen kleinen pichet de rouge. Voulez-vous un café après, soviel kann ich verstehen. Mir gefällt alles wunderbar. Meine Einführung ins
französische Essen ist getan.
Am Abend ist der Arzt noch immer nicht erschienen. Ich entschließe mich, einen Spaziergang zu machen. Keine fünfzig Meter und ich drehe mich um, laufe, die Arme schützend vors Gesicht gelegt, zum
Haus zurück. Im Halblicht, der Abend ist würzig und lau, sausen Hunderte von dicken Maikäfern kreuz und quer durch die Luft.
Ich verlasse den Arzt. In der Alliance Française, in die ich mich eingeschrieben habe, finde ich eine andere au-pair Familie, in einem anderen Viertel, in einem großbürgerlichen Haus mit weiten
Eingangshallen, teppichbelegten Treppen und Fahrstuhl. Meine Familie ist aus Indien, der Mann ist Diplomat. Ich habe mich um zwei braune kleine Mädchen zu kümmern und wohne in einem netten Zimmer
neben der Toilette. Ich spreche Englisch. Auch in der Alliance Française spreche ich mit meinen Mitschülern Englisch. Zwei Monate bleibe ich bei ihnen, nehme jeden Nachmittag die Metro an den
Champs-Elysées bis zur Schule, abends lerne ich heiß gewürzte indische Gerichte essen. Dann suche ich mir eine französische Familie. Ein neues Viertel: Saint-Germain des Prés. Madame hat ein
schickes Modegeschäft, in dem es wunderbar aus geschliffenen Nina Ricci-Flakons duftet. Monsieur ist jünger als Madame, er ist Friseur. Da sind keine Kinder. Madame steht morgens spät auf. Alles
muß bei ihr seine Ordnung haben. In der Frühe muß ich zum Zeitungsstand laufen und die „Aurore“ kaufen und sie ihr mit dem Frühstück bringen, café au lait avec une tartine beurrée. Ich trage alles
auf einem Tablett durch den langen Flur, durch die exquisit möblierten Eß- und Wohnzimmer in ihr Schlafgemach, sie empfängt mich ganz rosig, weiß gerüscht in ihre vielen Kissen gekuschelt: Madame
hat Darmkrebs, an der Taille hat sie einen künstlichen Ausgang. Tagsüber poliere ich ihre schweren geschnitzten Möbel aus der Bretagne. In meinem hübschen Zimmer neben der Küche lese ich Mauriacs
„Thérèse Desqueyroux“, habe einen kurzen Rückfall in die Religion, laufe zur Kirche Saint-Sulpice und flüstere dem Priester im Beichtstuhl meine Sünden der jungen Frau zu. Mittags bin ich allein,
brate mir ein „biftec“, mache mir einen Salat dazu, Soße: Senf, 1 Teil Essig, 3 Teile Öl.
Nachmittags gehe ich zur Schule gleich nebenan, treffe mich danach im Jardin du Luxembourg, an der Statue der Pallas Athene vor dem Wasserbecken, mit einer früheren Klassenkameradin, die in
Anthony, einem südlichen Vorort, bei einer Familie wohnt. Jede wartet auf die andere. Auf einem der Stühle zu sitzen kostet ein kleines Geldstück, das von einer der strengen, alten Frauen
einkassiert wird, die im Park die Runde machen.
Im Juli sind wir in Madames kleinem Landhaus in einem Dorf an der Marne, ich schlafe in der schrägen Dachkammer, in der ich mich kaum aufrichten kann. Es gibt Differenzen mit Madame, die auch
abends von mir bedient werden will. In meinem schlechten Französisch schreibe ich ihr einen Brief: „J’écris cette lettre parce que vous me n’avez pas donné le temps pour parler;“ und weiter: „Je
voulais vous expliquer une chose: dans ma vie j’ai eu beaucoup de difficultés avec dire les fausses choses dans un faux moment“ und: „Je n’aime pas quand vous êtes méchante avec moi et quand vous
pensez mauvais sur moi.“ Nach dem Mittagessen spaziere ich herum. Dichtes Gestrüpp bedeckt die Ufer der Marne, ein schmaler Hohlweg führt die Angler zu ihren hölzernen Stegen, aus dem grünen
Dickicht wachsen kleine, wie verwunschene Häuschen, wo an Sonntagen Familien picknicken. Dort lese ich Freud, erfasse an den langen Sommernachmittagen, daß unsere Zivilisierung Opfer von uns
fordert, die wesentliche Triebverzichte einschließen vor allem, was das Sexuelle angeht, ein aus dem Unbewußten herausragendes Geschenk unserer Kindheit, das wir wie eine Schleuse benutzen dürfen,
um uns übergroßen Drucks zu entledigen. Obwohl ich gelegentlich unwissend Triebentladung betreibe und inzwischen entjungfert bin, weiß ich nicht recht, was Sex ist.
Trotz ist ein tiefes Loch, in das man sich fallen läßt, um der Welt auszuweichen und es sie gleichzeitig wissen zu lassen, daß man ihr das Miteinander entzieht, und einmal drin, hat man große Mühe
wieder herauszukommen. Ich kenne die Pathologie des Trotzes gut von mir selbst. Man ermüdet an der Anstrengung, in die glatten Wände unseres Widerstands Dellen zu schlagen, die uns erlauben,
langsam wieder an die Oberfläche zu steigen. Mein Mann ist ein Meister des Trotzes. Doch nicht des Steigens. Er bleibt seelenruhig in seinem Loch sitzen und wartet, daß ich ein Seil hineinwerfe
und ihn hochziehe.
