Analyse eines Lebens - fast ein Roman

VIII



Schon bevor ich nach Sizilien fuhr, machte ich vorsichtige Vorstöße, wie wär’s, fragte ich meinen Mann, wenn wir auf dem Land wohnten? Im Süden. Wir kaufen da ein Haus. Nonono, rief er, ich don’t want to go anywhere. Ich ließ nicht locker. You could have a wonderful library, walls covered with books, each one easy to find, your own room, we build a walk-in shower, a big fireplace, you wouldn’t be cold anymore, sunshine all year round. Er sagte, I’m not that interested in books anymore. Er sagte, I want to throw most of them out. Er sagte, Why don’t we build this shower here?
Aber er schrie nicht.
Das wird nicht gehen, sagte ich. Der Besitzer der Wohnung wird es nicht zulassen. Und dann kann man vor einem Fenster keine Dusche einbauen. Und ich will für diese Wohnung kein Geld mehr ausgeben.
Mein Mann schwieg.
Er wollte nichts über meine Reise wissen.
Er geht immer seltener zu seinem Computer, um dort seine Zeitungen zu lesen. Wenn er am Abend den ersten Bissen in den Mund steckt, hat er Erstickungsanfälle. My heart, keucht er dann, aber ich weiß, es ist nur der Magen, der Tag und Nacht weinübersäuert ist.
Er ist oft in sich versunken, etwas in ihm sackt weg, sein Gedächtnis ist nicht mehr geschwind, er kann nur mehr mit leiser Stimme sich verlautbar machen, seine Lippen bewegen sich kaum, als seien sie gelähmt. Sein Bart, den er sich vor einem Monat abgeschnitten hat, wächst dunkel schmutzig nach. Er hat sich sechs Monate nicht gewaschen, seitdem er in seinem bequemen Liegestuhl sitzt. Seine Pantoffeln, die er manchmal trägt, die großen roten Schiffe, waren schwarz innen, ich steckte sie in die Waschmaschine, dann wusch ich seine geschwollenen Füße. In warmem Wasser mit einem Schuß Badelotion weichte ich sie ein, kam dann mit einer Bürste und wollte sanft die Hautfetzen, die sie überall bedecken, wegrubbeln, doch er fing an zu schreien, you hurt me, stop that, why are you doing this? und hob die Füße strampelnd aus dem Wasser. Ich überzog sein Bett neu, saugte alle seine abgestoßenen Hautplättchen weg, legte ihm einen sauberen Schlafanzug aufs Bett.
Mein Mann hat nie viel für Waschen übrig gehabt, ein Relikt aus seiner Kindheit, als er früh seiner Mutter den Gehorsam aufkündigte und anfing, alles von ihm geforderte umgekehrt zu tun, gar nicht zu tun, mit Hysterie zu beantworten. Wo er Angst hatte, wurde er zum Snob, wo er sich nicht fügen wollte, aggressiv, wo er unsicher war, übertrieb er. Seine Hauptsorge war sofortige Befriedigung, dem, was sich jenseits des Lustprinzips befand, entzog er sich im Alkohol.
Ich merkte früh, daß er sich nicht wusch. Er setzte sich nur in die Wanne, ein Glas Wein neben sich, bürstete sich das Gesicht mit Seife und einer sanften Bürste zum Weichwerden der zu rasierenden Bartstoppeln und blieb dann so lange eingetaucht, bis es Zeit wurde. Ich fing an, mit ihm wie mit einem kleinen Jungen zu spielen, dem man zeigen will, daß man sich überall wäscht, machte erotische Spielchen, um seine „private parts“ sauber zu kriegen, denn bei Männern, die ich mochte, steckte ich mir gern den Schwanz in den Mund, nuckelte an ihm, senkte mich auf ihn, Befriedigung meiner zwei Extreme, des Säuglings, des Jetzseins. Er ließ sich meine Spielchen eine Weile gefallen, doch als seine Geliebte auftauchte, die ihn, bevor noch ich von ihr wußte, ansteckte und er dann mich, hörten diese auf, alles hörte auf, nie mehr ging ich danach mit ihm ins Bett und er stieß mich mehr und mehr aus seiner Intimität, so war es egal, ob er schmutzig war oder nicht. Vor dem Schmerz der Verlassenheit verschwand meine Libido, ich vermißte Liebemachen nicht, ich vermißte ihn. Ohne ihn hatte ich mich verloren, war zu einem Schatten geschrumpft, hatte Schwierigkeiten auf meiner Arbeitsstelle.
Ich vergesse nicht, wie unglücklich und unbefriedigt ich Minute für Minute in der Firma war, in der ich arbeitete. Jeder Atemzug war Bitterkeit. Ich konnte dem Anpassungsverlangen der Leute nicht genügen, wo Macht und Ohnmacht in den engen Gängen, den kleinen Büros zwischen den verstellbaren Wänden im Flüsterton gespielt wurden, über die der Suchlautsprecher tönte. Der Chef meiner Abteilung war hitzig, witzig und laut, er haßte die Firma, hatte aber sechs Kinder zu ernähren, er wollte nichts für mich tun. In Frankfurt auf der Messe verlor ich seine Sympathie als er herausfand, daß ich mich nicht durchsetzen konnte. Ich mußte ein billiges Hotel buchen, weit außerhalb der Stadt, es überbelegen lassen, weil er immer mehr Kunden und Vertreter dorthin einlud, und die Besitzerin nicht sorgfältig genug war, zugesagt hatte, sie ist ja Geschäftsfrau, bevor wir eines Abends nach unserer Ankunft dastanden und uns ein Zimmer fehlte. Die Männer mußen in Doppelzimmern zusammen hausen und es gab Stunk, weil einige ablehnten, mit anderen ein Zimmer zu teilen. Alles fiel auf mich zurück, jeder machte sich über mich her, in meiner Sicht hatte mein Chef in Unvernunft gehandelt, ich stand ziemlich hilflos da, da platzte ihm der Kragen – er sprach ganz gut deutsch – und er schrie die Frau im Hotel an, beschimpfte sie, laut und lange, es war alles ihre Schuld und sie sollte gefälligst eine Lösung suchen, was sie auch tat, indem sie nämlich viel teurere Zimmer woanders buchte, für die sie bezahlte. Zurück in Paris bekam ich einen Verweis, ich hätte das Zimmerproblem nicht lösen können.
Wenig später teilte mein Chef mir mit, die hohe Direktion wollte mir kündigen. Als ich im Treppenhaus den Personalchef, den wir zweimal im Monat aus Orléans im Haus hatten, traf und ihn fragte, warum er mich denn loswerden wollte, beschleunigte dies den Prozess noch. Als einen der Gründe beim Verabschiedungsgespräch gab mein Chef feige zu Buch, ich würde auch nicht immer „bonjour“ sagen, was war da sonst auch, außer ich suchte nach zu viel Unabhängigkeit, achtete nicht die Hierarchie, verstand einfach einige Probleme nicht und war somit unfähig, mich untertänigst einzugliedern. Um Beistand suchte ich eine Rechtsanwältin auf, diese machte entscheidende Fehler und alles nur noch schlimmer, so richtete ich, auf Betreiben meines Mannes, der mich zum Widerstand aufhetzte, einen Brief mit Beweisen an den Präsidenten der Anwaltskammer und sie mußte mir meine Anzahlung zurückgeben. Von der Firma erhielt ich schließlich eine Entschädigung von siebzehntausend Mark, wovon gleich zehn an die Steuerbehörden gingen, wo mein Mann Schulden hatte.
Zu der Zeit hatte sich das Geld meines Mannes in Alkohol wie in nichts aufgelöst, wir mußten von unseren Gehältern leben. Von dem Meinem bestritt ich die Einrichtung der neuen Wohnung, alle Lebenskosten, Gas, Strom, und Telefon. Mein Mann jedoch wollte auf nichts verzichten, seine Ausgaben verringerten sich nicht, er lieh sich Geld von seiner Bank, von seiner Firma, verkaufte seine amerikanische Zusatzversicherung, ich mußte bei seiner Lebensversicherung anrufen, wieviel seine Witwe nach seinem Tode von ihr ausgezahlt bekäme, wollte darauf Geld leihen. Jeden Monat sah ich mit Entsetzen auf seinen Kontoauszug, er hatte wieder zwischen drei bis fünf tausend Mark nur für sich verbraucht. Mittags hatte er seine Geliebte eingeladen, nachts aß er in teueren Restaurants, zog von Bar zu Bar, trank Wodka Tonic zu 30 Mark das Glas, bis er nach Hause taumelte. Er saß zu tief im Alptraum seiner selbst geschaffenen Irrationalität. Ich strengte mich an, ihn bei Laune zu halten, gegen den Alkohol mit anderen Dingen, wie Theater, Kino, Spaziergängen, Museen anzukämpfen. Jedoch gingen wir kaum mehr zusammen aus, er lud mich nicht mehr ein, im Café mußte ich bezahlen, im Kino kaufte sich jeder sein eigenes Ticket.
