Analyse eines Lebens - fast ein Roman

VI



Als wir Kinder waren, um uns in den langen Herbstabenden zur Geduld bis zum kommenden Weihnachtsfest anzuhalten, wenn die schräge Sonne die unwahrscheinlichsten Farben in die Wolkenfetzen des Westhimmels malte, die umso leuchtender waren, als unter ihm die Natur schon nackt und dunkel dalag, erzählten uns die Erwachsenen, das wären die Engel, sie hätten die Öfen auf Maximum geheizt, weil sie Plätzchen für Weihnachten backten. In den düsteren Jahren meiner Jugend suchte ich oft Trost am Himmel, dessen Farben meist vom tiefhängenden Himmelstuch, das oft auch noch tröpfelte, versteckt waren. So blätterte ich in den Illustrierten, in denen berühmte alte Gemälde als Suchbild zweimal nebeneinander standen, wovon eins leicht modifiziert war, um uns zum genauen Hinschauen anzuhalten. Diese Bilder sah ich mir noch lieber an, als die schönen Damen der Mappen. Ich spazierte in ihnen herum und schaute mir den Himmel an, der bei den Holländern dramatisch, bei den Italienern lieblich war, sie nahmen mich mit in eine andere Zeit, in einen anderen Raum, der Himmel jedoch war wie der meine, unter dem ich lebte.
In diesem Herbst schlägt jeden Tag ein bitterer Regen an unsere Scheiben, manchmal bricht die Sonne, kurz bevor sie untergeht, durch die Wolkendecke, dann stehe ich am Fenster und tränke mich an den Farben, die sich über dem Krankenhaus wölben und langsam verblassen. Es scheint in unserer virtuellen Welt nicht mehr angebracht, eine natürliche Farbenpracht zu beschreiben, mit der uns nichts mehr verbindet, wir haben den Farbfernseher, der uns farbenblind macht, blind den Farben, so habe ich einen Himmel im Tagebuch der Brüder Goncourt gefunden, in dem ich im Moment häufig blättere:
„Le ciel est bleu pâle, d’un bleu presque vert, comme si une émeraude y était fondue. Là-dessus marchent doucement, d’une marche harmonieuse et lente, des masses de petits nuages, balayés, ouateux et déchirés, d’un violet tendre, comme des fumées dans un soleil qui se couche. Quelques-unes de leurs cimes sont roses comme des hauts de glaciers, d’un rose de lumière.“
Heute war ich im Louvre, um mir noch mehr Himmel anzusehen. Ich war lange nicht dort gewesen, weil ich nicht gerne anstehe, jetzt habe ich einen Paß, der mir erlaubt, direkt reinzugehen. Durch einen Seiteneingang geriet ich zu den Spaniern und Italienern, die jetzt in der „Grande Galerie“ hängen, die seit jeher den Louvre mit den Tuilerien verband, als diese noch nicht abgebrannt waren. Ich hoffte Goyas Comtesse del Carpio, marquise de la Solana zu finden, die ich vor vierzig Jahren entdeckte und immer wieder, mich sicher durch die Säle mit den pompösen Schinken des achtzehnten Jahrhunderts steuernd, aufsuchte, denn sie war die einzige, die ich liebte. Ich will noch einmal die Brüder Goncourt zitieren:
„Au Louvre.
Est-ce bien sûr que tout ça soit des chefs-d’oeuvre? Que de tableaux j’ai vus dans ma vie, anonymes, sans valeur vénale, aussi intrinséquement beaux que tout cela, signé ou baptisé de grands noms! Et puis, des chefs-d’oeuvre? Mon Dieu, nos tableaux modernes passeront chefs-d’oeuvre, eux aussi, à leur tour dans trois cents ans.
Il y a deux choses qui font un chef-d’oeuvre d’un tableau: la consécration du temps et sa patine, le préjugé qui empêche de la juger et le jaunissement qui empêche de le voir.“
Mir scheint, in den alten Zeiten war der Mensch genau so bildhungrig wie heute, der Output an Gemälden war enorm, fast industriell geregelt und in strengen Formen gehalten, so hat sich jedes Jahrhundert in seinen Eigenheiten und Zwängen Zeugnis gegeben. Überlegen wir uns, wieviel Gemälde allein in allen Museen und Kirchen und Wohnungen und Safes und Kellergewölben der Welt hängen, liegen und von denen wir nur einen kleinen Teil kennen und schätzen! Die bildnerische Wiedergabe ist die älteste der künstlerischen Tätigkeiten, vielleicht ein magisches Vehikel, ein Totem, um sich die Wirklichkeit in der Projizierung nach außen anzueignen. Als man in der Renaissance die Perspektive fand, die Mythen des Altertums entdeckte, benutzten die Maler sie wie eine Art Comic Strip, einen Überbau, unter dessen Schutz man seinen eigenen Ideen Ausdruck gab und der „political correctness“ seiner Zeit ein Schnippchen schlug. Wenn die meisten Gemälde im Louvre uns nicht mit ihrer Kunstfertigkeit bezaubern, so erzählen sie uns eine Menge von den Dingen zwischen Himmel und Erde, von Tod und Leben, Krieg und Liebe, Kampf und Genuß. Ich ging langsam durch die lange Galerie, näherte mich mal hier, mal da einem Bild. Vom Genie des Krieges mit abgehackten Gliedern, schrecklich zugerichteten Körpern, angstverzerrten Gesichtern bis hin zu Monstren, die Hollywood erfunden haben könnte; von nackten Männerkörpern über vögelnde Vögel und pissende Hunde zu nackten Frauen, säugenden Müttern, den Piepmätzchen des kleinen Jesus zu Putten und Liebesgöttern. Ist es nicht merkwürdig bis widersprüchlich, daß der Kinderengel zum geflügelten Cupido wurde, der die Macht der physischen Liebe verkörperte – diesem süßen, prallen Fünfjährigen mit Flügeln, dem niemand widersteht? Und wenn wir dann Pietro Vannuccis Bild „Kampf zwischen Liebe und Keuschheit“ ansehen, wollen wir nicht angesichts der wonnigen Kinder, die mit luftig bekleideten jungen Frauen spielen, diese jedoch mit erhobenen Speeren in der Hand dastehen, um sie im Namen der Keuschheit abzuwehren, niederzustechen, wollen wir ihnen nicht zurufen: Bitte nicht! Und liegt darin nicht das ganze Paradox der Liebe?

Durch das diamantene Licht der Pyramide verließ ich den Louvre. Die Sonne schien und weite Himmelsstreifen zwischen zipfeligen Wolkenballen hatten dieses helle Blau, in den ein Smaragd sich vermengt hatte, darunter lagen die kahlen Baumgestrüppe der Tuileriengärten und dazwischen spazierten Menschen, wie auf einem Bild. Bis zu Napoleon III gab es hier nur den Südflügel des Louvre, eben die lange Galerie, die bis zum Tuilerienschloß lief. Lange drängten sich im Innenhof des Louvre kleine Bürgerhäuser und das lief nach Norden weiter so fort, ein heilloses Gewimmel von engen Straßen mit engbrüstigen, hohen Häusern bis zum Rand der großen Boulevards, die man zur Zeit Ludwig des Vierzehnten zog. Alles wurde von Haussmann ziemlich radikal abgerissen, neue breite Straßen angelegt, die das heutige Paris ausmachen, am Louvre wurde der Nordflügel die rue de Rivoli entlang dem Südflugel seitengleich gebaut. Inzwischen brannte das Tuilerienschloß ab, es blieben die Gärten, die den großen Blick nach Westen bis zum Arc de Triomph und hinaus öffneten. Bevor Mitterrand anfing, den Louvre ganz dem Ruhm Frankreichs zu widmen, die Erde tief zwischen den zwei Flügeln aufriß, um Tiefgaragen und ein unterirdisches Kunst-Einkaufszentrum hinein zu bauen, war dort ein kleiner Skulpturengarten in Taxushecken, den jeder Künstler für einen der geheimen Schätze von Paris ansah: die schwarzen Bronzen von Maillol, lauter nackte Frauen, stehend, liegend, sitzend, sich beugend, massig und handlich in ihren Ausmaßen, mit Bauch und Hüften, einfach, glatt und wohl in ihrem Frausein. Diese Statuen, der Erstguß der originalen Gipsmodelle waren Malraux Mitte der sechziger Jahre als Geschenk an den französischen Staat von Maillols Nachlaßverwalterin Dina Vierny, übergeben worden, um sie den Tuileriengärten einzugliedern.
Dina Vierny war nach der bolschewistischen Revolution als kleines Kind mit ihren Eltern aus Rußland gekommen. Schon mit fünfzehn stand sie Modell für Maler und Bildhauer, dann entdeckte Maillol sie und sie wurde für ihn die Frau schlechthin. Für ihn war die ganze Welt eine Frau, das Mittelmeer war eine Frau, das Denken war eine Frau, die Jahreszeiten waren Frauen und alle Frauen sahen aus wie Dina Vierny, eine dunkle, üppige Schönheit, die Verkörperung seiner Vision. Schon seit der Jahrhundertwende war Maillol in den deutschen Kunstkreisen bekannt, eingeführt von Graf Keßler, der ihn immer wieder in seinem Tagebuch erwähnt, und, homosexuell, Maillol dazu bringen wollte, junge Männer darzustellen. Eine Verkupplerseele, hatte Graf Keßler sich mit Hugo von Hofmannsthal und Maillol auf eine mißglückte Reise nach Griechenland begeben, um die zwei so verschiedenen Genies zum gegenseitigen Zünden zu bringen. Der erste Weltkrieg unterbrach diesen Kontakt für lange Zeit.
Als der 2. Weltkrieg ausbrach, zog Maillol sich mit Familie und Dina Vierny in sein Elternhaus im kleinen Pyrenäendorf, Banyuls sur Mer, gleich an der spanischen Grenze, zurück. Dort halfen sie Naziflüchtlingen zu entkommen, unter anderen Franz Werfel und den Brüdern Mann. Als Dina Vierny von der Gestapo geholt wurde und sechs Monate im Gefängnis saß, immer in Gefahr nach Osten abtransportiert zu werden, setzte Maillol sich mit dem Hitlerleibkünstler Arno Breker in Verbindung, durch dessen Gestapoverbindungen die junge Frau freikam. Sie war vierundzwanzig. Ihren Vater hat sie nicht wiedergesehen, er wurde in Auschwitz ermordet. Maillol starb ein Jahr später, in seinem Testament setzte er sie als seine Nachlaßverwalterin ein.
Während einer Vernissage meines Nachbarn und Freundes Volodia in ihrer Galerie, rue Jacob, habe ich Dina Vierny, eine alte kleingeschrumpfte Frau, jedoch in der schieren Masse, die sie im Raum einnimmt von großer Macht und Majestät, einmal danach gefragt, sie lachte nur und sagte, man sollte nicht alles glauben.
Ich traf sie zum ersten Mal, als ihre polnischen Arbeiter die Wand meines Zimmers während einer Renovierung an zwei Stellen durchbohrten, bevor Volodia und Rimma, seine Frau, nach nebenan zogen.