Von meiner zweiten Reise zurück, fand ich ihn wieder in schlechter Verfassung. Er fiel zweimal hin. Beim zweiten Mal rief ich den Notdienst der Feuerwehr an. Es war sieben Uhr morgens. Er saß auf
seinem linken Bein, das rechte war angewinkelt und er konnte sich nicht bewegen. Nette junge Männer halfen ihm auf. Es ist wie bei Edith, dachte ich. Jetzt oder nie, dachte ich. Ich ließ ihn ins
Krankenhaus nebenan bringen. Als sie ihn die Rampe zur Notaufnahme hochfuhren, erzählten sie mir, mein Mann hätte sein Leben lang in der Abwehr gearbeitet. Er gehörte noch immer dazu, hatte er
gesagt, zur CIA. Mein Gott, dachte ich, er ist wirklich wie Edith, macht sich eine Existenz zurecht, um von diesen Jungen Respekt zu bekommen. Ich fing an zu weinen. Er verschwand hinter einer
automatischen Glastür. Es war noch früh, neben mir saß nur ein Ehepaar, der Mann hatte sich den Fuß verstaucht. Ich ging durch die Schiebetür zu ihm.
You shouldn’t have done that, sagte er, als er mich sah. This is very very wrong.
And so? sagte ich. I should have left you on the floor?
I don’t want to be here, weinte er, you catch anything in hospitals.
Ich wollte von etwas anderem reden.
I told the guys I would dance with them tonight.
Es war der 13. Juli, der Vortag des Nationalfeiertags, an dem die Feuerwehr einen großen Ball veranstaltet.
They are all so good-looking, sagte ich.
Yes, aren’t they? sagte er.
Eine Ärztin kam und schickte mich in den Warteraum.
I’ll be back in an hour, rief ich ihm zu und ging nach Hause.
Als ich wiederkam, wurde ich in einen Raum gerufen, wo er noch immer auf der Tragbahre lag. Zwei Ärztinnen erklärten mir, sie hätten ein EKG gemacht und eine Blutuntersuchung. Er könnte jetzt nach
Hause gehen.
Was? sagte ich.
Ich weiß nicht, was mit ihm los ist, sagte ich, er fällt, und ich kann ihn nicht hochheben. Das muß doch einen Grund haben. Was soll ich denn machen, ganz alleine?
Hier können wir ihn nicht behalten, sagten sie. Er hat nichts. Herz ist in Ordnung, Blutwerte auch.
Aber er ist ein Alkoholiker, sagte ich, ich weiß nicht mehr weiter.
Don’t tell them our life, rief mein Mann dazwischen. Come on, let’s go.
Gut, dachte ich. Um Himmels willen. Er hat nichts. Es geht ihm blendend. Gute Blutwerte. Gutes Herz. Mit dem Rest muß ich allein fertig werden. Ich gab ihm den Arm, und wir schlichen über die
internen Krankenhausanlagen auf unser Wohnhaus zu, mein Mann wie immer, im Schlafanzug.
Dann kann ich zu meinen Freunden nach Südfrankreich fahren, dachte ich. Wenn ihm nichts fehlt, warum soll ich hier bleiben, in diesem schlechten Wetter.
Wouldn’t you like to come with me to the south, fragte ich ihn. Es gibt nicht weit von meinen Freunden, sagte ich, ein schönes Hotel, ein altes Schloß und davor steht die größte Zeder, die ich
jemals gesehen habe. Ihre Ausmaße sind unbeschreiblich, man kann sie nicht in einem Augenblick erfassen. Ich leihe ein Auto, wir gehen durch Orange und Avignon, setzen uns in Cafés unter den
Platanen.
Sounds good, sagte mein Mann.
Shall I go ahead, look into this? fragte ich.
Alright, sagte er.
Am nächsten Tag jedoch fuhr er mich an: Can’t you stop nagging me about this.
Ich fuhr allein.
Vom Süden rief ich meinen Mann jeden Tag an. Er weinte: It’s so cold, why can’t I have heat.
Did you eat? fragte ich.
I’m not hungry sagte er.
Undsoweiter.
Eines Abends teilte er mir mit, er hätte aufgehört zu trinken. Essen möchte er nicht, aber er bräuchte seine Getränke, Coca Cola und Canada Dry. Wann ich denn käme.
Und ich kam.
Er versank in Trotz. Sobald er mich sah, verzog sich sein Gesicht zu Bitterkeit und tiefem Groll. Er stürzte sich auf jedes offene Fenster, schlug es zu. Zwei elektrische Heizkörper liefen auf
Hochtouren. Er trug einen dicken irischen Pullover über seinem Nachthemd, hatte eine irische Fischermütze tief über seine ungewaschenen Haare gezogen. Er saß auf der Couch, gestützt von allen
Kissen des Hauses, eine rote Decke über den Beinen. Öffnete ich die Tür zum Wohnzimmer, schreckte er auf, stieß einen Schrei aus, versank wieder in mißmutige Abgeschlossenheit. Ging ich durch’s
Wohnzimmer, um einen Vorhang zuzuziehen, ein Buch zu suchen, stotterte er: What do you want?
Ich kam vom Einkaufen, er sagte: Don’t buy any more flowers. I’m allergic. Ich brachte ihm sein Abendessen. Er sagte: I can’t eat all that, aß zwei Gabelvoll, gab mir wortlos das Tablett zurück.
Traf ich ihn im Flur, wedelte er mich mit großen Handbewegungen beiseite. Jeden Tag wischte ich den Küchenboden, der klebrig war von den Lachen seiner süßen Getränke. Ich sprach ihn an, sssh,
sagte er, legte den Zeigefinger vor die Lippen und zeigte auf den Fernsehschirm.
Ich ließ ihn allein, auch abends zum Fernsehen ging ich nicht zu ihm.
Ich hatte abgelehnt, der Hausverwaltung einen Brief zu schreiben, in dem er sich in aller Deutlichkeit über die fehlende Heizung beklagte. Es war Ende Juli.
Auf der Straße traf ich Michèle, eine alte Bekannte, wie sie gerade auf dem Rad vorbeifuhr. Ihr unlängst gestrafftes Gesicht leuchtete auf als sie mich sah, sie stieg vom Rad.
Komm, sagte sie, ich lad dich zum Kaffee ein.
Ça va, toi? sagte jede von uns zur anderen.
Kommst du am Sonntag zum Mittagessen, sagte sie, wir essen auf der Terrasse, ich habe deine jungen Freunde eingeladen, meine Tochter macht Babysitting bei ihnen, sie sind charmant, beide, aber ihr
Kind ist immer so krank, das ist wirklich schade.
