Analyse eines Lebens - fast ein Roman

VII



Ich möchte weinen, aber es geht nicht, mein Tränenspiegel ist mit der Zeit gesunken, es muß schon ganz dicke kommen, damit es bei mir fließt. Ich weiß nicht, ob das gut ist oder nicht. Es ist so. Ich wüßte auch gar nicht, ob ich über mich oder über meinen Mann weinen sollte. Oder über das, was uns unüberwindlich trennt. Es ist der alte Schmerz, die Liebe nicht geben zu können, weil Eigeninteresse und Selbsterhaltungstrieb es verbieten.
Mein Mann informiert sich jeden Tag über den letzten Stand des Skandals Elf Aquitaine, der, genüßlich für den kleinen Bürger, immer weitere und höhere Kreise zieht. Vor seinem ewigen Fernseher schreit mein Mann mit Verachtung auf, wenn ein Sozialist Stellung nimmt, denn einer der Drahtzieher, der frühere Außenminister Dumas, ein enger Freund Mitterrands, steht vor Gericht, ein fast 80-jähriger Mann, auf seinen Stock gestützt zeigt er höhnischen Gleichmut vor den Anschuldigungen der Korruption.
Mitterrand, der der Nation nicht in die Augen sehen konnte, in seiner Verschlagenheit und seinem Machthunger vom Kaliber der Talleyrands dieser Welt, den moralischem Klumpfuß mit hartnäckigem Ehrgeiz kompensierend, war ein großes Verhängnis für Frankreich, weil er das Land unter falschen Vorgaben in die Illusion und die Irrealität führte. Um sich herum kultivierte er einen intimen Hofstaat ihm in allem Gewillter, die nach seinem Belieben walteten. Als er sich während des Krieges der Resistance anschließt, nachdem er merkt, das deutsche Blatt hat sich gewendet, denn er ist ein Diener Vichys, trifft er dort jemanden, dieser ist ohne Furcht und Tadel, von überragender Intelligenz und Mitterrand hört auf ihn: den Herrn Dumas. Sein Denken ist noch schneller, sein Wort noch handlicher, seine Wendigkeit noch größer. Wer war wessen Instrument?
Die Wege der Politiker sind undurchdringlich. Das ist gewollt. Wir haben andere Sorgen, denn wir müssen die Minuten und Sekunden unseres Lebens damit zubringen, ihre Fehler auszubaden. Wie Hegel fühlen wir jeden Abend den Atem des Weltgeistes, der sich über die Welt streckt, uns am Fernseher streifen, wir fühlen uns überwältigt, hilflos, seine Tatze ist über uns und wir sind froh, daß sie uns diesmal nicht erdrückt, denn: „Das Partikuläre ist meistens zu gering gegen das Allgemeine, die Individuen werden aufgeopfert und preisgegeben.“
Ich bin zu politischem Denken unfähig. Das war immer so. Obwohl meine Erfahrung mich gelehrt hat, die Konservativen abzulehnen, ja zu mißbilligen, weiß ich nie, ob die Linken es so ehrlich meinen, wie sie vorgeben. Ich weiß nie, wer wann lügt, und wo fängt Lüge an, wenn sie hinter Haarspalterei sich versteckt. Wenn ich Anläufe mache, jetzt endlich die Zeitung regelmäßig zu lesen um herauszufinden, worum es wirklich geht, dauert das nie sehr lange. Politikerstreitereien als Selbstzweck langweilen mich zu Tode, und ich habe meine Zweifel darüber, ob es objektive, sachliche Informationsübertragung gibt, weil auch in dieser speziellen Semantik sich tendenziös das Wahre mit dem Unwahren und Halbwahren mischt. Jeder will uns doch auf seine Seite ziehen. Politik ist Proselytismus und es geht immer darum, wer stärker oder schlauer ist, wer die besten Winkelzüge aus dem Hut ziehen kann. Einer der Aufklärer sagte „L’homme ne juge les lois qu’à la lueur de ses passions“, und im Licht dieser Weisheit habe ich aufgehört, nach der Wahrheit zu fragen. Ich sehe unsere Welt aufgespalten in die Hartnervigen, die dem Ansturm ihres Gewissen widerstehen können und die anderen, die voller Furcht sind, sich nur mit Angst und Beben in dieser Welt behaupten. Politiker scheinen ein bestimmter Zuschnitt des Menschen zu sein, der sich die Charakterzüge zunutze macht, sie mit perverser Unschuld anwendet, williger Diener des Zweckes, deren wir uns im sozialen Leben enthalten müssen. Wenn unsere „offene Gesellschaft“, in der die Moral zumindest als Lippenbekenntnis herrscht, einen Skandal sich auffalten läßt, sehen wir in die Abgründe von Arglist, Hinterhältigkeit, Lüge und Gier dieser Mächtigen, in deren Händen die Fäden unserer Leben zusammenlaufen. Als mein Mann nicht aufhörte, mir die Verbrechen des Sozialisten Dumas darzulegen, während ich den Samstagskrimi auf ZDF ansah, der nur die verkürzte Fassung einer Schuld und Sühne-Thematik ist und mir vollauf als Kartharsisauslöser genügt, sagte ich zu ihm, please, I’m watching this now.
Can’t you be more intelligent than that, rief er.
Ich machte den Fernseher aus, sagte, so, nun rede.
Doch er war verletzt. Er stand auf und schlürfte zu seinem Computer.
I don’t talk to you anymore, murmelte er. You’re not a real companion.
Ich ging in mein Zimmer.

In meinem Zimmer hängt ein neuer „nu“, auf deutsch Akt, heißt: die Darstellung eines nackten Frauenkörpers. Akt, welch seltsame Bezeichnung, denn meistens agiert er nicht, dieser Körper, er handelt nicht, er ist außer der Zeit, obwohl es natürlich auch laufende, hüpfende Akte gibt, vor allem mein Freund Volodia hat eine Menge davon gemacht; es sieht so aus, als hätte irgend ein Frömmler das ,n’ mal weggestrichen (das ,c’ noch obendrein) als wolle er eher die Entkleidung der Frau benennen, als den immobilen Körper auf dem Zeichenblock. Meine neuer Akt hängt rechts über der Kommode, er ist nicht groß, nur eine Stiftzeichnung, eine Studie, vor zweihundertfünfzig Jahren steht eine junge Grisette mit dem Rücken zur Malklasse, diese hat den Auftrag, ihren Rumpf mit dem Stift zu zeichnen. Das Papier hat über die Zeiten hinweg die Farbe braunen Zuckers angenommen, der nur ein wenig dunklere Stift ist desto delikater. Ein Passepartout rahmt die Zeichnung lindgrün mit hellbraunen Streifen ein, der schlichte Rahmen ist in mattem Gold. Unter dem Glas sind einige winzige Insekten zu Tode gekommen, jedoch nur auf dem Passepartout, die Zeichnung ist außer einigen alten Porösitäten unversehrt.
Da sehe ich also vor mir, das rechte Bein etwas vorgestellt, den ganz glatten Popo einer Frau ohne eine Spur von Zellulitis und darüber den Rücken mit der sanften Rille des Rückgrats, das sich leicht nach rechts dreht. Es ist ein wohlgenährter Arsch, die zwei reifen Backen runden sich hoch zur Taille, die einen leichten Speckansatz zeigt, zwei Grübchen streben zum Rückgrat oberhalb der Arschfalte, diese jedoch wölbt sich – da wir sie leicht seitlich sehen – zur delikaten, verschwiegenen Stelle, wo das Sublime sich bei uns mit dem Allzu-Menschlichen kreuzt. Der Rücken ist schön in einer Weise, die über ihn hinausreicht, ich weiß nicht wohin, vielleicht ins ewig Weibliche, dem wir Doppelwesen unterworfen sind. Um ihn gut zu sehen, habe ich ihm ein nach oben gerichtetes Spotlight zugeteilt, mit einer Sparbirne 11 Watt, das immer brennt.
Die Wände meines Zimmers hängen voll von Frauenbildern, das sind meine Freundinnen, Spiegelstücke meiner selbst, denn wenn ich ein Bild kaufe, ist immer eine Verliebtheit vorhergegangen, ein narzißtischer Reiz, wie bei der Begegnung mit Menschen. Mein erstes Bild fand ich bei meinem Friseur, dort hatte eine Studentin ihre Werke ausgestellt. Eine junge Frau liegt auf dem Rücken in dunkelblauer Unendlichkeit, ihre Schenkel angewinkelt, dazwischen dunkel das Dreieck ihrer Schamhaare; in dieser typischen Geste, die wir Frauen haben, wenn wir uns in uns selbst verkriechen, schlingt sie ihre linke Hand unter die Brust, sie umfängt sich, die rechte stützt sinnend ihr Kinn. Von ihrem Kopf strömen lang und prachtvoll ihre rostroten Haare, ausgebreitet wie ein reicher Teppich. Als ich neunzehn war, unsere Klasse mit den Nonnen zum Katholikentag nach Berlin fuhr, war ich allein in Dahlem und habe mir Rembrandts Mann mit dem Goldhelm angesehen. Ich wollte wissen, wie das Glitzern des Helmes zustande kommt. Ich fand, dort, wo es nur so blitzt, ist die Farbe fast fünf Zentimeter dick. Das ist Kunst, ein Abbild unseren Sinnen so lebendig zu machen, daß unsere Vorstellung es als die Wirklichkeit annimmt. Meine junge Malerin gab Körper und Haaren mit generösen, übermalten Gipsapplizierungen Relief und Fülle, der Körper ist von kränklichem Weiß, als wäre ein Stück Leben aus ihm gegangen, die Haare faszinieren mich natürlich am meisten, weil auch ihr Reichtum die junge Frau nicht von ihrer Melancholie erlösen.
Jedoch ein erstes Frauenbild kaufte ich vor dreißig Jahren in einem kleinen Trödelladen auf dem Weg zu Emmanuel, es ist das Bleistiftportrait einer jungen Bürgerstochter von 1859 mit frommen Glubschaugen und einem Herzchen am Hals. Sie war das einzige, das ich nach meiner Rückkehr aus Hollywood von meiner Habe aus meiner alten Wohnung wiederfand.

V. Yankilevsky, Landschaft eines Frauengesichts, Zinkradierung, 1972


Dann sind da zwei große stille Frauengesichter in naiver Manier von der gleichen Malerin, eins könnte mein Portrait sein, so sehe ich manchmal aus, eine Frau, deren Blick nicht über ihre Pupille hinausreicht, weil die Welt in ihr ist, deren Mund still ihr Geheimnis festhält. Ich habe einen Art-Deco Akt mit roten Schuhen, einen Kreideakt neunzehntes Jahrhundert mit grünem Haartuch, einen stehenden, sich vorbeugenden Rückenakt meiner jungen Malerstudentin, vor dem mein homosexueller Freund Camillus tief aufseufzte, ich habe das Gesicht einer der Insassen, ihren Kopf umgeben irre rote Haare wie Flammen, die Antonin Artaud während seiner Internierung zeichnete (nein, dies ist kein Original), und einige Drucke, die Volodia mir schenkte: eine große „Zwölftonfrau“, sie ist von harmonischer Eiseskälte, atomisiert, in elementare Teile zerlegt, als sei das möglich; und eine Karikaturstudie des Weiblichen, wo all das nicht ist, was die Frau in sich fühlt, ihr inneres Sein, das Bewußtsein ihrer Fremdheit in der Welt, ihre Einsamkeit: Volodias Frauen sind der Ausdruck seines Unvermögens sie in ihrer Ganzheit zu erfassen, sie sind nicht „désir“, Verlangen, Sehnsucht des Mannes, sie sind auf ihren Sex reduziert, der dunkel droht, gleich unter Augen, die ihnen vor Gier aus dem Kopf fallen. Und ich habe einige kindlich-liebliche Frauengesichter, auf Flohmärkten gefunden, und, von einer amerikanischen Malerin, die nur Gesichter malt, das närrisch-hysterisch zerlaufene Gesicht einer Frau, die das schwarze Wasser des Schmerzes getrunken hat. So sah ich vielleicht vor zwölf Jahren aus.