Es ist wieder Weihnachten. Ich bin tief eingetaucht im Immergleichen, obwohl natürlich seit dem letzten Jahr einiges passiert ist. Unser Freund Tom starb letzten Sommer in einem Altersheim. Auch der Nachbar, dessen Balkontür ich früher heftig auf und zu schwenken sah, der sich am Arm seiner Frau durch die Straßen schleppte, ist gestorben. Der gelbe Hund des Landstreichers verschwand, wochenlang hatte dieser eine Suchanzeige an seinem Auto kleben. Eines Tages brannte sein Auto aus, vielleicht angezündet von einem der wohlmeinenden Bürger, der sich nicht nur entrüstete, seinen Dreck durchwühlt sondern auch bepinkelt zu sehen, denn der Landstreicher erleichterte sich anstandlos, während er auf neue Mülltonnen wartete. Ich habe einige Schritte auf meine Zukunft hin getan, obwohl der schwerste Weg noch vor mir liegt. Erstmal wird die Erde ihre Kehrtwendung machen, die Tage werden wieder länger, in zwei Monaten höre ich die erste Amsel, dann, wenn die Sonne viel scheint, wird der Jasmin auf meinem Balkon blühen, er ist gewachsen, die vielen Knospen warten auf ihre Zeit.
Mein Mann ist nicht ansprechbar. Vor einigen Tagen hat er sich noch einmal dem Alkohol entzogen, sein Körper kann ihn nicht mehr abbauen, tagelang hielt er wieder den roten Kotzeimer in seinen Armen. Letzte Nacht wachte ich von seinem schlechten Geruch auf. Ein dicker Verwesungsgeruch schlich durch die Ritzen der stillgelegten Verbindungstür zwischen uns in mein Zimmer, schob sich wie ein Teppich über den Boden und breitete sich über mein Bett, hing über mir wie eine Verdammung; wenn ich unbeweglich liegenbliebe und mich davon bedecken ließ, würde ich erkranken an der Pest, an Tuberkulose, an Krebs. Das Fenster konnte ich nicht aufmachen, da es wegen des Regens wie immer nur mit einem lauten Ruck geht, der meinen Mann wecken würde. Ich stand auf und öffnete meine Zimmertür, um frische Luft vom kleinen Klofenster zu bekommen, machte die 7,5 Watt Flurlampe, die auf dem kleinen Schränkchen steht, damit mein Mann im Dunkeln nicht fällt, aus. Doch ich konnte nicht mehr schlafen. Ich hörte meinen Mann schnarchen. Seitdem er seinen Liegesessel hat, das sind vier Monate her, hat er kein Bad genommen, hat sich nicht gewaschen, nicht das Haupthaar, nicht das Gesicht noch den Rest, sein Gesicht ist verschwunden in seinem graumelierten Bart, die Schnurrhaare auf der Oberlippe wachsen ihm wie ein Vlies in den Mund und er hat sich angewöhnt, sie fortwährend mit vorgestreckter Unterlippe abzuschlürfen. Er verwest von außen her nach innen, läßt seinen Körper sich bewußt – unbewußt – mit Tod bedecken. Sein Gestank ist so laut, er schreit. Es muß ein auswegloser Haß in ihm sein, auf die Welt, auf sein Schicksal, auf mich, auf sich selbst. Der Haß ist das einzige Mittel, mit dem er sich noch ausdrücken, sich bemerkbar machen, sich als Person fühlen kann. Und sein Mundwerk. Wenn er reden kann, ist alles wie immer. Er stürzt sich mit Wollust in die Fluten und Wirbel seiner Reden, nicht seiner Gedanken, denn er schöpft im Reichtum des in unterirdischen Räumen seit jeher Gehorteten, setzt es zusammen, setzt es auseinander. Denken ist nicht angebracht, das brächte ihn zu dicht an den Schmerz. Ich höre ihm nicht mehr zu, nicke nur ab und zu in seine Richtung, wenn ich im Wohnzimmer bin und wir vor dem Fernseher sitzen, der wie immer viel lauter ist als seine Stimme und ich kann ihn sowieso nicht hören.
Jedoch verweigere ich mir, abfällig ihm gegenüber zu sein, die Idee dessen, der er für mich war, lebt noch stark in mir wie der platonische Schatten, auch wenn seine Wirklichkeit für immer außer Reichweite ist. Und ich habe gesehen, wie meine Mutter mit meinem Vater, der mit vierundsiebzig stark senil war, umging. Setz dich hin, sagte sie und stieß ihn in den Sessel. Der Mann war ganz zur Schnecke geworden. Und ich habe gesehen, wie Frauen ihre Zunge weit dem Rücken ihres Mannes zustreckten. Ich schulde es mir, weder unterwürfig zu sein, um nicht den Zorn meines Mannes herauszufordern, noch triumphierend, weil er hilflos ist und ein Teil seines Wohlergehens von mir abhängt. Schließlich hat er mir das Leben beigebracht: jeder hat das Recht zu leben, wie er möchte und kann. Gefällt mir etwas nicht, drücke ich es aus. Seinen Manipulationen begegne ich mit Offenheit, da ich ihm nicht Gleiches mit Gleichem vergelten will. Geht er mir auf die Nerven, bleibe ich in meinem Zimmer. Oder ich sage, Bitte! ich will nichts über die Subtilitäten des amerikanischen Wahlrechts hören. Oder, mußt du immer meckern. Ich bin fähig, über seinen Schmutz hinwegzuleben, mich gleichzeitig gegen ihn abzusichern. Als ich heute morgen aufstand, stopfte ich mit Hilfe eines Messers Watte tief in die Ritzen unserer Verbindungstür, nachts werde ich mein Fenster einen Spalt öffnen, um nicht noch einmal seinen phantasmagorischen Dunst sich über mir schließen zu fühlen.

Wo mein Leben jetzt zu Stoff wird, dessen einige Ingredienzen ich zwar bestimme, dessen Ablauf ich steuere, kommt mir immer wieder die alte Frage hoch: was ist die Wahrheit? Die wahre Wirklichkeit jener Tage kann ich nur verstümmelt wiedergeben, denn wenn ich sie in alten Briefen und Aufzeichnungen, fliegenden Blättern meist, suche, das Parfüm jener Zeit mit dem Gedächtnis fassen möchte, muß ich die Wahrheit doch aus mir, die ich heute bin, ziehen: ich muß ihr ihre vielen Verkleidungen zugestehen.