Wir setzten uns an einen Tisch.
Wie alt ist ihr Baby jetzt, fragte ich.
So alt wie mein Enkel, sagte sie, sechs Monate.
Michèle war die Schwiegermutter eines berühmten Stars geworden.
Siehst du den Kleinen ab und zu, fragte ich.
Einmal im Monat fahre ich zu ihnen, sagte sie. Beide drehen jetzt, mein Sohn ist in Deutschland.
Wie geht’s Deinem Mann, fragte sie. Auf einer Party hatte sie vor Jahren mit ihm getanzt.
Immer schlechter, sagte ich. Wie immer, nur schlechter. Es ist seine Laune. Nicht auszuhalten.
Ich habe gelesen, sagte sie, der Alkoholiker ist abhängig vom Alkohol, und sein Lebensgefährte ist vom Alkoholiker abhängig.
Wie das? fragte ich. Ich bin nicht von ihm abhängig, weil er trinkt. Er hat schließlich auch Qualitäten, oder hatte, zumindest.
Ich sag dir, du bist von ihm abhängig. Sonst hättest du ihn längst verlassen.
Aber ich will ihn nicht verlassen, sagte ich.
Ben, tu vois, sagte Michèle. Du bist von ihm abhängig.
Aber das ist meine Entscheidung, sagte ich, in aller Freiheit getroffen.
Ben voilà, sagte Michèle. Ich habe noch letztens zwei Filme gesehen, sagte sie, die dieses Thema behandelten. In dem einen hört der Mann auf zu trinken und sie verläßt ihn.
Oh, sagte ich, und ich habe lange Perioden von Nichttrinken mit meinem Mann erlebt und ihn nicht verlassen. Außerdem, Abhängigkeiten bestehen in jeder Art von Beziehung, auch in den sogenannten
normalen.
Michèles Gesicht verschloß sich.
Tu ne veux pas comprendre, sagte sie streng.
Ja, wieso, sagte ich. Er ist krank. Hinfällig. Im wahrsten Sinn des Wortes. Es geht gegen mein Empfinden, eine kranke Person allein zu lassen. Doch davon abgesehen, ich bin von ihm in keiner Weise
eingeschränkt. Ich mache was ich will.
Und er behandelt dich wie Dreck, sagte sie.
Aber ich fühle mich nicht wie Dreck, sagte ich. Glaub nicht, daß ich ihm alles durchgehen lasse. Letztens noch, da fing er wieder an, ich wäre nur wegen seines Geldes bei ihm, wartete, daß er
abkratzte, dann würde ich mir alles unter den Nagel reißen. Ach, habe ich ihm da gesagt, wenn’s das wäre, dann wäre ich schon lange weg. Erstens ist nicht viel übrig von deinem Geld, und zweitens,
ich habe alle Unterschriften von dir bekommen. Wenn ich wollte, könnte ich nehmen, was noch übrig ist und damit verschwinden. Was, sagte er ganz erstaunt, das habe ich getan. Ich habe dir alle
Vollmachten gegeben? Siehst du? sagte ich zu Michèle. Jeder erzählt mir, wie hältst du das aus, warum verläßt du ihn nicht. Ich lebe einfach weiter mit ihm. Das ist alles.
Oui, oui, oui, sagte Michèle ungeduldig. Das gehört alles dazu.
Sie stand auf. Du willst einfach nicht verstehen, sagte sie, ihr Gesicht zur Maske erstarrt, ohne mich ansehen.
Wir gingen aus dem Café. Salut, riefen wir einander zu und gingen unserer Wege.
Wie Michèle, fahre auch ich mit dem Fahrrad auf den Straßen. Ich habe keine Angst. Wenn ich an nichts glaube, fühle ich doch intuitiv die Präsenz einer Art Weltvernunft, die, wenn richtig
verstanden und praktiziert, uns Menschen verbindet, uns in unserem instinktiven Verhalten leitet, da wo sie nicht von unseren vitalen Interessen überspielt wird. Ein sehr schmales Band nur ist es,
ein Hauch, ein Bild, ein Umriß auf unserer Bindehaut, ein Nervenstrang, der tief in uns hineinläuft. Eine innere, automatische Steuerungsanlage – vielleicht ein Rest tierischen Instinkts – die wir
aus dem Bewußtsein unseres Menschseins schöpfen. Ich fühle gewöhnlich den Blick dieser Weltvernunft auf mir, bewege mich vorsichtig in seinem Radius. Einige nennen es das Superego – diese innere
Schutzpolizei – doch das ist es nicht. Einzelne Worte waren immer unzureichend, die Dinge der Welt zu beschreiben, weswegen wir die Poesie erfanden, die zwischen den Assoziationsfasern unseres
Kulturerbes herumkreuzt, wie der Segler, gegen den Druck der zu gewichtigen Wörter ankämpft, um sich dem zu nähern, was sich nicht in Sprache ausdrücken lässt.
Wenn ich mit dem Fahrrad auf den Straßen herumfahre, weiß ich wer ich bin. Ich fahre aus dem Square heraus, meinem kleinen Dorf, auf die Einbahnstraße, die uns mit dem großen Boulevard verbindet,
von wo es west- und ostwärts geht. Ich fahre in die Welt hinaus, wo ich, auf zwei Rädern balancierend, von tausend Gefahren bedroht bin. Mich empfängt ein Dickicht sich bewegenden Blechs,
verdichtet mit Abgasen, Lärm, Erschütterungen. Ich schlängele mich zwischen dem am Straßenrand, manchmal in doppelter Reihe, abgestellten und dem auf der Chaussee von kleinen, unbekannten Gehirnen
gesteuerten Blech hindurch. Mein Adrenalinspiegel steigt. Eine Hand, die den Blinker nach rechts hätte einschalten sollen, hält gerade ein Telefon, die Welt ist so voller Probleme, die immer
diskutiert werden müssen, was ist da der Schatten eines Radfahrers? Ich werfe die berühmten toter-Winkel-Blicke, die ich beim Autofahren gelernt habe, um nicht dem Zufall ein Blutopfer zu bringen.
