Analyse eines Lebens - fast ein Roman

IX



Als ich Carlo endlich weggehen höre, die Treppe hinunter, bin ich erleichtert. Ein Traum weniger, ich brauche ihm keine Opfer mehr zu bringen. Ich bin gerade in einen Schauspieler verguckt, das hilft, keinen großen, keinen bekannten, er ist gutaussehend, mit einer kurzen Nase, ich sehe sein Gesicht vor mir, weil ich ihn später in Fernsehfilmen sah. Er sagt mir, ich hätte schöne Augen, was soll er sonst sagen, darüber hinaus ist nichts über ihn zu vermelden, doch ich erinnere mich an das Kleid das ich trage, ein blaues Strickkleid, das mir hauteng am Körper sitzt, es fällt bis über die Waden, vorn öffnet es sich zu einem hohen Schlitz, gibt schwarze Lackstiefel mit mittelhohem Klotzabsatz frei, die sich vorn fast bis zum Knie schnüren, um die Taille trage ich einen breiten Yves Saint-Laurent Gürtel in schwarzem Wildleder, die großflächig rechteckige Schnalle in versilberte Metalleisten eingefaßtes Leder, den ich noch jetzt besitze, er hängt geduldig im Schrank unter meinen vielen anderen Gürteln, denn Kleider und Schuhe vergehen, Gürtel nicht, und er passt mir sogar noch.
Ich habe mir ein erstes Kleid geleistet, von nun an wird Anziehen etwas Wichtiges, zum ersten Mal trage ich Jeans und Hosen, kurze und lange Röcke und Hotpants, damit laufen in diesem Jahr viele junge Frauen herum und ich kann meine Beine zeigen, obwohl meine Schenkel sehr muskulös sind, ich habe angefangen zweimal in der Woche abends in einen Gymnastikclub zu gehen. Von jetzt an kann ich mich an fast jedes Kleidungsstück erinnern, das ich jemals besaß, es soll etwas von mir verkörpern, nach außen projizieren, das ich bin, das ich vielleicht bin, soll mich ausstellen, meine zweite Haut sein, ich kann meinen fast perfekten Körper zeigen, das was innen ist, wird schon mit der Zeit folgen.
Langsam nimmt die blumenverschlungene Wohnung mich in Besitz, auf dem Flohmarkt erstehe ich Möbel, die in sie passen, sich in ihr Geranke fügen: eine alte, kleingeblümt überzogene Meridienne, wie ein Sessel, nur ist der Sitz verlängert bis zu den Füßen, ein Couchtisch aus dickem schwarzem Glas, ein verschnörkelter Schaukelstuhl, ein Jugendstil-Toilettentisch mit einem ovalen, kupferberankten Spiegel, und Lampen und Tischchen und Stühle und Bilder aus der Jahrhundertwende und endlich auch Vorhänge. Das flache Bett – ich schlafe nur unter einer Wolldecke – bedeckt eine handgeklöppelte, weiße Großmutterdecke. Ich lasse den Kamin im Schlafzimmer öffnen und sitze winters im Schaukelstuhl vor dem Feuer. Im Sommer schaukele ich darin vor dem offenen Fenster in der Sonne und lese.
Ich bin über dreißig, ich lese Balzacs „La femme de trente ans“. Ich verstehe, warum Carlo mir so oft sagte, in meinem Alter sei es fast unmöglich einen Mann zu finden: so war ich ihm eine leichte Beute. Louise, in Balzacs Geschichte sagt zu ihrem Mann: „Voller Nachsicht verlange ich von Ihnen nicht die Opfer, die mir das Gesetz auferlegt. Ich weiß sehr wohl, unsere Rollen sind verschieden, die Frau ist zum Unglück bestimmt, denn sie muß ohne Tadel leben, darf nicht der Natur, der Liebe nachgeben, der die Frau ohne Religion unterliegt.“ Sie liebt ihren Mann nicht mehr und will ihn in respektvoller Distanz halten. Wenn eine Frau sich dem Mann „hingibt“, öffnet sie ihm Wege zu ihrer Erniedrigung. Eine Frau, die der Mann „gehabt“ hat, ist immer verachtenswert, das Verlangen nach Glück ist dicht verflochten mit der Sünde. Doch versagt sich Louise auch dem Mann, den sie liebt – sein lächerliches Ende ist wie ein Hohn der edlen weiblichen Gefühle.
Auf ein Art-Deco Tischchen vor meinem Bett stelle ich einen schwarz-weißen Fernseher, ich sehe endlich, was draußen in der Welt passiert. Eva schickt mir die ersten Bände von Castaneda, ich lese sie mit Vergnügen, ergebe mich jedoch nicht ihrem spirituellen Gehalt, hier ist eine der geheimnisvollen Bewegungen des Westens Amerikas, ich studiere erneut die Beat Generation, versuche zu verstehen, was in Vietnam passiert, gehe im riesigen Kino vor dem Fenster meines früheren Zimmers in ein Rock-Konzert, „Frank Zappa and his mother of invention“. Das andere Amerika, ein Mythos, der Aufruhr einer Generation mit Sehnsucht nach der besseren Welt und Kalifornien das Land, wo die Sehnsucht wenn nicht gestillt, doch ihr Ende findet. Ich nehme die Revolte der deutschen Studentenbewegungen auf ihrer Suche nach alternativen Lebensformen wahr, habe eigene alte Zweifel an der materialistischen Wertewelt, doch bin ich gespalten was die Mittel betrifft. Ich habe mich seit langem aus alten Strukturen gelöst, mißtraue jedoch seit jeher der Politisierung und dem ideologischen Übergriff, die einen zu neuen Loyalitäten zwingen wollen, was ich anstrebe ist das ausgewogene Leben, in dem die Passion die Waage hält mit der Besonnenheit, und letzlich spielen auch Gründe der Ästhetik mit: man kann sehr wohl den Lebensstil einen Bürgers pflegen und doch innen von gesellschaftlichen Zwängen frei sein, ohne ostentative Zeichen der Abkehr von alten Ordnungsschemata zu organisieren. Mir schien immer, die Konflikte, vor die unser Jahrhundert jeden von uns stellte, wurden nach außen getragen, weil die inneren Kräfte fehlten, sich ihnen ganz persönlich zu stellen – bei mir ein verzweifelter Kampf, in dem ich teuer bezahle.

