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Heute ging ich an meiner Vergangenheit vorbei. Ich wollte einer Bekannten, einer Frau in Südfrankreich, die ihre Kleidung selbst näht, Stoff für einen Rock kaufen und am Fuß der Sacré-Coeur,
fromage blanc, sagen die Pariser dazu, gibt es eine geschäftige kleine Ecke mit den günstigsten Stoffgeschäften von Paris. Ich nahm die Metrolinie 12 und stieg eine Viertelstunde später in
Abbesses aus, tief im Kalk- und Gipshügel von Montmartre, zischte die fünf Etagen mit dem modernen Fahrstuhl an die Erdoberfläche ins Viertel der Käuze, Bohème und Aussteiger, wo ich vor dreißig
Jahren wohnte. Am kleinen Platz mit den grün verschlungenen Schäften aus Gußeisen von Guimard ging die Marktstraße zuende, auf der ich täglich einkaufte, nicht weit weg lief ich mit meiner Hündin
abends den Hügel rauf und runter. Die Bilder in meinem Kopf sind nicht mehr mit den Straßen deckungsgleich. Ich ging auf verengten Bürgersteigen, weil auch hier das Auto herrscht, durch ein paar
kleine, fast provinzielle Straßen auf Sacré-Coeur zu, an dessen Fuß der Marché Saint-Pierre ist. Als ich meinen Stoff bezahlte, steckte ein älterer Mann meinen kleinen Ballen in eine Plastiktüte
und fing an, zu jedem und niemandem über die fünfte Symphonie von Mahler zu reden und ich blieb stehen und hörte ihm zu: wie Karajan diese Symphonie richtig dirigierte, im Gegensatz zu Bruno
Walter, der den vierten Satz viel zu schnell spielte, er holte über fünf Minuten dabei heraus, denn das war kein Adagio, sagte er, sondern ein Andagietto und Walter hatte einfach keinen Draht zu
Mahler, aber Karajan konnte einfach alles dirigieren, sogar Debussy, das hätte er den Franzosen so richtig gezeigt, als niemand Pelléas et Mélisande aufführte, kam Karajan her und zeigte den
Franzosen wie man das machte, das war in den Sechzigern, und wie er Schönberg aufführte, welche Leichtigkeit er ihm gab, während dieser doch recht schwer war.
Als ich zur Metrostation zurückging, waren Treppen und Rasen voller Menschen, die ihr Mittagsbrot verzehrten. Eine dunkelhäutige Zigeunerin zeigte allen eine entblößte, amputierte Schulter. Ich
bemerkte ein Blumengeschäft, in dem Herbstblumen angeboten wurden. Ich müßte meine Fleißigen Lieschen ersetzen, dachte ich und schlängelte mich durch Regale und blumenbesetzte Tische ins Innere.
Eine ältliche breite Frau mit Schürze kam aus dem Hinterzimmer. Ich kaufte Astern in kleinen Plastiktöpfen. Während die Frau sie in eine Plastiktasche senkte, sah ich in den großen Vogelkäfig, der
die hintere Wand einnahm und in dem bunte exotische Vögel hüpften. Die gehören meinem Mann, sagte die Frau. Ich mag Vögel nicht sehr, man kann nichts mit ihnen anfangen, kann sie nicht streicheln.
So? sagte ich. Ja, sagte sie, ich mag Fische lieber. Die kann man doch auch nicht auf den Arm nehmen und streicheln, sagte ich. Sagen Sie das nicht, erwiderte sie. Fische sind viel aufmerksamer
als Vögel, sie bemerken sofort unsere Gegenwart. Wenn ich den Raum mit dem Aquarium betrat, kamen sie sofort angeschwommen und begrüßten mich. Sie hoben den Kopf aus dem Wasser, damit ich sie mit
dem Finger streicheln konnte. Und dasselbe passierte, wenn ich sie fütterte, das Futter sackte auf den Grund bevor sie sich darüber her machten, zuerst mußte ich jedem über den Kopf streichen.
Fische sind unwahrscheinlich. Ich hatte einen, er hieß „combattant“, ein kleiner Fisch mit schönen Flossen, manchmal hielten wir ihm einen Spiegel hin, dann entfaltete er sich, er nahm seine
Kampfhaltung ein, dachte, er sähe einen Nebenbuhler. Einmal, das ist kein Fisch, aber atmet auch mit Kiemen, habe ich einen kleinen Krebs in einem See gefunden und mit nach Hause genommen. Ich
habe ihn vier Jahre behalten. Er war den ganzen Tag in einem Loch, das er sich am Grund buddelte und wenn ich zum Füttern kam, schwupp war er aus seinem Loch raus.
An der Métrostation Notre-Dame-des-Champs kam ich zurück in mein heutiges Leben, genau da wo ich meinen Mann vor fünfzehn Jahren jeden Abend Punkt elf abgeholt hatte, nachts waren die Straßen
menschenleer, nur gegenüber stand der blonde Transvestit, immer an derselben Stelle, wartete auf Kunden, es war mir als hörte ich meine Hündin kehlig aufheulen, sie lief auf ihn zu und grinste ihn
an, sobald sie seinen Kopf aus dem Schacht der Rolltreppe auftauchen sah, ich ging unsere alte Straße hoch, nach Osten zu, das Wetter war angenehm, die Straßen wimmelten von Schülern und
Studenten, es war der erste Schultag, die jungen Mädchen trugen ihre knackige Bräune in minimalen T-Shirts herum, die Terrasse des Eckcafés war voll, ich winkte einem Kellner hinter dem Tresen zu,
er hatte mir und meinem Mann abends unser Glas Wein serviert, links das Möbelgeschäft war ein Klamottengeschäft geworden, als wäre davon nicht die Straße voll, doch das Antiquitätengeschäft war
immer noch da, und drüben rechts das zurückgesetzte Haus mit Vorgarten, in dessen abgeschiedenem Hinterhof Ezra Pound in den zwanziger Jahren wohnte und quasi die moderne Poesie erfand, hatte
einen neuen Anstrich bekommen, links auf den Mauern des versteckten Gartens blühten noch immer die Geranien in neoklassischen Töpfen, weiter oben rechts das Modegeschäft der schwergesichtigen
Armenierin, die in unserem Hinterhaus wohnte und der ich eines ihrer Kleider abgekauft hatte, als mein Mann mich zum „Prix de Diane“ nach Chantilly ausführte, einen Hut mit Schleier trug ich dazu,
und das ich nur dieses eine Mal anzog und es danach im Nichts verschwand, weil es sich als zu ausgeschnitten herausstellte, was ich in der Euphorie des Kaufs nicht bemerkt hatte, dort hinter dem
Gitter der schöne Garten mit dem gotisch durchbrochenen Treppenhaus mußte aus der Zeit stammen, als es diese Straße schon lange gab, doch nicht den Boulevard dahinter, der erst um neunzehnhundert
gezogen und bebaut wurde, und im dritten Stock des Eckhauses, an dem zwei kurze Straßen vom Boulevard kommend zusammenlaufen, über dessen Tür der Bürgersinn der Belle Epoque füllige Putten gesetzt
hatte, eingerahmt von zwei prallen Karyatiden, die einen Balkon auf den Schultern tragen, wohnte früher der Ethnologe Dumézil, dessen staubige Bücherhöhle wir kurz vor seinem Tod im Fernsehen
während eines Interviews besichtigen konnten, diese großbürgerlichen Wohnungen sind von ungeheuren Ausmaßen, mit hohen verzierten Stuckdecken, Kaminen, knackendem Parkett, mit langen Fluren, um
einen engen Innenhof sich windend, wo kleine Küchen sich befinden, hier im zweiten Stock, über dem Reinigungsgeschäft, die Atelierwohnung unseres heutigen Bürgermeisters, wir waren ihm früher, als
er Minister war, manchmal begegnet wenn er in schwarzem Smoking mit lässig um den Hals geworfenem weißem Seidenschal von seinen Bodyguards zu seiner Limousine begleitet wurde, gegenüber, über die
Mauer der staatlichen Volksschule hinweg blühte jedes Jahr früh ein dunkelrosa Mandelbäumchen, und auf unser Haus zugehend, links an der Ecke war das von Arabern geführte teure
Lebenmittelgeschäft, in dem mein Mann der Einfachheit halber einkaufte, weil er bis Mitternacht offen und nicht weit weg war, doch das wurde anders, als ich bei ihm einzog, und am Tag als wir
heiraten, sagte mir der arabische Verkäufer mit Vorwurf in der Stimme, er hätte seine Frau heiraten müssen, ohne sie vorher gekannt, oder sie auch nur gesehen zu haben, jetzt war dort ein
piekfeines Versicherungsbüro, daneben der Eingang zu einer berühmten Privatschule, in deren inneren Schulhof wir von unserem Küchen- und Schlafzimmerfenster schauen konnten, jede Stunde stieg der
Pausenlärm zu uns hoch, und unter den gestutzten Linden konnte ich im Winter die roten Bänke des Innenhofs sehen, im Haus daneben die portugiesische Concierge, die für mich schneiderte, ewig saß
ich, wenn ich zu ihr ging, auf einem ihrer Küchenstühle der klitzekleinen Pförtnerloge im ranzigen Kochgeruch vieler Jahre, ich wartete auf eine Sprechpause, die es mir erlaubte mich zu
verabschieden, doch sie hörte nicht auf mir ihr Leben zu erzählen, ihr Mann war Alkoholiker, er arbeitete auf dem Bau und ihre Tochter studierte Jura an der Universität nebenan, hatte jedoch vor
ihrem letzten Examen einen jungen Offizier ihrer Heimat geheiratet, bekam gleich ein Kind, wurde sehr dick und war nicht mehr zufrieden, und endlich kam unser Haus mit den sinnlichen Wölbungen
seiner Balkone, man hatte es angestrichen, ich schaute nach oben wie vor vielen Jahren, unser Balkon war leer, als wir dort wohnten hing das Spalier voller Blüten.
Mein Mann macht mir das Leben schwer. Wir sind beide eingeschlossen in unser Eigenleben, ja besetzt von ihm, jeder für sich von seinem. Es ist kaum ersichtlich, wo wir uns befinden, wir könnten
ganz woanders sein als in Paris, die Stadt hat keine praktische Bedeutung mehr, auch in uns selbst geht jeder seiner Wege, da, wohin ihn seine Gespenster mitnehmen. Mein Mann sitzt in seinem neuen
Sessel, den ich mit einem bunten Tuch bedeckt habe, fest und sicher wie in der Hand Gottes und widmet sich der unendlichen Immobilität. Die jedoch bestückt ist mit einem Bewußtsein, das immer
schärfer und stärker auch die kleinsten Störungen, die das Leben ihm antun, vermerkt und mit großem Ärger kontert. Was ist los? fragt er mich, wenn ich ins Zimmer komme. Mein ganzes Tun wird in
Frage gestellt. Warum wäschst du andauernd? wenn die Waschmaschine läuft. Ist das ein Filetsteak? wenn ich ihm das Tablett mit dem Abendessen auf den Schoß stelle. Nein, sage ich, aber sehr gutes
Fleisch. Esse ich nicht, sagt er und läßt es liegen. Ich hole ihm Käse aus der Küche, um das Mahl abzuschließen. Das ist alter Käse, sagt er, er ist mir zu hart. Wenn er sich sein Eis in der Küche
holt, und ich bin dort gerade, sagt er, kannst du da mal rausgehen. Schließlich ist das meine Küche. Gehst du heute aus? fragt er jeden Morgen, gehst du am Kiosk vorbei? Was ist das für ein Krach?
Was machst du da in der Küche? fragt er. Warum knallen alle Türen? Ist da irgendwo ein Fenster offen? schreit er. Warum bist du immer im Badezimmer, wenn ich rein will? sagt er. Kann ich an den
Computer? fragt er.
Er ist während einer meiner Abwesenheiten zum Computerfreak geworden. Am Telefon habe ich ihm eines Tages erklärt, wie man Bücher bestellt, jetzt kommen laufend Bücher mit der Post von Amazon.
Wenn er vor dem Computer sitzt, ist er erstmal da und ich muß woanders hingehen. Er redet ununterbrochen, sein Mitteilungsdrang ist unermeßlich. Ich bräuchte nur dazusitzen und ihm zuzuhören,
Stunden, Tage. Wenn ich mich nach einer Unendlichkeit erhebe und sage, ich mach mal was zu essen, oder, ich geh jetzt ins Bett, erwidert er: Kannst du mich nicht ein einziges Mal zuende anhören?
Er ist ein Invalide, sage ich mir, er ist allein, sein Bewußtsein irrt ausweglos in seinem enormen Wissen herum, ohne Ventil, ohne Betätigungsfeld. Er platzt vor Kenntnissen und Einsichten. Sobald
er anfängt, mit mir zu reden, habe ich nur den einen Gedanken, mich so schnell wie möglich davonzumachen, aber da ist nirgends auch nur die kleinste Denk- oder Atempause. Er schaut mich an, er
bettelt um Aufmerksamkeit, seine Worte wollen mich umranken, gefangen nehmen, seine Gedanken verlaufen sich auf Seitenwege, Abzweigungen, orientieren sich neu. Ich darf keine Einwürfe machen, dann
redet er mit erhobener Stimme gegen mich an, folgt den Mäandern seiner Überlegungen, die sich im Irrgarten seines Wissen zu verlieren scheinen.