Schreckensbilder sind immer nahe: von rohem Blech aufgerissener Körper, aus dem das Grauen quillt.
Auf der Skala der Weltordnung bin ich zwar ein real Seiendes, habe jedoch keinen Schutzapparat mitbekommen. Ich bin offen jedem Angriff, jeder Gedankenlosigkeit, jeder Grausamkeit, jeder
Verwegenheit. Meine Verletzlichkeit ist allen sichtbar. Nur mein klarer Kopf, meine fünf Sinne können mich retten, und das Stäubchen dieser Weltvernunft, die ich in uns allen vermute.
In ihrem Schutz bewege ich mich mit größter Selbstverständlichkeit. Ich fahre Rad, als sei ich ein Auto. Ich erzwinge das, was mir rechtens zusteht, nötige den Blechbewohnern unter Einhaltung
aller gegebenen Regeln meine Gegenwart auf, in einer Weise, mit entsprechenden Handzeichen, einschränkend, richtunggebend, mit entsprechendem Lächeln und Nicken, komplizenhaft, freundlich,
dankend, damit ich als Radindividuum nicht nur erkannt, sondern auch respektiert werde.
Michèle hatte nicht ganz unrecht. Für mich, die immer im Kindheitstrauma verstrickt, taumelnd wie eine Trunkene, Leidvolle nach einem Beschützer suchte, dem mütterlichen Vater, der gibt und nicht
fordert, wohl wissend, daß diese Legierung nicht hergestellt wird, war mein Mann der notwendige Punkt auf den mein Leben zulaufen mußte. Er, der schizoïde Alkoholiker verkörperte in der
Familienkonstellation, in der ich aufwuchs, beide, den Vater, der die Frau gering achtete, die Mutter mit Berührungsängsten, die mich mit Liebesentzug und schlechter Laune manipulierte, deren
beider Gunst ich nie würde erringen können, so war er eine Art Medizin für mich, eine durchzulebende Therapie, denn es blieb mir nichts übrig, als mich endlich zu befreien – von allen, von allem,
vor allem vom Zwang, meine Existenz als anderen gefälliges Wesen mit dem höchsten Preis der Selbstzufriedenheit, der Selbstbefriedung, der Selbsteinfriedung zu führen.
Meine Karriere als Frau fängt in Paris an. Mit achtzehn lief ich eines Tages voller Angst vor meinem Vater davon. Es war Anfang Dezember, an einem nachttiefen Abend, ich stand am Weg, der zur
Schule führt, mit zwei jungen Männern, wir redeten köstliche Belanglosigkeiten, da hörte ich unter den Eichen das unverkennbare Räuspern meines Vaters, der sich uns näherte. Im Nu waren wir
auseinandergestoben, nie, nie durfte er erfahren, daß ich die Liebe wollte. Diese war etwas Unausprechliches, eine schmutzige Sache, verboten, eine große Sünde.
In Paris, ganz allein, werde ich einundzwanzig. Von der Wohnung meiner au-pair-Familie aus erreiche ich Saint-Germain-des-Prés in zehn Minuten, in einer Viertelstunde das Quartier Latin. Das sind
die Mittelpunkte von Paris, wo alles Wichtige passiert. Bis zum Café Les Deux Magots, „Centre intellectuel du monde“, wie es auf dem Kassenzettel steht, ist es nur ein Katzensprung. Daneben ist
ein Buchladen und um die Ecke befindet sich der Club Saint-Germain, in dem Juliette Greco ihre ersten Lieder sang, gegenüber das Café Flore, wo während der Kriegsjahre de Beauvoir und Sartre ihre
Kladden vollschrieben, weil es dort einen Ofen gab. Auf der gegenüberliegenden Seite des Boulevard Saint-Germain, an der Ecke zur rue de Rennes war damals das Café Royal, bevor es viele Jahre zum
Drugstore wurde, wo ich später ab und zu zu Abend aß und im Keller nach Büchern stöberte.
Auch die Schule ist zu Fuß zu erreichen. Ich bin eine gleichgültige Schülerin. Viel wichtiger ist es, den Boul’Mich auf und ab zu gehen, das Viertel um die Sorbonne zu erforschen. Über den
Boul’Mich kann man nicht eilen, er ist die Straße des Flanierens, der Zerstreuung. Noch gesäumt von hundertjährigen Platanen, ist die Straße voller Cafés, Buchhandlungen, Schulen, Kinos,
Restaurants, alle bedeutend und gewichtig von der Schrift der Geschichte. Unter den schattigen Platanen geht die Jugend der Welt auf und ab, spazieren die Glückssucher, die Einsamen, die
Abstauber, die Liebeshungrigen, die Armen, die Reichen. Die Straße der tausend Möglichkeiten. Die junge Studentin, von wo immer sie kommt, geht erst auf den Boul’Mich. Sie stellt sich aus, stellt
sich dar, mit ihren unschuldigen, großen Augen, ihrem schüchternen Blick. Sie fühlt die unverfrorenen Blicke der Männer auf sich, bewegt sich wie eine Puppe, sie ist auf einer Show, einem
Jahrmarkt. Sie setzt sich in ein Café, versucht gelangweilt wie jedermann auszusehen, ihre Augen fliegen nach links und rechts. Sie bleibt nicht lange allein.
V. Yankilevsky, Auf der Straße, Zinkradierung, 1972
In einer mittelalterlichen Seitengasse, über die sich an jeder Seite hohe schiefe Häuser lehnen, gehe ich manchmal abends in einen Jazzkeller. Eine rauhe, enge Steintreppe windet sich in eine
niedrige Kellerhöhle, unübersichtlich in einer Melasse von Zigarettenrauch, dicht an dicht sitzt man an rohen Holztischen. Einige Paare tanzen den Bebop, werfen einander über die Schulter. Hier
treffe ich den Mann, der mich zur Frau macht. Ein Deutscher. Wir reden, trinken, er ist groß und mager, ein wenig ungelenk, wissendes Gesicht. Er gehört zum Viertel. Ich gehe mit in sein Zimmer
gegenüber. Ich weiß, daß etwas geschehen wird, will es, will endlich wissen. Das Haus, in dem er wohnt, ist das andere Paris, das der Bohème gehört, den Poeten, den Faulenzern, den Studenten.