Da ich mir etwas Gutes tun wollte, las ich Balzac weit ins Neue Jahr hinein, ich konnte gar nicht aufhören. Was immer Literaturwissenschaftler uns erzählen wollen, zuallererst sind seine Romane Krimis: unterhaltungswirksam und auf Spannung orientiert, im Mittelpunkt steht die Durchführung und Aufklärung von Verbrechen und deren soziale und psychologische Hintergründe (Brockhaus), wobei ich das Wort Verbrechen in einigen Fällen herabmildern möchte zu Missetaten, Verfehlungen, Vergehen, Grausamkeiten, die quasi die Substsanz des Lebens sind. Wenn mein Mann einen alten Hollywoodkrimi am Fernsehen sieht, sagt er „mystery movie“ dazu: Rätselhaftes, Verstecktes wartet der Aufklärung.
Balzac hat sich zwar sehr ernst genommen, doch das menschliche Tun als Komödie bezeichnet. Anderswo nennt er sein Werk: une histoire des moeurs, eine Sittengeschichte, was bei aller Souveränität eine Sensibilität dem Schicklichen gegenüber zeigt, das die Schicklichkeit des bürgerlichen Zeitalters ist, die dieses anfängt, ein für alle Male zu statuieren.
Proust fand Balzac vulgär, sein Stil sei unorganisiert, seine Sprache nicht objektiv und er sei ein Maler der Banalitäten des Lebens. Dabei ist Proust ohne Balzac nicht denkbar, er wächst praktisch aus ihm heraus, eine feinere Blüte mit betäubendem Duft.
Balzac war ein zwanghafter Schreiber, doch war es nicht nur die Notwendigkeit, die ihn drängte, es waren alle die Geschichten des Lebens, seines und das der anderen, die an die Oberfläche gelangen wollten. Wenn er etwas zwischen den Zähnen hatte, war er wie von den Furien gepackt, konnte nicht loslassen.
Seine Romane sind wie große Opern, denkt man an ihre Überdimensionierung, ihre Überspanntheit und Extravaganz. Seine Gestalten übersteigen alles menschliche Maß. Sein Père Goriot ist als tragische Vaterfigur psychologisch unglaubhaft, die Geschichte und ihre Verwicklungen drängen Balzac zur Überspitztheit: wie die sterbenden Heroinen von Verdi und Puccini muß der alte Vater lange Arien auf dem Sterbebett singen. Balzac hatte der nächsten Nummer der „Revue de Paris“ seine vereinbarten Seiten zu liefern, die Feder und seine koffeinierte Phantasie liefen ihm davon.
Doch wir eilen durch den Roman, wir wollen wissen, was passiert, wir warten, daß Erlösung und Sühne uns in die Entspannung führen. Doch so ist das nicht. Der Unterschied zwischen dem Krimi und Balzac ist, daß bei Balzac die Verbrechen ungesühnt bleiben, sogar belohnt werden, wie es auch im richtigen Leben passiert, oft zumindest: die Harten, Unbarmherzigen, Eigensüchtigen gelangen zu Geld und hohen Ehren.

Ich komme am 17. April 1967 mit meinem Koffer in Paris an, ich bin wie die jungen Helden Balzacs, die er aus eigener Substanz geschaffen hat: die aus der Provinz haben ihre Illusionen zu verlieren, denn die große Stadt, die alle Werte umkrempelt, ist eine Hölle, ein Ozean, ein Labyrinth, ein Schlachtfeld, wo die Armen, die Schwachen, die Zarten sich zerstören.
Als ich am Gare du Nord aussteige, kann ich mich schon orientieren, ich nehme die Metrolinie Richtung Porte de Clignancourt bis Barbès-Rochechouart, wechsle die Linie, fahre bis zur Station Blanche, da ist das Moulin Rouge, an dem vorbei ich gehe, zum „cent quatre“.
Der „cent quatre“ ist eine ganze Welt. Zuerst jedoch sehe ich nur einen langen Schlauch sich vor mir auftun. Balzac ist nicht nur ein mystery writer, sondern vor allem ein großer Historiker für die, die Paris lieben. Als ich da vor dem Schlauch stehe, der sich schmutzig-grau in den Häuserblock bohrt, sehe ich ein Stück von Balzacs altem Paris vor mir. Vom dunklen Gewölbe, das das sechsstöckige Vorderhaus durchbohrt, trete ich in den ersten Hinterhof, links teilweise von flachen, hüttenhaften Strukturen eingenommen, rechts schaue ich in die offene Tür einer Restaurantküche, daneben gähnt ein schwarzes Loch gefüllt mit riesigen Abfalltonnen, dann gehe auf das erste Hinterhaus zu, durch dessen Tunnelschlauch hindurch ich in den zweiten Hinterhof gelange, von wo dunkle Kellerzugänge sich links und rechts auf das zweite Hinterhaus zu winden, und als ich durch dessen Tunnel gegangen bin, erreiche ich einen größeren, letzten Innenhof, abgegrenzt von den Rückseiten der Nachbarstraßen, an die man einstöckige Häuschen und Schuppen geklebt hat, und hinten sitzt breit ein dreistöckiger Industrieblock, hinter dessen Fensterfassaden sich Arbeiter geschäftig machen. Links, unter einem überhängenden Dach ein großer Sandhaufen, daneben blitzen die Fenster eines Büros und ganz groß öffnet sich ein Tor, das in dunkle, tiefe Räume führt, wo Geräte und Apparate aller Art sich stapeln. Dies sind die Geschäftsräume eines Sanitärgroßhändlers. Rechts tritt man durch eine Glastür in einen Ausstellungsraum, wo ein Teil der Ware in realistischer Weise ausgestellt ist: komplette Badezimmer wundervoll gefliest, mit eingebauten Waschbecken und goldenen Wasserhähnen: Fische, Schwäne, handziselierte Tierköpfe, die Wasser speien, vergoldete Knöpfe, Handtuchhalter und Lampen aller Art im selben Stil.
Jack erscheint. Er packt mich bei den Schultern, küsst mich auf beide Wangen. Bonjour. Tu as fait bon voyage? Schau dich um, hier siehst du, was ich mache. Ich bin der Fabrikant dieser vergoldeten Wasserhähne. Dies ist der Ausstellungsraum meines Bruders, der Chef der Großhandlung ist.
Komm mit, sagt er.
Ich folge ihm durch eine hintere Halbglastür, er windet sich um einen Tresen, durch Schreibtische hindurch, wo Frauen hinter Schreibmaschinen sitzen zu einer Hintertür. Links davon, eine Seitenwand des kleinen Büros hoch klettert eine steile Holztreppe mit ungleichen Stufen: man muß mit dem linken Fuß zuerst anfangen, weil die erste Stufe links fußbreit ist, und die zweite Stufe rechts und so weiter.
Oben, das ist unter dem Dach. Man sieht die Holzstreben, die es nur wenig hochziehen, die Ziegel. An einer der Wände offene Fächer mit Ordnern, rechtwinklig dazu steht ein Schreibtisch im altenglischen Stil, von Papieren bedeckt. Von dort blickt man auf tiefliegende, vergitterte Fenster mit Blick auf den Sandhaufen gleich gegenüber.
Dies ist das Büro, sagt Jack, hier ist dein Platz.
Ein paar Schritte neben der Treppe ist eine Art Tisch, eine große, helle Marmorplatte, glatt und kühl, der Rand fein rund gemeißelt, an jedem Ende stützt sie eine Sandsteinputte auf Sockel. Eine hohe, alte Schreibmaschine steht dort und mehr Papier häuft sich.
Das ist doch ein schöner Schreibtisch, sagt Jack und lacht.
Es ist Zeit, daß hier mal jemand Ordnung macht, sagt er.
Dann gehen wir durch die Firma seines Bruders, er stellt mich allen vor. Ich schüttle Hände. Da ist die Buchhalterin, Marie-Thérèse, hier ist Simone, Monsieur Clédard sitzt an der Kasse, der strenge Herr im weißen Kittel, Monsieur Blondel, bedient die Kunden, hier sind die „magasiniers“ Albert und Julien, und dieser Nichtsnutz dahinten, das ist der Fahrer, er ist der Mann von Marie-Thérèse. Dies sind die Verkäuferinnen im Ausstellungsraum, Pascal und Gisèle. Hier ist Henri Hobbes, c’est mon copain. Ein kleiner, älterer Mann mit lichtem Haarwuchs schreit auf, schlägt die Hände in der Luft zusammen. Tu parles, Charles, ruft er.
Dann nimmt Jack meinen Koffer und wir gehen den Tunnel zurück zum ersten Hinterhaus, gehen rechts in eine Tür und eine hölzerne Treppe hoch, drei Etagen.
Ich habe noch kein Zimmer für dich gefunden, sagt Jack, fürs erste kannst du hier wohnen. Dies ist unsere alte Wohnung, hier wohnten unsere Eltern, als sie noch zusammen waren, Jean-Claude ist hier geboren.
Ich trete in einen kleinen Flur, links gehen zwei Türen ab, gegenüber schaue ich in ein kleines Badezimmer, rechts ist die Klotür. Durch die erste Tür führt in ein Wohnzimmer, es ist leer, mit grauem Teppich ausgelegt, Blumentapeten bedecken Wände und Decke. Dahinter ist das Schlafzimmer, das ebenfalls blumenreich tapeziert ist. Dort steht ein breites Bett.
Das hat Jean-Claude renoviert, sagt Jack, hier hält er manchmal seine Schäferstündchen. Denn guck mal, er ist ganz verrückt, mein Bruder, er lädt manchmal Leute ein und will heimlich zugucken, was die machen. Vor die Küchentür hat er diese Kabüse gebaut mit einem Spiegel, von hier kann er ins Zimmer gucken, und auf der anderen Seite merkt man nichts.
Ich betrete einen dunklen viereckigen Verschlag, sehe einen kleinen stumpfen Spiegel vor mir, rechts geht es ab in die geflieste Küche.
Ich lerne Manfred kennen, Jacks Mitarbeiter, sein Vertreter in Deutschland. Er gibt mir eine lasche Hand. Er ist Berliner. Alter Berliner Portiersadel, betont er. Sie lernten sich kennen während Jacks Militärzeit in Berlin.
Mit Manfred fahre ich zwei Tage später in seinem Volkswagen über den boulevard Saint-Germain, da sagt man am Radio, Konrad Adenauer ist gestorben. So kann ich genau meine Ankunft datieren. Als Deutschland in seine Nachkriegszeit tritt, verlasse ich es.
Es fängt alles ganz langsam an. Morgens um neun betrete ich die Räume der Großhandlung, gebe allen die Hand, gehe nach oben ins Büro. Ich gucke mich um, versuche die Papiere zu entziffern, versuche mich auf der Schreibmaschine. Ich kann schon ein wenig tippen, doch nur auf der deutschen Maschine. Jetzt werde ich eben eine Sekretärin. Statt Büchern verkaufe ich goldene Armaturen. Das ist doch nicht so schlecht. Jack kommt gegen Mittag, elegant, riecht nach Aqua di Selva, küsst mich auf beide Wangen, sagt: Bonjour mon lapin.
Komm, sagt er, wir gehen essen. Jenseits der place Blanche nimmt er mich mit in ein italienisches Restaurant. Während der Mahlzeit erklärt er mir, wie die Firma läuft. Die Armaturen und Accessoires sind seine Modelle, doch sie werden in einer Armaturenfabrik im Norden, an der Somme, hergestellt, einige der Wasserhähne, die Delphine und Schwäne, werden in Portugal handziseliert, dann in der Fabrik vergoldet. Er hat Kunden in Frankreich, in Deutschland, in England. Ich werde mich mit Manfred um die Korrespondenz mit Deutschland und England kümmern.
Um zwei verschwindet Jack, im Büro der Großhandlung ist jeder wieder auf seinem Platz. Manfred erscheint, und wir schreiben erste Briefe. Um sechs geht jeder nach Hause.
Jack findet ein Zimmer für mich. Es ist ein „chambre de bonne“ in der sechsten Etage eines hochherrschaftlichen Hauses in einer kleinen Privatstraße an der place des Ternes. Ich klettere die enge, hölzerne Diensttreppe hoch, die in einen trüben, engen Gang mündet, von dem links und rechts Türen abgehen. Hier wohnten früher die Dienstboten, die unten in den Wohnungen arbeiteten, die Köchinnnen, Zimmermädchen, Kutscher. Mein Zimmer ist gleich links. Es hat die Breite für ein Bett und den Durchgang zum kleinen Fenster, vor dem ein kleiner Tisch und ein Stuhl stehen. Vom Fenster aus schaue ich auf das Paris der Romantiker und Neuankömmlinge: die Zinkdächer von Paris. Da ist ein Waschbecken mit einem Kaltwasserhahn, was ein Glück ist, das gibt es nicht überall. Der Boden ist aus dunkelroten Fliesen, die Toilette auf dem Gang ist ein „türkisches“ Klo, weil man sich da hinhockt wie ein Türke.
Ich richte mich häuslich ein, weiße das Zimmer an einem Wochenende. Dann schaffe ich mir einen Tauchsieder und eine Waschschüssel an, in ihr stehend wasche ich mich jeden Abend von Kopf bis Fuß, ich erbitte von Jack eine Lampe. Ich bin sehr arm. Jack zahlt mir sechshundert Francs im Monat, das Zimmer kostet hundertzwanzig. Ich fahre jeden Tag sechs Stationen mit der Metro zur Arbeit.
Es ist Sommer, abends sitze ich manchmal im Café auf der Terrasse, einmal kaufe ich mir teure Erdbeeren in einem kleinen Geschäft, fünfunddreißig Jahre später ging ich jeden Tag an diesem Geschäft vorbei, zu meiner Arbeitsstätte, es wird jetzt von Vietnamesen geführt, warf einen schrägen Blick auf die Dachfenster der kleinen Privatstraße gegenüber, fühlte wieder einen der Kreise meines Lebens sich um mich schließen.
Im Büro bin ich oft allein. Jack kommt nur mittags kurz vorbei, sieht nach, was in der Post ist. Manfred reist viel in Deutschland herum, fährt zur Fabrik an der Somme. Ich versuche mit den Frauen unten im Büro zu reden, mit den magasiniers, Albert und Julien, die beide in deutscher Kriegsgefangenschaft waren, nein, schlecht ist es ihnen da nicht ergangen. Ich treffe Jacks Vater, einen strengen alten Herrn, vor dem jeder kuscht. Zum Glück ist er nicht immer da. Er war auch in Kriegsgefangenschaft, mein Vater sprach gut Deutsch, sagt Jack, doch jetzt will er das nicht mehr wahrhaben. Er hat mich nach Deutschland geschickt als ich jung war, sagt er, zu einem Bekannten von damals, wo ich Deutsch gelernt habe.
Natürlich ist Jean-Claude da, der sich jeden Morgen vorsichtig in seinem amerikanischen Riesenauto, einem Oldsmobil, durch den Schlauch des „cent quatre“ in den Hof schiebt.
In allen Winkeln und Ecken dieser inkohärenten Häusermasse, genannt „cent quatre“, sitzen Firmen. Am Boulevard ist der Eingang zu einem berühmten Kabarett, daneben die Tür zu einem teuren Restaurant „Le Sanglier Bleu“, dessen Küche gleich hinter der Toreinfahrt vom frühen Morgen an seine Küchendünste per Ventilator verbreitet. Die Schuppen gegenüber sind die Requisitenräume des Kabaretts, dahinter, ins Parterre des ersten Hinterhauses geschoben, hat Monsieur Casal seine Autoreparaturwerkstatt, rechts und links im Tunnel sind zerstoßene, braune Türen, die zu den Stockwerken führen, im zweiten Hinterhaus ist oben eine Tanzschule für modernes Ballett, aus dem im Sommer rhythmische Klaviermusik in alle Höfe dringt, darunter ist links eine Werkstatt, die Spielautomaten reparariert, kurz „les jeux“ genannt, rechts eine Druckerei, im ersten Stock des linken Schuppens im Hinterhof macht der alte Monsieur Francis seine Bilderrahmen, darunter sind Lagerräume, einer ist Jacks Lager mit Regalen und einem Tresen. Die niedrigen Gebäude rechts sind teils Lager- teils Büroräume, da oben hinter den vergitterten Fenster sitze ich. Über der Sanitärgroßhandlung ist eine Firma, die Leuchtreklame herstellt, einen Stock höher sitzen Modellzeichner über ihren Zeichentischen und ganz oben sind die Thibauds, die Lederwaren vertreiben. Die Wände sind aus altem, weiß übermalten Ziegelstein, verschlissen, verstaubt, verbraucht.
Es ist ein dauerndes Kommen und Gehen, Autos klemmen sich in alle verfügbaren Plätze, können nicht mehr heraus, dann kommen die Arbeiter angelaufen, es ist Zeit, einige Späße zu machen und dem Fahrer Winkzeichen zu geben.
Hinter dem großen Tor der Sanitärgroßhandlung sind geheimnisvolle, schier unübersichtliche Räume vollgestapelt mit Badewannen, Klos, Bidets, Boxen und Schachteln, durch die sich enge Wege schlängeln, Wände und der staubige Boden sind aus porösem, unbehauenem Kalkstein, gleich dahinter ist der Friedhof, steigt der Hügel von Montmartre an, irgendwo führt eine Treppe in den Keller, auch hier steht alles voll, gibt es Irrwege, doch links ab geht es in die Küche. Das ist eine richtige Küche, der Boden gefliest, mit Herd und Kühlschrank, einem großen Tisch in der Mitte und Holzstühlen. Alle Arbeiter und Sekretärinnen sitzen hier mittags, jeder hat sein Mittagessen mitgebracht, die Arbeiter erhitzen ihren Blechnapf im „bain-marie“, dem großen wassergefüllten Kochtopf. Eine Baguette liegt auf dem Tisch, der Tisch ist ausgelegt, die alte Mamy kommt jeden Mittag und sorgt dafür, daß jeder seinen eigenen Teller hat, daß Salat auf dem Tisch steht. Dann geht es hin und her, der Tag wird bequatscht, die Kunden, der Chef. Albert und der Fahrer, der auch Jean-Claude heißt machen ihre Witze.
Im August ist die Firma geschlossen. Jack ist ein paar Tage da, doch dann schickt er mich mit Henri Hobbes in sein Landhaus in der Normandie. Henri Hobbes, alter Adel aus dem Südwesten, Hobbes de la Séglière, scharfe Zunge und maliziöses, spitzes Lächeln liebt nur Männer, in seinem kleinen Renault fährt er mit seinem Freund, mit mir im Rücksitz, in die Normandie.
Jacks Haus liegt ganz abseits, weit hinter einem kleinen Dorf, das Saint-Pierre du Val heißt, einige Bauernhäuser liegen verstreut links und rechts, der sandige Weg führt durch verrankte Böschungen, hinter denen Weiden sich erstrecken.
Das Haus ist ein restauriertes normannisches Bauernhaus, die alten Balken sitzen ein wenig schief, doch die Fenster sind neu, das Dach aus dunklem Stroh, wie es sich gehört. Rundherum ist vertrocknetes Gras. Innen tritt man in einen großen Raum, von dem Türen und Treppen wegstreben. Rechts ist ein hoher Kamin, englische Sofas und Sessel stehen überall vor klappbaren Butlertischen. Oben liegt Schlafzimmer neben Schlafzimmer, alle schön ausgestattet, die drei luxuriösen Badezimmer sind mit Jacks vergoldeten Creationen ausgestattet.
Schon im Herbst ziehe ich um, ich erbe Manfreds Zimmer, der jetzt in die Wohnung mit den blumig tapezierten Wänden zieht.
Dieses, auch ein „chambre de bonne“ in der sechsten Etage doch erheblich größer, hat im Eingang einen Einbauschrank und einen kleinen Nebenraum wo links eine tiefe Sitzbadewanne ist, rechts steht auf einem Schränkchen eine zweiflammige Kochplatte, daneben befindet sich ein Waschbecken, unter dem man ein fahrbares Bidet herziehen kann. Das Klo ist auf dem Gang genau gegenüber, wie immer eins, wo man sich türkisch hinhockt. Dort hinein gehe ich nur für die großen Sachen, ich habe extra dafür einen kurzen Bademantel, der hinter der Eingangstür hängt, denn der Besuch des türkischen Klos ist immer eine riskante Sache. Wenn ich nachts pinkeln muß, ziehe ich das Bidet unter dem Waschbecken her und stelle das kalte Wasser an.
Das Haus, in dem ich jetzt wohne, liegt an einer Ecke der place Clichy, hoch über dem brausenden Verkehr, an dessen Lärm ich mich nie gewöhnen werde, gegenüber dem alten Gaumont Palace, einem der immensen Kinos von Paris. Unten im Haus nimmt ein Café-Tabac „Le Bastos“ die ganze Ecke ein. Wenn ich um diese Ecke gebogen bin, gehe ich den Bürgersteig weiter, überquere die kurze lindenbestandene Avenue Rachel, die zum Friedhof Montmartre führt, und nach zehn Metern biege ich in den Schlauch des ,„cent quatre“‘ ein. Neben dem Bastos sind zwei weitere Cafés, an der Ecke der Avenue Rachel ein Geschäft mit gebrauchten Film- und Kinoapparaten, gegenüber ein Pornokino, daneben steckt ein Fotoautomat in der Wand, bohrt sich ein dunkler Spielsalon tief in ein Haus, und ein Schuhgeschäft hat Körbe billiger Schuhe vor den Schaufenstern stehen. Der Bürgersteig ist breit und immer belebt, von Einkaufenden, Hastenden, Lungernden, Touristen, Arabern, denn Pigalle ist nicht weit.