Es ist die schwarze Spinne in mir, deren Gewebe ich nicht entkomme: ich lebe mit ständiger Gastritis, meine inneren Schleimhäute sind angeschwollen bis zum Hals, ich leide oft an Bronchitis, lasse immer wieder Magen und Darm untersuchen, laufe zu Hals-, Nasen-, Ohrenärzten, gehe zur Akupunktur, versuche es mit Yoga, das mir hohes Fieber verursacht, habe meine erste Analyse, die ich bald wieder verlasse, weil mir der Analyst nicht gefällt, suche andere Psychoanalytiker auf, bei denen ich, sobald ich von meiner Mutter rede, in Tränen ausbreche, bin jedoch unfähig, mich ihrer Disziplin zu unterwerfen, die von mir fordern will. Meine körperlichen Beschwerden sind ohne Grenzen, doch nie kann ein Arzt etwas finden. Immer wieder habe ich seltsame Fieberanfälle und Panikattacken, letztere treten mitten in der Nacht auf, Herzklopfen, Schweißausbruch, Atemnot, ich denke ich krepiere, rufe einen Notarzt an, der mir eine Spritze in eine Hinterbacke wirft, einmal schlafe ich danach 48 Stunden, ein ganzes Wochenende, als ich mich auf allen Vieren zum Klo schleppe, bin ich erstaunt, aber nicht beunruhigt, das war eine Ärztin, vorher hatte sie meinen Jugendstil-Toilettentisch geprüft und gefunden, alle meine Parfüms seien altmodisch.
Heute weiß ich, was mit mir los ist: ich habe eine Hiatushernie, häufigste Form der Zwerchfellbrüche, Verlagerung von Magenteilen in den Brustkorbraum durch die am Speiseröhrendurchtritt bestehende Zwerchfellücke (Brockhaus). Angeboren oder durch schlechte Haltung oder jahrelange Angst langsam sich gebildet (Angst steht oft in Zusammenhang mit körperl. Erscheinungen, bes. an den Atmungsorganen und am Herzen, auch an den Verdauungs- und Harnorganen, Brockhaus), Verkrampfung des Zwerchfells (Zwerchfell ist ein wichtiger Atemmuskel, der vor allem die Bauchatmung ausführt, Brockhaus), damals gibt es diese Diagnose noch nicht, das Übel ist unbekannt.

Zwischendurch habe ich Besuch, aus Köln und von meinen Schwestern. „Deine Eltern fragen sich schon bang, was ihrer ältesten Tochter geschehen ist. Bitte schreibe einen beruhigenden Brief an den Schoß der Familie. Dann ist es Dir wieder erlaubt, für einen Monat das Dunkel der Pariser Nächte aufzusuchen“, schreibt meine jüngere, geistreiche Schwester. Oder: „Komm doch zu Weihnachten. Weißt Du, daß ein Mensch, der in eine so gute (ich kann das beurteilen!!) Familie hineingeboren wird, auch noch Verpflichtungen hat ihr gegenüber. Weißt Du, daß eine Mutter ihre ferne Tochter mehr liebt als alle anderen? Daß sie dies aus lauter Sorge um das Seelenheil ihrer Ältesten (welche Phrase – aber Wirklichkeit) dieser gegenüber mit Schimpfen und Vorwürfen bemäntelt, nur um ihrer Liebe wegen kein verächtliches Lachen zu ernten? Es ist nicht nur die große Literatur, über die sich nachdenken läßt, eine viel herrlichere Aufgabe ist es, über Mutterliebe nachzudenken! Also, gib Deinem harten, gleichgültigen Herzen einen Stoß und laß es Deine Mutter merken, daß Du sie wiederliebst, umso mehr Liebe wirst du ernten, denn Du brauchst sie, auch wenn Du es nicht eingestehen willst!“
Wie schlecht mich meine Schwestern kannten; diese Art Briefe entfernen mich noch mehr von meiner Familie, weil sie sentimental, moralinsauer mich nicht nur manipulieren wollen, sondern auch mein altes Schuldbewußtsein aufrühren, die schwarze Spinne in Aktion setzen, meine Phobien und Ängste vermehren, denen ich auf jede Art und Weise entkommen will, hauptsächlich in der Liebe. Hier ist eine kurze Notiz aus jener Zeit:
„Geschah das, weil er mir Worte sagte, die ich hören wollte, die ich geradezu ersehnte? Er ließ mich dann fallen... Mittagessen in der heißen Sonne, Wein, Betäubung. Abends Angstzustände, Stiche in der linken Brust, dauerndes Kribbeln in der linken Hand, schneller Puls. Dann Valium und vierstündiger Hausputz bis Mitternacht. Warum lassen mich alle Männer fallen? Sobald sie an meine Schale gekratzt haben, distanzieren sie sich. Sie wissen, daß nicht sie gemeint sind. Ich mag sie nur als Möglichkeit, um mich zu beweisen, aus Eitelkeit oder Frustriertheit. Ich will ein Verlieren in einen schlafähnlichen Zustand, Traum, Ruhe, Schutz, Liebe, Einfachheit. Ich bin die Werbende, doch suche eine Absolutheit. Sie fühlen es, wenden sich ab.“
Der Wunsch geht immer über das Objekt hinaus, sagt Lacan.