Oft beschimpfte er mich im Wutrausch. Einmal schrieb ich mit. Es ist später Nachmittag. Ich stehe in der Küche und wasche ab. Er ruft mich. Ich stelle mich taub. Er ruft lauter, immer wieder, immer lauter. Ich trockne mir die Hände ab, gehe zu ihm. What do you want? frage ich. Nothing, sagt er. Ich gehe wieder. Ich stehe im Flur und höre zu. You won, sagt er, you won, you won, fünf Mal mit steigender Lautstärke. What have you won? I’m dead. I’m dead. Ich zähle: siebenmal ruft er: I’m dead. You killed me, ruft er fünfmal. Every minute of my life you destroyed, every second. I hate, hate, hate you, you filthy dirty, I hate you, ruft er wieder fünfmal. Er schreit. Why didn’t you kill yourself or die? What do you want from me? Er murmelt, lacht, zischt: Jesus.
Ich gehe in mein Zimmer, setze mich aufs Bett, mein Herz klopf wild, ich greife einen Block und Kugelschreiber. Er kommt ins Zimmer.
I’ve lost five hundred thousand Francs, schreit er, five hundred thousand Francs. Now you look dumb with your big stupid face. You took them from me, yes, you stole five hundred thousand Francs from me!
You are a dead person. You think I am dead, but one of these days, I will tell you, you are in danger, but you don’t even know it. You are a, what can you possibly, after having stolen five hundred thousand Francs, want from me. Why is it you stay with me. I have no money. Er schreit. I have no money. You’re writing down what I’m saying, I like about you that behind that dead face of yours you think you are marvelous but you’re a corpse, a walking corpse, you have no interest in anything, no tiniest conversation, dead, dead, dead, dead person, you’re talentless, unable of thought, all you want is cleanliness, and always hatred, hatred, always hatred, no person can live like this. The most boring person I ever met in my life. You’re totally dead, letzteres siebenmal. You’re smalltime, dead, you’re finished, third rate. You can’t imagine anything, you’re totally stupid because you are dead. When it’s so clear that you are at the end of the rope, you’re thinking, I’m stupid.
Er dreht sich um, geht aus dem Zimmer, murmelt, zischt, fucking bitch.

Wie ich das aushielt? Nach vielen Schmerzenswegen war die Eva von Köln Abteilungsleiterin in einer psychiatrischen Klinik einer süddeutschen Stadt geworden. Meine Telefonrechnung in dieser Zeit stieg an ins Phantastische. Auch meine alte Firma schädigte ich auf die Weise, und ich bin noch froh, ihnen diese kleine Erbschaft hinterlassen zu haben. Ich verzweifelte: ich rief Eva an. Eva hatte sich in Carl Gustav Jung verfangen, so wie sie seit langer Zeit einen Hang zum Esoterischen hatte, dem ich jedoch abhold bin. Ich schrieb ihr lange Briefe, weil sie die einzige war, die mich verstand. Hier ist meine direkte Stimme von damals:

Liebe Eva,
Immer habe ich Phantasien, daß mein Mann tot im Bett liegt. Er steht ja sehr spät auf und ich stelle mir vor, er liegt da und ist tot. Dann wäre ich endlich erlöst. Bin ich unmenschlich? Wenn er nett und einigermaßen zugänglich ist, bin ich glücklich, fühle ich mich ihm verbunden. Gerade arbeitete ich in der Küche, es ist gegen neun, ich dachte daran, wie gern ich kochte, als es mir gut ging. Dann sang ich mit meiner kleinen, vom Rauchen verbrauchten Stimme. Es war wie ein Anhalten. Oder wie ein Anhalten des Atems. Ich ging auf etwas zu, doch wußte ich nicht auf was, das war nicht wichtig, es würde sich einfach aus der Zeit entwickeln, die Zeit aber war kein Durchgang zu etwas mehr, sie war das Absolute, Unveränderbare, es war ich die ging und ich ging einfach auf meinen Tod zu. Ich sterbe jeden Tag einmal und dann stelle ich mir vor, wie sich das anfühlt. Ich sage mir: bald. Siehst Du Eva, ich weiß nicht was das ist: „leben“. Ist es das, was ich tue? Ich tue aber nichts. Gerade bin ich wieder arbeitslos. Heute war ich kurz draußen, einkaufen. Keine Kontakte, keine Freunde, keine Telefongespräche, kein Fernsehen, keine Filme, kein Essen (nur das Notwendige), kein Anziehen, kein Ausgehen, kein Da-sein. Der Blick. Blick hebt Distanz auf, wertet, ist aggressiv. Vor dem Blick konnte ich plötzlich paralysiert sein, so daß ich nicht mehr denken, nicht mehr gehen konnte, nicht mehr atmen, nicht mehr schlucken. Wenn ich immer Schwarz trage, gebe ich praktisch meinen Anspruch, angesehen zu werden, auf. Und doch suche ich den Blick. Er sagt mir, daß ich existiere. Ich kann den letzten Schritt einer mystischen Fusion mit was auch immer, vom Blick weg, nicht tun, das wäre zu definitiv, wäre Tod. Ich meine, dann könnte ich wirklich gleich sterben.
Ich danke Dir für das Buch von Castaneda, das gestern kam. Ich habe gleich angefangen, darin zu lesen. Doch, liebe Eva, ich kann darin nichts finden, das mir etwas sagt. Das Verhältnis des Bewußtseins zur Welt und wie diese Welt aufzufassen sei, Grundthema seit jeher meiner eigenen Reflexionen, finde ich eher in der Philosophie. Natürlich glaube ich an ein erweitertes Bewußtsein, nur nicht, daß es durch auf-den-Rücken-schlagen provoziert wird, sondern durch Ablegen von Vorurteilen und vorgefaßten Meinungen erarbeitet werden muß, und genau das ist das Thema von Hegel, den ich immer noch quasi lese, ich sage quasi, weil er unkommentiert gar nicht lesbar ist. Doch in seinem Philosophenlatein ist manchmal ein klarer deutscher Satz, der etwas deutlich ausspricht. Den unterstreiche ich dann dick und bin ganz glücklich, aber sonst quäle ich mich mit einer französischen Version, die leichter zu verstehen ist, weil von altmodisch altdeutscher in aktuelle Sprache hineinübersetzt. Das ist alles ein Spiel mit Schatten, mit nicht Wahrzunehmendem, aber Hegel sagt auch ganz konkrete Sachen, er versucht den Menschen zu definieren im Verhältnis zu seiner Umwelt und er fragt, woraus er gemacht ist und erkennt, da ist z.B. die Begierde, die sich auf andere Begierde richtet, da ist hauptsächlich Begierde nach Anerkennung und daher Kampf mit dem anderen, um diese Anerkennung zu bekommen. Wenn er die Anerkennung nicht erhält, denn er lebt und existiert nur durch den Blick des anderen, so muß er diese Begierde dialektisch überwinden. Der Kampf dient dazu, sich zu bewähren und sich seines Selbst zu versichern.
Weiter bin ich nicht gekommen, inzwischen habe ich Dich angerufen und Hegel steht wieder im Bücherregal. Das ist eine Form von ohnmächtiger Rache, die sich gegen mich selbst richtet, bei der aber mein Mann gemeint ist. Es ist die Rache in meinem Kopf, wie ich mir vorstelle, daß sie ihn treffen soll. Da ich meinen Haß nicht aussprechen kann, soll mein haßvoller Akt halb versteckt sein, so daß er versteht, daß ich seinen Vorwurf ernst genommen habe und ich mir jetzt etwas entsage, so daß er sich schuldig fühlt. Statt dessen merkt mein Mann in der Regel Hinweise dieser Art gar nicht und so bumerangt der Racheakt auf mich zurück, bestätigt mir, daß er stattgefunden hat, wobei ich mich selbst betrüge, und es wahrscheinlich mein Unterbewußtsein ist, das will, daß ich mich bestrafe, einfach weil ich immer Bestrafung verdiene.
Liebe Eva, heute ist der 2. Mai und immer noch steckt der Brief in der Maschine. Ich habe jeden Tag das Bedürfnis, mit Dir zu reden, aber dann setze ich mich wieder nicht hin, weil von dem Vielen, das zu sagen ist, ich keine Auswahl treffen kann, oder ich faul bin, oder es für nutzlos halte, überhaupt mit jemandem über meine Probleme zu reden. Hast Du schon festgestellt, daß von jeder Aussage, die ich mache, ich gleichzeitig das Gegenteil behaupte, ich also jede Aussage annulliere? Ich will groß von Hegel reden und lege ihn, nach einem Streit mit meinem Mann kurzerhand weg, als sei ich erleichtert, ihn nicht mehr lesen zu müssen. Mein Kopf läuft im Moment in alle Richtungen und stößt überall auf Negatives. Ich denke, daß etwas negativ ist, dann negativiere ich meine eigene Negativität. Was aber nichts Positives ergibt, sondern nur die Negativität weiterstößt, wie in der Mathematik, wo minus plus minus einen noch größeren Minuswert ergibt. Das Problem mit meinem Mann hat mich wieder ganz ergriffen. Wie jedes Wochenende habe ich angefangen zu kochen und er kündigt mir an, er geht jetzt aus, um seine Zeitungen zu kaufen, sagt, ich bin gleich zurück, dann bleibt er eine Stunde weg oder zwei, sitzt in einem Café und trinkt. Er hat heute von den Steuern einen Bescheid bekommen, weil die automatische Abhebung vom Konto wegen unzureichender Deckung im letzten Monat nicht stattgefunden hat. Und er sitzt schon so tief bei seiner Bank im Roten.