Gestern ist der Sänger Charles Trenet mit 87 Jahren gestorben. „Le Monde“ trug die riesige Schlagzeile: Charles Trenet est mort. In allen französischen Gehirnen setzten Erinnerungsmechanismen ein, jeder wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Er war immer noch dagewesen, der ewige Liedermacher. Und er wird immer dasein, denn schon lange ist er unsterblich. Er hatte die Franzosen durch die Geschichte des Jahrhunderts begleitet, als 1936 im Zuge des Front Populaire der bezahlte Jahresurlaub institutiert wurde, die Leute ihre Fahrräder nahmen und ans Meer fuhren, sang er: Ya d’la joie und jeder sang mit. Ach, singt er, der Tag ist zwar grau, aber ich habe geträumt, die Schwalben zwitschern, Freude ist in der Luft, Paris spielt verrückt, so habe ich ein Lied gemacht. Er war der Sänger der Traurigkeit, die sich verweigert, weil das Herz zu sehr nach dem Frohsinn strebt und es so viele kleine Dinge gibt, die einen froh machen können. Er war ein glückliches Genie, alle seine Gaben fanden sich zusammen zu der einzigartigen Verkörperung einer französischen Wesensart: der Tisch Gottes ist zu reich gedeckt, um sich vom Leben herabziehen zu lassen. Trinken wir ein Gläschen, machen wir uns ein Späßchen, sofort sieht die Welt anders aus. Das ist die eingeborene Lebensfreude der Franzosen, derer, die ihr Herz einfach gehalten haben.
Es gab einen ganzen Fernsehabend voller Reminiszenzen und alter Filmaufnahmen, in denen Charles Trenet singt, und das alte Herz Frankreichs schlug schmerzhaft. Es gibt niemanden, der seine Lieder nicht kennt, sie nicht flöten, summen, trällern kann, und sofort füllen seine Worte, die im Swing tanzen, ihn mit der Freude, die sie singen.

Ich kannte alle seine Lieder, ließ mich in der nationalen Erinnerungsekstase mitziehen, damals fing alles an, als ich mich in Frankreich einrichte, langsam in die mich umgebende Kultur hineinwachse.
Denn ich treffe Jacqueline. Sie war Jean-Claudes erste Frau, sie wohnt eine Etage unter mir, in der Wohnung, die ihr Mann ihr gelassen hat, als er auszog, um mit der blonden Frau zu leben, mit der er zwei Kinder hat. Jacqueline wird meine französische Familie. Da sind ihre Eltern, ihr Bruder und seine Frau und viele, viele Freunde.
Edgar, Jacquelines Vater, ist ein Baron des ersten Kaiserreiches, jedoch ohne Grundbesitz. Sein Vorfahre, ein Lothringer, hatte in der Revolution sein Priestergewand ausgezogen, war Arzt geworden und in die Kolonien gegangen, wo er eine Kreolin heiratete. Für seine Verdienste in der Bekämpfung einer Epidemie, wurde ihm der Baronatstitel verliehen. Edgar sah aus wie ein Baron im Film, groß, schlank, längliches, viriles Gesicht mit feschem Schnurrbart unter der Nase. Er hatte früh Frankreich verlassen, war dem Ruf eines reichen Industriellen nach Bukarest gefolgt, Madeleine, die verwöhnte Tochter seines Chefs, verliebte sich in ihn, doch Edgar war nicht der treue Typ, knapp volljährig nahm sie die Sache in die Hand, gab vor, von ihm geschwängert zu sein. Madeleine spricht vier Sprachen, das Portrait ihres Königs hängt an ihrer Wand, wenn sie früher am Sonntag in die katholische Kirche ihrer französischen Schule ging, saß dort der König Carol, der ja ein Hohenzoller war. Nein, Madeleine, sagte ich, als sie mir das erzählte, das kann nicht sein, die Hohenzollern waren Protestanten. Nein, sagte sie, der König war katholisch. Nach einigen Recherchen fand ich, daß es sich um den Sohn des Karl von Hohenzollern-Sigmaringen handelte, den man 1881 zum rumänischen König gekrönt hatte und der aus einem alten, süddeutschen Zweig dieser Familie, der katholisch geblieben war, stammte.
Als Jacqueline fünfzehn war, mußte die Familie Rumänien verlassen, ohne Entschädigung, mit nichts als ein paar Koffern. Das war 1948. Auch Frankreich war arm. Und was tut ein Mann Mitte vierzig, der noch einmal neu anfangen muß? Edgar wurde Weinvertreter, die Familie fand eine kleine Wohnung hinter der Bastille. Aus dieser Zeit hat Madeleine, die um ein paar Tage so alt ist wie meine Mutter, also im Mai neunzig wird, einige nicht zu unterdrückende Ticks behalten, sie, die reiche, vornehme Tochter, die früher in der Limousine zur Schule gefahren wurde, die verwöhnte Ehefrau, die ihre Mutterrolle nicht so ernst nahm, zuerst war sie Frau gewesen, sagt sie, in Frankreich hatte sie Schwierigkeiten mit der neuen Wirklichkeit fertig zu werden, die sich ihr umso härter einbrannte: Madeleine trocknet immer noch gebrauchte Papiertücher, um sie noch einmal zu benutzen, nach einer Mahlzeit mit vielen Besuchern sammelt sie die Papierservietten, die nicht zu verschmutzt sind ein und wiederverwertet sie als Klopapier, sie kocht nur mit Petersilie, wenn es sie umsonst zugibt, aus den Stengeln kocht sie eine Suppe, ihre Plastikbeutel im Kühlschrank sind die durchsichtigen Umschläge, in denen ihre Fernsehzeitung geliefert wird, aus jedem Stoffetzen macht sie bunte Kissen, dafür nimmt sie das Garn, das gerade in ihrer Nähmaschine steckt, gleich welche Farbe. Sie kann nichts wegwerfen, ist unordentlich, ihr Hauptinteresse ist Kochen. Ihre Tochter Jacqueline ist wie sie geworden, Einkaufen ist ihre Leidenschaft, aber es muß alles billig sein, das Billigste ist immer auch das Beste bei ihr.
Es war Jack, der die junge Jacqueline in Saint-Germain des Prés traf und sie seinem Bruder vorstellte, der sich in das hübsche, schlagfertige Mädchen verliebte, es heiratete und sich schnell ihrem diktatorischen Griff in die Untreue entzog.
Jacqueline und ihre Mutter: zwei willensstarke Köpfe mit guten Stimmbändern, deren Männer am Bändchen zu gehen hatten. Wenn ich lausche, höre ich Edgar, wie er sich mit hoher näselnder Stimme in die Ironie verzieht, gut, daß seine Frauen zu beschäftigt sind, um seinen Subtilitäten nachzuhängen. Edgar war ein guter Kämpfer und er hat viele Schlachten verloren, er war ein Herr der alten Schule, noch in hohem Alter deklamierte er auswendig die großen Balladen von Victor Hugo. Die ganze Familie spricht einige Brocken Deutsch, am Weihnachtsfest, das ich bei ihnen verbringe, singen alle „Oh Tannenbaum“ für mich. Ihr Temperament aber, und natürlich ihre Küche, ist vielleicht mehr aus dem Osten Europas, in dem sie so lange gelebt hatten, in diesem speziellen Fall mischt sich nervöses Slaventum mit der Verve der Latiner.
Jacquelines Wohnung ist ein abendlicher Bienenstock, sie liebt es, Gäste zu empfangen und zu bewirten. Sobald ich in mein Zimmer einziehe, gehöre ich dazu. Sie hat eine Unzahl französischer und rumänischer Freunde und Freundinnen, immer gibt es temperamentvolle, lange Abendessen, sie feiert große Feste. Durchreisende Rumänen wohnen bei ihr, schlafen auf der ausziehbaren Couch ihres Wohnzimmers, mir scheint, das halbe intellektuelle Bukarest fand Logis bei ihr, Professoren, Ärzte, Ingenieure, sie ist eine wahre Rumänenherberge.
Jacqueline wird ein wenig mein Hafen. Am schönsten ist es, wenn mal niemand da ist und ich abends bei ihr schlafe. Jacqueline steht in der Küche und kocht, sie trällert mit ihrer kleinen geschmeidigen Stimme ein französisches Lied. Sie erzählt mir von ihrem Verlobten in Rumänien, von ihren letzten Ferien, die sie mit ihm in den Bergen verbracht hat, er wartet auf seine Ausreisegenehmigung. Wir essen zu Abend in ihrem Schlafzimmer, vor dem Fernseher, der am Fenster steht. Ihr Schlafzimmer liegt zum Innenhof hin, ein breites französisches Bett steht in einer Art Nische und ich fühle mich sicher und beschützt, schlafe gut. Und wenn ich pinkeln muß, gehe ich auf ein richtiges Klo. Und am Morgen weckt Jacqueline mich mit einer großen Tasse Milchkaffee.