In Köln gibt es viele neue Mitspieler. Die Buchhandlung liegt in der Nähe der Universität, an der verlängerten Zülpicher Straße, zieht ihren Hauptkundenkreis aus den Studenten, die täglich an ihr vorbei zur Mensa gleich nebenan strömen. Da ist ein eigentlicher und ein funktionierender Chef, ein Unterchef und viele Abteilungschefs. Ich arbeite zuerst unten, gleich neben dem Eingang, verkaufe belletristische Bücher. Zu den wissenschaftlichen Abteilungen geht man einige Stufen in einen Zwischenstock, Abteilung für Philosophie und Philologie, weiter hinten sind Wirtschaft und Recht, dahinter befindet sich ein dunkles, unordentliches Zimmer, wo eine alte Dame über die Konten herrscht.
Ich wohne in einem Zimmer mit Badbenutzung bei einer Familie, in einem der Wohnhäuser der Nachkriegszeit am Kölner Gürtel, fahre jeden Tag mit der Straßenbahn zur Arbeit.
Ich habe einen Lehrlingsvertrag für zweieinhalb Jahre abgeschlossen, treffe den Chef, Herrn R., den Unterchef, Herrn W., die Abteilungsleiterin, Fräulein S., meine Kollegen, Herrn C., Frau L., Herrn A. undsoweiter, die nur sehr langsam zu Vornamen werden. In der Buchhaltung sitzt ein sehr junges Mädchen, das mir ihre großen Augen zurollt, mich strahlend anlächelt, das ist Eva.
Im Geschäft bin ich zuerst unsicher, werde ich immer ein wenig unsicher bleiben. So ein Geschäft ist wie eine Bühne, man muß eine Rolle spielen, Erwartungen erfüllen, dabei hin und herlaufen, immer ein freundliches Gesicht zeigen, dieselben Phrasen wiederholen, alles nur, damit jeder der Besucher zufrieden nach Hause geht.
Die Buchhandlung gehört einem der führenden Kölner Verlage, der nicht nur renommnierte Autoren verlegt, auch ein Treibhaus für neue Literatur sein will, er versammelt um sich einen kleinen Stall von jungen Autoren, die sich Neue Kölner Schule nennen. Der geschäftsführende Chef, vor kurzem von Suhrkamp herübergekommen, ist selber Schriftsteller, auch die Buchhandlung soll zu einem Leitstern des Kölner Autorenfirmaments werden. Es herrscht eine aufgeheizte, intellektuelle Atmosphäre, zu der jeder der Buchhändler beitragen will, in der Küche, in den Abteilungen redet man von Proust, Joyce und Beckett, von Pound und T.S. Eliot, abends werden Autorenlesungen und Diskussionen veranstaltet, bei denen einige der „Ganz Großen“ erscheinen. Innerhalb des Kollegenkreises, um das Kulturniveau anzukurbeln, gibt es abends Symposien, wo jeder über ein Thema seiner Wahl vorträgt. Ich werde aufgefordert, mich zu beteiligen, wähle die Poesie von Luis de Gongora, über die ich einen flüchtigen Aufsatz schreibe und vorlese – was weiß ich von der Poesie! Der Buchhaltungslehrling Eva studiert den Existenzialismus, liest Sartre und trägt darüber vor. Danach bewirbt sie sich um einen Lehrlingsplatz innerhalb der Buchhandlung und beginnt ihre Lehre einige Monate nach mir. Sie ist achtzehn.
Als der Chef mir Aufmerksamkeit schenkt, bin ich überrascht und geschmeichelt. In leeren Stunden geht er manchmal im Parterre auf und ab, macht vor mir seine intellektuelle Akrobatik. Ich bin überwältigt, wie gelähmt. Das ist ein riesengroßer Mann, fast zwei Meter, ein wenig unbeholfen, seine Schultern beugen sich vor, als wollte er sich zu den anderen, den kleineren gesellen, die Jacke aus schönem Tuch hängt schräg an ihm. Seine Stimme ist gewaltig, seine Aussprache überpräzis doch süddeutsch gefleckt. Er hat große Hände, die auf und ab spielen. Ich stehe hinter der Kasse und sehe ihm zu. Er stützt sich mit beiden Händen auf den Ladentisch, beugt sich zu mir. Er will mich formen, mir Dinge beibringen, ich bin so ernst und schüchtern, man soll doch keine Angst vor dem Leben haben. Eines Abends bringt er mich nach Hause, wir gehen die Zülpicher Straße hoch bis zum Gürtel und reden. Auch er ist ein wenig einsam, seine Familie ist in Süddeutschland, er sieht sie nur am Wochenende. An der windigen Ecke zu meiner Straße verabschieden wir uns. Wir sehen uns einige Male am Abend, er nimmt mich mit in eine Bar, wo wir tanzen, laufen oft durch kalte, leere Straßen, tja das Leben, Gott, wer weiß das schon, an was glauben? Man sollte sich nicht so wichtig nehmen, im Grunde war doch alles gleichgültig, Wissen Sie, hat gleiche Gültigkeit.
Einmal nimmt er mich mit in seine kleine Wohnung. Er macht mir einen Glühwein. Er will, daß ich ganz ruhig werde, meine Selbstzweifel vergesse, ich soll glücklich sein. Dann schließt er mich in seine Arme, legt sein Kinn sanft auf meinen Kopf. Wir setzen uns wieder. Beim Sitzen können wir uns küssen. Dann steht er auf, zieht mich hoch. Machen wir’s uns noch bequemer, sagt er, biegt an der Couch herum, die sich in ein Bett öffnet. Komm, ich helf dir, sagt er, zieht mir den Pullover über den Kopf. Meine Brüste wiegen schwer in jeder seiner großen Hände. Wunderbar, sagt er. Ach, sage ich, ich weiß nicht. Er zieht sich aus, legt sich auf die Bettcouch, streckt die Hände nach mir aus. Ich komme in seine Arme, er wälzt sich auf mich, sein Gesicht dicht an meinem, da bricht das Bett zusammen, wir fallen unsanft mit der Matratze auf den Boden. Ich lache herzlich. Dann ziehe ich mich an und gehe nach Hause.
Ich verliere schnell seine Gunst. Er versetzt mich in die Rechts- und Wirtschaftsabteilung, ganz hinten im Geschäft, mit trockenem Stoff, trockenen Kollegen, trockenen Kunden. Ich muß mich nicht mehr belletristisch mit Kunden unterhalten, sondern Staub wischen, die vielen Bücherfassaden wie Soldaten ausrichten, Stapel der Wirtschafts- und Rechtsschinken im Keller auspacken, sie hochtragen, ordentlich hinstellen, verkaufen. Am Semesteranfang klingelt es nur so in der Kasse. Der große Chef kommt durch den Laden geschlendert, sein Finger streift die Regale entlang, vor mir bleibt er stehen, guckt seinen Finger an, wie ist es mit dem Staubwischen, sagt er, ab und zu muß man die Bücher ausschlagen, sagt er. Das ist eine Arbeit, wenn keine Kunden da sind. Dann geht er wieder. Ein andermal sagt er: Der Bücherberg hier steht schief. Passen Sie besser auf. Oder: Warum sind die Bücher nicht eingeräumt? Oder: Gestern waren Sie fünf Minuten zu spät im Geschäft. Oder: Zwischen den Kollegen und Ihnen scheint etwas nicht in Ordnung zu sein. Herr C. beschwerte sich gestern bei mir, Sie würden die kleinen Arbeiten nicht willig genug tun. Ein andermal: Ihr Bestellkasten ist unordentlich, geben Sie auch alle Bestellungen am selben Tag auf? In diesem Beruf muß man schon mal abends ein wenig länger bleiben. Er ruft mich in sein Zimmer: Sie fehlen viel zu viel. Sie können nicht einfach zu Hause bleiben, wenn’s Ihnen nicht gut geht. Ich erwidere, ich habe sehr starke monatliche Beschwerden, das kümmert ihn nicht, sagt er.
Oder er macht spitze Bemerkungen, wie: Obwohl Ihre Form des Empfangs der Kunden zu wünschen übrig läßt, zumindest können Ihre Formen diese darüber hinweghelfen. Ich bin bedrückt vom mißbilligenden Blick, der auf mir ruht, der jederzeit zu einem bösen Wort ausholen kann, das mich zerstören wird. Mit meinen Kollegen werde ich nur langsam warm. Ich bin das unterste Glied in der Ordnung des Geschäfts, ein wenig älter als die Unterchefs, nach Eigenaussage oft gescheiterte Gymnasiasten mit künstlerischen und intellektuellen Ambitionen, die sie jetzt im Rahmen ihrer Möglichkeiten ausleben. Meine Einfachheit wird herausgefordert, ich versteige mich ein wenig in Exzentrik und Eigenwilligkeit, um mich von ihnen abzusetzen. Das gefällt nicht allen. Man hat vergessen, Sie zu vergasen, sagt einer der Unterchefs zu mir. Ich verlebe einen langen, einsamen Winter. Die Stadt Köln ist ohne Eigenart, ohne Schönheit, tot und steril, ich verabscheue die Wochenendmassen, die die Innenstadt mit hungrigen Augen nach Glück durchforschen. Sie bedrücken mich: noch nie habe ich so viele miserable Existenzen, so viel Häßlichkeit auf einmal gesehen. Und immer hängen mir Männer hinterher, die versuchen mich anzusprechen. Gehe ich in ein Café, belästigt man mich nicht nur mit Blicken, gehe ich aus dem Café, folgt man mir. Abends, nachts klopft man an meine Rolläden, wirft Steinchen, ich wohne im Erdgeschoß, man braucht nur seine Faust zu erheben. Ich bin schlaflos, habe Schwindelgefühle, Kopfschmerzen, gehe zum Arzt, der mir Schlaftabletten verschreibt.
Den dicksten Winter verbringe ich etliche Wochen mit geschlossenem Rolladen, dessen Gurt gerissen ist. Der Handwerker läßt auf sich warten. Jeden Abend, jedes dunkle Wochenende sitze ich in meinem Zimmer und lese Proust, es gibt ihn broschiert bei Suhrkamp, die Bände nehme ich aus dem Geschäft, das ist erlaubt, behandele sie sorgfältig und stelle sie nachher wieder ins Regal. Die ganze „Recherche“ lese ich durch, geduldig, Band nach Band. Ich bin wieder in Paris, bin auf dem Land, wo der Weißdorn duftet, wundervolle Musik steigt in der Armut meines Lebens auf.
Doch habe ich meinem Vater berichtet, daß mein Chef mich triezt und fertig macht. Er schreibt mir einen Brief:
„Was Du da anstimmst, ist ja ein wüstes Klagelied. Zunächst gibst Du eine ausführliche Charakteristik Deines Chefs, die mich lebhaft an Wilhelm Raabe erinnert. Es kam mir fast so vor, als wolltest Du einen Rückzug psychologisch vorbereiten. Mein Kind, es gibt leider auf der Welt Menschen verschiedener Art. Alle habe ihre Fehler, das wirst Du und werde auch ich nicht ändern können. Es ist eine Realität, mit der Du Dich abfinden mußt. Was kümmert Dich die Art dieses gewissen Herrn. Es ist natürlich nicht leicht, einen Chef über sich zu haben, der einem überall hineinreden kann und das auch tut, meistens in unfairer Weise. Einen guten Rat kann ich Dir geben: Sei nicht so empfindlich! Gewiß, ich weiß es gut, die Überempfindlichkeit ist ein Erbstück, aber da mußt Du mit Deinem Willen Dich selber zwingen, ruhig zu sein und zu ertragen. Du meinst, das ist nicht mehr zu ertragen? O doch! Hart sein im Nehmen, das wird einem wirklichen oder eingebildeten Gegner imponieren, nichts anderes. Was Du mir von dem Geld sagst, gefällt mir gar nicht. Die 300,-- DM hat er Dir ja vertraglich selbst garantiert. Wenn er Dir sagt, daß Du übertariflich bezahlt wirst, so erwidere ihm doch, aber noch nicht so gut wie eine Raumpflegerin. Es gehört eben Haltung und eine gewisse Schlauheit dazu, solchen Manieren zu begegnen und sie unwirksam zu machen. Ich bin gern bereit, mir den Herrn R. mal vorzuknöpfen und ihm meine Meinung über ein zivilisiertes Verhalten beizubringen. Als Du anfingst, hast Du mir versprochen durchzuhalten, und ich hoffe, daß Du Dein Versprechen hältst. Ich werde Dich nicht im Stich lassen, wenn Du vernünftig bist. Ertrage, take it easy, übe Dich im Ertragen und sei doch nicht so empfindlich! Lehrjahre sind keine Herrenjahre! Du bist wohl für einen Lehrling zu alt, aber Du mußt halt durch!“
Als im Jahr danach das Geschäft umgebaut und das Chefzimmer in den ersten Stock gelegt wird, kann ich ein wenig besser atmen und ich bin dem Fegefeuer der Eingewöhnung ins Arbeitsleben heil entkommen. Ich habe Freundschaften geschlossen. Eva hat sich aus mir unerklärlichen Gründen in sehr exaltierter Weise an mich gebunden. Hier ist einer ihrer Briefe, schon aus späteren Zeiten:
„Ich kenne ein Mädchen. Sie hat soo einen großen Busen, irre ungewöhnliche Augen, schöne lange Beine, trägt fast nur schwarz, ist sehr attraktiv und sensibel, sensibel, daß es eine Lust ist. Ich habe von ihr sehr gelernt, Menschen zu beobachten und zu beurteilen; ich habe von ihr ein Mißtrauen gelernt, das gut ist. Ach, sie ist herrlich; ich liebe sie und vermisse sie sehr. Sie ist jetzt in Paris...
Schau, lies, so spreche ich von Dir. Mir gefallen Frauen immer weniger. Wie beschränkt und abhängig die meisten sind! Daß Du allerdings auch zu abhängig vom Mann bist (meiner Meinung nach), stört mich, glaube ich, als einziges ab und zu an Dir. Aber ich treffe nie ein Mädchen, das mich ähnlich fasziniert wie Du es getan hast. Meine Erinnerungen an Dich treten häufig auf und sind vorwiegend sehr plastischer und liebevoller Art. Ich denke an Deine Gesten, die manieriert schön sind: gezierte, fast ruckhafte Bewegungen; an Deine Augen, die starr, weil geöffnet mit make-up undurchsichtig, ohne make-up müde schauen. Oder lag letzteres daran, daß Du eben abends oder morgens ohne Lidstrich warst, zu der Zeit, in der man gewöhnlich müde ist? Ich denke an Deine Sprache, an Dein Sprechen, an Deine gequälte Seele, an Deine Eindrücke, an Deine Männer. Ja, ich kann mich dabei an alte Zeiten verlieren, an den Geruch von Nivea Creme auf sauberer gewaschener Haut, an Zimmer, die nach Obst, Marmelade und Büchern rochen, und nach Zigarettenrauch natürlich, auch nach Schwarzbrot. Nach Kult und Eigenartigkeit, nach Einsamkeit. Du bist für mich ein ganz geschlossenes Bild, das mich sogar noch in Gedanken berührt und verändert.“
In meiner Abteilung besucht mich oft ein kleiner Mann mit rabenschwarzem, vollem Haar, mit irr durcheinander stehenden Zähnen unter trotzigen Lippen, die mich anlächeln, er spricht zu mir verhalten doch mit sanfter Vertrautheit, zieht dabei nervös an einer Zigarette, läuft zum nächsten Aschenbecher, kommt zurück. Ich höre ihm zu, alles was er sagt ist neu. Es ist nicht neu, nur unausgesprochen. Er hat eine ganz eigene Art, die Dinge des Lebens, die Menschen zu sehen, die mir ungemein gefällt. Ich fühle in ihm einen Verbündeten. Das ist Hannes. Er ist der Grafiker des Verlages, er ist ein Künstler. Im Frühjahr sitzen wir draußen in einem kleinen Park, meine Hand in seiner, er hat kleine, wie krallige Hände, braungefleckt von Zigaretten, sie riechen nach Aftershave, formen die Dinge neu in die Luft, er streicht mir über die Haare, singt mir ein Frühlingslied der Liebe. Ich bin bezaubert. Ich bin verliebt. So sehr, daß es schmerzt. Denn er entzieht sich mir, er lebt nicht allein.
Manchmal schreibe ich ihm:
„Mein sehr Geliebter, mein Liebling, mein überaus Lieber, lieber, sehr lieber, geliebter Geliebter, jetzt sehe ich Dich so lange nicht, also werde ich Dir schreiben, wenn ich mit Dir reden möchte. Es gibt so viel zu reden, nur wenn Du dann wirklich vor mir stehst, habe ich keine Worte, ich seufze nur, weil es mich überwältigt. Ich bin dann wie ein nacktes Menschlein und schicke Dir Kuhblicke, ärgere mich gleichzeitig, bin nicht ich, ich weiß nicht was, aber bei allem bin ich voll zum Platzen, von Liebe oder von Dir.
Ich möchte, daß Du mein wirklicher Freund bist, nicht Geliebter, oder was man darunter versteht. Und doch! Alles, alles. Aber es reicht immer nur zu einem Händedruck. Wie soll ich darauf antworten? Du machst es mir schwer. Nichts erwarten? Was, was?
Bitte nicht böse sein. Ob Du mir schreiben wirst? Deinen Brief will ich bekränzen. Ich küsse Dich, wie gern küsste ich Dich. Ich denke nur: in einer Woche. Mein Liebling. Mir geht es recht gut.“
Ich nehme ein Zimmer im Wohnblock der Buchhandlung, gleich um die Ecke, bei einer alten Dame, mit Bad und Küchenbenutzung und Fernsehen, wenn ich es wünsche, abends, mit ihr zusammen. Vom Badezimmer aus sehe ich die zum Innenhof liegenden Fenster der Buchhandlung. Eva nimmt mich mit aufs Land, ins Haus ihrer Eltern, als wir wiederkommen, gehen wir in mein Zimmer, ein starkes Gewitter bricht aus, es regnet Bindfäden, meine alte Dame ist nicht da, wir tanzen nackt, jubelnd auf dem Balkon vor ihrem Wohnzimmer unter den schwarzen, krachenden Wolken.
Eva ist ein seltsames Mädchen. Sie ist Kölnerin, in vielem weiter als ich hat sie große Intelligenz und Willensstärke, mit der sie anderen und sich selbst Dinge aufzwingt. Ihre Eltern bezahlen ihr eine kleine Wohnung, wo sie frei ist und die ich gut kenne. Morgens um zehn erscheint sie mit dem Taxi im Geschäft, ihre Nacht ging erst vor kurzem zuende. Sie folgt unverfroren ihren Neigungen, führt ein wildes Leben, ohne Angst vor Verlusten, auch für sich selbst, sie ist auf einem Eroberungstrip, erschöpft sich in Frivolitäten. Ihre wahre Liebe jedoch ist der große Chef, der sie zu seiner Sekretärin macht, sie in die erste Etage hochholt. Ihm ist sie hörig, untertan, doch dieser ist längst in anderen Händen – außerdem ist seine Familie in einen Oberstock des Hauses gezogen. Sie versucht mich zu verführen. Sie möchte mich besitzen, oder vielleicht jene Teile von mir, die ihr entgleiten. Das lese aus ihrem Geburtstagsbrief:
„Weißt Du, ich schreibe an Dich einen ernsthaften Brief zum Geburtstag. Um meine Koketterie nur an Worten auszulassen und mein übliches Gesicht auszuschließen. Natürlich ist „ernsthaft“ schon kokett. Immerhin trägt es ein wenig und ist thematisch richtig eingegliedert. Ansonsten will ich Dir meine Zuneigung aussprechen und werde damit geburtstäglich üblich. Weiterhin möchte ich Dir begründen – das ü verführt müch übrigens üngemün, wütig, Rüde, über, Güte, mythisch. Du, ich kann wirklich nicht in Worten sagen, warum ich Dich mag. Bei Dir ist mir alles zu ungewiß; Du bist mir, außer in Deinen Gewohnheiten, zu fremd. Ich verstehe Dein Wesen nicht; einzelne Züge kann ich wohl bestimmen; Eigenheiten erfassen. Du entgleitest mir sehr oft; obgleich Du offen bist, verbirgst Du Dich in Deiner Willkür. Ich habe seltsamerweise keine Sehnsucht danach, einzudringen; ich höre gerne zu; ich denke gern darüber nach. Du bist einfach da, Du! Du bist ein Wesen, das mir Wärme entgegenbringt, ich freue mich. Ich bin nicht mit allem einverstanden und akzeptiere nur bedingt, lasse Dich aber stehen auf Deinem unruhigen Platz und möchte Dich nicht plazieren, nicht einordnen, gedanklich nicht festlegen; Du kannst alles tun, alles. Vielleicht ist das Distanz, die aber nicht Unverbindlichkeit bedeutet. Es ist der Abstand, der gelten läßt. Die Schuld könnte man dem Busen zuschieben. Wollen wir beim Busen bleiben? Und ein Stückchen tiefer aufs Herz stoßen? Also, herzlich umarmt Dich eine kleine Eva, die einen kleineren Busen hat, aber Dir ein möglichst großes Herz anbieten will.“
Wir gehen zusammen ins Bett doch es wird ein nicht vollendeter Liebesakt. Ich ekle mich vor ihrer weißen Weichheit, mein Körper revoltiert, ich habe meine erste Angstattacke.
Später analysiert sie in einem Brief ihr damaliges Leben:
„Kurz zusammengefaßt, mein Unterbewußtsein ist vom Überich der autoritären Erziehung meiner Eltern, besonders meiner Mutter, stark geprägt. Ich komme dagegen nicht an, weil sich eine Gewissensinstanz gebildet hat, die ich nicht zu erkennen vermag, weil ich eine Haß-Liebe Beziehung zu meiner Mutter habe, von zu Hause weggegangen bin und Dinge tue, die ich eigentlich, wenn es nach dem Willen meiner Mutter ginge, nie tun würde, so straft mich mein Unterbewußtsein, mein Gewissen, sobald ich in starkem Maße gegen die Vorschriften meiner Mutter verstoße, d.h. sobald ich z.B. ein besonders erfreuliches Liebeserlebnis habe.“