Am Morgen, wenn er noch nüchtern ist, seine Heftigkeit, seine Boshaftigkeit nicht zum Vorschein kommen, habe ich eine große Zärtlichkeit für ihn, die jedoch in nervliche Belastung umschlägt, sobald er anfängt zu trinken. Jeden Tag stürzt mich das in Aggression, Angst und Herzklopfen. Mein Gefühl für ihn wird immer kleiner, oft ist es gar nicht mehr da. Ein seltsamer Schmerz nur stellt sich ein, wenn er sich mir entzieht, oder wenn ich ihn allein lasse, weil er Dinge tut, die mir nicht gefallen, wie Stunden um Stunden in den Straßen herumlaufen und jedes Café besuchen, um überall eben schnell einen zu heben. Der Schmerz des nicht Vorhandenseins ist da; der Schmerz des Zurückgestoßenseins und die Angst davor, daß er böse Worte zu mir spricht, wie mein Vater, seine Verachtung über mich ausschüttet, daß ich zu nichts beitrage, es zu nichts bringe, all diese alten Gefühle muß ich aushalten. Mein Vater ging ja auch jeden Abend in eine Kneipe, vielleicht, weil er sich dort heimischer fühlte als zu Hause, oder sich einen Moment allem entziehen wollte. Vielleicht ist die Angst meiner Mutter in mir vor dem Späterwerden in der Nacht, mit dem Entsetzen vor dem Gepolter des betrunkenen Mannes, seines „Niederfallens“ in eine menschlich niedrige Kategorie, wo er doch sonst eine Respektperson war, die sie abends im Bett stundenlang dekonstruierte, dialektisch bearbeitete, was ich hören konnte, weil ich im Nebenzimmer schlief. Aber sowas kann ich bei meinem Mann nicht, sofort würde er anfangen, ganz fürchterlich zu schreien.
Heute ist der 9. Mai. Es ist so, daß ich Dir zuerst einen Brief im Kopf schreibe, ein ganzes Konzept fertig habe mit Schluß und Schlußfrage, dann setze ich mich hin und etwas ganz anderes kommt heraus. Ich bin ein Bündel von Gedanken und Gefühlen, die wie eine Katze im Sack hin und her springen, um herauszukommen. Das ist das schmerzhafte Lebendigsein: die Last des physischen Daseins, in dem es schon schwer ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen, die Luft mit dem ganzen schweren Körper zu durchqueren plus die Last der Psyche, in der beide miteinander verwoben sind, daß keine Unterscheidung möglich ist. Ich habe irgendwo gelesen: das ist das untergründige Murmeln des Es. Um es ein wenig zum Schweigen zu bringen und diesseitig und leicht zu werden, habe ich immer gern ein oder zwei Glas Wein getrunken. Doch Wein attackiert mein Nervensystem und oft wird mir davon schlecht, ich fühle muskuläre Steifheit und Schmerzen in den Beinen und im Becken, habe Magendrücken, Durchfall, Kopfschmerzen, Augenschmerzen, Schwindelgefühl und Zittern der Hände. Ohne zu große Schwere und Dichtigkeit des Körpers muß ich ganz abstinent leben, doch dann in Kauf nehmen, daß dieser parallele interne Gedankenstrom in mir aufschwillt, allen Platz in mir einnimmt, daß da kein Entrinnen ist. In meinem Kopf poltert es durcheinander, mal bin ich auf der einen Seite, mal auf der anderen. Mal bekenne ich mich schuldig, mal „ent“-schuldige ich mich, dies Murmeln des Es wird ein Getöse und so schnell, daß ich nicht folgen kann. Die Außenwelt fällt mit großer Grausamkeit auf meine Sinne und mein Gemüt, so daß ich mich schutzlos dem ausgesetzt fühle. Die Grauheit der Luft und die Gesichter der Leute sind unerträglich, unerträglich die Probleme unserer Zeit, wenn ich Zeitung lese. Kurz, ich bin ein ganzes Schmerzensfeld, da alles wütend zerstörerisch auf mich eindringt, so läuft mein Denken durcheinander in dieser Schmerzensbrühe.
Ich sitze stundenlang im Café und sehe die Leute an, döse und denke vor mich hin. Es ist kein schickes Café und kein schickes Viertel. Die Leute sind ganz gewöhnliche Leute, sie sind häßlich, schlecht angezogen, sehen arm aus. Jedoch fügen sie sich nahtlos in ihre Hülle ein, ohne diesen Bruch mit ihrer eigenen Realität, den das Überbewußtsein schafft, zu zeigen. Sie haben sich dem Archaischen, Dämonischen, ihrem Es, das sie determiniert, sie zu dem macht, was sie sind, hingegeben. Sie haben sich akzeptiert, ohne einen Gedanken zu haben, über ihren Zustand hinauszuwollen. Natürlich ist das wieder eine Projektion, ich mache ja die Welt, die um mich herum ist, in meinem Denken. Meine große Schwierigkeit ist, nicht „Ich“ sein zu können, die nicht sein zu wollen, die ich bin, meine archaischen Kräfte nicht anzunehmen, was heißen will, auch meinen Tod nicht. Tod ist Zersplitterung meines Bewußtseins, das ich als das Kostbarste in mir ansehe, da ich es als etwas Komplexes aus dem Archaischen herausgerettet habe und da Tod ein langsames Hinneigen (außer er ist abrupt) zu diesen archaischen Kräften ist, kann ich ihn nicht akzeptieren. Alles, was mit dem „Es“ zu tun hat, ist mir zuwider, Sex, Körperlichkeit, Schmutz, Häßlichkeit, Alter, Krankheit, Gemeinheit, Grausamkeit, Krieg, schlechter Geschmack, Kapitalismus, Ausbeuterei, Gier, Alkoholismus. Die meisten Leute tun und sind das alles ohne große Scham, für mich jedoch ist das „Es“ das große häßliche Tier (das Irrationale), das im Menschen sitzt und durch Humansein besänftigt werden soll. Nur ist da bei mir etwas falschgelaufen. Wahrscheinlich ist dieses böse Tier in mir getötet worden und jetzt vergiftet es mich und die Gesetze des Überichs sind deswegen so stark geworden, weil das „Es“ ja wegmußte, und es trotzdem da ist und einen Guerillakrieg führt, einen schleichenden, verräterischen, weil es nicht mehr den Kopf heben kann, um mal kurz gestreichelt zu werden und dann wieder zu kuschen.
Bitte, sage mir, was mit mir los ist. Wenn Du mir am Telefon erklärst, ich soll die Schattenseiten meines Mannes integrieren, verstehe ich das jetzt nicht mehr. Seine Schattenseiten sind seine unbewußten, verdrängten Eigenschaften, die zur Mutter, zur Frau gehören, und die ihn zum Trinker machten? Aber was soll ich um Himmels willen integrieren? Was ist dies integrieren überhaupt? In sich als Wert aufnehmen? Warum soll ich seine Verletztheiten als etwas Positives in mir aufnehmen? Wie kann ich das überhaupt. Es tut mir leid, Eva, wenn Du so schön redest, meine ich wohl alles zu verstehen, doch mich aufopfern, für ihn? Warum gehe ich nicht in die Krebsbaracken? Ich soll in mir etwas ausbilden, das ich nicht habe, soll gleichzeitig mein „Ich“ aufgeben im Dienst von jemandem, der mir nur Leid antut? Du sagst, das Schicksal hat uns zusammengefügt. Aber Schicksal ist abzuwenden, kann man umformen. Das kann man auch weglaufen nennen und ich bin immer vor den Schrecken der Welt weggelaufen, und was ist mein Mann anderes?
Werde ich jemals Harmonie in mir finden, jemals etwas schaffen? Wie ich mir helfen kann, indem ich meinen Mann „erleide“ sehe ich immer noch nicht recht. Ist es, daß ich Andersheit annehme, ohne daß es mir wehtut? Ist es, daß ich Realität akzeptiere wie sie ist?
Ich danke Dir, daß Du mir zuhörst.

Damals lebte ich einen heißen einsamen Sommer. Die Affaire meines Mannes verlangsamte sich, seine Geliebte versuchte sich als Englischlehrerin, fuhr mit ihrer Familie in Urlaub, mein Mann blieb mit seinen Wodkaflaschen im verdunkelten Schlafzimmer, nur abends ging er aus, um in seinen alten Bars sein Image des weltläufigen Journalisten weiterspinnen zu können. Sonst war er auf sich zurückgeworfen, und ich war nicht mehr die Frau, die ihm ein positives Bild zurückstrahlen konnte, dafür war zu viel vorgefallen und ich war nicht poliert genug, zu empfindlich, es ihn nicht fühlen zu lassen.