Ich habe nie einen Fotokult getrieben, in meinem Leben fand nichts statt, das ich auf ein Stück Papier bannen wollte. So gibt es aus dieser Zeit keine Fotos außer den gelegentlichen Paßfotos, die ich brauchte, um mich an der Préfecture de Police anzumelden, mich in einer Bücherei einzuschreiben, und dann lief ich ja jeden Morgen am Fotoautomaten vorbei, und vielleicht hatte ich doch ab und zu Lust, mich auf Papier gespiegelt zu sehen.
Ich habe eine kleine Paßphotosammlung, die ich später anlegte, und nun begebe ich mich an eine Detektivarbeit, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Ich schaue auf das früheste Automatenbild. Mein dunkelblondes Haar ist kinnlang, nicht ganz in der Mitte gescheitelt, meine Stirn ist frei. Ich lächele monalisahaft, Mund geschlossen, habe sogar ein wenig Backenknochen, meine großen geschminkten Augen schauen einen direkt an. Ich trage den großen Regenmantel mit Schulterklappen, den Jack mir vererbt hat, und der jahrelang mein einziger Mantel ist, weil ich arm bin – und er hat mich gut versteckt. Hübsches Mädchen, würde ich sagen, da das Bild am Brustbein aufhört. So ein Foto ist ja platt, zweidimensional, während unsere Sinne gewöhnt sind, die Dinge dreidimensional zu erfassen. Ein Photo ist eine Lüge, bei der wir uns jedoch nicht auf die Spur kommen. Wir akzeptieren es als die existierende Wirklichkeit (oder nicht, wenn das Foto schlecht ist und wir es wegwerfen), weil das, was wir erkennen, uns schmeichelt. Seltsam ist, daß ich weiß, daß dies mein Foto ist, doch nicht mehr weiß, wer ich war. Ich bin mir fremd. Das zweitälteste Foto aus der Zeit, der Vorhang hinter mir ist immer derselbe, zeigt mich lächelnd, mit vollen Zähnen lächelnd, ich habe mein Haar einen Ton dunkler gefärbt und einen dichten Pony geschnitten, der mir bis zu den Augenbrauen reicht. Vielleicht habe ich gerade neue Zähne.
Jedes Jahrzehnt muß ich meine Vorderzähne neu machen lassen, weil mein Zahnfleisch das fremde Material nicht verträgt, und irgendwann schickt Jack mich zu seinem Zahnarzt. Er wohnt in den „beaux quartiers“, in jenen breiten langweiligen Straßen, die Haussmann in seiner Spätzeit anfing mit Zirkel und Lineal zu ziehen, die er dann an Banken und Versicherungsgesellschaften verscherbelte, weil der Markt gesättigt war. Ich kriege meine Zähne umsonst, weil der Zahnarzt ein Freund der Familie ist. Einer seiner Kunden ist der König von Marokko; wenn dieser ihn benötigt, schickt er ihm ein Flugzeug, bei seiner Ankunft im Palast findet er nicht nur eine luxuriöse Suite vor, sondern auch zwei hübsche, zwölfjährige Mädchen aus den Dörfern zum Vernaschen, wovon er jedoch keinen Gebrauch macht, sagte er – nein, mir hat er das nicht erzählt, dies gehört zum Männergeschwätz.
Noch zwei Fotos mit Pony habe ich, abgetrennt von alten Ausweisen, der Stempel und die Druckstellen von Heftklammern noch sichtbar. Hier lächle ich nicht, ich mache einen Schmollmund, auf dem einen sehen meine Augen ängstlich unter dem Pony her, auf dem anderen ziehe ich die Augenbrauen hoch, als wollte ich mir hochmütig verbieten zu weinen.
Im Januar des neuen Jahres schreibt mein Vater mir einen Brief auf französisch: Ma très chère fille, il y quelque temps, que je ne vous ai écrit une lettre, et maintenant, je pense, qu’il est temps de vous écrire. Mais il est très difficile pour moi, parce que je n’ai pas étudié le français depuis quarantecinq années. Et mes filles, vous avez emmené tous mes dictionnaires... Cet après-midi nous partirons pour O. pour visiter notre grande-mère. Nous nous portons très bien, et le temps aussi fait beau. Il semble l’hiver est passé, mais qui peut savoir ça? A Noël nous avons souvent pensé à vous, mais hélas, vous êtes très infidèle, vous n’avez pas le besoin de voir vos parents. Est-ce que vous avez oublié votre pays aussi?
Et vous? Comment vous portez-vous? Ah, je sais, vous êtes toujours fatiguée....“
Zu der Zeit habe ich eine Blinddarmmeldung, Anfang Februar lasse ihn mir in einer kleinen Privatklinik in der Nähe herausnehmen, ein alter Brief erwähnt, daß ich viel Besuch habe und meine Fensterbank voller Blumen steht. So fängt ein Jahr an, in dem viel passiert: 1968.
Im Büro unter dem Dach haben sich meine Funktionen mit Voranschreiten meiner Geläufigkeit im Französischen geweitet. Nachmittags diktiert Jack mir Briefe auf Französisch, ich mache Riesenschritte in jeder Richtung. Ich kenne die Ware auswendig, ich nehme Bestellungen auch aus Frankreich entgegen und reiche sie, entsprechend chiffriert, an die Fabrik weiter, ich kenne die Kunden, die Leute in der Fabrik, verhandle oft mit ihnen am Telefon, ich schreibe Rechnungen in drei Sprachen, kümmere mich um die Verpackung und Versendung der Ware, die in unserem kleinen Lagerraum angeliefert wird. Ich habe jemanden, der mir beim Packen hilft: Monsieur Jean.
Monsieur Jean kommt jeden Tag vorbei und sieht nach, ob Arbeit für ihn da ist. Er macht unten die Tür auf, seine große, näselnde Stimme sagt zu den Frauen „Bonjour mesdames, comment ça va aujourd’hui?’“ er gibt ihnen die Hand. Dann stapft er schwer die Treppe zu mir hoch, pustet und pfeift, er hat ein spitznasiges Hündchen, das vor ihm ankommt und mich ankläfft. „Bonjour ma chérie, sagt er zu mir, vous êtes fraiche comme une rose ce matin“ mit seinem dicken russischen Akzent und lacht mich mit seinen verkürzten Zähnen an. Er ist oft unrasiert, vielleicht hat er ein Schnurrbärtchen. Dann setzt er sich aufatmend auf die mittlere Stufe der kleinen Holztreppe, die gleich neben mir in den Dachlagerraum der Großhändlerfirma führt.
Früher träumte ich davon, einmal das Leben von Monsieur Jean zu schreiben. Sein Name ist Yvan Kolesnikov. Als Junge kam er nach Frankreich, um zu studieren, als die Revolution Rußland umstülpte, ging er nicht zurück. Vielleicht studierte er Drama und Schauspielkunst, denn als der Kontakt mit Rußland abbrach und so das Geld ausblieb, mußte er arbeiten. Er blieb im Bannfeld des Theaters und des Kabaretts, als Regieassistent reiste er durch Frankreich, durch die ganze Welt, in diesem Umfeld kannte er Hinz und Kunz. Ich hatte lange einen guten Freund, der Kabarettist war und später ein bekannter Schauspieler wurde, als wir eines Morgens aus meiner Wohnung kommen und den Schlauch des ,„cent quatre“‘ zum Boulevard hin gehen, sagt dieser plötzlich, ist das nicht Jean, da vor uns? und dann schütteln sich beide lachend die Hände, umarmen sich.
Irgendwann hat Monsieur Jean die concierge des ,„cent quatre“‘ geheiratet, eine kleine, stämmige, weißhäutige Frau, seitdem wohnt er in einer engen Wohnung im ersten Stock des Vorderhauses; im Raum, den der Küchentisch ihm läßt, macht er jeden Morgen seine Streckübungen und Kniebeugen. Er ist arm geblieben, doch liebt er alle Welt, macht jeden Tag mit dem Hündchen seine Tour durch den ,„cent quatre“‘, treibt sich im Viertel herum, manchmal treffe ich ihn an einer Theke, er lebte weit in seine Neunzig hinein, seine Frau war vorher gestorben, die von der Stadt waren gekommen, hatten ihren Körper in einen Plastiksack mit Reißverschluß gepackt, ihn sich über die Schulter geworfen und mitgenommen – Begräbnis der Armen.
Er hilft mir mehrere Male in der Woche, die Pakete, die an die Kunden gehen zu packen und zu schnüren, wenn er nicht kommen kann, tue ich es selber. Ich schreibe einen Lieferschein, ein Etikett und eine Rechnung, rufe eine Transportfirma an. Wenn das Paket zu schwer wird, muß ich zu den „magasiniers“, den Lagerarbeitern Albert oder Julien gehen und mit ihnen flirten, damit sie das Paket zusätzlich mit einem Eisenband verschnüren, va demander à Julien, sagt Albert, il va te le faire. Julien knurrt und brummt aber er macht’s. In einigen Jahren wird Julien sich pensionieren lassen und stirbt prompt.
Mittags esse ich unten mit den anderen in der Küche. Um zwölf laufe ich zur rue Lépic, das dritte Geschäft links, das ist ein „traiteur“, er hat fertige Gerichte, die nicht teuer sind, ich esse sie in der Küche mit den anderen.
Hier in der Küche, im Büro mit Jack, im Landhaus mit seinen Freunden erhalte ich meine schlechte Erziehung. Das sind die Orte, wo der „esprit gaulois“ zu Hause ist, diese derbe, spaßende Zunge, die sich spritzig und anzüglich gibt, jedes Wort auf eine Schlüpfrigkeit untersucht und saftig variiert. Dies ist der soziale Zement, deftig, doch locker und lose, so daß jeder sich seinen Teil nehmen kann – besser ein frivoles Bonmot als miesepetrige Gehässigkeit. Die gibt’s auch, zur Genüge. Doch ist dies die Sprache der Männer, die Frauen halten sich zurück, das interessiert sie nicht und sie dürfen sich nichts vergeben, es ist höchstens die alte Mamy in der Küche, die den Gesprächen lächelnd eine beiläufige Aufmerksamkeit schenkt. Ich gehöre nicht ganz dazu, da in der Küche, mit mir können sie ein Späßchen wagen, und ich habe Spaß, mehr und mehr, da ich immer besser werde, es ihnen zurückgeben kann. Ich lerne alle diese Wörter der französischen Sprache, die man in der Schule nicht lernt, in den Büchern nicht liest, in guter Gesellschaft nicht ausspricht, die Sprache des Pariser Argot.
Während der Arbeit verlasse ich jeden Tag ein- zweimal das Büro, ich mag nicht lange eingesperrt sein, durch den Schlauch gehe ich auf den regen Boulevard und in ein kleines Café zwischen dem Bastos und der avenue Rachel, wo eine Jukebox steht. Ich stehe an der Theke und schlürfe meinen Kaffee, höre mir „A Whiter Shade of Pale“ an, während mich die Sehnsucht überfällt. Manchmal kommt Jacques, der Totengräber, lacht mit seinen plissierten Augen und frischt seinen Nachmittag mit einem kleinen Weißen auf, dann schwatzen wir dummes Zeug über die Dinge des Lebens.
In Jacks Haus in der Normandie versammeln sich an Wochenenden seine Freunde mit ihren Frauen, Freundinnen, Flirts. Alles große Worthelden, außer Pierre, dem Zahnarzt – ein anderer – eher bedächtig, er hat die Oberaufsicht in der Küche übernommen. Denn um den langen Küchentisch, und manchmal draußen auf dem Gras, werden lange, ausgiebige Mahlzeiten gehalten. Zur Kerntruppe gehören Armand, ein Vetter Jacks, der Ketten von Witzen in alle Richtungen schickt, Philippe, von hohem Adel, der draußen Spatzen schießt, mit seiner hohen stumpfen Stimme Warnungen vor der anstehenden Invasion der Chinesen brüllt, Alain, der heiratet und am Wochenende darauf mit seiner Freundin im Haus erscheint, die ihm eine Szene macht, Gilles, der Friseur, mit seiner Freundin, die in Pornofilmen spielt, und der später in eine reiche Weinfamilie heiratet. Ich bin immer allein, ich habe keinen Partner. Ich höre zu. Lerne. Gehe spazieren, lese.
Außerhalb der Kreise von Jack und Jacqueline laufe ich manchmal in Gefahrenzonen. Eines schönen Frühlingstages, als ich am Spätnachmittag aus der Bibliothek komme, treffe ich auf einer Terrasse einen Amerikaner. Wir reden, er lädt mich zum Abendessen ein. Danach klettert er mit mir hoch in mein kleines Studio über dem place Clichy. Wir haben eine Flasche Wein gekauft, trinken noch mehr. Der junge Mann will mit mir Liebe machen, okay, denke ich, er sieht ja ganz vernünftig aus. Doch er hat zu viel getrunken, er kann keinen Steifen kriegen, wir arbeiten beide hart daran, unmöglich. Endlich bin ich es müde, sage ihm, jetzt ist genug, you must leave now, it is late. Da wird er wild. Als ich aufstehe, reißt er mich zurück ins Bett, ich wehre mich, er fängt an, nach mir auszuholen. Ich bin stark, doch nicht genug, seiner haßvollen Kraft zu widerstehen. Schließlich reiße ich meine Zimmertür auf, laufe auf den dunklen Gang und schreie. Ich bin nackt. Er kommt hinter mir her, packt mich bei den Haaren, ich weiß noch genau wo, da, kurz hinter meinem rechten Ohr, in der Nähe des Nackens, er will mich fest zu packen kriegen, um mich zurück ins Zimmer zu zerren, doch ich lasse mich nicht ziehen, falle auf die Knie, schreie dabei, da reißt er mir die Haare aus, das knackende Knirschen habe ich noch heute im Ohr. Da steht Philippe neben uns, er hat einen Revolver in der Hand.
Der Revolver ist nicht geladen, es ist ein kleines, häßliches Ding, aber als Abschreckmittel funktioniert er. Philippe ist mein Zimmernachbar, er studiert Jura, seine Eltern wohnen unten in der zweiten Etage, sein Vater ist Notar. Philippe ist sehr jung, ich treffe ihn manchmal auf der Treppe, wir sitzen zu einem Schwätzchen in seiner Bude. Er ist sehr schön, Nase und Backenknochen wie für einen Gott fein gemeißelt, Stimme wie ein geschliffener Kristallkelch, an den ein Messer schlägt. Einige Jahre später treffe ich ihn auf dem Boulevard. Seine rechte Hand steckt in einem Verband. Beim Dosenöffnen war ihm der Deckel tief zwischen Daumen und Zeigefinger gefahren, hatte dort alle Muskeln und Nerven durchtrennt, die Ärzte konnten ihn nicht zurechtflicken. Er gab sein Studium auf, er konnte nicht schreiben. Seine Hand war steif, sein Vorderarm unbeweglich. Seine delikate Psyche hat diesem Schicksalsschlag nicht widerstanden. Erst viel später wußte ich von Jacqueline, daß er trank. Ich traf ihn noch einmal vor zwanzig Jahren, es war ein schöner Nachmittag, er empfing mich in der Wohnung seiner Eltern, die abwesend waren. Er schien ein ihm gemäßes Leben gefunden zu haben. Während die späte Sonne uns sanft übergoß, saßen wir im Wohnzimmer, seine Freundin war an ihn geschmiegt, wir tranken einen Apéritif und er erzählte, er war Binnenschiffer geworden, besaß einen Kahn, mit dem er die Kanäle Belgiens und Frankreich befuhr. Doch die Frau verließ ihn und er konnte seinen Kahn nicht halten. Seine letzten Jahre verbrachte er in der kleinen Bude, wo er sich zu Tode trank, in unendlicher Misere, in unvorstellbarem Schmutz. Er war keine fünfzig.
Seinetwegen erzähle ich diese Geschichte.
Es gibt eine Serie von Photos gleich nach diesem Vorfall. Wie ich erwähnte, hatte ich mein Haar dunkler getönt, nicht beim Friseur, sondern in meinem kleinen Badezimmer. Jetzt habe ich einen handtellergroßen nackten Flecken am Hinterkopf, so entschließe ich mich, um den hellen Flecken beim Beugen des Kopfes oder beim Gehen weniger sichtbar werden zu lassen, meine Haare zu erhellen. Aber das ist eine knibbelige Sache, wenn man es selbst unternimmt und so geht es auch schief. Ein Teil meiner natürlichen Haarfarbe war nachgewachsen, an diesen Stellen werden meine Haare mit der Tönung ganz weiß, der untere Teil wird zu einem schmutzig rötlichen Hellbraun. So laufe ich monatelang mit buntgeschecktem Haar herum, bis alles rausgewachsen ist. Auf den schwarz-weißen Fotos stehe ich wieder vor demselben Vorhang des Photoautomaten, diesmal als Hellblonde mit dunkleren Haarenden. Ich lache überhaupt nicht.