Einen heißen Sommer lang lese ich Wilhelm Reichs „Die Funktion des Orgasmus“, das mir mein Freund Camillus aus Köln bei einem seiner Besuche mitbringt. Ich finde darin die Idee ausgelegt, und sehe mich somit in meiner Unmoral bestätigt, daß die tiefinnersten, uns teuersten Gefühle auf mechanischen Prozessen gründen, körperlichen Reflexen, die versteckt liegen unter unserem ganzen überwältigenden kulturellen Überbau, der das Individuum in Reih und Glied bringen soll, so hat unsere langsam sich entwickelnde Zivilisation es entschieden und wir sind noch nicht mal, wenn man an die Exzision der Klitoris bei einigen afrikanischen Stämmen denkt, am schlimmsten dran; obwohl, wenn man sich überlegt, daß der junge Mensch durch symbolische Verletzungen zum vollen Mitglied der Gesellschaft werden soll – ein alter Fruchtbarkeitsritus, bei der die Frau ihrer natürlichen Bestimmung übergeben wird – so kommt mir vor, daß unsere subtilere Zivilisation genau so durchgreifende Mittel zu unserer Brechung gefunden hat: in der Moral, die uns tiefe, unsichtbare, oft schlecht verheilte Wunden zufügt, und ich verstehe, warum der Orgasmus für uns von Schuld erdrückte Frauen so schwer zu erreichen ist. Ich habe mir meine Freiheit genommen, so wie ich es verstand, so wie die Dinge mir geschahen, habe eine Eigenschöpfung gesucht. Das Teuflische am Sexuellen ist seine Doppelrolle. Wenn wir dem Wort alle Konnotationen nehmen, die die Moral, die Religion, unsere Kultur dagegen aufgerichtet haben, ist das Sexuelle Teil des ewigen Flusses von Werden und Vergehen, von Spannung und Entspannung, von heiß und kalt, eine bipolare Sache, wie alle anderen in der Natur auch, plus und minus, positiv und negativ, hier und da, Ich und Du. Indem es zu einem Mittel der Unterdrückung wurde, ist diese umso grausamer, als man uns etwas verweigern möchte, das direkt und einfach auf unser Wohlergehen wirkt, wenn ich Christa Wolfs „Kassandra“ aufschlage, lese ich als erstes Sapphos Seufzer, „Schon wieder schüttelt mich der gliederlösende Eros, bittersüß, unbezähmbar, ein dunkles Tier“ – wie haben die Frauen seitdem geschwiegen! Wenn sie nicht in eine Form der Hysterie fielen, die der Mann ihnen seit jeher zuschrieb: für die Griechen war der Schoß der Frau ,hystera’, sie wußten den Ort zu bestimmen, wo das Unwohlsein der Frau seinen Sitz hat – oder nicht? Es ist tröstlich zu wissen, daß die meisten sich mit Masturbation behelfen, nach Kinsey über 60 Prozent, meiner Meinung nach viel mehr und mit immer weniger Schuldgefühlen, von einer Bekannten hörte ich: dreimal am Tag, immer wenn sie ihre Yogaübungen macht, doch mein Leben war vergiftet, nicht, weil ich nie viel masturbierte, sondern weil für mich das Sexuelle ein Mittel war und nicht der Zweck, zwar ein Mittel den Zweck zu erreichen, aber in meinem verworrenen Selbstbild blieb ich in der kindhaften Liebessuche stecken, die das Absolute will, eine Art weiblicher Don-Juanismus: die nie gestillte Sehnsucht der Fusion in etwas Größeres, die die Angst vor Selbstwerdung, die ja parallel dazu läuft, nehmen soll.

Im großen und ganzen bin ich sehr mit meinem eigenen kleinen Leben beschäftigt, das mich nach links und rechts führt, mir gibt und nimmt. Meistens bin ich allein, es sei denn, ich bin bei Jacqueline, die sich in Rumänien mit ihrer großen Liebe verheiratet hat oder mit Jacks Clique auf dem Land. Dort fährt Nora den Simca zu Schrott. Eines Nachts, betrunken, nimmt sie meinen Autoschlüssel, ich schlafe schon, um nach Hause zu fahren, ins Haus ihres Freundes, kriegt eine Kurve nicht und fährt ins Unterholz. Von Jack erbe ich für einige Monate einen riesigen weißen Jaguar, bis diesem fast das Chassis herausfällt. Jack heiratet Françoise. Bei Pierre, dem Zahnarzt, findet ein Empfang statt, ich trage eines meiner Kleider vom Flohmarkt, schwarzer Samt, eng anliegend, von den Knien bis zu den Füßen glockig fallend, es gibt ein Photo, auf dem ich die Braut umarme, mein Haar ist stark dauergewellt, mein Kopf voller kleiner Locken.
Ich kaufe viele Kleider auf dem Flohmarkt, ich kenne die wichtigen Stände, bin Freund mit den Händlern, darf in Raten zahlen. Ich kaufe Röcke, Blusen, Sommerkleider, festliche Kleider aus den Dreißigern, ein langes, oben weißes, unter der Brust anfangend, schwarzes Spitzenkleid, raffiniert geschnitten, die glockig fallenden Stoffteile kreuzen sich genau in Höhe meiner Schamhaare, ich stehe in der muffigen Klamottenboutique vor dem leicht schräg gestellten Spiegel und träume mich. Ich muß das Kleid besitzen, trage es jedoch nie. Ein anderes Kleid ziehe ich einmal an, es ist ein Charlestonkleid, fast durchsichtiger Seidencrêpe in kirschrosa mit leicht getupften großen Blumen, von der Brust fällt es in mehreren, schräg geschnittenen Stoffteilen, die unten mit Bleistücken beschwert sind zum halblang unregelmäßigen Saum. Ich trage es eines Abends, als wir ins „Casino de Liban“ gehen, und nichts darunter, weil ich überall gleich braun bin.