Ich lebte meine Blumenperiode. Ich irrte durch das leere Paris, in meinem Viertel lagen viele Straßen halb aufgerissen, Bausand trieb auf der Chaussee, es war, als hätte eine plötzliche Katastrophe die Bewohner aus der Stadt getrieben. Ich beobachtete die Tauben, die in Schwärmen herumzogen, nach Nahrung suchten. Die meisten Menschen hassen Tauben; doch sind sie fast die einzigen, die es noch in unseren immer unwirtlicher werdenden Städten mit uns aushalten. Sie scheinen die Ureinwohner, sind nicht die Häuserfassaden taubengrau, die Verzierungen und Vorsprünge ihre natürlichen Rastplätze? Auf der Erde staksen sie schwerfällig auf ihren roten Streichholzbeinchen, viele mit verkrüppelten Krallen, doch am Himmel ziehen sie kraftvolle, einsame Bahnen, als existierte unter ihnen die Stadt mit ihrem komplizierten Geflecht von Straßen und Plätzen nicht? Ich sah wie sie starben. Sie hockten sich in den Rinnstein, das nächste Auto hatte sie zermalmt.
Jenseits des Luxembourg fand ich einen offenen Blumenladen, der mir von weitem entgegenleuchtete, er wurde mein tägliches Ziel. Dann brauchte ich Vasen. In einem kleinen Porzellanladen rue d’Assas kaufte ich eine weiße Vase nach der anderen in allen Größen und Formen, je nach meiner Lust auf bestimmte Blumen. Für Levkojen eine hohe klassizistische Vase mit engem Lippenrand, für die lose Fülligkeit des zarten Phlox eine dickleibige mit hohem Stehkragen, für die blassen Teerosen eine gläserne Kugelvase, für die fleischigen Schwertlilien eine strenges hohes Gefäß, für die lebhaften, gelben Studentenblumen eine bauchige Vase, für die einfachen Margueriten einen Kelch, für die Gerbera eine Reagenzglasvase, bis mir der Platz ausging.
Ich liebe die leichte Präsenz der Blumen. Sie sind die Zeit, die sich uns gibt und die vergeht. Sie sind generös und klaglos. Ihr Duft spricht zu diesem ursprünglichsten unserer Sinne, der keiner organisierten Programmierung unterliegt, weil er so unbedeutend ist, ihre Zartheit macht uns alle zu Müttern. Als Kind pflückte ich Köstlichkeiten von ihnen, das hat mein Bewußtsein tief gespeichert.
In jenem Sommer fand ich meine Katze.

Im ,„cent quatre“‘ richte ich mich in einem Irrgarten vollerblühlter rotgrüner Blumengewinde ein, die sich um die Wände, über die Decke ranken, schlafe in einem Zimmer mit endlosen Girlanden großer blauer Blüten. Ich versuche, diese Rankenfülle mit Strenge auszugleichen, lasse mir eine einfache, dunkelbraune Samtcouch machen, auf der meine Besucher schlafen, kaufe im Auktionshaus einen alten Ledersessel, bedecke eine lange Wand mit einem Bücherregal, das Monsieur Jean mir baut. Ich richte die Küche ein, kaufe einen billigen Tisch, male ihn schwarz an, kaufe rote Stühle, einen Kühlschrank. Das Badezimmer hat die goldenen Hähne Jacks in der Dusche, am eingebauten Waschbecken, im Eingang nimmt ein Wandschrank meine paar Sachen auf. Dies ist meine erste richtige Wohnung. Unter meinen Fenstern ist die Autowerkstatt von Monsieur Casal, wo immer wieder ein Motor aufheult, jenseits des Hofs arbeitet ein Ventilator in der Wand, um die Küchendüfte des teuren Restaurants zu verbreiten, lehnen die Köche abends an die Wand, rauchen eine Zigarette. Doch mittags scheint die Sonne in meine Fenster, ich kann sie an sonnigen Wochenenden öffnen, es ist ruhig, nur vom Eingangstor her kommt das Murmeln des Straßenverkehrs zu mir.
Hier wohne ich sechs Jahre. Zuerst dürftig, noch immer steigt mein Gehalt nur langsam, und weil ich mir keine Gardinen leisten kann, putze ich zwei Jahre lang meine Fenster nicht, damit niemand zu mir hineinschauen kann. Die Lichter der Restaurantküche fallen jedoch abends lange an meine Blumendecke, den Geruch von Abwaschwasser in der Nase habe ich Mühe einzuschlafen.
Ich bin einsam in meinem Blumenwald. Abends lese ich; wenn mir die Augen zufallen, schlafe ich noch lange nicht ein. Oft gehe ich spät ins Bastos an der Ecke, trinke ein paar Glas Bier an der Theke, spiele auf dem Flipper.
Wie mein Vater habe ich immer gern einen gehoben. Sobald ich den Fuß in eine Wirtschaft setzte, d.h. sich eine seltene Gelegenheit dazu bot, ich war noch jung, keine zwanzig, erfüllte mich ein Glücksgefühl, eine Kneipe war wie ein Fest. Hier war ich an die übrige Menschheit angekuppelt. Ein neutraler Platz mit anderen, die versuchen, ihren inneren Tumult zu glätten, hier sah niemand einen schief an, mit gespitztem Mund sog ich tief den Rauch der Zigarette ein, das Bier löste meine Muskeln, meine Zunge. Wenn ich getrunken hatte, war ich zu vielem fähig, denn die Geister, die die schwarze Spinne in Schach hielt, sprangen in mir herum wie in der Walpurgisnacht, machten ihre Faxen. Ich brauchte den Rausch, er gab mir ein Gleichgewicht, befähigte mich, dem, was mich dunkel vom Leben abhalten wollte, zu entziehen, meine Verklemmungen aufzuheben, wenn auch nur für Momente. Hemmung ist eine Störung des Antriebs, ein toter Punkt des Lebenwollens, eine Sperre. Im Rausch überspringt man diese Sperre, da ist der Sinn leicht, der Mut zum Verbotenen groß. Die mannigfachen Verankerungen in unserem Nervensystem, die unsere Erziehung geknotet hat, lockern ihre Taue – ich bin die, die ich sein könnte. Der Rausch gab mir Glück, ich bewegte mich ohne Angst in meiner Mitwelt, Möglichkeiten lagen offen vor mir, ich brauchte nur zuzugreifen.
In Deutschland habe ich manche meiner Liebhaber in Kneipen getroffen. Das war der Ort dafür. Ich habe nie gezögert, jemanden, der mir gefiel, anzusprechen. Kneipengespräche sind ganz besonderer Art. Die Männer sitzen quasi mit nackter Brust da, sagen, seht, was für ein Kerl ich bin. Protzen und prahlen, ihre Brust stolz gewölbt. Ihre Gaben sind vielfältig und wundervoll, ihre Zunge läuft ihnen davon. Hier können sie ihr erträumtes Ich in ihrer Umwelt spiegeln, ganz Offenheit, ohne Angst vor Spott, die können sie kontern, ohne Angst vor Kritik, die berührt sie nicht, ist ohne Folgen. Eine heiße Frau, die sie anmacht? Warum nicht.
In Frankreich treffe ich wenig Männer. Tagsüber im Büro, gehe ich, außer ab und zu ins Kino, abends selten aus. Ich kenne eine Unmenge Leute, ich bin Freund mit allen, doch von diesen kommt niemand in Frage, keiner der Freunde Jacks, noch Jacquelines – ich bin eine schüchterne junge Frau, die gerne lacht, viel liest, klassische Musik hört, bin ihnen fremd und seltsam.
Vor 1970 kann ich mich nur an eine kurze Freundschaft mit Roland erinnern, einem homosexuellen Schauspieler, der sich eines Tages im Landhaus in der Normandie einfindet, jemand hat ihn mitgebracht. Wir reden bis in den frühen Morgen, kriechen dann ins selbe Bett. Doch muß ich schamvoll gestehen, daß ich es einmal mit Manfred versuche, ganz am Anfang, als ich ihn nicht kenne, hinterher sind wir jahrelang auf Kriegsfuß, einmal ohrfeigt er mich, er ist der Typ voll stumpfer Misogynie, der mir zutiefst zuwider ist. Einige Male auch mit Jean-Claude, in der Wohnung, in der er geboren wurde, das erzählt er mir jedes Mal, wenn er sie betritt, dort in der Küche, denn die war früher ein Schlafzimmer, die Küchen lagen zum Innenhof hin, da wo jetzt das Badezimmer ist, unter dem Fenster kann man zwei Türklappen aufklinken, das war der nach außen wachsende „garde-manger“, wo man die Butter und das Gemüse frisch hielt, in so einen engen Schacht fällt ja nie die Sonne, ich benutze diesen Platz für meine Schuhe, und man wusch sich in der Küche im Spülbecken.
In Frankreich gibt es Kneipen nicht, es gibt die Cafés. Dort nehme ich meinen „petit jus“ an der Theke stehend ein, das ist am billigsten, wenn man sich an einen Tisch setzt und ein Kellner herbeiläuft ist es gleich teurer, und wenn man sich auf die Terrasse setzt, steigt der Preis nochmal. Wo ich wohne ist das vielfältige Leben, Huren, Zuhälter, Hausfrauen, Arbeiter stehen neben mir an der Theke, ich fühle mich wohl zwischen ihnen, da ist niemand, der mich komisch anguckt, niemand spricht mich an, ich habe das Recht zu existieren, wie ich bin. Ab und zu gehe ich mit einer Freundin aus. Da ist Nora.