Enger Eingang, Jahrhunderte alte Ablage des Lebens, die eins mit dem schmutzigen Stein geworden ist, steile, sich windende Treppe in eine kleine Wohnung. Gefühl von Unwirklichkeit. Was ist es, das
hier in der Dunkelheit auf diesem armen, unordentlichen Lager passiert? Ein Stück Haut wird in mir zerrissen, eine Linie unwiderbringlich überschritten. Da ist Blut, natürlich, das mir an den
Schenkeln klebt, und dieser keuchende Mann auf mir. Er weist mich zum Badezimmer, ich ziehe mich an und gehe nach Hause, steige die fünf Etagen über die Hintertreppe in mein Zimmer. Ich denke: Bin
ich jetzt jemand anderes?
Vor einiger Zeit zog ich auf Bitte meines Mannes alle Bücher von Cioran aus der Bücherwand. Es waren über zehn, ein ganzer Stapel. Er wollte sie in seiner Reichweite liegen haben. Er studierte sie
mit großer Konzentration, markierte Stellen mit einem roten Stift. Seiner Meinung nach schreibt Cioran das beste, reinste Französisch dieses Jahrhunderts. Vielleicht schlägt Ciorans scharfer
Griffel eine Saite in ihm an, die nebulöse Bitterkeit des Lebens, oder die andere: Was mir an den Hitleranhängern gefällt, schrieb er 1934, ist der Kult des Irrationalen. Mein Mann hat dem
Irrationalen freien Einzug zu sich gegeben. Er hat viele verschiedene Gesichter, keines ist absolut und für immer. Die an ihm wahrgenommenen Eigenschaften sind widersprüchlich, er widerspricht
sich selber am meisten. Er hat ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Realität, deren Grenzen er immer wieder erprobt und versteht sich, auch an mir. Daß er das von sich weiß, ist eine weitere und
die beste Rechtfertigung, seiner jeweiligen Verfassung uneingeschränkt Raum zu geben. Vielleicht hat er Recht. Konnte er je sein eigenes Problem mit allen seinen gewaltigen Verstandeskräften
rational lösen?
Ich versuche, mich dem Irrationalen, so weit ich kann, zu verweigern. Ich weiß, daß unser reales Bewußtsein nur einen kleinen Teil dessen ausmacht, was wir sind und will mich nicht etwas
übereignen, das aus Tiefen kommt, die sich nicht nur meiner Kontrolle, auch meines Verständnisses, sogar meiner Kenntnis entziehen. Ich versuche mich dem zu stellen, das direkt auf mich zukommt.
So ging ich daran, die Lebensumstände meines Mannes noch einmal zu ändern. Zuerst kaufte ich neue elektrische Heizkörper, einen für sein Schlafzimmer, den zweiten für das andere Ende unseres
schlauchartigen Wohnraumes, dort wo unser Nicht-mehr-Eßzimmer sich befindet. Dann ging ich in die Möbelabteilung des Bazar de l’Hôtel de Ville, aus dem ein großer Teil unseres Hausstands stammt,
und setzte mich in ein paar dick ledergepolsterte Sessel mit Armstützen, auf denen man sich unter leichtestem Druck bestimmter Teile seiner Anatomie in seiner ganzen Länge ausstrecken kann. Dann
erstattete ich meinem Mann Bericht. Er wurde vorübergehend freundlich. Seitdem er seinen Schwager Tom, der ein unwissendliches Genie ist – er kann jedes noch so komplizierte Rechenproblem
sekundenschnell in seinem Kopf lösen, ist dabei aber immer ein bescheidener Handelsvertreter geblieben – in Sandusky, Ohio seine verfügbare Zeit in einem solchen Stuhl in der Halbdämmerung seines
Fernsehschirms verbringen sah, träumt mein Mann davon, diesen Stuhl zu besitzen und in ihm zu ruhen. Der Moment war gekommen. Als der Lehnstuhl geliefert wurde, stellte ich die zwei Tische an jede
seiner Längsseiten, um meinem Mann einen leichten Zugang zu allem ihm Notwendigen zu geben. Ich änderte die ganze Topographie des Wohnzimmers, das jetzt nur zu seiner ganz privaten Nutznießung
eingerichtet ist. Denn für die alte Couch war kein Platz da; ich verschenkte sie an die tunesischen Anlieferer. Und so ist dort kein gemütliches Plätzchen mehr für mich. Wenn ich mit meinem Mann
fernsehen will, muß ich mit einem der harten Stühle vorlieb nehmen, den ich vorübergehend in die Zimmerecke vor eine der kleinfenstrigen Türen stelle.
Um den neuen Sessel einzuweihen, war mein Mann gewillt, ein Bad zu nehmen. Wenn ich das Bad für meinen Mann vorbereite, mich neben seinem nackten Körper, aufgedunsen, cremig, teigig, zu schaffen
mache, die Saugnäpfchen seiner Gummimatte auf dem Boden der Wanne festdrücke, mich zum Abfluß beuge, in den ich den Gummistöpsel stecke bevor ich das Wasser einlaufen lasse, komme ich mir sehr
jung und lebendig vor. Und stark. Mein Mann lehnt sich mit seinem ganzen Gewicht auf meinen gebeugten Rücken, keucht: lift my foot up over the rim, und ich nehme seinen Fuß, knicke ihn gegen
seinen Schenkel und transportiere ihn über den Rand der Badewanne ins Wasser. Wenn er da erst einmal ist, kann er den anderen leicht nachheben, weil dieser weniger unbeweglich ist. Dann hält er
sich an der Armatur fest, um sich in die Wanne zu senken. Wenn er raussteigt, läuft die ganze Prozedur umgekehrt ab. Er zittert am ganzen Körper vor Angst hinzufallen, seine Hände zucken
hysterisch hin und her. Sobald er auf festem Boden steht, verziehe ich mich.
Diesmal war ich geschockt. Man redet davon „eine Tragweite erkennen“. Eigentlich ein seemännischer Ausdruck, sagt der Duden, um die Entfernung zu bestimmen, in der ein Licht noch zu erkennen ist.