Das Bewußtsein unseres eigenen Seins ist exklusiv, ausschließlich, wir erfahren uns geradezu in der feindlichen Andersheit, die wir versuchen aufzuheben, kämpferisch im Alltag, integrierend in der Liebe. Innen ist ein Mensch ein seltsam verschachteltes Gebilde, wie ein Haus, an das man aus Notwendigkeit irgendwo wieder ein Stück angebaut, angeklebt hat, alle Teile sind irgendwie miteinander verbunden, also kausal erklärbar. Von außen gesehen ist dies Gebilde jedoch nicht kohärent, nicht überschaubar. Nichts paßt zueinander. Es ist verrückt. Unerklärlich. Wir versuchen, in die zufälligen Anbauten dieses Hauses zu sehen, doch die Fenster sind blind, Dinge müssen dort lagern, die dem Auge der Umwelt nicht zugängig sein sollen, in der staubigen Spiegelung sehen wir nur unser vages Selbst. Ich habe mein Haus immer klar und luftig gehalten, ich wollte sehen wie es draußen läuft, jeder sollte hereinschauen können, ich sah nie einen Grund etwas zu verstecken, alles was ich war gehörte zum allgemeinen Menschsein. Das hat natürlich viele dazu verführt, nicht nur hineinzusehen, auch Scheiben zu zerschlagen, Unrat hineinzuwerfen, darin zu hausen, Mobilar zu zerstören oder zu entwenden. Die Klarheit scheint Menschen zu stören, sie müssen sie trüben, weil sie sie blendet, sie sind so gewöhnt an das Dunkle ihrer Kammern. Nichts hat mich je dazu bringen können, Schutzkammern vor meine hellen Fenster zu bauen, ich habe nur mein Haus wie einen Wohnanhänger genommen und es ein Stück weiter in die Einsamkeit gezogen. Ohne Bedauern.