Sie ist die deutsche Freundin des korsischen Gangsters. Sie ist frech und unverfroren, hat nicht die geringsten Hemmungen. Gerade beschäftigt sie sich mit Astrologie. Ich glaube nicht an die Sterne. Sie macht mich oft runter wegen meines Kleinmuts, meiner Verzagtheit. Wir gehen aus. Wir trinken; in Saint-Germain-des-Prés spielen wir zwei männerfressende Lesbierinnen, sie hat es auch gut auf der Brust, kann sie vor allem den Männern ins Gesicht stechen, ein Typ gabelt uns auf, hängt sich an mich, denkt, ich bin eine ganz Scharfe. So fängt es mit Carlo an.

Dies ist eine verzwickte Geschichte. Ich lese seine alten Briefe und einige von mir nicht abgeschickte. Es beginnt im Frühling. Da sind Ansichtskarten aus Rom, ein übergroßes Foto von der Blumentreppe vor der Trinità dei Monti, „Toutes ces fleurs, je te les envoie pour que tu me pardonnes de ne plus t’avoir donné de mes nouvelles pendant quelques jours“. Im Mai schickt Jack mich für eine Woche in den Club Méditerrannée nach Agadir, und zu meinem 30. Geburtstag empfange ich dort ein Telegramm, hellgrünes vergilbtes Papier, Royaume du Maroc, viele arabische Zeilen, und Carlos Geburtstagswünsche. Nach den vielen Jahren, die ich es mit mir von Ort zu Ort geschleppt habe, zerreiße ich es jetzt und irgendetwas zerreißt auch in mir. Loslassen tut weh. Ein anderes Telegramm aus Palermo erreicht mich zu Hause, „Je ne peux quitter Palerme sans te dire que j’ai beaucoup pensé à toi.“ Mehr Ansichtskarten aus Palermo, eine aus Frankfurt am Main.
Carlo ist Sizilianer, er ist in Palermo geboren. Einmal warte ich auf ihn im Auto vor dem Haus seiner Mutter. Ich weiß, es wird zu Ende gehen. Mit dem Flirt wird die sizilianische Mutter nicht konfrontiert. Sie ist Lehrerin, zog ihren Sohn allein auf, ihr Mann, ein Rechtsanwalt, war von deutschen Soldaten während des Krieges auf einer Brücke in Rom erschossen worden. Ich denke immer, Carlo wird nie vergessen, daß ich Deutsche bin. Hier ist eine Notiz aus seinem Büro, „ ...j’écroule littéralement sous le boulot. Je t’adore. Vraiment.“ Er steht einem Vertretungsbüro der BNP für Italien vor, dieses ist gleich hinter der Scala, wenn er mich in Mailand vom Flugzeug abholt, fahren wir zuerst dorthin, es ist natürlich Wochenende, niemand da, dort auf dem Teppich muß er mich ficken. Das ist bei ihm so: er denkt immer an Sex. Wenn er in Paris ist, kommt er nachmittags ins Büro, steigt unsere steilen Stufen hoch und sagt zu Jack: Ich nehme sie dir weg, okay, sagt Jack und lacht, wir gehen in meine Wohnung und er sagt: Zieh dich aus.
Ich bin mehr in die Liebe verliebt als in ihn. Doch klingen mir seine alten Briefe so wundervoll wie vor dreißig Jahren, ich höre seine Stimme; wie in manchen Filmen, der einen Brief Lesende und wir, die Zuschauer, hören die Stimme dessen der schreibt. Carlos Französisch ist perfekt, er spricht ohne Akzent, mit gesuchter Sorgfalt. Meine Hand zögert, die Briefe zu zerreißen. Mich für immer von der Liebe trennen?
Zuerst lasse ich mich willig von ihm verführen, von seinen Aufmerksamkeiten, seinen Umarmungen, seinen Beteuerungen. Ich will die Liebe wagen, ein wenig halbherzig. Er gefällt mir nicht ganz. Seine spröde, ein wenig arrogante Stimme, die manchmal bricht, sein behaarter Körper, der immer schwitzt, seine Emphase des Sexrausches. Wir reden, wir schreiben einander viele Briefe, telephonieren oft, wir spielen unsere Rollen. Ich sage ihm: Une femme aime surtout la personne et le sexe n’est que que l’instrument de la jouissance que lui donne l’amour. Mais toi, tu veux être excité par moi. Ich schreibe: Tu sembles, en marchant sur la longue route vers moi, porter ton sexe devant toi, et il t’efface, t’éclipse. Und: Je ne suis pas sûre de pouvoir aimer et d’aimer. Und: Est-ce que nous ne nous faisons pas des illusions en ce qui concerne l’autre et nous-même? Ne préférons nous pas le rêve avant la personne? Doch ich schreibe auch: Je suis prête à sacrifier ma vie pour un essai, même si je perdais après. Je suis prête à miser sur toi. Und ich schreibe: Sais-tu quelle montagne de méfiance, d’incertitudes, de doutes tu devrais surmonter?
Das ist ihm zuviel. Können wir einander überhaupt verstehen, fragt er, schließlich redet jeder zum anderen in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. Er wirft mir vor, ich führe mich auf wie eine Zwanzigjährige, leichtfertig, denn wir haben uns noch nicht einmal richtig kennengelernt. Wir sind beide nicht mehr jung und haben Enttäuschungen hinter uns, er hat sich geschworen, sich nicht mehr an eine Frau zu binden, jedoch fühlt er für mich so etwas wie Liebe und totale physische Übereinstimmung. Er will aber dessen sicher sein. Er kann mir nur sagen, I’m in the mood for love...
Mich wundert jetzt, daß ich mich damals für die Liebe aufopfern wollte, „sacrifier“ sage ich, darin sehe ich die Kluft, die mich immer von der Liebe trennte. Ich will die Liebe gar nicht, ich will geliebt werden. Obwohl ich auch zu ihm sage: Je commence à comprendre ce que tu veux de moi. Oui, j’aimerais être tendre pour toi, belle, excitante, bonne, soumise, tout, tout – mais je n’ai jamais cru pouvoir rencontrer quelqu’un qui serait capable de m’inspirer ces sentiments.

V. Yankilevsky, Verkleidungen, Zinkradierung, 1972

Doch Carlo kann meiner Idee von Liebe nicht entsprechen: mystisches Seelentreffen, das seine Vollendung im sexuellen Akt findet. Ich sehe mich nicht als Person von ihm geliebt, nur als seine körperliche Entsprechung und verstehe nicht, warum er als Beweis meiner Liebe Unterwerfung verlangt. Denn der Haken ist die „soumission“, die ich immer wieder erwähne: Er verlangt von mir Verkehr mit mehreren, einer anderen Frau, einem anderen Paar, einmal zwingt er mir einen seiner Freunde auf, der mich vor ihm ficken muß, eines frühen Morgens im Hotel „La Torre“ in Mondello vor Palermo. Auf dem Weg zum Strand später schreie ich ihn an: Du demütigst mich, du willst dich an mir rächen, weil ich Deutsche bin. Er entschuldigt sich.

Denn im Sommer treffen wir uns in Sizilien. Ich fahre in den Club Méditerrannée, nach Cefalù, östlich von Palermo. Meine Verzauberung was Sizilien anbelangt fängt in dem Moment an, als ich vor meiner Strohhütte stehe und auf die südlichen Hügel schaue, auf das Meer, in das in der Ferne der Felsvorsprung von Cefalù mit der herausragenden Kathedrale sich schiebt, über allem sanftes von der Feuchtigkeit gefiltertes Licht. Die erste Woche bin ich allein im Club, verstecke mich vor der Sonne; wie in Agadir im Frühjahr sind meine Arme, mein Ausschnitt von kleinen Pickeln bedeckt, ich habe eine Sonnenallergie. Dann kommt Carlo und holt mich ab, wir fahren nach Palermo, spielen das ganze Repertoire der romantischen Liebesreise durch. Abendessen in einem Restaurant direkt am Meer, das leise zu unseren Füßen plätschert, Vollmond am dunklen Samthimmel, sizilianische Küche, guter Wein, dann winden wir uns die verwaiste Straße zum Monte Pelegrino hoch, in einer S-Kurve steigen wir aus, dann fickt Carlo mich, er nimmt mich von hinten, mit den Ellbogen lehne ich mich auf die kurze Mauer, schaue nach unten, wo die Lichter von Palermo endlos blinkern. In den nächsten Tagen der alte Markt von Palermo, der Dom, Monreale, die tausendjährige normannische Basilika, und das Kloster nebenan. Und der Besuch bei seiner Mutter, einige Tage im Hotel „La Torre“, und wir gehen an den Strand. Dann bringt er mich zurück nach Cefalù, vertraut mich einem Freund an, mit dem ich, allein gelassen, manchmal schlafe, er ist freundlich, rundlich, fast mütterlich, und er ist jetzt mein Beschützer, nimmt mich links und rechts mit, er arbeitet in einem Hotel jenseits von Cefalù, wo ich einen Dichter treffe, Renzo Barbera.