In einem handgeschriebenen Brief schreibt Eva mir:
„Ich finde es gut, daß Du auch mal mehr Geld hast und ein bißchen Komfort. Das ewige mit-dem-Pfennig-Rechnen macht einen mit der Zeit fertig. Vor allem freut es mich, daß Deine Arbeit auch anerkannt ist. Wie oft denke ich daran, wie wenig Du in der Buchhandlung galtest als Arbeitskraft (auch ich habe das damals nicht richtig überschaut, unerfahren wie ich war), obgleich Du an Tüchtigkeit und Intelligenz und Verantwortungsgefühl ordentlicher Arbeit gegenüber wohl allen überlegen warst. Wie hat man es Dir böse angerechnet, daß Du persönliche Bedürfnisse überhaupt zeigtest! Und jeder Wichtigtuer konnte sich seiner Arbeit mit Eitelkeit brüsten. Es tut mir heute noch weh, daß auch ich mich von diesen Haltungen habe verführen lassen und eben „nachsichtig“ Dir gegenüber in Gedanken war und nicht gerecht. Wie beschissen Du Dich unter all diesen Strebern gefühlt haben mußt! Nun ist es ja vorbei. Aber es hinterläßt bestimmt Wunden, wenn man jahrelang nichts gilt, obgleich man redlich war, aber wie immer bestimmen die Anpasser, ich habe das alles später selbst erfahren und gebüßt für meine Sünden.“

Da tritt Hannes aus Köln plötzlich wieder in mein Leben und wieder verlieben wir uns schmerzhaft. Er kommt nach Paris um Roland Topor zu treffen, beide hatten schon telefonisch in englischen Brocken miteinander Kontakt gehabt, jetzt werde ich ihr sprachliches Bindeglied. Hannes bleibt vier, fünf Tage, seine Hände riechen noch immer nach Zigarettenrauch und Aftershave, berühren mich liebevoll, mit Roland laufen wir durch ganz Paris und reden, Roland redet, ich übersetze, wir lachen, beide Männer lieben das Abnorme, das Skurrile, das Surreale, die auf den Kopf gestellte Wirklichkeit, abends sitzen wir bis spät in der Coupole, wo Rolands hohes, meckerndes Lachen den Konversationslärm der anderen zweihundert Speisenden durchschneidet. Dann fährt Hannes wieder ab und ich bleibe allein mit der zehrenden Sehnsucht. Wir schreiben uns. Er schickt mir kleine abgerissene Zettel, Packpapierstreifen – ich denke oft an Dich und werde das auch X-mas in N.J. tun. Laß es Dir gut gehen – bitte ruf den Roland an und mache mit ihm aus, daß ich ihn spät abends noch sehen kann – manchmal macht es mich traurig, Dich zu hören, weil wir nur telefonieren und ich möchte dort sein (ich vermeide zu schreiben, bei Dir sein, warum?) – Liebste, jetzt kam erstmal eine große Pause – das Wort hat mich erschreckt. Ich denke, ich war seit Jahren nicht so kaputt wie in Paris an „jenem Abend“. Es war wunderschön. Was? Mit Dir. Jetzt sitze ich dumm und ohne jede Vibration in einer Kneipe und das ganze Pack ist schon im Bettchen. Wie sind die Polizeitexte? Wenn sie nicht irgendwie bemerkenswert sind, mach Dir nicht die Mühe und übersetze sie. Ich habe Roland geschrieben, daß ich ihn besuchen werde – Du kannst Dir denken warum. Gestern war ich im Cadacez, da saßen Dali und Richard Hamilton (den Du bestimmt wieder nicht kennst) und ich traf eine alte Geliebte, die mir (uns) Barcelona zeigen will. Sie war immer noch schön, bei Dir hätte mich das bestimmt geärgert – warum? Ich habe den Eindruck, dies hier ist ein versteckter Liebesbrief und ich finde, Worte klein schreiben ist infantil und dumm. Diesen Eindruck habe ich eigentlich sehr oft von mir. Und den der Geschwätzigkeit, was sich wieder auf den letzten Satz bezieht. Offenbarungswahn und neurotisches Schriftbild – Bekennungssucht – von was? Jetzt folgerichtig – ich bin ein Unwürdiger. Mit Größenwahn. Und ganz vielen Cognacs intus. Ich will Dich mit den folgenden Worten nicht panisch machen, aber ich denke immer an Dich. H.
Für Hannes übersetze ich eine Reihe von Topors Texten, unter anderen: Panik.... Was ist das Panische? Hier sind einige Sätze: Die Wahrheit wäre mein Universum, denn sie ist das der Armen, Glücklosen und Angeklagten. – Ich habe das Feld auf dem ich mich schlagen will gewählt: das Panische und kann davon ausgehen, daß alle Leute Schufte, Idioten und Mistviecher sind. Das erspart mir die Plackerei, subtil und elegant sein zu müssen....Ich weiß selber nicht, was es morgen sein wird, das Panische, denn um ein wenig Verwirrung zu streuen, bin ich nicht logisch mit mir selbst, nicht klar, nicht gradlinig. Ich bin manchmal bereit, scheußliche Dinge zu verteidigen...

Im August fahre ich mit Jack und Anhang nach Beirut. Das ist 1971 und die Stadt ist noch heil. Unser guter Kunde, Habib Heinene, holt uns nachts am Flughafen in einer Cadillac Limousine ab, wir sind acht, Manfred mit seiner vietnamesischen Freundin, ein Freund Jacks, Yves und Freundin, Jack mit seiner frisch Angetrauten plus einem Fotomodell, und ich. Wir wohnen in einem nicht sehr guten Hotel in einem Viertel, das mich an Pigalle erinnert, Mädchen stehen an den Straßenecken, Bars überall hinter leise schwingenden Perlenvorhängen, aus denen monotone Musik dröhnt. Manfred gefällt das Hotel nicht, er zieht ins Saint-George, das luxeriöse Hotel am Strand, in dessen Garten wir uns jeden Tag treffen, an dessen Pool wir uns sonnen.