Eine alte Internatsfreundin rief mich zum Neuen Jahr an. Sie ist Lehrerin, sie liebt ihre immer neuen Erstklässler, lebt in enger Symbiose mit ihnen. Vor einigen Monaten hatte ich ihr geschrieben:
„Wenn auch jetzt meine Mutter nicht mehr lebt, höre ich noch immer ihre Stimme, und manchmal kommt sie aus Deinem Mund“.
Als ich zur Beerdigung meiner Mutter in meiner alten Heimat war, hatte ich ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen. Sie gab mir Anweisungen, wie ich mich zu verhalten hätte. Du mußt als erste auf dem Friedhof sein, sagte sie, dann mußt du in die Kapelle gehen und warten, bis alle da sind. Du kannst nicht draußen auf sie warten, das tut man nicht. Undsoweiter. Am Tag vorher, kurz nach meiner Ankunft, saßen wir am Kaffeetisch, aßen beerdigungsgemäß Bienenstich, wobei sie von ihrer Tochter erzählte, die Schwierigkeiten mit ihrer Arbeit hatte. Als ich ein Wort dazu sagte, fuhr sie mich an, halt den Mund, ich rede mit meinem Mann. Wieder zu Hause rief ich sie an, bedankte mich für die Beherbergung und sie teilte mir mit, ich sei kein einfacher Gast, ich würde dazwischen reden, wenn sie im Gespräch mit ihrem Mann sei, ob ich mich denn nicht zu ihrem Gefallen verbessern wollte? Nun, habe ich gedacht, tue ich das nicht schon zur Genüge? Seit jeher mißbilligt sie wie ich bin, wer ich bin, und wenn ich in den letzten Jahren, nachdem das Haus meiner Mutter verkauft war, ihrer Einladung folgte, in einem der leeren Kinderzimmer in ihrem Haus schlief, übte ich Vorsicht in ihrem Umgang. Bei ihr sprangen meine abgelegten Werte mich wie bellende Hunde von überall an, doch war sie ein Stück meines Lebens und ich hatte gelernt, daß sie einer Diskussion unzugänglich war. Ich kaufte ihre Nettigkeit mit der Unterdrückung einiger Seiten meines Charakters, der lebhaft und impulsiv und offen ist, ich sage meine Freuden, die in meiner alten Heimat unverständlich sind, ich sage meine Leiden, die sie nicht hören wollen oder falsch auslegen. Wie im Umgang mit meinen Eltern hielt ich mich bei ihr in meinen Lebensäußerungen zurück, um unnützen Gesprächen auszuweichen, um das Gerüst ihrer Identität nicht unnötig zum Wackeln zu bringen.
Ich wollte Dir ein schönes Neues Jahr wünschen, sagte meine Internatsfreundin mit ihrer eifrigen Stimme, der man anhört, daß sie jedem nur Gutes will – sie ist wie mein Vater, der sich in seinem Brief ausdrückte: ich werde Dir helfen, wenn Du vernünftig bist, was heißt: so bist, wie ich es möchte.
Nett von Dir, mich anzurufen, sagte ich, Du weißt, ich kümmere mich um solchen Kram nicht. Weihnachten, Neujahr, Tage wie andere.
Wie geht es dir, fragte sie.
Gut, sagte ich, ich habe letztens viel an Münster gedacht. Ich versuche mein Leben zu schreiben, aber ich habe so viel vergessen.
Ja, sagte sie, man vergißt immer das, an was man nicht erinnert werden möchte.
Ich weiß nicht, was Du meinst, sagte ich, natürlich ist das Gedächtnis selektiv, jedem ist was anderes wichtig.
Du hast es damals arg getrieben, sagte sie, mit Männern und so.
Ach, sagte ich, ich finde, das war mehr Gerede.
Jemand hat mir geraten, mit dir nicht mehr in die Mensa zu gehen. Du tätest es mit Männern für Geld.
Was, rief ich, das ist ja die Höhe. Wer hat dir das erzählt? Jemand den ich kenne?
Ja, sagte sie.
Ein Mann? fragte ich.
Ja, sagte sie.
War er mit mir im Bett und hat dafür bezahlt? fragte ich weiter.
Nein, sagte sie.
Wie kann er das dann wissen, fragte ich.
Das sagte man überall, sagte sie.
Und du glaubst das, fragte ich.
Ja, sagte sie, das war jemand, der es gut mit mir meinte.
Ich wußte nicht, sagte ich, daß es so schlimm war mit den Gerüchten. Jeder war ja ganz auf meinen Busen fixiert.
Aber so warst du, sagte sie. Einmal hast du von unserm Jüngsten gesagt, der würde dir wohl gefallen und das war ganz hart an der Grenze.
Von was, sagte ich. Ich bin doch kein Kindsverführer.
Er war kein Kind mehr, sagte sie.
Das ist doch Unsinn. Ich sage es wie ich es meine, sagte ich. Er ist doch ein hübscher Junge. Das kann man doch sagen.
Ich glaube nicht, daß das so war, sagte sie.
Ich lachte.
Nie und nimmer, sagte ich, ich habe ein loses Mundwerk.
Du hast das vergessen. Mit meinem Mann hast du’s auch versucht, sagte sie. Einmal kam unsere Tochter angelaufen, sie rief, Mama, die flirtet ja mit Papa.
Nein, nein, sagte ich, du verstehst das falsch. Ich habe nie Absichten hinsichtlich deines Mannes gehabt. Um Himmels willen. Natürlich will man Sympathie von anderen, das versuche ich bei dir auch andauernd. Ich habe halt eine Art, Dinge nicht überaus ernst zu nehmen, auch mich nicht, die einige mißverstehen.
Nein, sagte sie, so war das nicht.
Was anderes, sagte sie, kommst du zum Klassentreffen? Du kannst bei uns wohnen.
Das möchte ich eigentlich nicht mehr, sagte ich, ich kann mich von dir nicht wie eins deiner Schulkinder anschnauzen lassen.
Aber das muß ich doch, sagte sie, ich habe dich doch in all den Jahren, als du nicht zu Rande kamst, auch nicht im Stich gelassen.
Ah so, sagte ich.
Meine Mutter hatte sich eines Tages genauso ausgedrückt, als ich sie fragte, warum sie dauernd auf mir herumhackte. Das muß man doch, hatte sie gesagt. Warum denn, fragte ich sie. Darauf konnte sie nicht antworten.
Aber wenn Du nicht kommen willst, sagte meine Bekannte, ihre hohe Stimme der Hypokrisie sank eine Oktave in die Tonlage der vernünftigen Lehrerin, dann hat es ja keinen Sinn, daß wir weiterhin miteinander umgehen.
Tja, sagte ich.
Sie legte auf.
Jetzt war ich endgültig meine Vergangenheit los.
Bon débarras!

Von Köln fahre ich immer wieder nach Paris. Es ist so einfach, ich steige in den Zug, am Gare du Nord fahre ich unterirdisch gleich weiter, Du- Dubon- Dubonnet steht links und rechts an den Wänden der Metrotunnel, man darf nicht spucken und muß Kriegsinvaliden seinen Platz anbieten, die alten Wagen rattern, die Türen schlagen nach dem langen Flötenton eisern zu, es riecht wie immer, das ist das Pariser Parfum der Unterwelt, menschliche Ausdünstungen, verbrauchter Sauerstoff und Gauloise, niemand beachtet mich, ich gehöre dazu, steige in Montparnasse, an der Station Vavin aus, gleich umfängt mich das emsige Viertel, breite Bürgersteige, wo an jeder Ecke ein Café mit vollen Terrassen nach außen auswuchert, auf hohen Absätzen Prostituierte tänzeln, alle anderen eilen, hasten bis in die Nacht, ich gehe in den Dôme, wo jemand auf mich wartet, ein kleiner Mann, ein Maler, der gegenüber der Ile Saint-Louis eine Galerie hat. Ich schlafe bei einer Deutschen, die ich von früher her kenne, die die Sorbonne besucht. Es ist Frühling, die schwarze Stadt leuchtet von jungem Grün, die Menschen sind so vielfältig wie früher, ich sonne mich im Luxembourg, wo man die Beete bepflanzt. Eines Sonntagnachmittags sitze ich auf der Terrasse des großen Cafés an der Ecke boulevard Saint-Michel und rue des Ecoles, das es heute nicht mehr gibt. Ich nehme meine Sonnenbrille ab, um mir ein Auge zu reiben, ein hübscher blonder Mann in offenem Cabrio mit deutschem Nummernschild hält vor dem Rotlicht, er sieht mich an, fährt sein Auto zurück, parkt es am Straßenrand und kommt auf mich zu, er stellt sich vor, fragt, ob er sich zu mir setzen kann, er hat einen deutschen Akzent, bitte sehr, sage ich neugierig. Ich liebe grüne Augen, sagt er, hätten Sie die Brille nicht abgenommen, wäre ich weitergefahren. Haben Sie was vor? Ich bin auf dem Weg zu einem Freund, wollen Sie nicht mitkommen? Vielleicht fahren wir aufs Land.
So lerne ich Jack kennen. Ich steige ins Auto des jungen Deutschen und wir fahren auf Saint-Germain-des-Prés zu. In der rue de Tournon gehen wir durch eines der großen hölzernen Tore in einen Innenhof, steigen eine enge Steintreppe hoch, klingeln. Jack macht auf, ein schlanker, dunkelhaariger Mann, wir betreten ein kleines Apartment, Wände in Holz getäfelt mit englischen Möbeln, die schweren Vorhänge zugezogen, die Leuchter an der Wand brennen. Jack steht vor uns im seidenen Morgenrock, ungekämmt, er riecht nach Schlaf. Ah, les enfants, ihr habt mich geweckt, sagt er auf deutsch. Allez, on se lève, ruft er, servez-vous, trinkt etwas, ich dusche schnell. Er verschwindet, kommt wieder, riecht nach Aqua di Selva, trägt einen eleganten, engen Anzug. On va chez Jean-Claude? sagt er, je lui ai dit, qu’on passerait. Unten in der Straße steigt er in seinen Jaguar E und wir fahren hinter ihm her weit aus Paris heraus ins Villenviertel eines kleinen Ortes. Hier wohnt Jacks Bruder mit seiner Familie, seiner blonden Frau und zwei blonden Kindern, fünf, sechs, ein Junge, ein Mädchen. Wir sitzen im Garten, alles ist leicht und fröhlich, ich verstehe nicht viel von der Unterhaltung, die Brüder lachen und erzählen, das Radio spielt, Frank Sinatra singt „Stranger in the night“, die Kinder tanzen in der Sonne. Was machst du hier, fragt Jack mich. Ich bin zu Besuch, sage ich. Et tu t’es tout de suite fait un petit ami, sagt er und zwinkert mir zu.
Jack ist der Inbegriff des Franzosen, wie ich ihn sehen will. Leicht und leichtfertig, begabt und lustig, ironisch und geistreich, elegant und natürlich, verrückt und rücksichtslos.

Ich besuche Margot aus der Buchhandlung, die bei Fischbacher an der rue de Seine arbeitet, wo man sich auf Kunstbücher spezialisiert. Das Geschäft ist ein dunkles Bücherloch, der Chef ein strenger, hoher Herr mit weißen Haaren, über eine enge Wendeltreppe mit Eisengelände schlängelt man sich in den Oberstock, wo Margot in einer weiß verputzten luftigen Bude über der Straße haust. Das Radio spielt ein Violinkonzert von Mozart, in Paris scheint das Leichte zu Hause zu sein. Ich gehe mit Margot ins Theater. Ich esse im klitzekleinen Restaurant nebenan für ein paar Francs zu Mittag. Ich besuche den alten Raymond Duncan, der ein paar Häuser weiter in seiner Academia empfängt. Er hat langes weißes Haar, über das er ein Stirnband trägt, kleidet sich in lange, weiße, selbstgewebte Gewänder. Er ist ein Philosoph, seine Maximen druckt und verkauft er in seiner Boutique. Er signiert mein Exemplar. Er ist der Bruder der tragisch ums Leben gekommenen Isadora. Ich besuche Jack. Ein wenig später besucht Jack mich in Köln. Ich stelle ihn Eva vor, die ihn gleich für die Nacht dabehält.