Es gibt Renzo Barbera noch. Zwei Tage nachdem ich aus Sizilien zurückkam, jetzt, dreißig Jahre nach meinem ersten Besuch, stöberte ich per Internet im Telefonbuch von Sizilien herum und fand ihn. Er wohnt in Taormina, wohin er mich damals mitnahm, er antwortete mir am Telefon. Vous parlez français? fing ich an. Oui, sagte er. Vous êtes le poète Renzo Barbera? fragte ich. Oui, sagte er wieder. Dann erzählte ich ihm, daß ich vor zwei Tagen auf der Terrasse der Villa Ducale in Taormina mein Frühstück eingenommen hatte, bevor ich nach Catania zurückfuhr, um mein Auto abzuliefern und das Flugzeug zurück nach Paris zu nehmen. Ich erzählte ihm, wie es damals war, vor dreißig Jahren. Eine warme südliche Nacht, ein Fest irgendwo, ich gehe an seinem Arm durch die Menge, wir setzen uns draußen auf eine Steinbank, er spielt auf einer Maultrommel, spricht seine Gedichte auf sizilianisch, dann auf französisch. Er lädt mich ein, mit ihm nach Taormina zu fahren, er habe in einer Stadt am Ätna eine Dichterlesung zu halten. Er ist ein schöner Mann, braungebrannt, weiße Haare, Mitte vierzig. Ein junger Freund fährt mit uns, in seinem sportlichen Auto nimmt Renzo die Straßen wie ein Rennfahrer, dicht um die Felsen, wenn sie nach rechts laufen, er schneidet die Ecken, wenn links die Sicht frei ist. Wir schlingen uns erst um die Küstenstraße, dann durch das Gebirge, das uns von Taormina trennt. Dort quartieren wir uns in einem Hotel am Strand ein. Wir nehmen ein Boot hinaus zur Isola Bella, die unweit ihre zackigen Umrisse ins blaue Meer wirft, betreten sie, klettern einen kleinen felsigen Steg hoch ins Innere. Renzo ist ein Freund der Besitzer der Insel, die nicht zu Hause sind. Wir schwimmen in ihrem kühlen Pool in den jeden Morgen das Meerwasser hochgepumpt wird, sind umgeben von bewachsenen Felswänden, die sich wunderbar vor uns öffnen, wenn wir in einen anderen Teil der Insel gehen. Hier sind Photos, die Renzo mir schickte. Ich stehe im Bikini vor dem Pool zwischen Bananenstaude und Sonnenschirm, hier lagere ich am Beckenrand, neben mir, halb im Wasser der muskulöse Renzo, und hier, da ist nur mein Gesicht über dem Wasser, es zeigt mein breites Lächeln, sein junger Begleiter muß sie geschossen haben. Als wir wieder ins Boot steigen, treffen wir seine Freunde auf dem Meer, sie kommen uns auf einem großen Motorboot entgegen, laden uns ein, wir müssen an Bord steigen, einen Apéritif nehmen. Doch dann geht es weiter. Im Hotel ziehen wir uns an, Renzo will mir etwas ganz Wunderbares zeigen. Wir fahren in die zerklüfteten Berge, durch Taormina hindurch, eine lange Straße hoch, die uns in immer dichteren Windungen auf eine Felsenspitze trägt. Dort ist ein Dorf. Castelmola. Kleine Häuser drängen sich am Fuß eines alten Kastells, wir erreichen eine Kirche und steigen aus. Sieh, sagt Renzo, hier oben, ganz umgeben von Himmel, ein kleines Dorf und eine kleine Kirche, davor ist ein Platz, der heißt ganz großartig Piazza del Duomo, er ist winzig und ist doch größer als jeder Platz in Palermo oder Rom. Wir sehen in die betäubende Weite und Tiefe, die uns vom Ätna trennt, und in der Tat fühle ich mich dem Himmel sehr nahe.
Zum Abendessen führt Renzo uns fein aus. Ich habe ein langes Kleid an, wer weiß, wo ich das gefunden hatte, es ist extravagant, wie aus dem Mittelalter, mit hohem, überfallendem Kragen und weiten Ärmeln. Ich sehe mich an Renzos Hand über die Hauptstraße von Taormina schlendern. Spät abends will Renzo mit in mein Zimmer kommen. Ich stehe lange in der Tür und verweigere ihn. Ich bin müde und trunken, nicht nur vom Wein. Ich will nicht mit ihm ins Bett gehen, es ist mir, als würde alles, was er mir gab, und das war viel, damit entwertet. Schließlich läßt er mich allein.
Am nächsten Morgen frühstücke ich auf der Terrasse meines Zimmers zum Meer hinaus, da sind zwei Photos, die es bezeugen, hier ist ein anderes, auf dem ich auf einer Liege des Hotels am Strand mich sonne. Renzos junger Freund muß sie aufgenommen haben, vielleicht war er sein Bote, der mir seinen Tagesplan mitteilte, denn den ganzen folgenden Tag spricht er nicht mit mir. Am Nachmittag fahren wir durch die schwarzen Lavafelder des Ätna nach Biancavilla, während er seine Gedichte liest, warte ich in einem Café auf ihn. In der Nacht setzt er mich am Tor zum Club Mediterrannée ab. Einen Monat später in Paris erhalte ich von ihm einen Brief mit den Photos. Er entschuldigt sich für sein Verhalten.
Er erinnerte sich nicht mehr an mich. Er war jetzt ein alter Mann von siebenundsiebzig, hatte eine Kehlkopfoperation hinter sich und sprach am Telefon mit einer heiseren Frauenstimme. Wie schön, sagte er, daß Sie sich an mich erinnern.

Ich fuhr im März nach Sizilien, weil ich meinen alten Traum ausprobieren wollte, ich bin eine vernünftige Frau, schließlich waren dreißig Jahre über mich und das Land gegangen, seitdem ich dort war. Mein Ziel war der Süden, von wo Anna stammt. Aus Zufall las ich vor kurzem Platons 7. Brief und wurde ganz heiß auf Syrakus. Ich kaufte Führer, stellte einen vagen Reiseplan durch den barocken Süden zusammen, Syrakus, Avola, Noto, Modica, Scicli, Ragusa, und von dort zum Meer. In dieser Ecke wollte ich herumlungern, herumriechen, herumsitzen, wollte das Land einsaugen, um zu wissen, ob ich dorthin passte.
Doch natürlich ist Sizilien ein modernes Land geworden. Catania ist eine weit sich in die Ebene schiebende Industriestadt, nach Syrakus führt eine Autobahn. Die Einfahrt in Syrakus ist enttäuschend, in der Mitte der Stadt, von weitem sichtbar, thront ein häßlicher Zementkegel, eine Kirche, wurde mir gesagt, darum herum laufen gerade, verkehrsreiche Straßen, wo man wie auf dem Jahrmarkt Autoskooter fährt, ohne Ampeln, ohne Regeln. Ich fand zur Altstadt, Ortigia, eine Insel, die an zwei Brücken wie ein Männerschwanz vom Bauch der neuen Stadt runterhängt. Das Hotel, das ich mir ausgesucht hatte, nicht zu teuer, war geschlossen, hinter Baugerüsten wurde es restauriert. Ich sprach zwei Männer an, die Nacht fiel ein, der jüngere fuhr in seinem Auto vor mir her auf die andere Seite der Insel, zu einem kleinen, luxuriösen Hotel, man quartierte mich in einem riesigen Raum mit hoheitsvollen, antiquen Möbeln ein, durch die hohe Fenstertür trat ich auf den zierlichen Balkon, ich sah hinunter auf eine stille, von kunstvollem Stein eingeengte Straße, im Halblicht unwirklich, wie eine Vision. Ich ging sofort aus, die Augen gingen mir über, ich konnte nicht so schnell gucken, könnte ewig gucken, um die Seltsamkeiten, die Wunder aufzunehmen, die in den Stein gemeißelt waren, die Balkone, Gitter, Vorsprünge, Figuren, Voluten, Ornamente, Fenstereinrahmungen, Eingänge, alles alt, von der Zeit porös gerieben, kunstvoll, doch so, als wäre der Stein natürlich so gewachsen. Um die Ecke betrat ich eine Kirche in einer Straßennische. Einfacher weiß getünchter Barock, vorn wurde eine Messe gelesen, sechs Frauen wohnten ihr bei, der Priester verließ den Altar auf Krücken. Ich ging in die Bar nebenan, ein neonbeleuchteter Bäckerladen, ich war allein. Ein Glas guten Weins wollte ich, der Wirt, so breit wie hoch machte extra eine Flasche auf. Ich sah, wie jemand einen vollen Pappbecher Grappa und ein Stück Pizza bestellte und wegtrug. Das sei für den Priester, sagte man mir, er habe lange in Deutschland gelebt, ja, der mit den Krücken. So ging ich ihn besuchen. Ein älterer Mann in großkariertem Hemd, aufgekrempelte Ärmel, saß am unordentlichen Tisch. Ich setzte mich zu ihm. Ich tränke auch gern einen, sagte ich, ich hätte gerade den sizilischen Wein gekostet. Er erklärte mir, er habe spät noch eine Andacht zu halten, dazu bräuchte er Kräfte. Er kannte das Schwabenland, sein Deutsch hatte diese Färbung, zum Abschied küsste ich ihn auf beide Wangen. Dann irrte ich weiter durch die unwirklichen von trüben Lampen fast verhüllten Straßen, hier und da leuchtete ein gefülltes Café.