Vor mir auf dem Tisch liegt das Totenbildchen, das allen am Friedhofsausgang in die Hand gedrückt wurde. Meine Mutter ist gestorben. Die Bedeutung dieses Wortes türmt sich noch so hoch vor mir
auf, daß ich es nicht erfassen kann. Auf dem Totenbildchen steht ihr Name, geboren, gestorben, also muß es so sein. Meine Schwester hat sie in den Tod begleitet, hat ihre Hand gehalten, als ihr
Atem sie nach und nach verließ. Sie war fast neunzig, wie ihre Mutter und ihre Großmutter. Als ihr Sterben anfing, ging es sehr schnell, nur einige Stunden, dann war es vorbei. Ich habe sie nicht
mehr gesehen. Ich vermeide es, Tote anzusehen. Vor zehn Tagen saß ich in der Friedhofskapelle und schaute ihren Sarg an, ein langes Stück verziertes Holz mit Henkeln, das dann in die Grube gesenkt
wurde, wo schon ihre Großmutter und ihr Mann liegen. Ich schaute zurück in ihr Leben, das endlose Mühe und Arbeit war, ohne Freude, denn diese erlaubte sie sich nicht. Die Freudlosigkeit war wie
ein Pfand, gegen das sie sich das Leben einhandelte. Ein kleines Stück Heim, ein kleines Stück Familie, ein kleines Stück Wohlanständigkeit, ein kleines Stück gutes Gewissen. Ich will von ihr
Abschied nehmen, die mir so viele Schmerzen verursacht hat. Ich will mich von den Schmerzen verabschieden, die sie mir bereitet hat. Sie soll in Frieden ruhen, auch in meinem Herzen. Ich schaue
das Totenbild an. Ich werde mich daran gewöhnen. Das Ungeheuerliche ist auch immer eine Gewohnheitssache. Was bleibt mir von ihr? An meinem Spiegel steckt eine hellrot gefärbte Straußenfeder, die
flaumhaften Strahlen der Fahne wie eine kleine Flamme. Ich fand sie vor etlichen Jahren in einem Paket, das mir ein Geschäft ihrer Stadt auf ihre Anweisung hin schickte, in dem sich einige
schwarze Unterhemden befanden, die ich bei meinem Besuch in einem Schaufenster gesehen hatte. Die Feder kommt nicht von ihr, das ist nicht ihre Art, sie war eine Aufmerksamkeit des Geschäfts. Ich
habe eine Allergie gegen Federn, dort oben am Spiegel ist sie weit weg und ich kann sie anschauen, ein Symbol, das genügt mir. Meine Mutter hatte an mich gedacht, so wie es ihr möglich war.
Sonst gibt es in meinem Leben nichts, was mich an sie erinnert, und Unterhemden sind Unterhemden. Als sie ins Altersheim zog, wollte niemand ihre barocken, buchenholzfurnierten Eichenmöbel haben,
auch die Wohltätigen nicht. Porzellan und Silberbesteck waren schon vorher an meine Nichte gegangen, die sich verheiratete, obwohl nicht lange. Die Bücher meines Vaters nahm meine jüngste
Schwester mit. Vor Jahren bat ich meine Mutter um ihre sechs hübschen, halbvergoldeten Löffelchen, die nur zu außergewöhnlichen Gelegenheiten aus dem Büffet geholt wurden. Sie steckten noch immer
in den gestanzten Pappschlitzen der Originalschachtel und die lag auf einem der Tellerberge ihres vierundzwanzigteiligen Feiertagsgeschirrs, das noch fast vollständig war. Im Buffet roch es gut,
weil in der länglichen Suppenschale mit Deckel immer einige Tafeln Schokolade oder eine Pralinenschachtel lagen, von denen sie täglich naschte, und wir auch manchmal – heimlich, wenn sie nicht im
Raum war. Damals lehnte sie es ab, mir die Löffelchen zu schenken, kaufte mir stattdessen ähnliche in einem Haushaltsgeschäft und schickte sie mir. Als bräuchte ich klitzekleine, am Griff
ziselierte Silberlöffel in meinem Haushalt. Ich verschenkte sie, nachdem sie einige Jahre meine einzige Schublade im Eßzimmer verstopft hatten.
Es gab ein Testament. Mein Vater hatte es eine gute Weile vor seinem Tod in kleiner, sauberer Schullehrerhandschrift zweiseitig verfaßt und es war in der Stadtverwaltung auf Abruf bereitgehalten
worden. Vor sechs Jahren erhielt ich es aus heiterem Himmel. Ich habe es zerrissen, in viele kleine Stücke. Was mich wütend machte war, daß er sich für immer in uns als allwissender Vater
aufstellen wollte, immer noch seine alleinige Wahrheit verkündigte: „Aus menschlichen Erfahrungen langer Jahre fühlen wir Eltern uns verpflichtet, Euch, unseren Kindern, zu sagen, daß trotz
leichtfertiger Verkündigungen nach dem Modebewußtsein der heutigen Zeit nur ein Leben nach den Gesetzen Gottes, eine solide rechtliche Grundhaltung, die sich nach der ererbten und anerzogenen
Religion richtet und eine treue Einstellung zu den Sitten und Bräuchen der Vorfahren Euch das ersehnte Glück und eine wahre Zufriedenheit garantieren können. Nehmt das als eine freundliche aber
ernste Erinnerung mit in Euer ferneres Leben. Für Euer Tun und Lassen seid Ihr allein selbst verantwortlich.“
Sein Haus vermachte er zu zwei Drittel seiner jüngsten Tochter, weil diese es am längsten bei ihren Eltern ausgehalten hatte. Das letzte Drittel wurde zwischen seine zwei anderen Töchter
aufgeteilt, unter Abzug bei der einen ihrer Aussteuer, der anderen – bei mir – ihrer Erziehungskosten. Denn als ich anfange, nun doch Pädagogik zu studieren, koste ich meinen Vater weiterhin Geld.
Mein Vater gestattet mir seltsamerweise, auf die Pädagogische Hochschule in Münster zu gehen anstatt in die der Kleinstadt, in der ich meine Internatszeit verbrachte. Sein Blick ruht meist mit
ernstem Grimm auf mir, die ich mit Trotz meine Stellung behaupte: ich will nach meiner verpatzten Zusatzprüfung nicht zurück in diese Stadt, will nicht meinen alten Klassenkameradinnen wie eine
Sitzengebliebene hinterher hinken.
Das ist wie ein Kompromiß. Ich muß nun doch Lehrerin werden, darf aber in einer renommierten Universitätsstadt studieren. Ich bin zweiundzwanzig und vollkommen unselbstständig, kenne nicht den
Gang der Welt, habe von nichts eine Ahnung. In meinem Kopf lebe ich in einer geheimen Parallelwelt, in der ich frei bin, in einer großen schwarzen Stadt, wo ich Menschen treffe, die mich in ihr
helles Leben mitnehmen. Für meinen Vater bin ich eine Niete. Aus dem Kind wird nichts. Warum, sagt er nicht. Zuhause haben wir kein Telefon und kein Auto. Was machte man früher in diesem Fall, um
seiner Tochter einen Studienplatz zu besorgen?
Mein Vater hat sich mit dem Eiergroßhändler, dem Vater meiner Freundin, die inzwischen verheiratet ist, angefreundet. Die Familien statten sich freundschaftliche Besuche ab. Doch die Mutter stirbt
an Krebs. Mein Vater besucht oft seinen Freund, sie fahren zusammen in dessen Mercedes durchs Land, zwei fünfzigjährige, schwere Männer, die im Krieg waren. Auf einer dieser Fahrten suchen sie für
mich in Münster ein Zimmer. Da wohnst du, sagt mein Vater. Die Miete ist vierzig Mark. Du kriegst monatlich Geld von mir, hundertfünfzig Mark. Damit mußt du auskommen. Lehrjahre sind keine
Herrenjahre. Die schmutzige Wäsche schickst du nach Hause. Die Ferien hast du hier zu verbringen. Alfred nimmt dich mit nach Münster wenn es soweit ist, er fährt ja oft genug ins Ruhrgebiet, das
ist praktisch auf dem Weg.
Am Tag meiner Abreise stelle ich morgens früh meinen Koffer in den Mercedes des Eiergroßhändlers und wir fahren los. Draußen ist noch alles nackt und grau, der Frühling läßt auf sich warten. Im
Auto ist es warm, der Sitz ist kuddelig und gemütlich wie ein Sessel. Ja, Lehrerin will ich werden, sage ich. Nein, mein Zimmer habe ich nicht gesehen. Das hatte ja mein Vater mit ihm zusammen
ausgesucht. Der Mann seufzt ein wenig, sagt, weißt du, so doll ist das nicht, das Zimmer. Ziemlich dürftig sogar. Tja, sagt er, das Leben ist kein Zuckerschlecken. Es wird einem nichts geschenkt.
Jetzt kommt eine Lektion, denke ich. Alfred dreht sich ein wenig zu mir, legt mir eine kurze Wurstfingerhand auf den linken Schenkel. Was habe ich an? Vielleicht einen karierten Faltenrock, der
die Knie bedeckt, darüber einen Mantel, dessen Kanten sich beim Sitzen auseinandergespreizt haben. Ich rühre mich nicht. Die Hand liegt schwer auf meinem Schenkel, ihre feuchte Wärme dringt mir
bis unter die Haut. So eine Hand, feucht, was will sie? könnte mir leicht den Rock hochziehen, der rechte Reibungswiderstand, dieser austretende Körpersaft, der sich obszön in meinen Körper
einbrennt. Ich könnte dir helfen, sagt Alfred. Du bist wie ein unschuldiges Küken, fällst aus dem Nest geradewegs ins Leben. Und du hast keine Ahnung was das ist, das Leben. Ich gucke auf seine
Wurstfinger, in das vorbeifliegende Land. Das ist alles nicht einfach, sagt Alfred. Ich setze dich jetzt in dieser armseligen Bude ab und du must sehen, wie du weiter kommst. Aber ich könnte was
für dich tun. Ich miete dir eine schöne kleine Wohnung in der Stadt, komme ab und zu vorbei, wenn ich nach da unten fahre. Jede Woche muß ich hin, nach den Geschäften sehen. Wir könnten uns ein
nettes Leben machen. Viele Kleider hast du wohl nicht. Ich könnte dich schön ausstatten. Hast du Schmuck? Reisen könnten wir. Wo warst du denn schon überall? Seine Hand brennt heftiger, wird immer
schwerer, als würde sie schon jetzt Besitz von mir ergreifen, mich auf den Mercedessitz schweißen. Warst du schon mal mit einem Mann zusammen? fragt Alfred. Nein, lüge ich. Ich rutsche mit dem
Hinterteil hin und her, reibe meine Schenkel gegeneinander, hebe mein linkes Bein und schlage es über das rechte. Afreds schwere Hand verschwindet, ihr Druck jedoch verfliegt nur langsam. Ich
streiche meinen Rock glatt. Ich weiß nicht, sage ich. Warum wollen Sie das? Ich verstehe es nicht. Das ist, weil du das Leben nicht kennst, sagt Alfred. Das ist nun mal so. Aber du mußt jetzt
nicht denken, ich bin ein schlechter Kerl. Hier, sagt er und zieht Papiere aus seiner Jackentasche, kannst du mal reinsehen, ich gebe viel Geld an gute Zwecke. Ich bin durcheinander. Schweige.
Noch ein wenig und wir sind da. Überleg es dir nur, sagt Alfred. Nein, nein, sage ich, sehe ihn nicht an, sein glänzendes, schwitzendes Schweinsgesicht, ein Mann, der gerne ißt, das sieht man,
leckt sich andauernd über die Lippen, das Ungesunde perlt aus ihm raus. Das geht nicht, sage ich, das will ich nicht. Nun, sagt er pikiert, dann mußt du selber weitersehen. Ich wollte dir helfen,
aber wenn du nicht willst. Dann setze ich dich in zwanzig Minuten bei deiner Bude ab. So geschieht es. Ich schüttele zum Abschied seine schwitzige Pfote und sage höflich Dankeschön fürs Bringen,
dann betrete ich ein graues, betongespritztes Reihenhaus, wo man schon auf mich wartet, mich eine enge Holztreppe hochführt in ein kleines Zimmer mit Bett, Schrank und Waschbecken. Der Tag ist so
dunkel, das Fenster so klein, ich habe das Gefühl, die Nacht ist schon angebrochen.
Natürlich fahre ich nie wieder mit Alfred in seinem Mercedes. In den Ferien erzähle ich meinen Eltern vom Angebot ihres Freundes. Wieder ist der grimmige, mißtrauische Blick meines Vaters auf mir.
So, sagt er. Ich sage, was ist los mit ihm? Ich dachte, ihr wärt Freunde. Was sagst du dazu, frage ich meine Mutter. Das weiß ich nicht, ist ihre stereotype Antwort. Mehr nicht. Hat mein Vater mit
Alfred geredet? Er hätte sich doch nicht eine solch schöne Freundschaft verdorben. Das Leben läuft weiter. Irgendwann heiratet Alfred wieder, eine Lehrerin an der Schule meines Vaters. Er wird ein
richtig guter Mensch, der zur Kirche geht und immer in seinem Haus junge Menschen wohnen hat, die elternlos aufwachsen und denen er hilft, ihren richtigen Weg zu finden. Meine Eltern fahren oft
mit ihm und seiner Frau in Urlaub, haben sie doch einen großen Wohnwagen. Eine richtige Freundschaft. Mein Vater kauft sich sein erstes Auto, einen Volkswagen, in dem er mich jetzt selber nach
Münster fährt, wenn er Zeit hat. Dann schaut er mich wieder ernst und grimmig an. Ich wohne ja schon wieder woanders.