Auf den tiefen, dunklen Seen unseres Lebens, allein mit dem nächtlich bestirnten Himmel über uns, segeln wir nur ab und zu im Schutz eines Lichts, das uns Richtung gibt. Das ist eine gute
Beschreibung dessen, was ich fühlte. Ich sah: es war so. Mein Mann konnte nicht anders, er war behindert, außen und innen. Er war ein Ekelpaket, aber er zitterte auch vor Angst. Es hatte gar
nichts mit mir zu tun. Ich würde seinen Geruch ertragen. Ich würde sein Bett öfter beziehen. Ich würde nicht mehr vom Waschen reden. Es war das Licht der Wahrheit, das ich sah, ohne Ressentiment,
das mich anwies, dem ich folgen würde.
Danach wurde das Wetter endlich sommerlich warm, wenn nicht heiß. Noch eine Woche harrte mein Mann in seinem Trotz aus. Ich weiß, er mag es nicht, wenn er mir etwas verdankt. Eines Tages jedoch
sagte er, I feel well in this chair. Und danach wurde er zu dem Mann, den ich liebte. Seine extreme Empfindlichkeit ließ nach, er war zur Selbstironie fähig, er ließ mich auf meine Art leben, er
akzeptierte Einwände, Einwürfe, Meinungen, Witzeleien. Unsere ironischen Kommentare während der Nachrichten flogen nur so hin und her. Ich brachte ihn zum Lachen. Chériechérie nannte er mich, mit
rollendem amerikanischen ,ahr’. Wie im Märchen: aus der bösen Fee hatte ich mich für ihn in eine gute verwandelt.
May kam zu Besuch.
Als mein Mann seine highschool in Kalifornien hinter sich gebracht hatte, zog seine Familie zurück in den Osten, nach New Jersey, gegenüber der Felslandschaft von Manhattan. Seine College-Jahre
verbrachte er bei den Christian Brothers, einem irischen Ordens, danach studierte er an der New York University in Downtown. Zuerst fuhr er täglich über eine der Brücken in den Norden der Bronx,
wo das College sich befand. Doch dann suchte er sich eine kleine Wohnung in Greenwich Village, wo die amerikanische Bohème und Intelligenz sich herumtreibt.
Er fand drei Freunde. Sie wurden die Unzertrennlichen, ein Quartett, helle nervöse Stimmen, dunkle melancholische. Der von allen bewunderte war Walter, der Jude. Er diskutierte Nietzsche mit
meinem Mann, die alten Griechen, die Kirchenväter, er beeinflusste ihn tief. Später wurde er ein profilierter, politischer Kommentator, der jedoch für die amerikanische Mehrheit zu unverdaulich
und ehrlich war. Er starb früh, aus Versehen, im Krankenhaus hatte man ihn falsch behandelt. Mein Mann weinte tagelang. Da war Marvin, auch Jude, der Mathematik studierte. Und die zwei Iren,
Charlie und mein Mann, die beide Journalisten wurden. Alle vier waren Genies, oder wie sie glaubten. Wie sie sich aufführten. Die sich, hoch neurotisch alle, weit über das Niveau ihrer
kleinbürgerlichen Familien erhoben. Die Intelligenz wuchs quasi pflanzenartig aus ihnen heraus, wie auf den Zeichnungen von Saul Steinberg: reiche Gewächse von schön gedrehten Sätzen, tief
gefurchten Gedanken, hoch gewölbten Überzeugungen, die ganze Räume, die Parks und Cafés und Bars füllten, unverständlich allen Außenstehenden. Ihre Freundschaft war so tief wie Freundschaften in
dem Alter sein können: sie war für immer, kannte keine Grenzen und war voll Eifersucht gegenüber den Frauen, die sich der eine oder andere nahm. Marvin wollte May heiraten. May war eine japanische
Zwergin, ihr Rückgrat hatte sich aus ihrem Rücken herausgekrümmt. Niemand wußte, warum jemand eine japanische Zwergin heiraten wollte. Als Marvin sich zum Flugzeug nach Seattle aufmachte, wo Mays
Familie wohnte, um sie dort zu heiraten, vereitelte mein Mann seinen Abflug, machte ihn betrunken. Natürlich kam die Ehe trotzdem zustande. May war eine tüchtige Frau. Sie studierte Anthropologie,
Hauptgebiet Kambodscha, wo sie lange Zeit im Urwald zubrachte. Sie wurde Professorin an einer New Yorker Universität, die Regierung in Washington zog sie zu Rat. Ihr kleiner Schoß gebar zwei
Kinder, normale, gut aussehende Jungen. Marvins Mutter kam heimlich zu ihr, um die Kinder zu sehen. Marvin jedoch schien nur auf sie gewartet zu haben, die Frau, die sich für ihn aufopferte, ihn
bemutterte. Er war kurze Zeit Mathematiklehrer, dann verließ er alle Verpflichtungen, lebte nur seinen Interessen und ließ sich langsam erblinden. Da kam etwas zutage, was May nicht vermutet
hatte. Endlich sagte er ihr die Wahrheit: you horrible dwarf. Aber wie konnte May diesen hilflosen Mann verlassen.
Im Herbst 1986 kam May zu einem Anthropologenkongress nach Paris. Sie rief meinen Mann an, fragte, kann ich bei dir wohnen, ja sicher, sagte mein Mann, holte sie mit dem Taxi am Flughafen ab. So
lernte ich May kennen. Eine Frau, die mir bis zur Hüfte reichte, kam mir entgegen, reichte mir die Hand. Ein gutes, festes Gesicht, umrahmt von schwarzen Haaren auf einem kurzen Rumpf, schöne
Hände mit langen schlanken Fingern. Sie schlief auf meiner ausziehbaren Couch im Wohnzimmer, ein kleiner dunkler Punkt in dem großen Quadrat meines roten Bettes, schon damals war mein Bettzeug
rot. Ich ging mit ihr durch die Straßen unseres Viertels, immer wieder erstaunt, mich herabzubeugen und dieses ernste, gute Gesicht zu finden, das herzlich lächeln konnte. Nicht ein Wort wurde
jemals über die Schwere ihres Lebens verloren. Doch! von ihrem Mann redete sie. Er hatte ihr wehgetan. Es war wie überall, wie in jedem Frauenleben.