Ich lerne Otto kennen, er ist Assistent am soziologischen Institut und etwas Handfesteres als Hannes. Er fährt ein kleines offenes Auto, in dem er mich zum Wochenende abholt, das ich bei ihm verbringe, in seinem Apartment in der Innenstadt und fast habe ich ein Gefühl vom Heimkommen, wenn ich es betrete. Er stellt mich seinen Freunden vor, wir gehen aus, er ist ein kleiner Mann mit Schnurrbart, mit nicht viel Kopfhaar, lebhaft und intelligent. Wenn ich nachts neben ihm einschlafe, ist mir wohl.
Im Herbst schreibt mir mein Vater. Er teilt mir mit, daß er einen Dichterpreis gewonnen hat, zu dessen Teilnahme ich ihn angeregt hatte. Er sagt:
„Meinen Preis habe ich, und das für ein ganz kleines Gedicht. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Das Geld – ja, das ist nicht einmal die Hauptsache, sondern daß ich von 47 Bewerbern mit 250 Einsendungen den Preis holen konnte, dieser ideelle Wert liegt mir dann doch wohl entschieden höher – also das Geld habe ich längst unter meine Töchter aufgeteilt. 100 Mark schicke ich Dir gleich, 500 Mark habe ich auf das Heiratskonto Deiner Schwester überwiesen, ja, und der Rest ist draufgegangen, als ich meinem Wagen in Reparatur geben mußte, da Deine jüngste Schwester ihn mir kaputt gefahren hat.
Die Hochzeit Deiner Schwester findet am 12. Oktober statt. Es ist klar, daß ich Dich dazu erwarte. Solltest Du aus irgendeinem komischen Grunde nicht erscheinen, so bin ich ernstlich böse. Für die hundert Mark kaufst Du Dir ein Kleid. Mutter hat eins für 96 Mark bekommen, das sieht sehr gut aus. Also müßtest Du dafür auch eins bekommen. Nun weißt Du also Bescheid.“
Ich fahre zur Hochzeit in unser Dorf, trage ein schlichtes schwarzes Kleid, um den Hals eine doppelte Perlenkette, die mir meine Vermieterin geliehen hat. Meine Schwester heiratet einen schönen jungen Mann, der mir ins Auge gestochen hatte als ich ein sehr junges Mädchen war, er sieht so ganz anders aus als die flachsenen Jungen des Dorfes, schwarze Haare, dunkle Augen unter langen Wimpern. Er hatte nur einige Nachkriegsjahre in unserem Dorf verbracht, er ist aus Trier, wo von nun an meine Schwester wohnt.
Bald ziehe ich bei meiner alten Dame aus. Entweder gab sie ihre Wohnung auf, oder ich folgte der Verlockung einer sturmfreien Bude, denn innerhalb einer Wohnung, wo jedes Zimmer von Studenten bewohnt ist, nehme ich das kleinste, das diesmal zu den Gärten hinaus liegt.
Eines Tages gehe ich mit Otto bei Eva vorbei, die uns mit aufreizender Herzlichkeit empfängt, diese Rheinländer können von solch überwältigender Süßlichkeit sein, vor meinen Augen vollzieht sich die Verzauberung Ottos, ich sehe, den Tod in der Seele, zu, wie die zierliche Eva ihn mit allen Mitteln – sie tanzt, redet, lacht, zieht sich aus, zieht sich um, zieht ihn an sich, tanzt mit ihm – wie eine Nixe von mir weg in ihr eigenes Element zwingt, und ich lasse alles geschehen, bin wie gelähmt, die Verdammnis ist wieder auf mir, es muß so geschehen, das Unglück gehört zu mir, ich kann ihm nicht ausweichen. Ich lasse die beiden allein.
Am nächsten Tag in der Buchhandlung teilt Eva mir mit, ihr ist das Unbeschreibliche widerfahren, sie hat die Liebe ihres Lebens gefunden. Ich gehe zu Fuß nach Hause, es ist schon dunkel, ich laufe die Schienen der Straßenbahn entlang, soll sie mich packen und überfahren; es kommt nur keine.
Eva und Ottos große Liebe dauert nicht lange. Zwei Wochen später kommt Otto zu mir, gesteht die große Verirrung, doch für mich ist es zuende.

Mein Vater schreibt mir einen anderen Brief:
„Deinen letzten Brief habe ich mit Interesse gelesen und festgestellt, daß Du immer noch nicht mit Dir fertig wirst. Glaubst Du etwa, daß der Mensch nur da ist, in weichem Dahindämmern dahinzuleben. Das Leben ist Kampf und wird es auch bleiben. Du jammerst immer noch. Es tut mir immer so leid um Dich. Ich hatte gehofft, daß Du einmal energisch und mutig dem Schicksal in die Augen schauen würdest, aber bisher habe ich von dieser Haltung bei Dir nicht viel verspürt. So kommst Du nie zum Ziel, ein ausgeglichener Mensch zu werden. Freilich wird das Leben bei Euch Nerven kosten, und ich habe Dich schon vor zwei Jahren gewarnt, aber ihr Jungen wißt es ja immer besser als wir Alten. Nun, es gibt kein Zurück, und Du mußt nun schon durch den Dschungel, den Du Dir selbst gewählt hast. Da möchte ich Dir zurufen: Sei ein Mann! Das ist nicht gerade ein Scherz. Glaubst Du, uns wäre alles geschenkt worden. Nach meiner Meinung ist unser Leben ungleich schwerer gewesen als das Eure, aber wir haben niemals kapituliert. Genug davon...
Ich verlange von Dir, daß Du Weihnachten im Kreise unserer Familie verbringst. Das bist Du uns schuldig. Also richte Dich darauf ein. Wie Du hier auftauchst, mußt Du uns eben mitteilen. Bringe mir bitte von Deinem Chef eine Bescheinigung mit, daß Du in der Firma als Lehrling tätig bist. Diese brauche ich für das Finanzamt. Etwas Neues? Ja. Deine Schwester hat ihren Wagen auf den Kopf gestellt. Seitdem fährt sie nicht mehr. Alles! Dein Vater.“

In der Buchhandlung haben wir einen neuen Kollegen, er ist Leiter der Abteilung Philosophie, schon sein Name drückt eine Zwiespältigkeit aus (er ist schwul): der latainische Vorname Camillus ist gefolgt von einem soliden deutschen Familiennamen und so habe ich ihn erfahren, er ist Philosoph und Lebemann, hoheitsvoll und deftig, seine lange Hand streckt sich liebend den Büchern entgegen, streichelt sie, öffnet sie vorsichtig, gierig schiebt er seinen Kopf in die Seiten, doch zögert er nicht, die Dinge des Lebens geistreich, doch beim Namen zu nennen, was bei mir häufige Lachkrämpfe auslöst. Acht Jahre älter als ich, aus dem Priestertum ausgestiegen, mit ungeheurem Wissen und großem Witz, wird er zu einem engen Freund. In seine Abteilung kommen die interessanten Leute. Ein kleiner verkrüppelter Philosophieprofessor, ein alter russischer Professor, ein sehr schöner junger Philosoph mit blondem Vollbart aus dem volle rote Lippen leuchten.
Der russische Professor freundet sich mit mir an. Er kommt in meine Abteilung und redet, vielleicht ist es, weil ich ihm zuhöre. Er heißt Tschischewski, bei den Taschenbüchern stehen einige seiner Werke. Er lädt mich in ein chinesisches Restaurant ein, erzählt mir sein Leben, er ist knapp der Einkerkerung und Erschießung durch die Kommunisten entkommen. Er ist ein Genie, Dinge, die in seine Wahrnehmung getreten sind, bleiben für immer dort. In der Buchhandlung kann er in kurzer Zeit, blätternd, ein Buch durchlesen.
Mit Jochen, dem jungen Philosophen, habe ich eine Liebesfreundschaft. Das heißt, wir sind nicht verliebt, sondern Freunde, unsere Gefühle sind nicht exklusiv, nicht überschwenglich, jeder mag den anderen und vertraut ihm, wir schlafen miteinander, wenn es sich so fügt. Karneval nimmt er mich eine Nacht mit durch Köln, wir gehen zum Haus seiner Eltern, wo im Keller ein Party in vollem Schwung ist, ich tanze und rutsche auf einer Bierlache aus. Wir gehen zur Altstadt, im Morgengrauen bringt er mich zu meinem Zimmer, er braucht eine Stunde, um mir den rechten Stiefel vom Fuß zu ziehen, so geschwollen ist mein Bein. Ich habe eine Sehnenzerrung, werde eingegipst, bleibe zehn Tage zu Hause.

Im Frühjahr 1967 bestehe ich vor der Kölner Industrie- und Handelskammer meine Lehrlingsprüfung. Mein Chef schreibt mir ein Zeugnis und bietet mir eine feste Stellung an, mit nur geringer Gehaltserhöhung. Das gefällt mir nicht. Ich habe die Buchhandlung satt. Eines Tages kommt Jochen ins Geschäft und erzählt mir, um zwei würde er in seinem VW nach Paris fahren. Ich setze alles auf eine Karte. Nimm mich mit, sage ich. Hol mich um zwei bei mir ab. Ich nehme Urlaub und bin nach kurzer Zeit auf dem Weg. Als es dunkel wird, fahren wir auf den boulevard Saint-Germain zu, ich steige aus, verabschiede mich von Jochen. Die rue de Tournon ist nicht weit, der Jaguar E steht vor Jacks Tür. Als ich oben schelle, ist er nicht da. Ich gehe in das chinesische Restaurant nebenan. Dort sitzt er mit einer seiner Freundinnen, einem schwedischen Mannequin, das ihn um einen Kopf überragt. Hallo, wie geht’s, sagt er. Setz dich doch. Hast du Hunger? Was machst du hier? fragt er.
Ich suche Arbeit, sage ich, ich möchte nach Paris kommen.
Das wird sehr schwer, sagt er.
Nach dem Essen verabschiedet er sich von seiner Freundin und geht mit mir in seine Wohnung.
Ich mache dir ein Angebot, sagt er. Ich habe eine kleine Firma, und bis jetzt arbeitet für mich eine junge Deutsche, aber sie ist krank, weißt du, sie ist verrückt, schizophren. Ich muß sie gehen lassen, sie nimmt auch Drogen. Du kannst sofort anfangen. Wann kannst du kommen? Ich besorge dir ein Zimmer.
In einer Woche, sage ich.