Als Alfred ein alter Mann ist und mein Vater tot, fährt meine Mutter noch immer in unser altes Dorf, wenn Alfred sie ruft. Er will mit seiner Frau verreisen und sie soll auf die Jungen in seinem
Haus aufpassen, ihnen zu essen kochen. Damals, als ich für einige Wochen mit meiner Hündin Zuflucht bei ihr suchte, teilte sie mir in ihrer knappen Art mit, Alfred sei im Krieg SS-Offizier
gewesen. Das hat mich erschreckt. Es war schon seltsam, wie er nach dem Krieg plötzlich in unserem kleinen Dorf aufgetaucht war. Was bedeuteten alle seine Bücher über das Nazitum, die ich früher
gelesen hatte, wer war er, was ging in ihm vor? Ich fragte meine Mutter. Weiß ich nicht, sagte sie. Er mußte ja, sagte sie, die haben sich die Leute doch einfach genommen, sagte sie, die großen,
blonden. Zur selben Zeit starb Mieze, ihre alte Freundin, und ich erfuhr, ihr Mann war der erste Nazilehrer des Kreises gewesen, Wie denn? sagte ich, Ja sagte sie, streng wäre er vorgegangen, ein
ganz scharfer Hund? fragte ich, Ja, sagte sie.
Seit dem Tod meiner Mutter fühle ich mich krank, nicht immer und nicht sehr, aber doch mit seltsamen Fieberanfällen. Als wir alle auf dem Friedhof versammelt waren, schien eine blasse Herbstsonne,
und das tat wohl, so ein Friedhof ist ja das letzte freundliche Produkt unserer Zivisisation, überall die vielen Blumen, schöne alte Bäume und diese Stille, sogar in Parks ist es so still nicht,
umrauscht wie sie sind von Autolärm, und niemand war so gar traurig, alle lächelten einander an, natürlich nicht als wir mit Priester und Meßdienerinnen vorab zum Grab schritten, da zogen alle
ernste, zu Boden gerichtete Gesichter, ließen ihre Hände zusammengelegt vor sich baumeln, etwa in Höhe ihres unteren Bauchs, wie man das auf Beerdigungen tut. Meine Schwester neben mir zog ab und
zu eine Grinsgrimasse, als würde sie das ganze Theater nicht so ganz ernst nehmen, aber ich guckte nur auf diesen hohlen Holzkasten, den man in die Erde senkte, in der die Überreste, wie man sagt,
meiner Mutter lagen, die nun eine ganz krasse Veränderung erleiden würden. Ich will keine Toten sehen, weil ich mir immer vorstelle, was nun mit ihnen passiert. An dem Tag fühlte ich mich fiebrig
und das hielt zwei Wochen an, ohne daß ich richtig krank war. Zuhause stürzte ich mich in Aktivitäten. Mein Mann saß in meinem Zimmer, vor meinem Computer. Sein seit Wochen ungewaschenes
Hinterteil saß im Pyjama auf dem Sitz meines Drehstuhls. Und er hielt mich von der Arbeit ab. Stundenlang las er alle amerikanischen und englischen Zeitungen, die ich für ihn auf Internet gefunden
hatte.
Ich kaufe dir einen Computer, sagte ich ihm. No, no, no, sagte er, was soll ich damit, ich kann damit nicht umgehen. Das lernt man, sagte ich, nein, erwiderte er, wenn ich nicht weiß, wie man das
macht, will ich keinen haben.
Zwei Tage später sagte ich, willst du einen iMac oder ein power-book? Aber der ist wahnsinnig teuer. Er rastete aus und weinte: Why are you always making me unhappy?
Zwei Tage später sagte ich, weißt du was, es gibt etwas Neues, nämlich ein Ding, das wie ein schnurloses Telefon Internet durch die Luft auf einen anderen Computer überträgt. Er fing wieder an zu
weinen: All this money, I don’t want another computer.
Ich hörte mich um, links und rechts, auf Internet. Naturwissenschaftlich bin ich eine Niete, ich habe aber immer das Technische, wenn es mir erklärt wurde, halbwegs verstanden und mit Erfolg
anwenden können. Inzwischen saß mein Mann immer noch auf meinem Drehstuhl und wenn ich unweit in meinem roten Sessel am Lesen war, erzählte er mir auch gleich, was in den amerikanischen Zeitungen
stand, was ich gar nicht hören wollte. Dann ging ich woanders hin, setzte mich im Eßzimmer auf einen Stuhl, denn die Couch gibt’s ja nicht mehr und in seinem bequemen Liegestuhl will ich nicht
sitzen, schon die Idee ist mir schrecklich: seitdem er ihn hat, hat er sich nicht mehr gewaschen. Eines Tages schickte Apple mir ein E-mail und ich sah, daß es auch das iBook gibt, zum
Im-Schoßhalten und nicht so teuer wie ein powerbook. Mein Mann hat immer Theater gemacht, wenn ich etwas anschaffte. Geld war nur für geistige Nahrung wie Spirituosen und Bücher auszugeben. Jede
meiner Ausgaben hat er bekämpft, ob es nun ein Toaster war oder ein neuer Kühlschrank.
Ich weiß nicht, was du hast, sagte ich zu ihm, du hast eine ganze Million vertrunken, was ist da schon ein Computer. Ich will dich nicht mehr in meinem Zimmer haben.
Dann kaufte ich das iBook bei der Fnac. Es gab nicht viele davon, und ich mußte zu einer anderen Filiale gehen und das nagelneue Gerät, das Internet durch die Luft überträgt und AirPort heißt,
extra bestellen. Das kam dann nicht, und mein Mann fing an zu fragen: Wann kriege ich denn meinen neuen Computer, so ist er, plötzlich will er das Ding doch und wird sogar ungeduldig, denn ich
lasse ihn nicht mehr in mein Zimmer, weil ich den Stoffsitz meines Stuhls abgeseift habe, damit ich da wieder arbeiten kann. So bestellte ich AirPort in Irland und das kam sogar in drei Tagen bei
mir an. Ich ging zur Fnac um die Karte AirPort in das iBook legen zu lassen, was hundert Mark kostete. Zuhause fand ich heraus, man hatte die Karte verkehrt herum reingelegt. Ich ging in einen
Apple-Laden, wo man mir erklärte, das würde nie richtig gehen, weil undsoweiter. Ich rief Apple in Irland an, doch man könnte mir leider nicht helfen, das Gerät wäre nicht für unser Pariser
Kabelsystem konzipiert. Ich ging in ein Geschäft, das Kabel für elektronische Geräte führt und kaufte eine zweite Kabel-Schnur. Es war gegen Abend und plötzlich fing es ganz furchtbar an zu regnen
und ich wurde auf meinem Fahrrad klatschnaß, aber zu Hause probierte ich meine Geräte sofort wieder und wieder aus und am Ende fand ich alles heraus und kriegte das Ding soweit, daß es
funktionierte. Mein Mann in seinem Liegesitz hat jetzt meist sein iBook im Schoß und liest, was in Amerika passiert. Ich kaufte mir auch einen neuen Tisch. Genau gesagt eine Tischplatte und vier
schwarze Metallfüße, die ich selber anschraubte, das ganze für keine hundert Mark. Mein alter Eichentisch, auf dem das iBook meines Mannes sich elektrisch auflädt, steht nun in einer Ecke des
Eßzimmers, dazu versetzte ich die schöne alte Holztruhe mit gewölbtem Deckel und schwarzen Eisenbeschlägen, der man nicht ansieht, was sie enthält, nämlich alles, was ich zum Heimwerken brauche,
in den Flur, das andere Schränkchen stellte ich unter den Spiegel und verlegte das Telefon in mein Zimmer. Ich lief ununterbrochen herum, redete links und rechts Computersprache, schleppte, wühlte
in meinem Leitungsgewürm, stöpselte ein und aus, brachte Ordnung in meine Schubladen, sortierte Bücher aus, um Platz zu schaffen. Und hörte mir das Lamentieren meines Mannes an. Why doesn’t it
work? I don’t understand. What are you doing now? Why are you doing that? I don’t want this thing anymore. Get rid of it. Als alles fertig war, ich sogar noch ein Gemälde selbst eingerahmt hatte,
für den neuen Tisch eine dunkelrote Schreibunterlage und ein niedriges, mit rotem Samt bezogenes, antikes Fußstühlchen gefunden hatte, weil ich jetzt hoch sitze, wurde ich plötzlich wieder krank.
Wie immer streikten meine Innereien. Dieses Gewürm, meine Gedärme schmerzten, diese Muscheln hinter den Hüftknochen, meine Eierstöcke, stachen, mein Bauch war wie ein Ballon. Dort, in unseren
Innereien, stecken unsere bösen Geister und so weiß ich nicht, ob es die kalte Nässe war, die Erschöpfung oder die Geister, die der Tod meiner Mutter gerufen hatte, die mich krank machten. In der
Nacht konnte ich vor Schmerzen nicht mehr gerade gehen, hatte über 39 Grad Fieber. Ich schlief nicht, hörte Dauerjazz am Radio und immer wieder die Nachrichten, weil es die amerikanische Wahlnacht
war.
Bei unserer Geburt sind wir ein loses Bündel von Möglichkeiten genetischer Art, über die wie eifersüchtige Götter unsere Eltern, unsere Kulturinstitutionen wachen. So wie wir von ihnen
zurechtgestutzt werden, erleben wir später unsere Identität, diesen aufgestempelten Selbst-Entwurf, der unser zutiefst kostbarstes Gut ist, für das wir kämpfen, manche töten und ihr Leben lassen.
Denn die Identität siedelt uns in dieser unwirtlichen Welt an, hilft uns, uns zu situieren und zu verstehen. Doch ist sie etwas Aufgepfropftes, sie soll veredeln, was wir von Natur aus sind,
triebverhaftete Wesen. Meist ist dabei unser armes Herz, das unser verwundbarstes Organ ist, zu kurz gekommen, wir haben seinen Aktionradius eingegrenzt, damit es hauptsächlich für unsere eigene
Person schlägt. Seltsamerweise ist es auch der Sitz der uns von der Zivilisation beschnittenen Triebe, wie kräftig aber die Natur ist, sehen wir am Stumpf des gefällten Laubbaums am Wegrand, der
immer neue Sprosse ausschickt, komme was wolle.
Unser Leben ist dunkel und unverständlich. Fast nicht auszuhalten, diese Dunkelheit. Unsere Intelligenz und unsere Gefühle haben in uns einen individuellen Apparat entwickelt, mit dem wir die Welt
erleben und in ihr zurechtzukommen versuchen. Wir erfahren diese Welt von Anfang an als hierarchisch, da gibt es ein Oben und ein Unten, in diesem Spannungsfeld zieht sich unsere Zeit hin. Da es
zwischen Himmel und Erde viele Dinge gibt, haben wir die Logik erfunden, nicht einfach so, sondern eher weil wir sie in den Dingen, die sich zwischen Himmel und Erde bewegen, gefunden haben.
Nichts existiert ohne Vorbedingung. Die erste Vorbedingung bleibt im Dunkeln, einige nennen das Gott, andere anders. Das Verhältnis des Menschen zu den vielen Dingen, die ihm in seiner Dunkelheit
über den Weg laufen und deren Bedeutung er nicht fassen kann, regelt die Religion, Ausdruck seiner Abhängigkeit von unnennbaren Kräften, Eingeständnis seiner Hilflosigkeit und Ohnmacht. Vor aller
Religion haben wir das magische Denken, mit dem wir eine kindhafte Macht auf die Umwelt auszuüben versuchen.
Ich kenne einen korsischen Gangster. Er hat sich seit langem von der aktiven Tätigkeit zurückgezogen, weil er herzkrank ist, jetzt hat er sich ein neues Herz einbauen lassen. Manchmal rief er mich
an, wenn ich einen deutschen Brief nach Österreich schreiben sollte, wo seine zwei Enkel, die er unbedingt zu Korsen machen will, mit ihrer Mutter wohnen. Beim letzten Anruf wollte er, daß ich ihm
helfe, einen englischen Earl-Titel zu erwerben, was ich abgelehnte. Vor dreißig Jahren lebte er mit einer Deutschen zusammen, die mit meinem Chef befreundet war und ein wenig mit mir. Ich hielt
mich auf Distanz. Mir waren der Gangster und seine Theorien nicht geheuer. Er glaubte an die Sterne, legte Karten, war Freimaurer und gehörte anderen Geheimbünden an, wie dem Templerorden und den
Rosenkreuzern, deren Urkunden an der Wand seiner kleiner Wohnung hingen. Einmal erzählte er mir ein wenig aus seinem Leben. Sein Vater war ein hoher Justizbeamter in Algerien gewesen, das damals
so gut wie Frankreich war. Als Junge trat er der OAS bei, mußte, als er sechzehn war, sein erstes Opfer erschießen, einen algerischen Mann, er sah ihn nicht weit vom Strand auf einem Felsbrocken
sitzen, dachte erstaunt, ich habe doch nichts gegen den Mann, aber ich muß das jetzt tun. Über seine weitere Karriere in der OAS schwieg er, doch war sie bestimmt nicht ganz unerheblich, da er am
Attentat gegen de Gaulle im August 1962 beteiligt war und eine Zeitlang in der Todeszelle saß, wo sein Vater, inzwischen Präsident des Pariser Kassationshofes, ihn herausholte. Danach verschwand
er aus Frankreich, verdingte sich als Berufssoldat in verschiedenen afrikanischen Ländern, kämpfte in Biafra, scheffelte Diamanten in Angola, die er vorerst nicht mitnehmen konnte, dann wurde er
ein Bilderdieb und -schmuggler. Er hat in seinem Leben nicht einen ehrlichen Pfennig verdient. Solche Leute binden einem nicht auf die Nase, was genau sie gemacht haben. Als ich ihn traf, hatte er
gerade in der Normandie ein Bauernhaus gekauft, eine Ruine auf einem großen Grundstück, in die es hereinregnete. Damals fuhr ich jedes Wochenende in das Haus meines Chefs, gleich nebenan. Einmal
fragte ich ihn. Denn er war ein netter Kerl, fast sanft. Ich wollte wissen, wie man ein Gangster wird. Seine Erklärung klang wie die Fortführung der Magie mit anderen Mitteln: Sich gegen eine
überstarke Umwelt zur Wehr zu setzen und diese dem eigenen Willen verfügbar zu machen, sah er keinen anderen Weg.