Am nächsten Morgen am Empfang des Hotels bellte endlos hinter einer Tür eine schnelle, keifende Frauenstimme, das Personal duckte sich ängstlich, schaute sich an, die Tür öffnete sich, hinter einem riesigen Schreibtisch saß eine Nonne in Tracht. Ja, sie wäre der Chef hier, flüsterte man mir zu, dies sei ein altes Kloster. Ich machte mich auf, die Stadt am Tag zu erforschen, schlich durch kleine Straßen, redete mit den Katzen, fand das Zentrum, wo ein Palais sich an das andere reiht, strich am Dom entlang, eine schlanke Frau, ein lachsfarbenes Tuch im grauen Haar, kam mir entgegen, sagte etwas zu mir, ich drehte mich um, erwiderte, you must be an American lady. No, I’m German, sagte sie. So fand ich Christina.
Sie wohnte gleich um die Ecke. Sie war in Eile, ich sollte sie heute nachmittag auf dem Land besuchen, die 124 raus, hinter dem englischen Soldatenfriedhof und dem deutscher Bunker in der Kurve war eine Tankstelle, da sollte ich auf sie warten, sie würde mich abholen. Ich betrat den Dom. Dort gab es gerade eine kleine deutsche Konferenz, sechs Männer lauschten ihrem Führer, dies sei ein alter griechischer Tempel, vierhundert vor Zeitrechnung, in den Außenwänden steckten noch die Säulen von damals, jedoch das Christentum, als es eine Kirche daraus machte, habe nicht nur Richtung und Bauweise, auch Bedeutung und Sinn quasi umgedreht. In der Tat sah man die Säulen in der Masse der Außenwände stecken, diese alten Säulen, die dem Erdbeben getrotzt hatten, an die vielleicht Platon sich schon lehnte.
Die nächsten Tage verbrachte ich mit Christina und Cesare, ihrem Freund, die in einem sehr beschädigten alten Bauernhaus auf die Renovierung warteten, abends saßen wir in ihrer warmen Küche, redeten endlos, tranken Landwein, aßen Artischockenrührei und Salat aus dem Garten, draußen lagen zwei, drei Hunde, vier, fünf Katzen. Christina hatte für mich nicht weit weg ein Zimmer in einem alten restaurierten Landgut, umgeben von Orangenhainen, gefunden, den Besitzer, den Barone traf ich einige Tage später, er beugte sich über meine Hand, er hätte mich schon gesehen, sagte er, er sprach Englisch, auf dem Piazza Duomo, vom Fenster seines Palazzo aus. Viele junge Hunde sprangen um uns herum, er würde sie später im Gebirge aussetzen, dicke Jasmindolden liefen die Wände hoch, ich war einziger Gast, Linda, die Albanierin, die sich mit ihrem Mann um das Gut kümmerte, brachte mir jeden Morgen mein Frühstück ans Bett.
Christina und Cesare fuhren mich in der Gegend herum, aus der fruchtbaren Ebene wurde steiniges Weideland, ich sah Ragusa von weitem wie eine kubistische Vision über Bergkämme sich hinziehen, schwor mir, ich würde darin eintauchen, gleich morgen, durch karge Hügel fuhren wir zurück nach Syrakus. Es war ein grauer Tag, in der Nacht hatte es geregnet, ich mußte an County Kerry in Irland denken, wo der Himmel an die nackten Berge stößt, es war nicht das Sizilien meiner Vorstellung, dies arme verkarstete Land, hier hatte man über Jahrhunderte hindurch das Holz geschlagen, aus dem sie sich die Schiffe bauten mit denen sie sich bekämpften, die Griechen, die Römer, die Normannen, die Staufer, die Araber, die Franzosen und Spanier. Die Erde, die früher fähig war, die Kornspeicher Roms zu füllen, war längst von den acht sizilianischen Winden verweht, es gab nur mehr das nackte Gestein, das man aufgesammelt und um kleine Felder geschichtet hatte, wo spärliches Gras wuchs, es war die graue Trostlosigkeit. Ich habe einen Horror vor Trockenmauern. Einmal besuchte ich mit Freunden ein Dorf im Luberon, das aus Trockenmauern gebaut war, lauter aufeinander geschichtete Steine, Haus neben Haus, innen und außen, niemand wußte, wer die Häuser errichtet, wer in ihnen gewohnt hatte, es war so bedrückend, so ohne Charme und Wärme und menschliche Intelligenz, daß ich schnell hinausgehen mußte. Als ich in den nächsten Tagen von Ragusa aus nach Süden aufs Meer zu fuhr, fand ich dieselben Trockenmauern vor, jedoch hier wuchsen wilde dottergelbe Margeriten und zitronengelbe Schlüsselblumen zwischen ihnen, sie würden bald verschwunden sein, in den Seitenstraßen fand ich hier und da Behausungen, billige, moderne Häuser hinter Betonmauern und Gittern, ich besuchte ein Hotel auf dem Weg, machte mich vor der Notdürftigkeit und Häßlichkeit davon.
Abends schlief ich in der Marina di Ragusa, gerade als die Sonne verschwinden wollte, lief ich am Meer entlang, ich war ganz allein.
Auch im Hotel und im riesigen Speisesaal war ich einziger Gast. Nach dem Abendessen machte ich einen Gang durch die Marina. Alle diese schönen Städte, von denen die Reiseführer reden, die im Internet ihre Kostbarkeiten ausstellen, gleichen sich. Da ist ein historischer Kern, der Rest besteht aus Gittermusterstraßen, nach dem Erdbeben von 1693 wurden Kirchen und Paläste in einfachem bis skurrilem Barock wiederaufgebaut, doch die Straßen mit den Sozialbauten, wenn man so sagen kann, da wo das Volk wohnt, zog man mit dem Lineal, zack zack, zwei nach Westen, quer drüber drei die kreuzten. Und so hat man bis in die heutige Zeit die Straßen weitergezogen und jedes Haus mußte seine begitterten Balkone haben, zu denen sich heute Antennen und Straßen- und Geschäftsschilder und elektrische Leitungen gesellen, mit der obligatorischen Wäsche hier und da. Wenn man in eine Stadt, oder auch ein Städtchen einfährt, bevor man zu den Schätzen stößt, hat man Straße nach enger, gerader Straße mit fußbreiten Bürgersteigen, schäbigen ein- oder zweistöckigen Häusern hinter sich gelassen, in ihrer Gleichheit und Einförmigkeit eine bedrückender als die andere.
Ein einziges Haus in der Marina sah ich, in dem ich gerne wohnen möchte. Es lag dem Meer gegenüber, zwischen seine modernen Betongenossen gequetscht, schmal, zwei Etagen, mit Steinbalkonen, an denen Trauben von Rankengewächsen wie schwere Brüste hingen.
Am nächsten Tag in Ragusa Ibla, der Altstadt, als ich durch einen Seiteneingang den Circolo di conversazione, einen Privatclub, betrat, kam mir ein etwa dreißigjähriger Mann entgegen, fragte mich, was ich wünschte. Er sprach ein perfektes Französisch. Er war ein paar Meter von hier geboren, er erklärte mir, was es mit den Balkonen auf sich hat. Wir standen vor dem Circolo, in der schon recht prallen Sonne, rechts von uns erhob sich die Barockkirche San Giorgio, eine Scarlatti-Harmonie, davor buddelten Arbeiter in der Erde herum, machten Lärm, legten dicke Abflußrohre in gebaggerte Rillen, ringsum alte Paläste und die schattenlose Straße, in zwei Monaten könnten wir hier nicht mehr stehen, alte Männer schlichen durch die engen Schatten, die die Häuser warfen, neben uns lehnte ein alter Mann sich an die Plattform des Circolo, er hatte ein Elephantman-Gesicht, riesige, rötlich poröse Verdickungen am Hals, am rechtem Auge, ich hatte ihn schon vorher gesehen, als ich im Café saß, ich wollte ein Foto von ihm schießen, was mir schließlich gelang, ich tat so, als würde ich den Palast der Donnafugata aufnehmen, links von uns, mit seinem nach arabischer Art geschlossenen Holzbalkon, dort hielten sich bei Prozessionen die Frauen, die in Trauer waren, auf, erklärte mir der junge Mann, ja, die Balkone hätten eine ganz bestimmte Bedeutung im Leben der sizilianischen Städte, man müsse bedenken, auf Ibla, mit etwa dreitausend Einwohnern, gab es an die dreißig Kirchen, jede hatte verschiedene Schutzheilige, die man mit großem Aufwand in Prozessionen verehrte, dazu kamen die anderen kirchlichen Feiertage, und die Straßen durch die man die Statuen der Gottesmutter oder der Schutzheiligen trug, wurden mit Fahnen und Teppichen geschmückt, mit Blumen ausgelegt, die Familien der Stadt, die guten Familien, die übrigens alle Arezzo hießen, er auch, und sich nicht unter das gemeine Volk mischen wollten, denn die Straßen waren eng, natürlich wegen der Sonne, wohnten der Prozession auf den geschmückten Balkonen des ersten Stocks bei, noch heute würde jeder, der nicht zu Hause war, zum Anlaß einer Prozession zurückeilen, um die Balkontüren seines Hauses zu öffnen, andernfalls es als Beleidigung der Schutzheiligen angesehen würde.