Mehr als ein Ort ist Paris eine Vorstellung, die sich in unseren Köpfen zusammengestückt hat aus dem Blut der Lebenden, das in der Stadt pulsierte, unendliche Ströme davon; der Herzen, die in ihr
schlugen, unzählbare; der Köpfe, die sich in ihr bewegten, die sie bewegten. Paris ist ein Gehäuse mit vielen Stuben, wo alles Denkbare zu Hause ist; ein Nervensystem, dessen Ausläufer den Globus
umstricken. Den Pariser an sich gibt es nicht, jedoch kann man zu einem werden, wenn man sich der Stadt unterwirft. Sich ihrer bedient, ihrer nicht endenden Möglichkeiten, man zu ihrer Vielfalt
beiträgt. Nur in der Hingabe an den tiefen Traum ihrer immer wieder zu entdeckenden Schönheiten ist der Geist fähig, diese Stadt zu fassen, im Moment, wenn seine Imagination ihn auf ihren
Schwingen in die alten Räume des Gewesenen trägt.
Ohne den Glanz der Geschichte, ohne die Attraktion der offenen Möglichkeiten wäre die Stadt nicht auszuhalten, denn sie zerstört das Individuum ebenso wie sie es fördert.
Doch nun ist das Individuum dabei, die Stadt zu zerstören.
Was ist vom alten Paris mehr übrig als die vielgeflickten, urinberinselten, schiefergrauen Bürgersteige, an deren Rand das Wasser hüpft, das den Schmutz des Tages wegträgt, unverkennbar für diese
Stadt, so wie das Licht, das die Gebäude der Stadt umspült, nur hier existiert.
Erinnert sich jemand, wie Proust das schräge Sonnenlicht beschreibt, das in mattem Altgold die schwarzen Streben seines Balkons am boulevard Haussmann streichelt und Schatten auf den Boden des
Balkons malt? Nun grellt uns die Stadt auch ohne Sonnenschein aggressiv an: nicht nur sind die Wohnungen, wo Familien lebten und starben, Menschen Sicherheit fanden, zu Büros geworden, Stätten der
Unruhe, des Kampfes, außen hat man den Sandstein gescheuert und poliert, daß alle Tiefe verschwand, Tiefe der Geschichte und Tiefe der Perspektive, Tiefe der Empfindung. Denn was kann ein Besucher
jetzt noch sagen als „wie schön“, als sei er auf einer Disney Show, wo alles nagelneu ihm entgegenblitzt. Und der Pariser ist dabei auszusterben, in den letzten dreißig Jahren ist die
Einwohnerzahl um ein Drittel zurückgegangen.
In der Verflachung der Perspektiven, der Lebenserwartungen, der Geschichte, der Talente ist Paris ein Opfer der Modernität geworden, ohne den ganz eigenen Charakter, der mich vor vierzig Jahren
faszinierte.
Im August 1961 besucht mich meine frühere Flamme, Rosl, in Paris. Am 13. dieses Monats hören wir am Radio, daß in Ostberlin eine Mauer hochgezogen wird, die Ost von West trennen soll. Ich bin
betroffen, doch haben meine Schwerpunkte sich verlagert. Politik interessiert mich nicht, und die deutsche ist weit weg, ist Teil einer Welt, wo ich nicht mehr bin. Ich gehöre schon dieser Stadt,
meine erste Liebe ist noch tastend, zögernd, doch hat sie Macht über mich.
Nach meiner Defloration treffe ich zwei andere Männer. Jeder läßt mir ein kleines Erbe, schenkt mir Momente der Liebe. Einen treffe ich auf der Terasse eines Cafés auf dem Boul’Mich. Er ist ein
intellektueller Araber, er nimmt mich mit an die Quais, kauft mir die gelben Ausgaben der Gedichte von Rimbaud und Baudelaire, deren Seiten man aufschneiden muß, er erklärt mir die Bedeutung des
Vert Galant, der nicht weit weg die Seine hinaufblickt, bringt mir wichtige Wörter der französischen Sprache bei. Am 13. Juli stehen wir vor den Invalides und heben entzückt den Kopf zum Feuerwerk
über uns. Das erste Mal hat ein Mann seine Hand auf meine Schulter gelegt, bezeugt mir eine kurze Zugehörigkeit. Der zweite ist ein Pariser, sein Vater gehört zum Kreis um Prévert und Jean Renoir,
seine wimpernbeschatteten dunklen Augen blicken melancholisch, wenn er mir etwas vorsingt und dazu auf der Gitarre spielt. Ich sehe zum ersten Mal ein erigiertes männliches Glied und denke an mein
Friedhofsgespräch. Ich frage ihn: oui, sagt er zu dem dummen Dorfmädchen neben sich im Bett, c’est dur, tu sais ce que c’est, dur? C’est ça, dur, und er klopft an die Wand.
Eines Tages sitze ich im Café Royal, gegenüber den Deux Magots, habe mir gerade „Die Zeit“ gekauft. Neben mir zeichnet ein alter, bärtiger Mann, was er vor sich sieht: Die Kirche, das berühmte
Café, die Leute. Wir reden miteinander. Er ist Ungar und gibt mir eine Frankreich-Lektion, die ich hinterher aufschreibe, so erstaunt sie mich. Nein, er würde mir nicht raten, für immer in Paris
zu bleiben. Die Franzosen wären arm, sagt er, die Wohnungen hinter den schönen Häuserfassaden sehr bescheiden, noch nie hätte er einen reichen Franzosen getroffen. Den Bauern ging es schlecht, die
Industrie war nicht viel besser dran. Als ein südliches Volk waren die Franzosen nicht so kräftig wie die Deutschen, könnten nicht so hart arbeiten. Daher rührten ihre charakterlichen Schwächen.