Alle Sehnsucht, die eine deutsche, etwas masochistische Abart des Wünschens ist, richtet sich auf etwas, was wir nicht haben. Von einem gegebenen Zustand streben wir zu einem vollkommeneren. Immer wieder richtet der Mangel sich in uns auf, und je nachdem wie tatkräftig wir sind, wie göttlich wir uns vorkommen, splittert das Wollen sich auf in Verlangen, Erwartung, Hoffnung, Streben, Ehrgeiz, Vorhaben, Anspruch, Begierde, Forderung, Lust, Gier, und Ziel, deren Richtung und Intensität von unsicheren Faktoren abhängen, wie genetisches Ausgangsmaterial und dessen Handhabung in Kindheit und Jugend. Unsere Aufgabe als Erwachsene ist, unsere Not zu bändigen, doch entgehen wir der Tragik nicht, daß das Sehnen, das Wollen nie aufhören. Unsere Komplexität verurteilt uns zu permanenter Not, die zu „wenden“ ist, unser Leben ist voller Notwendigkeiten. Das schmerzhafteste Verlangen bezieht sich aufs Unmögliche: Freiheit von Notwendigkeit. Und da kommen wir wieder bei der Liebe an. In der Liebe finden wir Ruhe, denken wir, denn in der Liebe löst sich die Hinspannung zum Gewollten auf. Tief in uns versteckt ist ein geheimer Platz auf dem die Liebe blüht: von hier stammen die Elemente, die die Liebe ausmachen – sie sind abstrus und irrational, doch gäbe es die Liebe ohne sie nicht, sie muß sich aus dem Unmöglichen nähren.
Seit einigen Jahrzehnten streitet man sich darüber, wann und wie die Frau Kenntnis von ihrem Frausein nimmt, wie sie die Liebe lebt, als Subjekt oder als Gattungswesen. Ich habe viele junge Frauen gekannt, deren größtes Bestreben das Kind war, sie liebten den Mann besitzergreifend, um sich von seiner Substanz füllen zu lassen, ohne die sie unvollkommen waren; sobald sie ihr erstes Kind hatten, erzählten mir einige, war in ihnen nicht mehr das Bedürfnis, in Geschäften herumzulaufen und sich Sachen zum Anziehen zu kaufen; viele bekamen ihre Kinder unter den seltsamsten Umständen, ohne eine andere finanzielle Absicherung als ihre Arbeit und die Hilfe, die unsere Gesellschaft ihnen anbietet und es scheint mir, auch jetzt noch, wo sie Autonomie über ihren Körper und ihr Leben hat, hält die Natur sie stärker im Griff als alles andere, denn wie Simone de Beauvoir sagt: die Frau wird von ihrem Körper gelebt: „la femme est son corps: mais son corps est autre chose qu’elle.“
Sie ist also zweidimensional, bestimmend und bestimmt, muß ertragen, daß sie sie selbst ist, sich lieben und sich vor sich in acht nehmen. Jahrtausendelang hat sie sich weniger dem Mann, als den von ihm aus Herrschsucht und Ignoranz geschaffenen Konventionen gebeugt. Immer waren da einige, die aus der Konvention herausfielen oder heraustraten, aber die Mehrheit hat sich willig ihrer gott- und naturgewollten Bestimmung untergeordnet, hat sich, um ihre Einheit zu finden, darauf praktisch zurückgebildet. Ihre geistigen Bedürfnisse befriedigte sie aus den gott- und naturgegebenen Quellen in der Religion und in der Unterwerfung unter die herrschenden Regeln ihrer Kultur, der Moral; diese war die Peitsche, die die Gesellschaft über sie schwang bis sie sie integrierte und diese ihr trauriges Hoheitsrecht wurde.
Das 20. Jahrhundert hat die Frau zur Expansion gezwungen. Erst jetzt hat sie sich ihre Freiheit genommen, die sie mit viel Mühe ausübt – wo gibt es schon Freiheit ohne Einsamkeit, Selbstaufopferung in Freude, Liebe ohne Bedingungen? Ihre originale Natur hält sie im Griff, sie ist ihr Körper mit allen seinen Forderungen und Mißlichkeiten, auch wenn die Gesellschaft dem jetzt zu einem gewissen Maß Rechnung trägt, doch eine grundsätzliche Ungleichheit existiert weiter, das Gerüst unserer Welt ist nun mal von männlichen Gehirnen errichtet, den Söhnen, die ihren Müttern zuwiderhandeln müssen, bei denen Selbstbehauptung Kampf ist, deren Gesetz Aggression ist, das Überschreiten gesetzter Grenzen. Die Frau jedoch ist noch immer unter der Fuchtel der alten Bilder und Vorstellungen, die ihr sagen, wer sie ist und sein soll, sie hat sich noch nicht total in Besitz genommen, ihr Eigenkapital gesichtet und eingeschätzt, hat noch nicht begriffen, daß sie das Leben ist, das Denken, das Handeln, dazu ist sie noch nicht ausgebildet, ist ihre affektive Seite noch zu ausgeprägt, die eine Komplettierung im Anderen sucht, immer noch um Billigung zum Mann hochschielt, eine alte Gewohnheit: Vater, der Gott, oder Gott, der Vater?

Auszüge aus Aufzeichnungen, als ich nach der Untreue meines Mannes klarzukommen suche (für angepaßte Seelen zu überspringen):

„Ist jeder Mensch so, hin und her geworfen in einem Meer von unbestimmbaren Kräften? Was rettet einen? Wetterwechsel, die schnell hinfliegenden Wolken, Spaziergänge, Sex? Mein Mann ist meine Hoffnung auf Glück geblieben, und in seiner Gegenwart bin ich glücklich. Wenn er die Tür aufmacht, klopft mir noch immer das Herz. Ich erwarte etwas von ihm. Aber er entzieht sich mir. Nur mehr selten gehen wir Hand in Hand, wobei ich meine Ganzheit gegenüber der Welt wiederzufinden scheine. Wir sind zwei erhärtete Strukturen, die einander zerreiben, aufreiben. Zwei Schwerverletzte, und jeder will den anderen als Krücke benutzen. Niemand will die Krücke sein. Wenn ich es sein soll, bricht mein morsches Holz zusammen.“

„Ich bin immer ganz unten und miserabel. Meine Knochen sind so steif, daß ich mich nur mit viel Mühe bewege, meine Füße brennen und schmerzen, meine Muskeln sind schwach, der Rücken, die Hüftknochen sind wie eingerostet und Bewegung schmerzt, Stillsitzen schmerzt, Liegen schmerzt. Alle diese Schmerzen nagen an mir. Nichts geht mehr durch Schlaf weg. Ich wache müde auf und bleibe müde, bin nie ausgeruht, nie mehr wohl in meinem Körper. Den ganzen Tag habe ich Lust auf etwas, ich weiß nicht worauf. Wenn ich esse, bekommt es mir nicht, dann weine ich oder schreibe Obzönitäten. Wenn der Schmerz mich nicht zerreißt, habe ich die schlimmsten Depressionen, vor allem in diesen Löchern der Existenz, wenn nichts passiert, wie im dunklen Kino, oder beim Einschlafen, wenn nichts sich zwischen den Horror und mein Bewußtsein schiebt, ich schrecke aus dem Halbschlaf auf, fühle mich sterben oder verrückt werden, dann verkralle ich mich in meinen lebendigen Körper, kneife mir in die Hüften und atme tief durch, um den Aufruhr in meinen Innereien zu stoppen, mein Herz zu beruhigen, das wehtut. Tags bin ich ungeschickt, lasse alles fallen, mein Kopf läuft nicht mehr mit meinen Händen synchron. Ich bin zerstreut, kann mich an nichts erinnern, alles geht mir zwischen Gedanke und Ausführung verloren, ich bin unruhig und gehetzt und komme nirgends an. Ich versuche Ordnung in mein Leben zu bringen, mein Grübeln ist ohne Unterlaß. Ich gleite mir mehr und mehr aus den Händen in ein Entsetzen, das in mir ist, sich nach allen Seiten dreht und wendet .“

„Ich bin wütend, daß ich durch meine Herkunft und Erziehung wie in ein Narrenkleid in eine Moral gekleidet bin, die ich nicht ablegen kann – und ich sehe die andern, die es ohne Mühe können. Ich bin gehandikapt. Jeder kann mich belügen und betrügen, mich maßregeln, schelten, schlecht behandeln, schlecht bezahlen, demütigen, nur ich verbiete mir genau so zu sein. Ich muß stillhalten. Ich sehe mich wie ein gemachtes Stück Kultur in einem Ich, das ertragen muß, ich bin jemand, der ich nicht sein will, ein Zufallsprodukt. Was ist mein wirkliches Ich, da ich zwei zu haben scheine? Doch wohl das gequälte, hilflose, voll guter Vorsätze. Aber dann hört es auf zu sein!“

„Es ist Sonntag Mittag und ich sitze im befleckten Morgenmantel und schreie vor Einsamkeit.
Mein inneres Nichts überkommen!
Aber was ist da denn außer nichts? Die Dinge der Welt sind mir von Natur und Erziehung versagt. Was ist da sonst? Die Demütigung ist ein Ding, der Schrei ist ein Ding, der Schmerz? Sind das die Dinge des Lebens? Mein Leben hat sonst keine Fixpunkte mehr, an die ich mich klammern kann, wo ich Halt finde. Ich hänge frei in der Luft, halte mich mit einem Arm fest und brülle, weil ich fühle, ich falle gleich.
Wie lange willst du noch, daß ich da hänge?
Ich schnalle ab.
Jeder, der mich sieht, sagt, du liebst den Schmerz, aber das stimmt nicht. Ich hasse den Schmerz. Er ist nur da. Ungerufen.
Ich sitze wie in der Folterkammer, die Camus beschreibt, sie ist so klein, daß man sich weder hinlegen noch vollkommen aufrichten kann. Langsam verkrüpple und verhungere ich, weil ich da auf Lebenszeit bin und dann vergessen werde.“

„Ich lerne das Unvermeidliche akzeptieren, meine im Zorn aufgerichtete Seele beugt sich vor der Realität, ab und zu jedoch falle ich wieder in meine alten Gefühlsmuster zurück, das ist so einfach, sie stehen vor mir wie alte, ausgeleierte Schuhe, in denen man so viel besser gehen kann als in neuen. Was ist die Realität? Nichts, was ich klar definieren könnte, weil sie von so viel Imaginärem durchwirkt ist. Eine der ersten Fragen, die ich mir stellte, war, warum die Dinge dieser Welt in angenehme und unangenehme aufgeteilt sind, für letztere hatte ich ein überscharfes Gefühl, das mich das Angenehme suchen ließ, nur gab es davon nicht viel. Auch hing es von den Anderen ab. Um es zu erhalten, mußte ich ihnen zu Gefallen sein. Ich erhielt die Anweisung: du erträgst das Unangenehme, dann wirst du zum Erträglichen hin erlöst. Wenn du dir unzulässigerweise selbst dazu verhilfst, hast du mit Strafe zu rechnen. Eigenmächtigkeit, Eigenwilligkeit wurden mit Schuld belegt, das Angenehme war verboten. Meine Revolte ging von früh auf gegen die symbolischen Träger des Unangenehmen, die Anderen, die Eltern, die Erwachsenen, dann die Gesellschaft, das System, denn ich konnte nicht lügen, konnte nicht täuschen. Um mich herum sah ich eine undurchschauliche Phalanx von Regeln, Gesetzen, Forderungen, Pflichten, Vorschriften, Ansprüchen, die Welt stand mir rigide, undurchsichtig, erbarmungslos gegenüber. Sie war eine Art universelle Ratio, vereitelte meine Version des Seins, hatte immer recht.
Dieser verhängnisvolle Block hat sich mir als Gebilde meiner Imagination aufgefächert, ich fange an, lebendig zu sein, weil ich die Lüge als das erkannt habe, was sie ist: mehr als Unwahrheit ist sie die blinde, willige, so bequeme Unterwerfung unter ein Prinzip. Wir hinterwäldlerischen Deutschen werden zu Moralisten erzogen. Das schränkt unsere Handlungsfreiheit ein, macht uns zu Konformisten. Wir glauben, die Wahrheit existiert, wir wissen, wie sie aussieht. Ich habe mich in die vielgestaltige, pluralistische Welt begeben, muß tolerieren, daß meines Nächsten Wahrheit anders ist als meine, muß jedoch lernen, dem den Biß des Schmerzes nehmen.
Was ist also das Unangenehme? Ein Gefühl, das unser Bewußtsein auf bestimmte Objekte gelenkt hat und das uns uns selbst entfremdet. Um Hamlet zu paraphrasieren könnte man sagen, das Unangenehme gibt es nicht, es ist unser Denken, was es dazu macht. Wenn es also nichts Absolutes ist, und um festzustellen, warum etwas ungute Gefühle in mir auslöst, müßte ich die Fäden des Kausalen zurücklaufen können, oder umgekehrt, ich müsste das, was mir als unangenehm erscheint, kernspalten können, um zu sehen, welches die Komponente sind, die es so hat werden lassen. Es geht mir hier um die Umwertung meiner Werte. Wenn ich nun drangehe alle Begriffe, die in mir Behagen oder Unbehaben hervorrufen auf den Kopf zu stellen, um zu sehen was ihnen aus den Taschen fällt, merke ich, daß sie sich von Auffassungen und Vorstellungen nähren, die einer Probe nicht standhalten, daß sie den Menschen elend machen, lähmen und in seinem wirklichen Leben hemmen.”