Im selben Frühjahr fange ich an, am Samstag früh auf den Flohmarkt zu gehen, von mir ist es nicht weit bis zur Porte de Clignancourt. Der Flohmarkt ist eine Sozialstudie, augenöffnend, er stößt meine Nase mitten in die bittere Poesie der zerbrochenen Leben. Denn hier sind die kleinen Dinge der Leute ausgebreitet, man sieht ihnen praktisch bis aufs Unterhemd, bis in den Kochtopf. Unter der Überführung der Umgehungsautobahn, wo der Verkehr lärmt, liegt der Bürgersteig voll der schäbigsten Utensilien, dort sitzen die Araber, die den Neuankömmlingen, die nichts haben, alte Geräte und Ersatzteile jeglicher Art für ein paar Francs anbieten, danach werden die Bürgersteige voller und einige Stände erheben sich, wo kleinbürgerlicher Krimskram sich häuft, bis dahin wo wirklicher Luxus für handfeste Preise ausliegt. Jeder Händler fängt seine Karriere auf dem Bürgersteig an, wo er seine alte Decke ausbreitet. Wenn er ein eifriger Sucher ist und die richtigen Kontakte pflegt, kann er bald zu einer Bude aufsteigen, bringt’s vielleicht zu einem permanenten Stand.
Ich treffe einen anderen Philippe, ich weiß nicht, ob es auf dem Flohmarkt ist, wo ich nach und nach viele Leute kenne, oder woanders. Philippe ist Friseur, Homo, Hippy, arbeitet in einem Friseurladen hinter der place Blanche, wo die Kundschaft ist wie er selbst, dies ist schließlich Pigalle, wo rue Lepic die aufgetakelte Dame neben mir nach ihrem Pfund Kartoffeln mit tiefer männlicher Stimme fragt. Unser Kontakt ist nicht eng, doch sitzen wir auf Caféterrassen, vielleicht treffen sich die Einsamen manchmal. Philippe ist dürr, Brust wie ausgebuchtet, trägt Ketten, Ohrringe und seltsame Hemden über seinen Jeans und spitze Cowboyschuhe mit Absätzen. Manchmal raucht er Haschisch. Er kennt den jungen Mann, in den ich mich später schmerzhaft verliebe, Patrick, vielleicht treffe ich Patrick zuerst, der ein Freund von Véronique ist, die eine Freundin von Jack ist.
Mit Philippe, dem Homo, gehe ich eines Freitagabends aus. Philippe hat seltsame Bekanntschaften, kennt seltsame Adressen. Er will mich in den Süden von Paris mitnehmen, zu einem Fest. Zuerst gibt er mir eine Pille zu schlucken, tut dir gut, sagt er, sind Amphetamine, ist nichts Schlimmes. Wir trinken ein Bier. Ich bin neugierig, ich mag bewußtseinsändernde Drogen nicht, weil sie mich von mir wegführen, der besänftigende Alkohol genügt mir, aber ich will es ausprobieren, nichts auf der Welt soll mir fremd sein.
Philippe und ich nehmen die Metro, steigen am Chatelet um. Am Chatelet hat man den ersten rollenden Bürgersteig gebaut, der zwei weit auseinanderliegende Stationen verbindet. Als wir darüber gehen, fangen wir an zu schweben. Philippe kichert wie ein Irrer in seiner dünnen Homostimme. Wir sind „gestoned“, als hätten wir einen Schuß Serotonin wie aus der Schnapsflasche genommen, unsere Psyche hat sich wie die Pupille so geweitet, daß wir nicht mehr die schmerzenden Details des Lebens wahrnehmen. Wir fahren bis zur Station cité Universitaire. Dort ist der große parc Montsourris, an dessen Gitter wir entlang gehen, in eine kleine Straße einbiegen, wo es lauter schnuckelige Einfamilienhäuser mit Vorgärten gibt. Wir betreten ein mehrstöckiges Haus, es gehört einer Schauspielerin, sagt Philippe, doch ich kriege sie nie zu Gesicht. Von nun an befinde ich mich wie in einem Traum, doch kann ich mich an alles erinnern. Philippe verschwindet. Ich bin da als die Neugierige, irre durch das Haus. Ich habe keine Angst, ich bin wohl in meinem Sein, Ungeduld, Porosität der Zeit sind verschwunden und alles gehört der Göttin Indolenz an, sie hat ihre Zeichen dicht gestreut.
Meine Neugier registriert. Links vom Flur gehe ich in einen großen Raum, der sich hinten in einen noch größeren erweitert. Rechts brennt ein Feuer im hohen Kamin. Laute Musik spielt. Pop, Rock. Sie hat tausend Schattierungen, tausend Farben, sie tänzelt mit den Zacken des springendes Feuers, die Luft ist sanft gefiltert vom Zigarettenrauch, der alles verschönt, Männer, Frauen, sie bewegen sich wie auf Wolken, schweben im Raum umher. Ich rede mit niemandem. Ich brauche nichts. Ich bin pures Sein, pures Denken, das in einer Sekunde mit Siebenmeilenstiefeln sich abspult, ich schaue in die Funken, die das Feuer spuckt und verstehe das Weltall. Doch weiter. Ich gehe zurück in den Flur. Unter der Treppe ist eine kleine Küche. Sie ist bis zur Decke gefüllt mit schmutzigem Geschirr. Das kennen wir, denke ich. Ich steige die Treppe hoch in den ersten Stock, öffne eine Tür, sehe hinein, schließe sie wieder. Die will ich nicht stören, denke ich. Eine dunkle Opiumhöhle, wo laszive Körper in halbtoter Ekstase lagern. Ich öffne eine andere. Dasselbe Bild. Ich steige in den zweiten Stock. In einem dieser sehr privaten Räume erhebt Philippe sich. Willst du’s mal versuchen, fragt er. Was, sage ich. Kokain, sagt er. D’accord, sage ich. Doch ich vertrage das Zeug nicht. Ich gehe nach unten, etwas würgt mich. Ich stelle mich vor die Haustür, versuche zu kotzen, es kommt nichts. Nach einer Weile legt sich das und ich gehe wieder hinein. Jetzt bin ich ganz stone. Ich verbringe die Nacht überwach und unseiend oder allzu seiend. Außer mir gibt es nichts mehr und alles, das ich bin, ist Denken. Mein Denken durcheilt in Sekunden alle Gedanken, die ich jemals dachte, alle Worte, die ich jemals las, sinkt in Tiefen wo es nicht allein ist, sein Volumen ist statisch, und doch bewegt es sich mit ungeheurer Schnelligkeit, als sei ich ein Geschoß im Weltenraum, das mit Lichtgeschwindigkeit sich weder etwas nähert noch sich von etwas entfernt.
Ich sehe mit Erstaunen, daß Morgenlicht in die Fenster fällt. Der große Raum füllt sich, jeder kommt mit einer Tasse, setzt sich an den großen Tisch, wo Teller mit Croissants stehen. Ich setze mich zu den anderen, ans Ende des Tisches, höre links und rechts zu, was man sagt, mein Augen sind groß offen, ich bin nicht müde, ich esse einen Croissant, ziehe an einer Marihuana-Zigarette. Gelächter flackert links, rechts auf. Ich verstehe nicht, was man sagt. Zu mir dringen Laute, die nicht mehr französisch sondern deutsch sind, die Leute reden plötzlich alle deutsch? Ich antworte. Gelächter wie Lauffeuer. Ich verstehe. Ich verstehe, daß ich nicht mehr verstehe. Ich kichere. Der ganze Tisch biegt sich hin und her vor Lachen. Dann versinkt jeder in sich selbst zurück. Einer springt auf, ruft: Allez, venez. Wir machen eine Prozession durch den Park, der frühlingsfrisch ist, jeder Baum, jeder Strauch ist eine Offenbarung, wir tanzen im Reigen, singen, umarmen die Welt. Dann gehen wir zurück zum Haus, alle verziehen sich, ich setze mich, einen Puff im Rücken auf die Erde vors sterbende Feuer, die Morgensonne lehnt sich schräg in die Fenster.
Gegen Nachmittag verlassen Philippe und ich das Haus, noch nicht ganz nüchtern. Lange bleibt die Welt in Distanz, läuft die Zeit, als gäbe es sie nicht. Am Sonntag sitze ich stundenlang vor einer Blume im Park, schaue sie verzaubert an und sage mir: so ist das also.