Sie führten ihre Existenz mit Mitteln, die einen abstießen, waren unfreundlich, sagten nie „merci“, waren Lügner und Angeber. Sein Schwiegersohn war Arzt und Franzose, und damit hätte er alles
gesagt. Im Grund hätte Frankreich sich nie von den napoleonischen Kriegen erholt, sagt er, als Generationen auf den europäischen Schlachtfeldern blieben. Jetzt herrschte auch hier praktisch das
Proletariat. Wieso Leuten das Wahlrecht geben, die doch nur wiederholten, was die Herren Zeitungsschreiber ihnen auftischten. Fazit: weil die Franzosen arm waren, konnten sie nicht gut sein.
Ende August verlasse ich meine Familie, Madame verscheucht mich mit ihren dummen, gegenstandslosen Anschuldigungen. Eine Megäre, und ich fühle, es hat mit ihrem Mann zu tun. Die Gymnastik im Bett
wäre leider nichts mehr für sie, ich sollte es nicht mit ihrem Mann versuchen. Meine Klassenkameradin und ihre Familie in Anthony nehmen mich auf. Sie wohnen in einem Einfamilienhaus, einem
typischen „pavillon de banlieue“, umgeben von einem kleinen Garten. Zuerst ist die Familie nicht da, und ich bewege mich frei im Haus. Dieses sieht nicht viel anders aus, als das des Arztes an der
Loire. Um das Badezimmer benutzen zu können, räume ich es eines Tages auf und putze es. Das Wohnzimmer ist ein großer unordentlicher Raum voll schäbiger Möbel und Teppiche. Doch es gibt einen
Plattenspieler. Ich höre zwei Platten immer wieder, Yves Montand, der alte französische Lieder singt und Debussy, „Prélude à l’après-midi d’un faune“. Hier stehe ich in diesem großen Raum, der die
ganze Breite des Hauses einnimmt, das helle Licht kommt von mehreren Seiten, neben dem staubbedeckten Grammophon, ich puste kurz auf die Schallplatte bevor ich sie auflege, dann singt Frankreich
seine traurigen Lieder vom König, der aus dem Kampf zurückkommt, um zu Hause zu sterben, von der unschuldigen Liebe auf den Stufen des Palastes, die Bitte des Deserteurs, nicht seiner Mutter zu
sagen, er sei hingerichtet worden, das Partisanenlied aus dem 2. Weltkrieg, das mich zum Weinen bringt, weil hinter dem traurigen Lied das Soldatengetrampel der deutschen Besatzer zu hören ist,
denn damals war die Welt noch schwarz-weiß, und ich gehörte zur anderen Seite, hatte jeden Abend dem Herrn Hitler an der Wand Gute Nacht gesagt. Wenn ich Debussy auflege, höre ich die Verlockung
des unbekannten Landes um mich herum, das langsame Gleiten der Flöte das Vorspiel zum mysteriösen Leben, das ich nur zu ergreifen brauche um darin einzutauchen.
Paris hat mich für immer von etwas weggebrochen, nicht ganz und gar und nicht sofort, aber doch sehr radikal. Es hat mich zu mir selbst geführt, von einer gewichtigen Idealität weg zum schönen
Augenblick, von der Starrheit der Konvention in eine Freiheit des Denkens und Fühlens, von einer lastenden Tradition in das Offene neuer Lebensbereiche, von der Enge meiner Möglichkeiten in die
beängstigende Helle des Unbegrenzten und der Ungewißheit.
Zuerst jedoch fahre ich wieder zu meinen Eltern in das kleine Dorf in der Norddeutschen Tiefebene, dorthin, wo das ist, was ich meine Heimat nenne. Vergebens versuche ich meiner Familie meine
neuen Kenntnisse im französischen Kochen vorzustellen, jeder macht sich über mich lustig. Dann muß ich zu meinem Entsetzen und meiner Scham zu einem Frauenarzt: ich habe in Paris etwas
„aufgeschnappt“, auf der Toilette, wie man höflich sagt. Und mein Vater besorgt mir einen Mathematiklehrer für den zweiten Teil meiner zusätzlichen Abiturprüfung. Er findet ihn in meiner alten
Schule, in unserer Kreisstadt, in die ich zweimal in der Woche nachmittags mit dem Bus fahre, in einer leeren Klasse sitze. Vor mir an der Tafel steht ein sehr junger rothaariger Mann und malt die
Tafel voll unverständlicher Formeln. Ich bin in meine alte, wortlose Dumpfheit, die voller Angst ist, zurückgefallen: ich wage nicht zu sagen, daß ich nichts verstehe. Von den drei
Schulkameradinnen in meiner alten Internatsstadt weiß ich, daß sie beim Lehrer des Gymnasiums Unterricht nehmen und jeden Nachmittag zusammensitzen und pauken, aber mein Vater will mich nicht mehr
aus dem Haus lassen, es hatte sowieso schon alles zu viel Geld gekostet, denn, nicht wahr, er wußte seit jeher, aus mir würde nichts. Ich lebe einsame, eisige Wochen und Monate, laufe durch mein
altes Leben, in das ich nicht mehr hineinpasse, fahre mit dem Bus hin und her; zum Lernen sitze ich, mir immer seiner Gegenwart bewußt, im Zimmer meines Vaters, denn in meinem Schlafzimmer ist
kein Tisch, die zwei anderen Schlafzimmer sind von meinen Schwestern bewohnt.
So kam es wie es kam: in Mathematik falle ich durch die Prüfung. Ich hatte es erwartet und auf mich zukommen sehen, war jedoch unfähig es abzuwehren; wie in einem schlimmen Traum finde ich Kräfte
am Werk, die mich in der Unbeweglichkeit halten, starke Hände aus einer anderen Welt, die mich festhalten, ich bin ihnen ausgeliefert wie einem Urteil, das irgendwann über mich ausgesprochen
wurde. Als ich in der Schule, wo wir die Prüfung ablegen, das Ergebnis in Händen habe, schleiche ich aus der Stadt, stelle mich an die Straße und fahre per Anhalter in unser Dorf zurück. Das
Bodenlose hat sich vor mir aufgetan: jetzt ist alles egal. Ich verlasse endgültig meine Kindheit.
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