„Ein grundlegendes Gefühl war das Erstaunen über das Unergründliche, Unverständliche, Ungeheuerliche, daß ich gerade ICH sein mußte, in diesem Ländchen geboren, von diesen Eltern, zu diesem Zeitpunkt. Was ist das in mir, das ,ich’ sagt zu diesem zufälligen Konglomerat? Ich fühle mich eher wie ein pures Sein, an keine bestimmten Eigenheiten gebunden, das Mühe hat, in das praktische Sein zu schlüpfen, das ihm aufgedrückt wurde.
Im Moment kann ich nicht lesen, weiß nichts mit mir anzufangen. Gerade schrieb ich einen kurzen Bewerbungsbrief viermal, immer wieder rutschte meine Hand zu einem Fehler aus, zu sehr bin ich in mich selbst vertieft. Mein Mann kommt jeden Abend spät und betrunken nach Hause. Wir reden nicht. Ich trinke wieder Wein vor dem Schlafengehen, doch wenn er kommt, wache ich auf und kann nicht mehr einschlafen. Meine Träume erschrecken mich. Gestern war da ein anonymer Chef, ein alter kaputter Mann. Ich muß etwas falsch gemacht haben, plötzlich fing er an zu zittern, sagte mir, er fiele jetzt ganz auseinander. Ich beobachtete ihn um die Ecke im Badezimmer herum, wie sein Körper, Blut und Schweiß ausstoßend in Stücke brach. Dann war ich mit einem jüngeren Mann im Garten. Durch die Luft flogen schreckliche Insekten, ich wollte meinen Kopf, um mich zu schützen, an seine Schulter legen, er erlaubte es. Plötzlich war mein alter Chef wieder da, er hatte sich wieder zusammengesetzt. Er war mir nicht böse.“

„Was weiß ich denn? Ich bin nicht dem natürlichen Ablauf des Lebens gefolgt, habe nicht schön geblüht damit ich befruchtet würde, war ein Mauerblümchen, von niemandem bemerkt, aber mit Träumen, einmal die Königin des sonnigen Gartens zu sein. So ein Selbstbildnis, das sich in einer nicht befriedigten Sehnsucht spiegelt, verläßt einen nie. Wenn jemand mir sagt, ich soll ich selbst werden, dann kann ich nur lachen. Mich wieder zur norddeutschen Kuh zurückbilden, die ich so lange Zeit gebraucht habe, aus mir rauszuedeln?“

„Ich habe herausgefunden, die Bosheiten meines Mannes sind nur schnelle Fechtstöße, sie können zwar verletzen, sind auch ernst gemeint, doch er hat nicht den Muskel zum Weitermachen. Vielleicht sind sie ihm wie das Salz in der langweiligen Suppe des Lebens. Denn einen Moment später ist er wieder freundlich. Wenn ich seine Bosheiten ernst nehme und böse werde, dann antwortet er mit ausdauerndem Schmollen. Er ist mir böse, daß ich ihm böse bin. Dann bestellt er mich irgendwo hin und erscheint nicht. Oder er ruft mich an, er käme sofort nach Hause, damit wir zur ersten Abendvorstellung ins Kino gehen könnten, doch er kommt nicht. Und so weiter. Ich darf ihm nie deswegen böse sein. Sonst findet eine unaufhaltsame Steigerung unserer Haßgefühle und ihrer Äußerungen statt. Wir sind wie in einen Irrgarten gesperrt, woraus nur der mutige Sprung über die Hecke des einen oder des anderen uns befreien kann. So ein Irrgarten scheint ohne Ausgang, aber das Herumirren kann zur Gewohnheitssache werden, die man nicht mit dem Unbekannten eintauschen möchte. Das Unbekannte ist der freie Verkehr zwischen uns, unfixiert von einschränkenden, lieben Haßgefühlen.“

„Mein Mann trinkt mehr als sonst. Er flippt aus. Richtet seine Aggressivität gegen mich. An der Bushaltestelle: er macht mir Angst wegen irgendwas, es ist so leicht mir Angst zu machen, ich bitte ihn, das zu lassen, sage, bitte nicht, ich habe zu schwache Nerven. Er sagt: Du tust immer als wärst du die einzige die sensibel ist. So, sage ich, wann habe ich das letzte Mal deine Sensibilität verletzt? Nach einer Sekunde sagt er: Immer. Weil du keine Miete zahlst, keine Verantwortung übernehmen willst. Er sieht wütend aus. Der Bus kommt. Gedränge, zu viel Reisegepäck, zu viele Leute. Er schimpft über die sozialistische Regierung, gibt ihr die Schuld am schlechten Busservice. Le Pen hat recht, schreit er auf der Straße, wirf sie alle ins Gefängnis, oder schicke sie nach Rußland, diese Sozialisten. Er war total irre. Er ist jetzt auf Whisky, den er stetig in sich hineingießt. Seine Aggressivität fließt frei und ergißt sich über mich und ich lache und fühle, wie ich verrückt werde.“

„Er kam betrunken nach Hause, lief direkt ins Schlafzimmer, legte sich mit Schuhen aufs Bett, auf die wunderschöne Amish-Patchworkdecke. Ich zog ihm die Schuhe aus, nahm ein Plaid aus dem Schrank und deckte ihn zu. Er murmelte, er würde in Kürze im Gefängnis landen. Ich küsste ihn und sagte, lieber nicht, da ist niemand, der dich zudeckt. Ihn da so liegen zu sehen, schmolz mein Herz und ich fühlte Mitleid und Zärtlichkeit und Liebe für ihn und konnte nicht umhin, von der Situation zu profitieren, mit ihm, der vor mir lag, betrunken und schläfrig, und ich, die ich über ihn gebeugt stand und im Kriegsspiel endlich die Oberhand hatte, mit ihm tun konnte, so fühlte ich, was ich wollte, aber ich wollte ihn nur küssen, zärtlich und voll Liebe, endlich mir das nehmen, obwohl in Maßen, was er mir nicht geben wollte, aber er kniff seinen Mund zusammen und sagte, ich bin kein großer Küsser, ich erwiderte, es gibt Leute, die du gerne küsst, da lachte er, so fand ich, höhnisch auf.“

„Aggression ist nicht unbedingt destruktiv. Sie entspringt einer angeborenen Tendenz zu wachsen und das Leben zu meistern, was eine Eigenschaft jeder lebenden Materie ist. Nur wenn dieser Lebenstrieb in seiner Entwicklung gehemmt ist, verbinden sich mit ihm Teile von Unwillen, Wut oder Haß.“ (Clara Thompson)

„Die Launen meines Mannes werden mir immer unerträglicher. Er braucht jeden Tag Stunden um „aufzustehen“. Zuerst sitzt er lange in der Unterhose auf der Couch. Ich sage nichts. Er liebt es, meine halbwegs ordentliche Welt in Chaos zu verwandeln. Er hat so viele Hemden, daß nur immer ein Zehntel im Schrank hängen kann, der Rest liegt fein säuberlich von mir gefaltet oben im Wandschrank, der bis zur Decke reicht. Nur ein Drittel seiner Hosen hängt auf Bügeln, die anderen liegen geglättet im Fach unter den Hemden. Er zieht alles heraus und wirft es aufs Bett, sucht etwas, was nicht mehr existiert, oder wechselt die Hemdenart. Er ist von seinen Hemden aus feinstem Batist auf seine irischen Wollhemden zurückgekommen, die laut und bunt gescheckt oder gestreift sind. In ihnen sieht er unstrukturiert aus, mit hängenden Schultern wie eine alte Frau. Ich sage nichts. Er zieht jeden Tag seine häßlichen amerikanischen Schuhe an, die oben am Leder und unter der Sohle aufgerissen sind, obwohl im Schrank etwa zwanzig Paar teure italienische Schuhe verstauben. Ich sage nichts. Er läuft herum und kramt und macht Krach, steckt seine Nase in alles und nörgelt herum. Es wird später und später, draußen ist ein wunderschöner Sonntagnachmittag. Ich sage nichts. Wir haben nicht zu Mittag gegessen, er ist nicht hungrig. Ich sage nichts. Es ist halb vier, in einer Stunde wird die Sonne anfangen unterzugehen. Seit einer halben Stunde hat er seine Lederjacke an und tut dies, tut das, ich sitze in meinem Zimmer und versuche zu lesen. Ich sage nichts. Dreimal ruft er, laß uns jetzt gehen. Ich ziehe meinen Mantel an, bin fertig. Er geht in dickem irischen Pullover und Lederjacke ins Badezimmer, will sich die Zähne mit der Munddusche ausspülen. Ich sage: Du willst dir doch jetzt nicht noch die Zähne putzen? Doch, sagt er, da siehst du mal, wie das ist, wenn man auf jemanden warten muß. Gut, sage ich, ich gehe nicht mehr raus, und verschwinde in meinem Zimmer, schließe die Tür. Mein Mann verläßt endlich die Wohnung, schließt außen alle Schlösser unserer Eingangstür, weil er denkt, ich bin schon vorgegangen. Draußen wird er mich nicht finden. Das ist ihm egal. Vor Wut und Aggression muß ich kurz weinen. Ist es zuviel an Traum, wenn ich ein wenig Frieden und Vergessen im sanften Sonnenschein möchte, wenn ich gern am schön gedeckten Tisch eine Mahlzeit einnehme, mit einem Mann, der nicht nur Unterwäsche trägt, der nicht mit den Fingern ißt, nichts auf die Erde fallen läßt, mich nicht totredet? Ich hole die Trittleiter, gehe ins Schlafzimmer, falte den Klamottenberg und lege alles wieder nach oben in den Wandschrank.“

„Ich bin unfähig jemandem meinen Willen klar zu machen. Ich schlängele mich durch die Strömungen der Willen der anderen. Im Büro bin immer ich es, die den Kaffee macht, dann laufe ich mit einem Tablett durch die Gänge. Wenn alle getrunken haben, stellen sie die Tassen auf meinen Schreibtisch und ich muß sie im Becken neben dem Klo spülen und abtrocknen. Mein Schreibtisch ist wie eine Mülltonne, auf ihm stoßen die anderen die Arbeit von sich ab und ich bin der Müllfahrer. Meine zwei kleinen Chefs sind beflissen und eifrig, mir gegenüber besserwisserisch und herablassend. Sie machen oft Fehler, die ich versuche auszubügeln, doch sie danken es mir nicht, im Gegenteil, um mir zu trotzen, treffen sie neue Anordnungen. Ich bin eine Ausführende, alles wird mir nur schnell zwischen Tür und Angel erklärt, ich nerve die kleinen Chefs mit meinem Gefrage. Für sie bin ich eine ältere Frau, die Sekretärinnenarbeit zu verrichten hat, mehr nicht. Sie dürfen bei mir ihre Anfängerkomplexe ausleben. Wenn ihr Englisch nicht ausreicht, führe ich Verhandlungen mit asiatischen Kunden, ich führe komplizierte Lieferungen durch, ich habe mit viel Mühe und Arbeit einen ganzen Katalog für sie übersetzt, vorher den ganzen technischen Kram gelernt, damit kein Unsinn aufs Papier kam. Ich kann tun was ich will, ich bin am kürzeren Ende, ich bin eine Frau.“