Daß Mai achtundsechzig sich nähert, merke ich nicht. Ich wohne weit weg vom Studentenviertel, lese nie Zeitung, was in Deutschland vor sich geht, dringt nicht bis zu mir, als es ausbricht, ist es für mich ein persönliches Abenteuer.
Jack hat eine junge Freundin, Penelope, eine Engländerin. Ich laufe manchmal mit ihr herum, vielleicht weil ich die einzige bin, mit der sie reden kann. Auch mich überragt sie um fast einen Kopf. Sie ist erst 18, ich lerne ihre Mutter kennen, die in Englisch sächselt, die Sächsin ist, ihr Vater war Offizier der britischen Armee in Indien, Penelopes beste Freundin, mit ihr in Indien aufgewachsen, war Königin von Jordanien geworden, sie wurde die Mutter des heutigen Königs.
Penelope lebt in Jacks kleiner Wohnung in der rue de Tournon. Er selber ist umgezogen in eine größere, in der Nähe der place Saint-Georges, einige Straßen hinter Pigalle.
Als die Studentenunruhen anfangen, spitze ich natürlich die Ohren, verfolge am Radio was passiert. Und ich fange an, Zeitung zu lesen, doch bald gibt es die nicht mehr. Die Studenten bringen die Gewerkschaften dazu, sich ihrer Bewegung anzuschließen, was sie schließlich aus ganz anderen Motiven tun. So funktioniert nach und nach gar nichts mehr, es gibt keine Verkehrsmittel, keine Post, der Abfall wird nicht abgeholt, den Geschäften fangen die Waren an auszugehen. Paris ist ein Kindergarten geworden, wo man Revolution spielt. Ich komme morgens auf die Straße, da stehen am Rand des Bürgersteigs die vollen Abfalltonnen, jeder stellt, legt seinen Beutel einfach dazu, obendrauf. Man sieht Ratten hin und her huschen. Die Luft ist geschwängert vom Verwesungsgeruch tierischer und pflanzlicher Substanzen. Durch die Abfallhügel wandern die Menschen. Die meisten haben es aufgegeben, zur Arbeit zu fahren. Es hat keinen Zweck, sich in die Blechschlangen einzureihen, weil sie sich kaum bewegen. Und im Büro, an der Arbeitsstelle, da gibt es nichts zu tun. Niemand kann sich bewegen. Paris ist ein Festival des Chaos, ein Fest der derben Aussprüche. Quel bordel. Une pagaille. „Chienlit“, sagt de Gaulle, holt ein altes Wort aus der Versenkung. Jeder wiederholt es und lacht in sich hinein. So ein Spaß. Ein fröhlicher Ausnahmezustand. Alle sozialen Taue sind gerissen, die da oben haben nichts mehr zu sagen, schließlich sind wir die Bürger, wir haben sie dahin gehievt, nun müssen sie uns mal zuhören, wir haben was zu sagen, der kleine Mann der Straße hat eine Unmenge zu sagen, und der junge Student weiß genau, wie die menschliche Gesellschaft zu sein hat, weniger Strukturen, mehr Selbstbestimmung. In den Straßen läuft ein poetischer Surrealismus um, an jeder Straßenecke stellen sich vollkommen Unbekannte zusammen und diskutieren. Jeder weiß was passiert und noch mehr, die privaten Radiosender sind mitten in der Aktion, die staatlichen außer Dienst. Da werden Bäume gefällt, Büros geplündert, Autos überkant gerollt, hohe Barrikaden gebaut. Das kennt man, so steht das in den Geschichtsbüchern. Aus den Chausseen bricht man die Basaltsteine, häuft sie auf die Barrikaden, schickt sie der vorrückenden Polizeimacht entgegen. Alle sind in einem Freiheitsrausch, wo alles erlaubt ist, die Verantwortung ist bei der Revolution. Die Barrikaden schließen die Straßen, öffnen jedoch einen neuen Weg.
Wie immer muß ich dabei sein, wissen, wie das ist, so eine Revolution. Ich durchquere Paris zu Fuß bis zur rue de Tournon und bleibe einige Tage bei Penelope. Nicht weit weg räkeln sich die Bürger auf den roten Samtsitzen des Odéon, jeder darf das Wort ergreifen. Ich laufe in der Sorbonne herum, wo hektisch diskutiert wird, lese die Losungen, die die Wände bedecken. Ausgebrannte Autowracks stehen am Straßenrand, über die geplünderte Chaussee rücken die CRS mit vorgehaltenen Schilden an, Tränengasbomben zischen vorbei, vernebeln die Luft, machen sie ungenießbar, ich laufe mit dem Taschentuch vor dem Gesicht aus dem Kampfgebiet. Dahinter haben die neuen Propheten sich aufgerichtet, die Eiferer und Schwärmer, die Verfechter der freien Liebe und des zivilen Ungehorsams, die Kämpfer für die klassenlose Gesellschaft, die Rechte der Andersartigen, die Zerstörer aller sozialen Barrieren, die Verkünder eines neuen Esperanto. L’homme, ce rêveur définitif.... jeder, der sich im Besitz der Wahrheit glaubt, ist aus seinem Loch gekrochen und tut sich kund.
Paris ist eine Stadt, wo der Traum ein Alptraum wird, vor dem Diskutieren kommt das Leben zu kurz, die Demokratie geht den Bach runter: wie, wenn jeder recht hat? Ist realistisch sein, das Unmögliche wollen?
Als Mitterrand und Mendès France anfangen, sich für eine provisorische Ersatzregierung zur Verfügung zu stellen, als ein Teil der Studentenschaft Feuer in der Börse auf dem rechten Ufer der Seine legt, als im Odéon alle Klos verstopft sind, und niemand aufhören will, im Theaterraum kettenzurauchen und es auch dort brennt, als es kein Benzin mehr gibt und Leute anfangen, ihre Autos einfach stehen zu lassen, hält die Stadt den Atem an. Was passiert nun? Die Armee steht vor Paris, de Gaulle ist verschwunden, niemand weiß wohin.
Jack hat einen Vetter, der der Stiefsohn eines prominenten Politikers ist, dieser weiß, wo de Gaulle ist.
Eines Tages ruft Jack mich bei Jacqueline an, wir müssen hier verschwinden, sagt er, es gibt einen Bürgerkrieg, de Gaulle ist bei Massu in Baden-Baden, pack deine Sachen, wir fahren heute nachmittag in die Normandie.
Als wir losfahren, ist schon alles vorbei. De Gaulle hat seine Ansprache ans Volk gehalten, dieses hat sich spontan auf dem place de la Concorde versammelt und ist dabei Hand in Hand, Arm in Arm die Champs Elysées hochzukriechen. Als wir in Jacks Jaguar Limosine von Montmartre runterfahren, kommen wir plötzlich nicht weiter. Wir steigen aus und laufen zu den Champs Elysées, schauen auf die dicke Schlange der der Revolution müden Bürger, die die breite Straße bis nach oben hin verstopft. De Gaulle hatte nochmal die Franzosen verstanden. Wir machen einen Umweg, überall sind Autos, die hysterisch hupen, wir fahren trotzdem in die Normandie.

Ich weiß nicht genau, wann es mit Patrick angefangen hat. Bevor ich ihn treffe, kenne ich ihn aus den Erzählungen von Véronique. Véronique treffe ich bei Jack, sie ist aus Rabat, eine marokkanische Jüdin, ein ernstes in sich verzogenes Mädchen. Sie hat eine kleine Wohnung in Passy, wo ich sie besuche. Sie ißt kaum, ihre Küche ist voll schmutzigen Geschirrs, sie geht kaum aus, lebt in ihrem Bett. Sie lebt in Depression. Wenn sie von Patrick erzählt, springt ihr Geist in ihr auf und schreit laut, niemand kann ihm helfen, sagt sie. Ich habe es versucht, er ist ein Teufel, er hat mich zugrunde gerichtet. Er war bei mir in Rabat, weil es leicht ist, dort an Drogen zu kommen, für ihn ein Paradies. Ich war so verliebt, ich liebe ihn noch, doch er ist ein Lügner, er legt jeden rein, er hat mich zerstört.
Ich muß Patrick unabhängig von ihr kennengelernt haben. Es ist sicher Philippe, der ihn zu mir bringt.
Patrick ist vierundzwanzig. Er ist von überirdischer Schönheit. Dunkle, sich um sein Gesicht rankende Haare, ein Gesicht in dessen delikater Weiße blaue, durchsichtige Augen schwimmen. Er wohnt eine Woche bei mir in meiner Bude, nimmt ein heißes Bad, bittet mich nach der Arbeit eine Flasche Whisky hochzubringen. Wir trinken und reden, machen Liebe. Er ist so schön, in der Hitze meiner Zuneigung schmilzt meine Vernunft wie Wachs zwischen seinen Fingern. Was er sagt, ist mir Evangelium. Und ich fühle mit ihm, der zu viel fühlt. Ein wenig erschreckt er mich. Er steht über allem. Was ist ihm das Leben? Was ist der Schmerz. Was die Enttäuschung? Sieh, sagt er, er öffnet sein Hemd, gib mir eine Sicherheitsnadel, zieht sie sich durch die Speckschwarte seiner Bauches, es blutet noch nicht mal. Seine Intensität füllt mich über alle Maßen, daß ich nach einer Woche erschöpft bin. Jeden Abend muß ich für ihn in einer anderen Apotheke anstehen und ihm ein Medikament kaufen, das ihm die Schmerzen des Entzugs nimmt, denn für die richtigen Drogen hat er kein Geld. Dazu trinkt er eine halbe Flasche Whisky.
Eines Abends geht alles schief. Er hat schwerste Herzrhythmusstörungen, sein Herz hämmert schneller als mein Wecker tickt, dann setzt es eine Weile aus, dann hämmert es noch schneller. Ich halte es viele Stunden aus. Er will nicht in ein Krankenhaus, denn dort ist er nicht mehr frei, er liegt gefaßt auf meinem Bett, vielleicht wartet er auf Erlösung, doch ich will nicht, daß er stirbt. Um fünf Uhr morgens laufe ich zu Jacqueline, schelle sie aus dem Bett und rufe eine Ambulanz an. Man trägt ihn nach unten, ich fahre mit zur Lariboisière, dem großen Krankenhaus im Norden von Paris. Man rollt ihn auf einer Bahre zu einem Lastenaufzug, fährt ihn in den Keller. Ich gehe neben ihm her, der mich ansieht, endlos lange durch die flachen, unterirdischen Gänge unter dem Krankenhausgrund, durch schlecht erleuchtete, schmutzige Betonschläuche, neben uns die vielen dicken und dünnen Rohre, die Eingeweide des Krankenhauses, sein Gesicht wie eine Hostie, seine Augen wie stille Seen, seine dunklen Locken auf dem weißen Kissen, seine angstverspannte Brust unbedeckt.
Er bleibt zehn Tage im Krankenhaus, erholt sich von einer leichten Lungenentzündung. Wenn du wüßtest, wie ich mich danach sehne, sagt er, ein neues Leben anzufangen. Jemand zu sein wie jeder andere, der morgens nicht vor Abscheu krepiert. So viel Abscheu, wenn ich aufwache, will ich mich mit allen Mitteln zerstören, ich kann nicht leben. Und doch, wenn du willst, wenn du die Kraft hast, mir zu helfen, ich möchte so gern wieder in meinem Beruf arbeiten, ich möchte dir die besten Momente meines Lebens geben.
Ich rufe seine Mutter an, die im Norden wohnt, eine harte Frau, Nein, sagt sie, ich habe keinen Sohn mehr. Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich weiß, was ich sage.
Ich schicke ihn nach Deutschland zu Eva, die im Taunus wohnt. Ich kaufe ihm ein erster Klasse-Ticket bis Frankfurt, gebe ihm Geld. Eva unterzieht sich in Frankfurt einer Analyse, sie versteht, sie will versuchen, ihn in ihrem Dörfle stillzuhalten, ihn bis zur Entwöhnung zu versorgen. Sie holt ihn in Frankfurt vom Bahnhof ab, richtet ihn in ihrer Wohnung ein. Sie gehen sofort miteinander ins Bett. Tagsüber ist Patrick allein, ich habe ihm Bücher mitgegeben, doch er kann nicht lesen. Er geht aus, kauft Whisky, er führt lange Telefonate mit Frankreich, stellt Evas Wohnung auf den Kopf, eine schlecht ausgedrückte Zigarette brennt ihr Wohnzimmer aus. Im Büro führe ich lange Telefongespräche mit Eva und mit Patrick. Dieser schreibt mir mehrere Briefe. „Tu es une fille extraordinaire et tu as un coeur comme dans le bon temps où les gens savaient encore avoir des sentiments.“ Nimm das was zwischen Eva und mir passiert nicht wichtig. Ich sage dir nicht, ich liebe dich, ich habe nie jemanden geliebt, auch Véronique nicht, und ich will dich nicht anlügen. Aber ich fühle mich wohl in deiner Gegenwart, ich möchte mit dir leben und Grundlagen für ein neues Leben schaffen.
Am nächsten Tag bittet er mich, seiner Bewährungshelferin Krankenhausunterlagen zuzuschicken. Dann setzt er hinzu: Heute geht es mir sehr schlecht, ich möchte mir am liebsten eine Kugel in den Kopf jagen. Ich habe mein Scheißleben satt: J’en ai marre de ma putain de vie et de moi qui suis dégueulasse, je sens plus mauvais que la merde avec un physique d’ange. Je suis un enculé et un con plus clochard que le plus clochard des clochards. Ma définition de moi-même – „un faux tout et un vrai rien“.
Am selben Tag schreibt er mir noch einmal, nachdem er meinen Eilbrief erhalten hat, in dem ich ihm wahrscheinlich meine Enttäuschung über sein Verhalten ausdrücke: Ich habe dich nie gebeten, mir zu glauben. Du verurteilst mich, als sei ich ein Verdammter, du sagst ich sei krank und also nicht ganz zurechnungsfähig. Vielen Dank, das hat mich wirklich sehr gefreut. Du bist nicht anders als die anderen – kleiner Geist und großes Herz – du hast dich vielleicht in mir geirrt, doch du, du enttäuschst mich. Ich dachte, du hättest Verstand und ein Herz. Ja, geh zu Philippe, geh zu Véronique, zu Bernard, zu Henri, sie alle wissen besser als ich, wer ich bin. Hör auf Jacqueline, die sagt, ich bin schlecht, hör auf alle Welt, nur nicht auf mich. Danke, danke, danke....
Letzte Sätze sind rot unterstrichen, rot umrandet. Aufs nächste Blatt malt er groß in blau und rot: Merci! et encore Merci. Je signe: Le malade. Dieses Wort rot wie Blut. In Klammern unten rechts: Je t’aime mal, excuse moi!
Ich höre nie wieder von ihm. Er war öfters nach Frankfurt gefahren, hatte am Flughafen das Air France-Personal angesprochen, um Geld gebeten, hatte sich Drogen besorgt. Er verschwand eines Tages aus Evas Wohnung.
Viele Jahre später klopfte es eines Abends an meine Tür, draußen standen Philippe und Patrick. Wie Geister. Ich ließ sie nicht eintreten.
So schließt 1968 mit einem großen Schmerz. Darüber, daß Intensität und Liebe aus meinem Leben gegangen sind, darüber, daß die Liebe eher ein Traum scheint, den die Wirklichkeit in sein Gegenteil verzerrt. Ich schicke Eva Geld, um sie zu entschädigen und die hoch angelaufene Telefonrechnung zu bezahlen, ruiniere mich. Weihnachten habe ich die Grippe, doch am heiligen Abend setze ich mich mit hohem Fieber unten in die riesige Brasserie Wepler und esse Austern. Am nächsten Tag singe ich mit Jacquelines Familie „Oh Tannenbaum“.