Warum ich zum Schluß nach Taormina fuhr? Um die Wirklichkeit an meiner Erinnerung zu messen? Die Ermüdung meiner Sinne zu prüfen? Aus Sentimentalität? Weil ich gerade in der Nähe war? Weil ich nie im San Domenico, nie im griechischen Theater war? All das. Als ich ankam, fuhr ich gleich zur Isola Bella, aß am Ufer gegenüber zu Mittag, starrte sie an, da war sie, wie ich sie zuletzt sah, immer noch unversehrt auf ihrem Platz, die Zeit hatte ihr nichts anhaben können. Dann fuhr ich nach Castel Mola hoch, jetzt schreibt sich das in zwei Wörtern, fand Parkplätze, den letzten Weg ging ich zu Fuß, die Straße war an zwei Stellen verschandelt von Bauarbeiten, man baute wohl mehr Parkplätze, stützte die Felsen ab, goß Beton in seine Ritzen und Spalten, überall kletterten neben mir ältere deutsche Ehepaare hoch, waren von ganz unten zu Fuß gekommen, oben das Dorf war befestigt, neu gepflastert, um den Domplatz, der mir ganz bescheiden vorkam, Piazza Duomo sagt man jetzt, sind Kneipen, Restaurants und Souvenirläden, und der Duomo ist eine kleine andulusisch-gotische Kirche, geputzt und gereinigt, die San Giorgio, und die Bar heißt auch gleich so, und die piazza ist neu gepflastert und mit einer Steinbalustrade versehen, wo ein alter Mann mit Stock in der Sonne sitzt, irgendwo schreit ein Kind oder eine Frau, ruft einen Namen, immer wieder, immer dringlicher, mein Gott, sagt tief entrüstet eine deutsche Touristin, ach, laß doch, sagt ihr Mann.
Beim Runterfahren nahm ich ein Zimmer in der Villa Ducale, Terrasse mit Blick auf den Ätna, das San Domenico war doch ein wenig teuer und fuhr in die Stadt, eilte den Corso Umberto entlang, dann links ab zum griechischen Theater. Dort geschah etwas Seltsames. Inmitten der Menschenmassen, die Souvenirbuden entlang, schritt ich auf den Eingang zu, ein kleiner stämmiger Mann streckte seinen Arm aus, ah, sage ich, gehe auf den Kassenschalter zu, wo ein Zwerg sitzt und einkassiert, seine Ärmchen reichen gerade bis zum Fenster. No, no, sagt der stämmige Einlasser, er nimmt dem Zwerg das Ticket ab, und gibt es mir, for nossing, sagt er, is beautiful. Komisch, sage ich mir und gehe rein. Das Theater ist natürlich überwältigend, der Blick groß, man möchte nie wieder weggehen. Man kann sich hinsetzen und ganz still werden, doch überall probieren junge Leute die Akustik aus, Touristengruppen lauschen ihren Reiseleitern. In meinem Führer lese ich, über 60 ist der Eintritt frei, ah so, sage ich mir, das wird es sein. Komisch, sage ich mir, kann man das jetzt sehen? Als ich endlich gehe, sehe ich den stämmigen kleinen Mann wieder, ich sage zu ihm, non ho pagato per che ho sessanta anni? No no, no, ruft er, redet schnell auf mich ein, you is beautiful, sagt er schließlich, er lacht, wir geben uns die Hand, der Zwerg kommt angehüpft, no no, non ha sessant’ani, alle lachen und ich bin bestürzt und glücklich.
So war meine Fahrt doch nicht umsonst, überall wurde ich belohnt von der sizilianischen Herzlichkeit, wenn ich in einer Stadt aus dem Auto stieg, folgten mir die Blicke der kleinen, schwarz gebrannten Männer, die überall in Trauben zusammenstanden, einmal sprach ich einen von ihnen an, ein Albaner bot einen Haufen sich krümmender Würmer zum Verkauf an, das essen Sie, fragte ich den Mann, er war mit dem Rad gekommen, ja, sagte er, ins kochende Wasser werfen, salzen und ein wenig Olivenöl dazu.
Wenn man unter ihnen leben will, muß man sie lieben, ihre Enge, ihre Freundlichkeit, ihre Religiösität, ihre Wildheit, ihr Heidentum, ihr sich verzweifelt Festklammern an der harten Erde, ihren Stolz, ihre Grausamkeit, man muß den Uncharm ihrer Städte akzeptieren, den Schmutz an den unbewachten Stränden, die hastige Industrialisierung, die ein wenig Wohlstand bringt, das Eindringen der Fremden, dies war immer ein Land der Invasionen gewesen, die vielen Einbrüche, die daraus resultieren, die streunenden Hunde, man muß wie auf dem Vulkan leben, daran sind sie gewöhnt, so ist das Leben, eine gefährliche Sache.

Mehrere meiner Bekannten behaupten, sie hätten das Verdienst, mir zu der Operation verholfen, mir meinen Chirurgen verschafft zu haben. In Sizilien weiß ich, in einem Monat ist es soweit, Mitte September verbringe ich einen Sonntag mit Jacquelines Familie auf dem Land, es gibt davon einige sehr kleine Fotos, wir sitzen alle mit anderen Freunden um einen runden Tisch, jeder im Bikini, und essen zu Mittag. Ich bin sehr braun, meine Brüste liegen auf dem Tisch wie zwei runde gebackene Brote. Am 23. September fährt Barry, ein Freund Jacks mich zur Klinik, lädt mich in einer tristen Straße aus seinem kleinen Austin, heute wohne ich in dieser Straße, gleich neben der Klinik stößt der Square in den Häuserblock, aber das weiß ich damals nicht. Als ich am Nachmittag des 24. September aus der Narkose aufwache, geht mein erster Griff an meine Brust, sie ist weg. Nicht weg, natürlich, nur, was übrig ist, von den Bandagen plattgedrückt. Glücklich schlafe ich wieder ein.
Ich bleibe zehn Tage in der Klinik, gehe schon am nächsten Tag den Flur auf und ab. Tags schlafe ich, nachts lese ich Stendhals „Chartreuse de Parme“. Ich habe viel Besuch, jeder will mich in meiner neuen Form besichtigen. Als ich entlassen werde, es ist ein Wochenende, fliege ich einen ganzen Tag in meiner neuen Gestalt auf dem Flohmarkt herum – am Tag danach kann ich mich vor Schmerzen in den Beinen nicht bewegen.
Ich bin eine der ersten Patienten meines Chirurgen, der an mir eine neue Methode des Brustverkleinerung ausprobiert. Er ist sehr zufrieden mit dem Resultat, nimmt immer wieder Fotos von meiner Brust auf als sie endlich verheilt ist, mit denen er internationale Kongresse besucht, noch jetzt kennt jeder im Fach seinen Namen, hatte vielleicht im verdunkelten Saal auf Fotos meiner Brust gestarrt, die immer noch Zeichen meiner Sizilienbräune zeigte, nur an anderer Stelle als vorher. Jetzt muß ich Naturismus betreiben, sagt er mir, die ganze Brust bescheinen lassen, die Sonne würde die Narben pigmentieren.
Meinen Freundinnen zeige ich meine neue Brust, ich fahre zu Carlo nach Mailand, entblöße mich nicht, ich fühle, er ist enttäuscht, meine jüngste Schwester schreibt mir: Große Schwester, Du hast uns noch gar nicht berichtet, wie es Deinem Mammal geht. Hast Du so viel zu tun, die Verehrer Deiner geistigen Qualitäten, die ja jetzt vermehrt hervortreten, abzuwehren?
Dann lerne ich Autofahren. Jack schickt mich zur Fahrschule, ich lerne in einem R5. Im November bestehe ich die Prüfung. Eines Tages kommt Jack mit einem gebrauchten Simca in den Hof gefahren. Den habe ich für dich gekauft, sagt er. In der Stadt fahre ich wie ein Ass, auf längeren Strecken überfallt mich die Panik, sobald ich auf die Autobahn bin, fühle ich Platzangst, ich bin auf dieser geraden Linie auf Leben und Tod eingesperrt, muß ihr, komme was wolle, folgen, mich der Unerbittlichkeit stellen, mich ihr ausliefern, etwas tun, das der menschlichen Erfahrung der Zeit widerstrebt.
Ich sehe Carlo noch einige Male, unser Verhältnis wird immer verkrampfer, bis ich entscheide, ich will ihn nicht mehr sehen. Im Winter steht er eines Abends vor der Wohnungstür und klopft. Er ruft, fleht mich an. Ich rühre mich nicht. Es ist sehr schwer.
Ein Jahr später schreibt er mir aus Mexiko, er hat seinen Job, seine Wohnung in Mailand aufgegeben, ist weit weg gegangen. Er sagt: Si tu veux venir, tu n’as qu’à le dire: tu sais que je ne peux pas t’oublier.