Eine seiner Thesen war, daß seine Gedanken töten konnten. Er hatte gelernt, sich in einem solchen Maße zu konzentrieren, seine innewohnende Kraft so stark auf jemanden zu fixieren, daß der
Totgewünschte ohne Schutz war. Er setzte hinzu: er hatte auch gelernt, das Böse, das jemand ihm entgegenschleuderte mit seinem starkem Willen abzuwenden. Dieser war seine Rüstung, an der das Böse
abprallte. Es erforderte Übung des Geistes, ihn stark und undurchdringlich zu machen.
Wenn man Gurken mit Erdbeeren einmacht, kommt was Unschmackhaftes dabei heraus, in etwa wie das Sammelsurium im Kopf dieses Gangsters. Jedoch, wenn ich mich mit Tiefenpsychologie beschäftige,
alttestamentarische Psalmen lese oder den Bhagavad Gîta, sehe ich, da ist etwas Tiefes, Dunkles, das einen im Griff hält, dessen Marionette man ist, und gegen das der Mensch sich Schutzwälle
gebaut hat, seitdem er existiert. Das ist unsere unauslotbare Tiefe, zu der wir keinen Zutritt haben, deren Auswirkungen wir erfahren in der Art wie wir lieben, hassen und träumen und leiden.
Wo nun meine Mutter begraben ist, die Frau, aus der jede Zivilisation einen gewichtigen Mythos gemacht hat, der schwer in uns liegt, was wird aus meinem jahrelangen Ringen gegen den unterirdischen
Brei, den sie in mich „eingemacht“ hat, und der mir immer wieder hochkommt? Wo ich ihn nicht mehr ausspucken kann, werde ich nun an ihm ersticken? Mein Leben, wie es ist, gehört mir, keine längst
vergangene Stimme soll mir mehr schaden. Ich denke an den korsischen Gangster und seinen starken Willen, den er dem entgegenwirft, das ihn vernichten will.
Meine Zeit in Münster liegt für mich arg im Dunkeln. Mein Ich-Gefühl, das der innere Klebstoff ist, der meine Lebensjahre zusammenhält, steht in einem mir fremden Körper, einem mir seltsamen Leben
auf, ich bin wie eine Figur in einem Comic strip, die sich in eine ihr sonderbare Vergangenheit verirrt hat. Einige Vorkommnisse erkenne ich als zu mir gehörig, doch wenn wir gern auf
herausragende Teile einer Landschaft sehen, wie Berge und Hügel, oder einer Stadt, in der wir uns zurechtfinden anhand von Türmen, Kuppeln und heute auch Hochhäusern, sind die in meinem Gedächtnis
sich abzeichnenden Details meines kurzen Studiums eher Niederungen, in die man nicht gern, wegen zu unangenehmer Schwüle, hinuntersteigt. Das Leben stürzt sich jetzt heftig auf mich, und ich habe
nichts mitbekommen zu seiner Bewältigung als zu viele Nerven.
An der P.H. am Aasee besuche ich Vorlesungen und Seminare. Mein altes Vorlesungsverzeichnis liegt vor mir, da steht: Lernen und Lehren, Methodik des Religionsunterrichts, Einleitung in die
Pädagogik, Dichtung, didaktisch gesehen. Mir gefällt das alles nicht. Ich möchte ein sachbezogenes Studium. Bevor ich mich damit beschäftige, wie ich Kindern etwas beibringe, muß ich doch lernen,
was ich ihnen beibringen soll. Ich gehe selten zu Vorlesungen. In dieser Lehrerfabrik fühle ich mich verloren, der Vorlesungssaal ist riesig, es wimmelt nur so von vor allem jungen Frauen meines
Alters und wenn ich nicht in der ersten Reihe sitze, kann ich den Professor nicht hören. Ich habe keine Ahnung wovon er redet, es interessiert mich auch nicht. Ich treffe die drei Mädchen, mit
denen ich im Internat in einem Zimmer wohnte. Sie sind schon ein Jahr weiter und nehmen ihr Studium todernst. Als ich wieder ein neues Zimmer suche, wohne ich eine Zeitlang in ihrer gemeinsamen
Wohnung, die ihre Väter für sie gemietet haben, bis sie mich an die Luft setzen.
Ich weiß nicht, warum ich so oft umziehe. Das erste, von meinem Vater und Alfred gesuchte Zimmer ist nicht nur armselig und ohne allen Komfort, es ist auch weit vor der Stadt in einer dunklen,
traurigen Straße. Ich muß lange mit Bus und Straßenbahn fahren, um in die Stadt zu kommen. Das zweite ist allem schon ein wenig näher, wenn es spät wird, kann ich nachts auch zu Fuß nach Hause
gehen. Denn ich gehe viel aus. Im Grunde gehe ich nur aus. Ich habe mir eine Arbeit gesucht, das Geld reicht wirklich nicht, ich wasche jeden Abend Geschirr hinter dem Tresen des „Conti“ am
Bahnhof. Hier mache ich meine ersten Kontakte. Mein erster Flirt ist ein schöner Tunesier, groß, blond, römisches Profil, blaue Augen, wir reden auf Französisch miteinander. Das ist die
französische Clique. Dann gerate ich in eine andere, die des Kleinadels von Münster und ihrer Anhänger, die auch oft im Conti sind, „internationales Puff“ tuscheln die Serviererinnen einander zu,
immer neue Mädchen wären dabei. Ich gehe tags manchmal ins Café Schucan, schlage den schweren Vorhang hinter der Drehtür zur Seite, ein schwüler, verrauchter Saal, in dem der schicke Set von
Münster herumsitzt, der einen von oben bis unten beäugt. Ich treffe einen kecken Romanisten, der alle Welt kennt. Meine Bekanntschaften strecken sich in alle Richtungen. Bei einigen der Männer
lande ich im Bett, aber das hat keine Spuren in mir hinterlassen, kein Zimmer öffnet sich meinem Gedächtnis, kein Körper, den ich streichelte, steht vor mir auf. Vielleicht ist mein wildes Leben
ein Mythos, diese Dickbusige von der P.H., sie geht wirklich mit jedem ins Bett, das ist so leicht gesagt. Doch, ich gehe mit vielen ins Bett, aber noch längst nicht mit allen.
Ich folge meinem Impuls ohne Moral, die brauche ich nicht mehr, und es gibt niemanden, dem ich Treue geschworen habe, meinem Vater schon gar nicht, der hat mich mit seinem falschen Getue im Stich
gelassen, das gibt mir das Recht meine Freiheit in die eigene Hand zu nehmen, meine Wertmaßstäbe fügen sich ein für alle mal zurecht, denn seine haben ausgespielt: es ist schlimmer seinem Nächsten
zu schaden, als mit einem Mann ins Bett zu gehen. Denn was ist schöner als ein „objet de désir“ zu sein, sich in Männerarmen zu verstecken, in einem fremden Bett zu wohnen, den festen Körper des
Mannes zwischen seinen Händen auf sich zucken und stöhnen zu fühlen, welcher Traum süßer als im Schlaf seine Beine in die eigenen verflochtet zu finden, was ist aufregender als die schalen
Morgenstunden, an denen man im fremden Bett aufwacht, einen bitteren Geschmack im Mund in den Bus steigt, der einen mit nach Hause nimmt, in dem Leute sitzen, die zur Arbeit fahren. Doch die Liebe
kenne ich immer noch nicht. Was Sex ist, fange ich an zu ahnen. Nicht das Rein- und Rausschieben dieser steifen glitschigen Sexstange des Mannes in meine Scheide, das nichts in mir hervorruft, im
Gegenteil, ich bin immer wund hinterher, aber das gehört dazu, noch tagelang trage ich die wunde Scheide als siegreiches Brandmal mit mir herum.
Ich habe einige Wochen einen „festen“ Freund, Otto heißt er. Otto nimmt mich im Sommer zum Baden mit an den Fluß, wir legen uns in ein Gebüsch, er streichelt meinen Bauch, seine Finger verirren
sich in meinen Schamhaaren und da fühle ich, wie die so bekannte Lust mich überkommt: das kindliche Wohlsein, das nicht sein darf. Da klickt es bei mir. So ist das. So hängt das zusammen. Und all
die Zeit wußte ich es nicht. Den Kinsey Report kenne ich noch nicht, Orgasmus ist halt, was die Männer haben, wenn sie in einem aufschreien und einige Sekunden zu hilflosen Babys werden und man
sie liebevoll streichelt. So, hier ist die große Sünde: vor dem Paradies steht die Schuld wie der Engel mit dem flammenden Schwert. Da ist das Unbehagen an der Kultur: natürlich viel zu viel
verlangt.
Mit Otto geht es nicht viel weiter. Wir sitzen an der Promenade auf einer Bank und küssen uns. Da greift Otto nach meinem Handgelenk, zählt meine Pulsschläge. Dein Herz klopft gar nicht schneller,
sagt er, wenn ich dich küsse, bist du gar nicht erregt. Damit war es zuende. Ich will kein Versuchstier sein. Bei Peter, den ich von früher her flüchtig kenne, spüre ich zum ersten Mal die
lustvolle Verliebtheit, vielleicht nur, weil zwischen uns auch nichts passiert, aber ich bin nun in die Liebe eingeweiht, suche sie immer und überall. Sie soll mich glücklich machen, doch das ist
sehr schwierig.
Als ich meinen Mann heirate.
Am Tag genau zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung heiratete ich meinen Mann auf dem Rathaus des Sechsten Arrondissements, das sich gegenüber der Kirche Saint-Sulpice befindet. Ich hatte
Bekanntmachungen in drei Sprachen drucken lassen und verschickt, bereitete eine Nachmittagsparty vor, kaufte Geschirr ein, damit wir nicht auf Papptellern zu essen brauchten, mein Mann ließ Kisten
Champagner kommen. Unten im Feinkostgeschäft bestellte ich kalte Braten, Fisch, Salate, Käse, Backwaren. Unsere Concierge würde in der Küche das Abwaschen besorgen. Es war ein milder, sonniger
Tag. Um elf schlenderten wir mit einigen Freunden durch den Luxembourg bis zum Rathaus, wo andere Freunde warteten – und meine Mutter, die meine Schwester den ganzen Weg hergefahren hatte. Sie war
Trauzeugin, sowie Tom, Klaus Manns alter Liebhaber, über dessen Anwesenheit mein Freund Camillus sich entzückte. Im Journal der Brüder Goncourt, dessen vier dicke Bände wir nach viel Mühe kurz
zuvor in einem Antiquariat gefunden hatten, lasen wir einen Eintrag, wo diese hundertzwanzig Jahre zuvor im gleichen Saal einer Trauung beiwohnten:
„Nous sommes dans une grande salle lambrissée, au papier affreux. Des fauteuils d’un velours usé, miroitant, – tragiques. Un buste en plâtre de l’Empereur, soutenu par un aigle qui a l’air d’une
oie. Il y a un affreux maire, un maire qui a dû être notaire, le crâne entièrement pointu, l’air d’un Prudhomme hiératique et sévère, un maire sérieux d’une farce du Palais-Royal, gourmé en
croquemitaine et bridé dans sa sous-ventrière tricolore.“
Warum habe ich ihn geheiratet? Aus Versehen? Nein, ich wußte genau Bescheid. Wegen seines Geldes? Nein, so viel hatte er nicht. Weil ich ihn liebte? Nein, weil er mich bezauberte. Um nicht mehr
allein zu sein? Ein wenig. Aus Schwäche? Bestimmt. Um des Glückes willen? Aber sicher. Der Sicherheit willen? Ja, ich war es leid, mich allein durchzukämpfen. Aus Interesse? Ja, ja, ja.
Einige Wochen vor der Trauung, hatte mein Mann große Widerstände gezeigt. Er bekämpfte, beschuldigte, beleidigte mich wo er konnte. Frauen waren Männerfresser. Heiratete man sie, war man verratzt
und gefangen. Dann zerstörten, kastrierten sie einen, machten ihn sich mit nörgelnden Forderungen untertan. Er war gut zu mir gewesen, hatte mich aus dem Rinnstein aufgelesen, mich in sein Haus
aufgenommen, wo ich jetzt wohnte ohne Miete zu zahlen, doch war ich undankbar und lügnerisch, tyrannisierte ihn unablässig. Nach der Arbeit ging er in seine teuren Bars, kam betrunken nach Hause.
Er gab mir kein Haushaltsgeld und ich hatte oft keinen Pfennig in der Tasche.