In Jacks Universum hat sich meine Position gefestigt. In der Firma mache ich alles allein, die Kunden fühlen sich von mir ernst genommen, die Leute in der Fabrik vertrauen mir und ich kann mich auf sie verlassen. Als ich zuerst in Jacks Ordnern blättere, bin ich bestürzt über die Briefe der Kunden, die ihn der Unehrlichkeit und Unachtsamkeit und Nachlässigkeit bezichtigen. Als ich ihn darauf anspreche, lacht er nur, „qu’ils fassent pas chier“, sagt er. Die sollen nur meine Sachen verkaufen, nicht jammern, sagte er. Da hatte ich ihn, so wie er ist. Sein Bruder und er sind Männer mit eindeutigem Charisma. Jack verkauft Ideen von Luxus und schnellem Gewinn, hat er einen Kunden so zu ihnen erwärmt, daß er sich in seine Hände begibt, erfährt er, daß er in der Scheiße trampelt. Er muß allein fertig werden. Jack ist ein Spielkind, er spielt Fabrikant, Charmeur, Lebemann, Frauenheld. Bei ihm ist alles Oberfläche, nur dort darf sich das Leben abspielen, nichts darf tiefer dringen, darin ist er unerbittlich, eine Unannehmlichkeit, eine Notwendigkeit beantwortet er mit einem Witzwort, werden zu etwas Lachhaftem umgebogen. Das Leben ist zum Genießen da. Er hat keine der guten Qualitäten, die im menschlichen Verkehr hochgelobt werden. Man liebt ihn und erträgt ihn, oder man haßt ihn: er hat diese Art, die niemanden und nichts ernst nimmt, und man liebt ihn trotzdem. Er ist, wie sein Bruder, ein großer Manipulierer. Wenn man ihn trotz allem liebt, nichts von ihm erwartet, dann ist man glücklich in seiner Gegenwart, hat keine langweilige Sekunde. Einen Windbeutel könnte man ihn nennen, einen Nichtsnutz, einen Hanswurst, doch ist er kein Angeber, kein Betrüger, er macht niemandem etwas vor. Er lügt wie gedruckt, doch ist von entwaffnender Natürlichkeit. Mit kindlicher Unbekümmertheit verfolgt er sein Ziel, das des Bonvivant, des Libertin, dem nichts wichtiger ist als der Genuß. Doch ist er kein Sexprotz, auch der Sex, obwohl in großer Ausschließlichkeit wie eine Droge gesucht, wird in Armeslänge gehalten, technisch übersteigert und intellektuell verneint, verleugnet, dementiert, verbal zu einem Witz verfremdet. Ich glaube nicht, daß es in seinem Leben eine einzige Frau außer seiner Mutter gab, nach der er sich sehnte. Jack ist nicht jemand, der sich verliebt. Er ist der Alptraum einer Feministin, oder vielmehr ihr Traummann zum Hassen.
Er trägt ein von Zetteln pralles Adressbuch mit sich herum, abends ruft er eine Frau nach der anderen an. Bonsoir mon lapin, comment vas tu? Tu peux pas ce soir? Peut-être demain. Rappelle-moi. Au revoir my sweetheart. Dann ruft er die nächste an, die kann auch nicht, aber jeden Abend findet er eine oder zwei die kommen. Ich kenne alle seine Frauen, oft durchquere ich Pigalle, steige in den dritten Stock zu seiner Wohnung, wo wir zu Abend speisen, meistens sind wir mehrere. Ich bin wie Familie, gehöre dazu, bin aber außerhalb. Jack respektiert mich, ich bin sein Freund, die einzige Frau, mit der er lange Diskussionen führt, die bei Tisch den Mund aufmacht, mitredet, denn er liebt die schönen Frauen, Mannequins, Fotomodelle, die meistens nichts zur Unterhaltung beitragen, ihre Stunde kommt hinterher. Jack hat nicht viel für Literatur übrig, kennt sich aber gut in Geschichte aus. Er erzählt auch Geschichten. Wie er als Sechsjähriger mit seiner Mutter und seinem Bruder vor den anrückenden Deutschen aus Paris floh, wie sie fast nichts mitnehmen konnten, sie kauerten hinten auf dem kleinen Laster eines Onkels mit dessen Familie, es war Mai, sie litten Hunger und Kälte, es regnete oft, die Straßen waren teilweise blockiert, sie kamen nicht weiter, Kindergeschrei, tote Pferde und Kühe verwesten am Straßenrand, überall alter Hausrat, den Leute von sich geworfen hatten, kein Bauernhof öffnete sich ihnen jemals, um sie freundlich zu empfangen, ab und zu knabberten sie an einer Brotrinde, dann fühlte er den Arm seiner Mutter, die ihn fest an sich drückte.
Daß er mich zur Familie zählt, hat Vor- und Nachteile. Wir verstehen uns wie „cul et chemise“, weil meine offene Disposition und meine Distanz zum Leben nur allzu willig seine Anzüglichkeiten aufschlürfen, und in den mir wichtigen Dingen setze ich mich durch – einmal fährt er mich an: Für wen arbeitest du hier eigentlich, für mich oder die Kunden. Jedoch mein Gehalt steigt nur langsam. Dafür wohne ich umsonst in seinen Wohnungen, fahre ich in seine Ferienhäuser, bin ich sein Gast ungezählte Male zu Hause und mittags in Restaurants. Im Frühjahr fahre ich mit einer seiner Hauptfrauen, Françoise, in sein Haus in Port-Grimaud, sehe zum ersten Mal das Mittelmeer. Am 20. Juli haben mehrere sich in Françoises Landhaus versammelt, nordwestlich von Paris. Ein Bach fließt um das Haus mit Trauerweiden, die sich im Wasser spiegeln. Wir gehen auf eine Ruderpartie, ich rudere und zerquetsche mir den Daumen zwischen Ruder und Bootsrand. Das provoziert meine alte Phobie, die Angst vor Tetanus, ich bin von Panikattacken geschüttelt, und als ich wie alle Welt abends zum Mond hochschaue, wo ein Amerikaner herumläuft, fühle ich Todesängste, mein Herz setzt schon aus, mein Atem stockt, mein Kinn blockiert sich. Zurück in Paris lasse ich mir wieder im Krankenhaus das Serum spritzen, hinter dem Vorhang neben mir, stöhnt eine Frau fürchterlich, wie jedesmal.
Als die Sommerferien sich nähern und ich nicht weiß, was ich im August, wo alles geschlossen ist, anfangen soll, bezahlt Jack mir einen Aufenthalt im Club Méditerrannée, es ist nur ein Platz in Arziv, Israel, übrig. Dort fahre ich hin.