Ich verbringe unglückliche Ferien. Zuerst entzünden sich meine Augen, ich kann sie nicht mehr öffnen, liege im dunklen Zimmer, taste mich durch die Straßen in eine Apotheke. Dann brate ich mich im Garten des Saint-George unter einer dunklen Brille und bin sehr allein. Meine gute Freundin Françoise, Jacks Frau, ist nicht mehr für mich da. Françoise ist schön. Früher hatte ihre Nase einen Buckel, den hat sie sich wegoperieren lassen, jetzt ist sie vollkommen. Sie ist eine reiche, einzige Tochter aus Neuilly, von schneller, entschlossener Rede, doch sie beißt sich die Nägel bis aufs Blut. Françoise wollte Jack haben, hat ihn unter Druck bekommen, sie würde ihn sonst verlassen. Dafür hat Jack ihr sofort eine Zweitfrau aufgezwungen, das Fotomodell, ein stilles Mädchen, so wie sie alle aussehen, die Modelle, glatte, hochblonde Mähne, weiter Schmollmund, hohe Stirn, breit auseinander stehende dunkle Augen, scharfes Kinn und eine häßliche Magerkeit des Körpers, ihre Rippen stehen vor wie die eines Hühnchens. Françoise dreht den Spieß um, sie trägt ihre große Intimität mit der jungen Frau zur Schau, sie verlassen sich nicht mehr, gehen Hand in Hand in die Stadt, gehen zusammen Pipi machen, liegen aneinander geschmiegt am Pool. Niemandem gefällt unser Hotel, wir ziehen nördlich von Beirut in einen kleinen Ort, Maameltein, nicht weit vom Casino de Liban. Ich schreibe eine Postkarte an Hannes: „Ich bin enttäuscht, ich habe das Land meiner Sehnsucht verfehlt, es liegt nebenan.“
Beirut ist eine moderne Stadt mit alten Sitten. Rege Straßen, Eckcafés wo alte Männer vor Brettspielen sitzen, Limousinen, Vorhänge an den Fenstern gleiten durch die brennenden Straßen, die Reifen quietschen auf der harten Straßendecke, keine Verkehrsregeln, keine Ampeln, abends ißt man draußen an langen Tischen in Gärten köstliche Speisen, oder man fährt in die Berge, die sich gleich hinter der Stadt erheben, sitzt unter riesigen Zedern, es ist kühl und frisch. Beirut ist eine halbfertige Stadt. Luxuriöse Hotels, wo man an der Bar sitzt und in ein Riesenaquarium schaut, in dem junge Frauen Schwimmübungen machen, Häuser im Rohbau, Schutt, Abfall, staubige Zeltstädte der Armenier und Palästinenser an der Peripherie. Die Hitze macht alles gleichgültig. In Maameltein liegen wir jeden Tag an einem kleinen, eingesäumten Strand, wir bezahlen Eintritt und einen Liegestuhl und ein Holzbrett mit Kiel, auf dem wir durch die fettige Abfallhaut, die sich an der Küste gestaut hat, bis ins Tiefe paddeln, wo wir ins Wasser springen. Dort liege ich oft auf dem Holzbrett und sonne meine Brüste. Neben dem Strand gehen wir Frauen manchmal in das leere, halbfertige Haus nebenan, auf dem Dach legen wir uns auf unser Handtuch und sonnen uns, bis eines Tages Hubschrauber kommen und uns immer wieder anfliegen. Der kleine Strand ist voll junger Polen, Frauen und Männern, die einige Worte französisch sprechen, sie sind die Tänzer des Casino de Liban, in das wir eines Abends gehen, wo ich mein Charlestonkleid trage, mit nichts drunter und um die Spieltische irre, wo umfangreiche burnus-bekleidete Scheiche sitzen.
Die anderen ziehen nach einer Weile zurück nach Beirut, ich bleibe – es ist billiger hier. Abends um sieben nehme ich ein Gemeinschaftstaxi in die Stadt um sie zu treffen, gleich bin ich schweißgebadet, läuft mir die Schminke vom Gesicht. Am „place des Canons“, wo die schönen Märkte sind, kaufe ich ein altes maronitisches Kreuzchen in Silber, besetzt mit wie Diamanten geschliffenen Stalaktiten – die anderen Frauen leisten sich richtige Schmuckstücke – mein Mann hat es sich von Anfang an angeeignet und wie einen Talisman getragen. Ich fahre allein nach Byblos, starre in achttausend Jahre alte Gräber. Zusammen machen wir eine Tagesfahrt nach Damaskus. Wir laufen durch den Suk, in dessen Mitte zweitausendjährige, römische Säulen sich erheben. Wir essen in einem Restaurant unter dunklen orientalischen Gewölben, wo zierliche Mosaikbrunnen plätschern. Laufen durch die Menschenmenge in sozialistischer Einheitkluft, wo bepackte Esel den wenigen Autos die Vorfahrt nehmen.
Eines Tages rufe ich Hannes in Köln vom Strandtelefon aus an. Ich komme bald wieder, rufe ich.
Im Herbst und Winter läuft es langsam wie eine Agonie mit Hannes aus, das Zusammenleben mit einer Frau ist immer gleich schwierig, warum soll er eine Frau mit einer anderen austauschen, mir bleibt eine emotionale Auszehrung. Roland fährt nach Köln, trifft Gundel, die Frau, mit der Hannes zusammenlebt. Jacquelines Mann kann endlich aus Rumänien ausreisen, er taucht kurz in ihrer Wohnung auf, kündigt ihr an, er habe keine Absicht, mit ihr zusammenzuleben. Jacqueline ist zu Tode verletzt. Das Leben geht weiter. Jack hat angefangen zu singen. Unser Feriengenosse Yves arbeitet für eine Schallplattenfirma, die eine Platte mit ihm herausbringt, der singende Klempner wird er genannt, er hat neue Freunde, tritt im Fernsehen auf, es ist mir peinlich, dieses Zittern seiner Stimme, ich weiß er trägt seine Rolle nicht, seine Stimme ist nicht schlecht, doch es fehlt ihm an Technik. Nach fünf Monaten Ehe zieht Françoise zurück zu ihrer Mutter. Sie ist schwanger, bedrängt ihren Mann, eines der Zimmer der Wohnung in ein Kinderzimmer umzuwandeln, macht Pläne, für Jack ist dies eine unzumutbare Forderung, er will kein Kind: Françoise soll nicht sein Leben durcheinanderbringen.

Aus der Normandie bringt Jack sich eine achtzehnjährige Bauerntochter mit, die sein Dienstmädchen wird. Schon bald sehe ich sie aufgetakelt ab und zu im ,„cent quatre“‘ erscheinen. Sie bedient abends bei Jacks ganz speziellen Soirees, zu denen berühmte Rock-Stars erscheinen. Nur gekleidet in schwarzem Strumpfhalter und Strümpfen, bedient sie die Gäste, wenn jemanden die Lust ankommt, folgt er ihr in die Küche, fickt sie auf den Fliesen der Küche. Zu diesen Veranstaltungen werden Callgirls eingeladen. Eine von ihnen erzählt die Behandlung, die einer ihrer Kunden von ihr verlangt: sie spielt Onkel Doktor. Betritt seine Wohnung, zieht sich einen weißen Kittel an, öffnet ihren Arztkoffer, nimmt verschiedene Instrumente heraus, hört sein Herz ab, fühlt ihm den Bauch, die Hoden, dann verfügt sie, er leide an Darmträgheit, steckt ihm ein Zäpfchen rein, und wartet. Als er auf dem Klo sitzt, steht sie in der Tür und sieht zu, wie er scheißt, seinen Schwanz in der Hand hat er einen Orgasmus. Nein, sagt Jack, ich kann nicht sagen, wer das ist, ein berühmter Schauspieler. Nach vielen Jahren verrät er es mir. Ich kann es auch nicht sagen.