Ich litt den Teufel, wollte aber nicht zurück. Es sollte alles weiterrollen, hier war jetzt mein Zuhause, er war mein einziges Zuhause, so unsicher es auch war, sein Leben war meins. Beleidigungen
einstecken gegen ein wenig Wärme und Schutz, nicht wenig Frauen hatten diese Arithmetik. Und dann: es gab viele kleine Momente des Glücks. Eines Tages würde er verstehen, daß er alles von der
Liebe erhält, nichts von der Willkür. Und: er zog mich mit seiner vollen Diesseitigkeit aus meiner Melancholie, ein Mann, der die Dinge des Lebens anders als ich kannte, seine saloppe Rede des
Amerikaners, der leicht in die komische Übertreibung fällt, brachte mich zum Lachen, er war der kurzweiligste Mann, dem ich je begegnet war.
Was jedoch mein Mann von mir erwartete, nur damals kannte ich alle Ausmaße seines Lebens nicht, von einer aufgelesenen, doch anscheinend schreibbegabten Frau, war, daß ich unter seiner Führung und
mit seiner Hilfe eine Geldmaschine würde. Er wollte weiterhin von einer Frau versorgt werden. Außer Büchern und Kleidungsstücken, die seinen Eitelkeiten schmeichelten, hat mein Mann nie einen
Gegenstand von praktischem Gebrauch gekauft, fast alles in seinem Haus wurde von seinen Frauen angeschafft. Und obwohl er die irische „gift of the gab“ besaß, ein blendender Redner und Unterhalter
war, schreiben konnte er nicht. Ich sollte sein schreibender Arm werden, den er leiten und lenken würde. Anstatt nun zu funktionieren, wollte ich ihn heiraten, um von ihm zu profitieren.
Jedoch führte er mich stolz seinen Freunden, dann seiner Familie vor.
Zwei Wochen nach der Hochzeit fand die mondäne Hundertjahrfeier seiner Zeitung statt. Wir gingen zur Faubourg Saint-Honoré, wo er mir bei einem Couturier ein Kleid kaufte, schwarz und Silberlamé
mit gewaltigen Schultern, als wir am Trocadéro aus dem Taxi stiegen, den Fuß auf den roten Empfangsteppich setzten, bekam ich Zurufe von den Schaulustigen, wir betraten ein transparentes
Riesenzelt, wo es von Menschen in Festkleidern wimmelte, wir machten die Runde, um alle seine alten Freunde zu begrüßen, das Mahl war ausgezeichnet, der Bordeaux ein Rothschild, um Mitternacht
verdunkelte sich das Zelt und neunundneunzig Kellner trugen Geburtstagstorten mit je einer Kerze herein, wir bliesen die Kerzen aus, der Eiffelturm, die hundertste Kerze erlosch, was ein langes
aaah, dann Geklatsche hervorrief, dann konnten alle das Feuerwerk durch die Zeltwände hindurch sehen.
Einige Tage später flogen wir für über einen Monat in die USA. Auf dem Hinflug weigerte mein Mann sich, neben mir zu sitzen, er würde mich ja jetzt den Rest seines Lebens sehen, so ließ ich ihn
neben einem jungen Mädchen Platz nehmen. Von New York flogen wir gleich weiter nach Cleveland, Ohio, wo sein Schwager Tom uns erwartete. Zehn Tage blieben wir in dessen Haus in Sandusky, Ohio,
inmitten der vielen Kinder und Kindeskinder, aßen und tranken ohne Unterlaß, wurden zu Parties geführt, auf dem Erie-See herumgeschifft, saßen in Bars, betranken uns, trafen Freunde und Bekannte
der Familie. Ich lief verzückt die Straßen von Sandusky auf und ab und photographierte jeden schönen bunten Baum, denn der Herbst hatte das Laub in die unwahrscheinlichsten Farben verwandelt. Dann
fuhren uns Schwester und Schwager meines Mannes im Auto durch das platte Ohio, wo schön gemalte Schweizer Dörfer standen, durch Amish-Land bis nach West Virginia, dessen bunte Hügel wir
durchquerten bis nach Virginia hinein. Am nächsten Tag erreichten wir Washington, besuchten den Arlington Friedhof, das Lincoln Denkmal und die schwarze Vietnam Klagemauer, bei deren Anblick ich
unerwartet in Tränen ausbrach.
Der Bruder meines Mannes wohnte in einem Vorort von Annapolis, sein Haus lag direkt an einem Arm der sich weit verästelnden Chesapeake Bay, inmitten der größten Farbenpracht, die durch die
Fensterwände in sein Haus drang. Es ging wieder rund mit Besuchen, Einladungen, viel Essen und Trinken, einer Segeltour auf der Bay und einer Party auf einem privaten Mississippi-Dampfer, der
einem reichen, zwielichtigen Barbesitzer gehörte, der Jahre später beim Präsidenten Vater Bush im Weißen Haus zu Abend speiste und sich hinterher beklagte, man sei kaum zum Essen gekommen,
andauernd hätte der russische Präsident Jeltzin angerufen, um zu fragen, was er jetzt tun sollte. So viel für die Kulissen der Politik. Wir fuhren mehrmals mit der „Metro“ nach Washington, wo wir
Museen besuchten und der Washington Post einen Besuch abstatteten. Ich lieh eins der Autos meines Schwagers, eine enorm lange Kiste – ein station wagon – mit dem ich nach Baltimore fuhr, wo ich im
Stadtmuseum einen Vermeer ansah.
Danach fuhren wir mit dem Zug nach New York. Es war Mitte November, es fing an zu schneien, ich ging allein verzaubert die Fifth Avenue hoch bis zu Saks neben Saint-Patrick’s, lief durch die
luxeriösen Etagen. Als ich zurückging, stand am teuren Juwelierladen an der anderen Ecke eine Frau in die Häuserwand geschmiegt und weinte mit zuckenden Schultern, die Hände ums Gesicht gelegt.
Weiter unten betrat ich die schwarzen Trump Towers, innen exotischer Traum des Megalomanen in rosa Marmor, und dort, bei Bergdorf’s fand ich meinen Wintermantel, schwarzer Kaschmir, sehr lang,
männlich schlicht, im Preis herabgesetzt. Ich bat meinen Mann, ihn mir zu kaufen, was er schließlich mit knirschenden Zähnen tat, ich hatte selber noch keine Kreditkarte, und das hat er mir nie
verziehen: ich machte meine Rechte als verheiratete Frau geltend.
Ich lernte Walter und seine Familie kennen, bei denen wir zu Abend aßen, wenn wir nicht irgendwo in einem Jazzkeller oder einer irischen Kneipe saßen. Mit Walter liefen wir durch die Stadt, in
alle Richtungen, bis nach Harlem hoch. Wir wurden von ihm auf eine Tour durch den Central Park mitgenommen, dessen Geschichte er geschrieben hatte. Ich traf May wieder, und die vier Freunde
versammelten sich bei ihr um den Dinnertisch, wir Frauen warfen uns vielsagende Blicke zu, wieder verstand niemand, worüber die Männer redeten.
In Greenwich Village standen wir vor dem Haus, in dem mein Mann während seines Studiums mit Charlie wohnte, saßen immer wieder in Bars, die er von früher kannte, wir liefen am Haus des
Schriftstellers vorbei, dessen Hilfe er für mein Schreiben erbitten wollte – er wagte nicht, an seine Tür zu klopfen. Ein wenig später, als wir wieder zu Hause waren, starb dieser an Krebs.
Zu Hause wurde mein Mann wieder grantig. Hier sind Aufzeichnungen von damals:
„Gestern nacht kam mein Mann um Mitternacht nach Hause, war kaum betrunken. Ich sprang glücklich aus dem Bett, sagte zu ihm, er sollte doch endlich sein Weihnachtsgeschenk aufmachen. Er schüttelte
das Paket und erriet, was es enthielt. A scrabble? sagte er, that’s good. It will make me come home earlier. I’ll always loose, sagte er, with all your languages you’ll beat me. Mais non, sagte
ich, look, we play in one language only, in English. You’re a journalist, your vocabulary is much bigger than mine.
Ich wußte sofort, ich hatte etwas Falsches gesagt. Mein Mann will nicht wissen, wer gewinnt und warum, er wird wahrscheinlich nie mit mir spielen. Er macht nur höfliche Konversation, schreibt
Floskeln in die Luft, die ich mit meiner deutschen Ehrlichkeit plattwalze. Ich war überängstlich, froh, daß er überhaupt mit mir sprach. Ich erwähnte einen Artikel von Georg Steiner über Wagner,
von Wagner gerieten wir auf eines seiner Steckenpferde, Juden. Alles was die Geschichte der Juden angeht, fasziniert ihn. Doch hat er zu ihnen ein ambivalentes Verhältnis, weil sie seinem schweren
Schicksal, ein Ire zu sein, Konkurrenz machen. Es scheint für ihn eine echte Streitfrage, wer von beiden Völkern mehr gelitten hat. Er sprach davon, daß einige der nicht assimilierten Juden
zustimmten von den Nazis wieder in den Osten geschickt zu werden, weil sie fanden, daß ihre Art und Rasse innerhalb der westlichen Kultur zugrunde gehe, und von der Ironie die darin steckt, daß
sie dann direkt in die Vernichtung gingen. Ich sagte, das erinnerte mich an die Integristenbewegungen der heutigen Zeit, die ihre Völker vor den Gefahren der westlichen Welt schützen wollen, was
darauf hinausliefe, daß sie ihre eigenen Leute umbrachten, wie gerade in Algerien. Da stöhnte mein Mann mit zum Himmel gedrehten Augen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, weil doch mit mir
keine Unterhaltung zu führen sei. Er rede nur über phänomenale Dinge und stelle keine Wertmaßstäbe auf. Ich antwortete, es wäre schwer für mich, im Fall der deutschen Vergangenheit ironische
Gedankengänge nachzuvollziehen, ich hielte das eher für Tragik. Da hatte ich alles falsch verstanden, ich hatte keinen Geist, ich war leider ganz anders, als er zuerst annahm, hatte ihn sehr
enttäuscht, ich konnte nur in Klischees reden. Er hatte geglaubt, ich sei intellektuell unabhängiger, doch ließ ich mich nur von Emotionen beherrschen, im Grunde war ich nicht mehr als eine
Hausfrau. Warum redest du so mit mir, fragte ich ihn. Weil das die Wahrheit ist, außerdem war ich eine wahre Katholikin, die nur so tat, als wäre sie liberal. Er stieß mich von sich. Ich hatte
ihm, wie jeden Abend, Schuhe und Socken ausgezogen, und seine Füße lagen auf meinem Schoß. Er stand auf, um ins Bett zu gehen.
Im Bett murmelte er und ich konnte ihn kaum verstehen, I wanted my wife to be my partner in everything. Ich sagte, das sei ich doch. Ich lag dicht an seinem Rücken und meine Hand streichelte
seinen Arm. Er drehte sich mit einer wilden Bewegung von mir und sagte, I want to sleep now. Ich stand auf, um mich nebenan auf die Couch zu legen. Da brüllte er auf, can’t I ever have peace in my
own house. Ich legte mich wieder hin und fragte, shall I hug you? Lie down and sleep, sagte er. Mein Herz klopfte wie wahnsinnig. Es war spät, ich legte meinen linken Arm um ihn, die Nase an
seinem Rücken. Als ich um sechs aufwachte, war mein erster Gedanke, ich muß ihn verlassen, ich habe ihn enttäuscht. Ich interessiere ihn nicht. Er will nicht hören, was ich zu sagen habe.“
„Es ist so leicht, sich hinzusetzen und sich seinem Sein hinzugeben, sich in seinem Leiden zu baden, die Seele darin plätschern zu lassen. Es ist schwer aufzustehen und das jetzt aufzuschreiben,
weil die Gedanken in eine Bahn geleitet werden müssen, um ihnen eine Fassung zu geben, dem in alle Richtungen gleitenden Sein eine Richtung aufzuzwingen. Gerade warte ich wieder, daß mein Mann
nach Hause kommt. Ich habe Pillen genommen und werde gleich schlafen. So ist es jeden Tag, seitdem wir verheiratet sind. Früher war die Hündin da, die er liebte, jetzt läuft er mir jeden Tag nach
dem Mittagessen davon und kommt immer später wieder. Unsere Beziehung ist eine Zweckbeziehung geworden: ich wohne umsonst hier, koche, putze und bezahle die Haushaltskosten. Er sagt, ich bin ein
Parasit, bin zu so etwas wie einem Luxusweibchen geworden, bellt mich jeden Tag an, ich soll Arbeit suchen. Er hat sich verändert, ist kalt und tot mir gegenüber. Er sagt, er hat Unerträgliches
durch mich gelitten, er will mit mir nichts mehr zu tun haben. Ich mache immer wieder Schritte auf ihn zu, doch wenn ich ihn in einem Café treffen soll, läßt er mich sitzen, er kommt zu spät zum
Essen, er kommt überhaupt nicht. Er hat schlechte Laune. Die Wohnung gefällt ihm nicht, nichts ist so, wie er es haben möchte.
Ich lebe neben einem Mann, der mich nicht wahrnimmt. Ich habe Sehnsucht nach ihm, seiner Liebe, seiner Aufmerksamkeit, seiner Anwesenheit. Ich traure um ihn wie um einen verlorenen Liebhaber, der
nicht wiederkommt.