Am 1. August betrete ich eine El Al Maschine, mein erstes Flugzeug. Ich bitte den israelischen Sicherheitsbeamten, mich neben ihn setzen zu dürfen, ganz hinten im Flugzeug, ich darf, die Magie des Mannes mit Pistole läuft tief in uns. Er erklärt mir, was unten in Liliputrelief langsam vorbeizieht, er hat keine Angst bei Luftlöchern, beim Beben und Zittern der Maschine, er fliegt jeden Tag. Ich kippe trotzdem einen Whisky. Er schreibt mir später eine Postkarte nach Arziv. Als wir landen, klatschen die Fluggäste.
In Tel Aviv holt uns ein Bus ab, fährt uns nach Norden, an Haifa vorbei, weiter nach Nahariya hoch, dann noch einige Kilometer und wir werden am Tor des Clubs ausgeladen.
Dies ist meine erste Begegnung mit dem Süden. Er nimmt mich sofort auf und ich schmelze in ihn hinein wie in eine lang gesuchte Heimat. Es ist Abend, die Sonne lagert wie eine Tomate am Horizont, gleich verschwindet sie. Um mich herum im rosa Dämmerlicht Palmen, blühende Büsche, gepflegte Wege, offene Holzstrukturen überdachen breite Tische, die sich unter den Schüsseln und Schalen mit Speisen biegen, auf uns warten.
Wir werden zu unseren runden Strohhütten geführt, die hinten weit verstreut auf dem Sand liegen. Die Wände sind gezogen, doch oben unter dem Dach sind sie offen. Die Luft ist lau und schwer mit Feuchtigkeit. Ich hänge meine paar Sachen auf dünne Metallbügel, stelle meine Cremes auf ein kleines Fichtenbrett über meiner Pritsche.
Meine Mitbewohnerin nimmt mich mit zum Abendessen, zeigt mir die Sanitäranlagen, wir schlurfen durch den feinen Sand zum Speiseraum, da ist ein dicker Mond der mit uns geht, wir überqueren eine Brücke, im flachen Bach quaken die Frösche, die vielen wohlgekleideten Menschen, die Unmenge von Speisen lassen mich ans Paradies glauben, hinten schlägt das Meer leise seinen ewigen Takt.
Am nächsten Tag verstehe ich, daß ich in der Wüste bin. Die Hitze hält mich wie eine Zwangsjacke, ich atme Feuer. Um mich flitzt man mit nackten Füßen über den Sand, ihn kaum berührend, er ist heiß wie ein Bügeleisen. Ich brauche einige Tage, um mich einzugewöhnen, mich der Hitze hinzugeben. Ich lerne Leute kennen und fange an, glücklich zu sein. Da ist zuerst Charlie, ein lebhafter Typ, der in der Mode arbeitet und im offenen weißen Mercedes seines Onkels durch die Gegend fährt. Doch er bleibt nicht. Da ist Lydia mit ihren zwei Kindern, manchmal spielt sie auf dem Klavier hinter der kleinen Abendarena Strawinsky und Schönberg. Da ist Nicole mit ihren Teenage-Söhnen, die Zahnärztin aus St.-Germain des Prés, ein Strahlenkranz kleingekrauster Haare, ihr überall aufblitzendes Lächeln, sie ist das schöne, siegreiche Weib, das alle um sich bezwingen muß. Jahrzehnte später wird sie mich furchtbar reinlegen, sie ist so strahlend selbstsicher, daß ich nicht merke, daß ihre Tiefen gefährlich sind. Da ist die schwergewichtige, schwermütige Myriam, die allen erzählt, daß sie so unglücklich ist, daß sie sich umbringen will. Da ist Maurice mit Familie, er ist aus der Schweiz, doch noch vor wenigen Jahren haben seine Frau und er mit wunden Händen und steifem Kreuz das Wüstengeröll von den Feldern der Kibbuze geräumt. Eines Tages kommt Marc.
Ich habe immer nur schwierige Männer geliebt, Männer die sich mir entzogen, nicht ganz, doch im Katz-und-Mausspiel mich anlockten, mit mir spielten, mich ihrer männlichen Gunst teilhaftig werden, dann mich halbtot liegen ließen, genau wie Pablo, der virile, obschon beschnittene Kater Annas in Asciano es mit dem Vögelchen tat. Ich war ihr Spielgefährte, der jedoch den Vertrag nicht einhielt: Männer waren mir wie eine Droge. Nein, nicht der sexuelle Reflex des Orgasmus, der kam nie im normalen Verkehr, da war ich wie frigide auch wenn ich vor Begierde brannte, es legte sich das Schwert der Schuld zwischen mich und mein Verlangen, der Sitz der Schuld, mein Kopf, ließ Körper und Seele auf dem Trockenen. Nein, was ich beim Mann suchte, war die Verschmelzung, die Wärme, die Aufgabe meines Selbst. In den Armen eines Mannes fühlte ich die Fremde nicht, die mich bewohnte, seit jeher schon, die Fremde, die mich feindlich umgab, mich dauernd forderte, mein Blut unterkühlte, mich mit Blei füllte, daß ich mir schwer wurde, mein Geist sich verdunkelte, mein Körper mich am Leben hinderte. Wenn der Mann merkt, er ist der Frau nur Zweck, ein anderer, komplizierterer als der direkte, den er verfolgt, zieht er sich zurück. Der Andere ist immer Objekt, doch Kultur ist, die Illusion zu schaffen, daß es das Personale gibt. Da ich mich aus meiner inneren Fremde immer nach der Umarmung des Mannes sehnte – es mag sein, es war der Ruf des Blutes, der unbefriedigte Schrei der Natur, meiner weiblichen Natur – wenn ich aus meiner täglichen Routine gerissen auch noch die örtliche Fremde erfuhr, wurde mein Entzug geradezu unerträglich: ich mußte mich dann verlieben.
Marc ist spöttisch, tut überlegen, treibt sich mit Berühmtheiten herum, schläft mit Brigitte Bardot, doch findet die rechte Frau nicht – später heiratet er eine Norwegerin. „Je suis son jules“ stellt er sich meinen Bekannten vor, als ich ihn abends mit zu Tisch nehme. Dann trennen wir uns fast drei Wochen lang nicht mehr. Wir reisen herum.
Wir nehmen ein Gemeinschaftstaxi bis Nahariya, einem kleinen Seebad, von deutsch-jüdischen Einwanderern gegründet, wo ich auf der Straße deutsch spreche, von dort ein anderes Taxi bis Haifa, vom Carmel sehen wir auf die Bucht, auf die Stadt, steigen langsam im abendlichen Menschengewühl die heiß brennenden Straßen hinunter. Wir fahren bis Akko, einer alten Kreuzritterstadt, fast nur von Arabern bewohnt, wo Unmengen von Blut geflossen sind, Marc pflückt mir einen Granatapfel vom Baum, ich bin bezaubert von den alten Steinen, den engen Gassen, ich liebe die Araber, ihre Kultur und Tradition wie in Gelee erstarrt, sehe Jahrtausende nach rückwärts, in einem kleinen Handwerksladen jedoch sitzt ein alter Mann, als er mich sieht, holt er seinen Sex heraus und mastubiert. Do not let me hear of the wisdom of old men, but rather of their folly: humility is endless. The houses are all gone under the sea.
Wir fahren auf den Rosh Hanikra, einem fernen Felsen über dem Meer, wo der Libanon anfängt.
Um sechs sitzen wir im Auditorium und hören klassische Musik. Über dem gepflegten Feriendorf erhebt sich eine alte arabische Dorfruine, im Innern ist ein kühles Café für die Siesta, am Rand des Felsen zum Meer hin das Auditorium, wir hören Schallplatten mit Mozart, Beethoven und Bach, unten glitzert das Meer, die Sonne sinkt dem Horizont zu, glutrot, es wird früh Abend hier, die Brise weht uns direkt in die Seele.
Wir gehen reiten. In der Nähe von Nahariya ist ein Reitstall und eine Arena. Zuerst versuchen wir es, reiten in der Arena in der Runde. Ich hatte schon auf Pferden gesessen, bin aber keine Meisterin.
Einige Tage später gehen wir auf eine größere Expedition. Der Chef des Reitstalls ist ein alter Rumäne. ,Ce mai faci’ sage ich zu ihm, und lache, denn damit hört mein Rumänisch auf. Doch er spricht alle Sprachen, er hat andauernd mit Touristen zu tun. Am nächsten Tag brechen wir früh auf. Da wir zwei Tage unterwegs sind, folgt der Chef uns mit einem pferdegezogenen Karren, auf dem ein riesiger Kühlschrank liegt – er selber geht zu Fuß – da sind unsere Mahlzeiten drin, „icebox“, wie noch immer mein Mann dazu sagt, ist wohl das richtige Wort dafür: noch in seiner Jugend kam der Eismann jede Woche und brachte den Haushalten ein großes Stück Eis, dieses nahm die Kühlung vor.
Wir sind zehn Reiter, ich bin die einzige Frau. Vor uns zickzackt ein sehr schöner junger Mann mit braunem, nacktem Oberkörper auf einem nervösen, hohen Pferd, seine harmonische Verwachsenheit mit dem Tier ist nicht sein einziger Mythos: er hat am letzten Vergeltungsschlag der Israelis auf dem Beiruter Flughafen mitgewirkt – aber wer weiß, der Chef liebt Geschichten, dies ist nicht seine letzte.
Wir reiten lange durch die Ebene auf die fernen Felsen zu, durch Mais- und Kartoffelfelder, Obstgärten und Gemüseacker, wo Wasser aus engen Hülsen zischt. Ich lerne den anderen deutschen Gast des Clubs kennen, er reitet da vor mir, die typische, fade, fettnackige Blondheit, er hat einen quietschenden Sattel und ein kleines Pferd erwischt, wippt vor mir mit seinem bequemen Hinterteil auf und ab und quietscht, wie kleine hohe Furze. Er heißt Werner.
Am frühen Abend reiten wir durch die Felsen, die langsam ansteigen und erreichen unseren Rastort. Wir sitzen ab und wenig später kommt der Chef mit dem Kühlschrank an. Wir befinden uns in der Beugung eines schmalen Flußes, der neben uns auf großen Kieseln eiskalt vorbeiplätschert, hoch über uns erhebt sich ein altes Kreuzritterschloß, das chateau Monfort, am Ufer, bedeckt mit Kieseln, im Winter ist es das Flußbett, breiten wir unsere Decken und Schlafsäcke aus. Wir waschen unsere Hände im Fluß und bereiten unser Abendessen vor. Der Chef schickt zwei der Männer ins Unterholz, kleine und große Holzstücke suchen und macht ein Feuer. Wir dinieren im Schein des Feuers, sehen die Motten tanzen und versengen. Dann krieche ich mit Marc in seinen Schlafsack. Das Feuer bleibt an, der Chef steht davor, stochert darin herum, ruft Werner, er soll wieder Holz mit dem jungen Mann suchen, an seiner Taille hängt eine Pistole, seine Hüften sind dick mit Patronenhülsen. Er setzt sich und fängt an, deutsch mit Werner zu reden, dann singt er alte deutsche Operettenmelodien „Gern hab ich die Fraun geküßt“, „Im weißen Rößl am Wolfgangsee“ und wiegt sich dabei, die halbe Nacht, erzählt wie er in Wien und Berlin in die Oper ging, und wenn das Feuer niederbrennt, muß Werner wieder raus, Holz suchen. Am nächsten Morgen putze ich mir die Zähne im Bach, wir frühstücken und reiten zurück.
Am Abendbrottisch, die Speisen sind reichlich, der Wein „à gogo“, alle haben sich fein gemacht, versucht, ihr Haar zu straffen, wird heiß diskutiert, skandiert von häufigen „Lechaim“. Es gibt nur ein Thema. Alle sind hier, um sich in „ihrem Land“ umzusehen, da ist das Gewissen, sich nicht am seinem Aufbau, an seinem Kampf zu beteiligen. Es sind nur wenig Israelis im Club, ich treffe einen arabischen Richter aus Jerusalem.
Als Marc nach Paris zurückfliegt, gehe ich allein auf Tour. Ich nehme einen Bus bis Haifa, an der Straße, die nach Osten führt, vor der Stadt, steige ich aus, nehme einen anderen Bus bis nach Nazareth. Es ist sehr heiß, ich fahre durch versengte kahle Hügel, die ewige Landschaft der Bibel, keine Milch, kein Honig, an einer Wegbiegung sitzt ab und zu ein Araber mit Wassermelonen. Es geht auf den Abend zu, als ich in Nazareth aussteige. Die Stufen des Busses sind hoch, ich stolpere, lasse mein kleines Gepäckstück fallen, das sich öffnet und seinen Inhalt auf dem Bürgersteig verstreut. Ich lache, kniee mich hin, um alles einzusammeln, stelle fest, ich habe keinen Kamm mitgenommen, drei, vier junge Männer stehen herum, ich frage sie, wo kann ich einen Kamm kaufen, in Englisch, sie antworten, zeigen mir ein kleines Geschäft gleich an der Straße, wir reden, sie stellen sich vor, sie sind Gymnasiasten, Araber. Wo ich hin will? Oh nirgends, sage ich. Ich bin ja ins Blaue gefahren. Warum würde ich nicht bei den deutschen Nonnen wohnen, fragen sie mich, weiter oben, sie würden mich hinführen.
Als ich am Tor schelle, ist es Nacht. Über einen langen Gartenweg kommt eine der Nonnen und macht mir auf, ich verabrede mich mit meinen jungen Freunden für den nächsten Morgen, werde zum Gästehaus geführt, die Nacht kostet zehn Mark.
Dort bin ich einziger Gast, ich finde ein kleines Zimmer mit einem frisch bezogenen Bett vor, auf einem Tischchen eine Schale Obst mit Teller und Obstmesser. Ich trete auf die Terrasse, eine gewaltige Zypresse links von mir zeigt ins Unendliche, gleich daneben steht ein halber Mond.
Ich gehe ins Badezimmer, lasse ein Bad einlaufen. Im großen Spiegel sehe ich mich an: meine Haut ist tiefbraun, das untere Dreieck, meine großen Brüste ausgeschlossen, diese hängen halbmondig weiß bis zur Taille, sie sind so schwer: ich bin fast dreißig.
Am nächsten Morgen zeigen die jungen Araber mir Kirchen, wir sitzen in Parks, wir reden. Ich will weiter, nach Tiberias, an den See, sie bringen mich zum Bus. Der See ist dunkelblau, eingefaßt von lachsroten steilen Felsen, noch sind die Bilder meiner Kindheit in mir, wo Jesus auf seinen Wellen wandelte, im Schwimmbad will ich mich in ihn tauchen, das Wasser ist schwer und kühl, es zieht mich nach unten, so sehr habe ich mich an das tragende Meer gewöhnt. Abends fahre ich zum Club zurück.
Ich bin einsam ohne Marc, jemand gibt mir ein kleines dunkles Stück Haschisch, weich wie Knetgummi, ich zerbrösele es in eine Zigarette, die ich tief in meine Lungen ziehe. Ich habe die fürchterlichste Angstattacke, mein Magen ist ein schmerzhafter Knoten, ich zittere am ganzen Körper, jetzt sterbe ich, denke ich, taste mich zu meiner Hütte. Ich schwöre mir, das Zeug nie mehr anzufassen. Dann lerne ich segeln. Rudere mit Nicole und Myriam auf dem weiten Meer. Schnorchle unter Wasser. Ich muß eine Woche länger in Israel bleiben, Flüge wurden ausgesetzt, das israelische Pfund abgewertet, ich mache eine Zuzahlung. Werner ist auch noch da, wir sitzen manchmal zusammen. Am Tag als er sich von mir verabschiedet, vertraut er sich mir an. Weißt du wer ich bin? fragt er. Nein, sage ich. Er geht auf seinen Bus zu, dreht sich zu mir um: Blatzheim ist mein Name, ruft er.
Werner verunglückt einige Jahre später tödlich mit dem Auto.

In Paris besuche ich ab und zu Nicole in ihrer geräumigen, großbürgerlichen Wohnung, die voll hängt von Gemälden, die hat sie von ihren Kunden, denn sie kennt ganz Paris, vor allem die Künstler und diese können nicht immer bar bezahlen. Dort treffe ich bei einem Abendessen ihren Bruder, Serge. Er ist Arzt. Wir verlieben uns, doch er ist schwierig, sein Leben ist schwierig, er hat einen großen Sohn, wir bleiben enge Freunde sehr viele Jahre.
Ende des Jahres ziehe ich um in die blumig tapezierte Wohnung im „cent quatre“, die ich schon kenne.