Die Perversion, Form einer Erotik, die sich keine Grenzen setzt, Wurmfortsatz unterdrückter Libido, dem Moment nachgebildet, so sagen einige, als wir als erwachende Sinnenwesen unsere erste Lust erfahren, und die aus unserem tiefsten Unterbewußtsein vor der Unmöglichkeit der Exstase sich zur Aktualisierung drängt. Wir sind alle pervers. Nur lügen einige besser als andere.
In Frankreich erhob der Libertin, der Freigeist, die Erotik zur eigenständigen Kunstform, die er mit dem eleganten Wort ausstattete, wir brauchen nur an de Sade und Choderlos de Laclos zu denken. Was die Franzosen als romanisches Volk den Italienern und Spaniern voraushaben, beide lange Jahrhunderte im Habsburger Einflußbereich und so sanktioniert von Rom, ist ihr früher Antiklerikalismus der daraus erwuchs – eine der tektonischen Geschichtsbewegungen, der Frankreich eine frühe Rationalität verdankt. Ein mondäner Hedonismus stellte praktisch eine Gegenreligion auf, wie François Maynard um sechzehnhundert dichtete: „Sans foutre la vie est amère. Qui bien fout gagne le paradis.“ – Ohne Ficken ist das Leben bitter. Wer gut fickt gewinnt das Paradies. Aus dem 18. Jahrhundert ist uns eine reiche Produktion unstatthafter Romane überkommen, die jetzt wieder aufgelegt werden, sogar in der Pléiade, ich besitze einen Anthologieband dieser Porno-Romane, es befinden sich immer wieder schöne junge Frauen mit Priestern in Kutschen, dessen Kopf verschwindet unter ihren Röcken, oder sie lassen sich auf ihm nieder und praktizieren den „zipless fuck“, keineswegs eine Erfindung von Erica Jong, Frauen trugen keine Höschen, noch die alte Madeleine brüstet sich, nie eins getragen zu haben, sie wollte immer bereit sein. Den ersten dieser Romane zu lesen ist aufreizend, den zweiten, im gleichen Muster geschnitten, langweilig, somit verschwand der Band in den Tiefen unserer Bücherwände. Dort befindet sich auch, unauffindbar, eine Sammlung zeitgenössischer Stiche, die mein Freund Hannes, Liebhaber des Abnormen, in einem kleinen grünen Band herausgab, wo ein Künstler versuchte, de Sades „Justine“ bildnerisch zu verarbeiten, es erinnert mich an Arcimboldos Gemüsegesichter, endlos ineinander verhakte Körper und Körperteile, die ein Ganzes darstellen: die Absurdität des Exzesses.

V. Yankilevsky, Beschauliche Posen II, Zinkradierung, 1972

Die Freizügigkeit der Aristokratie tröpfelte in der nachnapoleonischen Zeit auch ins Bewußtsein der aufkommenden Bourgeoisie, die, als die Parteien der Schicklichkeit ihre Herrschaft antraten, neue Sozialsysteme bildete, während der alte Strom in ihrem Schatten, untergründig, weiterlief. „Intus ut libet, foris ut mores est“, von meinem Freund Camillus übersetzt: im Innern nach Belieben, nach außen wie vorgeschrieben. Seit jeher die Nation des äußeren Glanzes, der guten Manieren, der Lebensart, der eleganten Zweideutigkeit, die die nicht versteckte Lüge ist, versagte man sich nicht die Liebe und immer die Liebe, als Maßnahme, die Ewigkeit im Moment zu finden. Sogar der eigentlich staatenlose Mephistopheles wußte Bescheid, er befand, Faust redete „schon fast wie ein Franzos“, als er Gretchen unbedingt sofort im Bett haben will. Viele der im Gegenstrom der Modernität schwimmenden Künstler und Schriftsteller dieses verhängnisvollen Jahrhunderts der Syphilis fühlten sich zur Ehelosigkeit bewegt, die Schriften aber ihres „franc-parler“ sind uns überkommen. Als er zwanzig war schrieb de Musset, verwöhnter Sohn einer begüterten Familie, „Gamiani, ou deux nuits d’excès“, wo er die ganze Bandbreite barocker Perversion durchspielt bis zum tödlichen Ende: Liebe gleich Passion gleich Todessehnsucht gleich Tauchen in die paradisische Unendlichkeit. Liebe gleich unstillbare Leidenschaft gleich Kommunion gleich Ingestion des Geliebten, seines Fleisches, seines Blutes.
Dreißig Jahre später schreiben die Brüder Goncourt das, was sie als Flanierer und Freigeister in den Pariser Kreisen mitkriegen in ihre Tagebücher.
Ich übersetze:
„Wir haben eine gemeinsame Geliebte, die vorgibt vierzig zu sein aber jünger aussieht, sie ist plump und hübsch, hat einen Rubenskörper mit einer weißen Seidenhaut; eine Geliebte, der wir einmal die Woche eine Mahlzeit spendieren, nie öfter, die wir um halb sieben treffen und die uns Punkt zehn verläßt; eine Geliebte, die eine Arbeit hat und davon lebt; für die wir uns nicht zu rasieren brauchen, die wir nie mit nach Hause nehmen, die uns nie schreibt und nie auf die Idee käme, uns zwischen zwei Besuchen zu stören....“
„Bei Flaubert; die Lagier wird wirklich monströs. Sie sieht so aus, als wäre sie dabei, drei Kürbisse am Grenzposten vorbeizuschmuggeln: ihre zwei Titten und ihren Bauch. Sie erklärt uns ihre transzendentalen Theorien des Orgasmus. Eine Frau kann ihn nur haben, sagt sie, mit Leuten, die unter ihr stehen, weil ihr mit einem rechten Mann immer ein Rest Scham, Sorgen über ihre Positur, ein Bemühen um den Partner bleibt. All das hemmt, beschäftigt, stört, wohingegen, von einen armen Typen, einem Taugenichts kann sie sich bumsen lassen, als würde er ihr Holz hacken. Er ist ein Werkzeug, ein Godemiché auf zwei Beinen. Deswegen mögen Frauen wie sie die Angeber, die Männer, die man einfach wegschickt, wie man ein Bidet leert: Jetzt kannste abhaun. Über die Tribadie erklärt sie wenig. Sie sagt nur, daß sie die Frauen liebt, weil sie an allen Ecken von Paris welche hat, die ihr Lust verschaffen; als wir sie drängen, sagt sie, die Liebe mit ihnen klappt so gut, weil sie unbefangen miteinander umgehen und in der Tribadie eine Freiheit des Umgangs wie zwischen Männern herrscht, was zum Beispiel das Furzen angeht“.