Ich lese Nancy Friday. Sie zitiert Dr. Sanger: „The subtle deprivation of physical demonstrations of affection that little girls often suffer from their mothers makes women more vulnerable to fear
and the loss of attachment, they were never sure of to begin with. It makes women greedy to hold on even to men who treat them badly...“
Als ich anfing, mich bei verschiedenen Zeitarbeitfirmen einzuschreiben, stieß ich auf Schwierigkeiten. Immer wieder schickte man mich irgendwo hin, wo ich auf dem Computer arbeiten mußte. Bis eine
Firma mich wegen meiner Sprachkenntnisse für den Export einstellte und einwilligte, mich im Computerwesen zu schulen. Das war wie gleichzeitig nochmal das Alphabet und eine neue Sprache lernen.
In meinem Zimmer in Münster flüchte ich mich gelegentlich in mein altes Tagebuch, versuche Geschichten und Gedichte zu schreiben, mache eine neue Eintragung:
„Ich liebe das Sinnlose. Und das scheinbar Sinnlose. Mein Leben hat keinen Sinn mehr. Und keinen Inhalt. Nur ab und zu einen Reiz.
Es regnet seit Tagen. Eine weiße Finsternis umfängt alle Dinge. Ich verlasse das Bett nur, um zum Geschirrspülen in’s Conti zu fahren. Ein wenig Leben ist nur in meinen Träumen, wenn ich, vom
Lesen müde, einschlafe. Einen Menschen habe nicht, wenn ich jemanden treffe, der mich verstehen könnte, öffnet sich mein Mund nur zu törichten Worten.
Es ist draußen, als gäbe es kein Leben mehr. Die zu mir eindringenden Geräusche sind steril, die Regentropfen tönen hohl, das Himmelszelt ist mir wie ein Gefängnis, erdrückend, bedrückend,
ausweglos. Die Unlust an allem nimmt mir jede Initiative. Geld habe ich keines mehr, noch etwas zu essen oder zu rauchen. Wie wäre es, wenn ich nur liegenbliebe....“
Ohne ihn zu kennen, schreibe ich ein Wort von Beckett auf: J’aime les vieilles questions, les vieilles questions et les vieilles réponses, il n’y a que ça.
V. Yankilevsky, Dialog
mit den Selbst, Zinkradierung, 1972
Doch ich sage mir, ich muß auf ein Ziel hinleben, muß mir Lebensmaximen zurechtlegen – aber welche? Ich muß
lernen, mich zu konzentrieren, will mich nicht mehr treiben lassen – aber wofür? Ich muß mich auf einen Weg der Härte und des Verzichts begeben – aber wohin soll es gehen? Ich starre in das
undurchdringliche Grau meiner Zukunft, mein zukünftiges Dasein als Lehrerin in einem kleinen katholischen Dorf, Trübheit und Einöde eines kleinen Lebens, das seine große Brust jeden Morgen in die
Kirche trägt. Jede Nacht vor Schlaflosigkeit sich verzehrt. Das Korsett des guten Betragens, der guten Sitte, die Arbeit, der Ärger mit den Kindern, die Angst, nicht zu genügen. Keine Liebe, keine
Freude, keine Freiheit. Ich zünde ein Streichholz nach dem anderen an, ich explodiere mit dem Schwefel und sehe in die gelbrote Flamme, die ich bis zu meinen Fingerspitzen laufen lasse. Ich will
Feuer, Leidenschaft, Schönheit. Mein Gott hat sich in den Weiten des Weltalls in Nichts aufgelöst, wenn er Worte hätte, wären es nicht die der Menschen, ich horche nachts auf die dumpfe Stimme
meines Herzens, das nur mehr schmerzhaft schlägt, nicht mehr spricht. Wie kann ich Kindern eine gute Botschaft überbringen, an die ich nicht glaube? Ich bin aus einem Guß, bin kein
Verstellungskünstler, die Wahrheit soll in mir brennen, so bin ich.
Ich schreibe eine Kurzgeschichte:
„Ich stehe vor der Wahl, ich kann mich nicht entscheiden. Erstmal lehne ich mich an die Wand und rauche. Die Straßenbahn wirft ihr Vibrieren durch den Stein zu mir. Ich möchte auch in der
Straßenbahn sitzen und ein Ziel haben, z.B. eine Tante besuchen, die mich eingeladen hat, bei ihr zu Abend zu speisen, der Speckkopf, der vor mir sitzt ekelt mich an, und ich bin wütend, dieser
Einladung folgen zu müssen, die meine Tante sich verpflichtet fühlt, mir, einem Alleinstehenden, aussprechen zu müssen. Die Straßenbahn läuft geschmeidig durch die Altstadt und ich weiß, was mich
erwartet: andächtiges Starren in Kerzen, die meine Tante, eine Kriegerwitwe mit abwesendem Sohn und einem Untermieter, glaubt anzünden zu müssen, diskretes Kauen unterbrochen von lautem
Kehlkopfgehüpfe des Schluckens, seitliches höfliches Neigen des Kopfes auf ihr Erzählen hin, ja, daß meine Cousine Lieschen wirklich diesen Mann, der um so vieles älter ist als sie, und überhaupt
so ungehobelt, fast ungebildet sei, ja und das Asthma meines Vater, ihres Bruders hat sich noch immer nicht gebessert, ich muß dazwischen immer wieder ihre Kochkunst loben bis mir das Essen fast
wieder hochkommt, muß die Worte, die Superlative häufen und mir über den herausstehenden Magen streichen und versichern, dieses gute Gefühl der Sattigkeit zu haben wie ehedem an Mutters
Fleischtöpfen, was mich schließlich so weit bringt, daß ich den Mund geschlossen halte, um einer aufsteigenden Übelkeit den Weg zu sperren und ich so vorbereitet bin auf den langen Monolog meiner
Tante. Ich steige nicht aus der Straßenbahn und lasse mich wohin anders treiben, dafür bin ich nicht vorbereitet, außerdem stoße ich Menschen, die etwas Gutes an mir verüben wollen, nicht gern vor
den Kopf.
Das Vibrieren läßt nach und ich rauche. Ich habe keine Tante und habe noch nicht entschieden. Was ich möchte? Ich möchte in die lila Dämmerung laufen, die Autos, Straßenbahnen, Häuser und Bäume an
mir vorbeiflitzen sehen, meinen Kopf schwenken, daß mir die Haare in die halb schwindelige Stirn fallen, sittsamen Spaziergängern die Hüte vom Kopf reißen und sie in Regenpfützen werfen, daß sie
tief, tief in die Unendlichkeit fallen, ihren Frauen die Röcke hochheben und sie in die verwelkten Schenkel kneifen, und Bäume und Straßenbahnen hinter mir lassend auf die kleine rosa Wolke
fliegen und von da ihre Entrüstung ansehen.
Ich wünsche mir, es regnete. Es regnete das Grau und Naß. Ich würde hingehen, langsam die verwesenden Blätter des Herbstes mit den Schuhen vor mir herschieben, die Bäume reckten sich über mir wie
Gespenster vor dem riesigen Loch des Himmels. Ich ginge an das Ufer des Flusses, dem Domizil der Heimatlosen. Keine Bäume, keine Blätter, nur das nasse Zittern der Luft. Meine Hände in den Taschen
fangen an naß zu werden, meine Füße gehen auf kleinen Strandbrechern, die der Fluß schickt. Hier würde ich mich hinsetzen, nein, hinlegen. Ich würde mich auf die Seite legen, die Knie halb
angezogen, wie ein Embryo, im riesigen Mutterleib der Natur. Bis ich ganz durchnäßt wäre, würde es nicht länger als zehn Minuten dauern, ich würde etwas dazu summen, ein Lied, und den Fluß ziehen
hören. Dann würde das Selbstmitleid heiß in mir hochsteigen, ich, hier, in Kot und Dreck und Nässe. Langsam würde ich mit gestreckten Beinen dem Fluß zurollen. Leise knirschende Schritte eines
Pärchens würden mich abhalten.
Anstatt mir eine neue Zigarette anzustecken, könnte ich mein regelmäßiges Profil durch weiße Schminke vervollkommnen, mich duschen, pudern, parfümieren und meinen schwarzen Samtanzug anziehen, die
schwarze Fliege umbinden und in die Stadt fahren. Ich würde mich schwerelos von der Straßenbahn lösen und meine Nase durch die City tragen, sowohl Mädchen wie auch Männer unsicher machen.
Vielleicht könnte ich wirklich eine dieser Frauen, die in weißen Sportwagen durch die Straßen fahren kennenlernen. Mein geistreiches Geplauder und meine erstklassigen Manieren würden sie mir für
die Nacht sicher machen.“
Durch eine Bekannte finde ich einen besseren Job, nachmittags und abends Kino-Einlasserin, ich muß hinten im Saal jeden Tag den gerade gespielten Film ansehen, ich sehe viele Filme vielmals; dann
bin ich Kassiererin, sitze im kleinen Häuschen im Eingang. Es ist Winter und als ich auf der vereisten Straße ausrutsche, meine rechte Augenbraue aufschlage, die im Krankenhaus vernäht wird, habe
ich sechs Wochen lang ein blaues Auge, das ich hinter dunklen Gläsern und unter einem Pony verstecke.
Manchmal besuche ich Vorlesungen an die Universität, wo man über die Sachen, die mich interessieren spricht. Ich nehme an einem Seminar über Gottfried Benn teil, höre einen berühmten Professor
über die französische Sprache. Zum Mittagessen gehe ich in die Mensa der Universität, die P.H. ist weit weg.
Ich lese, wo ich geh’ und steh’. Ich lese Jorge Luis Borges, Der schwarze Spiegel und Labyrinthe, gerade im Taschenbuch erschienen, lebe in diesen weiten Geschichten, wo das Leben sich endlos in
seltsamen Schicksalen reflektiert und jede Gewißheit sich im unübersichtlichen Gewinde der Psyche verliert. Ich lese André Gide auf französich. Wie seine Helden versuche ich, mein Gesetz in mir zu
finden, doch wer bin ich? Immer wieder lese ich Baudelaire, seine Gedichte und seine Kurzprosa. Meinen besonderen Kern entdecken, der meine Natur ausmacht. Bin ich nicht wie er, jemand, der sich
nie vergißt, ist nicht das Kostbarste mein Bewußtsein, das mir erlaubt zu fühlen, daß ich bin und wer ich bin?
„Tête-à-tête sombre et limpide
Qu’un coeur devenu son miroir!“
schreibe ich auf, absorbiere ich ihn. Wie bei ihm kollidiert das tiefe Gefühl meiner eigenen Nutzlosigkeit mit dem Haß auf das Nützlichkeitsdenken der Menschen, mein dunkles Selbst martert und
quält sich im Versuch, sich als eine Einheit zu finden. Wie ihn begleitet mich der „ennui“, da mir aller Sinn geschwunden ist. Ich gebe mich dem Auf und Ab des Lebens hin, da alles nur ein Spiel
ist. Wie sein Dandy will ich sein, absoluten, aristokratischen Gleichmut in allen Dingen zeigen, meine einzige Religion: zu fühlen und zu denken.
Am Endes des Winters habe ich meine erste wirkliche Liebesbeziehung. Sie dauert nur achtundvierzig Stunden, in denen wir durch alle sieben Himmel gehen. Wir lieben uns und reden zwischendurch bis
an die Grenzen unseres Seins. Wir sind hungrig und durstig nach nichts als uns in dieser Blase des Glücks widerzuspiegeln. Ich verlasse den jungen Mann, um in den Zug zu steigen, weil die
Osterferien anfangen. Bei meinen Eltern erhalte ich einen Brief:
„Du wunderst Dich, daß ich Dir zuerst schreibe. Aber ich habe Dir etwas zu sagen... mein Zynismus und meine tätsächliche Kontaktlosigkeit. Du warst davon eine Ausnahme, weil ich Dich brauchte.
Zuerst wollte ich Dich nur gebrauchen, dann – zu Hause – warst Du mir zu wertvoll. Dann warst Du mir lieb. Deshalb ist es so weit gegangen.
Du hast mir geholfen, den Ekel vor allem Geschlechtlichen – den Kalle in mir erzeugt hat – abzudecken. Deshalb brauchte ich Dich. Aber es war mehr. Ich denke nicht mehr an den Zweck, den ich
verfolgte; ich denke daran, daß es so schön war wie es für meine Absicht gar nicht erforderlich gewesen wäre. Deshalb habe ich mir Mühe gegeben, auch für Dich etwas mehr zu sein. Du hast mich
meine beabsichtigten egoistischen Ziele vergessen gemacht.
Wenn Du mich ganz kennst, wirst Du wissen, daß ich heute nicht mehr für eine lange Liaison tauge. Und es nicht will. Ich sehe Dich gern, doch wird es kein Versprechen geben, sei klug und bewahre
Dich vor einer Enttäuschung.“
Ich bin natürlich nicht klug. Aussichtslose Liebe läuft einer Illusion hinterher, an deren Realität sie hartnäckig glaubt, weil sie sie angeritzt hat. Ich denke Tag und Nacht an den jungen Mann,
versuche ihn zu treffen, schreibe Briefe, die ich nicht abschicke, verstehe seine Gründe nicht, warum schickt er mich weg, wenn es doch so schön war? Abends betrinke ich mich in der „Cavete“, der
Studentenkneipe, wo die läufige Studentenschaft sitzt und sich mit Bier volllaufen läßt. Noch einmal besuche ich ihn in der Wohnung, wo er mit einem Freund wohnt, ich verbringe einen Abend mit
ihnen, an dem letzterer Garcia Lorcas Klage um Ignacio Sanchez Mejias halb auf Spanisch halb auf Deutsch deklamiert, wobei er die schwere Capa eines Stierkämpfers schwingt. Danach kommt es ganz
dicke. Zu viel trennt uns, er will sich mit unsereins nicht ernsthaft abgeben. Sein Vater ist Staatssekretär, das erlaubt ihm nicht, mit mir gesehen zu werden, ich habe einen schlechten Ruf,
sowieso glaubt er nicht an die Liebe. Ich bin konsterniert, mein unkonventioneller Lebensstil schlägt mir quasi ins Gesicht, und sonst habe ich ihm in der Tat nichts anzubieten, als meine
schüchterne Ehrlichkeit und mein großes Herz hinter einem großen Busen. Mein Schmerz läßt lange nicht nach. Ich irre in der Stadt herum, laufe oft die Promenade entlang, diesen Parkstreifen, der
die Innenstadt umgibt, verlaufe mich in Selbstvorwürfen, fühle mich verrucht, doch nicht glorreich verrucht, eher verloren, ausgestoßen.