„Nichts ist weniger poetisch als die Natur und die natürlichen Dinge: es ist der Mensch, der in ihnen eine Poesie findet. Die Geburt, das Leben, der Tod, diese drei Unfälle des Menschenwesens, die er zu Symbolen erhöht hat, sind chemisch zynische Vorgänge. Der Mann pisst das Kind und die Frau kackt es aus. Der Tod ist Fäulnis. Die animalische Bewegung der Welt ist der Kreislauf des Misthaufens. Der Mensch hat allem den Schleier und die Idee der Poesie übergeworfen, damit er die Sicht und den Begriff dessen, was Materie ist, erträgt“.
Für die frühen Surrealisten war es die Erotik und ihre Symbolsprache, mit der sie in tiefere Bewußtseinsebenen vorstoßen wollten. Die Begierde, die Lust wurden ihr Glaubensbekenntnis. Sie setzten sich zusammen – Breton, Aragon, Eluard, Queneau, Prévert und andere – zu einem Frage-und-Antwort Spiel zur Erhellung des Mysteriums des Sexes, wo jeder auspacken mußte.
Auszüge (frei übersetzt):
Pierre Naville fragt: Prévert, was halten Sie von Selbstbefriedigung?
Prévert: Nicht mehr viel. Früher war das anders, als ich sie noch pratizierte.
Naville: Es gibt also ein Alter, in dem sie nicht mehr angebracht ist?
Prévert: Eigentlich nicht. Das ist bei jedem verschieden. An sich, zum Beispiel, ist das eine triste Sache.
Naville: Was hält Breton von dieser Ansicht?
Breton: Ist nicht meine. Es gibt kein Alter dafür, es hat nichts Trauriges, es ist eine legitime Entschädigung für gewisse Schwierigkeiten des Lebens.....
Prévert: Was denkt Breton vom Analverkehr zwischen Mann und Frau?
Breton: Tolle Sache
Prévert: Haben Sie sich dem schon mal hingegeben?
Breton: Aber sicher....
Queneau: Was heißt, eine Frau zu lieben?
Breton: Es ist wirklich seltsam zu sehen, daß von uns niemand fähig ist zu sagen, was das ist, eine Frau zu lieben.
Aragon: Doch, ich. Eine Frau lieben, ist sich dieser Aufgabe völlig hinzugeben, als einer Lebensaufgabe neben der jede andere verblaßt...

Aragon, der Dandy, mit seinem „mentir-vrai“, schrieb einen Text, der berühmt wurde, „Le con d’Irène“, wobei ich jedem freistelle, den Sinn dieses Titels mittels eines Lexikons, wenn nötig, herauszufinden.
Ich übersetze daraus: „So klein und so groß! Hier ist dir wohl, du Mann, der endlich seinen Namen mit Würde trägt, hier findest du dich selbst wie deine Begierde es verlangt. Dieser Ort, habe keine Angst ihm dein Gesicht zu nähern, schon deine Zunge, die geschwätzige, kann nicht mehr still stehen, dieser Platz der Wonnen und Schatten, dieser Hof der Glut, mit schimmernden Grenzen, das schöne Bild des Pessimismus. Oh Spalt, feuchte und sanfte Spalte, geliebter schwindelnder Abgrund. – Berührt dieses wolllüstige Lächeln, zeichnet mit euren Fingern diesen reizenden Spalt nach. Dort: die Handflächen unbewegt, die Finger in diese gehobene Wölbung verliebt, sie finden sich am härtesten Punkt, dem besten, der den heiligen Bogen an seine Spitze erhebt, oh, meine Kirche. Rührt euch nicht mehr, bleibt still, und nun, mit zwei liebkosenden Daumen teilt sanft, noch sanfter, die schönen Lippen, mit den kosenden Daumen, den zwei Daumen. Und nun, ich grüße dich, rosiger Gaumen, blasses Schmuckkästchen, Alkoven ein wenig in Unordung geraten durch die ernsten Freuden der Liebe, Schamhügel in all seiner Fülle erscheint dem Augenblick. Unter dem gestreiften Satin der Morgenröte, die Farbe des Sommers wenn man die Augen schließt.“

Jacks Bruder Jean Claude ist der raffiniertere der zwei Brüder. Er hat in großem Maße jenen Hang der Franzosen, jeden Satz sofort auf seine Möglichkeiten der Drehung und Wendung im Wortspiel auszubeuten, er hat genuinen, blitzschnellen Witz. Er ist mehr Seigneur als Jack, ist gesetzter, stolzer, in sich sicherer, als würde er aus einem anderen Kern heraus arbeiten, und auch sentimentaler, ich habe ihn um Frauen weinen sehen, doch auch der geschicktere Lügner. Kaum war er mit Jacqueline verheiratet, betrog er sie mit Solange. Während Jacqueline abtrieb, weil sie sich noch keine Kinder leisten könnten, kaufte Jean-Claude sich sein erstes amerikanisches Auto. Solange war klüger, sie hatte schon zwei fast große Kinder, sie konnte nur unter Lebensgefahr abtreiben. Als Jean-Claudes Kinder Schulalter erreichten, heiratete er Solange, ließ die Kinder taufen und schickte sie in die katholische Schule. Und verliebte sich bald darauf in Sophie, was ihn jedoch nicht hinderte, viele Seitenbeziehungen zu unterhalten, neue zu suchen, einen Lebensstil zu pflegen, in dem die Liebe und ihre spielerische Ausführung ihnen Mittelpunkt hat. Jack ist der magere, geizige, emotional nie betroffene, Jean-Claude der sich mit Luxus umgebende Nabob, der seinen Sinnenfreuden keine Grenzen setzt, manchmal bis zur Geschmacklosigkeit, wenn er der Mode des Status zu sehr nachgibt.