Ich muß meinen Vater manchmal um Geld angeschrieben haben, der rosa Abschnitt einer Postanweisung über achtzig Mark, die er mir im Juni 1962 schickte, liegt vor mir. Ich zerreiße ihn und werfe ihn
in den Papierkorb, wie alles andere, das ich jetzt ausgrabe und durchsehe. In den Sommerferien bleibe ich in Münster, ich habe kurz einen Putzjob, arbeite dann an der Post neben dem Bahnhof in
einem langen Raum, vor mir lauter Fächer mit Ortsnamen, in die ich Briefe sortiere. Im September ziehe ich zum fünften Mal um. Einer meiner adeligen Bekannten kennt jemanden, der Zimmer billig in
einem der Schlösser der Umgegend vermietet. Dort ziehe ich ein.
Das Schloß heißt Hohenfeld. Es liegt abseits der großen Straßen, umgeben von Eichen und Eßkastanien. Das eigentliche Schloß ist nicht mehr als eine Ruine, da es während des Krieges von Soldaten
bis Flüchtlingen viele verschiedene Gruppen beherbergt hat und nicht wieder restauriert wurde. Ich wohne mit anderen in der Dependance neben dem Schloß. Man betritt einen Flur, von dem es links
unter der Treppe abgeht in den Raum, wo die Wasserpumpe steht. Unsere Zimmer sind oben. Mein Zimmer ist gleich links. Es ist mittelgroß und hat schöne alte Möbel, die Max, dem Baron, gehören und
einen Bollerofen. Gleich daneben wohnen die zwei Medizinstudenten, hinten ist Brigitte. Brigitte ist kokett, schalkhaft, hübsch mit dunklem Haar, arbeitet nicht, wartet jeden Tag auf ihren
großbürgerlichen Geliebten, dessen Vater in Münster ein Jagdgeschäft unter den Kolonnaden hat. Rechts von der Treppe ist ein Badezimmer, das in einem sehr schlechten Zustand ist, der rote
Bodenbelag wölbt sich feucht, die Wände sind porös und verwittert, doch das ich sofort anfange zu putzen. Daneben ist eine riesige Küche, in der nie gekocht wird, wo nur ab und zu ein Hase oder
ein Fasan liegt, die der Baron Brigitte mitgebracht hat. Dahinter wohnt ein griechisches Ehepaar.
Zu Anfang bin ich voll guter Vorsätze, besorge mir ein Fahrrad, mit dem ich zur P.H. fahre. Bei schlechtem Wetter gehe ich einen Kilometer weit zur großen Straße, die von Roxel nach Münster führt
und warte auf den Bus. Dies ist Droste-Hülshoff-Land, hinter Roxel liegt eins ihrer Schlösser. Es ist Herbst, wir lassen uns Holz und Kohle liefern, die wir unten im Schuppen lagern, machen unsere
Öfen an und schmoren die Eßkastanien. Ich laufe in den Wäldern herum, denke nach. Warum kann ich nichts wollen? Ich sage es laut, schreie es. Ich habe keine Angst allein. Im Dorf nebenan geht man
dem Schloß nicht nahe, es spukt dort seit eh und je, sagt man, Merkwürdiges geht hier vor.
Als mein Vater eines Sonntags nachsehen will, wie es bei mir im Rattenschloß, wie er sagt, aussieht, mache ich mich unsichtbar. Ich bin allein im Haus, sehe sein Auto in den Hof fahren, das
Eindringen einer Bedrohung in meine Welt. Wie kommst du zurecht? wird er fragen. Der alte mißtrauische Blick. Fragen, Vorwürfe. Inquisition. Meine Eltern gehen um das Haus herum, rufen mich immer
wieder. Ich muckse mich nicht. Sie fahren wieder weg.
Der Winter wird sehr hart. Ich habe einen Freund, einen jungen Dichter, der oft bei mir wohnt. Wenn er nicht da ist, muß ich nachts selbst mit der Taschenlampe nach draußen und aus der dunklen
Remise die Kohle hochholen und im Bollerofen nachschütten, der bis zur Weißglut geheizt ist. Brigitte trifft ein Unglück. Sie ist schwanger. Ihr Freund bezahlt für eine Abtreibung, doch will er
wohl nicht zu viel blechen, Brigitte muß zu einer Engelmacherin, die ihr mit einer Stricknadel in die Fruchtblase sticht. Dann entläßt sie sie nach Hause. Brigitte wartet tagelang. Ihr Freund
zeigt sich nicht. Dann schreit sie stunden- und tagelang. Das Blut strömt nur so aus ihr raus. Die Medizinstudenten verschwinden, die Griechen schauen hilflos um die Ecke. Ich bin da, versorge
Brigitte mit Watte, halte ihre Hand. Ich soll keinen Arzt rufen, doch als sie ohnmächtig wird, fahre ich mit dem Rad zur nächsten Telefonzelle und rufe eine Ambulanz an.
Der Winter ist hart. Wir haben Probleme mit der Wasserpumpe. Das ist ein altes Ding. Damit sie wieder Wasser in den Boiler hochpumpt, muß jemand von uns auf einen elektrischen Knopf drücken und
gleichzeitig das Pumprad mit dem Fuß anwerfen. Doch in der Kälte ist das Wasser gefroren. Wir holen uns draußen einen Topf voll Schnee, den wir auf dem Ofen aufheizen und dann ins Zulaufrohr der
Pumpe schütten, bis drinnen das Eis geschmolzen ist, und werfen dann die Pumpe an – wenn wir Glück haben. Das Wasser, das aus der Leitung kommt, ist natürlich eiskalt. Für gewöhnlich wasche ich
mich vor dem Waschbecken von Kopf bis Fuß, einmal versuche ich den Badeofen zu heizen, um ein heißes Bad zu nehmen, es ist einfach zu kalt zum Waschen, es friert Stein und Bein. Der Ofen zieht
nicht, starker Rauch treibt mich hustend aus dem Bad.
Das Leben ist hart auf dem Schloß, die täglichen Überlebenstaktiken nehmen allein viel Zeit weg, und: der Ofen darf nie ausgehen. Ich höre auf, zur P.H. zu gehen. Brigittes Freund zeigt sich
wieder. Er läßt verlauten, ich sehe aus wie eine Nutte. Ich schminke mich, ziehe schwarze Striche um meine Augen, tusche meine Wimpern, toupiere meine Haare. Brigitte braucht das nicht, sie hat
volles dunkles Haar, über weiten Backenknochen grüne Augen, deren äußerer Winkel sich leicht zur Schläfe hin hochzieht, von Natur schwarz gebogene Wimpern und eine Art damit zu klimpern, wobei sie
sich kichernd wiegt, die jeden Mann entzückt. Der alte Baron kommt oft, sie zu besuchen. Auch meine nicht vergessene Liebe, dem ich sie vorstelle, findet sie interessanter und anziehender als
mich, womit er mir den Rest gibt.
Ich kichere auch sehr viel, wenn ich mit Leuten zu tun habe, doch niemand findet das charmant. Da sind die vielen, die mein immenser Busen anlockt, sie sind mir widerlich, von einer Sorte, die ich
verabscheue, ungehobelte Typen, die mir ins Gesicht Bemerkungen machen, ich hätte ein Kreuz wie ein Mann; mein Busen wäre schöner als mein Gesicht. Lüsterne Fotografen, die mich nackt aufnehmen
wollen. Häßliche Kümmerlinge, deren Blick mich auf Busenhöhe trifft, die mich beschimpfen, wenn ich stur bleibe, ich bin wie eine öffentliche Einladung für Fieslinge, die ihre Knetkünste an meinen
Brüsten versuchen, ihn als Kopfkissen benutzen, sich zwischen ihnen selbstbefriedigen wollen. Mein Körper ärgert mich, ich bin voller Wut, ihn herumtragen zu müssen und Opfer von Beleidigungen und
Verachtung zu sein. Er ist nicht ein Instrument, mit dem ich mein Leben gestalten, glücklich und erfüllt sein kann. Ich gewöhne mir an, mich spöttisch von ihm abzusetzen, ihn zynisch übertrieben
zu verhöhnen, mich über ihn lustig zu machen. So kichere und lache ich sehr viel, mein Lachen ist wie eine Sprache, weil ich nicht weiß, wie mein Gegenüber fühlt, wie es über mich denkt, ob es
mich nicht ablehnt, wegen des Busens oder wegen was anderem. Ich will mich entschuldigen für mich selbst, dafür daß ich bin so wie ich bin, nicht nur aufreizend und unbedeutend, sondern auch
ungeliebt, verworfen, ausgestoßen. Dem will ich die Spitze abbrechen, um zu zeigen, da ist in mir auch eine Tiefe und vielleicht trügt der Schein.
Mein Freund Hermann sieht meinen Schmerz und meine Verwirrung. Du solltest nicht so viel lachen, sagt er. Er hat diese Art, mir mit seiner gewölbten, warmen Hand über die Augen zu streichen, von
oben nach unten, als wollte er sagen, mach sie zu, sieh in dich hinein, über den Busen hinaus, die mich berührt, in der ich jedoch allein bleibe. Denn in mir ist die Welt auseinandergebrochen, ich
gehöre nirgends mehr hin, gehe von nun an meine eigenen Irrwege; um in mir wohl zu werden will ich nicht in Konformität, Gewöhnlichkeit und Gewohnheit meine Gefühle, Empfindungen, Überzeugungen
ersticken müssen, will keinem Ziel, keinem Gebot, keiner Autorität folgen, die ich nicht akzeptiere. Dazu gehört mein zukünftiger Lehrerberuf, nach einem kurzen Praktikum sehe ich, daß ich nicht
aus dem Loch meiner alten Unsicherheiten in ein volles Klassenzimmer springen, neugierigen, aggressiven, gelangweilten jungen Augen begegnen, mich nicht in ein Getümmel von Worten, Begriffen,
Meinungen stürzen kann, die ich nicht geformt habe.
Im Frühjahr ist meine Entscheidung gefallen, ich werde mich nicht für ein weiteres Semester einschreiben. Ich finde Arbeit als Zimmermädchen in einem Hotel garni in Bahnhofsnähe und ziehe um. Mein
Zimmer ist im zweiten Stock des Hauses, in dem das Hotel die zwei oberen Etagen einnimmt. Morgens früh muß ich das Frühstück in der kleinen Küche vorbereiten und mit einem weißen Schürzchen
angetan die Gäste im Frühstückszimmer bedienen. Danach mache ich die Zimmer einer Etage fertig, meine Kollegin Gerda beschäftigt sich auf der anderen. Ich lerne Betten schnell ab- und aufzuziehen,
den Staubsauger durch die Zimmer zu jagen. Mittags sind wir frei, doch am Nachmittag muß je eine von uns im Empfang sitzen.
Mein Vater kommt angefahren. Endlich kann er mich packen. Er sitzt in meinem kleinen Zimmer auf dem einzigen Stuhl, mit meiner Mutter auf der Bettkante, spricht zu mir mit seiner langsamen,
gewichtigen Stimme. Ich habe mein Leben vermasselt, ich bin tief gesunken, niemals komme ich wieder hoch. Vor den Leuten schämt er sich meiner. Es wäre besser gewesen, er hätte eine Kuhmagd aus
mir gemacht. Viel zu viel gelesen habe ich und nichts richtig verstanden.
Den Sommer verbringe ich im Hotel, in meiner Freizeit hocke ich auf dem Balkon der oberen Etage, schließe die Augen, das ferne Rauschen des Verkehrs erinnert mich an das Meer, abends sehe ich im
Kino Bergman-Filme. Eines Tages betritt das Prager Suk-Trio mit Instrumenten in der Hand den Empfang. Ich führe die Herren zu ihren Zimmern, erzähle, ich liebe Kammermusik. Sie geben mir eine
freie Eintrittskarte. Später werde ich das Suk-Trio mehrmals in Paris, einmal in London und dann in Los Angeles wiedertreffen.
Am Ende des Sommers beantworte ich eine Anzeige in der „Zeit“ in der eine Kölner Buchhandlung Bewerbungen für Lehrlinge entgegennimmt. Ich werde akzeptiert.
Mein Mann betrügt mich.
Liebe ist ein Wort, das vor Bedeutungen nur so platzt. Alle wissen, was das ist, aber jeder meint damit etwas anderes. Es hat zu tun mit etwas, das uns tief in der Seele guttut, uns einen Moment
die kleisterliche Schwere des Lebens nimmt und das uns mitreißt im ewigen Strom des Lebens. Liebe ist die unbewußte Erinnerung des Ganzheitsgefühls, das wir als wachsender Zellenhaufen vom
Fruchtwasser der Mutter umgeben, und dann noch ab und zu in ihren Armen und an ihrer Brust hatten, denn am Anfang ist nicht das Wort, das hat sich ein Denkender ausgedacht, um damit zu herrschen,
sondern das Gefühl, das eine Art Substrat dessen ist, was an Menschlichem in uns wächst. Wir haben viel an Spiegelfechterei, Paradox, Sentimentalität, Selbstgerechtigkeit und Nutzdenken in die
Liebe gepackt, um zumindest eine kleine Ecke davon zu erhaschen, doch ist sie schlüpfrig wie die Zeit, die wir nicht eine einzige Sekunde anhalten können.