Jean-Claude ist der Kreative. Alles in ihm drängt sich, das, was er sucht im Gegebenen zu realisieren. Das Gegebene ist das Badezimmer. Und er kennt die französische Geschichte, hat von der Païva gehört, er erfindet neu den idealen Ort der Liebe, den er so ausstattet, daß die Möglichkeiten der Lust ins Phantastische variiert werden.
Jack und Jean-Claude sitzen mit mir am Mittagstisch in einem Restaurant, das Tischtuch bedeckt eine harte weiße Papierdecke, Jean-Claude fängt an, darauf den ersten modernen Wasserhahn zu zeichnen: ein breiter graziöser Dreiviertelkreis der sich ins Becken neigt, an jeder Seite, leicht gedrehte viereckige Wasserhähne.
Jean-Claude erfindet die Badewanne aus Fiberglas. Er wendet sich an Bootsfabrikanten, denn wenn Fiberglasboote seetüchtig sind, kann man auch Wasser hineintun. Dann erfindet er Wanne nach Wanne, die doppelte mit Kopfkissen, die runde, die trapezförmige, die ovale, die nierenförmige. Und Becken nach Becken. Es gibt die Maßbadezimmer. Jede Farbe ist möglich, irisierend oder einfach. Alle Anschlüsse, häßlichen Siphons, Leitungen, verschwinden unter Verschalungen in Holz, in Marmor, in Onyx, hinter Fliesen, dies ist kein Ort der Notdurft mehr, in eine Ecke der Wohnung gedrückt, sondern ein Raum in dem man lebt, empfängt, in dem man liebt, zu zweit, zu mehreren, den auszustatten einigen nur ihre Phantasie Grenzen setzt. Wir kennen diese Badezimmer aus Filmen, alle sind Jean-Claudes Produkte, wenn auch indirekt, denn die Konkurrenz ist ihm hart auf den Fersen, wie das überall so ist.
Zuerst profitiert davon Jack. Er schaltet seinen Vater ein, der verfügt, von den beiden darf er allein als Fabrikant die Modelle der Familie nutzen, sein Bruder ist der Wiederverkäufer, sie werden beide reich dabei, doch der Kampf zwischen den Brüdern verschärft sich mit den Jahren bis zum Bruch, zum Prozeß, als endlich der Vater tot ist.
Davon sind wir noch weit entfernt. Wir arbeiten alle als Team, wir sind eine fröhliche Clique, es geht rund, Jack und Manfred kümmern sich um die Herstellung der jetzt vielfältigen Produktion, um die Verbreitung in den verschiedenen Ländern, ich sitze im Büro und arrangiere, in meinen Händen laufen Produktion und Auslieferung, die immer schwieriger werden, zusammen. Wir halten freundschaftliche Beziehungen mit unseren Kunden, ich nehme sie mit in die guten Pariser Restaurants, gehe mit ihnen in Clubs, in Deutschland und England bin ich Gast in ihren Häusern. In mir und Manfred haben sie etwas stabil Deutsches in diesem französischen Phantasieland.
Der „cent quatre“, dieser schmuddelige Hinterhof unweit Pigalle wird der Wallfahrtsort der Pariser, die wer sein wollen: Stars, Industrielle, ausländische Potentaten, immer wieder steht neben dem Sandhaufen ein Rolls Royce. Wenn die Gattinnen erscheinen, versagt Jean-Claude sich ein Späßchen nicht, einmal bin ich im Klo gefangen, Klos haben in diesen Luxusbädern natürlich keinen Platz, sind nebenan, ich höre Jean-Claude sich mit einer kichernden Kundin geschäftig machen, zuerst rühre ich mich nicht, endlich drücke ich auf den Knopf der Wasserspülung, damit unterbreche ich das Liebesspiel, lachend stieben sie davon.
In den Lagerräumen machen die ordinären Klempnerprodukte den Luxusproduktionen Platz, es wird renoviert, luxuriöse Räumlichkeiten mit bequemen Sitzgelegenheiten geschaffen. Mir erzählt Jean-Claude manchmal Einzelheiten seiner nächtlichen Orgien, zu denen berühmte Persönlichkeiten erscheinen, mit ihm als intelligentem Regisseur: gefesselte, die Augen verbundene Frauen, frei von der Männlichkeit zu benutzen, Trennwände mit Löchern, durch die anonyme Männerschwänze ragen, für die Damen.
In beiden Brüdern ist die Unstetigkeit. Sie bleiben nie lange weder in ihren Liaisons noch in ihren Häusern und Wohnungen. Ihr Unternehmen erlebt einen Boom, und sie müssen auf ihrem Überfluß schwimmen, vor allem Jean-Claude. Nach und nach, als die Firmen der oberen Stockwerke ausziehen, kauft Jean-Claude diese auf und läßt seiner Phantasie neuen Lauf. Der alte Francis verschwindet, „les jeux“ verlassen den Hof, Jean-Claude investiert in größere Lagerräume, richtet ein Designer-Büro ein. Wenn ich in späteren Zeiten den ,„cent quatre“‘ besuche, ist wieder ein Stück dazugekommen, bis Jean-Claude den ganzen Innenhof besetzt hat – der Sandhaufen war seit langem verschwunden – und das kleine vierstöckige Fabrikgebäude eine Symphonie von Badezimmern geworden ist, eines großartiger, phantastischer als das andere, viele mit fließendem Wasser, wo in nächtlichen Gelagen der sexuelle Genuß zelebriert wird, immer dicht an der Übersättigung, ein Fahrstuhl verbindet die Etagen, reicht bis aufs Dach, wo ein üppiger Garten ausgestattet mit einer Sauna und einer kleinen Bar den Ermüdeten sich anbieten: unten, schaute man über die Brüstung – in schauderndem Kontrapunkt – stieg langsam, in ordentlichen Reihen, der Gottesacker an, Erde fruchtig von gewesenem Leben, eine andere Symphonie, wo Engel gestikulieren, in Todeshäuschen Lampen glühen, verwelkte Blumen die Vergängnis anzeigen, hier herrschte die Ewigkeit, der Jean-Claude mit immer wieder neuen Phantasmen entkommen will, die er in immer neuen Ekstasen sucht.