Mit dem Liebesleid, das gleich bei der Geburt anfängt, ist es anders. Das ist etwas ganz Handfestes, ist das Gewöhnliche, Normale. Am Liebesleid hat sich das Wort gezündet, denn das Mißglücken
unseres Glücks, das Scheitern ewiger Seligkeit facht den Geist in uns dazu an, dieses zu transzendieren, das Leid in etwas anderes umzubiegen und zwingt uns, am dialektischen Spiel dessen, was wir
Leben nennen, teilzunehmen.
Was auf mich zukam, hat mich fast zerrissen. Wie sie da Hand in Hand vor mir standen, Priscilla nackt unter ihrem Pelzmantel, mein Mann in seinem blauen Damastmorgenrock, und mir sagten, sie
liebten sich, wurde ich zuerst verrückt vor Schmerz. Sie spotteten meiner Vorstellung, ich sei jetzt nicht mehr allein, hätte eine normale Ehe mit einem normalen, obwohl schwierigen Mann, den ich
immer wieder erobern, dem ich immer wieder verzeihen mußte. Sie traten mit Füßen, was ich mir bis jetzt erobert hatte, in der Wohnung, im Viertel, in meinem eigenen Kopf: sie vernichteten mich als
Individuum. Meine Nachbarin erzählte mir, eines Morgens hätte eine Frau lange an die Wohnungstür geklopft bis schließlich mit der Faust gehämmert, bevor mein Mann ihr aufgemacht hatte. Die
Concierge erwähnte einige Tage später, sie hätte eine ihr fremde Frau mit eigenem Schlüssel die Wohnung betreten sehen. Mein Mann bestritt nichts. Das hatte er immer so gemacht. Zwei Frauen
gehabt. Ich hatte keine Exklusivrechte über ihn, ja, er hatte mich gar nicht heiraten wollen. Und diese Priscilla stammte von den Mayflowerleuten ab, wie alter amerikanischer Adel, für einen Iren
wie ihn eine schöne Eroberung.
Ich nahm notgedrungen an seinem Liebesleben teil. Um mehr Zeit für sie zu haben, ging er zwei Stunden später zur Arbeit und kam entsprechend später nach Hause. Er erzählte mir, was sie zusammen
gemacht hatten, wohin sie gingen, in Restaurants, in denen wir früher Dauergäste waren, im Viertel, Hand in Hand und wie die Nachbarn komisch guckten. Ich fand die Rechnung eines teueren Hotels,
mit Lieferung einer Flasche Champagner aufs Zimmer. Ja, sagte er, Priscilla hätte den nicht trinken wollen, sie wäre streng religiös. Und da wären Schwierigkeiten wegen der Medikamente, die er
einnahm, er hatte es am Herzen wie sein Vater, diese machten eine Erektion schwierig. Dann hatte er eine Pilzkrankheit, von Priscilla übertragen, deren Mann viel reiste, und ich lief weinend zu
meinem Arzt, ließ mich gleich auch auf Aids untersuchen.
Ich schrieb ihm einem Brief:
„Dear lover and husband,
why would I write you a letter if not to say the things that are difficult to say in everyday language? All through your affair with P. you have been leaving a trail of signs behind you like
Hänsel und Gretel in the old German tale, who get lost in the big woods, remember? They drop pebbles to mark their trail, but fall into the hands of the bad witch anyhow. You give me clue after
clue which you want me to read – maybe.
If in my anger and pain the other day I said I was your doormat, I wasn’t so wrong after all. Over the doormat one walks leaving one’s dirt without staying. You have burdened me from the beginning
with all your flaws and failed hopes. I should become the writer you couldn’t be. I should keep your house, so you can have a nice front and fit in with the others. I have to act rationally so you
can flip out.
You say, you love me. Let me quote an expression of Joyce about real love being the immersing into the ocean of the other’s soul and the desire of good for the other. I don’t think any other woman
has become so close to you as I and has dared to swim out into the wide ocean of your soul with the danger of going under. You hate me for this and you send out the sharks of your alcoolism and
egotism, because you want me to drown so that you can go on in your self destruction. You have a small hope that I will not drown, that I can save you and that is why you drop all those clues I
talked about. You challenge me in order to see if I hold on to you or not, if I love you enough to brave the dangers of these high seas into which you lead me. Tell me if I’m right.“
Mein Mann warf meinen pathetischen Brief von sich, abfällig. Ich lebte weiter, magerte ab und ging zur Arbeit. Dann kam der Umzug in die neue Wohnung. Als mein Mann zusammen mit seiner ersten Frau
in die alte Wohnung zog, ließ sie alles stehen und liegen und fuhr vier Wochen nach Texas in Urlaub. Als sie wiederkam, wurde es nicht viel anders, Bücherberge, Schuhe, Kravattenständer,
Haarbürsten, Zeitungen lebten ein anarchisches Nebeneinander mit ihrer häßlichen, gelben Couch. Es gibt Photos davon. Sie war keine Hausfrau gewesen, diese Frau, eine Intellektuelle, die Lacan
las, zu viel rauchte und ihre eigenen Mutterprobleme hatte. Ich ertrage schlecht die ewige Vorläufigkeit, die unbequeme Unordnung, so arbeitete ich jeden Abend bis in die Nacht, um die neuen Räume
um mich herum bewohnbar zu machen, oft verzweifelt weinend, denn ich lebte gegen den Schmerz an. Während ich Lampen auf dem Flohmarkt kaufte, sie aufhängte, Gardinenstangen in die Wand schraubte,
das Schlafzimmer auslegte, selber, schlecht und recht, in die Ecken darf man nicht sehen, den Möbeln ihren Platz zuwies, denn alles war ein wenig eng, Küche und Bad ausstattete, die Bücher
einräumte, nahm mein Mann sich ab und zu einen freien Tag, fuhr zu Priscilla in ihren schicken Vorort, ging, wenn ihr Mann auf Geschäftsreisen war, mit ihr und den Kindern spazieren, begleitete
sie sonntags in die Kirche. Sie wies ihn zurecht, er möge doch bitte keine Tropfen vor der Toilette hinterlassen, schließlich seien ihre Kinder im Hause. Oh, wie frohlockte ich, als er mir das
erzählte. Meist füllten Wut und Schmerz mich so aus, daß nichts anderes in mir Platz hatte und die Last dessen, was ich nicht tun konnte, lag schwer auf mir.
Als erstes, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, suchte ich die Wohnung nach Zeichen von Priscillas Anwesenheit ab, Spermaflecken auf dem Bettlaken, eine zweite Kaffeetasse in der Küche,
ausgescheuertes Klo, dann fiel ich jedesmal in einen meiner hysterischen Anfälle, in denen praktisch halluzinatorische Bilder mich besetzten. Ich hatte mir gerade alle Mozart Symphonien, gespielt
von der Academy of Ancient Music, angeschafft, ich legte seine Kindersymphonien auf und ließ die Musik brüllen, stampfen, jagen, ich war im Schmerz wie in einer Zwangsjacke, ich strampelte und
schrie, wälzte mich auf der Erde, fletschte die Zähne, ich sah Priscilla nackt in der Wohnung herumlaufen, in meinem Bett liegen, meinen Mann liebhalten, ich stellte mir vor, wie sie seinen
Schwanz in die hohle Hand nimmt, ihn auf und ab bewegt, mein Mann hat diese guten Gefühle und liebt sie und steckt ihn ihr rein, schmiert sich vorher den Schwanz voll mit dem Zeug aus der
Apotheke, das in seinem Nachttisch liegt, damit es rutscht, dann geht er in ihrer Fotze hin und her und strengt sich an, einen Orgasmus zu haben und redet dabei, wie er sie liebt und ähnlichen
Scheiß. Dann stellte ich mir vor, wie ich Priscilla zwischen die Finger kriege, wie ich ihre hübsche, stubsnasige, amerikanische Fratze an den Haaren packe, sie hin und her schleudere, daß sie
wehrlos schreit. Ich zerschmetterte Geschirr im Flur so heftig, daß ich nachher lange arbeiten mußte, um die vielen Splitter aufzulesen und die gerade gestrichenen Wände auszubessern. Erst vor
kurzem eingezogen, führte ich mich so in der Nachbarschaft ein, ab und zu schellte jemand an der Wohnungstür, die Musik war zu laut, und ob ich Hilfe brauchte, so traf ich Odette, eine alte Dame,
renommierte Violonistin, Nichte von Heinrich Mann. Manchmal kaufte ich mir eine Orchidee. Dies war meine Orchideenzeit. Ich schaute mir die weißen überirdischen Orchideenblüten an und vergoß ein
paar Tränen, weil sie das verkörperten, was ich nicht hatte: Schönheit des Seins in sich.
Wenn die Nacht kam, konnte ich nicht schlafen. Ich wartete auf den Aufzug, der meinen Mann hochtrug. Wenn er sachte die Fahrstuhltür zudrückte, wußte ich, es war er, wenn er den Schlüssel im
Schloß drehte, drehte sich mein Herz herum. Meistens war er betrunken und launisch, doch beim Einschlafen nahm er mich pflichtbewußt eine Viertelstunde in die Arme, danach zog er sich auf seine
Seite zurück und rührte mich die ganze Nacht nicht mehr an. Wollte ich ihn von hinten in die Arme nehmen, brummte er ungehalten und ich rollte mich zurück auf meine Seite. Dann hatte ich eine
Krise. Herzklopfen, zu wenig Luft. Doch der Vertrag zwischen uns war durchgeschnitten. Sich selbst hatte er mir weggenommen, und meine Heimat hatte er mir weggenommen. Ich stand auf, setzte mich
im Wohnzimmer auf die Couch, nahm Pillen ein und trank Wein dazu, war beduselt, Möbel und Farben tanzten vor meinem Augen, ich ging zurück ins Bett. Die Nächte waren grausam zu mir, weil die reine
Verzweiflung mich ohne Schutz packte und rüttelte und ich, in der Dunkelheit liegend, kein Stück der Wirklichkeit zur Hand hatte, um sie abzuleiten. Vom Halbschlaf glitt ich in helles
Nachtbewußtsein und dann zurück in Halbschlaf, nahm von einem die Bilder und Gefühle mit in das andere. Manchmal wimmerte ich, manchmal weinte ich, dann wachte mein Mann auf, sagte, was ist los,
streckte seine Hand nach mir aus, die er sofort wieder zurückzog.
An Sonntagen im Park, in Cafés, führten wir einen kalten Krieg, wir schwammen an der holprigen Oberfläche der Dinge, im Banalen, Standardsätze wurden gewechselt, rituelle Sätze, jedoch ein
Konflikt konnte jederzeit aufflammen. Oder ich gackerte freundlich nichtssagende Dinge, bis ich mir dumm vorkam, da meine Stimme ohne Echo war, ins Leere sprach. Manchmal stand meine Verletztheit
wie ein böses Tier in mir auf, ich machte beleidigende Anspielungen, die uns beide erschöpften. Meine Gefühle waren so verhakt, ich konnte sie nicht voneinandner abschälen, sie stiegen aus
verschiedenen Schichten meines Selbst hoch wie eine kompakte Masse und schüttelten mich mit Regungen wie platte Eifersucht, Verletztheit meines Stolzes, Rachesucht, Haß und Intoleranz und Wut und
Selbsthaß. Morgens vor dem Spiegel, wenn ich mich geschminkt hatte, ein wenig Rouge auf die Backenknochen, ein wenig Blau um die Augen, um ihnen Farbe zu geben, sah ich mich an, wie ich von meinem
Mann angesehen werden wollte, wie das kleine Mädchen vom Vater angesehen wird, der sagt, sieh dir diese Augen an, so tief und traurig, warum sind sie so traurig? und Liebe für mich empfindet, mir
übers Haar streicht, meine Hand nimmt und mich durchs Leben führt.
Mein Mann war Flucht und Schutz vor dem Leben, jetzt ließ er mich allein und ich sah mich mit meiner menschlichen Unfertigkeit konfrontiert. Darum verließ ich ihn nicht. Auch mit der Hölle, der
Hölle in sich selbst, mußte man schließlich fertig werden. Und wohin sollte ich gehen? Es war mir angenehm, in diesem Viertel zu leben, eine schöne Wohnung zu haben, die ich weiterhin einrichtete
wie ich wollte, von meinem selbstverdienten Geld, ich fühlte ein bitteres Glück in dieser Wohnung, mit seinem schönen Morgen- und Abendlicht, saß oft am Ostfenster mit Blick auf den Nonnengarten,
diesem Naturloch mitten in der Stadt, ich horchte viel nach draußen in die Stille, auf die ersten Amseln im Februar, die Mauersegler, die im Sommer abends und morgens um die Häuser pfiffen, den
Uhu des späten Abends, dann wurde ich ruhig, ich war nicht allein, ich gehörte einer Ordnung an, die außer mir war. Ich mußte nur an mir geschehen lassen, alles, mich der Verlassenheit, dem
Widersinn des Lebens überlassen, so daß diese mich sanft hin und her wiegen konnten, um mir das Lied des Lebens zu singen. |